Von
Angesicht zu Angesicht - Kapitel 4
VON
ANGESICHT
ZU
ANGESICHT
Verlust
und Wiederherstellung
der
Unmittelbarkeit
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Eine
Abhandlung
über
heutige Gemeindestrukturen
und
ihre Beurteilung aus
biblischer
Sicht.
Verschiedene
Studien.
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4.
Wer ist Dein Schiedsrichter?
Der
Friede Gottes, Schiedsrichter des Herzens
Nicht
einmal zur Zeit des Alten Bundes hatte der Herr durch menschliche
Vermittlung einer Leiterschaft berufen; im Neuen Bund ist es
geradezu irreführend, ja gefährlich, solches auch nur
annehmen zu wollen. Der Herr offenbart Sich und spricht zu uns
immer zuerst in unseren Herzen, seit Er in uns wohnt (1Jo
2. 27). Dies gilt auch und erst recht bei den uns „von außen”
zukommenden Äußerungen und Manifestationen. Haben wir den
Frieden, das Zeugnis und die Bestätigung ihrer
Richtigkeit in unserem Geist (vgl. Rö 8. 14 - 16)
empfangen, so sind diese von Gott; kann sich – auch nach einer
Zeit des Gebetes – ein solcher Frieden nicht einstellen, so
dürfen wir sicher sein, daß das an uns
Herangetragene nicht von Gott kam; es mögen seelische,
verstandesmäßige oder auch durchaus gutgemeinte Ratschläge
und Wünsche anderer gewesen sein. Es könnte sich aber
auch um Äußerungen falscher Prophetie und verführerischer
Lehren handeln. Insbesondere diese hat Paulus stets im Blick.
In
diesem Sinne wird uns gesagt, daß der Friede Gottes der
Schiedsrichter in unseren Herzen sein soll(Kol 3. 15). Das an
dieser Stelle verwendete griechische Wort ist brabeuo,
Schiedsrichter sein, eigentlich schieds-richten (der
brabeus war der Schiedsrichter bei sportlichen Wettkämpfen).
Diese Instanz des Friedens Gottes in unseren Herzen ist der von
Gott gesetzte e i n z i g e Ort, an dem über Wahrheit oder
Unwahrheit, Richtigkeit oder Unrichtigkeit entschieden wird.
Daher heißt es in demselben Brief bezüglich menschlicher
Lehren und ihrer Vertreter:
Niemand
entscheide als Schiedsrichter gegen euch (eigentlich:
von oben herab gegen euch; über euch hinweg), der sich in
Demut und dem Ritual der Boten mit dem wichtigtun will, was er
gesehen hat, nichtig aufgeblasen von dem Denksinn seines Fleisches
und sich n i c h t a n d a s H a u p t
haltend,
a u s d e m der gesamte
Körper, mit Einverleibung versehen und durch
Bänder (Eph 4. 3, Kol 3. 22) vereinigt,
nach Gottes Wachstum wächst.
Kol
2. 18, 19
Das
hier für „als Schiedsrichter entscheiden”
gebrauchte Wort ist katabrabeuo, gebildet aus unserem
bekannten brabeuo, schieds-richten, und der Vorsilbe kata,
d. h. gegen, über und herab. Der Schiedsrichter ist die
Person, die über Recht oder Unrecht, Richtigkeit oder
Unrichtigkeit, Wert oder Wertlosigkeit, Gültigkeit oder
Ungültigkeit zu entscheiden hat. Gemeint ist daher ein Sich -
Darüber - Stellen, ein Entscheiden über die Offenbarung
Gottes hinweg, über dem, was der Friede Gottes als der
von Gott gesetzte Schiedsrichter in den Herzen der einzelnen
Glieder bezeugt, und ein Ersetzen dessen mit (zumeist
gesetzlichen) Lehren oder Aussagen, die nicht von Gott kommen.
Niemandsoll dies tun dürfen, und den Entscheidungen
solcher sollen wir nicht Folge leisten. Ein solches Verhalten
bezeichnet der Apostel schon im Vorfeld des Gesagten als „beraubt
wegführen durch Philosophie und leere Verführung
gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß
den Grundregeln der Welt und nicht gemäß Christus”
und warnt somit vor ihnen (Kol 2. 8). Wir wollen im Nachfolgenden den
Inhalt der betreffenden Schriftstellen, insbesondere bezüglich
ihrer Aussagen über jene, vor denen Paulus hier ganz
eindringlich warnt, ein wenig tiefgehender untersuchen.
Das
Wort aus Kol 2. 19 erscheint uns vielfach in einem gewissen Dunkel,
weil wir hier durch die meisten Übersetzungen ganz
offensichtlich fehlgeleitet werden können. Besonders
mißverständlich ist, daß das griechische Wort
angelos, das eigentlich Bote oder Überbringer
im Sinne der Übermittlung von Botschaften bedeutet, in den
meisten Bibelübersetzungen mit „Engel”
wiedergegeben wird. Auch die Septuaginta, die griechische Wiedergabe
des Alten Testamentes, übersetzt das dem entsprechende
hebräische Wort ma’lak mit Bote (angelos)
bzw. das ma’lak jahweh mit Bote Gottes. Das Wort
an sich läßt nämlich zunächst offen, ob es sich
bei dem angelos um einen menschlichen oder aber einen
himmlischen Boten handelt, da es nicht deren Wesen, sondern
ihre Tätigkeit beschreibt. Das uns geläufige Wort
„Engel” ist dagegen von dem lateinischen angelus
entlehnt, welches lediglich eine Umschrift des griechischen
angelos darstellt, und ruft beim Zuhörer sofort die
Assoziation eines himmlischen Wesens hervor. Dies ist in der
Schrift jedoch nicht immer der Fall.
So
kann auch in unserem Wort Kol 2. 18 - 19 jene Festlegung nicht
aufrechterhalten werden, daß die hier angeführten Boten
ausschließlich Engel sind. Beispielsweise sprechen auch
die Sendschreiben der Offenbarung von dem „Boten der
herausgerufenen Gemeinde” in Ephesus, Smyrna, Pergamus usw. als
dem, an den zunächst die Botschaft ergeht und der sie der
betreffenden Gemeinde offensichtlich überbringen soll
(Off 2 und 3). Besonders hier erscheint deren Wiedergabe mit dem Wort
„Engel” als äußerst mißverständlich.
Halten wir zunächst also fest: Ein Bote ist ein Überbringer;
er hat etwas, was er im Auftrage des ihn Sendenden übermitteln
soll; er spricht nicht für sich selbst und kommt nicht in
eigener Mission. Und um Boten, oder zumindest um solche, die
den Anspruch eines Boten darzustellen, ja hervorzuheben
suchen, geht es in dem Wort aus dem Kolosserbrief.
Nochmals
zu unserer Schriftstelle, diesmal im ganzen Kontext von Kol 2. 16 -
23. Wir lesen hier nach der konkordanten Übersetzung:
„Daher
richte euch niemand in Speise oder Trank, oder in Einzelheiten
eines Festes, Neumonds oder Sabbats, die ein Schattenbild zukünftiger
Dinge sind; der Körper aber ist Christi! Niemand entscheide
als Schiedsrichter gegen euch, der sich in D e m u t und dem
Ritual der B o t e n mit dem w i c h t i g t u n will, w a
s e r g e s
e h e n hat, nichtig aufgeblasen von dem Denksinn seines
Fleisches und sich n i c h t a n d a s H a u p
t haltend,
aus dem der gesamte Körper, mit Einverleibung versehen und durch
Bänder vereinigt, nach Gottes Wachstum wächst. Wenn ihr nun
zusammen mit Christus den Grundregeln der Welt gegenüber
gestorben seid, was stellt ihr euch w i e i n
d e r W e l t L e b e
n d e unter Erlasse: Rühre das nicht an! Koste das
nicht! Taste das nicht an! (das alles ist durch Verbrauch zum
Verderben bestimmt) – gemäß menschlichen
Vorschriften und Lehren, die zwar einen Ausdruck von
Weisheit in willkürlichem Ritual, in Demut und
Nichtverschonen des Körpers haben, die aber von keinerlei
Wert sind, außer zur Befriedigung des Fleisches.”
