Vom Weg Kains 


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Vom Weg Kains oder:
Die verwundete Liebe


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Gedanken über den Tempel Gottes


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 < Der Weg der Liebe - Arm und Reich
Wißt ihr nicht? >


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Die nachfolgenden Abhandlungen
stellen einen Teil einer Aufarbeitung
der in diversen Gemeinden der sog. Wort des Glaubens - Szene
erlebten
Praxis des Gebens und Nehmens dar.

Hauptgegenstand der Darlegungen
soll die Ausübung der geschwisterlichen Liebe unter denen sein,
die sich Kinder Gottes nennen.

Dabei sollten einzig und allein
die biblischen Sachverhalte zum Ausdruck kommen
und das von nicht Wenigen Erlebte
an ihnen gemessen werden.


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Inhalt

Versorge die lebendigen Steine oder: Gebt ihr ihnen zu essen

Gesetz oder Gnade Liebe oder Ablaßhandel?
Selbsterwählter Gottesdienst und Brudermord: Vom Weg Kains.

Esau, die Speise und das Erstgeburtsrecht: Ein Fazit.

Anmerkungen


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2011 durchgesehen und neu überarbeitet


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 < Der Weg der Liebe - Arm und Reich
Wißt ihr nicht? >


Versorge die lebendigen Steine oder: Gebt ihr ihnen zu essen

    Die Gemeinde ist nicht nur der Leib des Herrn, sondern auch der Tempel Gottes, der aus den verschiedenen Bausteinen, nämlich ihren einzelnen Gliedern, besteht (vgl. 1Ptr 2. 4 - 5). Der Dienst am Tempel ist daher immer auch der Dienst an Bruder und Schwester an sich. Daher wird er nicht gepflegt und aufrechterhalten, indem man fleißig in Gemeindestrukturen und Projekte gibt, sondern indem in die Glieder der Gemeinde selbst investiert und ihrem Bedarf und ihren Nöten begegnet wird, wobei die Schrift nicht zwischen geistlichen oder leiblichen (materiellen, krankheitsbedingten usw.) Zuwendungen unterscheidet. Damit erklärt sich der Zustand des Tempels nicht anhand gewaltiger „Missionsprojekte”, neuer Bauten, besserer Technik oder ähnlicher Vorhaben, wie dies in heutiger Zeit ebenso häufig wie falsch gehandhabt wird, sondern zunächst erst einmal daran, wie es einem jeden einzelnen Baustein, also den Gliedern des Christuskörpers selbst ergeht und ihnen gedient wird. Der Leib des Herrn besteht aus Menschen, nicht aus Gebäuden, Dingen und Organisationsstrukturen! [1]

    Bezeichnenderweise kennzeichnet das Übersehen dieser einfachen Wahrheit den ersten Fall der Urgemeinde aus der Ordnung Gottes, da alle alles noch miteinander geteilt hatten (s. Apg 2. 42 - 47, 4. 32 - 35 im Gegensatz zu Apg 6. 1). Die Mißachtung dieser Wahrheit, unter der Schutzbehauptung, alles gegeben zu haben, brachte Ananias und Sapphira noch Gericht, während solche Leute heute mit Ämtern geehrt werden und die Gemeinde Gottes regieren dürfen (Apg 5. 1 - 10). Am Gelde hängt die Welt, und am Geld hängen auch solche Gemeinden. So zeigt sich dieser Schaden bis heute weithin eingerissen; er ist demzufolge nie wirklich behoben worden. Das wird auch durch das Anführen vermeintlich passender Bibelstellen nicht anders. So wird in Gemeinden der so genannten Glaubensbewegung etwa gern der Prophet Haggai zitiert, um die Geschwister zu drängen, dasjenige, das sie eigentlich zum Leben benötigen, reichlich in Gemeindeprojekte hinein zu geben. Was aber sagt Haggai? Wir lesen:

    „Dies Volk sagt: Die Zeit ist noch nicht gekommen, daß das Haus des Herrn gebaut werde!... Ist es aber für euch an der Zeit, in euren getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus in Trümmern liegt?”

Hag 1. 2b - 4, Schlachter

    Wer solche Kritik anbringt, dem wird oft gesagt, daß „Gemeinde kein Selbstzweck” sei. Darunter werden zumeist die Betonung missionarischer Aktivitäten und solcher im Bemühen, vor allem zahlenmäßiges Gemeindewachstum hervorzubingen, verstanden, denen alles andere zu opfern sei. Daraus resultiert auch das vielerorts anzutreffende Bestreben, möglichst große, weithin sichtbare und repräsentative Gebäude zu errichten. Diese Zweckbetonung ist theologisch wie ethisch gesehen falsch, und sie läßt darüber hinaus erkennen, das man das Wesen von Gemeinde Gottes ekklesia nicht verstanden hat. Hier ist Gott der Agierende, während wir Menschen zurückzustehen haben. Nicht wir haben zu ordnen und zu richten, zu schalten und zu walten, sondern allein Er. Weiterhin besteht nicht nur ein gravierendes Mißverständnis darin, wer diese ekklesia (Herausgerufene) ruft und zusammenführt, sondern (damit zusammenhängend) auch, woraus diese ekklesia gebildet wird. Nicht umsonst wird dieselbe auch als Tempel des Heiligen Geistes bezeichnet, und nicht umsonst sagte Jesus auch, daß niemand zu Ihm kommen könne, wenn der Vater ihn nicht ziehe (Jo 6. 44, vgl. a. V. 65). Niemand kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht von oben her gegeben wird (Jo 3. 27). Diese weise Einsicht Johannes des Täufers, die bei unseren Vätern weithin noch Usus war, sehen wir heute ebenso weithin mißachtet und daher aufgegeben.

    Wie wir oben sahen, besteht das Haus des Herrn aus den lebendigen Steinen, den Kindern Gottes, die der Herr zu diesem Tempel zusammenfügen will, selbst. Wenn jedoch das Herzubringen von Menschen schon auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen ist, kann das Bestreben, diese zu verwalten, auch wieder nur ein solches von menschlicher Aktivität sein. Die hier beschriebene Problematik wurzelt also in dem Bestreben, selbst zu bauen, und gründet sich damit auf menschliche Überhebung, in der der Mensch Gottes Stelle einzunehmen gedenkt. Wenden wir bei der Beschäftigung mit diesem Wort die obenstehende Erkenntnis konsequent an, dann bedeutet dies nichts anderes, als daß man in völliger Mißachtung dieses Zusammenhanges ebensolche „getäfelten Häuser” großartiger Strukturen und ehrgeiziger Vorhaben errichtet hat, während das eigentliche, aus menschlichen Gliedern bestehende Haus Gottes vielfach „in Trümmern” darniederliegt. Wie zur Zeit des Propheten zieht man es also vor, dem eigenen Ehrgeiz zu frönen, wovon die schön getäfelten Häuser sprechen, statt dem Haus des Herrn zu dienen und es aufzubauen. Dies ist genau so Sünde, wie es Sünde ist, wenn wir unseren Bruder oder die Schwester Not leiden sehen, während wir uns selbst mit luxuriösen Dingen umgeben!

    Warum dies so ist, liegt auf der Hand: Da man vergessen hat, daß der Tempel aus lebendigen Bausteinen der Gläubigen, also den Kindern Gottes an sich besteht, (1Kor 3. 16 - 17, 2Kor 6. 16, Eph 2. 19 - 22), hat man diese auf das Sträflichste vernachlässigt, um dem so genannten „Gemeindeprojekt” zu frönen. Indem man selbst baute, statt sich in den geistlichen Tempel einbauen zu lassen (1Ptr 2. 4 - 8), überging man den Herrn und wurde so zu einem Baumeister, der den göttlichen Eckstein beiseite gesetzt, mithin also verworfen hat. Aus der Grundlage der biblischen Apostel und Propheten wurde eine solche von Menschen, da man nicht mehr auf deren Wort in der Schrift, sondern auf solche gebaut hat, die man sich selbst zu Aposteln erwählte. Aus der dem Nächsten zukommenden Liebe wurde so der Dienst an einem durch menschliche Führerschaft errichteten System, der sich bald zu einem Totalitarismus auswuchs, in dem es neben dem Errichten und Erhalten gemeindlicher Strukturen kaum noch etwas anderes geben sollte. Damit fand ein verhängnisvoller Wechsel statt, womit die Präferenzen eindeutig verschoben worden sind. Hatte man erst Christus, den Fels, verlassen, gab man alsbald auch die lebendige Beziehung zu den Menschen auf. Alles hatte fortan der Struktur zu dienen. Ganz selbstverständlich geschah dies stets unter dem Anspruch, besonders „bibeltreu” zu sein, und darin liegt auch die eigentliche Irreführung dieses Weges. Wie die Pharisäer zur Zeit Jesu, rief man Korban!” (Opfergabe), und gab mit dieser „Opfergabe” das, was dem „eigen Fleisch und Blut” zustand, in einen „Tempel”, der jedoch nie der „Tempel des Herrn” gewesen ist. Was also sagt der Herr dazu, daß man heute für stolze Vorhaben und äußerliche Strukturen – namens und oftmals sogar zum Vorteil einer „Leiterschaft” – von den Geschwistern nimmt (statt ihnen die Unterstützung zuteil werden zu lassen, derer sie bedürfen), um davon „sein eigenes Reich” zu errichten, während so mancher Familienvater nicht weiß, ob und wie er die Seinen weiterhin durchbringt? – Wie geht es an, daß so viele unaufhörlich in die Projekte „der Gemeinde” geben, die als angeblich „vom Herrn verordnet” angepriesen werden, und dabei immer weniger für die Gebenden übrigbleibt, während ihnen dies gleichzeitig von gewissenlosen „Predigern” als der sichere Weg zum Wohlstand” (vgl. 1Ti 6. 5 - 11) verkauft wird ?! –

