Vom Weg Kains 


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Vom Weg Kains oder:
Die verwundete Liebe


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Gedanken über den Tempel Gottes


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Anmerkungen
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 < Der Weg der Liebe - Arm und Reich
Wißt ihr nicht? >


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Die nachfolgenden Abhandlungen
stellen einen Teil einer Aufarbeitung
der in diversen Gemeinden der sog. Wort des Glaubens - Szene
erlebten
Praxis des Gebens und Nehmens dar.

Hauptgegenstand der Darlegungen
soll die Ausübung der geschwisterlichen Liebe unter denen sein,
die sich Kinder Gottes nennen.

Dabei sollten einzig und allein
die biblischen Sachverhalte zum Ausdruck kommen
und das von nicht Wenigen Erlebte
an ihnen gemessen werden.

Zugleich aber wollen wir hier nicht stehen bleiben,
sondern Wege finden, die aus diesen Dingen
und dem, was sie mit uns gemacht haben,
herausführen.



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Inhalt

Von lebendigen Steinen: Der Tempel Gottes

Manna aus dem Himmel

Unter Räubern oder: Was ist mit Lazarus?

Gebt ihr ihnen zu essen

Der Brudermord: Vom Weg Kains.

Esau, die Speise und das Erstgeburtsrecht: Ein Fazit.

Anmerkungen


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2012 durchgesehen und neu überarbeitet


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Wißt ihr nicht? >


Von lebendigen Steinen: Der Tempel Gottes

    Die Gemeinde ist nach den klaren Aussagen des Neuen Testaments nicht nur der Leib des Herrn, sondern auch der Tempel Gottes, der aus den verschiedenen Bausteinen, nämlich ihren einzelnen Gliedern, besteht (vgl. 1Ptr 2. 4 - 5). Mithin steht alles das, was diesem Tempel zu geben ist, unter dieser Prämisse. Der Dienst am Tempel ist somit allein der Dienst an Bruder und Schwester an sich. Daher wird er nicht gepflegt und aufrechterhalten, indem man fleißig in Gemeindestrukturen und Projekte gibt, sondern indem in die Glieder der Gemeinde selbst investiert und ihrem Bedarf und ihren Nöten begegnet wird, wobei die Schrift nicht zwischen geistlichen oder leiblichen (materiellen, krankheitsbedingten usw.) Zuwendungen unterscheidet. Damit erklärt sich der Zustand des Tempels nicht anhand gewaltiger „Missionsprojekte”, neuer Bauten, besserer Technik oder ähnlicher Vorhaben, wie dies in heutiger Zeit ebenso häufig wie falsch gehandhabt wird, sondern zunächst erst einmal daran, wie es einem jeden einzelnen Baustein, also den Gliedern des Christuskörpers selbst ergeht und ihnen gedient wird. Der Leib des Herrn besteht aus Menschen, nicht aus Gebäuden, Gegenständen und Organisationsstrukturen! [1]

    Bezeichnenderweise kennzeichnet das Übersehen dieser einfachen Wahrheit den ersten Fall der Urgemeinde aus der Ordnung Gottes, da alle alles noch miteinander geteilt hatten (s. Apg 2. 42 - 47, 4. 32 - 35 im Gegensatz zu Apg 6. 1). Deren Mißachtung, unter der Schutzbehauptung, alles gegeben zu haben, brachte dem wohlhabenden Paar Ananias und Sapphira noch Gericht, während solche Leute heute mit Ämtern geehrt werden und die Gemeinde Gottes regieren dürfen (Apg 5. 1 - 10). Nicht umsonst beinhaltet das erste aller sieben Sendschreiben, das der auferstandene Herr den Gemeinden Kleinasiens zukommen ließ, den Tadel, daß man die erste Liebe verlassen habe; wo man nicht darüber Buße tue und nicht zu den ersten Werken zurückkehre, werde deren Leuchter umgeworfen werden; geistliche Verfinsterung also ist die Folge, was tatsächlich auch eingetreten ist (Off 2. 4, 5). Es ist ein gefährlicher Trugschluß, daß man diese erste Liebe stets nur auf den Herrn, nie aber auch auf die Geschwister bezogen hat, denn man kann nach Johannes nicht behaupten, daß man Gott liebe, den man nicht sieht, wenn man nicht auch die Brüder liebt, die man sieht (1Jo 4. 7 - 8, 20 - 21). – Am Gelde hängt die Welt, und am Geld hängen auch solche Gemeinden. So zeigt sich dieser Schaden bis heute weithin eingerissen; er ist demzufolge nie wirklich behoben worden. Das wird auch durch das Anführen vermeintlich passender Bibelstellen nicht anders. So wird in Gemeinden der so genannten Glaubensbewegung etwa gern der Prophet Haggai zitiert, um die Geschwister zu drängen, dasjenige, das sie eigentlich zum Leben benötigen, reichlich in Gemeindeprojekte hinein zu geben. Was aber sagt Haggai? Wir lesen: 

    „Dies Volk sagt: Die Zeit ist noch nicht gekommen, daß das Haus des Herrn gebaut werde!... Ist es aber für euch an der Zeit, in euren getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus in Trümmern liegt?”
Hag 1. 2b - 4, Schlachter

    Das ist eines aus einer ganzen Palette alttestamentlicher Schriftworte, die in diesem Zusammenhang relativ häufig angeführt werden. Wer sie zitiert, um aus ihnen heraus eine Gabe zu erheischen, der zeigt allerdings bereits damit, daß er in der Sache nicht nur selbst kompromittiert ist schließlich fordert er etwas zugunsten seiner selbst bzw. zugunsten seiner eigenen Vorstellungen sondern auch eine ganze Reihe geistlicher Zusammenhänge nicht verstanden hat. Alle diese Worte lassen sich im Gemeindezusammenhang nämlich nur im Kontext des Neuen Bundes recht verstehen, werten und anwenden. Und dieser Neue Bund besagt klar, daß an die Stelle des im Alten Bund vorherrschenden Gebäudes aus Stein ein Gebäude aus Menschen getreten ist, von dem das vormalige Steinhaus nie etwas anderes als ein Vorschatten, nicht aber Wesen der Dinge selbst sein konnte, weshalb Jesus klar vorausgesagt hatte, daß eben dieses Steinhaus abgebrochen und eine neues Haus, nicht mit Händen gemacht, entstehen würde (Mt 24. 1 - 2, Jo 2. 16ff). Damit haben sich solche Leute als solche entlarvt, die wesensmäßig noch im Alten Bund leben, indem sie sich unter eben dasselbe Gesetz gestellt haben, das diesen Bund noch aufrecht erhalten hatte. Dieser Gedanke ist essentiell und allein damit ließe sich eine Kritik an der hier beschriebenen Praxis begründen; sie ließe sich damit aber noch nicht grundsätzlich aushebeln. Den anderen, nicht minder wichtigen Teil der Begründung finden wir nämlich im heute grassierenden Pragmatismus, der vor allem sich im Zuge der so genannten Gemeindewachstumsbewegung breit gemacht hat und der vielfach an die Stelle einfachen Gehorsams und Leitung des Heiligen Geistes getreten ist.

    Die Gemeindewachstumsbewegung wiederum ist vor allem unter dem Gedanken aufgekommen, daß die Gegebenheiten des Anfangs der Apostelgeschichte als Ausdruck des Normalzustands der Gemeinde im Neuen Bund zu werten seien, wobei sie sich fatalerweise nicht auf diejenigen bezieht, auf die dies auch zutrifft, sondern gerade auf die, auf die dies nicht zutrifft, nämlich die der relativ hohen Zahlen derer, die anfangs zur Gemeinde in Jerusalem hinzugefügt worden waren. Deren Protagonisten übersehen dabei jedoch gleich zwei Dinge, nämlich erstens, daß wir diese selbe Gemeinde alsbald (Apg 8. 1ff) wieder unter der Verfolgung zerstreut sehen und zweitens, daß ausgerechnet diejenigen, die man zum Tischdienst in diesen Strukturen bestellt hatte, von Gott ganz andere Wege [2] geführt worden sind: Diese Entwicklung steht nämlich in direktem Zusammenhang mit dem Gerichtswort des Herrn über Jerusalem mitsamt seinem Tempel, der „öde” gelassen werden würde, wobei Er den Seinen aus Jerusalem rechtzeitig zu fliehen ans Herz gelegt hatte, wobei im Kontext ausdrücklich vor Irreführung durch falsche so genannte „Gesalbte” gewarnt wurde, eine Prophetie, die im Jahre 70 eingetroffen war und exakt die Generation (das Geschlecht) betraf, über die sie ausgerufen worden war (Mt 23. 36 - 38, 24. 1ff). Das Konzept der so genannten Mega-Gemeinde (und nicht nur dieses!) hat damit nicht nur keine biblische Legitimation, sondern entpuppt sich auch als Irreführung – und das betrifft sowohl das Haschen nach Mitgliederzahlen als auch das eigene Errichten vermeintlich biblischer Strukturen, als anscheinend von der Notwendigkeit diktiert. Gott hat nicht nur andere Ziele, sondern Er geht hier auch völlig andere Wege, die ganz jenseits von Konzepten und Methoden bestehen!

    Wer freilich in diesen „konzeptionellen” Schienen denkt, der wird in der Regel mit solchen Argumenten umgehen wie dem, daß „Gemeinde kein Selbstzweck” sei. Darunter werden zumeist die Betonung missionarischer Aktivitäten und solcher im Bemühen, vor allem zahlenmäßiges Gemeindewachstum hervorzubringen, verstanden, denen alles andere zu opfern sei. Daraus resultiert auch das vielerorts anzutreffende Bestreben, möglichst große, weithin sichtbare und repräsentative Gebäude zu errichten. Nun richtet sich der Schreiber dieser Zeilen zwar nicht gegen Gebäude an sich. Die in solchen Gedanken liegende Zweckbetonung ist theologisch wie ethisch gesehen jedoch falsch, und sie läßt darüber hinaus erkennen, das man das Wesen von Gemeinde Gottes ekklesia nicht verstanden hat. Hier ist Gott der Agierende, während wir Menschen zurückzustehen haben. Nicht wir haben zu ordnen und zu richten, zu schalten und zu walten, sondern allein Er, während es uns allein obliegt, sich in dieses Walten Gottes zu fügen. Weiterhin besteht nicht nur ein gravierendes Mißverständnis darin, wer diese ekklesia (Herausgerufene) ruft und zusammenführt, sondern (damit zusammenhängend) auch, woraus diese ekklesia gebildet wird. Nicht umsonst wird dieselbe auch als Tempel des Heiligen Geistes bezeichnet, und nicht umsonst sagte Jesus auch, daß niemand zu Ihm kommen könne, wenn der Vater ihn nicht ziehe (Jo 6. 44, vgl. a. V. 65). Niemand kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht von oben her gegeben wird (Jo 3. 27). Diese weise Einsicht Johannes des Täufers, die bei unseren Vätern weithin noch Usus war, sehen wir heute ebenso weithin mißachtet und daher aufgegeben. [3]

    So nimmt man sich heute fleißig, und bezeichnet den Raub im Nachhinein als etwas, was der Vater „gegeben” habe. Dies wiederum resultiert aus einer noch weiteren, weit verbreiteten Irrlehre, nach der es den Nachfolgern Jesu anheim gestellt sei, „Gottes Reich zu errichten”, wobei der Passus „Gottesreich” mit dem Passus „Gemeinde” zumeist gleichgesetzt wird, wobei nicht nur die oben angesprochene gravierende Unklarheit hinsichtlich des, zumeist mit Gemeinde übersetzten, neutestamentlichen Begriffes ekklesia (Herausgerufene) wiederum sichtbar wird. Auch dem Königreich Gottes an sich wird damit durch Menschen, die es an sich reißen, Gewalt angetan – eine Tatsache, die kein Geringerer als der Herr Jesus Selbst vorausgesehen hat, welches durchaus kein  Lob, sondern einen gravierenden Tadel darstellt (Mt 11. 12, Lk 16. 16). Wie der Begriff der Herausgerufenen nur als der einer Herausgerufenen Gottes definiert werden kann, so ist auch der Begriff des Gottesreiches klar umrissen; es ist Gottes Reich, um das es hier geht und nicht unseres; in diesem Reiche geht es allein um die Herrschaft Gottes. Man kann, ja man soll in dieses Reich zwar eintreten und sich der mit ihm verbundenen Gottesherrschaft unterordnen, indem man von Gott hört und das tut, was Er sagt. Bauen jedoch können wir es nicht, da es ganz außerhalb unserer Bemühungen Bestand hat; es ist „inwendig in euch”, wie der Herr sagte, und zwar aufgrund Seiner Gegenwart in den Herzen der von Ihm Versammelten; er sagte nicht, daß das Reich wachse „durch eure Bemühungen”. Allein der Dienst in ihm ist uns gegeben, und zwar sowohl als der Dienst liebender Handreichung dem Bruder und der Schwester gegenüber einerseits als auch als vollmächtiger Zeugendienst an der Welt andererseits. Gott ruft uns in Seine Arbeit; nicht wir rufen Ihn in die unsere. Jesus ist Anfänger wie Vollender des Glaubens. Er wird nur das vollenden, was Er auch begonnen hat. Alles andere fällt unter Gericht; es hat keinen Bestand vor Gottes Augen. Wir können immer nur in das hineinkommen, was Er uns bereitet hat, und es ist einer der markantesten Irrtümer der Jetztzeit, zu denken, daß dies auch andersherum möglich wäre.

