Der Zehnte und das Brot
Der Zehnte und das Brot
*
„Gott segnet nicht mehr,
wenn ich den Zehnten nicht gebe.”
*
Ist das wahr?
„Gott segnet mich finanziell nur,
solange ich den Zehnten bezahle.” - Dies ist eine These, wie wir sie
heute immer wieder einmal hören. Und viele mühen sich auf dem
Wege, sie zu befolgen. Manchmal mit mehr, manchmal mit weniger,
oft aber auch ohne Erfolg.
Ist das wahr? So lautet die Frage, die
leider nur wenige zu stellen wagen. Im Zuge der in unseren Tagen
vielfach vorhandenen und zielgerichteten Entmündigung von
Geschwistern scheint selbstständiges Fragen und Denken nicht nur
aus der Mode gekommen, sondern an vielen Orten auch unerwünscht
zu sein. So maßregelt man diejenigen, die sich noch allein an
den klaren Aussagen der Schrift orientieren wollen und von daher
etwas anderes zu denken wagen als das, was ihnen seitens einer
vermeintlichen „Leiterschaft”, von nicht wenigen „Pastoren” und
sogenannten „Gesalbten Gottes” vorgegeben wird. Wir würden nicht
aus der Armut herauskommen, wenn wir nicht zehnteten, hören wir
da. Oder wir würden auch niemals schuldenfrei sein, wird uns
gelehrt, und dergleichen mehr. So legt man mitunter sogar Sozialhilfeempfängern noch nahe, den
Zehnten zu geben. Eine neuere Behauptung ist etwa, daß erst das
Geben des Zehnten uns den vollen geistlichen Segen eröffnete.
Hier wird es ganz gefährlich. Denn es ist Jesus, der uns den
geistlichen Segen erkauft hat – Er allein, und
niemand anders sonst. Und nichts, aber auch gar nichts
kann, ja darf jemals den Platz des Opfers einnehmen, das Jesus
für uns erbracht hat. (1) Darum folgen auch wir solchem
Diktat nicht; wir wollen diese Frage stellen; wir wollen uns auf
das Wagnis der Freiheit einlassen. Und darum wollen wir auch die
Antwort gleich vorweg nehmen: Nein und abermals nein!
Denn daß eine solche These nicht nur eine Irrlehre, sondern
darüber hinaus auch eine glatte Lüge ist, das haben neben uns
auch viele andere im persönlichen Leben erfahren dürfen – oder
müssen.
Eine weitere „böse
Falle” besteht in
einem häufig mißbräuchlichen Argumentieren dieser Kreise mit dem
Begriff der Treue. Es wird gesagt, daß Gott den belohne, der
auch im Geringsten treu sei, und meist angeführt, daß der Herr „das Finanzielle” dabei nicht
ausgeklammert, sondern ausdrücklich erwähnt habe. Hier werden
gleich drei verschiedene Dinge – Treue, Geld, Lohn –
kurzgeschlossen und aneinandergeklittert, die in dieser
platitudenhaften Form nicht nur nicht aneinander gehören,
sondern in dieser Verbindung zugleich auch offensichtlich
machen, daß wir es hier wiederum mit einem gesetzlichen, sprich
Lohndenken, zu tun haben, das zudem – und das ist das zweite
Problem – unserem Begehren entgegen
komme.
Das
Evangelium
geht
jedoch
mit
Gnade
um, mit unverdientem Geschenk, das Gesetz hingegen mit Lohn, der
der erfüllten Pflicht folgt (opheilema,
Rö 4. 4, 5). Es ist im Neuen Testament nirgends gesagt,
daß Gott Treue im Hier und Jetzt belohnen müsse. Das kann sein,
wird in vielen Fällen auch sein, muß aber nicht sein. Den, der
„im Geringsten” treu ist, den wird Er „über vieles” setzen. Aber
wann geschieht dieses „Setzen über Vieles?” Lesen wir einmal den
Zusammenhang, in dem dieser Passus erwähnt ist, erkennen wir,
daß dies am Ende des Weges geschehen wird, wenn der Herr kommen
und von Seinen Knechten Rechenschaft fordern wird, über den
Umgang mit den Gaben und Befähigungen, die er ihnen anvertraut
hat. Abgerechnet wird zum Schluß. So steht es da. Eindeutig. Begehren im Hier und Jetzt?
Fehlanzeige – auch
wenn sich da verschiedene Leute präsentieren und sich lauthals
damit brüsten, „wie reich” Gott sie doch gesegnet habe, im
Hinblick darauf, daß sie „den Zehnten gäben”. Ein Bruder sagte
mir einmal, daß, wenn Gott einen Weg nicht eröffne, die Menschen
aber partout auf diesem Weg bestünden, dann „hilft der Teufel
schieben”. Das ist leider wahr - gerade auch im Hinblick auf
diese Irreführung.
Wir teilen somit – denn dieser Gedanke ergibt
sich daraus geradezu zwangläufig – den Ansatz nicht, daß der Weg
Gottes etwas mit Erfolg zu tun habe oder ein zu erzielender
Erfolg auch nur irgendeine Richtschnur für unser Handeln sein
dürfe. Hier hat es in der Vergangenheit in vielen christlichen
Richtungen erhebliche Schwerpunktverschiebungen gegeben, die
ihrerseits zum Einfallstor zum Teil gravierender Irrlehren
geworden sind. Auch darum geht es uns hier. Die Schrift spricht
von Gehorsam, von Nachfolge, vom Aufnehmen des Kreuzes; vor
allem aber spricht
sie von Frucht, wenn es um den Maßstab geht, aber nie von
Erfolg. Die Frucht, die das Neue Testament
thematisiert, besteht demnach nicht in einzelnen Ergebnissen
unseres Tuns, sondern stellt in erster Linie die Frucht des
Geistes dar, die all die
Eigenschaften der Jesusähnlichkeit enthält, die dieser Geist in
unserem Leben auswirken will. (2) Diese Eigenschaften – oder
sagen wir vielleicht noch genauer die Früchte des
Geistes – sind in jener neunbeerigen Weinrebe als Gesamtfrucht
zusammengefaßt, wie sie uns etwa im Galaterbrief beschrieben
worden ist (Ga 5. 22). Hier geht es, um diese Früchte im
einzelnen zu benennen, um Liebe,
Freude, Friede, Geduld, Milde, Gutheit, Treue, Sanftmut und
Selbstzucht. (3) Wo von diesen nichts
vorhanden ist, diese auch nicht weiter betont werden, da ist es
– bei allem augenscheinlichen Erfolg – vollkommen irreführend,
von Frucht zu sprechen. In diesem Bilde sind wir die einzelnen
Weinreben an dem einen Weinstock, der Jesus heißt; der
himmlische Vater aber ist der Weingärtner, der uns entweder
durch Sein Wort, durch andere Menschen oder aber durch die
Umstände unseres Lebens so beschneidet, daß möglichst viel von dieser
Frucht in uns wachsen und heranreifen kann (Jo 15. 1 - 8).
Wie gilt es da in Jesus zu bleiben, damit wir solche Früchte
bekommen, die andere genießen und von denen sie leben können!
Die Früchte unseres Lebens sind immer für andere da. Der Herr
hat wohl gesagt, daß Gott, der Vater, uns auf diesem Wege all
das, was wir in unserem Lauf benötigen, hinzufügen
werde; aber dies ist ein Nebeneffekt, es ist nicht das Ziel. Es
darf auch niemals das Ziel sein. Unser Ziel ist und bleibt
Jesus – Ihm gilt es immer ähnlicher zu werden, bis wir
unsere Heimat erreichen und endlich zu Hause sind, dort, wo Er
bereits ist und auf uns wartet. Unser Zuhause ist eben nicht
diese Erde, sondern der Himmel, den Jesus uns mit Seinem Leiden
und Sterben am Kreuz erkauft hat. Da heißt es immer nur: Ihm
nach – dem Lamme nach!
Was sagt
die Bibel nun zu der eingangs gestellten Frage? Dem allein
gilt es nachzugehen; allein daran können wir das prüfen, was
wir hören oder lesen. Und prüfen dürfen wir nicht nur –
niemand hat das Recht, uns dies zu verwehren – wir sollen es
auch. Von diesem Gebot ist keiner ausgenommen. Dann
aber gilt es, aus all dem auszugehen, was auch nur böse
aussieht (1Thess 5. 21, 22). Wenn wir aber das Böse
definieren wollen, dann müssen wir es immer als dasjenige
bezeichnen, das mit dem erklärten Willen Gottes, Seinem Wort
gemäß, nicht übereinstimmt. Sein Wort aber erklärt sich nie
aus einzelnen herausgenommenen Bibelstellen, sondern immer nur
aus dessen Zusammenhängen heraus. So erkennen wir, daß wohl
Gottes Wille, nicht aber nicht jedes Wort der Schrift für
jeden Menschen zu aller Zeit Gültigkeit besitzt. Zunächst ist
zu sagen, daß das Neue Testament an keiner Stelle davon
spricht, daß die Glieder des Leibes Christi einen wie auch
immer gearteten „Zehnten” zu entrichten hätten. Auch die oft
zitierte Stelle Mt 23. 23 –
„dies muß man beachten und jenes nicht unterlassen” –
spricht nicht die Jünger an, sondern richtete sich an die
Pharisäer, jene religiöse Oberschicht des Alten Bundes also,
die zwar alles Mögliche und Unmögliche hochgenau verzehntete,
dabei aber das Wichtigste, ja das Eigentliche dahinten
ließ, worum es schon beim Gesetz gegangen war, nämlich
„die Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit und den Glauben”. Damit ist also ganz klar der Weg
des Gesetzes unter dem Alten Bund angesprochen - und damit stehen
zugleich auch jene im Mittelpunkt der Aussage, die dieses
Gesetz trotz all ihrer vermeintlichen „Buchstabentreue” eben
gerade nicht zu halten vermocht und damit sein
eigentliches Ziel, nämlich die Hingabe an Gott und den
Nächsten verfehlt
hatten (vgl. Mt 22. 37 – 40, Rö 13. 10). Genau dieselbe
Erkenntnis bewog dann auch die Apostel dazu, diejenigen
zurückzuweisen, die einzelne Vorschriften der Thora in die
noch junge Gemeinde wieder einführen wollten, indem sie es
ablehnten, ein Joch aufzunehmen, das weder sie noch ihre
Väter zu tragen jemals in der Lage gewesen waren. So
sind uns aus dem Apostelkonzil in Jerusalem die einzigen Stücke
überliefert, die – nach Übereinstimmung aller, allerdings nur
im Hinblick auf das Judentum und auf die unter dem Gesetz
Israels Lebenden – für notwendig befunden waren, aus jener
Zeit übernommen zu werden: Das sind das Vermeiden von Götzenopfer,
Hurerei, Ersticktem und Blut (Apg 15. 19 - 21). Ein
„Zehnter” ist ausdrücklich nicht dabei. (4)
Damit
also stellt die Zehntenlehre in der Form, daß man in der
neutestamentlichen Gemeinde einen Zehnten entrichten müsse,
um gesegnet zu sein, eine nicht statthafte Hinzufügung
dar (vgl. Off 22. 18 - 19). Wie aber kommt diese Lehre dann in
diese unsere Gemeinden hinein? Der Zehnte, wie er heute
vielfach verwendet wird, stellt für jene, die ihn einfordern,
zunächst einmal eine hervorragende und bequeme, weil relativ
sichere und immer wiederkehrende Finanzierungsgrundlage sowohl
des eigenen Lebensunterhaltes, als auch diverser Vorhaben dar.