    Haggai gibt solchem Krämergeist die richtige Antwort. Nur leider hat man ihn in solchen Kreisen entweder nur wenig oder gar nicht verstanden:

    Und nun spricht der Herr der Heerscharen also: Achtet auf eure Wege! Ihr säet viel und bringet wenig ein; ihr esset und werdet doch nicht satt; ihr trinket und habt doch nicht genug; ihr kleidet euch und werdet doch nicht warm; und wer einen Lohn verdient, der legt ihn in einen durchlöcherten Beutel !

Hag 1. 5 - 6, Schlachter

    Wie viele derer, die heute reichlich „zehnten” und „opfern”, leben so? Es sind viele, die dies genau so erfahren; es ist Alltag bei ihnen, und noch immer sind sie blind für die Tatsache, daß sie einer Lüge aufgesessen sind. Man verstehe dies nicht falsch. Es ist nichts gegen einen würdigen Ort zu sagen, in dem man sich trifft und Gott angebetet wird. Ein solcher Ort, den man für Gott heilig hält, sollte diesem Zweck auch angemessen sein. Sicherlich ist eine äußerliche Organisation notwendig; auch gegen eine solche richten wir uns nicht. Die Organisation folgt jedoch dem Leib, nicht der Leib der Organisation. Auch dies hat den Geschwistern zu dienen! Denn die Liebe gilt nicht der Struktur, sondern dem Nächsten, dem Bruder und der Schwester. Insofern sind alle diese Fragen gewiß notwendig; aber sie sind untergeordneter Natur. Während in heutigen Gemeindestrukturen jedoch das Geben in Vorhaben und Projekte als das Geben der Bibel dargestellt, ihm also Vorrang eingeräumt wird, wird, ist dies – auch nach den Briefen des Paulus – gerade nicht der Fall. Er schreibt darum nicht über irgendwelche Vorhaben, die „die Gemeinde” zu finanzieren habe, sondern von der Unterstützung für die Heiligen selbst:

    „Denn euch von der Unterstützung für die Heiligen zu schreiben, ist für mich überflüssig; weiß ich doch um eure Eifrigkeit...”

2Kor 9. 1

    Hier ging es um eine Sammlung für die Heiligen in Achaja, die offenkundig Mangel litten. Der hier angesprochene „Dienst dieser Hilfeleistung” diente zur „Auffüllung des Mangels der Heiligen”, der wiederum „in dem Dank vieler Gott gegenüber” überfließen sollte (2Kor 9. 12). Und weiter schreibt der Apostel:

    „Infolge eurer Bewährtheit bei dieser Dienstleistung werden sie Gott verherrlichen, im Blick auf eure Unterordnung im Bekenntnis zum Evangelium des Christus und auf eure Großmut in der Beisteuer für sie und für alle.”

Vers 13

    Indem die Geschwister in Achaja erkennen, daß der Liebesdienst der Korinther keine Eintagsfliege ist, sondern eine Praxis, die sich bewährt, kommt es ihrerseits zum Lobpreis Gottes. Sie merken also, daß letztlich Gott es ist, der Sich – vermittelst der Gaben aus Korinth – um sie kümmert. So kommen nicht nur Gott und Mensch, sondern auch die Menschen an sich zusammen, wobei selbst große räumliche Entfernungen zur Nebensache werden. Denn hier geht es tatsächlich nicht nur um eine einmalige „Beisteuer”, sondern um koinonia, um eine „Gemeinschaft zu gleichen Teilen”. Liebe stiftet nicht nur Gemeinschaft, sondern erhält sie auch, da es der Liebe nicht um Regeln, sondern um die Beziehung zum Gegenüber geht. Dabei ließ der Apostel, auf den man sich in den oben bezeichneten Kreisen so gerne beruft, die Empfänger seiner Briefe nicht im Unklaren über das Maß, das das Geben der Gemeinde bestimmen sollte: So sollte ein jeder geben...

    ... nach dem Maß, was jeder hat, und nicht nach dem, was er nicht hat. Also denn nicht so, daß andere Entspannung haben, ihr aber Bedrängnis, sondern zum Ausgleich soll bei der jetzigen Gelegenheit eure Überfülle den Mangel jener ausgleichen, so daß ein andermal die Überfülle jener eine Hilfe für euren Mangel werde, damit ein Ausgleich stattfinde, so wie geschrieben steht: Wer viel gesammelt hatte, dessen Teil nahm nicht zu; und wer wenig gesammelt hatte, dessen Teil war nicht geringer.

2Kor 8. 12 - 15

    Die vorhin genannte Gemeinschaft zu gleichen Teilen, die neutestamentliche koinonia, erhält von hier aus erst ihre eigentliche Bedeutung. Denn Paulus bezog sich in diesem Vers auf das Einsammeln des Manna in der Wüste durch Israel, wodurch Gott Sein Volk versorgte, als es sich nicht in dem ihm verheißenen Land befand (siehe 2Mo 16. 18), und sagt damit nichts anderes, als daß diese Ordnung auch die ist, die in der Gemeinde des Neuen Bundes Gültigkeit besitzt. Wie jene, die damals das Manna sammelten, so sollten auch hier, denen in ihren Einkünften mehr zugekommen war als dasjenige, was sie für sich selbst benötigten, das Überfließende demjenigen zukommen lassen, der weniger hatte als er selbst benötigte. Diese Regel sehen wir bis heute jedoch kaum gelebt. Damit aber wird klar, daß mit dieser Praxis ein „Zehnter”, der heute in vielen Gemeinden verlangt wird, nicht gemeint sein kann, vermag er diese Ordnung doch niemals aufzurichten. Im Gegenteil – er steht ihr sogar entgegen, und darum kann er nichts anderes als das einzureißen, was Gott hier geboten hat. Denn das, was das Manna vermochte, vermag der Zehnte gerade nicht: Wurde das Manna je nach Vermögen und Bedürftigkeit sowohl gesammelt als auch ausgeteilt, „schert” der „Zehnte” dagegen „alle über einen Kamm”, da er sowohl vom Wohlhabenden als auch vom Darbenden dargebracht zu werden verlangt, nach der dem alttestamentlichen Propheten Maleachi entnommenen, nun aber in den Neuen Bund hineininterpretierten Regel, daß der, der nicht zehnte, auch keinen Segen davontragen werde. Hier werden jedoch Dinge vermengt, die nicht zusammengehören. Das Manna verweist uns auf die Gnade; der Zehnte dagegen führt uns ins Gesetz. Das Manna ist eine himmlische, der Zehnte dagegen eine irdische Ordnung. Das Manna ist denen gegeben, denen der Himmel gegeben ist, der Zehnte” dagegen galt denen, die in das Land mit dem ihm gegebenen Gesetz und dem dazugehörigen Levitendienst gesetzt waren. Der Zehnte ist vergangen; das Manna dagegen bleibt aktuell; sonst hätte der Apostel hier nämlich den Zehnten und nicht das Manna erwähnt. Darum entspricht die Ordnung des Manna, die der Apostel hier aufrichtet, auch der Liebe – die eines „Zehnten”, zumal der, die man heute daraus gemacht hat, dagegen nicht. [2]

    Die Liebe begegnet der Not dort, wo sie sie findet – ohne jeden Ausweg. Darum können sich unser Geben und unsere Handreichung nicht an durch Menschen gesetzten Prioritäten orientieren, sondern müssen sich anhand der Not und der Bedürftigkeit erzeigen, die wir gerade vorfinden. Hat man heute nicht gerade hier ein neues Pharisäertum errichtet? Jesus sprach in seinem Wort von dem barmherzigen Samariter jedenfalls davon, wer dem verwundet und beraubt Darniederliegenden der Nächste gewesen war (Lk 10. 30 - 37). Und das war – zum Aufmerken an den Pharisäer gerichtet, den Jesus mit diesem Gleichnis unterrichtete – einer von den in Israel nicht anerkannten Samaritern, während die Frommen jener Zeit an ihm vorübergingen. Jener Samariter half dem, auf den er auf seinem Wege traf, und begegnete ihm nach dem Maße seiner Bedürftigkeit.