    Wer so agiert, der muß freilich dahingehend enden, daß er die Dinge, die er selber tut, als Werke Gottes verkauft: Das Etikett, mit dem er die Werke seiner Hände beklebt, hält indes nicht, was es verspricht, und so sind wir recht schnell wieder bei den oben erwähnten, schönen Wandtäfelungen, von denen Haggai gesprochen hat. Der Umstand, der den Propheten die „getäfelten Häuser” monieren läßt, sagt uns also: Bei all den strukturellen Bemühungen geht es nie wirklich ums Wesentliche, wenn es auch geglaubt wird und wenn auch alles nur Erdenkliche getan wird, es so aussehen zu lassen. Es geht nicht um den geistlichen Bau, um dessen Solidität, um die Sache selber. Es geht um die Fassade schönen Scheins, deren Täfelungen dem Betrachter die Häßlichkeit des Menschenwerks der dahinter liegenden Wände verbergen sollen: Was allzu schön erscheinen soll vor den Menschen, das ist oft ein Greuel vor dem lebendigen Gott. Gott sieht nicht auf die Fassade, sondern darauf, was dahinter ist; er ist nicht interessiert daran, was vor Augen ist, sondern Er sieht das Herz an. Die Tochter des Herrn ist gar herrlich in ihrem Inwendigen, sagt die Schrift (Ps 45. 14). Die schönen Täfelungen, die die Augenlust bedienen, sagen uns: Stolz und Hoffahrt der Lebensweise bilden die Triebfeder ihrer Errichtung, und alles das ist nicht von dem Vater, sondern von der Welt (1 Jo 2. 16), und das wiederum sagt uns etwas darüber, daß es die eigene, menschliche Gerechtigkeit ist, die uns solches errichten ließ, eine Gerechtigkeit jedoch, die an die Gerechtigkeit Gottes niemals heranreichen kann, weil sie irdisch, aus dem Fleisch geboren ist.

    Wie wir oben sahen, gilt nicht nur, daß das Haus des Herrn aus den lebendigen Steinen, den Kindern Gottes, die der Herr zu diesem Tempel zusammenfügen will, selbst besteht. Es ist zugleich auch nicht mit Händen gemacht. Jeder, der also selber baut, muß sich hier sagen lassen, daß es nicht Gottes Haus ist, an dem er da baut. Jegliche eigene menschliche Betätigung in dem Bemühen, „Gemeinde” zu bauen, bleibt damit draußen! Hier haben wir den Grund dafür vorliegen, weshalb jedes menschliche Bemühen, gerade in dem Vorsatz, „endlich die nun wirklich richtige und wahre” Gemeinde errichten zu wollen, immer nur dieselben Ergebnisse zeitigen kann, die stets zu dem zurück führen, aus dem dies alles erwachsen ist, aber nie zu dem, was Gott will. Menschenwerk, das darum Menschenwerk heißt, weil es von Menschen ausgeht, bleibt Menschenwerk; aus ihm kann nie ein Gotteswerk werden. Spaltungen und Sekten (der Begriff lautet im Griechischen hairésis=Seiten-Setzung) sind das ganz große Problem dieser eigenen Bemühungen, mit all dem Unbill und all den Verletzungen versehen, die für gewöhnlich mit solchen Wegen verbunden sind. Wenn jedoch das Herzubringen von Menschen schon auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen ist, kann das Bestreben, diese zu verwalten, auch wieder nur ein solches von menschlicher Aktivität sein, und dann müssen auch die Früchte solche sein, die den Intentionen Gottes widersprechen.

    Diese Wege sind letztlich ein Rückfall in alte pharisäische Sitten. Und immer ist dieser Weg dem Wesen nach derselbe, und darum kann Jesu Urteil über diesen Weg auch kein anderes sein als das, welches Er der damaligen religiösen Oberschicht angedeihen ließ, wurzelt die hier beschriebene Problematik doch stets in dem Bestreben, selbst zu bauen, und gründet sich damit konsequent auf menschliche Überhebung, in der der Mensch Gottes Stelle – die des göttlichen Baumeisters – einzunehmen gedenkt. Von damals an bis heute gilt ihm das von Petrus aufgenommene Wort, daß er den göttlichen Baustein beiseite gesetzt und verworfen hat (Ps 118. 22). Er mag bauen, was er will, aber es kann niemals Gottes Haus sein, an dem er baut. Wenden wir bei der Beschäftigung mit dem eingangs zitierten Haggai-Wort die obenstehende Erkenntnis konsequent an, dann bedeutet dies nichts anderes, als daß man in völliger Mißachtung dieses Zusammenhanges ebensolche „getäfelten Häuser” großartiger Strukturen und ehrgeiziger Vorhaben errichtet hat, während das eigentliche, aus menschlichen Gliedern bestehende Haus Gottes vielfach „in Trümmern” darniederliegt. Wie zur Zeit des Propheten zieht man es also vor, dem eigenen Ehrgeiz zu frönen, wovon die schön getäfelten Häuser sprechen, statt im Haus des Herrn zu dienen und sich selbst in dieses Haus einbauen zu lassen. Dies ist genau so Sünde, wie es Sünde ist, wenn wir unseren Bruder oder die Schwester Not leiden sehen, während wir uns selbst mit luxuriösen Dingen umgeben!

    Warum dies so ist, liegt auf der Hand: Da man vergessen hat, daß der Tempel aus lebendigen Bausteinen der Gläubigen, also den Kindern Gottes an sich besteht, (1Kor 3. 16 - 17, 2Kor 6. 16, Eph 2. 19 - 22), hat man diese auf das Sträflichste vernachlässigt, um dem so genannten „Gemeindeprojekt” zu frönen. Indem man selbst baute, statt sich durch Gottes Geist in den geistlichen Tempel einfügen zu lassen (1Ptr 2. 4 - 8) [4], überging man den Herrn und wurde so zu einem Baumeister, der den göttlichen Eckstein beiseite gesetzt, mithin also verworfen hat. Aus der Grundlage der biblischen Apostel und Propheten (d. h. der von ihnen zugrunde gelegten Schriften) wurde eine solche von Menschen, da man nicht mehr auf deren Wort in der Schrift, sondern auf solche gebaut hat, die man sich, in Umdeutung dieses Wortes, selbst zu Aposteln und Propheten erwählte. Aus der dem Nächsten zukommenden Liebe wurde so der Dienst an einem durch menschliche Führerschaft errichteten System, der sich bald zu einem Totalitarismus auswuchs, in dem es neben dem Errichten und Erhalten gemeindlicher Strukturen kaum noch etwas anderes geben sollte. Damit fand ein verhängnisvoller Wechsel statt, womit die Präferenzen eindeutig verschoben worden sind. Hatte man erst Christus, den Fels, verlassen, gab man alsbald auch die unmittelbare und damit lebendige Beziehung zu den Menschen auf, nachdem man dieselben in eine mehr oder minder hierarchische Struktur eingeschachtelt hatte. Alles hatte fortan der Struktur zu dienen, die eine Leiterschaft, im Auftrage Gottes, wie sie vorgab, einzurichten gedachte.

    Ganz selbstverständlich geschah dies stets unter dem Anspruch, besonders „bibeltreu” zu sein, und darin liegt auch die eigentliche Irreführung dieses Weges, der nie ein anderer als der des Gesetzes, unter der Ägide von Vormündern und Verwaltern gewesen ist (Gal 4. 1ff). Fortan wurde Geldgier zum Kennzeichen einer ganzen Bewegung, gerade auch bis in die Lehre hinein. Dabei scheute man nicht davor, biblische Zusammenhänge umzudeuten, bis sie endlich ins angedachte Konzept paßten. Wenn man freilich Teilhaber eines Systems ist, das von solcherlei Dingen profitiert, dann kann man auch die Bibel nicht anders als kompromittiert auslegen. Das Scherflein der Witwe etwa [5] wurde zum Modell erkoren, nach dem nun auch noch der Letzte, Ärmste und Heruntergekommenste noch in dieses System hinein geben sollte (Mk 12. 35 - 43, Mt 23. 13). Beim näheren Hinsehen aber, das sich durch Lesen des immer wieder übergangenen Zusammenhanges dringend empfiehlt, allerdings entpuppt sich gerade dieses Beispiel nicht als Modell dafür, wie man geben sollte, sondern als eines dafür, wie man nicht geben sollte: Es steht nämlich in unmittelbarem Zusammenhang mit den an die Pharisäer gerichteten Weherufen, in denen dieselben als solche beschrieben werden, die selbst noch die Häuser der Witwen verzehren, bis diese auch noch den letzten Heller ins System gezahlt hätten, so daß wir es hier ohne Zweifel mit einer solchen armen Witwe zu tun haben, die nicht ohne Grund den eigens herzugerufenen Jüngern gezeigt wird aber eben nicht, um sie ihnen als glänzendes Beispiel selbstlosen Gebens zu präsentieren, sondern als trauriges Ergebnis pharisäischen Lehrens und Tuns, das der Herr nicht etwa lobt, sondern lediglich kommentiert.

    Den Gedanken der Nächsten- und Bruderliebe sehen wir mit solchem Verhalten, das immer darauf gerichtet ist, Früchte für sich einzuheimsen, freilich vollständig ad absurdum geführt. Immer wieder treffen wir dabei auf das Prinzip regelrechter Schriftverdrehung unter pseudobiblischem Anspruch: Wie die Pharisäer zur Zeit Jesu, rief man „Korban!” (Opfergabe), und gab mit dieser „Opfergabe” das, was nach Gottes erklärtem Willen dem „eigen Fleisch und Blut” zustand, in einen „Tempel”, der jedoch nie der „Tempel des Herrn” gewesen ist (Mk 7. 9ff). Wir werden später noch auf dieses Wort zurück kommen. Hier sehen wir also, was der Herr dazu sagt, wenn für stolze Vorhaben und äußerliche Strukturen – namens und oftmals sogar zum Vorteil einer „Leiterschaft” – von den Geschwistern genommen wird (statt ihnen die Unterstützung zuteil werden zu lassen, derer sie bedürfen), um davon „sein eigenes Reich” zu errichten, während so mancher Familienvater nicht weiß, ob und wie er die Seinen weiterhin durchbringt. – Wie also geht es an, daß so viele unaufhörlich in die Projekte „der Gemeinde” geben, die als angeblich „vom Herrn verordnet” angepriesen werden, und dabei immer weniger für die Gebenden übrigbleibt, während ihnen dies gleichzeitig von gewissenlosen „Predigern” als der sichere Weg zum Wohlstand” (vgl. 1Ti 6. 5 - 11) verkauft wird ?! –

    Kehren wir in dem Zusammenhang kurz noch einmal zu Haggai zurück. Vor allem im Lichte des Neuen Testaments betrachtet, was wir beim Betrachten alttestamentlicher Schriftworte unbedingt tun sollten, wie wir oben gesehen haben, gibt Haggai diesem Krämergeist die richtige Antwort. Nur leider hat man ihn in solchen Kreisen entweder nur wenig oder gar nicht verstanden:

    Und nun spricht der Herr der Heerscharen also: Achtet auf eure Wege! Ihr säet viel und bringet wenig ein; ihr esset und werdet doch nicht satt; ihr trinket und habt doch nicht genug; ihr kleidet euch und werdet doch nicht warm; und wer einen Lohn verdient, der legt ihn in einen durchlöcherten Beutel !
Hag 1. 5 - 6, Schlachter

    Wie viele derer, die heute reichlich „zehnten” und „opfern”, leben so? Es sind viele, die dies genau so erfahren; es ist Alltag bei ihnen, und noch immer sind sie blind für die Tatsache, daß sie gleich einem ganzen Sammelsurium von Lügen aufgesessen sind angefangen damit, daß sie nur treu zu zehnten bräuchten, so würde der materielle Wohlstand zu ihnen kommen, bis hin zu der irrigen Annahme, daß solches der im Neuen Bund angesagte Gottesdienst sei. Man verstehe dies nicht falsch. Es ist nichts gegen einen würdigen Ort zu sagen, in dem man sich trifft und Gott angebetet wird. Ein solcher Ort, den man für Gott heilig hält, sollte diesem Zweck auch angemessen sein; er sollte ausstrahlen, wofür er steht. Sicherlich ist eine äußerliche Organisation notwendig; auch gegen eine solche richten wir uns nicht. Die Organisation folgt jedoch dem Leib, nicht der Leib der Organisation. Auch dies hat den Geschwistern zu dienen! Denn die Liebe gilt nicht einer wie auch immer gearteten Gemeindestruktur, auch nicht einer biblischen, sondern allein dem Nächsten, dem Bruder und der Schwester. Insofern sind alle diese Fragen gewiß notwendig; aber sie sind untergeordneter Natur, und es ist sogar Fakt, daß es, um dem Herrn zu gehorchen, relativ wenig davon braucht.