Gegen die Sicherung des Lebensunterhalts und anderer
notwendiger Ausgaben wäre zunächst einmal nichts einzuwenden.
(5) Hier scheint jedoch
vor allem auch die Furcht vor mangelnder eigener Versorgung
eine große Rolle zu spielen. Ich kann dies aus eigenem Erleben
heraus gut verstehen. Aber ich habe auch erkennen müssen, daß
diese Furcht eigentlich Unglaube ist; denn sie rechnet nicht wirklich damit, daß der Herr
den, der Ihm folgt und Ihm dient, tatsächlich auch versorgen
werde, und darum mißversteht sie auch die Ordnung, nach der
der Herr dies tut. Sie weiß nichts davon, daß der Herr immer nur das Brot für den Tag
gibt, wie wir ja auch im Vaterunser bitten, und daß jeder Tag
seine eigene Sorge
hat, und versucht statt dessen in Scheunen zu sammeln und sich entsprechend
abzusichern, wovon der Zehnte mit dem Kornhaus Maleachis ja
ein ganz zentraler Ausdruck ist (vgl. Mt 6. 11, Lk 11. 3 u.
a.; Mt 16. 5 - 8, Lk 3. 10 - 14, 12. 16 - 28; Mal 3. 10 u. v.
a.). Dieselbe Furcht, verbunden mit derselben Unkenntnis,
erklärt dann auch die Vehemenz und den Einfallsreichtum, mit
denen solche falschen Lehren immer wieder vorgetragen werden.
Zu
beobachten ist auch, daß die Zehnten- und anhängenden Lehren
meistens dann, und dies in besonderer Weise, herausgestellt
werden, wenn die entsprechende Gemeindestruktur sich größeren,
durchaus an die Existenz gehenden finanziellen Problemen
ausgesetzt sieht. Hier drängen sich erfahrungsgemäß
entsprechende „Geldpredigten” immer mehr in den Vordergrund,
und dies umso mehr, je mehr der Druck steigt. Die Lösung
solcher Probleme bestand jedoch nie darin, von den
Geschwistern für einen Weg, der von Gott offensichtlich nicht
oder nicht mehr getragen wird, immer mehr Geld zu verlangen.
Die Alten wissen alle noch, daß man betete und glaubte, ohne
explizit Geld einzutreiben. Und doch war Letzteres da, wenn
man es brauchte. Der Weg wäre auch heute noch gewesen, sich
unter Gottes Hand zu demütigen, zu beten und von den
ehrgeizigen Bestrebungen abzulassen. Diese Leute müssen endlich
anfangen, die Wahrheit über sich und ihr Werk zuzulassen.
Nicht nur die Erfahrung, sondern Gottes Wort, aus dem diese
Erfahrung sich speist, zeigen, daß Gott diese Werke – diesen Weg – an ihr
bzw. sein völliges Ende führen wird und auch führen muß. Gott
wirkt nicht mit dem zusammen, was Menschen initiiert haben,
und wenn dies in noch so „guter Absicht” geschehen sei. Diesen
Zerbruch aber will man nicht haben, weswegen solche Lehren
bemüht werden. Der Teufel wird alles tun, um Buße und Zerbruch
nur ja nicht geschehen zu lassen. Dabei ist er durchaus
erfinderisch. Auch er kennt die Bibel, und er weiß, wie man
die Frommen verführt. Darum verdreht er sie so gut und
verwirrt damit die Leute. Um nun in der Gemeinde des Neuen
Bundes irgendwie doch noch einen Zehnten „unterbringen” zu
können, damit dieser falsche Weg der Hoffahrt und
Selbstüberhebung fortgesetzt werden kann, bedient er sich
eines besonderen „theologischen Kunstgriffes”: Dabei wird
zunächst von der durchaus richtigen Erkenntnis ausgegangen,
daß Christus der „Hohepriester nach der Ordnung
Melchisedeks” ist, nicht aber nach der Ordnung Aarons,
der ja noch der Hohepriester des Alten Bundes war. Dann aber
sagt man, mit Hinweis darauf, daß Abraham, der „Vater des
Glaubens”, diesem Melchisedek lange noch vor dem Gesetz einen
Zehnten dargebracht habe, daß dieser Zehnte immer noch gelte,
da er ja noch vor dem Gesetz erbracht worden sei (siehe 1Mo
14. 17 - 21 und Hbr 7. 1 - 8).
Hierbei werden jedoch gleich einige ganz
entscheidende Tatsachen unterschlagen: Zunächst einmal steht
Abrahams Zehnter in keiner Weise, wie immer einmal wieder
behauptet wird, in einer „Tradition” eines sich ständig
fortsetzenden Zehntengebens, als ob er im Verlaufe seines ganzen
Lebens „treu” und „beständig” darin gewesen sei, „seinen
Zehnten” zu entrichten. Wir lesen in der ganzen Bibel nichts
davon; hier werden Dinge in sie hineininterpretiert, die sie in
keiner Weise aussagt. Der an Melchisedek gerichtete Zehnte
ist eine einmalige, freiwillige, im Leben Abrahams nicht mehr
wiederkehrende Angelegenheit. Das ist eine ganz klare
Aussage, die sich aus dem Gesamtzusammenhang der Heiligen
Schrift ergibt. Zum anderen ist es aber auch notwendig zu
verstehen, auf wen sich jener Zehnte bezieht, den
Abraham darbrachte. In diesem Zehnten wurde nämlich – neben
Abraham selber – nur noch Levi mitverzehntet, der Stamm, der
später, unter dem Gesetz, den Priesterdienst zu vollführen
hatte, weswegen dieser Stamm, dessen Glieder selbst kein Land
besaßen, hernach auch von den Zehnten aus diesem Lande
ausgenommen worden war (Hbr 7. 9 - 10). Damit zeigt dieser
Zehnte wiederum auf das Gesetz; daß Melchisedek diesen Zehnten
entgegennahm, ist für uns insofern ohne weitere Bedeutung, da
Melchisedek uns ja auf Gott Selber hinweist, der der Urheber von
beiden, sowohl des Glaubens als auch des Gesetzes ist. (6)
So wurde der Zehnte Abrahams gewissermaßen in Voraussicht auf
den diesbezüglichen Gesetzesbund mit der entsprechenden
levitischen Verwaltung erbracht, da Levi damals noch „in der
Lende Abrahams”,
d. h. noch nicht geboren, noch in der Erwartung war. Wie alle
späteren Zehnten Israels, so kam auch schon der Zehnte Abrahams
letztlich aus den Gütern des ihm verheißenen, hier jedoch noch nicht eingenommenen
Landes. Interessant dabei ist, daß dieser Zehnte aus der Habe
Lots stammte (1Mo 14. 12). Abraham hat seine eigene Habe
niemals, zu keiner Zeit auf irgend eine Weise „verzehntet” – wir
lesen in der ganzen Bibel nichts davon – und war doch
steinreich!
Die heute leider gängige
Zehntenlehre führt dazu, daß der an den Pranger gestellt wird,
der arm oder nicht so erfolgreich ist wie andere. Er sei für
seine Armut selbst verantwortlich, da er nach solchem Diktus
nicht ausreichend gezehntet habe. Damit aber findet eine
geradezu dämonische Umkehrung der Tatsachen statt. Anstatt ihm
nämlich ausreichend zu helfen, damit er aus seiner Not herauskommt,
wie es nach dem Evangelium Pflicht wäre (7), baut
man sich eine Burg gegen Gott - wähnt man sich doch von seiner
Verantwortung frei; man dünkt sich als besonders „gesegnet”,
hat man seiner „Verpflichtung” doch Genüge getan. Hier finden
wir uns mitten im Pharisäismus wieder (Mt 23. 23, Mk 7. 5 -
13). Wir lesen im Neuen Testament jedoch nichts davon, daß
Gott geboten habe, eine äußerliche Struktur zu finanzieren.
Ihm geht es immer um den Menschen selbst, um den
Nächsten, um den Bruder und die Schwester. Ja, auch Paulus
sammelte Geld. Jedoch tat er dies nicht, um Gemeindestrukturen
oder diverse „Projekte”, Gebäude und dergleichen zu errichten
oder zu unterhalten (8) – man
mag dies durchaus tun, solange niemand in Schwierigkeiten ist
und Gott dies gestattet – sondern immer „für die Heiligen”
selbst (vgl. Rö 15. 25 - 26, 2Kor 9. 1 u. v. a.). Von daher
ist diese Lehre nicht nur äußerst lieblos, sie ist auch
besonders perfide. Vor allem aber ist sie als eine gefährliche
Irrlehre zu entlarven, da sie den, der sie befolgt, wieder
unter das Gesetz und damit unter die Herrschaft dieses
Gesetzes versklavt (siehe Ga 2. 4 - 5, 5. 1ff). Aber noch
nicht einmal der Zehnte unter dem Gesetz entspricht auch nur
annähernd dem, was man heute daraus gemacht hat! Das Geben der
Zehnten bezog sich allein auf die Landbesitzer des Alten
Bundes, alle andern – die Tagelöhner etwa, was den heutigen
sog. „abhängig Beschäftigten”, den Arbeitern und Angestellten
entsprechen würde – waren frei, ebenso die Witwen, die
Mittellosen, die Armen, Verschuldeten usw. (3Mo 27. 30 - 33,
4Mo 18.21 - 32, 5Mo 14. 22ff und 26. 1 - 11; vgl. auch Neh 12.