    Gerade das Gesetz des „Zehnten” scheint heute vielen jedoch eine Möglichkeit eröffnet zu haben, sich aus solcher Verantwortung herauszustehlen. In pharisäischer Manier versuchen sie zu beurteilen, was Menschen, die „unter die Räuber gefallen sind”, wohl in diese Situation gebracht haben könnte, wollen sie belehren und stoßen sie dadurch noch tiefer ins Elend. Ihr Grundtenor ist dabei immer der, daß das Opfer an seiner Misere selber schuld sein müsse. In der Tat mag sich Ähnliches hier sogar andeuten, da Jesus davon spricht, daß dieser – von Räubern verwundet, beraubt und halbtot liegen gelassene – Mann von Jerusalem, der Stadt Gottes, nach Jericho, der Stadt der Heiden hinabgezogen war. Doch wird dies in dem Gleichnis nicht weiter thematisiert, und darum war dies auch zu keiner Zeit eine Grundlage, auf der ihm zu begegnen oder gar mit ihm zu disputieren war. Von dem Versuch zu beurteilen, was wir (zunächst wenigstens) nicht zu beurteilen haben, bis zur Verurteilung ist es oft nur ein kleiner Schritt. In diesem Gleichnis, das Jesus nicht umsonst der Pharisäerschaft zugute kommen läßt, ist alles das kein Thema. Hier ist es gerade der von Jerusalem aus verachtete, für „unrein” gehaltene Samariter, der in einer Weise half, die dem vom Feind Überwältigten letztlich die Gewähr einer beginnenden vollständigen Wiederherstellung schenkte, indem er alles, was er hatte und zu dem Zeitpunkt einsetzen konnte, dem Verwundeten und Beraubten für seine Heilung und Wiederherstellung zur Verfügung stellte. Er versorgte ihn nach seinem ganzen Vermögen und diente ihm, so daß er auch von seinen Reittier herabstieg und neben ihm herlief, damit es statt seiner nun die Last des Verwundeten tragen konnte.

    Damit aber verzichtete er nicht nur auf sein Vorrecht. Er demütigte sich dabei auch selbst; er machte sich klein und lief im Staub, damit der andere aus eben diesem Staub hochgehoben werden könne. Niemand, der im Staub liegt, könnte dies. Einige Zeitgenossen wollen es jedoch besser wissen. Noch immer werfen sie sich zu Richtern auf – und erheben sich damit selbst. Sie halten sich für besser, höher, weiter als den, der da auf der anderen Seite im Staub liegt. Der „Staub” ist nicht ihre Angelegenheit. So weit erniedrigen müssen sie sich nicht. Hoffentlich sie werden ihren Irrtum nicht erst begreifen, wenn es zu spät ist. Bei Gott kommt alles Leben aus dem Tode, und nur der wird vor Ihm leben, der sein Urteil über sich selbst angenommen hat. Denn nur Er ist Richter (Ja 4. 12). Hier werden wir nur dazu angehalten, Barmherzigkeit zu üben. Erbarmen kann jedoch nur der haben, der selbst Barmherzigkeit erfahren und in seinem Leben zugelassen hat. Wem viel vergeben ist, der liebt viel (s. Lk 7 36 - 47). Doch der Stolze ist dazu nicht fähig und ergeht sich in der Beurteilung von Hintergründen; da er nicht von herzlichem Erbarmen angetrieben ist, wird alles das, was er aus seiner hohen Warte heraus sagt, zu tödlichem Gift. Hier jedoch ist Hilfe angesagt, und zwar eine solche, die die Situation ändert. Nur in diesem Zusammenhang kann auch ein Wort gesagt werden. Es wird jedoch nie möglich sein, zu lieben, ohne auch Lasten tragen zu wollen. Wer diesen sich verweigert, der liebt nicht, sondern richtet, und sei dies mit noch so fromm erscheinenden Worten.

    Viele unter uns sind durchaus erfinderisch darin, das zu umgehen, was Gott gesagt hat. Einige behaupten tatsächlich, daß der Herr ihnen keine ‚besondere Führung und Klarheit’ gegeben habe, um dort zu helfen, wo die Hilfe ganz offensichtlich, d. h. für aller Augen erkennbar, benötigt wird. Wo uns der Herr in Seinem Wort bereits klare Anweisungen gegeben hat, können wir allerdings nicht von Ihm erwarten, daß Er über diese Dinge nochmals – als in einer besonderen Offenbarung – persönlich zu uns zu spräche oder jemanden zu uns zu sende, damit dieser uns hierzu ‚ein Wort des Herrn’ überbringe. Solche Vorstellungen sind schwärmerisch, aber sie sind auch ein Bunker gegen Gott, hinter dessen dicken Wänden wir uns vergraben, damit diese unser Widerstreben verbergen und der Welt suggerieren können, daß wir besonders geistlich seien. Bei Menschen mögen wir damit Eindruck schinden, bei Gott nicht. Jenem reichen Mann, der zeitlebens in Prunk und Freuden lebte, sich dabei aber niemals um den Hilflosen vor seiner Tür kümmerte, der so ganz offensichtlich Not litt – so die Übersetzung des aus dem Hebräischen stammenden Wortes Lazarus – , wurde diese Sünde zum Verhängnis. Als er nach seinem Tode an den Ort der Qual gelangte und nun Abraham bat, in dessen Schoß sich Lazarus inzwischen befand, sich seiner zu erbarmen und diesen zu senden, damit er die Spitze seines Fingers in Wasser tauche und mir die Zunge kühle”, oder ihn doch wenigstens zu seinen Brüdern zu senden, um sie vor solchem zu warnen, antwortete Abraham:

    „Kind, erinnere dich daran, daß du dein Gutes während deines Lebens erhieltest, und Lazarus gleicherweise das Üble; nun aber wird ihm hier zugesprochen, während du Schmerzen leidest. ... Sie (die Brüder des Reichen) haben Mose und die Propheten (als das ihnen überlieferte und bekannte Wort Gottes), auf die sollen sie hören! ... Wenn sie nicht auf Mose und die Propheten hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand aus den Toten aufsteht.”
Lk 16. 19

    Noch immer verlangt der Reiche, daß der Arme ihm zu dienen und zu seinem Wohlbefinden beizutragen habe. Und doch will er sonst, obwohl er sein Bruder ist, mit ihm nichts zu tun haben. Selbst im Gericht und unter Schmerzen sehen wir diese Lebenslüge noch aufrecht erhalten. Darum besteht auch die Trennung zwischen beiden weiter fort. – Während der Reiche sich zeitlebens der Annehmlichkeiten seines Lebens erfreute, befand sich sein armer Bruder außerhalb der Gemeinschaft; er lag vor der Tür, er war draußen, und nur „die Hunde leckten seine Eiterbeulen” (V. 21). Es ist Kennzeichen dieser Religiosität, daß sie selektiert: Der Wohlhabende gehört dazu; der Arme und Kranke wird der Empathie nicht wert geachtet, gilt er doch als selbst verantwortlich für sein Los. In solchen Gemeinschaften dürfen nur die ‚Starken überleben; wer in solchen Augen als ‚schwach gilt, der hat keine Chance. Darum belehrt man ihn darüber, wie ‚auch er stark’ und erfolgreich werden könne, und darum werden ihm diverse ‚Vorzeigechristen präsentiert, die von dem System gut leben und ihm beweisen sollen, wie gut alles dieses funktioniere. Es funktioniert allerdings nie wirklich, weil es nicht von Gott kommt, sondern vom Teufel. Dieses System ist vom innersten Wesen her nicht besser als die, die wir aus finstersten Zeiten kennen; auch wenn es nicht mit Waffen tötet, lebt es doch vom selben Geist – und verbreitet ihn, in der Annahme, dies Gift sei die Medizin. Wie anders ist doch das, was Jesus uns hier nahelegt, denn Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig!