Manna aus dem Himmel

    So wird die Nebensache oft zur Hauptsache gemacht, und das, was Hauptsache sein sollte, findet kaum mehr statt. Während in heutigen Gemeindestrukturen jedoch das Geben in Vorhaben und Projekte als das Geben der Bibel dargestellt, ihm also Vorrang eingeräumt wird, ist dies in den Briefen des Paulus gerade nicht der Fall. Er schreibt darum nicht über irgendwelche Vorhaben, die „die Gemeinde” zu finanzieren habe, sondern von der Unterstützung für die Heiligen selbst:

    „Denn euch von der Unterstützung für die Heiligen zu schreiben, ist für mich überflüssig; weiß ich doch um eure Eifrigkeit...”
2Kor 9. 1

    In dem Zusammenhang ist es besonders interessant, daß der Apostel nirgends von Geld spricht, zumal in Zeiten einer Hungersnot (die in dem Zusammenhang von dem Propheten Agabus vorausgesagt worden ist, Apg 11. 27 - 30) es infolge der damit verbundenen Teuerung sehr schwer gewesen sein wird, für Geld Nahrungsmittel zu bekommen. Die hier vorgenommene Sammlung, in der es vor allem um Essensvorräte und dergleichen gegangen sein wird, muß also nicht nur ein physischer Kraftakt, sondern auch logistisch geradezu eine Meisterleistung gewesen sein. Dabei ging es um eine Sammlung für die Heiligen in Achaja, die offenkundig Mangel litten. Der hier angesprochene „Dienst dieser Hilfeleistung” diente zur „Auffüllung des Mangels der Heiligen”, der wiederum „in dem Dank vieler Gott gegenüber” überfließen sollte (2Kor 9. 12). Und weiter schreibt der Apostel:

    „Infolge eurer Bewährtheit bei dieser Dienstleistung werden sie Gott verherrlichen, im Blick auf eure Unterordnung im Bekenntnis zum Evangelium des Christus und auf eure Großmut in der Beisteuer (gr. koinonía) für sie und für alle.”
Vers 13

    Indem die Geschwister in Achaja erkennen, daß der Liebesdienst der Korinther keine Eintagsfliege ist, sondern eine Praxis, die sich in vielem Mühen bewährt, kommt es ihrerseits zum Lobpreis Gottes. Sie merken also, daß letztlich Gott es ist, der Sich – vermittelst der Gaben aus Korinth – um sie kümmert. So kommen nicht nur Gott und Mensch, sondern auch die Menschen an sich zusammen, wobei selbst große räumliche Entfernungen, so beschwerlich sie auch zu bewältigen sind, zur Nebensache werden. Denn hier geht es tatsächlich nicht nur um eine einmalige „Beisteuer”, sondern um koinonia, um das Bestreben einer „Gemeinschaft zu gleichen Teilen”. Diese koinonia wird gerade auch durch diejenigen, die die Gaben zusammentragen, als sinnstiftend erfahren: Gemeinsames Mühen schweißt umso mehr zusammen. Liebe stiftet aber nicht nur Gemeinschaft, sondern erhält sie auch, da es der Liebe nicht um Regeln, sondern immer um die Beziehung zum Gegenüber geht. Dabei ließ der Apostel, auf den man sich in den oben bezeichneten Kreisen so gerne beruft, die Empfänger seiner Briefe nicht im Unklaren über das Maß, das das Geben der Gemeinde bestimmen sollte: So sollte ein jeder geben...

    ... nach dem Maß, was jeder hat, und nicht nach dem, was er nicht hat. Also denn nicht so, daß andere Entspannung haben, ihr aber Bedrängnis, sondern zum Ausgleich soll bei der jetzigen Gelegenheit eure Überfülle den Mangel jener ausgleichen, so daß ein andermal die Überfülle jener eine Hilfe für euren Mangel werde, damit ein Ausgleich stattfinde, so wie geschrieben steht: Wer viel gesammelt hatte, dessen Teil nahm nicht zu; und wer wenig gesammelt hatte, dessen Teil war nicht geringer.
2Kor 8. 12 - 15

    Die vorhin genannte Gemeinschaft zu gleichen Teilen, die neutestamentliche koinonia, erhält von hier aus erst ihre eigentliche Bedeutung. Denn Paulus bezog sich in diesem, dem Buch Exodus entnommenen Vers auf das Einsammeln des Manna in der Wüste durch Israel, wodurch Gott Sein Volk versorgte, als es sich nicht in dem ihm verheißenen Land befand (siehe 2Mo 16. 18), und sagt damit nichts anderes, als daß diese Ordnung auch die ist, die in der Gemeinde des Neuen Bundes Gültigkeit besitzt, wie das aus dem Himmel gekommene Manna direkt auf die himmlische und nicht die irdische Ordnung der Versorgung Gottes verweist. Innerhalb dieser Ordnung wäre es nun undenkbar gewesen, daß von dem, der ohnehin schon zu wenig hat, um die Aufgaben seiner persönlichen Existenz oder der seiner Familie zu lösen, auch noch Gaben eingefordert würden, aus denen „die Gemeinde”, vor allem aber das (im Verhältnis zu den „gewöhnlichen” Mitgliedern) zumeist recht üppige Gehalt des Pastors, zu finanzieren sei. Hier lesen wir eben nichts davon, daß der, der nichts hat, vorgeblich darum arm sei, weil er „nicht gegeben” habe. Wie jene, die damals das Manna sammelten, so sollten auch hier, denen in ihren Einkünften mehr zugekommen war als dasjenige, was sie für sich selbst benötigten, das Überfließende nämlich immer demjenigen zukommen lassen, der weniger hatte als er selbst benötigte. Wer mehr für sich aufhob als er für den Tag brauchte, der fand es am nächsten Tage stinkend vor. Diese Regel sehen wir bis heute jedoch kaum gelebt. Damit aber wird klar, daß mit dieser Praxis ein „Zehnter”, der heute in vielen Gemeinden verlangt wird, nicht gemeint sein kann, vermag er, der ausnahmslos im Zusammenhang mit dem Land angeordnet war, diese Ordnung, die eine himmlische und keine irdische mehr ist, doch niemals aufzurichten. Im Gegenteil – er steht ihr sogar entgegen, und darum kann er nichts anderes als das einzureißen, was Gott hier geboten hat.

    Denn das, was das Manna vermochte, vermag der Zehnte gerade nicht: Wurde das Manna je nach Vermögen und Bedürftigkeit sowohl gesammelt als auch ausgeteilt, „schert” der „Zehnte” dagegen „alle über einen Kamm”, da er sowohl vom Wohlhabenden als auch vom Darbenden dargebracht zu werden verlangt, nach der dem alttestamentlichen Propheten Maleachi (zudem unter Mißachtung der dort sichtbar werdenden Zusammenhänge) entnommenen, nun aber in den Neuen Bund hinein-interpretierten Regel, daß der, der nicht zehnte, auch keinen Segen davontragen werde. Das Manna nimmt von den Überfließenden und gibt es all denen, die Bedarf haben – der Zehnte dagegen nimmt von allen und gibt es dem Klerus als einer Form eines Levitendienstes, den man in den Neuen Bund quasi „hinübergerettet” hat. Hier werden also Dinge vermengt, die nicht zusammengehören: Das Manna verweist uns auf die Gnade; der Zehnte dagegen führt uns ins Gesetz. Das Manna ist eine himmlische, der Zehnte dagegen eine irdische Ordnung, was wir daran erkennen, daß er mit den Erträgen der Landbesitzer zusammenhing. Das Manna ist denen gegeben, die dem Himmel zugeordnet worden sind, der Zehnte” dagegen galt denen, die in das Land mit dem ihm gegebenen Gesetz und dem dazugehörigen Levitendienst gesetzt waren. Der Zehnte ist vergangen; das Manna dagegen bleibt aktuell; sonst hätte der Apostel hier nämlich den Zehnten und nicht das Manna erwähnt. Darum entspricht die Ordnung des Manna, die der Apostel hier aufrichtet, auch der Liebe – die eines „Zehnten”, soweit dies die heute in weiten Kreisen praktizierte „Zehntenlehre” betrifft, dagegen nicht. [6]


Unter Räubern oder: Was ist mit Lazarus?

    Wir sind früher so gelehrt worden, daß die Liebe der Not dort begegnet, wo sie sie findet – ohne jeden Ausweg. Unsere Väter taten recht daran. Darum dürfen sich unser Geben und Handreichung auch nicht an durch Menschen gesetzten Prioritäten orientieren, sondern können sich nur anhand der Not und der Bedürftigkeit erzeigen, die wir gerade vorfinden. Das dem oft nicht so ist, zeigt uns etwas davon, daß man heute in vielen Fällen ein neues Pharisäertum errichtet hat, das mit fromm erscheinenden Floskeln und Bibelversen genau dieses selbe Wort, das es so reichlich im Munde führt, außer Kraft zu setzen sucht. Anhand der bei Markus erwähnten, vom damaligen Klerus regelrecht ausgenommenen Witwe, der man auch noch das Letzte nahm, ist im vorigen Kapitel schon etwas davon angeklungen. Hier nun geht es ums Helfen an sich und um die Frage, wer der Nächste ist. Das Wort allein sagt uns, daß der Nächste kein anderer als der ist, der uns am Nächsten ist. Der Nächste ist der Nächste und nicht der Übernächste, und Nächstenliebe ist keine Fernstenliebe, die wir in unseren Kirchen- und Gemeindestrukturen oft so gerne daraus gemacht haben, weil wir, wie wir meinten, uns damit so gut hatten profilieren können, während das Unrecht vor der eigenen Tür zum Himmel schrie.

    In genau diesem Sinne sprach auch Jesus in seinem Wort von dem barmherzigen Samariter davon, wer dem verwundet und beraubt Darniederliegenden der Nächste gewesen war (Lk 10. 30 - 37). Und das war – wiederum zum Aufmerken an einen Schriftgelehrten gerichtet, den Jesus mit diesem Gleichnis unterrichtete – einer von den in Judäa nicht anerkannten Samaritern, während die Frommen jener Zeit an ihm vorübergingen, da sie mit ihren religiösen Pflichten, wie sie meinten, allzusehr beschäftigt waren. Jesu Beispiel zeigt einen ganz anderen Weg. Jener Samariter half dem, auf den er auf seinem Wege traf, und begegnete ihm nach dem Maße seiner Bedürftigkeit, und zwar ohne Folgerungen darüber aufzustellen oder nach Gründen zu suchen, weshalb ihm dieses Unbill wohl widerfahren sei:

    30 Jesus nahm es mit ihm (dem Schriftgelehrten) auf und erwiderte: »Ein Mann zog von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter Wegelagerer; die zogen ihn aus, versetzten ihm Schläge, gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. 31 Es traf sich aber von ungefähr, dass ein Priester auf jenem Weg hinabzog. Als der ihn gewahrte, ging er auf der anderen Seite vorüber. 32 Gleicherweise kam auch ein Levit an die Stelle. Als der ihn gewahrte, ging auch er auf der anderen Seite vorüber. 33 Dann kam ein Samariter, der unterwegs war, in seine Nähe. Als der ihn gewahrte, jammerte er ihn. 34 Da trat er herzu, verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf. Dann ließ er ihn auf sein eigenes Reittier steigen, führte ihn in eine Herberge und versorgte ihn. 35 Bevor er am Morgen weiterzog, holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Herbergswirt und sagte zu ihm: Versorge ihn, und was du mehr ausgeben solltest, werde ich dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien scheint dir nun der Nächste dessen geworden zu sein, der unter die Wegelagerer gefallen war?« 37 Darauf antwortete jener: »Der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat.« Da sagte Jesus zu ihm: »Geh und handle du in gleicher Weise!«

    Man lese den Zusammenhang vom 25. Vers an. Neben der Frage nach dem Nächsten geht es hier darum, zu helfen und zugleich darauf verzichten zu lernen, nach dem „Warum” zu fragen. Wie aktuell das Gesagte ist, zeigt der Umstand, daß derlei Vorstellungen gerade unter den vorgeblich Frömmsten wieder fröhliche Urständ feiern. Und auch hier gibt es die andere Seite, auf der jene Frommen sich befinden, die sie verteidigen, als gälte es das Leben. Gerade die Regel des aus dem Alten Bund entlehnten „Zehnten” scheint ihnen nämlich wiederum eine Möglichkeit eröffnet zu haben, sich aus solcher Verantwortung herauszustehlen, haben sie, die Reichen, doch treu gezehntet, der Arme dagegen nicht ganz offensichtlich nicht wissend, daß sogar das mosaische Gesetz, das den Armen von dieser Last nicht nur befreite, sondern an den Gaben der Reichen sogar noch beteiligte, sie noch Lügen straft. Statt zu helfen, sprechen sie also ein Urteil darüber, was Menschen, die „unter die Räuber gefallen sind”, wohl in diese Situation gebracht haben könnte, belehren sie in ihrem Hochmut und stoßen sie dadurch noch tiefer ins Elend: Ihr Grundtenor ist dabei immer der, daß das Opfer an seiner Misere selber schuld sein müsse und man ihm darum nicht helfen könne, bis es die vermeintliche Lektion gelernt habe. Damit wähnt man sich von jeder Verantwortung frei, nicht ahnend, daß man das Opfer damit gerade zu seinem Opfer gemacht hat.

    In der Tat mag sich eine Beurteilung hier sogar andeuten, da Jesus davon spricht, daß dieser – von Räubern verwundet, beraubt und halbtot liegen gelassene – Mann von Jerusalem, der Stadt Gottes, nach Jericho, der Stadt der Heiden hinabgezogen war. Das Verlassen Jerusalems ist immer auch bildlich, mithin geistlich zu verstehen; wie es in der Schrift ein positiv konnotiertes „Hinaufgehen nach Jerusalem gibt, so gibt es auch ein negativ konnotiertes „Hinabgehen von Jerusalem, hinab in das heidnische Samaria” oder wie hier, gar ins heidnische Jericho. Im Gleichnis aber wird dies nirgendwo thematisiert, und darum sollten wir es auch nicht tun: Zu keiner Zeit war der Gedanke daran eine Grundlage, auf der dem Beraubten zu begegnen oder gar mit ihm zu disputieren war. Von dem Versuch zu beurteilen, was wir (zunächst wenigstens) nicht zu beurteilen haben, bis zur Verurteilung ist es oft nur ein kleiner Schritt. In diesem Gleichnis, das Jesus nicht umsonst der Pharisäerschaft zugute kommen läßt, ist alles das kein Thema. Hier ist es gerade der von Jerusalem aus verachtete, von den Judäern für „unrein” gehaltene Samariter, der in einer Weise half, die dem vom Feind Überwältigten letztlich die Gewähr einer beginnenden vollständigen Wiederherstellung schenkte, indem er alles, was er hatte und zu dem Zeitpunkt einsetzen konnte, dem Verwundeten und Beraubten für seine Heilung und Wiederherstellung zur Verfügung stellte. Er versorgte ihn nach seinem ganzen Vermögen und diente ihm, so daß er auch von seinen Reittier herabstieg und neben ihm herlief, damit es statt seiner nun die Last des Verwundeten tragen konnte.