44, 13. 10 und 12). Wie wir gesehen haben, stellte der Zehnte
zudem vor allem die Versorgung der Priesterschaft (des Stammes
Levi) unter demselben Bund dar; der Herr Jesus kommt aber
nicht aus dem Stamm Levi, sondern aus Juda, „zu welchem
Stamm Mose nichts die Priester Betreffendes gesprochen hat”, Hbr 7. 11 - 19.
Wie kaum etwas anderes weisen uns die Zehnten
in ihren verschiedenen Ausformungen auf den Gesetzesdienst des
Alten Bundes und damit auf Levi, den alttestamentlichen
Priesterstamm hin, der diesen Dienst zu vollführen hatte. Im
Neuen Bund haben wir jedoch nicht mehr eine besondere
„Priesterkaste”, die von dem sogenannten „allgemeinen Volk” zu
unterhalten wäre, sondern es stellt der gesamte Leib, der
gesamte Organismus eine Priesterschaft dar, wie Petrus
sagt (1Ptr 2. 5, 9 - 10). Über die diesem neuen Priestertum
zugehörigen Ordnungen, vor allem, soweit sie dessen Versorgung
betreffen, werden wir weiter unten noch zu reden haben. Daß das
Aussehen unserer Gemeinden – im Widerspruch dazu – anders ist,
nämlich wiederum nach dem Muster eines alttestamentlichen
Priestertums, d. h. also dem eines „Klerus” und
eines „Volkes”, das diesem
Priestertum gegenübersteht, zeugt von weithin gravierenden
Mißverständnissen über den Leib Christi und somit wiederum über
den Gemeinde- bzw. Leibesbegriff. All diese Dinge sind geradezu
tödlich für den Leib des Christus (d. h. des Gesalbten,
bestehend aus Haupt und Gliedern). Es gibt kaum eine andere
Lehre, die sich so schädlich auf die Auferbauung, das
Verständnis und den Zusammenhalt des Gesamtleibes auswirkt wie
die heute gängige Leiterschafts- und die damit zusammenhängende
Zehntenlehre.
Der Zehnte ist also, wie oben angedeutet,
eine gesetzliche Ordnung, die, anders als weithin behauptet
wird, ganz klar aus dem mosaischen Gesetz entstammt, wie ja auch
Maleachi sich bei dem vielzitierten Zehntgebot aus Mal 3. 7ff
ganz klar auf die Befolgung eben dieses mosaischen Gesetzes, auf
sein Priestertum und auch auf den Bund mit diesem Priestertum
bezieht, was aber von den heutigen „Zehntenlehrern” wiederum unterschlagen wird
(Mal 2. 1 - 9, 3. 7 und 22). Die Weisung aus Maleachi 3. 8ff,
den „Zehnten in voller Höhe” zu entrichten, wird also
von Hinweisen auf den Zusammenhang dieses Gesetzes, dem Gebot
aus den „Tagen der Väter”, geradezu „eingerahmt”, damit nun
auch der Letzte zweifelsfrei wisse und erkenne, daß diese
Zehntenforderung samt zugehöriger Verheißung aus dem durch Mose
überlieferten Gesetz kommt und nichts mit dem Neuen Bund zu tun
hat. (9) Man
sollte sich von daher auch hier ganz unbedingt einmal die Mühe
machen, nicht nur einzelne „Bibelverse” zu hören und
nachzuschlagen, wie dies leider immer wieder geschieht, sondern
auch einmal ihre näheren Zusammenhänge zu untersuchen, um zu
erfahren, was wann für wen gilt und was nicht.
Daß der Zehnte aus dem Gesetz kommt, ist eben dargelegt worden.
Was aber sagt das Gesetz? Paulus führt dazu aus: „Wer alle
Gebote (dieses Gesetzes) erfüllt, wird in ihnen (andere: durch
sie) leben”,
Ga 3. 12. Das Gesetz lebt geradezu aus dem Tun dieses
Gesetzes und dem aus diesem Tun – der Leistung – heraus
erfolgenden Lohn (vgl. Rö 4. 4). Dem entspricht voll und ganz
die Weisung Maleachis, daß der mit übervollen Scheunen gesegnet
sei, der den Zehnten – als notwendige Vorleistung – ganz
entrichte, Mal 3. 8f. Der Gerechte lebt aber durch Glauben,
nicht durch Gesetzesbefolgung, und ist allein durch Glauben
gerechtfertigt (Ga 3. 11). Der Glaube wiederum kommt daher nicht
aus dem Gesetz und damit auch nicht aus dem Zehntengeben. Im
Gegenteil. Wer mit Gesetzeswerken umgeht, der ist nicht unter
einem Segen, wie vielfach unterstellt wird, sondern unter
dem Fluch, weil der, der Anleihen vom Gesetz macht, das ganze
Gesetz zu halten verpflichtet ist, was er jedoch nicht kann;
somit ist er dazu verurteilt, sein ganzes Leben lang Schuldner
des Gesetzes zu bleiben, der Sünde und dem Tode verfallen, Gal
3. 10. Christus aber hat uns von eben diesem Fluch
gerade erlöst (Vers 13, 14). Und damit sind wir nicht mehr beim
Lohn, sondern bei der Gnade, und damit beim Leben unter der
Gnade. Ja, um unser Leben geht es hier, nicht erst im Himmel,
sondern hier schon, auf der Erde, in unseren ganz alltäglichen,
irdischen Zusammenhängen und Mühen. Leben aus dem Glauben –
das meint eben nicht nur jene „frömmlerisch-ideelle
Vorstellung”, die wir von der Rechtfertigung des Sünders oftmals
haben, sondern schließt, da ja von einem Leben, d. h.
vom täglichen und ganz praktischen Lebensvollzug
gesprochen wird, gerade auch unsere Versorgung mit ein. Wenn die
Bibel sagt, daß wir einen neuen und viel besseren Bund haben,
als jener es war, der noch von dem levitischen Dienst und der
Versorgung nach dem Muster dieses Dienstes gekennzeichnet war,
dann spricht es sowohl von einem anderen, weit besseren
Priesterum als auch von einer anderen, weit besseren Versorgung.
Ich kann das hier nur kurz anreißen. Es lohnt sich jedoch, dem,
was das Neue Testament, was Paulus, vor allem aber, was Jesus
Selber darüber sagt, einmal nachzugehen.
Wer von daher seine Versorgung meint aus dem Geben
eines Zehnten (oder gar dem sog. „Gesetz von Saat und Ernte”) herleiten
zu wollen oder zu können, der hat sich, wie der Beschnittene
auch, unter das Gesetz und damit unter die Herrschaft eben
dieses Gesetzes begeben; der lebt unter dem Fluch; darum kann
auch Christus ihm nichts mehr nützen, ist er doch getrennt von
Ihm (siehe Ga. 5. 2 - 6). Damit hat er aber auch die Versorgung,
unter die Christus ihn stellen will, gerade aufgegeben –
denn die Ordnung, unter die Christus ihn stellen will, ist nicht
eine, die noch in Scheunen sammelt, die also – im Sinne von
Opfern und Zehnten bildlich gesehen – selber säen und „ackern”
muß, um für sich von Gott her einen Ertrag, eine „Ernte” zu
sichern. Das unterscheidet die Ordnung des Alten von der des
Neuen Bundes, die noch irdische von der nun himmlischen Ordnung
grundlegend, wie wir ja auch nicht mit einem irdischen,
vergänglichen, sondern einem himmlischen Segen und
Losteil gesegnet sind (Eph 1. 3f, 1Ptr. 1. 3 - 4). Saat und
Ernte für sich selbst auf dieser Erde (10) gehörte noch
in den Alten Bund, währen im Neuen die Fürsorge für den Nächsten
(d. h. die sich dem andern zuwendende Liebe) an die Stelle der
Sorge für sich selbst, das Säen und das Ernten für die eigenen
Belange, getreten ist (Ga 6. 8ff). Der Neue Bund bedeutet
das Ende des Kornhauses! (11)
Das Gesetz des Christus, der nach der
Lehre des neuen Testamentes aus Haupt und Gliedern besteht,
dagegen lautet: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr
das Gesetz Christi (o. des Christus) erfüllen”, Gal 6. 2. Dies
ist die Gesetzmäßigkeit, in der der Christus besteht und
überhaupt erst Bestand haben kann! Hier, in der Liebe, hat das
Gesetz seine Erfüllung, mit dieser Erfüllung aber zugleich auch
sein Ende gefunden – seine Voll-Endung im Wortsinn (Ga
5. 13 - 14). Von da an gilt: „In Christus Jesus vermag weder
Beschneidung noch Unbeschnittenheit etwas, sondern nur der
Glaube, der durch die Liebe wirksam (o. tätig) ist” (Vers
6). Ein an eine bestimmte Organisation oder an eine besondere
Körperschaft zu leistender „Zehnter”, mit dessen Zuhilfenahme
die eigene Versorgung sicherzustellen ist, wie dies u. a. in
Maleachi noch gelehrt wird, hat hier weder Platz noch
Berechtigung. Im Alten Bund galt ein bestimmtes Regelwerk, das
einzuhalten war, wenn man gesegnet sein wollte; heute steht
Christus Selbst vor mir und sagt ganz einfach nur: Folge Mir
nach, und ich werde dich dabei mit allem versehen, was du
brauchst. Kurzum, er sagt mir auch hier: Fürchte dich nicht.
Kümmere dich – auf dem Weg der Christusnachfolge – getrost um
den Bruder oder die Schwester, was dein Teil ist, und Gott wird
Sich um dich kümmern und für dich sorgen, was Sein Teil ist,
vgl. den Zusammenhang 1Ptr 5.5 - 7.
Die Ordnung des Neuen Bundes, die eine Ordnung der Himmelsbürger
ist, ist demnach nicht ein Zehnter, sondern entspricht dem Vorbild
des
Manna, des Himmelsbrotes in der Wüste, das die Israeliten
sammeln sollten, wobei die, die viel sammelten, davon nicht
reicher, und die, die weniger sammelten, davon nicht ärmer
wurden, d. h. jeder bekam seinen Teil, wobei die, die
überfließend waren, denen gaben, die Mangel hatten, damit ein
Ausgleich geschah und damit der Not aller zu jeder Zeit begegnet
werden konnte (2Mo 16. 4 - 5, 13 - 18). Daß Paulus dies als die
generelle Ordnung des Neuen Bundes aufnimmt, soweit dies die
Versorgung aller seiner Glieder betrifft, kommt nicht von
ungefähr. Wir erkennen schon, wie sehr diese Ordnung dem vorhin
genannten „Gesetz des Christus” entspricht, ja seine
Ausführung überhaupt erst ermöglicht. Dieselbe Ordnung des Manna
ist in 2Kor 8 (besonders die Verse 12 - 15) und 9 niedergelegt;
daß sie ganz wunderbar „funktioniert”, und zwar im Gegensatz zu
den immer wieder vorgetragenen Einwänden diverser
„Zeitgenossen”, die es anscheinend „besser” wissen wollen als
der Apostel, ja besser noch als Gott Selbst, sehen wir besonders
auch an Apg 2. 44 - 47 und 4. 23 - 35, als die Gemeinde noch am
Anfang, noch ganz in der ersten Liebe war, als alle noch
beieinander waren und alles miteinander teilten. Lesen wir doch
einmal wirklich nach, was da steht, damit uns die Zustände
bewußt werden, in denen wir uns offensichtlich befinden und von
denen wir umkehren müssen - Zustände freilich, deren Veränderung
man nicht herbei-organisieren kann, die sich aber gewiß
einstellen wird, wenn unser Verhältnis sowohl zu Jesus, unserem
Haupt, als auch zueinander so wird wie das jener am Anfang!