    Bei Ihm werden wir nicht anders belehrt, als daß der, der die Not sieht und helfen kann, nach den ihm zur Verfügung stehenden Kräften und Möglichkeiten zu helfen hat. Wer in solchen Situationen noch nach einer „besonderen Vision” oder dergleichen verlangt, befindet sich auf dem Holzweg. Alles hierfür Notwendige hat Gott bereits in Seinem Wort niedergelegt. Für den Wandel in der tätigen Liebe gibt es keinen Ersatz (vgl. Ga 5. 6 und 6. 2, Phil 2. 4; Jo 15. 9 bis 17, 1Jo 3. 18 u. a.). Die zu gewährende Hilfe und Dienstleistung resultiert daher also weder aus einer besonderen Führung des Herrn, noch (wie bereits angedeutet) aus dem Versuch einer Beurteilung von Gründen, um dann nur scheinbar, mit dem Erteilen wohltönender Ratschläge, Worte, „Predigten” und „Belehrungen”, verbunden mit dem Ausgeben von Schriftstellen zu „helfen”. In meiner Zeit in der Glaubensbewegung gab es tatsächlich Wohlhabende, die solchen, die über lange Zeiträume hinweg vor allem finanzielle Not litten, regelmäßig Lehrkassetten zukommen ließen, auf denen ihnen das „Opfern”, „Zehntengeben” und „richtige Bekennen” als „ihr Weg zum Geld” nahegelegt wurde. Die Zuwendung, die das Neue Testament meint, sieht allerdings anders aus. Das Verbreiten von Lehren, noch dazu von Irrlehren, gehört eindeutig nicht dazu. Die Hilfe, die Gott meint, ergibt sich stets anhand dessen, was wir sehen, um der Not ebenso praktisch und sichtbar abzuhelfen, wie sie auch vor Augen ist, und zwar nach allem, was wir tun können. Allzu oft wird hier das Gebet als „Lückenbüßer” anstelle einer möglichen praktischen Hilfe mißbraucht. Tatsächlich kann nicht jeder auf der materiellen Ebene helfen. Vielleicht kann er es aber mit seinen Händen. Beten können wir immer; wenn das Gebet das Einzige ist, was wir tun können, so sollten wir davon auch nicht ablassen und in ernstliche Fürbitte treten, bis der Herr eingreift und die Situation sich ändert. Dem aber, der mehr zu tun vermag, während er den Notleidenden mit einem Gebet abzuspeisen sucht, um womöglich sein Gewissen zu beruhigen, gilt der Satz:

    „wer trefflich zu handeln weiß, und es nicht tut, für den ist es Sünde.”

Ja 4. 17

    Das griechische Wort für trefflich ist kalos, und bedeutet so viel wie ideal, schön und ausgezeichnet, worin eine Zielsetzung erkennbar wird, die die Situation zu ihrer vollen Zufriedenheit verändert. Wenden wir dies auf unser Gleichnis vom barmherzigen Samariter an, so bedeutet dies nicht weniger als eine signifikante Abwendung der Not, so daß der Weg zur Heilung und Besserung tatsächlich beschritten werden kann. Hier haben sich jedoch gerade solche, die sich für die Allergeistlichsten hielten, sträflich versündigt. Zur Zeit Jesu war das nicht anders. Wer auf sich hielt, der hielt sich fern von solchen, die das Leben gezeichnet hatte, obschon sie Brüder waren – kamen sie doch alle aus dem „gesetzestreuen” Jerusalem. Dieselbe Kluft, die Lazarus von seinem reichen Bruder schied, bestand auch hier. Während sowohl der auf der anderen Straßenseite vorbeieilende Priester als gleichermaßen auch der Levit  aus Lukas 10 nicht einmal näher hinsahen, sondern offensichtlich religiöse Motive vorzuschieben hatten – die immerhin möglich gewesene Berührung mit einem Toten machte z. B. nach dem Gesetz unrein (vgl. 3Mo 21. 1, 22. 4; 4Mo 5. 2, Hes 44. 25) – gab der von all diesen verachtete Samariter dem unter die Räuber Gefallenen nach seinem ganzen Vermögen alles das, was ihm notwendigerweise zu geben war. Warum? Er hatte begriffen, daß er, der Situation entsprechend, der Nächste des Beraubten und ihm gegenüber daher zur Hilfe angehalten war. Hier gibt es kein Entweichen: 

    „Geh hin und handle du in gleicher Weise!”,

    sagte Jesus jenem Frommen (Lk 10. 37).

    Die Zuwendung zu den Gemeindegliedern ist daher stets Aufgabe der Gemeinde selbst. Anhand der Schrift ist unbestreitbar, daß die Versorgung notleidener Gemeindeglieder, die sich selbst nicht helfen können, nach ihrem irdischen Bedarf den Gliedern obliegt, in deren Macht dies jeweils steht. Hier kann kein Gebet und noch weniger Belehrung Ersatz leisten. Leidet unser Nächster sichtlich Not, so ist dem nach all unserem Vermögen abzuhelfen, und zwar ohne Wenn und Aber. Die einzige Ausnahme bestünde darin, wenn dieser etwa einen Lebensstil pflegte, mit dem er sich immer wieder selbst in eine solche Notlage brächte, und sich dabei sträubte, einen Rat anzunehmen. Wer einem Alkoholiker etwa Geld (anstelle ein Brotes) gibt, hilft ihm nicht. Wer einem Faulen gibt, bestätigt und nährt damit dessen Faulheit (2Thes 3. 6 - 12). Es kann immer nur das gegeben werden, was dem Leben dient. Dies ändert jedoch nicht die Regel, sondern bestätigt sie. Wiederum anschaulich wird dies anhand der Berichte über die Brot- und Fischvermehrungen in den Evangelien. Sie lehren uns, daß Jesus nicht will, daß wir wohl gerne das Brot des Lebens miteinander teilen wollen, uns aber dort einander verweigern, wo es um das Brot des Tages geht. Bei Ihm sind geistliches und irdisches Brot nicht voneinander zu trennen.

    „Als es Abend wurde, traten die Jünger zu Ihm und sagten: ‚Die Stätte ist öde und die Stunde schon vergangen; daher entlaß die Scharen, damit sie in die Dörfer hingehen und sich Speisen kaufen!’

    Jesus aber antwortete ihnen:

    ‚Sie brauchen nicht wegzugehen; gebt ihr ihnen zu essen!’ ”

    Nachdem die Jünger sich untereinder beratschlagt haben, welche Möglichkeiten sie hierzu hätten, da sie nur Weniges besitzen, um so viele zu sättigen, sagen sie dem Herrn: „Wir haben hier nichts außer fünf Broten und zwei Fischen!”, worauf die Antwort des Herrn war: „Bringt sie Mir her!” (siehe Mt 14. 15 - 21). – Es ist eben gerade nicht unsere Sache, nach Möglichkeiten zu suchen, um helfen zu können. Oftmals werden auch wir dann sagen: „Wir haben hier nichts außer ...”. Statt dessen sind wir gerufen, denen, die Mangel leiden, das zu geben, was wir gerade in der Hand haben, damit der Herr es nehmen und mehr daraus machen kann. Die Jünger richteten sich in unserem Beispiel an den Herrn, als sie sahen, daß es schon spät, und die Leute hungrig geworden waren. Der Herr aber richtete Sich an sie: „Gebt ihr ihnen zu essen!” Im Ergebnis dessen findet eine wunderbare Vermehrung von dem statt, was gegeben worden ist, so daß von dem Dargebrachten viele Tausend gesättigt werden können, und sogar noch zwölf Körbe übrigbleiben, gewissermaßen einer für einen jeden der zwölf Jünger und doch weit mehr, als er für sich verbrauchen konnte. Daran erzeigt sich auch, daß dies der Weg ist, auf dem der Herr die Seinen versorgt – und zwar in der Weise, daß ein jeder das beisteuert, was er hat, damit der Herr diese Gaben für alle mehren kann. Dieses Ergebnis wird uns in allen uns hierzu überlieferten Berichten bestätigt, so daß wir hier von einer Regelmäßigkeit sprechen können (vgl. Mt 15. 32 - 39, Mk 6. 31 - 44 und 8. 1 - 9, Lk 9. 12 - 17, Jo 6. 1 - 14 ). – Auch hierbei greift der Gedanke des Nächsten; so sollten wir dies nicht wiederum verwechseln mit einem Geben in Projekte oder Aufgaben in Übersee oder andere weit entfernte Orte, solange nicht unserem Nächsten geholfen, und jeglicher Mangel unter uns behoben worden ist, wie ja auch die vielen Versammelten in unserem Beispiel die Nächsten derer waren, die sie zu versorgen hatten, da sie sich mit ihnen in unmittelbarer Gemeinschaft („in nächster Nähe”) befanden. Der Nächste ist eben der Nächste, also der, der uns am nächsten ist – und nicht der „Übernächste”!

    Während in unseren Tagen vielfach ein Glaube verkündet wird, der bei näherem Hinsehen keiner ist, sondern – wie wir gleich sehen werden – letztlich lediglich den Versuch darstellt, sich durch eigenes Tun oder Anwenden gewisser Praktiken einen irdischen Segen erwerben zu wollen, wußten die Apostel des Neuen Testaments ganz andere Betonungen zu setzen. Jakobus etwa schreibt dazu:

    „Worin besteht der Nutzen, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, Werke aber hat er nicht? Dieser Glaube kann ihn nicht retten! Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und es ihnen an der täglichen Nahrung fehlt, jemand von euch aber zu ihnen sagte: Geht hin in Frieden, wärmt und sättigt euch!, doch ihr gäbet ihnen nicht, was für den Körper erforderlich ist, was wäre der Nutzen für sie?”

    So ist auch das Bekennen der in der Schrift enthaltenen Segnungen nutzlos: Ein solcher Glaube ist ein toter Glaube.

    „So ist es auch mit dem Glauben; wenn er nicht Werke veranlaßt, ist er in sich selbst tot.”