    Hier sehen wir, wie sehr Liebe eint und wie sehr Pharisäismus spaltet: Der Pharisäer hält sich angsterfüllt auf seiner Seite, die es für den Samariter von vorn herein nicht gibt, wie auch das Vorrecht, das der Erstgenannte daraus für sich ableitet, für ihn keinerlei Bestand hat; es ist bedeutungslos. Er demütigt sich dabei selbst; er macht sich klein und läuft im Staub, damit der andere aus eben diesem Staub hochgehoben werden könne. Niemand, der im Staub liegt, könnte dies. So klingt hier nicht weniger als Jesu Beispiel an: Er, der in der Gestalt Gottes war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte (w. entleerte) Sich Selbst und war an Gebärden als ein Mensch erfunden. Wir sind nun gerufen, derselben Gesinnung zu sein wie Jesus es war (s. Phil 2. 5ff). Eine solche Gesinnung führt niemals in Spaltung, sondern immer in die Gemeinschaft der Liebe und des Lebens. Einige Zeitgenossen, die sich ausgerechnet auf Ihn berufen, wollen es jedoch besser wissen. Noch immer werfen sie sich zu Richtern auf – und erheben sich damit selbst. Sie halten sich für besser, höher, weiter als den, der da auf der anderen Seite im Staub liegt. Der „Staub” ist nicht ihre Angelegenheit. So weit erniedrigen müssen sie sich nicht. Hoffentlich sie werden ihren Irrtum nicht erst begreifen, wenn es zu spät ist.

    So manch einer kommt im Staub zu liegen, in dem zu liegen er nie für möglich gehalten hätte. So sind wir hier nirgendwo anders als in Gottes Lebensschule. Bei Gott kommt alles Leben aus dem Tode, und nur der wird vor Ihm leben, der sein Urteil über sich selbst angenommen hat. Denn nur Er ist Richter (Ja 4. 12). Hier werden wir nur dazu angehalten, Barmherzigkeit zu üben. Erbarmen kann jedoch nur der haben, der selbst Barmherzigkeit erfahren und in seinem Leben zugelassen hat. Wem viel vergeben ist, der liebt viel (s. Lk 7 36 - 47). Doch der Stolze ist dazu nicht fähig und ergeht sich in der Beurteilung von Hintergründen; da er nicht von herzlichem Erbarmen angetrieben ist, wird alles das, was er aus seiner hohen Warte heraus sagt, zu tödlichem Gift. Hier jedoch ist Hilfe angesagt, und zwar eine solche, die die Situation ändert. Nur in diesem Zusammenhang kann auch ein Wort gesagt werden. Es wird jedoch nie möglich sein, zu lieben, ohne auch Lasten tragen zu wollen. Wer diesen sich verweigert, der liebt nicht, sondern richtet, und sei dies mit noch so fromm erscheinenden Worten.

    Viele unter uns sind durchaus erfinderisch darin, das zu umgehen, was Gott gesagt hat. Einige behaupten tatsächlich, daß der Herr ihnen keine ‚besondere Führung und Klarheit’ gegeben habe, um dort zu helfen, wo die Hilfe ganz offensichtlich, d. h. für aller Augen erkennbar, benötigt wird und auch möglich ist. Wo uns der Herr in Seinem Wort bereits klare Anweisungen gegeben und uns Möglichkeiten der Hilfe in die Hände gelegt hat, können wir allerdings nicht von Ihm erwarten, daß Er über diese Dinge nochmals – als in einer besonderen Offenbarung – persönlich zu uns zu spräche oder jemanden zu uns zu sende, damit dieser uns hierzu ‚ein Wort des Herrn’ überbringe. Solche Vorstellungen sind schwärmerisch, aber sie sind auch ein Bunker gegen Gott, hinter dessen dicken Wänden wir uns vergraben, damit diese unser Widerstreben verbergen und der Welt suggerieren können, daß wir besonders geistlich seien. Bei Menschen mögen wir damit Eindruck schinden, bei Gott nicht.

    Dazu hat Jesus uns etwas zu sagen. Jenem reichen Mann, der zeitlebens in Prunk und Freuden lebte, sich dabei aber niemals um den Hilflosen vor seiner Tür kümmerte, der so ganz offensichtlich Not litt – so die Übersetzung des aus dem Hebräischen stammenden Wortes Lazarus – , wurde diese Sünde zum Verhängnis. Als er nach seinem Tode an den Ort der Qual gelangte und nun Abraham bat, in dessen Schoß sich Lazarus inzwischen befand, sich seiner zu erbarmen und diesen zu senden, damit er die Spitze seines Fingers in Wasser tauche und mir die Zunge kühle”, oder ihn doch wenigstens zu seinen Brüdern zu senden, um sie vor solchem zu warnen, antwortete Abraham:

    „Kind, erinnere dich daran, daß du dein Gutes während deines Lebens erhieltest, und Lazarus gleicherweise das Üble; nun aber wird ihm hier zugesprochen, während du Schmerzen leidest. ... Sie (die Brüder des Reichen) haben Mose und die Propheten (die Schrift als das ihnen überlieferte und bekannte Wort Gottes), auf die sollen sie hören! ... Wenn sie nicht auf Mose und die Propheten hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand aus den Toten aufsteht.”
Lk 16. 19

    Noch immer verlangt der Reiche, daß der Arme ihm zu dienen und zu seinem Wohlbefinden beizutragen habe. Und doch will er sonst, obwohl er sein Bruder ist, mit ihm nichts zu tun haben. Selbst im Gericht und unter Schmerzen sehen wir diese Lebenslüge noch aufrecht erhalten. Darum besteht auch die Trennung zwischen beiden weiter fort. – Während der Reiche sich zeitlebens der Annehmlichkeiten seines Lebens erfreute, befand sich sein armer Bruder außerhalb der Gemeinschaft; er lag vor der Tür, er war draußen, und nur „die Hunde leckten seine Eiterbeulen” (V. 21). Es ist Kennzeichen dieser Religiosität, daß sie selektiert: Der Wohlhabende gehört dazu; der Arme und Kranke wird der Empathie nicht wert geachtet, gilt er doch als selbst verantwortlich für sein Los. In solchen Gemeinschaften dürfen nur die ‚Starken überleben; wer in solchen Augen als ‚schwach gilt, der hat keine Chance. Darum belehrt man ihn darüber, wie ‚auch er stark’ und erfolgreich werden könne, und darum werden ihm diverse ‚Vorzeigechristen präsentiert, die von dem System gut leben und ihm beweisen sollen, wie gut alles dieses funktioniere. Es funktioniert allerdings nie wirklich, weil es nicht von Gott kommt, sondern vom Teufel. Dieses System ist in der Funktionalität ein Schneeball-System; vom innersten Wesen her ist es nicht besser als die, die wir aus finstersten Zeiten kennen; auch wenn es nicht mit Waffen tötet, lebt es doch vom selben Geist – und verbreitet ihn, in der Annahme, dies Gift sei die Medizin. Wie anders ist doch das, was Jesus uns hier nahelegt, denn Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig!

    Bei Ihm werden wir nicht anders belehrt, als daß der, der die Not sieht und helfen kann, nach den ihm zur Verfügung stehenden Kräften und Möglichkeiten zu helfen hat. Wer in solchen Situationen noch nach einer „besonderen Vision” oder dergleichen verlangt, befindet sich auf dem Holzweg. Alles hierfür Notwendige hat Gott bereits in Seinem Wort niedergelegt. Für den Wandel in der tätigen Liebe gibt es keinen Ersatz (vgl. Ga 5. 6 und 6. 2, Phil 2. 4; Jo 15. 9 bis 17, 1Jo 3. 18 u. a.). Die zu gewährende Hilfe und Dienstleistung resultiert daher also weder aus einer besonderen Führung des Herrn, noch (wie bereits angedeutet) aus dem Versuch einer Beurteilung von Gründen, um dann nur scheinbar, mit dem Erteilen wohltönender Ratschläge, Worte, „Predigten” und „Belehrungen”, verbunden mit dem Ausgeben von Schriftstellen zu „helfen”. Und immer war natürlich auch die mit dem Pathos eines besonders Auserwählten vorgetragene Behauptung dabei, daß der, der „nicht opfere und zehnte”, auch keinen Segen davontragen werde, womit nicht nur das Maß an Werksgerechtigkeit voll gemacht wurde. Es war damit auch ein Ausweg konstruiert worden, um den Grund für den Mangel bei dem Mangel Leidenden unterstellen und sich selbst vom dem Gebot tätiger Nächstenliebe befreien zu können.

    In meiner Zeit in der Glaubensbewegung gab es tatsächlich Wohlhabende, die solchen, die über lange Zeiträume hinweg vor allem finanzielle Not litten, nicht etwa aus diesem Problem halfen, sondern ihnen regelmäßig Lehrkassetten zukommen ließen, auf denen ihnen das „Opfern”, „Zehntengeben” und „richtige Bekennen” als „ihr Weg zum Geld” nahegelegt wurde, was natürlich immer auch die Schuldzuweisung implementierte, daß der Arme darum arm sei, weil er „nicht gegeben” habe. Die Zuwendung, die das Neue Testament meint, sieht allerdings anders aus. Das Verbreiten von Lehren, noch dazu von dreisten Irrlehren, gehört eindeutig nicht dazu. Die Hilfe, die Gott meint, ergibt sich stets anhand dessen, was wir sehen, um der Not ebenso praktisch und sichtbar abzuhelfen, wie sie auch vor Augen ist, und zwar nach allem, was wir tun können. Das ist nicht bequem, aber es ist in dem Zusammenhang der einzige Weg, der eine Verheißung hat und der auch wirklich funktioniert. Allzu oft wird hier auch das Gebet als „Lückenbüßer” anstelle einer möglichen praktischen Hilfe mißbraucht. Tatsächlich kann nicht jeder auf der materiellen Ebene helfen. Vielleicht kann er es aber mit seinen Händen. Beten können wir immer; wenn das Gebet das Einzige ist, was wir tun können, so sollten wir davon auch nicht ablassen und in ernstliche Fürbitte treten, bis der Herr eingreift und die Situation sich ändert. Dem aber, der mehr zu tun vermag, während er den Notleidenden mit einem Gebet abzuspeisen sucht, um womöglich sein Gewissen zu beruhigen, gilt der Satz:

    „Wer trefflich zu handeln weiß, und es nicht tut, für den ist es Sünde.” –
Ja 4. 17

    Das griechische Wort für trefflich ist kalos, und bedeutet so viel wie ideal, schön und ausgezeichnet, worin eine Zielsetzung erkennbar wird, die die Situation zu ihrer vollen Zufriedenheit verändert. Wenden wir dies auf unser Gleichnis vom barmherzigen Samariter an, so bedeutet dies nicht weniger als eine signifikante Abwendung der Not, so daß der Weg zur Heilung und Besserung tatsächlich beschritten werden kann. Hier haben sich jedoch gerade solche, die sich für die Allergeistlichsten hielten, sträflich versündigt. Zur Zeit Jesu war das nicht anders. Wer auf sich hielt, der hielt sich fern von solchen, die das Leben gezeichnet hatte, obschon sie Brüder waren – kamen sie doch alle aus dem „gesetzestreuen” Jerusalem. Dieselbe Kluft, die Lazarus von seinem reichen Bruder schied, bestand auch hier. Während sowohl der auf der anderen Straßenseite vorbeieilende Priester als gleichermaßen auch der Levit  aus Lukas 10 nicht einmal näher hinsahen, sondern offensichtlich religiöse Motive vorzuschieben hatten – die immerhin möglich gewesene Berührung mit einem Toten machte z. B. nach dem Gesetz unrein (vgl. 3Mo 21. 1, 22. 4; 4Mo 5. 2, Hes 44. 25) – gab der von all diesen verachtete Samariter dem unter die Räuber Gefallenen nach seinem ganzen Vermögen alles das, was ihm notwendigerweise zu geben war. Warum? Er hatte begriffen, daß er, der Situation entsprechend, der Nächste des Beraubten und ihm gegenüber daher zur Hilfe angehalten war. Er wußte sich von Gott in die Verantwortung gestellt und nahm diese Verantwortung entsprechend wahr.  Hier gibt es kein Entweichen:

    „Geh hin und handle du in gleicher Weise!”,

    sagte Jesus jenem Frommen (Lk 10. 37).


Gebt ihr ihnen zu essen

    Aus dem Gesagten haben wir zu lernen, daß die Zuwendung zu den Gemeindegliedern stets Aufgabe der Gemeinde selbst ist. Anhand der Schrift ist unbestreitbar, daß die Versorgung notleidener Gemeindeglieder, die sich selbst nicht helfen können, nach ihrem irdischen Bedarf immer den Gliedern obliegt, in deren Macht dies jeweils steht. Das sind in der Regel jene, die sich in unmittelbarer Nähe dessen befinden, der der Zuwendung bedarf, und zugleich über die entsprechenden Mittel oder Möglichkeiten verfügen. Hier kann kein Gebet und noch weniger Belehrung Ersatz leisten. Leidet unser Nächster sichtlich Not, so ist dem nach all unserem Vermögen abzuhelfen, und zwar ohne Wenn und Aber. Die einzige Ausnahme bestünde darin, wenn dieser etwa einen Lebensstil pflegte, mit dem er sich immer wieder selbst in eine solche Notlage brächte, und sich dabei sträubte, einen Rat anzunehmen. Wer einem Alkoholiker etwa Geld (anstelle eines Brotes) gibt, hilft ihm nicht. Wer einem Faulen gibt oder für ihn etwa Arbeiten übernimmt, bestätigt und nährt damit dessen Faulheit (2Thes 3. 6 - 12).