So heißt
es: „Alle Gläubigen waren beieinander und hatten alles
gemeinsam. Die erworbenen Güter und den Besitz veräußerten
sie und verteilten den Erlös an alle, je nachdem jemand
Bedarf hatte. Täglich verharrten sie in der Weihestätte und
brachen Brot zu Hause. Ihre Nahrung nahmen sie mit
Frohlocken und mit Herzenseinfalt zu sich und hatten Gnade
für das ganze Volk...” (2. 44 - 47). Und wieder
heißt es: „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine
Seele, und auch nicht einer sagte, daß etwas von
seinem erworbenen Besitz sein eigen sei, sondern sie hatten
alles gemeinsam. Dazu legten die Apostel mit großer Kraft
das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus Christus
ab, auch war große Gnade unter ihnen allen; denn es war
kein Darbender unter ihnen. Alle nämlich, die
Freiäcker oder Häuser erworben hatten, verkauften diese,
brachten den Erlös des Veräußerten und legten ihn zu Füßen
der Apostel. Davon wurde jedem zugeteilt, je nachdem einer
Bedarf hatte” (Apg
4. 32 - 35).
Es ist
schon interessant, daß wir ausgerechnet hier, da es um die Form der Gemeinde
geht und soweit dies die Apostelgeschichte selbst betrifft,
das erste Mal das Wort ekklesía vorliegen
haben; es ist das dritte Mal im ganzen Neuen Testament
überhaupt (zum ersten in Mt 16. 18, dann in 18. 17, hier
in Apg 2. 47, dann erst wieder in Apg 5. 11). In
Matthäus spricht der Herr davon, daß Er der Christus, der
Gesalbte, und damit der Felsen sei, auf dem er
Seine ekklesía errichten wolle; die Pforten der Hölle
würden sie, als die von Ihm Herausgerufene, nicht
überwältigen. Die Apostelgeschichte spricht von der Gemeinschaft
des einen Herzens und der einen Seele und und nennt diese
Gemeinschaft ebenfalls ekklesía – vereint mit dem
Haupt, und gerade darum auch vereint miteinander. In den
Erdentagen Jesu hatten sie noch miteinander gestritten, wer
der Größte sei. Nun aber waren sie alle auf dasselbe
hin (epi to auto) ausgerichtet, wie es in
Apg 2. 1 wörtlich heißt (12) –
damit aber auf Denselben, auf Jesus, das Haupt in ihrer
Mitte. Diese gemeinsame Ausrichtung allein auf das
Haupt – nicht auf „Leiterschaft”, nicht auf eine
Struktur, nicht auf einen bestimmten Ort, nicht auf ein
Programm – aber ist nicht nur die Grundvoraussetzung der
Einheit, sondern die Einheit besteht geradezu darin, daß jeder
für sich und alle zusammen allein
auf Jesus ausgerichtet sind (vgl. auch Mt 17. 1 - 8
par. Mk 9. 5 - 8 und Lk 9. 35 - 36).
Das, was
der Herr Sich erbeten hatte – daß sie alle eins seien, so
wie Er mit dem Vater eins ist – hier, auf den ersten
Seiten der Apostelgeschichte, war es in jeder Hinsicht
Wirklichkeit geworden. Darum war auch der Herr so deutlich
vernehmbar unter ihnen und konnte Seinen Namen in bis dahin
ungeahnter Weise verherrlichen – war Seine Herrschaft
doch ungebrochen, völlig ungeschmälert durch menschlichen
Eigenwillen. Waren der Liebe zu Gott keine Schranken gesetzt,
konnte es auch keine für die Liebe untereinander geben. Das
ging solange, wie der Mensch in dieser Liebe blieb, wie er
nicht selbst in das Geschehen eingriff und damit die
Herrschaft wieder an sich riß. Daß es doch geschah, kann man
die wohl größte Tragödie nennen, die der Christenheit
widerfahren ist. Damit wird also deutlich, daß uns hier,
nach dem Kommen des Heiligen Geistes, das Urbild der
Gemeinde entgegentritt, und zwar genau in der
Gestalt, in der Gott sie ins Dasein gerufen hat – nirgendwo
anders sonst. (13) Darum mahnt auch die Offenbarung
ausgerechnet in ihrem ersten Sendschreiben (!) dazu, zur
ersten Liebe zurückzukehren, anderenfalls würde der
Leuchter der Gemeinde umgestoßen werden – was bedeutete, daß
das Öl des Heiligen Geistes, der in ihm brennt, auslaufen
würde. Wenn aber das Öl aus dem Leuchter ausläuft, was
bedeutet dies anderes, als daß das von diesem Öl
unterhaltene Geistesfeuer, das bis dahin der Gemeinde so
signifikant innewohnte, allmählich verlischt und das
Licht und die Offenbarung Gottes aufhören? Und dies ist eine
Entwicklung, die in der Gemeinde ganz unzweifelhaft
eingetreten ist und immer wieder eintreten wird, solange
solche Ermahnungen nicht beherzigt werden (Off 2. 4 - 5).
Wir
haben die Zeit der ersten Liebe thematisiert, weil niemand
Geringeres als der Herr Selbst sie thematisiert; wir kommen also
nicht umhin, uns mit der Frage auseinanderzusetzen, wie diese
Zeit der ersten Liebe aussah und was sie von jener Zeit
unterschied, die danach folgte. Wir können nur immer
wiederholen, was Gottes Wort uns darüber sagt. Damals hatte man
noch alles gemeinsam, und es war große Liebe auf allen, so daß
man nicht nur das Wort, sondern auch das tägliche Brot
miteinander teilte, wie wir dies aus den Berichten der
Apostelgeschichte gesehen haben (s. o.). Damals kümmerte man
sich eben nicht nur um das Wort; man kümmerte sich genauso um
die Tische! Das „Wort” und das „Brot”, das „Geistliche” und das
„Irdische” waren nach dem Willen des Herrn nicht voneinander
geschieden. Dies hielt jedoch nicht sehr lange vor; bald vergaß
man wieder einige, was sich, wie wir unschwer an dem Murren
erkennen, das sich in Teilen der Gemeinde erhoben hatte, über
eine ganze Zeitspanne hinweg eingeschlichen haben mußte. Die
Apostelgeschichte nennt ausgerechnet die Witwen der
Hellenisten, von Israeliten aus dem griechisch sprechenden
Kulturkreis also, die nicht wohlhabend waren, weil sie eben
keine Ländereien oder Häuser besessen hatten und von daher
nichts oder vielleicht nur Weniges zu der Gemeinde beizusteuern
hatten (Apg 6. 1). Offenbar hielt man sie für nicht wichtig, und
so hatte man sie schlicht übersehen – wohl über dem Bestreben,
daß man vor allem anderen doch erst einmal „das Wort”
verbreiten und für das Wachstum der Gemeinde Sorge tragen müsse.
Damit aber tritt die Hauptsache in den Hintergund und wird zur
Nebensache. Es ist geradezu frappierend, welche „geistlichen”
Begründungen man schon damals für sein Fehlverhalten anzuführen
wußte! Wie auch heute so oft, so tritt bereits hier der
Aufbau einer neuen Struktur, die Verfolgung eines
Gemeindewachstums an die Stelle der Liebe, erst zögerlich,
schleichend, dann aber immer weiter zunehmend und alsbald auch
für alle offensichtlich werdend. Daß sich infolge dieser
Entwicklung ein neuerlicher „Klerus”
(von kleronómos=Anteilseigner) nach der Art eines vom
„gemeinen Volk” abgesonderten „Levitendienstes” zu erheben
beginnt, ist dann nur folgerichtig (ab Apg 6. 2). Hier geschieht
die Trennung des „Brotes” vom „Wort”, der „irdischen” von der
„geistlichen” Nahrung. Bald wird sich der Bruder vom Bruder, die
Schwester von der Schwester trennen. Die Trennung des
„Geistlichen vom „bloß Irdischen” aber ist es, die für den
„Anfang vom Ende” so charakteristisch ist. Und so ist es im
Wesentlichen bis heute geblieben: während die einen für sich den
„Dienst am Gebet” (Zugang zu Gott) und „am Wort” (die Lehre)
reservieren, werden den andern „die Tische” zugewiesen (6. 2 -
6).
Freilich
hat sich dann der Einfluß des Wortes zunächst einmal
vergrößert, und nicht wenige kamen zum Glauben. Wie
verführerisch ist es doch, wenn man über dem ganzen
„Gemeindewachstum”, über dem so nahe liegenden „Erfolg” – „was
wollt ihr denn, die Gemeinde wächst doch” – die Liebe vergißt!
Wir wollen dies nun zwar nicht durchweg schlechtreden. Daß
Gott auch weiterhin, manchmal sogar noch zunehmend
segnet, gerade etwa auch bei Evangelisationen,
Großveranstaltungen, Konferenzen und ähnlichen Ereignissen,
darf uns jedoch nicht die Augen davor verschließen lassen, daß
sich bereits eine Fehlentwicklung eingeschlichen haben kann,
die durchaus in der Lage ist, alles andere in ihren Sog zu
ziehen und wieder zu verderben – schleichend, verborgen und
gerade deshalb unerkannt. Es gibt eben auch hier „nichts Neues
unter der Sonne”. Hier tappen wir in eine Falle, die sich
jedesmal dann auftut, wenn wir statt den Weg des
schlichten Gehorsams gegen Gott den des Erfolges
wählen, und sähe dieser „Erfolg” auch noch so „geistlich” aus.