Zunächst
wird hier vor dem Befolgen gesetzlicher Lehren als von Geboten und
Beschränkungen gewarnt (Speise und Trank als irdische Dinge,
Feste, Tage, Sabbatgebote usw., vgl. Vers 16). Naturgemäß
werden diese Vorschriften durch Boten der Gemeinde
überbracht, die ihr solches als angeblichen Willen Gottes
verkünden. Auch das mosaische Gesetz, aus dem diese Dinge
entnommen werden, ist bekanntlich durch Boten übermittelt worden
(siehe Apg 7. 53, Ga 3. 19). Paulus spricht an anderer Stelle, doch
in ähnlichem Zusammenhang von jenen falschen Aposteln,
die sich zu Boten (Überbringern) des Lichts verstellen (vgl.
2Kor 11. 13 und 14). Diese Boten sind es, die als
Schiedsrichter über die Gläubigen entscheiden wollen
(Kol 2. 18), indem sie die Einhaltung ihrer Gebote und Satzungen
fordern (Verse 16, 21 und 22). Dieses Fordern wird zu einem
Ritual, d. h. also zu einer festgefügten Ordnung, einem
feststehenden Recht erklärt. Diese Ordnung besagt, daß der
Bote als Überbringer besonderer, als gottgemäß zu
beachtender Weisungen zu verehren sei.
Ihre
Legitimation suchen diese Boten nun damit zu untermauern, daß
sie vorgeben, etwas gesehen zu haben. Damit werden Visionen
in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Es geht bei
solcher Verkündigung also nicht mehr zentral um das geschriebene
Wort, sondern um die ausgegebene Vision, der sich nun alles, auch die
Schriftauslegung, unterzuordnen hat. In dem der Gemeinde
gegenüber angetragenen Begehren, der Vision dessen zu
folgen, der sich infolge dieser gerade zum Leiter erhoben hat, wird
eine Ordnung einer falschen Demut (grie. tapeino-phrosuné,
wörtlich Niedrig-Gesinnung) als einer Unterordnung in
der Verehrung oder des Rituals der Boten aufgerichtet.
Diese Ordnung beinhaltet, daß nicht mehr allein dem Haupt,
sondern nun in erster Linie diesen Boten, die sich selbst
wiederum anderen Boten zu unterstellen vorgeben, Ehre, Gehorsam und
Unterordnung zu gewähren sei – gilt es doch, die
Vision des Leiters verwirklicht zu sehen – auf dieser Erde. Wer
hier nicht mittut und dabei geltend zu machen sucht, daß er
solches nicht von Gott gehört habe, gilt als stolz und hochmütig
– ordnet er sich doch der „Leiterschaft” nicht
unter. Dies alles wird mit diversen Schriftstellen, die stets im
Zusammenhang mit der ausgegebenen Vision dargestellt werden, gut
begründet. Die so eingeleitete Verführung kommt also
keineswegs in weltlicher Gestalt daher, sondern erscheint in
biblischem Gewand: die vorstehend angeführten Inhalte über
den Verzicht auf gewisse Speisen sowie die Einzelheiten von Sabbaten,
Neumonden und von Festzeiten deuten dies an; sie kommen aus dem
Gesetz (Vers 16). So stellt sie, im Zusammenhang mit der
dargebrachten Vision, ein äußerst geschickt eingefädeltes
Manöver der Finsternis dar, das dazu geeignet ist, wenn möglich
auch die Auserwählten zu verführen (Mt 24. 23 - 24, Mk 13.
22 - 23): Wird hier doch unser Ziel in der Himmelswelt, das Wachstum
des Christuskörpers zur vollen Mannesreife und damit die
Zurüstung der Braut Christi als Vorbereitung auf den Tag Seiner
Wiederkehr, aus der Mitte gerückt (Eph 1. 2 - 23, 4. 1 - 16, 5.
25 - 27).
Sonne
und Mond oder: Was siehst du?
Noch
ein Wort zum Inhaltlichen der verkündigten Lehren. Das
Gesetz, das den Inhalt dessen ausmacht, was diese Boten verbreiten,
hat nicht das Wesen der Dinge selber, sondern ist nur ihr
schattenhafter Abdruck – Schattenwürfe des Zukünftigen
(Kol 2. 16). Mondlicht – man beschäftigt sich ja mit
Neumonden – ist ein zwar von der Sonne gekommenes, nun aber,
weil es reflektiert wurde, geschwächtes, gebrochenes und darum
verfälschtes Licht. Mondlicht ist überdies auch kaltes
Licht; ihm fehlt, da es nur übermittelt wurde, die Wärme
und damit auch die Gegenwart der Liebe selbst. Es ist entlehntes
Licht, und erscheint in der Nacht (1Mo 1. 16). In den Bereich der
Nacht hinein gehören auch Träume; sie sind Erscheinungen,
Visionen der Nacht. Wer viel auf Träume hält und
sein Leben auf diese gründet, beweist damit, daß er noch
nicht im Tag angekommen ist; er beschäftigt sich mit Stroh, wo
er doch den Weizen, die Frucht vorziehen sollte (Jer 23. 28). Ein
Träumender ist ein Schlafender. Die Zeit des Schlafes ist
die Nacht; auch die sich berauschen, sind des Nachts berauscht (1Thes
5. 5 - 10). Berauschung, durch welches Rauschmittel auch immer, sei
es durch Drogen, sei es durch Massensuggestion, sei es durch
Bezauberung äußerlichen Glanzes, bedeutet das Verlassen
der Nüchternheit, und gehört damit in die Nacht, in den
Bereich der Finsternis hinein. Nüchternheit gehört in den
Tag. Wir, die wir in diesen Tag gesetzt sind, sollen nüchtern
sein und wachen, also Eigenschaften des Tages anlegen (1Ptr 5.
8). Trunkenheit aber – von welcher Art auch immer – ist
Bestandteil der Nacht, die vom Mond erleuchtet wird. Mondlicht ist
das Licht des Gesetzes, des Angestrahlten und damit, da es durch
Boten überbracht wurde, des Vermittelten, Botenmäßigen.
Christus
aber ist die Sonne der Gerechtigkeit, die denen unvermittelt aufgeht,
die Gott Selbst lieben (Mal 3. 20, Mt 17. 2, Off 1. 16 und 21.
23).Die Sonne regiert den Tag und will uns selbst,
unreflektiert, erleuchten (1Mo 1. 16 - 17, Ps 136. 8). Sie ist
Quelle, von der das Licht ausgeht, sie reflektiert nicht; sie ist
Angesicht, nicht Spiegel. Am Tage zu wandeln bedeutet daher, sich
dieser Sonne, als der Herrschaft des Unmittelbaren,
Unangestrahlten auszusetzen - gänzlich in Ihm, im
Licht, wie Er im Licht ist, was auch zur Lichtgemeinschaft
untereinander führt (1Jo 1. 3 - 7). Eine solche
Gemeinschaft ist immer unvermittelt; es ist eine von
Angesicht zu Angesicht. Eine gute Illustration, die den
Gegensatz zwischen dem Wandel gemäß des von Boten
Übermittelten und dem Wandel in der Unmittelbarkeit aufzeigt,
finden wir bei Hiob. Hiob kannte Gott vom Hörensagen,
nicht aber aus persönlicher Anschauung. Hörensagen ist das,
was wir andere sagen hören und spricht daher von
Übermittlung. Die Vermittlung anderer und das damit verbundene
Schauen auf sich selbst bewirkte jedoch nicht die Erleuchtung,
sondern gerade die Verdunkelung des Ratschlusses Gottes in seinem
Herzen (Hi 38. 2). Am Ende eines langen, schmerzvollen Weges aber
sagte er, nachdem er durch viele Prüfungen gegangen war: „Von
Hörensagen hatte ich von dir gehört. Nun aber sehe ich dich
mit meinen Augen; darum widerrufe ich und will im Staube
und in der Asche Buße tun” (Hi 42. 5 - 6, Schlachter).