    Es kann immer nur das gegeben werden, was dem Leben dient. Dies ändert jedoch nicht die Regel, sondern bestätigt sie. Wiederum anschaulich wird dies anhand der Berichte über die Brot- und Fischvermehrungen in den Evangelien. Ganz sicher geht es in diesen Berichten um die Darstellung dessen, daß Jesus das Brot der Welt ist, das Sich uns zum Leben gibt. Jedoch stellt die alleinige Konzentration auf diese Tatsache eine Reduktion des Textinhaltes dar. Der Mensch ist nämlich durchaus kein „Geist”, wie einige lehren, sondern ein im Ebenbilde Gottes erschaffenes Wesen, das, ähnlich wie die Trinität Gottes, aus Geist, Seele und Leib besteht, die sowohl richtig voneinander getrennt, als auch in ihrem Zusammenwirken richtig erkannt werden müssen. So lehren uns diese Berichte nämlich auch, daß Jesus nicht will, daß wir wohl gerne das Brot des Lebens miteinander teilen wollen, uns aber dort einander verweigern, wo es um das Brot des Tages geht. Bei Ihm sind geistliches und irdisches Brot nicht voneinander zu trennen. Der Hunger der Herzugekommenen war nicht nur geistlicher, sondern durchaus auch handfester physischer Natur.

    „Als es Abend wurde, traten die Jünger zu Ihm und sagten: ‚Die Stätte ist öde und die Stunde schon vergangen; daher entlaß die Scharen, damit sie in die Dörfer hingehen und sich Speisen kaufen!’ –

    Jesus aber antwortete ihnen:

    ‚Sie brauchen nicht wegzugehen; gebt ihr ihnen zu essen!’ ”

    „Gebt ihr ihnen zu essen!” das ist das Gebot der Stunde. Es gilt zu teilen, was auch immer teilbar ist. Doch die Jünger besitzen nur Weniges: „Wir haben hier nichts außer fünf Broten und zwei Fischen!” Wir kennen das; wir wissen etwas davon, wie beschränkt unsere Möglichkeiten oft sind. Die Antwort des Herrn ist: „Bringt sie Mir her!” (siehe Mt 14. 15 - 21). Das ist die erste Lektion, die wir offensichtlich zu lernen haben, über demjenigen, was wir haben und mehr noch über dem, was uns zu fehlen scheint, nicht etwa zu verzweifeln, sondern es im Gebet zuallererst in die Hände Jesu zu legen, damit Er es nehmen und mehr daraus machen kann. –

    So richten sich auch die Jünger in unserem Beispiel an den Herrn, als sie sehen, daß es schon spät, und die Leute hungrig geworden sind. Dann aber richtet der Herr Sich an sie: „Gebt ihr ihnen zu essen!” Viele gehen nur den ersten Schritt und verpassen den zweiten. Wer hat, der soll jedoch nicht mehr nur beten, sondern das, was er hat, aus der Hand Jesu wieder empfangen und das geben, was er empfangen hat. Mit diesen Worten legt Jesus die Verantwortung in unsere Hände zurück. Das ist die zweite Lektion, die Vertrauen braucht. Im Ergebnis dessen findet tatsächlich eine wunderbare Vermehrung von dem statt, was gegeben worden ist, so daß von dem Dargebrachten viele Tausend gesättigt werden können, und sogar noch zwölf Körbe übrigbleiben, gewissermaßen einer für einen jeden der zwölf Jünger und doch weit mehr, als er für sich verbrauchen kann. Daran erzeigt sich auch, daß dies der Weg ist, auf dem der Herr die Seinen versorgt – und zwar in der Weise, daß ein jeder das beisteuert, was er hat, damit der Herr diese Gaben für alle mehren kann.

    Dieses Ergebnis wird uns in allen uns hierzu überlieferten Berichten bestätigt, so daß wir hier von einer Regelmäßigkeit sprechen können und demnach auch von einer geistlichen Ordnung, die in ihr wirksam wird (vgl. Mt 15. 32 - 39, Mk 6. 31 - 44 und 8. 1 - 9, Lk 9. 12 - 17, Jo 6. 1 - 14 ). – Auch dabei greift der Gedanke des Nächsten, wie die Scharen die Nächsten derer waren, die Jesus diesbezüglich angesprochen hatte. So sollten wir dies nicht wiederum verwechseln mit einem Geben in Projekte oder Aufgaben in Übersee oder andere weit entfernte Orte, solange nicht unserem Nächsten geholfen, und jeglicher Mangel unter uns behoben worden ist, wie ja auch die vielen Versammelten in unserem Beispiel die Nächsten derer waren, die sie zu versorgen hatten, da sie sich mit ihnen in unmittelbarer Gemeinschaft („in nächster Nähe”) befanden. Der Nächste ist eben der Nächste, also der, der uns am nächsten ist – und nicht der „Übernächste”!

    Während in unseren Tagen vielfach ein Glaube verkündet wird, der bei näherem Hinsehen keiner ist, sondern – wie wir gleich sehen werden – letztlich lediglich den Versuch darstellt, sich durch eigenes Tun oder Anwenden gewisser Praktiken einen irdischen Segen erwerben zu wollen, wußten die Apostel des Neuen Testaments ganz andere Betonungen zu setzen. Das ist auch kein Wunder, denn es spricht ja stets vom unverdienten Segen, wie alles, was mit Gnade zu tun hat, unverdient ist; wäre er verdient, wäre er kein Segen, sondern ein Lohn, der aus Schuldigkeit gezahlt würde. Dafür hätte Jesus nicht sterben müssen. Wer Dinge tut, um aus ihnen einen Vorzug zu erhalten, der dient sich selbst. Gott aber sucht den Glauben, der durch die Liebe tätig ist. Liebe und Lohndenken schließen einander aus, da die Liebe nicht das Ihre sucht. Jakobus etwa schreibt dazu:

    „Worin besteht der Nutzen, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, Werke aber hat er nicht? Dieser Glaube kann ihn nicht retten! Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und es ihnen an der täglichen Nahrung fehlt, jemand von euch aber zu ihnen sagte: Geht hin in Frieden, wärmt und sättigt euch!, doch ihr gäbet ihnen nicht, was für den Körper erforderlich ist, was wäre der Nutzen für sie?

    So ist auch das Bekennen von Segnungen nicht nur fragwürdig, sondern auch nutzlos:
Ein solcher Glaube ist ein toter Glaube.

    „So ist es auch mit dem Glauben; wenn er nicht Werke veranlaßt, ist er in sich selbst tot.”
Ja 2. 14; man lese bis V. 17; vgl. auch 1Kor 3. 2

    Dieser Glaube ist nicht nur tot; es ist der Glaube der Dämonen – dämonischer Glaube – und eine solche Art entstammt der Finsternis:

    „Doch es wird jemand erwidern: Du hast Glauben, und ich habe Werke! Zeige mir (!) deinen Glauben ohne Werke, und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken zeigen. Du glaubst, daß Gott Einer ist. Trefflich tust du; aber auch die Dämonen glauben und schaudern dabei.” –
Ja 2. 18, 19 [7]

    Ganz offensichtlich gibt es zweierlei Glauben, und es ist ebenso offensichtlich, daß es einen Glauben gibt, der Gott nicht angenehm ist. Hier sehen wir den Unterschied zwischen dem Glauben Gottes und dem, der nicht von Gott kommt. Glaube an sich ist unsichtbar; Gottes Glaube aber führt immer auch zu Werken. Diese Werke sieht man, und immer geschehen sie in Bezug auf den Menschen, den Bruder und die Schwester. Dabei geht es nicht darum, eigene Werke hervorzubringen, sondern lediglich in den Werken zu wandeln, die Gott schon bereitet hat (Eph 2. 10). Wir lernen also nicht nur, daß es offensichtlich zweierlei Glauben gibt, sondern auch, wie der echte von dem unechten zu unterscheiden ist. Wir sollten uns daher stets nach dem richtigen ausstrecken. 

    Gerade auch die leibliche Versorgung der Gemeinde durch den gegenseitigen Liebesdienst aller war dieser in ihren ersten Tagen äußerst wichtig, ja war das zuerst und vordergründig erkennbare Kennzeichen derer, die Jesus nachfolgten (vgl. Jh 13. 5,12 - 17, 34 - 35). Dies war der Weg gewesen, den Jesus gar als glückselig gepriesen hatte (Jh 13. 15)! Doch alsbald schon war genau dieser Weg des liebevollen Miteinanders verlassen worden, so daß es zu einem Murren der unversorgt Gebliebenen gegen die Vermögenderen und somit zu einer beginnenden Spaltung in dem noch so jungen Christuskörper gekommen war (Apg 6. 1). Nun – nachdem diese gegenseitige Handreichung der Liebe aufgegeben worden war – erwählte man schließlich hierfür gesondert sieben Männer 

    „voll Geist und Weisheit ...um die Tische zu bedienen” (Apg 6. 1 - 4).

    Hier werden jedoch bereits besondere, aus der Gemeinschaft herausgehobene „Dienste” an die Stelle des Miteinanders aller gesetzt [8]; daß dies kein Königsweg war, sehen wir allein daran, daß die zum Tischdienst Erwählten und erst in nachapostolischer Zeit als „Diakone” Bezeichneten, wie die Jerusalemer Gemeinde auch, unmittelbar danach völlig andere Wege geführt worden sind, wie dies der Herr hinsichtlich Jerusalem zuvor auch prophetisch angedeutet hatte (siehe auch die Fußnote 2). Eingangs ist darauf bereits ausführlicher eingegangen worden. Allerdings, so dürfen wir wohl unterstellen, konnte dem Mangel der Notleidenden wenigstens begegnet werden. Wie sehr die materielle Versorgung mit dem erfolgenden geistlichen Segen nämlich Hand in Hand geht und das Eine das Andere sowohl bedingt als auch begünstigt, erzeigt sich in dem darauf folgenden Geschehen, in welchem uns bezeugt wird, daß das Wort Gottes sich daraufhin ausbreitete, und die Zahl der Jünger sich überaus mehrte; sogar 

    „eine große Schar von Priestern gehorchte dem Glauben” (Apg 6. 7). –

    Und doch stellt das Ganze eine Zäsur dar, die die Gemeinde Gottes nachhaltig veränderte. Wir lesen indes nichts davon, daß Gott dies angeordnet hätte; es war eine Anordnung von Menschen, die eine ebenso menschliche Auswahl zur Folge hatte. Daß dies nicht zum Besten geschah, zeigt nicht nur die Kirchengeschichte. Hier wird eine vom übrigen Leib abgesonderte, besondere Dienststruktur eingeführt, die den Leib des Herrn insofern beeinträchtigen wird, als daß an die Stelle gemeinsamen Lebens und Liebens die Wurzel eines Klerus (von kleronómos, Losteilinhaber) gelegt wird, der alsbald Sonderrechte für sich beanspruchen wird; alle anderen werden mehr und mehr zu einem, von Erstgenannten regierten unmündigem Volk (láos), den Laien. Zuvor noch hatte uns die Apostelgeschichte bezeugt, daß „alle Gläubigen beieinander” waren und „alles gemeinsam” hatten, und wir sehen, wie eng geistlicher Segen und, so Gott will, auch zahlenmäßiges Wachstum mit der untereinander gelebten Handreichung der Liebe zusammenwirken.

    „Die erworbenen Güter und den Besitz veräußerten sie und verteilten den Erlös an alle, je nachdem jemand (!) Bedarf hatte. Täglich verharrten sie einmütig in der Weihestätte und brachen Brot zu Hause. Ihre Nahrung nahmen sie mit Frohlocken und in Herzenseinfalt zu sich, lobten Gott und hatten Gnade für das ganze Volk. Der Herr aber fügte am selben Ort täglich neue hinzu, die gerettet wurden.”
Apg 2. 44 - 47

    Nur ein wenig später noch hatte es geheißen:

   „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele, und auch nicht einer sagte, daß etwas von seinem erworbenen Besitz sein eigen sei, sondern sie hatten alles gemeinsam. Dazu legten die Apostel mit großer Kraft das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus Christus ab, auch war große Gnade auf ihnen allen, denn es war kein Darbender unter ihnen.
Apg 4. 32 - 34

    Hier liegt die Wurzel für den vielleicht größten Schaden in der Christenheit, und daran erkennen wir den großen Fall, der geschehen ist, nachdem man diese Ordnung verließ.

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Der Brudermord: Vom Weg Kains

    In welchem Gegensatz die vorgenannte Ordnung zu dem heute oftmals zu beobachtenden Geschehen steht, zeigt sich an der Praxis des Gebens und des vermeintlichen, sogenannten Opferns heutiger Gemeinden, aus dem wiederum ersichtlich wird, wie sehr man den oben vorgezeigten Weg der Liebe verlassen hat und sich hierbei sowohl in Lehre als auch in Praxis bereits auf der Ebene des Gesetzes unter dem Alten Bund bewegt. Daß man hierbei regelmäßig vom Opfern spricht, wenn es darum geht, Geldmittel für allerlei Gemeindevorhaben, Projekte oder ähnliches einzusammeln, die Hinwendung an den Bruder und die Schwester, um die es eigentlich zu gehen hat, dabei jedoch kaum thematisiert wird, ist ein eklatanter Mißbrauch des Opfergedankens an sich. Bezeichnenderweise verwendet das Neue Testament das Wort Opfer für die Gaben der Liebe und Mitteilungen aller Art innerhalb des Gemeindekörpers nur an zwei Stellen, zum Einen nämlich dort, wo die Philipper für den Bedarf des Paulus sandten, als niemand sonst dafür bereit war, und so gewissermaßen für andere mit einsprangen (Phil 4. 15, 18), und zum anderen im Hebräerbrief, wo die geschwisterlichen, gegenseitigen Mitteilungen der Liebe – sowohl das Mitteilen von Gütern als auch die eigene, innerste Anteilnahme an der Gemeinschaft (grie. koinonía) sind gemeint – als solche Opfer bezeichnet werden, an denen Gott in Wahrheit Wohlgefallen hat (Hbr 13. 16).