Ja 2. 14; man lese bis V. 17; vgl. auch 1Kor 3. 2

    Dieser Glaube ist nicht nur tot; es ist der Glaube der Dämonen – dämonischer Glaube – und eine solche Art entstammt der Finsternis:

    „Doch es wird jemand erwidern: Du hast Glauben, und ich habe Werke! Zeige mir (!) deinen Glauben ohne Werke, und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken zeigen. Du glaubst, daß Gott Einer ist. Trefflich tust du; aber auch die Dämonen glauben und schaudern dabei.” –

Ja 2. 18, 19 [3]

    Hier sehen wir den Unterschied zwischen dem Glauben Gottes und dem, der nicht von Gott kommt. Glaube an sich ist unsichtbar; Gottes Glaube aber führt immer auch zu Werken. Diese Werke sieht man. Dabei geht es nicht darum, eigene Werke hervorzubringen, sondern lediglich in den Werken zu wandeln, die Gott schon bereitet hat (Eph 2. 10). Wir lernen also nicht nur, daß es offensichtlich zweierlei Glauben gibt, sondern auch, wie der echte von dem unechten zu unterscheiden ist. Wir sollten uns daher stets nach dem richtigen ausstrecken. 

    Gerade auch die leibliche Versorgung der Gemeinde durch den gegenseitigen Liebesdienst aller war dieser in ihren ersten Tagen äußerst wichtig, ja war das zuerst und vordergründig erkennbare Kennzeichen derer, die Jesus nachfolgten (vgl. Jh 13. 5,12 - 17, 34 - 35). Dies war der Weg gewesen, den Jesus gar als glückselig gepriesen hatte (Jh 13. 15)! Doch alsbald schon war genau dieser Weg des liebevollen Miteinanders verlassen worden, so daß es zu einem Murren der unversorgt Gebliebenen gegen die Vermögenderen und somit zu einer beginnenden Spaltung in dem noch so jungen Christuskörper gekommen war (Apg 6. 1). Nun – nachdem diese gegenseitige Handreichung der Liebe aufgegeben worden war – erwählte man schließlich hierfür gesondert sieben Männer

    „voll Geist und Weisheit ...um die Tische zu bedienen” (Apg 6. 1 - 4).

    Hier werden jedoch bereits besondere, aus der Gemeinschaft herausgehobene „Dienste” an die Stelle des Miteinanders aller gesetzt [4]; allerdings, so dürfen wir wohl unterstellen, war dem Mangel der Notleidenden wenigstens begegnet worden. Wie sehr die materielle Versorgung mit dem erfolgenden geistlichen Segen nämlich Hand in Hand geht und das Eine das Andere sowohl bedingt als auch begünstigt, erzeigt sich in dem darauf folgenden Geschehen, in welchem uns bezeugt wird, daß das Wort Gottes sich daraufhin ausbreitete, und die Zahl der Jünger sich überaus mehrte; sogar

    „eine große Schar von Priestern gehorchte dem Glauben” (Apg 6. 7).

    Zuvor noch hatte uns die Apostelgeschichte bezeugt, daß „alle Gläubigen beieinander” waren und „alles gemeinsam” hatten, und wir sehen, wie eng geistlicher Segen und, so Gott will, auch Wachstum mit der untereinander gelebten Handreichung der Liebe zusammenwirken.

    „Die erworbenen Güter und den Besitz veräußerten sie und verteilten den Erlös an alle, je nachdem jemand (!) Bedarf hatte. Täglich verharrten sie einmütig in der Weihestätte und brachen Brot zu Hause. Ihre Nahrung nahmen sie mit Frohlocken und in Herzenseinfalt zu sich, lobten Gott und hatten Gnade für das ganze Volk. Der Herr aber fügte am selben Ort täglich neue hinzu, die gerettet wurden.”

Apg 2. 44 - 47

    Nur ein wenig später noch hatte es geheißen:

    „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele, und auch nicht einer sagte, daß etwas von seinem erworbenen Besitz sein eigen sei, sondern sie hatten alles gemeinsam. Dazu legten die Apostel mit großer Kraft das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus Christus ab, auch war große Gnade auf ihnen allen, denn es war kein Darbender unter ihnen.”

Apg 4. 32 - 34

    Daran erkennen wir den großen Fall, der geschehen ist, nachdem man diese Ordnung verließ.


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Gesetz oder Gnade – Liebe oder Ablaßhandel?
Selbsterwählter Gottesdienst und Brudermord: Vom Weg Kains.

    In welchem Gegensatz die vorgenannte Ordnung zu dem heute oftmals zu beobachtenden Geschehen steht, zeigt sich an der Praxis des Gebens und des vermeintlichen, sogenannten Opferns heutiger Gemeinden. Wie sehr man den oben vorgezeigten Weg der Liebe verlassen hat und sich hierbei sowohl in Lehre als auch in Praxis bereits auf der Ebene des Gesetzes unter dem Alten Bund bewegt, vermag allein schon an dem Umstand deutlich zu werden, daß man hierbei regelmäßig vom Opfern spricht, wenn es darum geht, Geldmittel für allerlei Gemeindevorhaben, Projekte oder ähnliches einzusammeln, die Hinwendung an den Bruder und die Schwester, um die es eigentlich zu gehen hat, dabei jedoch kaum thematisiert wird. Bezeichnenderweise verwendet das Neue Testament das Wort Opfer für die Gaben der Liebe und Mitteilungen aller Art innerhalb des Gemeindekörpers nur an zwei Stellen, zum Einen nämlich dort, wo die Philipper für den Bedarf des Paulus sandten, als niemand sonst dafür bereit war, und so gewissermaßen für andere mit einsprangen (Phil 4. 15, 18), und zum anderen im Hebräerbrief, wo die geschwisterlichen, gegenseitigen Mitteilungen der Liebe – sowohl das Mitteilen von Gütern als auch die eigene, innerste Anteilnahme an der Gemeinschaft (grie. koinonía) sind gemeint – als solche Opfer bezeichnet werden, an denen Gott in Wahrheit Wohlgefallen hat (Hbr 13. 16).

    Ein Opfer erscheint uns immer etwas Besonderes zu sein, etwas, was dem uns Gegebenen übersteigen könnte. Dem Liebenden kann im Grunde jedoch das kein Opfer sein, was dem Nächsten dient. Jene schöne Geschichte eines Jungen wird mir hierbei gegenwärtig, der seinen ihm eigentlich viel zu schweren Bruder trug, nachdem dieser sich verletzt hatte. Von ihm entgegenkommenden Passanten, die dies sahen, wurde ihm gesagt, daß er da für seinen Bruder ein großes Opfer auf sich nehme, worauf der Knabe ihnen erwiderte: Das ist kein Opfer, das ist mein Bruder!” – Somit heißt es:

    „Einer trage des anderen Lasten, und so werdet ihr das Gesetz des Christus erfüllen.”

Ga 6. 2, Rev. Elberfelder

    Das Gesetz des Christus aber ist die Liebe (siehe Jo 13. 34, 35 und 15, 12 - 14, vgl. 3Mo 19. 18, Mt 19. 19 - 21 und 22. 37 - 40, Rö 13. 8 - 10; Ga 5. 13 - 14 und 22 - 24, Ja 2. 8 u. a.). Daher freut sich der Liebende mit den sich Freuenden und weint mit den Weinenden; wenn ein Glied leidet, so leidet er mit, und wird ein Glied verherrlicht, so freut er sich mit (Rö 12. 5, 1Kor 12. 26) - und kann daher gar nicht anders, er muß dem Guten beisteuern, wenn es nur der Freude seines Bruders und seiner Schwester dient. Demgemäß hat uns auch Paulus zu sagen, daß

    „... wenn ich all meinen Besitz austeilen und wenn ich meinen Körper dahingeben würde, um mich dessen zu rühmen, aber keine Liebe hätte, so würde es mir nichts nützen.”

1Kor 13. 3

    Es gibt also ganz offensichtlich ein Geben, das mit Liebe nichts zu tun hat und in Gottes Augen daher „unnützist, selbst wenn der Geber dabei Besitz, Leib und Leben nicht schonen würde. Es stehen daher nicht Opfer im Sinne mannigfaltiger Gemeindevorhaben, sondern Gehorsam und Erbarmen in herzlicher und tätiger Nächstenliebe auf der Tagesordnung unseres Herrn (vgl. Mt 9. 13 und 12. 1 bis 8). -

    Wie die Pharisäer der Zeit Jesu, haben solche Leute jedoch auch heute noch die Zuwendung nicht jenen zukommen lassen, denen sie zu geben war, sondern sie als ‚Opfergabe’ für ‚die Gemeindevorhaben’ und Strukturen verwendet. Das Opferwird hierbei zu einem Ersatz für die sich dem Anderen mitteilende Liebe. So wird das Liebesgebot des Herrn aufgehoben und in sein Gegenteil verkehrt, ja regelrecht pervertiert und ad absurdum geführt (vgl. Jo 15. 9 - 14; siehe auch 1Jo 3. 16 - 17, 4. 11 u. a.). Wiewohl man sie stets mit diversen Schriftstellen zu untermauern sucht, tritt die eigene Lehre damit an die Stelle dessen, was Gott geboten hat. Jesus sagte beispielsweise:

    „Trefflich versteht ihr es, ein Gebot Gottes abzulehnen, um eure Überlieferung zu halten. Denn Mose hat gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter... Ihr aber sagt: ... Korban (das heißt eine Nahegabe) soll das sein, was auch immer dir von mir zugute gekommen wäre, so laßt ihr ihn nichts mehr für seinen Vater oder seine Mutter (für seinen Nächsten, d. h. für sein eigenes Fleisch und Blut!) tun. Damit macht ihr das Wort Gottes durch eure Überlieferung, die ihr überliefert habt, ungültig. Solche Dinge und dergleichen mehr tut ihr viel.”