Aus
der Verdunkelung des von Boten Verkündigten – Eliphas,
Bildad und Zophar (Hi 1 - 32) – ist Hiob zur
Nüchternheit des Anschauens Gottes gekommen – im Tag.
Allein hier, da unsere Augen sehen, finden wir auch zur rechten
Sicht über uns selbst. Gott sagte, daß Er uns mit
Seinen Augen leiten will; wir brauchen also Augenkontakt,
wenn wir Seiner Führung folgen wollen (Ps 32. 8). Die geöffneten
Augen unseres Herzens (Eph 1. 18), die auf diese Augen
sehen, sprechen vom Wachen, vom Wandel im Tag, und damit im Licht der
Sonne – der Sonne der Gerechtigkeit. Allein der Wandel
in diesem Licht birgt uns auch in Seinem Schutz; allein dann, wenn
wir nicht im Mondlicht des Vermittelten, Angestrahlten,
sondern im Sonnenlicht des Unvermittelten wandeln, erleben wir Ihn,
der dieses Licht ist, auch als unseren Schild, unsere Festung und
unsere Burg. Unser Gott ist beides, Sonne und Schild zugleich
– beide Wirklichkeiten lassen sich also auch nur im
Zusammenhang erleben und führen so in die Gnade hinein (Ps 84.
12). Verlassen wir, einmal mündig geworden, diese Gegenwart
wieder und suchen erneut die Vermittlung – die einer
bestimmten Gemeinde etwa –, fallen wir, da wir Sein Licht der
Unmittelbarkeit aufgeben, sowohl aus diesem Schutz als auch aus der
damit verbundenen Gnade heraus, und wenden uns damit dem
Mondlicht des menschlich (gesetzlich) Vermittelten zu, mit all seinen
Irrungen, Schwankungen und den verschiedensten Winden der Lehre, von
denen wir alsbald umhergetrieben werden 1.
Deshalb, diesen Wahrheiten entsprechend, erscheint die
Endzeitgemeinde, aus der der mannhafte Sohn hervorgehen wird,
auch mit der Sonne umkleidet – sie ist gänzlich
von ihr eingehüllt – und hat den Mond, das Wesen des
Angestrahlten, unter ihren Füßen (Off 12. 1).
Zu
diesem Mondhaften, Angestrahlten gehört somit auch jede andere
Herrschaft als die des göttlichen Hauptes allein. Richten wir
unser Augenmerk doch noch weiter auf diese Füße. Paulus
erwähnt, daß Er, der Christus, „über jede
Fürstlichkeit und Obrigkeit, Macht und Herrschaft, auch über
jeden Namen, der nicht allein in diesem Äon, sondern auch in dem
zukünftigen genannt wird”, hocherhaben ist, und fährt
fort: „Alles ordnet Er Ihm unter, Ihm zu Füßen,
und gibt Ihn als Haupt über alles der herausgerufenen Gemeinde,
die Seine Körperschaft ist, die Vervollständigung dessen,
der das All in allem vervollständigt” (Eph 1. 21 - 23).
Jede Herrschaft und jede Macht wird in Ihm abgetan; sie muß
damit unter die Füße kommen, um zur Reife, und damit zur
Vollendung zu gelangen. Da unser Haupt, der Herr im Himmel, zusammen
mit dem Körper den Christus bildet, wird deutlich, wo die Füße
zu sehen sind: Es sind die Füße der Gemeinde, Seines
Körpers, derer also, die über die Erde wandeln. So wird in
diesem einst vollendeten Leib, da jede Herrschaft unter
ihre Füße getan wurde, keinerlei Herrschaft mehr zu finden
sein – außer der Herrschaft des Hauptes allein
(vgl. Eph 4. 3 - 5). Damit gilt es schon heute, jeder Anwendung
von Macht, einem jedem Sich-über-andere-Stellen ein für
allemal abzusagen, ganz gleich, wie immer dies dargestellt,
umgedeutet oder verbrämt wird, wollen wir zu der uns verheißenen
Vollendung, der Einheit des Glaubens und dem Vollmaß des
Wuchses Christi gelangen (vgl. Eph 4. 13). Da müssen all die
„Häuptlinge” – die, die sich zu Häuptern
aufgeschwungen haben – abtreten und ihre angemaßten
Throne aufgeben, wollen wir zu der Reife gelangen, die Gott für
uns vorgesehen hat. Daher ist die Beschäftigung mit den
Füßen, nicht aber mit den Köpfen besonders anzuraten.
Dienst
an den Füßen: Licht auf meinem Wege
Als
der Herr den Jüngern die Füße wusch, sagte Er, daß
Er ein Beispiel gegeben habe, „daß ihr einander tut,
wie Ich euch getan habe" (Jo 13. 5 - 15). Hier werden wir
jedoch nicht nur zum Dienen an Bruder und Schwester angehalten, was
uns in die Demut führt, sondern wird unser Augenmerk als
Ganzes auf die Füße gelegt. Wir sollen uns mit den
Füßen befassen, nicht aber mit den Köpfen anderer,
auch nicht mit ihren Händen: wir sollen lediglich
einander die Füße waschen (Jo 13. 10). Das allein
ist der Dienst derer, die auf der Erde sind. Die Füße, die
auf dieser Erde laufen, genießen hier also oberste Priorität
und Pflege, ja Ausschließlichkeit. Die Köpfe aber –
der Kopf des Menschen ist seine höchste Stelle – befinden
sich nicht auf der Erde, sondern im Machtbereich der Luft, dem Sitz
der Mächte der Finsternis (Eph 6. 12). Die Höhe ist
demnach nicht der Ort, dem wir unsere Aufmerksamkeit zu widmen haben.
Hier greift bereits der Gedanke der Verführung durch andere
Mächte, die uns zu Fall bringen wird. Wer daher ständig in
die Höhe sieht, gerät in die Gefahr, seinen Weg aus den
Augen zu verlieren, und sich statt dessen auf Irrwege zu
begeben. Das Wort ist „meines Fußes
Leuchte und ein Licht für meinen Pfad" (Ps 119. 105,
Schlachter). Das Schauen auf andere Häupter aber erzeugt
geistliche „Hans-Guck-in-die-Lüfte”, die jeden
Überblick über ihren Weg verloren haben und alsbald
zu straucheln drohen. Stolze, hoch aufgerichtete Augen sind dem Herrn
ein Greuel (Spr 6. 16). So gilt: „Die Bahn der Redlichen
bleibt vom Bösen fern; denn wer seine Seele hütet, gibt
acht auf seinen Weg, vor dem Zusammenbruch wird man stolz, und
Hochmut kommt vor dem Fall. Besser demütig sein mit dem
Geringen, als Beute teilen mit dem Stolzen. Wer auf das Wort
achtet, findet Glück: und wohl dem, der auf den Herrn vertraut!”
(Spr 16. 17 - 20, Schlachter).
Mit
Recht wird der Leser nun einwenden, was denn nun mit den Führern
sei, denen wir zu gehorchen hätten; sollten wir nicht doch einer
Leiterschaft untergeordnet sein? Daher seien an dieser Stelle ein
paar Worte zum Dienst des Beaufsichtigens und des biblischen
Vorstehens eingefügt, ohne das Gesamtthema dabei sprengen
zu wollen; vielleicht ist ein andermal mehr möglich. Es ist
geradezu bezeichnend, daß im Bereich der neutestamentlichen
Gemeinde ein Begriff einer menschlichen Leiterschaft an
keiner einzigen Stelle erwähnt wird; der Geist Gottes ist
es, der in alle Wahrheit leitet, nicht aber „Leiterschaft”
(Jo 16. 7 - 15). So werden auch die Gnadengaben in, niemals
aber über den Körper gesetzt (1Kor 12. 18). Dies
betrifft auch die Gabe des Steuerns (1Kor 12. 28). Die
Gemeinschaft des Neuen Bundes ist – und dies betrifft alle
Glieder des Christuskörpers – immer eine zu gleichen
Teilen (koinonía), und wir werden stets angehalten, uns
dieser koinonía zu befleißigen, und somit das
Band des Friedens zu halten (Eph 4. 4). Dieses Band des
Friedens führt uns auch zu dem Band der Liebe (Kol 3. 14)
– zu dem nämlich, das die Anderen höher achtet als
sich selbst, wodurch jede Herrschaft von vornherein nicht nur
ausgeschlossen, sondern in ihr völliges Gegenteil verwandelt
wird. So wird das, was auf dem Kopf stand, endlich wieder auf die
Füße gesetzt. Hier ist also niemand Herr über den
anderen, sondern sind alle allen untergeordnet, um dem jeweils
Nächsten mit der Gabe zu dienen, die er empfangen hat, und
andererseits auch alles anzunehmen, „einzuverleiben”, was
durch alle anderen Glieder dargereicht wird (Eph 4. 15 - 16). Dieser
Vorgang wird im Epheserbrief damit beschrieben, daß Gott es
ist, der alles in allen wirkt (Eph 4. 6).