    Über den Gedanken der Koinonia – sie bezeichnet das Bestreben einer in jeder Hinsicht ausgeglichenen Gemeinschaft aller – haben wir uns im vorigen Kapitel hinlänglich geäußert. Ein Opfer erscheint uns immer etwas Besonderes zu sein, etwas, was dem uns Gegebenen übersteigen könnte. Dem Liebenden kann im Grunde jedoch das kein Opfer sein, was dem Nächsten dient. Jene schöne Geschichte eines Jungen wird mir hierbei gegenwärtig, der seinen ihm eigentlich viel zu schweren Bruder trug, nachdem dieser sich verletzt hatte. Von ihm entgegenkommenden Passanten, die dies sahen, wurde ihm gesagt, daß er da für seinen Bruder ein großes Opfer auf sich nehme, worauf der Knabe ihnen erwiderte: Das ist kein Opfer, das ist mein Bruder!” – Somit heißt es: 

    „Einer trage des anderen Lasten, und so werdet ihr das Gesetz des Christus erfüllen.”
Ga 6. 2, Rev. Elberfelder

    Das Gesetz des Christus aber ist die Liebe (siehe Jo 13. 34, 35 und 15, 12 - 14, vgl. 3Mo 19. 18, Mt 19. 19 - 21 und 22. 37 - 40, Rö 13. 8 - 10; Ga 5. 13 - 14 und 22 - 24, Ja 2. 8 u. a.). Daher freut sich der Liebende mit den sich Freuenden und weint mit den Weinenden; wenn ein Glied leidet, so leidet er mit, und wird ein Glied verherrlicht, so freut er sich mit (Rö 12. 5, 1Kor 12. 26) – und kann daher gar nicht anders, er muß dem Guten beisteuern, wenn es nur der Freude seines Bruders und seiner Schwester dient. Ich sage nun nicht, daß wir in jedem Falle so gehandelt hätten. Es ist jedoch die Liebe, die so handelt, so daß alles das, was wir außerhalb dieses Bereiches finden, als nicht der Liebe zugehörig finden müssen, und um nichts anderes als um die Liebe geht es hier. Demgemäß hat uns auch Paulus zu sagen, daß 

    „... wenn ich all meinen Besitz austeilen und wenn ich meinen Körper dahingeben würde, um mich dessen zu rühmen, aber keine Liebe hätte, so würde es mir nichts nützen.”
1Kor 13. 3

    Es gibt also ganz offensichtlich ein Geben, das mit Liebe nichts zu tun hat und in Gottes Augen daher „unnützist, selbst wenn der Geber dabei Besitz, Leib und Leben nicht schonen würde. Der Liebe geht es nie um Regeln an sich, sondern immer und ausnahmslos um die Beziehung. Auch ist Furcht, vor Strafe etwa, in der Liebe nicht enthalten. Es stehen daher nicht Opfer im Sinne mannigfaltiger Gemeindevorhaben, sondern Gehorsam und Erbarmen in herzlicher und tätiger Nächstenliebe auf der Tagesordnung unseres Herrn (vgl. Mt 9. 13 und 12. 1 bis 8). –

    Wie die Pharisäer der Zeit Jesu, haben solche Leute jedoch auch heute noch die Zuwendung nicht jenen zukommen lassen, denen sie zu geben war, sondern sie als ‚Opfergabe’ für ‚die Gemeindevorhaben’ und Strukturen verwendet. Das Opferwird hierbei zu einem Ersatz für die sich dem Anderen mitteilende Liebe. So wird das Liebesgebot des Herrn aufgehoben und in sein Gegenteil verkehrt, ja regelrecht pervertiert und ad absurdum geführt (vgl. Jo 15. 9 - 14; siehe auch 1Jo 3. 16 - 17, 4. 11 u. a.). Wiewohl man sie stets mit diversen Schriftstellen zu untermauern sucht, tritt die eigene Lehre damit an die Stelle dessen, was Gott geboten hat. Jesus sagte beispielsweise:

    „Trefflich versteht ihr es, ein Gebot Gottes abzulehnen, um eure Überlieferung zu halten. Denn Mose hat gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter... Ihr aber sagt: ... Korban (das heißt eine Nahegabe) soll das sein, was auch immer dir von mir zugute gekommen wäre, so laßt ihr ihn nichts mehr für seinen Vater oder seine Mutter (für seinen Nächsten, d. h. für sein eigenes Fleisch und Blut!) tun. Damit macht ihr das Wort Gottes durch eure Überlieferung, die ihr überliefert habt, ungültig. Solche Dinge und dergleichen mehr tut ihr viel.”
Mk 7. 9 - 13

    In dem Sinne genügt es heute, für die angesetzten ‚Vorhaben der Gemeinde’ gegeben zu haben; der neben uns stehende Bruder oder die Schwester gehen leer aus. Nachdem man ‚seine Opfergabe’ und ‚seinen Zehnten’ dargebracht hat, wurde dem (von der „Leiterschaft” verkündeten) Gesetz anscheinend Genüge getan. Es gilt nun nicht mehr „der durch die Liebe wirksame Glaube” (Ga 5. 6), der die Not des Nächsten sieht, lindert und ihm aus Liebe heraus gibt, sondern das Geben wird in jenes ‚Opfern für die Gemeinde’ als dem in Projekte und Vorhaben hinein umgeleitet, mit welchem man sich – nach den Lehren und Vorstellungen zahlreicher ‚Prediger’ – bei Gott „einen Lohn”, oder eine „Ernte” zu sichern, oder gar reich zu werden hofft, was der Gemeinde als „besitzergreifender Glaube”, „Saatglaube” o. ä. verkauft und religiös verbrämt wird. Die Frömmigkeit verkommt dabei nach den Aussagen des Paulus zu einem Gewerbe. Das dem zugrunde liegende griechische Wort porismos ist zu übersetzen mit Handel, Herbeischaffung, Gewerbe; Weg zum Beschaffen von Geld; es ist verwandt mit poros, Weg, Durchgang, Furt, Straße, vgl. ‚Port’; Pore, Quelle, Geldquelle; eigentlich Gewerbetreiben, ‚Kapitalismus’; wörtlich genau bedeutet es Auftun einer Quelle, siehe 1Tim 6. 3 - 11). Ein solcher ‚Glaube’ ist dem Wesen nach ein Handel und stellt sich damit als ‚Kaufen’ und ‚Verkaufen’ dar. Die Quelle solcher Lehren ist finster: In Offenbarung 13. 17 ist der Handel derer, die das Tier, den Antichristen anbeteten, die alles umfassende Frage der Endzeit.

    Wer einen solchen Glauben verbreitet, lehrt nach der mittelalterlichen Maxime des ‚Forderns’ und ‚Ablassens’, wenn die Forderung erfüllt worden ist, und beträgt sich dabei wie jener Mönch Johannes Tetzel, der schon zur Zeit Luthers umherzog und den Unwissenden Ablaßbriefchen verkaufte, damit diese sich durch ihren Erwerb ihr vermeintliches „Seelenheil” sichern konnten, oder – um ein Beispiel aus der Schrift heranzuziehen – wie jene Kaufleute an der Vorhalle des Tempels, die der Herr einschließlich ihres gesamten Handels hinauswarf, Tische und Geräte inclusive, und sie anwies, das Haus Gottes nicht zum Kaufhaus zu machen (Jo 2. 16). Ganz verwerflich, ja kriminell wird ein solches Gebaren dann, wenn man auf „Biegen und Brechen” auf einer solchen Gesetzlichkeit besteht, und, koste es, was es wolle, den Geschwistern weit über ihr Vermögen hinaus bestehende Opfer- und Zehntengaben abverlangt. Mir wurde etwa von einem „Pastor” berichtet, der dies etwa auch von solchen einforderte, die keine Arbeit hatten und von Sozialhilfe zu leben hatten. Einmal war sogar von einem dieser sogenannten „Diener Gottes” zu hören, daß er denen, die hierzu keinerlei Geldmittel mehr zur Verfügung hatten, auferlegte, diese „notfalls” mit Krediten weltlicher Banken bzw. durch Überziehung ihrer Konten (!) zu finanzieren. Dies ist allerdings keine Lieblosigkeit mehr; dies ist ein Verbrechen – verübt an Geschwistern, die man damit verführt, sich in Gebundenheit und Schuldversklavung zu begeben. Diese Handlungsweise stellt überdies auch, da man den „Gebern”, wie man sagt, eine reichliche „Ernte” in Aussicht stellt, ein Versuchen Gottes und einen klaren Mißbrauch Seines Namens dar. Was wird Christus, der auferstandene und treue Zeuge (Off 1. 5) solchen „Dienern” hierzu wohl zu sagen haben?!

    Ganz offensichtlich wird dabei der Weg gesetzlicher Frömmigkeit, der an dem der Gnade vollständig vorbeigeht. Während der wirklich Glaubende nämlich aus Gnade d. h. unverdient empfängt, was ihm durch Christus schon erworben wurde, muß der auf diese Weise „Handel Treibende” immer erst etwas tun, um dafür etwas zu bekommen. So hat man bei solchem Tun den Glauben in einen Handel und damit in ein Gesetz verkehrt, und dabei jene zentrale Wahrheit des Neuen Testamentes gänzlich außer acht gelassen, nach der Gesetz und Gnade sich ausschließen und völlig gegensätzliche Wege, das Gesetz nämlich den Weg des Fluches (siehe Ga 3.10) und der Glaube den Weg der Verheißung und des Segens gehen (Ga 3. 9, 14 u. a.). Paulus ließ uns nämlich nicht darüber im Unklaren, daß jede Lehre, die eigenes Tun als Grundlage für Segen und Gnade voraussetzt ein Widerspruch in sich , Gesetz predigt, während uns der Glaube als Weg dargestellt wird, ohne Zutun der Werke, allein im Vertrauen auf Christus die uns in Ihm geoffenbarte Gnade zu empfangen (vgl. Rö 3. 24 - 28, Rö 4. 2 - 8 und Ga 3. 10 - 12). Es ist ein Trugschluß zu glauben, daß für unsere Erlösung die Gnade, für unsere Versorgung aber vor Gott eigene Werke Gültigkeit besäßen. Die Gnade ist nicht teilbar, wie auch die Gerechtigkeit Christi nicht teilbar ist, was uns anhand Seines Gewandes bildhaft veranschaulicht wird, das von oben nach unten in einem Stück durchgewirkt war und keine Naht besaß (Jo 19. 23).

    In solchen Lehren aber wird nicht mehr auf die Gnade gesetzt, die sich in Christus allein offenbart, sondern auf eine Gesetzesgerechtigkeit infolge unseres Tuns vertraut, die uns statt dieser frei und umsonst gewährten Gnade (Rö 3. 24, Off 21. 6) schließlich einen Lohn für unser Geben, d. h. für unsere eigene Leistung einbringen soll: Man richtet dabei die Gerechtigkeit der Werke auf, indem man die ‚Bedingungen’ des Segens zu erfüllen (wie man glaubt) und sich somit ‚die Voraussetzungen’ für die eigene Versorgung durch Werke selber zu schaffen sucht. Infolge dieser Gesetzeserfüllung, d. h. also durch eigenes Geben und Tun – wähnt man sich von sich aus in einen Stand versetzt, in dem man von Gott gesegnet und bestätigt werden könne. Dies führt direkt zur Herzenskälte: Wenn man doch alles getan hat, was man tun zu müssen glaubte, was interessieren da noch der Bruder und die Schwester? Gesetzespredigt und -Erfüllung, die daraus folgende Herzenshärte und ein gnadenloses Richten der Brüder (siehe Ja 4. 11 und 12), die vielleicht nicht in der Lage sind, bei solchem ‚Opfern’ mitzuhalten, sind nun an die Stelle von Barmherzigkeit und gebender Liebe getreten: „Haben sie sich nicht wohl selbst in eine solche Lage gebracht, weil sie ‚anscheinend’ nicht ‚gehorchten’ und ‚der Gemeinde, also Gott’ nicht genug gegeben haben ?!” Wer nicht „zahlt”, wer seinen „Obolus” nicht entrichtet und nichts von sich aus zu geben hat, gilt in solchen Strukturen als ungläubig und gehört eben nicht wirklich „dazu”. – Da die Liebe erkaltet ist, lautet nach der Vollendung solcher Schlußfolgerungen die unausgesprochene Frage, die schon alsbald nach dem Sündenfall von dem Brudermörder Kain, der bekanntlich Gott mit den Früchten des Feldes als denen seiner eigenen Arbeit und seines Schweißes (1Mo 3. 17 - 19) zufriedenstellen suchte, an Gott gerichtet worden war: 

    „Sollte ich (zu alldem noch) meines Bruders Hüter sein ?” (1Mo 4. 9). –

    So erzeigen sich die oben angezeigten Verhaltensweisen, die unter vielen religiös als „Glaube” verbrämt worden sind, nicht nur als der Weg des Gesetzes. Sie stellen damit zugleich auch den Weg Kains dar, der in dem Wirken eigener Kraft Gott nahen wollte und seinen Bruder Abel erschlug, der Gott nichts Eigenes darzubringen hatte, dessen Opfer, im Gegensatz zu dem Kains, jedoch angenommen worden war. Solche Lehren, wie wir sie oben angeführt haben, führen immer auch zu tödlicher Eifersucht. Wir lesen hierzu: 