Und so verfolgen wir „gewisse
Ziele”, die
wir entweder sehen oder auch uns selbst gesteckt haben,
lassen uns von vermeintlichen oder auch tatsächlichen „Notwendigkeiten”
treiben, anstatt ganz schlicht von Ihm zu hören und
zu tun, was Er uns sagt – oder auch das zu lassen, was Er
uns nicht sagt. „Gott segnet doch” – so sagen wir, und
verschließen die Augen davor, daß wir gerade dabei sind,
eigene Wege zu gehen, Entscheidungen zu treffen, von denen
Gott Selber nie gesprochen hat. Und auch hier, in der
Apostelgeschichte, lesen wir nichts davon, daß Gott etwa
angeordnet hätte, daß Er einen besonderen „Dienst” einsetzen
wolle! Nein, das ist nicht der Fall; Gott geht ganz
offensichtlich einen völlig anderen Weg als den, den die
Apostel sich ersonnen haben. Denn daß Er jene, die man nach
ihrem Willen doch zum „Dienst an den Tischen” erwählen und
beiseite stellen wollte, danach in einer ganz anderen Weise
geführt hat, erfährt jeder, der offenen Auges weiterzulesen
bereit ist (6. 8ff; Kapitel 7; 8. 1ff). Die Jerusalemer
Gemeinde, für die man doch gerade erst einen besonderen
„Tischdienst” organisiert hatte – und das sogar unter viel
Handauflegen und Gebet durch die Apostel! – hatte danach
zunächst einmal keinen Fortbestand mehr, sondern ist nach
Judäa und Samaria zerstreut worden, wonach die Apostel in
Jerusalem blieben und wieder für sich allein saßen! (14)
In welch großem Gegensatz dazu stand Paulus,
den Gott später berief, als wolle Er die Fehlentwicklungen, die
sich bereits in der frühen Gemeinde eingeschlichen hatten, durch
diesen Apostel wieder korrigieren helfen! Paulus war sich, im
Gegensatz zu jenen am Anfang, jedenfalls nie zu schade, auch für
die irdischen Bedürfnisse der Geschwister einzustehen, Gelder zu
sammeln etc., und sah dies als notwendigen, ja unverzichtbaren
Bestandteil seines Dienstes an (Apg 20. 33 - 36, Rö 15. 25 - 26,
2Kor 8. 16 - 24, Tit 3. 12 - 14, Phm 10, 18, 19). Ein Ausspruch
eines längst heimgegangenen Bruders kommt mir nicht aus dem
Sinn; er sagte, daß man, wenn man die Schilderungen am Anfang
der Apostelgeschichte mit denen der späten Briefe des Apostels
vergliche, man nicht umhinkomme zu empfinden, daß man über die
Ruinen einer vergangenen Herrlichkeit ginge. Recht hat er. Aber
auch der Herr Selbst hatte nicht geduldet, daß man wohl das
geistliche, nicht aber das irdische Brot miteinander teilen
wollte, was in den verschiedenen Speisungen der Vier- und der
Fünftausend in den Evangelien eindrucksvoll bewiesen wird. Und
doch waren es die selben Leute, denen der Herr damals noch
eingeschärft hatte: „Gebt IHR ihnen zu essen!”, die
jetzt den Dienst an den Tischen verweigerten, weil sie sich zu
angeblich „Höherem” berufen sahen...
Die frühe wie späte Kirchengeschichte belegt
die hier beschriebene Fehlentwicklung an vielen Stellen. Die
Weisungen des Meisters, zur ersten Liebe zurückzukehren, blieben
ungehört; so wurde der Leuchter umgestoßen, und das Öl, das in
ihm war, begann auszulaufen. Verfinsterung auf der einen und
Verblendung auf der anderen Seite waren die Folge. Daß nach all
diesem in der Christenheit ein geistlicher Niedergang erfolgte,
bis hin zum offenen Einbruch heidnisch-okkulter Einflüsse,
ergibt sich aus der Beschäftigung mit der Kirchengeschichte; er
ist nur allzu offensichtlich. So erstarrte die ehemals im Geist
brennende Gemeinde zu einem verweltlichten Christentum der
Formen und Formeln; aus diesem verweltlichten Christentum aber
erhob sich nach wenigen hundert Jahren eine „christliche” Welt,
ein heidnisch-politisches Gemeinwesen mit „christlichem”
Herrschaftsanspruch, angeführt von einer Kirche, deren Leitung
durch Menschen vollzogen wurde. Wir begreifen diese
Entwicklung nur, wenn wir verstehen, wo sie ihren Anfang
nahm. Begann sie erst noch verhältnismäßig unscheinbar in
der Trennung des Wortes vom Brot, so setzte sie sich alsbald
fort in der Aufspaltung der Gemeinde in Laien (láos=Volk)
und in Klerikale (kleronómos=Anteilseigner). Wenn man eine
„Leiterschaft” aufrichtet (15)
nach der Art und Weise eines besonderen, sich vom „gemeinen
Volk” abhebenden „Levitendienstes”, dann ist es auch kein
Wunder, daß damit zugleich auch ein neuerlicher „Abgaben- und
Zehntendienst” entsteht, weil man diesen besonderen „Dienst” nun
auch versorgen und unterhalten muß, daß die Unfreiheit der
entpersönlichten „Volksmassen” dabei zunimmt, daß das Licht und
damit die Erkenntnis der Menschen zunehmend verdunkelt wird –
genau davor hatte die Offenbarung in 2. 4 - 5 noch gewarnt! –
und dabei zugleich die Liebe in vielen immer weiter erkaltet.
Diese Fehlentwicklung ist, bei allem Segen, der durch all die
Jahrhunderte hindurch unstrittig da war, bis heute nie wirklich
korrigiert worden. Hier erscheint nun die Wurzel offengelegt.
Was werden wir mit dieser Wurzel tun? –
Wir haben
uns mit der unbiblischen Praxis des Zehnten beschäftigt und
sind so zu den Hintergründen einer solchen verkehrten Praxis
gelangt, die viel tiefer liegen, als so mancher Zeitgenosse
vielleicht zu träumen wagte. Wir kamen darauf ganz
zwangsläufig, als wir uns mit der Praxis des rechten Gebens
und Mitteilens beschäftigt haben. Wir wollen nun aber auch
nicht „auf der anderen Seite vom Pferd fallen”, indem wir etwa
unberechtigte und von daher falsche Urteile über andere
Geschwister fällen. Daher gilt es unbedingt mit anzufügen, daß
es nicht wenige von ihnen gibt, die sich aus gutem Herzen, aus
Liebe und aus freien Stücken dazu entschlossen haben oder auch
geführt sehen, einen „Zehnten” oder irgend eine andere
festgesetzte Summe einem christlichen Werk, einer Gemeinde
oder einfach einem Bruder oder einer Schwester regelmäßig
zukommen zu lassen. Besonders auch in vielen christlichen
Kommunitäten, Bruder- und Schwesternschaften etc. ist das
nicht unüblich. Ein solches Handeln hat nichts mit dem zu tun,
was oben kritisiert wurde; es zeugt einfach nur von einem
guten, liebenden Herzen, das etwas von den Gaben mitteilen
will, die es von Gott empfangen hat, und sich dabei solcher
Vorgaben bedient. Und das Herz ist es auch, das von Gott
angesehen wird, nicht das, was vor Augen ist. Solche
Geschwister werden gesegnet sein, denn „Gott ist nicht
ungerecht, daß er eurer Arbeit und der Liebe vergesse, die
ihr für Seinen Namen dadurch erzeigt habt, daß ihr den
Heiligen dientet und noch dient” – in welcher Form auch
immer dies geschehen möge (s. Hbr 6. 10). Daraus darf man jedoch keine
Regel oder ein Gesetz, ein „Zehntgebot” für alle aufstellen.
Ebenso falsch und unnüchtern ist es, dies als „besonders
geistlich” hervorzuheben, als sei der, der dies nicht kann
oder sich nicht so geführt sieht, nun „weniger geistlich” als
die, die dies in einer solchen Form tun. Das ist immer eine
persönliche Angelegenheit (auch des persönlichen Vermögens)
und immer auch eine Sache der Führung durch den Herrn.
Eine ausführliche Abhandlung
zur Zehnten-Thematik findet Ihr hier.
Anmerkungen
und Erklärungen zum Thema
(1) In dieselbe Rubrik gehört auch die
unter Mißbrauch des Propheten Maleachi (Mal 3. 9ff)
vorgebrachte Behauptung, daß der, der „den Zehnten” nicht erbringe, von Gott „verflucht” sei, wobei dieser Fluch sich
vorgeblich – etwa nach 5Mo 28. 15ff – in eigener Armut und
sonstigem Zukurzkommen niederschlage. Hier wird dem Armen
allerdings nicht nur die Hilfeleistung verweigert, die ihm
nach Gottes Willen zusteht – unter dem Vorwand der Pharisäer,
daß das, was dem Nächsten zukommen soll, „Korban”, d. h. Opfergabe für Gott sei,
die man in den äußerlichen Tempel zu bringen habe (Mk 7. 9 -
13). Hier werden die Glieder des Neuen Bundes auch ganz
gezielt in Bedrängnis, unter das Gesetz und damit zugleich
auch unter den Fluch desselben Gesetzes gebracht, von dem
Christus sie doch ein für
allemal erlöst hat (siehe Ga 3. 10 - 14). Das ist das
eigentlich Gefährliche
an dieser Lehre, und darum überschreiten solche Behauptungen auch bereits die Grenzen zur
Zauberei (siehe Ga 1. 8. 9, 3. 1 - 4). Typische Vertreter
dieser und ähnlicher gefährlicher Irrlehren sind etwa John
Avanzini, Roberts Liardon, Kenneth Copeland, Ed Dufresene, Ulf
Ekman und die wohl meisten anderen Wort-des-Glaubens-Prediger
im In- und Ausland. Man trenne sich von solchen so rasch wie
irgend möglich, und halte sich und die Seinen von den
Einflüssen ihrer Lehren unbedingt fern, solange solche nicht
von dergleichen Lehren Abstand nehmen und darüber auch Buße
tun. Hier besteht allergrößte Gefahr für die Unversehrtheit
unseres geistlichen Lebens und damit unserer Beziehung zu
Gott.
(2)
Dies wirft m. E. auch ein gewisses Licht auf eine ungesunde,
alle anderen Themen ausschließende oder doch wenigstens
zurückdrängende Betonung von Missionstätigkeit. Gerade in der
Missions- und Evangelisationspraxis müssen wir uns fragen, ob
wir das, was wir da tun, im schlichten Gehorsam tun gegen das,
was wir tatsächlich von Gott
gehört haben – oder ob wir einfach nur unsere Programme erfüllen wollen,
„um
die Welt für Christus zu gewinnen”.