Mit
dem Aufseherdienst haben wir uns bereits im vorigen Kapitel
beschäftigt. Das griechische Wort hierfür lautet
episkopos und wird mit Aufseher, wörtlich Auf-Achter
übersetzt. Der Auf-Achter ist der Dienst, der den Älteren
angetragen ist. Petrus, der sich ihnen vorstellt als der Mitältere
„und Zeuge der Leiden des Christus und Teilnehmer an der
Herrlichkeit, die künftig enthüllt werden soll”
hält sie wörtlich dazu an: „Hirtet das Herdlein
des Gottes inmitten von euch” (1Ptr 5. 1 - 2). Hier wird
oftmals ein unter verstanden und auch so wiedergegeben. In der
wörtlichen Übersetzung jedoch wird deutlich, daß die
Älteren, die auf andere achthaben sollen, nicht über,
sondern mitten in die Herde hinein gesetzt sind. Hier steht
nicht, daß sich die Herde unter ihnen befände, sie
also über der Herde ständen, sondern es wird, da im
Griechischen ein me (von meson, Mitte) verwendet wird, ein in,
eine Mitte angezeigt. Wir kennen ja auch im Deutschen die
Redewendung „wir wollen unter den Menschen sein”,
die ausdrücken soll, daß wir uns inmitten von ihnen, als
innerhalb einer Menschenmenge befinden wollen. Dieses
Verständnis ist allerdings durch jahrhundertelange Abschleifung
und daraus erfolgte Wortungenauigkeiten bedingt und kann deshalb
mißverstanden werden; so besonders auch hier. So sind die
Älteren Teile der Herde, weshalb Petrus andere Teile
derselben Herde ja auch als Jüngere (wörtlich:
neoteroi, Neue) beschreibt, die sich diesen Älteren in der
rechten Weise unterordnen, sich sagen lassen sollen (1Ptr 5. 5a).
Hier wird also gerade nicht gesagt, daß die alles
überragende Ordnung der Gemeinde darin bestünde, daß
jedermann sich einem festgesetzten Leiterschaftsgremium unterzuordnen
und sich dessen Anweisungen zu fügen habe, sondern es wird den
Neuen, im Verhältnis zu den Gereiften geistlich Jüngeren
als den im Glauben noch Unerfahrenen angeraten, sich etwas sagen zu
lassen von denen, die ihnen auf dem Weg, den sie noch zurückzulegen
haben, schon vorangegangen sind, damit auch sie einmal in dieselbe
Reife gelangen.
Denn
die Ordnung, die für alle gilt, folgt erst nach der
Ermahnung, die Petrus an die Jüngeren richtete. Diese
Ordnung hat Petrus mit dem Wort aber von dem an die Jüngeren
gerichteten Wort unterschieden; hier wird ein inhaltlicher Wechsel
angezeigt, da er sich erst an die Jüngeren richtet, dann aber an
alle. Den Jüngeren sagt er: „Ordnet euch den
Älteren unter”; dann fährt er jedoch fort: „Seid
alle aber mit der Demut umschürzt, weil Gott sich den
Stolzen widersetzt, den Demütigen aber gibt er Gnade”
(1Ptr 5. 5). Hier finden wir also zweierlei Ordnungen vor,
die sich keineswegs widersprechen, sondern einander ganz wunderbar
ergänzen: die erste richtet sich an die noch Ungereiften,
die sich an die Alten halten sollen, die zweite richtet sich
an alle, die untereinander mit der Demut umschürzt
sein sollen. Beide Ordnungen haben daher mit der Demut, wörtlich
Niedrig-Gesinnung zu tun. Während den Ersten noch
angeraten wird, besonders gut zuzuhören, wird allen
gesagt, sich einander, d. h. Einer dem Anderen unterzuordnen.
Irgendwann sollte auch der Unmündige zum Mündigen werden.
Dann geht für ihn die Zeit zu Ende, in der er vorrangig von
Anderen hört; dann beginnt auch für ihn die Zeit, geübte
Sinne zu haben (Hbr 5. 12 - 14), reift auch er in den Stand hinein,
in dem er vom Herrn Selber hört. Doch die Zeit, in der Einer den
Anderen höher achtet, ihm gerne gibt, aber auch gerne von ihm
annimmt, die vergeht nie. Die Liebe bleibt immer (1Kor 13. 13). Hier,
auf dem Weg dieser Liebe, die sich dem Anderen hingibt, finden wir
den Weg der echten Demut vor, in der einer sich unter den Anderen
stellt, ihm ebenso dient, wie er auch von ihm empfängt. Dieser
Weg ist es, der sich unter die gewaltige Hand Gottes demütigt.
Dies ist dann auch der Weg, auf dem Gott unserer Sorge begegnet.
Indem wir nicht mehr für uns selbst sorgen, sondern für den
Anderen, sorgt Gott für uns, wie dies im sechsten und siebten
Vers ganz wunderbar zum Ausdruck kommt.Und diese Sorge betrifft
gerade auch unseren Weg, den wir hier nicht vergessen wollen: War
nicht das Herabhalten zu dem Niedrigen, das Schauen auf die Füße
notwendig, um diesen Weg nicht aus den Augen zu verlieren?
Ich
selbst habe zu sagen, daß ich in der ersten Zeit meines
Glaubens von lieben Alten sehr profitieren durfte – und noch
immer darf. Zu weltlichen Vergnügungen fühlte ich mich
nicht mehr hingezogen; so besuchte ich, da ich schon immer mit den
Alten besser klarkam, ältere Kinder Gottes und unterhielt mich
mit ihnen. Diese Veranlagung, ja Gnade hat mich – ein
solcher Rückblick sei hier einmal gestattet – doch
sehr vorangebracht. Noch heute pflege ich so manchen Kontakt und
genieße die Ergänzung durch den Älteren, Weiseren,
sowohl an Jahren als auch im Glauben sehr viel Reiferen. Denn die
Älteren, um die es hier geht, sind nicht nur wichtig, sondern
geradezu unverzichtbar; sie sind uns gesetzt. Sind sie doch
jene, die vor uns waren; sie sind den Weg voraus
gegangen, was in dem griechischen Wort presbyteroi gut zum
Ausdruck kommt. Das Wort wird leider zumeist verflachend und, da es
ein herausgehobenes Amt suggeriert, auch irreführend mit
„Älteste” wiedergegeben. Hier sind ganz feine
Nuancen außer acht gelassen worden, die für unser
Verständnis aber äußerst wesentlich sind. Der
presbyteros ist in der wörtlichen Übersetzung der
Vorhineinschreitende, was wir auch gut mit dem Wort
Fortgeschrittener wiedergeben könnten. Die Holländer
übersetzen dieses Wort übrigens zwar einfach, doch aber
sehr zutreffend mit de voorgangers, Vorgänger. Der
Vorgänger ist einer, der den Weg vor anderen geht und
diese damit anführt, bis sie auch in den Stand gelangt sind, den
jener bis dahin verkörpert hat. Hat der so Angeleitete dessen
Stand erreicht, hat der Vorgänger naturgemäß
aufgehört, ihm Vorgänger zu sein – die Einheit des
Glaubens wird so erreicht (Eph 4. 16). Dazu sind auch jene
Vorläufer hinzuzurechnen, die vor uns gewesen sind
und uns ein Vorbild des Glaubens hinterlassen haben. Der
Hebräerbrief etwa mahnt dazu, solche im Gedächtnis zu
behalten (Hbr 13. 7 - 8). Zum Begriff der Älteren, derer also,
die vorangehen, gehört auch der Begriff geistlicher Väter,
derer also, die gereift sind, und durch deren Dienst Leben
weitergegeben werden kann.