    „Und der Herr blickte auf Abel und seine Opfergabe; aber auf Kain und seine Opfergabe blickte Er nicht.”
1Mo 4. 5, Rev. Elberfelder

    Während Abels Gabe in dem bestand, was er selbst nicht hervorgebracht hatte, nämlich in den „Erstlingen der Herde und ihrem Fett” als dem, was Gott ihm ohne sein direktes Zutun gegeben hatte, bestand Kains Opfer in den Früchten des Feldes, seiner Arbeit und seiner eigenen Mühen. Abels Aussage war, daß er letztlich Gott nur in dem nahen konnte, was dieser Selbst ihm geschenkt hatte, das also nicht in der eigenen Gerechtigkeit, nicht in dem eigenen Vermögen bestand. Kains Aussage war jedoch eine gänzlich andere, dem widersprechende: Er nahte Gott in dem Verdienst, den er selbst mit seiner Hände Arbeit hervorgebracht hatte. Diesen Verdienst eigener Werke nahm Gott nicht an; Er blickte aber auf den, der Ihm aufgrund dessen nahte, was Er ihm geschenkt hatte. Allein in diesem wurde dem Abel bezeugt, daß er gerecht sei (Hbr 11. 4). – In unmittelbarer Folge dieses Geschehens erhob sich nun der, der etwas von sich heraus zu bringen hatte gegen den, der nichts aus sich heraus zu bringen hatte, und schlug ihn auf dem Felde tot (1Mo 4. 8). Genau dieses Geschehen bezog Jesus nun auf das Wirken der selbstgerechten Pharisäer, indem Er ihnen, die Er somit in einer einheitlichen Linie mit dem Brudermörder Kain sah, zu sagen hatte: 

    „Wie wollt ihr (durch euer Tun) dem Gericht der Gehenna entfliehen? Deshalb siehe: Ich schicke Propheten, Weise und Schriftgelehrte zu euch; von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und andere von ihnen werdet ihr in euren Synagogen geißeln und von Stadt zu Stadt verfolgen, damit über euch alles gerechte Blut komme, das auf Erden vergossen worden ist, vom Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Zacharias, des Sohnes Barachias (d. i. der Prophet Sacharja, vgl. Sa 1. 1 und 7), den ihr zwischen Tempel und Altar gemordet habt. Wahrlich, Ich sage euch: Dies alles wird über diese Generation eintreffen.” –
Mt 23. 33 - 35

    Man lese noch einmal das ganze Kapitel Genesis 4 und ziehe das mit in Betracht, was Johannes in seinem ersten Brief (1Jo 3. 10 - 18) hierzu zu sagen hat. Hier hat man nun, gleich Kain, und in einheitlicher Tradition mit den Pharisäern zur Zeit Jesu (denen der Herr dies sagt) seine eigene Gerechtigkeit in selbsterwähltem Gottesdienst aufzurichten gesucht, wobei „das gerechte Richten, die Barmherzigkeit und der Glaube” auf der Strecke geblieben sind (siehe hierzu Mt 23. 23 - 24), und so mordet man den Bruder, indem man ihn zugunsten eigener Werke und menschlicher Vorhaben beiseite setzt und vernachlässigt. Hier findet das Verb hassen” (grie. miseo, es bedeutet ins Hintertreffen geraten lassen, gegenüber anderem zurücksetzen, verachten und verschmähen) seiner Bedeutung entsprechende Verwendung:

    „Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Menschentöter... Darin haben wir die Liebe erkannt, daß jener Seine Seele für uns dahingegeben hat. So sollen auch wir unsere Seelen für die Brüder dahingeben. – Wer aber seinen Lebensunterhalt in der Welt hat und dabei zuschaut, wie sein Bruder Bedarf hat, und dann sein Innerstes vor ihm verschließt – wie bleibt da die Liebe Gottes in ihm ? Kindlein, wir sollten nicht nur mit dem Wort noch mit der Zunge lieben, sondern mit dem Werk und der Wahrheit.” –
1Jo 3. 15 - 18

 


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Esau, die Speise und das Erstgeburtsrecht: Ein Fazit.

    So, wie es in den vorausgegangenen Beispielen mehr als deutlich wurde, hat man den Nächsten, der doch unser Bruder ist, zugunsten zahlreicher Unternehmungen dessen, was wir oft unter ‚Gemeinde’ verstehen, vernachlässigt, ihn abgeurteilt und lieblos behandelt. Welche Verbitterung und Verletzungen, welch große Not an dieser Stelle hätte vermieden werden können, erzeigt sich nun gerade hier daran, daß wir in der Schrift eine Wechselwirkung erkennen können zwischen dem Begegnen unserer ganz alltäglichen, leiblichen Bedürfnisse und unserem gemeinsamen Wandel mit dem Herrn. Das Entziehen der Versorgung durch Nichtgewähren der dem Bruder und der Schwester gebührenden Zuwendung trägt stets den Keim der Spaltung in sich (vgl. 1Kor 12. 24 - 26). Schon in der frühen Gemeinde


     „entstand ein Murren unter den Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Handreichung übersehen wurden”
Apg 6. 1,

    wie wir in dieser Schrift bereits gesehen haben. Die Glieder des einen Körpers, die doch miteinander Anteil an ein und demselben Fleisch haben sollen (vgl. 1Kor 11. 23 - 24), leiden so Mangel, und Berufungen, ja ganze Lebensströme des Herrn Selbst werden mit ihnen zurückgehalten, weil solche Teile dieses Körpers nicht die Handreichung und Hilfe vorfinden, die sie benötigen. So werden nicht nur sie, sondern mit ihnen der ganze Christuskörper verunehrt und mißachtet (1Kor 11. 22); es wird ihm Schaden zugefügt, indem seinen Gliedern die benötigten Zuwendungen verweigert werden, da man allzu sehr mit vermeintlichen ‚Gemeindevorhaben’ und erfolgversprechenden, Gewinn, Zahlen und Prestige einbringenden ‚Projekten’ beschäftigt ist. Wer in einer solchen Haltung noch am Tisch des Herrn teilhaben will, der „ißt und trinkt sich selbst ein Urteil”, d. h. zum Gericht; er macht sich schuldig an dem Körper und an dem Blut des Herrn (1Kor 11. 27 - 29).

    Infolge solcher zahlreich begangenen Sünden sind heute viele Glieder der Gemeinde verletzt und unversorgt zurückgelassen worden. Da ihrem Mangel nicht abgeholfen wurde von Gläubigen, in deren Macht dies sehr wohl gelegen hätte, die jedoch oftmals jedoch Unsummen in Projekte und Gemeindestrukturen gaben, während sie gleichzeitig die verurteilten, die nichts hatten und Mangel litten, und ihnen statt dessen mit religiöser Gesetzlichkeit begegneten, um noch das Letzte von dem zu verlangen, was sie besaßen, sind viele heute bitter geworden gegen Gott; gleich Esau, der sein Bedürfnis nach einer Nahrung ungestillt sah, und um diese doch noch zu erlangen sein Erstgeburtsrecht an Jakob abtrat (1Mo 25. 29 - 34), hat so mancher den Herrn innerlich verlassen und ist in die Welt gegangen (vgl. Hbr 12. 14 - 18). Kaum etwas kann erschütternder sein als dies. – – Gerade im Hinblick auf Esau warnt der Hebräerbrief vor dem Aufkommen einer bitteren Wurzel und sagt hierzu: 

    „Jaget nach dem Frieden mit allen und der Heiligung... und achtet darauf, daß es niemandem an der Gnade Gottes mangle, daß keine Wurzel voll Bitterkeit emporsprosse und euch sehr belästige und viele durch diese entweiht würden.
Hbr 12. 14 - 15

    Es ist dabei jedoch unbedingt zu beachten, daß man eine solche Zuwendung wiederum nicht einfordern kann und darf. Denn auch hier gilt, daß die Liebe nicht das Ihre sucht, wie Paulus den Korinthern geschrieben hat (1Kor 13. 5). Wir geraten anderenfalls in dieselbe schädliche Wurzel der Bitterkeit hinein, von der wir oben gesprochen haben und die geeignet ist, viele in ihren Sumpf mit hineinzuziehen und zu verderben. Paulus konnte Beides – er konnte sowohl Überfluß haben als auch Hunger leiden; „mit Beidem bin ich vertraut, schrieb er (Phil 4. 13). Weder sah er sich gehalten, gegen seine Nöte das vermeintlich „richtige Bekenntnis zu setzen, „dem Teufel zu gebieten” oder andere Dinge zu tun, die die Glaubensbewegung in solchen Zusammenhängen fälschlicherweise lehrt, noch ließ er sich verleiten aufzugeben oder die Brüder anzuklagen. Sein Fokus war ein völlig anderer, jenseits dieser Welt bestehender. So wußte er mit alledem richtig umzugehen, und er murrte nicht – weil er gelernt hatte, niemals gegen seine Lebensumstände aufzubegehren, und sich in allem mit der Gnade Gottes zu begnügen, wie sie ihm in der jeweiligen Situation gegeben war (2Kor 11. 26 - 12. 10). Murren und Aufbegehren führt immer in eine Beeinträchtigung durch den Teufel hinein, wir fallen umso tiefer, je mehr wir murren, und Gott kann uns nicht helfen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung, die ich habe machen müssen. 

    „Murret auch nicht, wie etliche von ihnen murrten und vom Verderber umgebracht wurden.” (1Kor 10. 10).

    Umgebracht vom Verderber, d. h. also durch Verderben – und das alles wegen unseres Murrens! So wird die Hilfe nicht nur zurückgehalten, sondern es wird auch ein Weg beschritten, an dessen Ende der Ruin steht. Man achte auf die Wortwahl: Der Widersacher ist niemand anders als der Teufel, und der wird uns hier als Verderber vorgestellt. Verderben ist ein Prozeß eines länger anhaltenden Niedergangs, in dem das noch verbleibende Gute allmählich verrottet. So können Jahre vergehen. Am Ende stehen Fäulnis und Tod. Wenn wir Dinge einfordern und vielleicht sogar noch einklagen und schlecht über andere reden, „weil sie uns ja nicht helfen wollten”, werden jene Geschwister abgestoßen, die Gott möglicherweise mit der Hilfe beauftragen könnte, und so wird Gottes Werk und Schule auch für andere zunichte gemacht, und das Wachstum in der Liebe, das wir ja alle wachsen sollen, wird zurückgehalten (vgl. Eph 4. 15). Ein solches Verhalten stellt eine schlimme Sünde dar, die viele und vieles verdirbt. Dasselbe gilt für unser Gebet; ihr habe nicht, weil ihr übel bittet, um es in euren Lüsten (eig. Begierden) zu verzehren, schreibt Jakobus einmal, nachdem er über Krieg, Neid und Mißgunst untereinander gesprochen hat (Ja 4. 1 - 3). Und auch der folgende Satz stammt von ihm; er steht in demselben Zusammenhang: „Gott widersteht dem Hochmütigen, dem Demütigen aber gibt er Gnade” (Ja 4. 6ff). Wenn wir also murren, anklagen und mit dem Finger zeigen, sollten wir wissen, daß vier Finger es sind, die auf uns zurück zeigen. In einem solchen Falle ist es an uns, aus dem Stolz auszugehen, davon abzulassen und darüber Buße zu tun.

    In der jüngeren Vergangenheit ist vor allem die Thematik des geistlichen Mißbrauchs zur Sprache gekommen, und es ist außerordentlich zu begrüßen, daß dies geschehen ist. Nur geschah dieser Mißbrauch nicht in einem leeren Raum; es hat einen Boden gegeben, dem man ihm bereitet hat, und dieser Boden bestand vornehmlich darin, daß man sich Lehrer erwählt hat, die das redeten, wonach die Ohren zu hören begehrten, und diese sich zu Leitern erkor, denen man biblische Bezeichnungen untergeschoben hat. Als ich einen Protagonisten der Szene auf diesen Umstand hinwies, war er hoch empört. Es könne doch nicht sein, daß man die Opfer für das an ihnen begangene Unrecht auch noch verantwortlich erkläre und sie damit, so unterstellt er, abermals zu Opfern mache. Dies geschieht hier ausdrücklich nicht. Aber genau das sind die Fragen, die man sich auf beiden Seiten stellen muß, wenn man in der Frage wirklich weiter kommen will, denn es ist nicht zu leugnen, daß hier ein Zusammenhang besteht. Nachdem man bis zum Überdruß die biblischen Propheten vernachlässigt hat, um die eigenen zu hören, wollen wir mit eben genau dieser Umkehr beginnen: Wir wollen hören, was uns Gott durch diese Seine Propheten heute zu sagen hat, indem wir Jesaja, Kapitel 58, die Verse 1 - 10 (Schlachter 2000) lesen:

    „Rufe aus voller Kehle, schone nicht! Erhebe deine Stimme wie ein Schofarhorn und verkündige meinem Volk seine Übertretungen und dem Haus Jakob seine Sünde!

    Sie suchen mich Tag für Tag und erheben den Anspruch, meine Wege zu kennen, wie ein Volk, das Gerechtigkeit geübt und das Recht seines Gottes nicht verlassen hat; sie verlangen von mir gerechte Urteile, begehren die Nähe Gottes:

    »Warum fasten wir, und du siehst es nicht, warum kasteien wir unsere Seelen, und du beachtest es nicht?«

    Siehe, ihr fastet, um zu zanken und zu streiten und dreinzuschlagen mit gottloser Faust: ihr fastet gegenwärtig nicht so, daß euer Schreien in der Höhe Erhörung finden könnte. Meint ihr, daß mir ein solches Fasten gefällt, wenn der Mensch sich selbst einen Tag lang quält und seinen Kopf hängen läßt wie ein Schilfhalm und sich in Sacktuch und Asche bettet? Willst du das ein Fasten nennen und einen dem HERRN wohlgefälligen Tag?