Eine besonders zerstörerische Rolle spielt auch der in vielen
Gruppierungen vorherrschende Glaube an eine angebliche große
Erweckung, die über die Erde kommen soll, die in der Schrift
jedoch keineswegs verheißen ist. In der Folge versuchen wir
dann, eine solche mit allen Mitteln hervorzubringen, da Gott –
oft in vermeintlichen „Visionen”
– angeblich zu uns gesprochen habe. Es ist jedoch offensichtlich, daß Gott hier nicht
gesprochen haben kann, und wir es demnach mit falscher
Prophetie zu tun haben. Die Bibel spricht ganz klar von
weltweitem Abfall, bevor der Herr wiederkommt (s. 1Thes 5. 1ff,
2Thes 2. 1 - 12). Hier hat sich vieles in eigene Bereiche hinein
verselbstständigt, was sich niemals hätte verselbstständigen
dürfen. Ich wage darum die Behauptung, die in
wohl nur wenigen „erwecklichen”
Kreisen gern gehört werden wird, daß nicht
Mission, sondern Gehorsam der
erste Auftrag des Christen sei. Es ist an uns, in der Stille zu
hören, was der Vater
uns sagt; dann ist es an uns, zu gehorchen und vor allem auch
die Liebe auszuwirken, die Gott durch Seinen Geist in unseren
Herzen ausgegossen hat. Da mag dann alles andere Notwendige
daraus erwachsen, wie der Herr es will.
(3) Wiedergabe
nach der Konkordanten Übersetzung.
(4)
Wie etwa auch das Halten von bestimmten Tagen, von Sabbaten usw.
in diesen vier Stücken nicht enthalten ist. Ebenso ist auch das
Befolgen von diversen Fasten- und Speisegeboten über das
Angeführte hinaus nicht mit dabei. Paulus etwa hat diese Dinge
durchweg als gesetzliche Auswüchse erkannt und immer auch
entsprechend bekämpft (s. u. a. das Kapitel 1Kor 8; auch Ga 2.
11 - 14; Kol 2. 16 - 23).
(5)
Die Sicherstellung des Lebensunterhaltes derer, die
vorangehen und deren Fürsorge wiederum der Auferbauung des
Leibes Christi obliegt, soll und darf hierbei nicht in Frage
gestellt werden. Hieran ist nichts Anrüchiges; es besteht
vielmehr eine Notwendigkeit und von daher gebietet es die Liebe,
solchen die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen, da
niemand von bloßen Bibelsprüchen existieren kann (vgl. Ja 2. 15
- 16, auch viele andere Stellen). Und darum halten auch wir es
ganz klar mit dem Sprichwort, wonach dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbunden
werden soll (5Mo 25. 4, 1Kor 9. 9 - 10, 1Tim 5. 18). Wir
wir anhand der Lektüre des Neuen Testamentes unschwer erkennen
können, hat dies jedoch nicht notwendigerweise etwas mit der
Erhebung eines Zehnten zu tun, wie dies fälschlicherweise immer
wieder geschieht, sondern einfach mit der Beisteuer (koinonía)
und der Handreichung der Liebe, wie sie inbesondere auch der
Apostel Paulus in dem Zusammenhang immer wieder angemahnt hat
(Ga 6. 6 - 10 u. a., s. a. Hbr 13. 1 - 3, 16). Daß das Einfordern eines Zehnten
oder anderer Leistungen nichts mit der Liebe zu tun hat, ergibt sich schon aus dem
Zusammenhang, daß die Liebe gibt: sie fordert nichts
ein – und schon gar nicht fordert sie etwas für sich (1Kor 13. 5).
(6)
Es geht dem Hebräerbrief – man lese dazu einmal das ganze siebte Kapitel – eben
gerade nicht darum,
eine vorgebliche „Zehntenpflicht”
in die Gemeinde des neuen Bundes zu implementieren. Anderenfalls
hätte das ganze Kapitel keinen Sinn; es würde sich selbst ad
absurdum führen, wenn es Bestandteile jener levitischen Ordnung,
die es einerseits als „greisenhaft und dem Verschwinden
nahe”, andererseits als „fleischernes”, „schwaches”
und „nutzloses Gebot”
bezeichnet, nun doch – gewissermaßen durch die „theologische
Hintertür”
– wieder einführen wollte, wie dies uns die einschlägigen
Irrlehrer nahelegen wollen (Hbr 7. 16, 18). Es geht ihm in dem
Zusammenhang lediglich darum, aufzuzeigen, daß das Geringere stets von dem
Höheren gesegnet wird. Dies wird an dem Beispiel
Abrahams verdeutlicht, indem geschildert wird, wie Melchisedek
ihm entgegenkommt, mit Brot und Wein in den Händen – und damit
schon mit den Hinweisen auf den Neuen Bund. In
dem Zusammenhang geht es also darum, daß wir etwas bekommen –
nicht darum, daß wir etwas geben. Der Segen
Melchisedeks ist doch um so
vieles größer als das, was Abraham ihm gab und ihm
hätte jemals geben können! Darum ist auch das melchisedeksche
Priestertum ein vollkommeneres, weitaus besseres als das alte,
aaronitische mit seiner Gesetzgebung und damit auch seinen
Zehnten es je war. Melchisedek,
und damit Jesus, der Hohepriester nach dessen Ordnung, ist
größer als Aaron mit seiner Ordnung und überragt sie bei weitem. Das ist die Aussage – es
geht nicht um mehr, aber auch nicht um weniger (Hbr 7. 6, 7 u.
a.; man sollte dazu auch die folgenden Kapitel des Briefes mit
einbeziehen).
(7)
Das ist eine klare und völlig unzweideutige Aussage der
Heiligen Schrift, wie auch der Herr dies etwa in dem Gleichnis
von dem barmherzigen Samariter thematisiert hat. Dieser half, da
er dazu in der Lage
war, dem auf seinem Wege
verwundet und beraubt Darniederliegenden so, daß dieser eine völlige Wiederherstellung
aus seiner Hilfe erwarten konnte (Lk 10. 25 - 37; vgl. Hbr 13.
16, Ja 2. 8, 14 - 19; s. a. 1Jo 3. 17 u. a.). Es ist dabei zu
betonen, daß Gott von Nächstenliebe spricht,
nicht von „Fernstenliebe”,
wie dies heute so gerne praktiziert wird. Man gibt zugunsten von
„Projekten
in Übersee”
und profiliert sich noch damit;
aber die himmelschreiende Not unseres Bruders oder unserer
Schwester, die gleich „bei
uns um die Ecke”
wohnen, rührt uns nur wenig. Nein, sagt Gott uns hier; der ist
zu lieben, der mein Nächster,
der mir am Nächsten, der also in meinem ganz alltäglichen
Gesichtsfeld, mir als mein Gegenüber nahe ist. Erst
dann, wenn diese Not
behoben ist, mögen wir unser Augenmerk auch auf weiter entfernt
liegende Dinge richten, dann kann Gott auch diese Dinge segnen.
Wie sagte der Herr Jesus noch? Nicht Wohlstand, wie diverse
Zehntprediger lehren, sondern „Arme habt ihr allezeit bei euch” (Mt 26. 11, Mk 14. 7, Jo 12. 8).
In dem Zusammenhang fällt auf,
daß Er dies im Hinblick vor allem auf die Zeit sagte, die nach seinem Tode anbrechen
würde. Daß dies dreimal bezeugt wird,
zweimal in den Synoptikern, einmal bei Johannes, kommt nicht von
ungefähr, und wir sollten nicht meinen, daß dies etwa keine
besondere Bedeutung habe. Eine jede Sache stehe vor zweier oder
dreier Zeugen Mund, sagt die Schrift (2Kor 13. 1). Hier wird
also von Gott her eine besondere Wichtigkeit unterstrichen. Gott
schenke uns, daß wir an dieser Stelle nicht mit der Frage
danach, wer mein Nächster
sei, ausweichen oder dem Notleidenden auf unserem Wege
vielleicht auch noch Moralpredigten halten!
(8)
Wir halten es für eine grobe Verfehlung, Unsummen von
Geldern für Gebäude, Säle, Technik, Mieten usw. auszugeben,
solange der Not einzelner Glieder derselben Gemeinden nicht – vorher! – hinreichend
begegnet worden ist. Der Maßstab hierfür ist in den Anfängen der
Apostelgeschichte niedergelegt; hier heißt es, daß es unter den Gliedern der eben
enstandenen Gemeinde keinen Darbenden gab; es mußte also
niemand Mangel leiden (Apg 4. 34). Wenn wir Gebäude zu
errichten oder zu unterhalten haben, dann muß sich dies immer den Erfordernissen des Bruders und
der Schwester unterordnen, nicht der Bruder oder die
Schwester dem Gebäude. Der Tempel des Herrn besteht aus lebendigen Steinen, aus all
jenen Menschen also, die der Herr hinzugerufen hat und die er
nun in Seinen Tempel einfügen will. Dieser Tempel
ist
es,
dem
alle
Pflege
gelten
muß. Weder in der Apostelgeschichte, noch im ganzen übrigen
Neuen Testament heißt es, daß man sein Augenmerk auf neue und
große Bauten richtete. Statt dessen wird gesagt, daß man sich –
neben dem bereits bestehenden
Tempel – vor allem in den Häusern traf (2.
46; vgl. auch 5. 42 oder 20. 20). Es macht
keinen Sinn, wenn wir über dem Errichten einer Gemeindestruktur
so ausgelastet sind, daß wir für den Bruder und für die
Schwester keine Zeit mehr haben und vor allem auch keine Mittel
mehr für sie übrigbleiben. All unsere Fürsorge muß unseren
Geschwistern gelten!
Es ist
dabei aber unbedingt notwendig zu beachten, daß man eine
solche Zuwendung selbst nicht einfordern kann - und darf.
Auch hier gilt, daß die Liebe nicht das Ihre sucht, wie wir dies
in der ersten Anmerkung ausgeführt haben (1Kor 13. 5). Wir
geraten anderenfalls in eine schädliche
Wurzel der Bitterkeit hinein, die geeignet ist, viele in ihren
Sumpf mit hineinzuziehen und gleichermaßen zu verderben (Hbr 12.
14 - 16). Paulus konnte Beides – er konnte sowohl Überfluß haben
als auch Hunger leiden; „mit Beidem bin ich vertraut”, schrieb er (Phil 4. 13).