Mk 7. 9 - 13

    In dem Sinne genügt es heute, für die angesetzten ‚Vorhaben der Gemeinde’ gegeben zu haben; der neben uns stehende Bruder oder die Schwester gehen leer aus. Nachdem man ‚seine Opfergabe’ und ‚seinen Zehnten’ dargebracht hat, wurde dem (von der „Leiterschaft” verkündeten) Gesetz anscheinend Genüge getan. Es gilt nun nicht mehr „der durch die Liebe wirksame Glaube” (Ga 5. 6), der die Not des Nächsten sieht, lindert und ihm aus Liebe heraus gibt, sondern das Geben wird in jenes ‚Opfern für die Gemeinde’ als dem in Projekte und Vorhaben umgeleitet, mit welchem man sich – nach den Lehren und Vorstellungen zahlreicher ‚Prediger’ – bei Gott „einen Lohn”, oder eine „Ernte” zu sichern, oder gar reich zu werden hofft, was der Gemeinde als „besitzergreifender Glaube”, „Saatglaube” o. ä. verkauft und religiös verbrämt wird. Die Frömmigkeit verkommt dabei nach den Aussagen des Paulus zu einem Gewerbe’ (grie. porismos, Handel, Herbeischaffung, Gewerbe; Weg zum Beschaffen von Geld, verwandt mit poros, Weg, Durchgang, Furt, Straße, vgl. ‚Port’; Pore, Quelle, Geldquelle; eigentlich Gewerbetreiben, Kapitalismus, siehe 1Tim 6. 3 - 11). Ein solcher ‚Glaube’ ist dem Wesen nach ein Handel und stellt sich damit als ‚Kaufen’ und Verkaufen’ dar. Die Quelle solcher Lehren ist finster: In Offenbarung 13. 17 ist der Handel derer, die das Tier, den Antichristen anbeteten, die alles umfassende Frage der Endzeit.

    Wer einen solchen Glauben verbreitet, lehrt nach der mittelalterlichen Maxime des ‚Forderns’ und ‚Ablassens’, wenn die Forderung erfüllt worden ist, und beträgt sich dabei wie jener Mönch Johannes Tetzel, der schon zur Zeit Luthers umherzog und den Unwissenden Ablaßbriefchen verkaufte, damit diese sich durch ihren Erwerb ihr vermeintliches „Seelenheil” sichern konnten, oder – um ein Beispiel aus der Schrift heranzuziehen – wie jene Kaufleute an der Vorhalle des Tempels, die der Herr einschließlich ihres Handels hinauswarf, und sie anwies, das Haus Gottes nicht zum Kaufhaus zu machen (Jo 2. 16). Ganz verwerflich, ja kriminell wird ein solches Gebaren dann, wenn man auf „Biegen und Brechen” auf einer solchen Gesetzlichkeit besteht, und, koste es, was es wolle, den Geschwistern weit über ihr Vermögen hinaus bestehende Opfer- und Zehntengaben abverlangt. Mir wurde etwa von einem „Pastor” berichtet, der dies etwa auch von solchen einforderte, die keine Arbeit hatten und von Sozialhilfe zu leben hatten. Einmal war sogar von einem dieser sogenannten „Diener Gottes” zu hören, daß er denen, die hierzu keinerlei Geldmittel mehr zur Verfügung hatten, auferlegte, diese „notfalls” mit Krediten weltlicher Banken bzw. durch Überziehung ihrer Konten (!) zu finanzieren. Dies ist allerdings keine Lieblosigkeit mehr; dies ist ein Verbrechen – verübt an Geschwistern, die man damit verführt, sich in Gebundenheit und Schuldversklavung zu begeben. Diese Handlungsweise stellt überdies auch, da man den „Gebern”, wie man sagt, eine reichliche „Ernte” in Aussicht stellt, ein Versuchen Gottes und einen klaren Mißbrauch Seines Namens dar. Was wird Christus, der auferstandene und treue Zeuge (Off 1. 5) solchen „Dienern” hierzu wohl zu sagen haben?!

    Während der wirklich Glaubende unverdient, d. h. aus Gnade empfängt, was ihm durch Christus schon erworben wurde, muß der auf diese Weise „Handel Treibende” erst etwas tun, um dafür etwas zu bekommen. So hat man bei solchem Tun den Glauben in einen Handel und damit in ein Gesetz verkehrt, und dabei jene zentrale Wahrheit des Neuen Testamentes gänzlich außer acht gelassen, nach der Gesetz und Gnade sich ausschließen und völlig gegensätzliche Wege, das Gesetz nämlich den Weg des Fluches (siehe Ga 3.10) und der Glaube den Weg der Verheißung und des Segens (Ga 3. 9, 14 u. a.) gehen. Paulus ließ uns nämlich nicht darüber im Unklaren, daß jede Lehre, die eigenes Tun als Grundlage für Segen und Gnade voraussetzt ein Widerspruch in sich , Gesetz predigt, während uns der Glaube als Weg dargestellt wird, ohne Zutun der Werke, allein im Vertrauen auf Christus die uns in Ihm geoffenbarte Gnade zu empfangen (vgl. Rö 3. 24 - 28, Rö 4. 2 - 8 und Ga 3. 10 - 12). Es ist ein Trugschluß zu glauben, daß für unsere Erlösung die Gnade, für unsere Versorgung aber vor Gott eigene Werke Gültigkeit besäßen. Die Gnade ist nicht teilbar, wie auch die Gerechtigkeit Christi nicht teilbar ist, was uns anhand Seines Gewandes bildhaft veranschaulicht wird, das von oben nach unten in einem Stück durchgewirkt war und keine Naht besaß (Jo 19. 23).

    In solchen Lehren aber wird nicht mehr auf die Gnade gesetzt, die sich in Christus allein offenbart, sondern auf eine Gesetzesgerechtigkeit infolge unseres Tuns vertraut, die uns statt dieser frei und umsonst gewährten Gnade (Rö 3. 24, Off 21. 6) schließlich einen Lohn für unser Geben, d. h. für unsere Werke einbringen soll: Man richtet dabei die Gerechtigkeit der Werke auf, indem man die ‚Bedingungen’ des Segens zu erfüllen (wie man glaubt) und sich somit ‚die Voraussetzungen’ für die eigene Versorgung durch Werke selber zu schaffen sucht. Infolge dieser Gesetzeserfüllung, d. h. also durch eigenes Geben und Tun – wähnt man sich von sich aus in einen Stand versetzt, in dem man von Gott gesegnet und bestätigt werden könne. Dies führt direkt zur Herzenskälte: Wenn man doch alles getan hat, was man tun zu müssen glaubte, was interessieren da noch der Bruder und die Schwester? Gesetzespredigt und -Erfüllung, die daraus folgende Herzenshärte und ein gnadenloses Richten der Brüder (siehe Ja 4. 11 und 12), die vielleicht nicht in der Lage sind, bei solchem ‚Opfern’ mitzuhalten, sind nun an die Stelle von Barmherzigkeit und gebender Liebe getreten: „Haben sie sich nicht wohl selbst in eine solche Lage gebracht, weil sie ‚anscheinend’ nicht ‚gehorchten’ und ‚der Gemeinde, also Gott’ nicht genug gegeben haben ?!” Wer nicht „zahlt”, wer seinen „Obolus” nicht entrichtet und nichts von sich aus zu geben hat, gilt in solchen Strukturen als ungläubig und gehört eben nicht wirklich „dazu”. – Da die Liebe erkaltet ist, lautet nach der Vollendung solcher Schlußfolgerungen die unausgesprochene Frage, die schon alsbald nach dem Sündenfall von dem Brudermörder Kain, der bekanntlich Gott mit den Früchten des Feldes als denen seiner eigenen Arbeit und seines Schweißes (1Mo 3. 17 - 19) zufriedenstellen suchte, an Gott gerichtet worden war:

    „Sollte ich (zu alldem noch) meines Bruders Hüter sein ?” (1Mo 4. 9). –

    So erzeigen sich die oben angezeigten Verhaltensweisen, die unter vielen religiös als „Glaube” verbrämt worden sind, nicht nur als der Weg des Gesetzes. Sie stellen damit zugleich auch den Weg Kains dar, der in dem Wirken eigener Kraft Gott nahen wollte und seinen Bruder Abel erschlug, der Gott nichts Eigenes darzubringen hatte, dessen Opfer, im Gegensatz zu dem Kains, jedoch angenommen worden war. Solche Lehren, wie wir sie oben angeführt haben, führen immer auch zu tödlicher Eifersucht. Wir lesen hierzu:

    „Und der Herr blickte auf Abel und seine Opfergabe; aber auf Kain und seine Opfergabe blickte Er nicht.”