Die
Väter sind es ja gerade, die den erkannt haben, „der
von Anfang an ist” (1Jo 2. 14). Sie haben also eine tiefe
und wesensmäßige Erkenntnis Gottes, des Vaters und
vermögen die, die noch geistliche Kinder sind, sowohl zu
bewahren als auch an diese Erkenntnis heranzuführen. Hier finden
wir also einen Hirtendienst vor, der im Wesentlichen sowohl aus dem
Dienst des Achthabens als auch aus dem des Weidens besteht. Reife,
die wir auch mit dem Begriff des geistlichen Alters
umschreiben können, benötigt kein Etikett; Reife besitzt
man, oder man besitzt sie nicht. Der Gereifte kann auch etwas
weitergeben, was es wert macht, ihm zuzuhören; der Unreife kann
es nicht oder nicht in der gebotenen Weise. Der Ältere, der
Hirte wie Aufseher gleichermaßen sein soll, kennzeichnet also
eine Eigenschaft, ein Wesen, aber keine Institution. Er besitzt, mit
Ausnahme des zurückgelegten Weges, also keinerlei Vorzug
gegenüber denjenigen, denen er dienen soll. Leider hat man,
unter grober Mißachtung dieser Tatsachen, im Verlauf der
Kirchengeschichte aus dem Begriff des Aufsehens einen Bischof,
aus dem Begriff des Hirtendienstes einen Pastor und aus dem
des Älteren ein über alle gesetztes „Ältestenamt”
gemacht und diesen eine Stellung eingeräumt, als ob sie in der Gemeinde
Regierungsbefugnis besäßen.
Das ist jedoch keineswegs der Fall, werden doch die zu Aufsehern
Gesetzten dazu angehalten, den Dienst so zu vollführen, „nicht
als beherrschtet ihr die Losteile, sondern –
werdet Vorbilder des Herdleins” (1Ptr 5. 4).
Hierin
also ist der wesenhafte Anteil dieses Dienstes zu sehen: in seiner
Vorbildwirkung, nicht aber in der Betonung eines feststehenden,
vermeintlich übergeordneten Amtes. Anhand dieses
Vorbildes, das die Älteren abgeben sollen, erklärt sich
auch der Begriff ihres Vorstehens und schließlich auch der
ihres Führens. Der den Weg vor den anderen geht und ihnen
somit ein Vorbild ist, steht damit bildhaft vor ihnen;
er kann ihnen den Weg erklären und zu gehen helfen, den er schon
gegangen ist - für alle erkennbar. Allein dadurch wird er auch
zum Führenden. Von solchen Geschwistern dürfen, ja
sollen wir uns gerne etwas sagen lassen. Damit wird der
Hirtendienst ganz klar allen Älteren, geistlich Gereiften
angetragen, und ist nicht Privileg einer besonders herausgehobenen
und alle beherrschenden Kaste von Pfarrern oder Pastoren, die sich
als sogenannte „Leiterschaft” über alle anderen
gesetzt wähnen oder eine solche zu implementieren suchen. Es ist
insbesondere ein Liebesdienst, der das Wohlergehen der ihm
anvertrauten Schafe im Blick hat, nicht aber den Ertrag, den er aus
der Herde zieht, oder den Erfolg, den ihm die Herde einbringen
könnte, so geistlich dieser auch immer dargestellt werden möge.
„Der edle Hirte gibt sein Leben für die Schafe hin”.
Der andere gibt nicht, sondern nimmt, um es für seine
Vorhaben und Ziele zu verbrauchen; er ist ein Dieb – er
„kommt lediglich, um zu stehlen, zu schächten und
umzubringen.” Hieran erkennen wir den Unterschied zwischen
dem Auftreten wirklicher Hirten und dem von Mietlingen, also
von solchen, deren Triebfeder weniger der Gehorsam gegenüber
Gott, als vielmehr der äußerliche Erfolg, das Ergebnis
(der Lohn) ihres Handelns ist (Jo 10. 11 - 13). So wird auch die
Problematik einer bloßen Einsetzung durch Menschen erkennbar,
die die Liebe und die damit verbundene Reife außer acht läßt
(Jo 22. 15 - 19). Dieser Reife aber bedarf es, nicht einer
menschlichen Einsetzung oder einer feierlich vorgetragenen
„Ordination”. Gleiches ist auch über
Bibelschulen zu sagen; sie können zwar Wissen vermitteln, doch
zur Reife zu führen vermögen sie nicht. Die Reife selbst
nur, die aber lediglich im Lebensvollzug erfahren werden kann, vermag
auch zur Reife anderer zu verhelfen. Und Unreife ist unter uns
reichlich vorhanden, leider – eine Unreife, die sich gerade in
solchen Gemeindestrukturen, in denen „Leiterschaft” so
sehr betont wird, daran erzeigt, daß man den Älteren keine
Achtung mehr entgegenbringt, ihnen kein Gehör mehr schenkt, sie
also nichts mehr zu sagen haben!
Ähnliches
gilt den Gaben des Lehrens, des Prophezeiens und dem Dienst von
Aposteln, die sich in den Dienst aller anderen Glieder gleichermaßen
einzureihen haben, keineswegs aber über sie gestellt
sind. Gerade diese Gaben haben in den letzten Jahren eine erhebliche
und nicht statthafte Überhöhung erfahren. Unreife ist somit
an die Stelle von Reife und echter Vorbildwirkung getreten, gepaart
mit Unwissenheit, Unmündigkeit, Beraubung und schier
grenzenloser Überheblichkeit (1Kor 11. 20). Statt der zu
erzielenden Einheit des Glaubens aller und der Erkenntnis
des Sohnes Gottes (Eph 4. 13) ist es somit zur Sonderstellung
Einzelner und zu einer Entmündigung „der großen
Masse” gekommen. Hier ist in der Vergangenheit eine
ungeheuerliche Verdrehung und Entstellung der biblisch fundierten
Lehre über die Gnadengaben geschehen, die dringendster Korrektur
bedarf. Einem Vorbild, das sich immer auch am Wort Gottes prüfen
lassen muß, dürfen, ja sollen wir nachahmen; dem
durch solche Vorbilder verkündigten Wort Gottes sollen
wir folgen, einer Person, die sich beständig auf ihr
Vorrecht beruft, Bestandteil einer über alle gesetzten
„Leiterschaft” zu sein, jedoch nicht: Eine solche Person
hat, da sie Unterordnung fordert, den Weg der Demut, nämlich
sich selbst herab zu halten zu dem Niedrigen, längst
verlassen, und führt uns damit in die Irre. Der, der seine
besondere Sendung oder gar „Salbung” betont, und aufgrund
seines wie auch immer gearteten Sendungsbewußtseins andere
auffordert, ihm zu folgen, der macht sich selbst zu einem falschen
Apostel, zu einem falschen Gesandten also, zu einem solchen, vor
denen Christus warnte: „Glaubt es nicht” (Mt 24, 23 -
25).