Weil er mit beidem richtig umzugehen wußte,
murrte er auch nicht – hatte
er doch gelernt, niemals gegen
seine
Lebensumstände aufzubegehren, und sich in allem mit der Gnade
Gottes zu begnügen, wie sie ihm in der jeweiligen Situation
gegeben wurde (2Kor 11. 26 - 12. 10). Murren
und Aufbegehren führt immer in eine Beeinträchtigung durch den
Teufel hinein, und Gott kann uns nicht helfen. Das
weiß ich aus Erfahrung, die ich habe machen müssen. „Murret auch nicht, wie etliche von
ihnen murrten und vom
Verderber umgebracht wurden”
(1Kor 10. 10). Umgebracht vom
Verderber, d. h. also buchstäblich
durch Verderben – und das alles wegen unseres
Murrens! So wird die Hilfe gerade zurückgehalten! Wie kann das geschehen, mögen
wir fragen. Wenn wir Dinge einfordern
und nicht nur einfordern, sondern vielleicht sogar noch einklagen und fortwährend
schlecht über andere Geschwister reden, „weil
diese uns ja nicht helfen wollten”,
werden jene abgestoßen, die Gott möglicherweise mit der Hilfe
beauftragen könnte, und so wird Gottes Werk und Schule auch für
andere zunichte gemacht; das Wachstum in der Liebe aber, in dem
wir ja alle heranwachsen
sollen, wird für alle Beteiligten zurückgehalten (vgl.
Eph 4. 15). Somit stellt ein solches Verhalten
eine schlimme Sünde dar, die viele und vieles verdirbt. Dasselbe gilt für unser
Gebet; „ihr habe nicht, weil ihr übel bittet, um es in euren Lüsten (o.
Begierden) zu verzehren”, schreibt Jakobus einmal,
nachdem er über Krieg, Neid und Mißgunst gesprochen hat, alles
Dinge, die aus solchem Verhalten resultieren (Ja 4. 1 - 3). Und
auch der folgende Satz stammt von ihm: „Gott
widersteht
dem Hochmütigen, dem Demütigen aber gibt er Gnade” (Ja 4. 6ff).
Murrst auch Du über Deine Lebensumstände? Klagst auch Du
andere darüber an und zeigst mit dem Finger? Dann wisse, daß
vier Finger es sind, die auf dich zurückzeigen (siehe Jes 58.
2 - 10). Gehe aus aus Deinem Stolz - Laß ab davon und
tue Buße darüber!
(9)
Sowohl der Vollständigkeit
als auch der sachlichen Richtigkeit halber bleibt dazu
anzumerken, daß Maleachi in seiner Forderung den „Zehnten” als Sammelbegriff verwendet. Es geht also nicht nur um einen einzelnen
(wie einige sog. „Glaubenslehrer”
u. a. behaupten), sondern um die
Gesamtheit
der verschiedenen Zehnten, die Israel – im Rahmen
seiner ihm von Gott auferlegten Steuergesetzgebung – zu
entrichten hatte. Daraus erklärt sich dann auch die Weisung, den
ganzen Zehnten (Baader übersetzt: all den Zehnten)
in das Kornhaus, in die Versorgungsstätte des Landes Israel zu
geben.
Diese Zehnten setzten sich zusammen aus:
zum ersten dem Zehnten, der
sich aus der Gesamtheit der Jahreserträge des Landes ergab und
als Bezahlung der landlosen
Leviten und des Tempeldienstes zu entrichten war, den
jene – als Hebopfer – wiederum zu verzehnten hatten (3Mo
27. 30 - 34, 4Mo 18. 21 - 32),
zum zweiten dem Festzehnt,
ein weiteres Zehntel der Jahreseinkünfte, das der Ausstattung
und dem Unterhalt der Feste Israels gewidmet war (5Mo 14. 22 -
27)
und – aller drei Jahre, im sogenannten „Zehntjahr”
– dem Armenzehnt, der
– wie der Name sagt – besonders den Fremdlingen, Witwen,
Waisen etc. zukommen sollte (5Mo
14. 28 - 29, 26. 12 - 13).
Mit Einführung des Königsrechts zur Zeit
Sauls kam der sog. Königszehnt
dazu (vgl. Sam 8. 4 - 20).
Diesen besonderen Zehnten
kann Maleachi aber kaum gemeint haben; wir erwähnen ihn
lediglich der Vollständigkeit halber. Israel gab
also keine 10, sondern – im Schnitt – etwas über 23,3 Prozent
seiner Einkünfte an die
Verwaltung, die Gott im Rahmen des Alten Bundes eingeführt
hatte, und damit an Gott Selbst zurück. Daraus erklärt
sich dann auch der Vorwurf Maleachis, nach dem Israel seinen
Gott nicht nur betrogen, sondern auch beraubt habe (Mal
3. 8 - 9). Wir
stehen heute jedoch nicht mehr unter aaronitisch-levitischer
Verwaltung, sondern unter der unseres Herrn, der bekanntlich
nicht aus Levi, dem Priesterstamm des Gesetzes, sondern aus
Juda kommt (Hbr 7. 14). So ergibt sich sowohl aus der
vorstehend erörterten Zusammensetzung als auch der neuen
Verwaltung, unter der wir stehen, ein völlig anderer
Zusammenhang als der, der heute
durch jene weitverbreitete falsche „Zehntenlehre” fortwährend
unterstellt wird.
(10)
Das sind die
gefüllten Scheunen nach Mal 3, 7ff, Mt 6. 19 - 26 –
ausdrücklich im
Zusammenhang mit Mammonsdienst genannt! –, siehe auch Lk 12.
16ff und andere.
(11)
Damit sind aber dann zugleich auch all die Lehren
hinfällig, nach denen man „Maleachis
Kornhaus”
mit einer am Ort organisierten Gemeindestruktur („dort,
wo man die geistliche Nahrung empfängt”,
wie man sagt) gleichsetzt und sagt, daß der „Zehnte”
ins „Kornhaus”,
nach solcher Auslegung also in die „eigene
Gemeinde”
gehöre. Es ist natürlich besonders praktikabel, „seine Gemeinde”
mit der Gemeinde eines Ortes
gleichzusetzen. Da fließen all die erwarteten Gelder dann auch
allein dort hin und füllen die jeweils eigene Scheune – respektive Bankkonto. Hier
tritt uns jedoch nicht nur scheingeistlich verbrämte Eigensucht
entgegen; das ist auch Hochmut, denn es klammert all jene Kinder
Gottes aus, die im selben Gebiet sich in anderen Versammlungen
zusammenfinden und sich in anderer Weise zusammengeführt sehen,
als wir das für uns in Anspruch nehmen wollen. Wer sind diese
dann, wenn wir für uns den angeblichen „Status
einer Ortsgemeinde”
schon reserviert haben? Ja, die „eigene
Gemeinde”
(im Wortsinn) mag so ein Gebilde wohl sein, das wir da errichten – aber ob
es tatsächlich die Gemeinde Gottes ist, als
die Gemeinschaft der von Ihm
herausgerufenen und zusammengeführten Schar – sollte
indes bezweifelt werden.
(12)
Die heute oft verwendete Übersetzung „alle an einem Ort”
ist unzutreffend. Die Fügung epi
to auto ist wörtlich mit „(hin)auf auf dasselbe hin”
oder „auf dasselbe zu”
wiederzugeben. F. H. Baader übersetzt dies ebenfalls so und
merkt dazu an „mit derselben Absicht”
(in: Die Geschriebene Teil II, Praktiken der
Apostel, S. 782). Gemeinde bedeutet eben nicht die Konzentration auf
einen Ort im Sinne einer „Ortsgemeinde”, wie man heute irrtümlich lehrt,
sondern die Konzentration allein
auf dasselbe, d. h. auf den die Versammlung sowohl rufenden
(ekklesía) als auch zusammenführenden (synagoge) und darum (!)
in ihrer Mitte gegenwärtigen Herrn.
(13)
Man kann hier wohl mit Fug und Recht von dem göttlichen
Urbild, ja geradezu von dem Modell
der Gemeinde sprechen, als von dem Muster, in dem Gott
sie Sich eigentlich gedacht hat. Dies sollten die, die doch
immer so gerne von immer neuen Modellen und Methoden zur
Gemeindebildung sprechen, sich durchaus einmal sagen lassen.
Alle diese Methoden haben versagt und müssen auch weiterhin
versagen; sie können nicht zum Ziele führen, weil sie letztlich
an Gott vorbeigehen. Darum haben solche Gemeinschaften auch
keinen wirklichen Bestand; sie zerbrechen nach gewisser Zeit
oder leiden unter großer Fluktuation, wobei die notwendigen
Beziehungen untereinander kaum zur Entfaltung kommen können, was
der Liebe vollkommen abträglich ist. Darum erleben wir oft auch
eine große Kälte innerhalb dieser nach Menschenwillkür
strukturierten, machmal auch erst – etwa nach Gesichtspunkten
missionarischer „Effektivität”
künstlich „umgebauten”
Gemeinden. Ich habe das durchaus miterlebt. Hier rächt sich
alles eigene Bauen, weil man in solchem eigenen Bauen regelmäßig,
schon vom System her
den einen Stein verwirft, auf den es ankommt – Jesus, unser
Haupt, Grund- und Eckstein der Gemeinde (1Ptr 2. 4 - 10).
(14)
Damit erscheinen auch die Betonungen heutiger sog. „Mega-Gemeinden”
in einem völlig unbiblischen Licht. Anhand der hier
festgestellten Tatsachen müssen wir davon ausgehen, daß eine
solche einseitige Ausrichtung auf ein zahlenmäßiges Gemeindewachstum schlicht
falsch und irreführend ist. Hier sind vor allem in der jüngeren
Vergangenheit biblische Maßstäbe ganz entscheidend verschoben
worden – mit verheerenden Folgen: Denn hier wird die Tür ins
Reich Gottes nicht geöffnet, wie man dies lauthals und an allen
Orten proklamiert. Im Gegenteil – man schlägt sie gerade zu. War
der Eingang ins Reich Gottes nicht die schmale Pforte? Und war es
demnach nicht der schmale Weg,
auf dem nur wenige gehen, der ins Leben führt, und
führte dagegen nicht der
breite, auf dem die vielen unterwegs sind, in die Verdammnis?
Daß der Herr ausgerechnet in diesem Zusammenhang vor
falschen Propheten warnt, kommt nicht von ungefähr (Mt 7. 13 -
20). Hatte der Herr zudem nicht der kleinen Herde verheißen, daß sie einst das
Reich empfangen würde? (Lk 12. 32)
Ihr seid das Salz der Erde, hatte Jesus den Jüngern gesagt;
welchen Sinn aber macht Salz in großen Haufen? (Mt 5. 13)
Entfaltet es seine Salzkraft nicht gerade in der Zerstreuung, in
der Kraft seiner einzelnen Körner?