1Mo 4. 5, Rev. Elberfelder


    Während Abels Gabe in dem bestand, was er selbst nicht hervorgebracht hatte, nämlich in den „Erstlingen der Herde und ihrem Fett” als dem, was Gott ihm ohne sein direktes Zutun gegeben hatte, bestand Kains Opfer in den Früchten des Feldes, seiner Arbeit und seiner eigenen Mühen. Abels Aussage war, daß er letztlich Gott nur in dem nahen konnte, was dieser Selbst ihm geschenkt hatte, das also nicht in der eigenen Gerechtigkeit, nicht in dem eigenen Vermögen bestand. Kains Aussage war jedoch eine gänzlich andere, dem widersprechende: Er nahte Gott in dem Verdienst, den er selbst mit seiner Hände Arbeit hervorgebracht hatte. Diesen Verdienst eigener Werke nahm Gott nicht an; Er blickte aber auf den, der Ihm aufgrund dessen nahte, was Er ihm geschenkt hatte. Allein in diesem wurde dem Abel bezeugt, daß er gerecht sei (Hbr 11. 4). – In unmittelbarer Folge dieses Geschehens erhob sich nun der, der etwas von sich heraus zu bringen hatte gegen den, der nichts aus sich heraus zu bringen hatte, und schlug ihn auf dem Felde tot (1Mo 4. 8). Genau dieses Geschehen bezog Jesus nun auf das Wirken der selbstgerechten Pharisäer, indem Er ihnen, die Er somit in einer einheitlichen Linie mit dem Brudermörder Kain sah, zu sagen hatte:

    „Wie wollt ihr (durch euer Tun) dem Gericht der Gehenna entfliehen? Deshalb siehe: Ich schicke Propheten, Weise und Schriftgelehrte zu euch; von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und andere von ihnen werdet ihr in euren Synagogen geißeln und von Stadt zu Stadt verfolgen, damit über euch alles gerechte Blut komme, das auf Erden vergossen worden ist, vom Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Zacharias, des Sohnes Barachias (d. i. der Prophet Sacharja, vgl. Sa 1. 1 und 7), den ihr zwischen Tempel und Altar gemordet habt. Wahrlich, Ich sage euch: Dies alles wird über diese Generation eintreffen.” –

Mt 23. 33 - 35

    Man lese noch einmal das ganze Kapitel Genesis 4 und ziehe das mit in Betracht, was Johannes in seinem ersten Brief (1Jo 3. 10 - 18) hierzu zu sagen hat. Hier hat man nun, gleich Kain, und in einheitlicher Tradition mit den Pharisäern zur Zeit Jesu (denen der Herr dies sagt) seine eigene Gerechtigkeit in selbsterwähltem Gottesdienst aufzurichten gesucht, wobei „das gerechte Richten, die Barmherzigkeit und der Glaube” auf der Strecke geblieben sind (siehe hierzu Mt 23. 23 - 24), und so mordet man den Bruder, indem man ihn zugunsten eigener Werke und menschlicher Vorhaben beiseite setzt und vernachlässigt. Hier findet das Verb hassen” (grie. miseo, es bedeutet ins Hintertreffen geraten lassen, gegenüber anderem zurücksetzen, verachten und verschmähen) seiner Bedeutung entsprechende Verwendung:

    „Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Menschentöter... Darin haben wir die Liebe erkannt, daß jener Seine Seele für uns dahingegeben hat. So sollen auch wir unsere Seelen für die Brüder dahingeben. – Wer aber seinen Lebensunterhalt in der Welt hat und dabei zuschaut, wie sein Bruder Bedarf hat, und dann sein Innerstes vor ihm verschließt – wie bleibt da die Liebe Gottes in ihm ? Kindlein, wir sollten nicht nur mit dem Wort noch mit der Zunge lieben, sondern mit dem Werk und der Wahrheit.”

1Jo 3. 15 - 18



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Esau, die Speise und das Erstgeburtsrecht: Ein Fazit.

    So, wie es in den vorausgegangenen Beispielen mehr als deutlich wurde, hat man den Nächsten, der doch unser Bruder ist, zugunsten zahlreicher Unternehmungen dessen, was wir oft unter ‚Gemeinde’ verstehen, vernachlässigt, ihn abgeurteilt und lieblos behandelt. Welche Verbitterung und Verletzungen, welch große Not an dieser Stelle hätte vermieden werden können, erzeigt sich nun gerade hier daran, daß wir in der Schrift eine Wechselwirkung erkennen können zwischen dem Begegnen unserer ganz alltäglichen, leiblichen Bedürfnisse und unserem gemeinsamen Wandel mit dem Herrn. Das Entziehen der Versorgung durch Nichtgewähren der dem Bruder und der Schwester gebührenden Zuwendung trägt stets den Keim der Spaltung in sich (vgl. 1Kor 12. 24 - 26). Schon in der frühen Gemeinde

    „entstand ein Murren unter den Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Handreichung übersehen wurden”

Apg 6. 1,

    wie wir in dieser Schrift bereits gesehen haben. Die Glieder des einen Körpers, die doch miteinander Anteil an ein und demselben Fleisch haben sollen (vgl. 1Kor 11. 23 - 24), leiden so Mangel, und Berufungen, ja ganze Lebensströme des Herrn Selbst werden mit ihnen zurückgehalten, weil solche Teile dieses Körpers nicht die Handreichung und Hilfe vorfinden, die sie benötigen. So werden nicht nur sie, sondern mit ihnen der ganze Christuskörper verunehrt und mißachtet (1Kor 11. 22); es wird ihm Schaden zugefügt, indem seinen Gliedern die benötigten Zuwendungen verweigert werden, da man allzu sehr mit vermeintlichen ‚Gemeindevorhaben’ und erfolgversprechenden, Gewinn, Zahlen und Prestige einbringenden ‚Projekten’ beschäftigt ist. Wer in einer solchen Haltung noch am Tisch des Herrn teilhaben will, der „ißt und trinkt sich selbst ein Urteil”, d. h. zum Gericht; er macht sich schuldig an dem Körper und an dem Blut des Herrn (1Kor 11. 27 - 29).

    Infolge solcher zahlreich begangenen Sünden sind heute viele Glieder der Gemeinde verletzt und unversorgt zurückgelassen worden. Da ihrem Mangel nicht abgeholfen wurde von Gläubigen, in deren Macht dies sehr wohl gelegen hätte, die jedoch oftmals jedoch Unsummen in Projekte und Gemeindestrukturen gaben, während sie gleichzeitig die verurteilten, die nichts hatten und Mangel litten, und ihnen statt dessen mit religiöser Gesetzlichkeit begegneten, um noch das Letzte von dem zu verlangen, was sie besaßen, sind viele heute bitter geworden gegen Gott; gleich Esau, der sein Bedürfnis nach einer Nahrung ungestillt sah, und um diese doch noch zu erlangen sein Erstgeburtsrecht an Jakob abtrat (1Mo 25. 29 - 34), hat so mancher den Herrn innerlich verlassen und ist in die Welt gegangen (vgl. Hbr 12. 14 - 18). Kaum etwas kann erschütternder sein als dies. – – Gerade im Hinblick auf Esau warnt der Hebräerbrief vor dem Aufkommen einer bitteren Wurzel und sagt hierzu:

    „Jaget nach dem Frieden mit allen und der Heiligung... und achtet darauf, daß es niemandem an der Gnade Gottes mangle, daß keine Wurzel voll Bitterkeit emporsprosse und euch sehr belästige und viele durch diese entweiht würden.”

Hbr 12. 14 - 15

    Es ist dabei jedoch unbedingt zu beachten, daß man eine solche Zuwendung wiederum nicht einfordern kann und darf. Denn auch hier gilt, daß die Liebe nicht das Ihre sucht, wie Paulus den Korinthern geschrieben hat (1Kor 13. 5). Wir geraten anderenfalls in dieselbe schädliche Wurzel der Bitterkeit hinein, von der wir oben gesprochen haben und die geeignet ist, viele in ihren Sumpf mit hineinzuziehen und zu verderben. Paulus konnte Beides – er konnte sowohl Überfluß haben als auch Hunger leiden; „mit Beidem bin ich vertraut, schrieb er (Phil 4. 13). Mit alledem wußte er also richtig umzugehen, und er murrte nicht – weil er gelernt hatte, niemals gegen seine Lebensumstände aufzubegehren, und sich in allem mit der Gnade Gottes zu begnügen, wie sie ihm in der jeweiligen Situation gegeben war (2Kor 11. 26 - 12. 10). Murren und Aufbegehren führt immer in eine Beeinträchtigung durch den Teufel hinein, wir fallen umso tiefer, je mehr wir murren, und Gott kann uns nicht helfen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung, die ich habe machen müssen.