Richten
wir unsere Augen daher auch weiterhin nicht in die Höhe, sondern
in die Niedrigkeit; halten wir uns nicht hinauf zu hohen Dingen,
sondern herab zu dem Niedrigen (Rö 12. 16). Große,
gewaltig einherschreitende „Dienste”, die in gleißendem,
buntschillerndem Auftreten Beachtung heischen und dabei Unsummen
verschlingen, sind also nicht dazu geeignet, unsere Aufmerksamkeit an
ihnen zu verschwenden, da sie den Dienst in dieser Niedrigkeit
vermissen lassen. Hierzu gehört generell die Betonung auf große
Projekte, sogenannte Riesengemeinden („mega-churches”)
und gewaltige Unternehmungen. Der Eingang in das Königreich
Gottes ist allerdings weder die breite Straße noch das weit
geöffnete Tor, durch das die Massen strömen, sondern der
schmale Pfad und die enge Pforte, die nur von wenigen gefunden werden
(Mt 7. 13, Lk 13. 23). Diese enge Pforte aber ist es,
durch die der Herr uns gehen heißt – Nadelöhr
wird sie genannt (Mt 19. 24). Der Weg der Massen war daher noch nie
der Weg Gottes, und sichtbarer Erfolg war noch nie Frucht. Damit wird
klar, daß die heute weitverbreitete Erwartung von
Massenerweckungen in diesem Zeitalter als nicht schriftgemäß
zurückgewiesen werden muß. Bekehrungen, die sich in
Massenevangelisationen zutragen, bleiben in der Regel in
Oberflächlichkeit stecken und führen kaum wirklich aus
weltlicher Gesinnung, und damit aus dem alten Leben heraus.
Denn
hier wird der Tod umgangen, aus dem uns doch erst das wirkliche
Leben, das Auferstehungsleben Christi quillt. Hier wird regelrecht
vermieden, daß der Sünder sein Leben angesichts des für
seine Sünde Gekreuzigten wahrlich in diesen Tod gibt und vor
Ihm niederfällt, um das Leben des Sohnes Gottes zu
empfangen, der doch seinen Tod starb. Hier wird auch jene
Selbsterniedrigung ausgeklammert, die mit dem Erkennen und dem
Bekennen der Sünde auch vor dem Bruder und der Schwester
einhergeht und für uns doch so notwendig ist, wollen wir ins
wirkliche Leben eingehen. Hier, wo es doch ans eigene
Zuschandenwerden, ja sogar ans eigene Sterben gehen soll, um das
Leben selber zu empfangen, begnügt man sich allzu oft mit einem
gemeinsam nachgesprochenen Vers, einem in der Masse ausgeübten
Ritual, dem dann ein, freilich gut organisiertes, „christliches
Leben” folgen soll. Wieder einmal gibt man sich damit
zufrieden, daß der Sünder sein Verhalten ändere, wo
der Herr seinen Tod fordert, redet man vom Lebensstil, wo der
Herr vom Leben selber spricht. Und so brechen Wiedergeburten
auch nicht wirklich durch; die sogenannte „Rückfallquote”
der hier „Bekehrten” spricht wahrlich Bände. Wer
also das imaginäre „Gemeindetor” weit aufmachen
will, damit die „hereinströmenden Massen” es
leichter haben, kann daher sicher sein, daß er nicht jene
sammelt, die der Herr gesammelt wissen will; wer aber nicht mit Ihm
sammelt, der zerstreut (Mt 12. 30). Das Niedrige ist beachtenswert,
nicht das Gewaltige, Hohe; als Christus auf die Erde kam, hatte Er
„keine Gestalt und keine Pracht, wir sahen ihn; doch sein
Anblick gefiel uns nicht” (Jes 53. 2, Schlachter). Welche
Herrlichkeit ging aber aus Dem hervor, den man so verachtet hatte! So
ist es immer der Tag des geringen Anfangs, der nicht verachtet werden
darf (Sa 4. 10).
Beschäftigen
wir uns also weiter mit dem Anfang, den Füßen. Die Füße,
nicht die Köpfe waren es ja, denen wir unser besonderes
Interesse und unsere Pflege angedeihen lassen sollten. So, indem wir
unsere Blicke auf unsere Füße richten und damit von
der Höhe wegwenden, sprechen die Füße auch von
Demütigung. Demütigung und Richtungsweisung hängen eng
zusammen. „Bevor du mich demütigtest, irrte ich”,
weiß der Psalmist zu sagen (Ps 119. 67). Wer sich daher mit den
Füßen beschäftigt und auf seinen Weg sieht, muß
sich herabhalten und unten bleiben, will er diesen Weg
nicht aus den Augen verlieren. Unten ist der Weg; unten sind
die Füße, die darauf unterwegs sind. So sind es auch die
Füße, nicht der Kopf, die uns Standfestigkeit und
Durchhaltevermögen verleihen - sie sind es, die den ganzen
Körper zu tragen vermögen. Sie sorgen nicht nur für
festen Stand, sondern sind auch unser einziges Fortbewegungsorgan.
Wer die Sicht auf die Füße verliert und statt dessen auf
Köpfe schaut, kommt auf seinem Weg nicht voran. Das Sehen auf
andere „Häupter” jedoch – auf die Vermittlung
menschlicher Leiterschaft – macht all diese Dinge zunichte; sie
läßt uns innerlich zusammenbrechen und straucheln. Suchen
wir uns andere Leiter als den uns gegebenen Heiligen Geist, so
verlassen wir damit das unseren Weg erhellende Sonnenlicht der
Gegenwart Gottes, und begeben wir uns wieder in das Mondlicht des
Vermittelten – zurück in die Nacht, zurück in
das Verwaschene, Unklare und Dunkle, wo nur wenig und zudem
verfälschtes Licht vorhanden ist. Die schon früh erörterte
Thematik, wer in der Schar der Jünger der Größte,
„der Leiter” sei, gehört in diese falsche Sichtweise
und führt damit vollständig in die Irre (Mt 23. 11, Mk 9.
33 - 37). Sie zeugt überdies auch von einem Verharren im Unreife
– im Kindheitsstadium derer, die noch „der Milch
bedürfen und nicht fester Nahrung; denn jeder, der an der Milch
teilhat, ist unerprobt im Wort der Gerechtigkeit, weil er noch
unmündig ist” (Hbr 5. 13) – er bedarf also
noch der Vermittlung von Vormündern und Verwaltern, und beweist
damit, daß er aus der Wesenhaftigkeit des Gesetzes nicht
herausgekommen ist (Ga 4. 1 - 2). Die in der charismatischen Bewegung
unaufhörlich geführten Auseinandersetzungen über das
Thema Leiterschaft zeugen von dieser Unreife. So hat man sich
im Laufe der Jahre noch immer nicht in das Erwachsenenalter führen
lassen, in dem das Kindische abgetan wird und wir, nachdem wir „die
Dinge der Unmündigkeit” verlassen haben, Ihn Selbst
erkennen (1Kor 13. 11 - 12). Hier werden wir wieder an Jesus, die
Sonne der Gerechtigkeit erinnert, die unseren Weg erhellt: Ist
„Dein Mond” unter deinen Füßen, bist du mit
Jesus, der Sonne umkleidet?
Die
Hülle und das Angesicht
Auch
das Gesetz als der Dienst des Vermittelten hat Licht und
vermag eine gewisse Orientierung zu geben, wie wir sahen; es ist
jedoch Mondlicht, ist entlehntes Licht, dessen Herrlichkeit durch die
Einwirkung von Boten verdunkelt wurde. So übertrifft die
Herrlichkeit des Evangeliums die des Gesetzes bei weitem, führt
sie doch in die Gegenwart Gottes hinein, was dem Gesetz, dem
noch das Wesen der Vormünder und der Verwalter, einer
Mittlerschaft also anhaftete, versagt bleiben mußte
(vgl. Ga 4. 1 - 3). Im Zweiten Korintherbrief wird uns beides
gegenübergestellt: die Herrlichkeit des Gesetzes, des
Vermittelten, was durch die Decke vor Moses Angesicht gekennzeichnet
wird, und die Herrlichkeit des Unvermittelten als die des
aufgedeckten Angesichts. Mose, der Mittler des Gesetzes,
bedeckt hier sein Angesicht, und verdunkelt die Herrlichkeit Gottes
vor seinem Volk, um sie in ihren Augen erträglich zu machen,
damit diese wegen ihrer Sünde nicht sterben (2Mo 34. 29 - 35).