Wir finden diesen Gedanken im Neuen Testament immer wieder vor;
wir lesen etwa von Petrus, der „an die auserwählten Auswanderer in der Zerstreuung”
schreibt, oder auch von Jakobus, der seinen Brief an „die zwölf Stämme in der Zerstreuung”
richtet (1Ptr 1. 21; Ja 1. 1).
In all diesen Wahrheiten finden wir zumindest
einen Teil des Grundes vor, weshalb die Gemeinde in Jerusalem
zunächst einmal zerstreut
wurde und nicht etwa – nach dem Diktat heutiger „Erfolgsprediger”
– als wohlstrukturierte, prosperierende „Mega-Church”
am Ort verblieb. Zudem sollte das Evangelium zwar von Jerusalem
ausgehen, um von dort aus die ganze Welt zu
erreichen; doch sollte es dies ausdrücklich über
Judäa und Samaria tun –
den Landstrichen also, wohin die Gemeinde dann verschlagen und
zerstreut wurde (Apg 1. 8). Auch hier liegt also nichts weniger
als Gottes Plan und weise Voraussicht zugrunde. Noch fragwürdiger wird die hier
initiierte, feststehende und damit langfristig einkalkulierte
Diensteinteilung dann, wenn wir bedenken, daß das Gericht über
Jerusalem beschlossene Sache war – im Jahre Siebzig blieb hier
kein Stein auf dem anderen. Unter diesem Aspekt kommt
auch den Veräußerungen der Grundstücke und Häuser, aus deren
Erlösen man am Anfang die Not der Bedürftigen gestillt hatte,
eine noch tiefere, vielleicht sogar ihre eigentliche Bedeutung
zu. Hatte
der Herr nicht gesagt, daß man jene Grundlage, die in dem Erwerb
eigenem Gewinns lag, aufgeben sollte – „gib es den Armen”, sagte Er – „und dann komm und folge Mir nach”? Hatte Er nicht immer
wieder über die Vergänglichkeit und damit über den Trug
irdischen Besitzes gesprochen? Welchen Sinn sollte es auch
haben, jene Habe bewahren zu wollen, die nach jener
Gerichtsankündigung Jesu, die wie ein Damoklesschwert über der
Stadt lag, ohnehin ein Raub der Plünderungen und der Flammen
werden würde?
Man weite diesen Gedankengang nun einmal aus
auf die Errichtung jener festgefügten Gemeindestrukturen und auf
den Aufbau jener geldverschlingenden Paläste, die man heute so
sehr liebt, daß sie in so mancher Verkündigung regelrecht schon
zum „Ein
und Alles”
geworden sind, hinter dem alles andere zurücktritt! – Wie der
Herr Jesus in Mt 23. 37 - 24. 2 wortwörtlich angekündigt hatte –
und das muß vielen der hier Angesprochenen bekannt gewesen sein
– wurde Jerusalem von den Römern zur Wüste
gemacht, der Tempel – „euer Haus”, wie Jesus sagte – wurde
geschändet und geschliffen. Über eine Million Juden fielen dem
Gemetzel zum Opfer, das sich dabei erhob, oder wurden in die
Gefangenschaft abgeführt. Der Titusbogen in Rom zeigt heute noch
Darstellungen der aus dem Tempel geraubten und nach Rom
mitgeführten Geräte. Das alte Israel hörte damals für eine
geraume Zeit auf, als Land zu
existieren, und man nannte das Land fortan syriae palaestinae – das
Volk der Juden wurde vertrieben und erlebte eine Odysse, die in
der Welt ihresgleichen sucht. Dies sind Tatsachen, die erst im
vorigen Jahrhundert – am 14. Mai 1948 – mit der Neugründung des
Staates Israel wieder rückgängig gemacht werden konnten. Aber
begonnen hatte all dies mit dem Wort des Herrn. Es scheint also
nicht zuletzt Gottes Wille gewesen zu sein, die Seinen aus
Jerusalem herauszubringen,
bevor noch das angekündigte Gericht
losbrach!
Eine klare Vorschattung der hier angedeuteten
Wahrheit, nach der es u. a. eben nicht um einen bestimmten Ort auf der Erde,
sondern gerade um eine Auserwählung,
um einen Herausruf aus
solchen Orten (!) und damit auch um eine Ausrichtung geht – „auf dasselbe hin”
– , finden wir im Alten Bund vor, niedergeschrieben im elften
Kapitel des Vierten Buches Mose. Hier, bei der
Berufung und Geistbegabung jener siebzig Ältesten, sind wir
wieder bei der Thematik, die oben in der Anmerkung 12 besprochen
worden ist. Es lohnt sich, dem nachzugehen!
(15)
damals, in der frühen Kirche, vor allem über das „Bischofsamt”.
Näheres dazu haben wir im vierten
Kapitel der Zehntenlüge ausführlicher darzulegen
versucht. Wir verweisen in dem Zusammenhang in aller Kürze auch
auf das Königsrecht nach
1Sam 8. 6ff. Wohl hat Gott dieses Recht eingeführt, aber nicht,
weil Er dies so wollte, sondern es geschah zum Gericht; man
wollte in Israel einen König haben, um in der Welt akzeptiert zu
sein – um zu sein wie alle anderen Völker auch. Gott allein – das genügte ihnen
nicht mehr! Nun, Gott gab ihnen ihren König, den sie so
heftig begehrten; aber er unterrichtete sie auch über das Recht,
daß dieser König über sie ausüben würde. Königsrecht – König (Betonung von Leiterschaft),
Hierarchie, Frondienst, Zehnter usw. – bedeutet nach
der Schrift immer Abfall
von dem lebendigen Gott!
Verwendete
Bibelübersetzungen und Hilfsmittel
Wo nicht anders angegeben,
wurden für das Neue Testament, das Erste und Zweite Buch Mose,
die Psalmen, die Propheten Jesaja und Daniel die folgenden
Ausgaben der Konkordanten Übersetzung verwendet:
Konkordantes Neues Testament
mit Stichwortkonkordanz
6. Auflage 1995, Alle Rechte vorbehalten
Konkordantes Altes Testament,
Das Erste und Zweite Buch Mose
2. erw. Auflage
Konkordantes Altes Testament,
Die Psalmen
1. Auflage 1994
Konkordantes Altes Testament,
Jesaja
Studienheft mit transliterierten göttlichen Titeln
3. Auflage
Konkordantes Altes Testament,
Daniel
1. Auflage 1991
Konkordanter Verlag Pforzheim
Leipziger Str. 11
75217 Birkenfeld
An allen anderen Stellen wurden
verwendet:
Elberfelder Übersetzung
(Unrevidierte Version)
„Die Heilige Schrift Aus dem Grundtext übersetzt”
73. Auflage 1993
Revidierte Elberfelder
Übersetzung
Verlag R. Brockhaus, Wuppertal
Schlachter - Übersetzung
„Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments / Unter
Berücksichtigung der besten Übersetzungen / Nach dem Urtext
übersetzt von Franz Eugen Schlachter / Neu bearbeitet und
herausgegeben durch die GENFER BIBELGESELLSCHAFT, Genf, 1985”
Die Geschriebene des Alten und
des Neuen Bundes
Übersetzung von Fritz Henning Baader, 3. (überarbeitete)
Gesamtausgabe 1998
Copyright 1998 by F. H. Baader, 75328 Schömberg
Novum Testamentum Graece
Nestle - Aland, 26., neu bearbeitete Auflage 1979-1988
Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Theologisches Wörterbuch zum
Neuen Testament
Hrsg. Gerhard Kittel u. a.
Verlag Kohlhammer, Stuttgart u. a., 1933-1969
Lieber
Bruder,
liebe Schwester!
Wir hoffen, daß die vorliegenden Bibelstudien Euch zum Segen
geworden sind und unser HERR Jesus Christus Euch damit in Seiner
Liebe neu begegnet ist und berührt hat, so wie auch wir von Ihm
berührt worden sind.
Gleichzeitig bitten wir Euch aber auch, selbst in der Schrift
nachzuforschen, ob es sich so verhält (Apg 17. 11). Gottes Wort
ist so voll unerschöpflichen Reichtums, daß wir ganz bestimmt
nicht auf Vollständigkeit und Fehlerlosigkeit dieses
Bibelstudiums bestehen. Denn allein in Christus sind alle
Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen (Kol 2. 3).
Wir wünschen uns, daß sich dieser Reichtum in Eurem Leben
entfaltet und Ihr so nicht nur zu Schatzsuchern, sondern zu
Schatzhebern werdet.
Wenn Ihr aus diesen Bibelstudien etwas empfangen habt und sie an
Geschwister weitergeben wollt, die ebenfalls „Hunger” danach
haben, so bitten wir Euch, das sehr verantwortungsbewußt und mit
göttlicher Liebe und Weisheit zu tun. Benutzt diese Bibelstudien
nicht, um einen „Krieg” zu entfachen, Geschwister zu verwirren
und zu trennen. Bitte bedenkt, daß unser HERR voller Gnade und
Sanftmut mit Jedem von uns Seinen eigenen Weg geht und ER
aussucht, wann wir welcher „Nahrung” bedürfen. Wir möchten auf
Johannes 10. 8 hinweisen: Jesus sagte: „Alle, die Mir
zuvorkommen wollten, sind Diebe und Wegelagerer; die Schafe
jedoch hörten nicht auf sie.” Werden wir zu solchen, dann haben
wir die Liebe verlassen, die wir unseren Brüdern und Schwestern
schuldig sind. Hört also bitte auf das Reden unseres HERRN Jesus
Christus und gebt diese Bibelstudien weiter, wenn ER Selbst
dafür eine Tür aufgetan hat.
Bitte beachtet dabei die folgenden drei Dinge:
1. Gebt diese Studien kostenlos weiter, auf welchem Wege auch
immer Ihr wollt, aber nehmt nichts als Gegenleistung dafür (Mt
10. 8 - 9).
2. Bitte gebt diese Studien unverändert und vor allem
vollständig weiter. Einzelne Bruchteile könnten durchaus, da sie
aus dem Zusammenhang herausgenommen worden sind, mißverstanden
werden. Solche Mißverständnisse können Schaden anrichten.
3. Diese Studien dürfen nicht in irgendwelchem Zusammenhang mit
kommerzieller oder sonstiger Werbung veröffentlicht werden.
Diese Schrift ist am 21. 05.
2006 zuletzt bearbeitet worden.
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