    Ist das nicht ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Daß ihr ungerechte Fesseln losmacht, daß ihr die Knoten des Joches löst, daß ihr die Unterdrückten freilaßt und jedes Joch zerbrecht?

    Besteht es nicht darin, daß du dem Hungrigen dein Brot brichst und arme Verfolgte in dein Haus führst, daß, wenn du einen Entblößten siehst, du ihn bekleidest und dich deinem eigenen  Fleisch nicht entziehst?

    Dann wird dein Licht hervorbrechen, und deine Heilung wird rasche Fortschritte machen: deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deine Nachhut sein!

    Dann wirst du rufen, und der HERR wird antworten; du wirst schreien, und er wird sagen: Hier bin ich! Wenn du das Joch aus deiner Mitte wegtust, das höhnische Fingerzeigen und das unheilvolle Reden; wenn du dem Hungrigen dein Herz darreichst und die verschmachtende Seele sättigst - dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag!”


*  *  *


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Anmerkungen

[1] Mit den Unterschieden zwischen beiden Ordnungen, von denen eine die des neuen, die andere noch die des Alten darstellt, haben wir uns intensiv in der Schrift Die Zehntenlüge auseinandergesetzt.

[2]  Die Jerusalemer Gemeinde wird nicht nur unter der Verfolgung zerstreut. Philippus etwa, einer der in Apg 6. 4ff explizit zum Tischdienst in Jerusalem Erwählten, wird unmittelbar danach vom Geist Gottes in die Wüste geführt, wo er dem äthiopischen Kämmerer der Kandake begegnet, dem er anhand des Propheten Jesaja das Evangelium erklärt und den er tauft; die koptischen Christen sind darauf zurückzuführen (Apg 8. 26 - 40). Im Anschluß (V. 40) wird er vom Geist mit unbekanntem Ziel versetzt; man findet ihn schließlich in Asdod wieder. Danach sehen wir ihn in weiten Landstrichen bis hinauf nach Cäsarea das Evangelium verkündigen, wie er auch schon zuvor, unter Wundern und Zeichen, ganz Samarien evangelisiert hatte (V. 5ff.). Stefanus, einer der anderen, wird vom Geist ebenfalls nicht etwa im besonderen Amt eines Tischdieners bestätigt, sondern noch im selben Kapitel! zur Ausübung von nicht unerheblichen Zeichen und Wundern begabt. Schließlich wird er zum Märtyrer, noch bevor die (sich allerdings alsbald erhebende) Zerstreuung der Jerusalemer Gemeinde beginnt (Apg 6. 8ff). Wir sehen also ganz offensichtlich, daß Gottes Geist hier andere Wege führte als die, die zu gehen jene menschliche Wahl in Apg 6 wir lesen tatsächlich nichts von einer Anordnung Gottes diese Brüder bestimmt hatte.

[3] Hinzu kommt der aus biblisch-geistlicher Sicht grundsätzlich falsche Ansatz, daß durch das Betören der Augen Menschen zu Gott geführt werden könnten. Die Wahrheit ist, daß einige vielleicht zu einer Gemeinde sich hingezogen fühlen könnten. Sie könnten auch aufgrund des besonderen Gebäudes angezogen worden sein. Dann sind sie zunächst einmal zu der Gemeinde und zum schönen Gebäude gezogen worden, aber nicht zu Gott. Ich selber habe nichts gegen Gebäude. Sie sind notwendig, und ich selber bin völlig überzeugt von der Tatsache, daß in den vergangenen Jahrhunderten Menschen große und signifikante Gebäude errichtet haben, die nicht nur von der Ehre Gottes künden, sondern auch davon, daß diese Menschen in ganz eigener Weise vom Geiste Gottes geführt worden sind. Diese Steine sprechen heute noch, während ihre Erbauer längst vergangen sind, und sie können durchaus, wenn Gott Gnade schenkt, auch von großen anbetenden Menschenmengen zur Ehre Gottes wieder gefüllt werden. Diese Werke sind zwar, wie alles unter den Menschen, nicht ohne Sünde. Sie haben jedoch wenig gemein mit dem häufig von ungeistlichem Ehrgeiz gezeichneten Bestreben heutiger „Strukturapostel”. Daß etwas, was nach Johannes (1Joh 2. 16) ein „Bedienen der Augenlust” genannt werden muß, die nach dessen Aussagen „nicht von dem Vater, sondern von der Welt” ist, zu etwas Geistlichem führen könne, ist schlicht unmöglich, und die Abertausenden von echten Bekehrungen auf der Welt, die im Verborgenen, in dürftigen Wellblechhütten und Baracken, in oder außerhalb von Kirchen sich ereignen mögen, dürften dies bestätigen.

[4] Man achte genau auf die Formulierung, die Petrus ganz mit Bedacht nicht als aktives, sondern als reagierendes Handeln dargestellt hat, was ebenso gern wie häufig übersehen und überdies auch in diversen Übersetzungen falsch wiedergegeben wird: Der Bau des geistlichen Tempels, der die Gemeinde ist, gehört damit allein in die Hand Gottes; er ist nicht in unsere Vollmacht gegeben. Wie schon im Alten Bund, so gilt auch hier: Wer das Heilige berührt, der fällt unter Gericht. Die Schrift hat dazu durchaus Beispiele, wie die des (nach Menschenmeinung durchaus in löblicher Absicht handelnden) Usia, der die Bundeslade berührte und daraufhin sterben mußte (2Sam 6. 1 - 11).

[5] So die in den deutschen Sprachschatz eingegangene Übersetzung Martin Luthers, die eine sehr kleine Gabe beschreibt; jemand, der nicht mehr geben kann, der steuert eben „sein Scherflein” bei. Der griechische Text erwähnt den Lepton als kleinstmögliche, vom Materialwert nicht gedeckte Münzeinheit. Recht erhellende Erklärungen dazu sind in der Wikipedia unter den Begriffen Lepton und Scherflein bzw. Scherf zu finden. Auch der Begriff verscherbeln (=unter Wert verkaufen) bezieht von hier seine Wurzeln, was zeigt, daß das Wort Scherflein durchaus nicht den durchweg guten Beigeschmack haben muß, der kulturell und traditionell mit ihm immer wieder verbunden worden ist.

[6] Auch der Zehnte, den Abraham seinerzeit dem Melchisedek dargebracht hatte, kann nicht als weiterhin gültig dargestellt werden, da er prophetisch hinsichtlich des damals noch zukünftigen Priesterstammes Levi geschah, der im Neuen Bund jedoch keine Relevanz mehr besitzt, da Jesus aus dem Stamm Juda hervorgegangen ist (Hbr 7. 1 - 21). Zu beachten ist auch, daß Abraham diese Gabe nicht dem eigenen Vermögen entnimmt, sondern aus der der Habe Lots entstammenden Kriegsbeute: sein eigenes Einkommen hat Abraham zu keiner Zeit verzehntet, zumal er in dem verheißenen Land als Fremder und Beisasse lebte, nicht aber als Eigentümer; das einzige, was ihm dort zum Eigentum wurde, war sein Grab in der Höhle von Machpela (1Mo 23. 1 - 20 und 25. 8 - 10; Hbr 11. 9 - 10). Die Verzehntung Abrahams durch Melchisedek ist mithin eine einmalige und in sich abgeschlossene, die sich direkt und ausschließlich auf Levi s. o. bezieht, der bis dahin noch nicht geboren war (Hbr 7. 6 - 10).

    Wohl hat Melchisedek mit dem Neuen Bund zu tun, aber nicht der Zehnte, der ihm einst gegeben worden war. Die Tatsache, daß er von Abraham ein Zehntel der Beute entgegen nahm, in dessen Ordnung stehend uns Jesus als Hohepriester geschildert wird, belegt damit nicht eine Gültigkeit des Zehnten über den Alten Bund hinaus, sondern das Gegenteil. Hier ging es nie und hier geht es nicht mehr um das Gesetz; die Zielsetzung Gottes für den neuen Bund ist eine ganz andere, darüber hinausgehende und damit weit bessere, als die alte und vom neuen Bund abgelöste, noch aufs Land Israel bezogene Opfergesetzgebung mit ihrem dazugehörigen Levitendienst, in deren Zusammenhang der Zehnte steht, zu verfolgen jemals in der Lage gewesen wäre. Wer den Zehnten heute noch lehrt, lehrt Gesetz. Das vermögen auch solche scheintheologischen Winkelzüge, mit denen die Unwissenden geblendet werden sollen, nicht zu verdecken. Siehe dazu auch die weiter unten stehende Anmerkung 7.

[7] Auf die diesbezüglichen Aussagen des Jakobusbriefes wird in „Der Weg der Liebe und die Wiederkunft des Herrn – Arm und Reich: Gedanken zum Jakobusbrief weiter eingegangen werden.

[8] Näheres über diesen offensichtlichen Irrweg haben ich in der Schrift „Die Zehntenlüge – Vom Opfer, dem Gebannten und der Barmherzigkeit” im dritten Kapitel ebenfalls ausführlicher dargelegt, und möchte auf diese daher – vor allem auch im Blick auf das heute üblich gewordene Verlangen von Zehnt- und Opfergaben – besonders hinweisen.





Verwendete Bibelübersetzungen und Hilfsmittel

Wo nicht anders angegeben, wurden für das Neue Testament, das Erste und Zweite Buch Mose, die Psalmen, die Propheten Jesaja und Daniel die folgenden Ausgaben der Konkordanten Übersetzung verwendet:

Konkordantes Neues Testament mit Stichwortkonkordanz
6. Auflage 1995, Alle Rechte vorbehalten

Konkordantes Altes Testament, Das Erste und Zweite Buch Mose
2. erw. Auflage

Konkordantes Altes Testament, Die Psalmen
1. Auflage 1994

Konkordantes Altes Testament, Jesaja
 Studienheft mit transliterierten göttlichen Titeln
3. Auflage

Konkordantes Altes Testament, Daniel
1. Auflage 1991

Konkordanter Verlag Pforzheim
Leipziger Str. 11
75217 Birkenfeld

An allen anderen Stellen wurden verwendet:

Elberfelder Übersetzung (Unrevidierte Version)
„Die Heilige Schrift Aus dem Grundtext übersetzt”
73. Auflage 1993

Revidierte Elberfelder Übersetzung
Verlag R. Brockhaus, Wuppertal

Schlachter - Übersetzung
„Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments / Unter Berücksichtigung der besten Übersetzungen / Nach dem Urtext übersetzt von Franz Eugen Schlachter / Neu bearbeitet und herausgegeben durch die GENFER BIBELGESELLSCHAFT, Genf, 1985”

Die Geschriebene des Alten und des Neuen Bundes
Übersetzung von Fritz Henning Baader, 3. (überarbeitete) Gesamtausgabe 1998
Copyright 1998 by F. H. Baader, 75328 Schömberg

Novum Testamentum Graece
Nestle - Aland, 26., neu bearbeitete Auflage 1979-1988
Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten

Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament
Hrsg. Gerhard Kittel u. a.
Verlag Kohlhammer, Stuttgart u. a., 1933-1969



Lieber Bruder, liebe Schwester!

Wir hoffen, daß die vorliegenden Bibelstudien Euch zum Segen geworden sind und unser HERR Jesus Christus Euch damit in Seiner Liebe neu begegnet ist und berührt hat, so wie auch wir von Ihm berührt worden sind.

Gleichzeitig bitten wir Euch aber auch, selbst in der Schrift nachzuforschen, ob es sich so verhält (Apg 17. 11). Gottes Wort ist so voll unerschöpflichen Reichtums, daß wir ganz bestimmt nicht auf Vollständigkeit und Fehlerlosigkeit dieses Bibelstudiums bestehen. Denn allein in Christus sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen (Kol 2. 3).

Wir wünschen uns, daß sich dieser Reichtum in Eurem Leben entfaltet und Ihr so nicht nur zu Schatzsuchern, sondern zu Schatzhebern werdet.

Wenn Ihr aus diesen Bibelstudien etwas empfangen habt und sie an Geschwister weitergeben wollt, die ebenfalls „Hunger” danach haben, so bitten wir Euch, das sehr verantwortungsbewußt und mit göttlicher Liebe und Weisheit zu tun. Benutzt diese Bibelstudien nicht, um einen „Krieg” zu entfachen, Geschwister zu verwirren und zu trennen. Bitte bedenkt, daß unser HERR voller Gnade und Sanftmut mit Jedem von uns Seinen eigenen Weg geht und ER aussucht, wann wir welcher „Nahrung” bedürfen. Wir möchten auf Johannes 10. 8 hinweisen: Jesus sagte: „Alle, die Mir zuvorkommen wollten, sind Diebe und Wegelagerer; die Schafe jedoch hörten nicht auf sie.” Werden wir zu solchen, dann haben wir die Liebe verlassen, die wir unseren Brüdern und Schwestern schuldig sind. Hört also bitte auf das Reden unseres HERRN Jesus Christus und gebt diese Bibelstudien weiter, wenn ER Selbst dafür eine Tür aufgetan hat.

Bitte beachtet dabei die folgenden drei Dinge:

1. Gebt diese Studien kostenlos weiter, auf welchem Wege auch immer Ihr wollt, aber nehmt nichts als Gegenleistung dafür (Mt 10. 8 - 9).

2. Bitte gebt diese Studien unverändert und vor allem vollständig weiter. Einzelne Bruchteile könnten durchaus, da sie aus dem Zusammenhang herausgenommen worden sind, mißverstanden werden. Solche Mißverständnisse können Schaden anrichten.

3. Diese Studien dürfen nicht in irgendwelchem Zusammenhang mit kommerzieller oder sonstiger Werbung veröffentlicht werden.

Diese Schrift ist am 28. 07. 2012 zuletzt bearbeitet worden.

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