Der Dienst des Gesetzes war der Dienst des Todes, der Verhüllung;
der Dienst des Evangeliums aber der Dienst des lebendig machenden
Geistes – von Angesicht zu Angesicht. Paulus führt, anders
als Mose, seine Leser geradewegs in die Herrlichkeit hinein,
aus der er selbst kommt und von der er spricht. Moses Angesicht war
verdeckt; das des Paulus ist frei. Daher, „da wir nun eine
solche Erwartung haben, gebrauchen wir viel Freimut und sind nicht
wie Mose, der eine Hülle über sein Angesicht tat, damit die
Söhne Israels nicht unverwandt sähen, wie das Aufgehobene
zum Abschluß kam, sondern ihre Gedanken wurden verstockt; denn
bis zum heutigen Tag bleibt ihnen dieselbe Hülle beim Lesen des
Alten Bundes und wird nicht enthüllt, weil sie ja nur in
Christus aufgehoben wird. Ja bis heute, sooft auch Mose gelesen wird,
liegt diese Hülle auf ihrem Herzen; sobald es sich jedoch zum
Herrn umwendet, wird die Hülle fortgenommen. – Der
Herr aber ist... Geist. Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.
Wir alle aber, mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des
Herrn widerspiegelnd, werden in dasselbe Bild umgestaltet von
Herrlichkeit zu Herrlichkeit wie von des Herrn lebendig machendem
Geist” (2Kor 3. 12 - 18).
Der
Wandel in der Vermittlung gehört also zum Bereich der Nacht,
während Wandel in der Unmittelbarkeit das Licht des Tages
charakterisiert. Wir gehören daher weder der Nacht noch der
Finsternis an, sondern sind für den Tag, den Wandel im Licht,
bestimmt. Die hier (Kol 2. 8 - 23) in die Mitte gestellten Lehren
aber sind als zu befolgende Lehren des Gesetzes – auch
das Anwenden sogenannter Glaubensprinzipien (von Gesetzmäßigkeiten
also) fällt darunter – Bestandteile der Nacht. Ein
Evangelium, eine Freudenkunde also, die zwar Freude zu vermitteln
weiß, aber nicht in die unmittelbare Beziehung mit Gott führt,
ist ein anderes Evangelium, das die Hörenden nicht ins Licht
Seiner Gegenwart, sondern in die Finsternis bringt – an Ihm
vorbei. Dazu gehört auch die Betonung von Methoden, mit
denen selbst die Ruhe und das vermeintliche Glück, das
Feiern bereitet werden soll, geht es doch auch um Einzelheiten von
Sabbaten oder Festzeiten (Kol 2. 16 - 17) 2.
So mancher Versuch, die Seelen der Zuhörerschaft zu animieren
und aufzupeitschen – „Ich will jetzt tanzen”, „Ich
will mich jetzt freuen”, „Mach doch endlich mit”,
„Sag doch endlich Amen”, „Geht das nicht lauter,
ich habe nichts gehört”, usw. – ist hier
dazuzurechnen. So manche seelische Berauschung hat hier schon
stattgefunden. Wer diesen Lehren und den damit zusammenhängenden
Praktiken folgt, wird Opfer eines Pseudo-Evangeliums und geht damit
in die Nacht hinein, gelangt in den Machtbereich der Finsternis. Jede
Zauberei – ein anderes Evangelium bezaubert (Ga 3. 1 - 2) -
führt zuletzt in den geistlichen Tod. Diese Lehren aber sind
es, die hier (Kol 2. 18) im Zusammenhang mit ausgegebenen Visionen
(dessen, was man sieht, man gaukelt also Tageslicht vor!)
erscheinen. Und doch handelt es sich dabei, obwohl aus biblischen
Inhalten entlehnt, um eine Verkündigung, die in die Täuschung,
in die Nacht hinein führt.
Die
falsche Demut oder: Willst du befördert werden?
Mit
all dem bisher Ausgesagten wird klar, daß Lehren, die sich zwar
wohl mit Schriftworten schmücken, aber – nach Kol 2. 18 –
aus der Sichtweise von Visionen dargebracht werden, als betrügerische
Lehren zu entlarven sind.Das Verführerische erzeigt sich
dabei insbesondere auch an der Betonung von Demut. Hier wird
eine ganz zentrale Verhaltensweise angesprochen, die
Schlüsselfunktionen in unserem Leben ausübt. Demut ist ein
entscheidendes Kriterium einer echten Kindschaft Gottes und
ihrer Teilhabe am Reich der Himmel: es wird nur dem Demütigen
erschlossen. Dem Hochmütigen widersteht Gott bekanntlich; allein
dem Demütigen schenkt Er Gnade und Gelingen (Spr 3. 34, 1 Ptr 5.
5). Befinden wir uns in Stolz und Überhebung, sind wir
meilenweit von Gott entfernt. Stolz wird der, der vor dem
Zusammenbruch steht, und Hochmut kommt vor dem Fall (Spr 16. 18).
Niemand möchte daher als hochmütig gelten. Diesen
Umstand machen sich jene Gesetzeslehrer – die im Kolosserbrief
angesprochenen Inhalte verdeutlichen dies – zunutze. Demut wird
hier als Unterordnung unter sie als den die Vision verkündenden
Boten umgedeutet und damit ausgedrückt, daß der, der eine
solche Demut nicht aufzuweisen habe, sich aus dem Einfluß des
Geistlichen und damit Gottes ausschließe. Statt der
Unterordnung unter das Haupt wird nun die Unterordnung unter
Leiterschaft in die Mitte gestellt und damit zum eigentlichen
Schlüssel der Gemeindezugehörigkeit erklärt. Damit
wird der Hörende aus der Unmittelbarkeit der Gegenwart Gottes
in die Mittelbarkeit der Gegenwart sogenannter Leiterschaft
gedrängt – ein echter Schachzug der Finsternis.
Die
echte Demut beugt sich vor Gott, weist auf Ihn hin und
gehorcht Ihm mehr als Menschen. Hier aber erscheint eine Demut, die
das Gegenteil zur Folge hat. Es handelt sich dabei um eine Demut, die
sich selbst klein macht, um befördert zu werden: sie
will in der Hierarchie aufgehen, will selbst oben, will selbst Bote
sein. Eines Tages wird sie sich über andere ebenso wie jene
erheben; damit dient sie der Befriedigung des Fleisches (Kol 2. 23).
So fügt sich diese Demut nahtlos in das oben beschriebene Ritual
der Boten, der Überbringer ein, und bestimmt somit die Verehrung
von Boten zu ihrem Mittelpunkt: Schließlich will sie
selbst verehrt und in die Mitte gestellt werden. – Der in
uns wohnende Geist Gottes aber verherrlicht nicht Menschen, sondern
verklärt uns immer den Sohn; dieser allein
offenbart uns den Vater. In der Schrift wird ausnahmslos von Menschen
weggewiesen. Wird uns ein anderer gezeigt als der Sohn, so haben
wir es demnach auch mit einem anderen Geist zu tun, der nicht aus
Gott ist. Ein Geist, der nicht den Sohn, sondern andere
Gesalbte als Ihn Selbst in die Mitte stellt, ist der Geist des
Antichrists (1Jo 2. 18 - 27). Die Vorsilbe anti
bezeichnet ein Anstatt, ein Gegenstück, eine Entsprechung. Es
ist also ein Geist, der unentwegt versucht, Ihn zu ersetzen,
um Verführer an Seine Stelle zu setzen, Menschen also, die sich
selbst als Gesalbte (Christusse), als von Gott Gesandte und
somit als Boten bezeichnen. Das Kommen nicht nur des einen,
sondern vieler Antichristen, die viele verführen,
ist ein Zeichen der letzten Tage, in denen wir uns unzweifelhaft
befinden (Mt 24. 4 - 5, 11, 23 - 24 und 1Jo 2. 18; vgl auch Apg 20.
29 - 30). Unentwegt fordern diese in ihre Nachfolge, weisen
falsche Propheten auf ihre alles überragenden Dienste hin.