    „Murret auch nicht, wie etliche von ihnen murrten und vom Verderber umgebracht wurden.” (1Kor 10. 10).

    Umgebracht vom Verderber, d. h. also durch Verderben– und das alles wegen unseres Murrens! So wird die Hilfe gerade zurückgehalten! Man achte auf die Wortwahl: Der Widersacher wird uns hier als Verderber vorgestellt. Verderben ist ein Prozeß eines länger anhaltenden Niedergangs. So können Jahre vergehen. Am Ende steht der Tod. Wenn wir Dinge einfordern und vielleicht sogar noch einklagen und schlecht über andere reden, „weil sie uns ja nicht helfen wollten”, werden jene Geschwister abgestoßen, die Gott möglicherweise mit der Hilfe beauftragen könnte, und so wird Gottes Werk und Schule auch für andere zunichte gemacht, und das Wachstum in der Liebe, das wir ja alle wachsen sollen, wird zurückgehalten (vgl. Eph 4. 15). Ein solches Verhalten stellt eine schlimme Sünde dar, die viele und vieles verdirbt. Dasselbe gilt für unser Gebet; ihr habe nicht, weil ihr übel bittet, um es in euren Lüsten (eig. Begierden) zu verzehren, schreibt Jakobus einmal, nachdem er über Krieg, Neid und Mißgunst untereinander gesprochen hat (Ja 4. 1 - 3). Und auch der folgende Satz stammt von ihm; er steht in demselben Zusammenhang: „Gott widersteht dem Hochmütigen, dem Demütigen aber gibt er Gnade” (Ja 4. 6ff). Murrst auch Du? Klagst auch Du andere an und zeigst mit dem Finger? Dann wisse, daß vier Finger es sind, die auf dich zurückzeigen (siehe Jes 58. 2 - 10). Gehe aus aus Deinem Stolz Laß ab davon und tue Buße darüber!


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Anmerkungen

[1] Mit den Unterschieden zwischen beiden Ordnungen, von denen eine die des neuen, die andere noch die des Alten darstellt, haben wir uns intensiv in der Schrift Die Zehntenlüge auseinandergesetzt.

[2] Auch der Zehnte, den Abraham seinerzeit dem Melchisedek dargebracht hatte, kann nicht als weiterhin gültig dargestellt werden, da er prophetisch hinsichtlich des damals noch zukünftigen Priesterstammes Levi geschah, der im Neuen Bund jedoch keine Relevanz mehr besitzt, da Jesus aus dem Stamm Juda hervorgegangen ist (Hbr 7. 1 - 21). Die Tatsache, daß Melchisedek ihn entgegen nahm, in dessen Ordnung stehend uns Jesus als Hohepriester geschildert wird, belegt damit nicht eine Gültigkeit des Zehnten über den Alten Bund hinaus. Hier geht es nicht mehr um das Gesetz; die Zielsetzung Gottes für den neuen Bund ist eine ganz andere, darüber hinausgehende und damit weit bessere, als die alte und vom neuen Bund abgelöste, noch aufs Land Israel bezogene Opfergesetzgebung mit ihrem dazugehörigen Levitendienst, in deren Zusammenhang der Zehnte steht, zu verfolgen jemals in der Lage gewesen wäre. Wer den Zehnten heute noch lehrt, lehrt Gesetz. Das vermögen auch solche scheintheologischen Winkelzüge nicht zu verdecken. Siehe dazu auch die weiter unten stehende Anmerkung 4.

[3] Auf die diesbezüglichen Aussagen des Jakobusbriefes wird in „Der Weg der Liebe und die Wiederkunft des Herrn – Arm und Reich: Gedanken zum Jakobusbrief weiter eingegangen werden.

[4] Näheres über diesen offensichtlichen Irrweg haben ich in der Schrift „Die Zehntenlüge – Vom Opfer, dem Gebannten und der Barmherzigkeit” im dritten Kapitel ebenfalls ausführlicher dargelegt, und möchte auf diese daher - vor allem auch im Blick auf das heute üblich gewordene Verlangen von Zehnt- und Opfergaben – besonders hinweisen.





Verwendete Bibelübersetzungen und Hilfsmittel

Wo nicht anders angegeben, wurden für das Neue Testament, das Erste und Zweite Buch Mose, die Psalmen, die Propheten Jesaja und Daniel die folgenden Ausgaben der Konkordanten Übersetzung verwendet:

Konkordantes Neues Testament mit Stichwortkonkordanz
6. Auflage 1995, Alle Rechte vorbehalten

Konkordantes Altes Testament, Das Erste und Zweite Buch Mose
2. erw. Auflage

Konkordantes Altes Testament, Die Psalmen
1. Auflage 1994

Konkordantes Altes Testament, Jesaja
 Studienheft mit transliterierten göttlichen Titeln
3. Auflage

Konkordantes Altes Testament, Daniel
1. Auflage 1991

Konkordanter Verlag Pforzheim
Leipziger Str. 11
75217 Birkenfeld

An allen anderen Stellen wurden verwendet:

Elberfelder Übersetzung (Unrevidierte Version)
„Die Heilige Schrift Aus dem Grundtext übersetzt”
73. Auflage 1993

Revidierte Elberfelder Übersetzung
Verlag R. Brockhaus, Wuppertal

Schlachter - Übersetzung
„Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments / Unter Berücksichtigung der besten Übersetzungen / Nach dem Urtext übersetzt von Franz Eugen Schlachter / Neu bearbeitet und herausgegeben durch die GENFER BIBELGESELLSCHAFT, Genf, 1985”

Die Geschriebene des Alten und des Neuen Bundes
Übersetzung von Fritz Henning Baader, 3. (überarbeitete) Gesamtausgabe 1998
Copyright 1998 by F. H. Baader, 75328 Schömberg

Novum Testamentum Graece
Nestle - Aland, 26., neu bearbeitete Auflage 1979-1988
Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten

Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament
Hrsg. Gerhard Kittel u. a.
Verlag Kohlhammer, Stuttgart u. a., 1933-1969



Lieber Bruder, liebe Schwester!

Wir hoffen, daß die vorliegenden Bibelstudien Euch zum Segen geworden sind und unser HERR Jesus Christus Euch damit in Seiner Liebe neu begegnet ist und berührt hat, so wie auch wir von Ihm berührt worden sind.

Gleichzeitig bitten wir Euch aber auch, selbst in der Schrift nachzuforschen, ob es sich so verhält (Apg 17. 11). Gottes Wort ist so voll unerschöpflichen Reichtums, daß wir ganz bestimmt nicht auf Vollständigkeit und Fehlerlosigkeit dieses Bibelstudiums bestehen. Denn allein in Christus sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen (Kol 2. 3).

Wir wünschen uns, daß sich dieser Reichtum in Eurem Leben entfaltet und Ihr so nicht nur zu Schatzsuchern, sondern zu Schatzhebern werdet.

Wenn Ihr aus diesen Bibelstudien etwas empfangen habt und sie an Geschwister weitergeben wollt, die ebenfalls „Hunger” danach haben, so bitten wir Euch, das sehr verantwortungsbewußt und mit göttlicher Liebe und Weisheit zu tun. Benutzt diese Bibelstudien nicht, um einen „Krieg” zu entfachen, Geschwister zu verwirren und zu trennen. Bitte bedenkt, daß unser HERR voller Gnade und Sanftmut mit Jedem von uns Seinen eigenen Weg geht und ER aussucht, wann wir welcher „Nahrung” bedürfen. Wir möchten auf Johannes 10. 8 hinweisen: Jesus sagte: „Alle, die Mir zuvorkommen wollten, sind Diebe und Wegelagerer; die Schafe jedoch hörten nicht auf sie.” Werden wir zu solchen, dann haben wir die Liebe verlassen, die wir unseren Brüdern und Schwestern schuldig sind. Hört also bitte auf das Reden unseres HERRN Jesus Christus und gebt diese Bibelstudien weiter, wenn ER Selbst dafür eine Tür aufgetan hat.

Bitte beachtet dabei die folgenden drei Dinge:

1. Gebt diese Studien kostenlos weiter, auf welchem Wege auch immer Ihr wollt, aber nehmt nichts als Gegenleistung dafür (Mt 10. 8 - 9).

2. Bitte gebt diese Studien unverändert und vor allem vollständig weiter. Einzelne Bruchteile könnten durchaus, da sie aus dem Zusammenhang herausgenommen worden sind, mißverstanden werden. Solche Mißverständnisse können Schaden anrichten.

3. Diese Studien dürfen nicht in irgendwelchem Zusammenhang mit kommerzieller oder sonstiger Werbung veröffentlicht werden.

Diese Schrift ist am 10. 07. 2011 zuletzt bearbeitet worden.

© 2003 ff.


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