Hervorstehendes Merkmal des Antichristen ist es, daß er sich
in den Tempel Gottes zu setzen, und sich selbst als Gott, das heißt
als Unterordner, Richter und Platzanweiser, zu erweisen sucht (2Thes
2. 4). So setzen sich Menschen, die ihre Stellung als besondere
Gesalbte betont wissen wollen und von den sie Hörenden
Unterordnung heischen, an Gottes Stelle. Unsere Zeit geht bereits
schwanger mit diesem Geist. Damit aber hat sich seit langem schon
eine Entwicklung angebahnt, die in der Selbstinthronisation des
Antichristen münden wird – des Antichristen, der
die ganze Welt verführt.
Nicht
mehr das, was Sein Geist in den Herzen der Zuhörer, sondern das,
was Boten lehren, ist nun also von Interesse und steht von nun
an besonders im Vordergrund, ja mehr noch – das, was Gottes
Geist in den Herzen bezeugt, soll sich nun anhand der Lehren dieser
Boten prüfen lassen. So wird die Anmaßung vollkommen
gemacht. Hier wird also mittelst raffiniertester Täuschung
Gott ersetzt, werden die Hörenden aus Seiner Gegenwart
herausgeführt. An die Stelle Gottes wird ein anti, eine
Entsprechung gesetzt; Menschen erscheinen nun in der Mitte des
Geschehens. Ehrfurcht vor Menschen – es war vom Ritual,
der Verehrung der Boten die Rede – tritt nun an die Stelle,
die die Furcht des Herrn einnehmen sollte. Ihnen, den Boten zu
folgen, wird nun als Weg in die Weisheit beschrieben, wird nun als
sinnfüllend dargestellt und zur Zielsetzung für alle
gemacht. Jedoch gilt, daß die Furcht des Herrn der
Weisheit Anfang ist, d. h. sie beschreibt den Eingang, das Tor
zu ihr wie zur Erkenntnis (Ps 111. 10, Spr 1. 7 und 9. 10). Sie ist
aber nicht nur Anfang der Weisheit, sondern stellt die Weisheit
selbst dar (Hi 28. 28). Damit wird deutlich, daß die
hier verkündigte Weisheit, die von ihrem Wesen her
Menschenfurcht darstellt, nicht die Weisheit Gottes ist und
somit nicht zu Gott hinführen kann. Denn allein die Furcht
Gottes führt in Weisheit hinein. Sie ist, wie wir sahen, die
Weisheit selbst. Jene aber wollen eine Weisheit verkünden, die
die Hörenden in die Abhängigkeit von Menschen
bringt. Diese Weisheit ist jedoch eine willkürliche (Kol 2. 23),
d. h. eine nach menschlicher Willkür und Gutdünken
erwählte. Damit wird klar, daß diese nicht von Gott
kommt; sie wurde nicht gegeben, sondern ist von Menschen
selbst herausgenommen worden. Paulus nennt diese Weisheit
folgerichtig einen leeren Betrug (Kol 2. 8), und warnt vor
einer Demut, die sich unter diesen Betrug unterordnen soll. Denn
damit wird klar von der Unterordnung unter das göttliche Haupt
abgelenkt, an das man sich selbst nicht mehr hält, da man nun
Boten verehrt und in die Mitte rückt (Kol 2. 18). So wird auch
unter diesem Aspekt die Fälschung, der ausgeklügelte
Schachzug einer falschen Demut offenbar.
Paradierende
Botschafter: Der geraubte Friede
Nun
darf das Gesagte nicht in der Weise mißverstanden werden, daß
niemand mehr sich etwas sagen lassen solle. An anderer Stelle ist das
schon angeklungen. Wirkliche Demut wird selbstverständlich
auch in unserem Verhalten gegenüber unseren Geschwistern
erkennbar werden, sollen wir doch nicht nur unserem Herrn, sondern
auch untereinander, d. h. einer dem anderen, in Demut
untergeordnet sein (1Ptr 5. 5). Diese Demut erzeigt sich gerade dann,
wenn wir unseren Nächsten, Bruder und Schwester, jeweils höher
achten als uns selbst (Phil 2. 1 - 8), und sie daher lieben an
unserer Statt (Mt 19. 19 u.v.a.; vgl. 3Mo 19. 18). Da wir Glieder
eines Körpers sind, gehört hierzu auch die Fähigkeit,
geistlichen Rat von Geschwistern anzunehmen, zumal dann, wenn diese
in ihrer geistlichen Reife viel weiter sind als wir selbst. Hier
aber wird eine nur scheinbare Demut in dem Verneigen vor
Menschen zur festgefügten Ordnung erklärt, ganz als sei
diese Art der Verehrung ein zu erweisender Gottesdienst, der man
allen angetragen wähnt. Vergleichbar mit den Pharisäern und
Schriftgelehrten zur Zeit Jesu, die „in prächtigen
Gewändern umhergehen wollen, auf den Märkten sich begrüßen
lassen, Vordersitze in den Synagogen (übersetzt
‘Versammlungen’) und erste Liegeplätze
bei Gastmählern beanspruchen, die Häuser der Witwen
verzehren und zum Vorwand weitschweifig beten” (Mk 12. 38 -
40; vgl. Mt 23. 5 - 7, Lk 11. 43, 44 und 20. 46 - 47), wollen auch
jene Boten sich „mit dem wichtigtun”, was sie gesehen
haben und nun darzubieten suchen (Kol 2. 18). Das Wort
„wichtigtun” lautet im Griechischen embateuo.
Es kommt aus dem Wortschatz von Politik und Militär und hat die
Bedeutung von „in Aufzügen und Paraden einherschreiten”.
Hier soll also gegenüber der staunenden Menge etwas vorgeführt
werden; man will Ehrfurcht einflößen vor sich selbst, da
man doch etwas darzustellen vorgibt, und dies nun ebenso lauthals wie
sichtbar zu „repräsentieren” gedenkt. Die Nähe
zu dem uns bekannteren Wort „Ambassadeur” (Botschafter)
ist mehr als augenfällig; es ist demselben Wort entlehnt.
Der
Ambassadeur ist der Botschafter eines Landes, der dieses im
Ausland repräsentiert. Das, was jene nun dem sogenannten
„Volk” darzubringen vorgeben, indem sie damit
„paradieren”, also dem staunenden Publikum gegenüber
gewissermaßen eine Show veranstalten, bezieht sich auf das, was
sie „gesehen” haben, ihre ‘Gesichte’ und
‘Visionen’ also. Diese nehmen sie zum Anlaß, sich
damit über andere zu erheben, d. h. sich „aufzublähen”
– so wörtlich für das griechische Wort
physioumenos in Kol 2. 18, das dort mit „nichtig
aufgeblasen” wiedergegeben ist. Dieses Wort – man denke
an die dem verwandte Physiognomie – kennzeichnet auch
die Betonung auf alles Physische, körperlich Faßbare, d.h.
also auf den sichtbaren Körper. Auch das Bestreben, das zu
repräsentieren, was man zu besitzen meint, das „Paradieren”
und Glänzen vor anderen, von dem oben die Rede war, bedient das,
was vor Augen ist. Naturgemäß gehört das
Herausstellen von Visionen, von Gesehenem also, dazu. Darin
erzeigt sich ein Betonen von Sichtbarkeit und von Dingen, die in
diese Sichtbarkeit führen. Das Begehren der Augen –
dessen also, was man sieht – ist jedoch nicht von Gott, sondern
von der Welt (1Jo 2. 16). Die Sichtbarkeit dieser Welt, nicht
aber der unsichtbare, aber dennoch gegenwärtige Herr Jesus,
unser Haupt, und dessen inwendig anwesendes, unsichtbares
Reich, das auf äußerliche Gebärden verzichtet, wird
hier in den Mittelpunkt gerückt. Bereits der Herr wies darauf
hin, und warnte vor denen, die jenes „Siehe hier, siehe
dort” so sehr betonten, und wies die Jünger an, weder
hinzugehen noch ihnen zu folgen (Lk 17. 20 - 23). Spätestens
hier wird deutlich, daß solche sich nicht an das Haupt
halten (Kol 2. 19). Ihre vermeintliche Vermittlung – die
Vision, die sie gesehen haben – wird nun, da der Friede
in den Herzen als Entscheidungsinstanz Gottes übergangen werden
soll, an die Stelle dieses Friedens gesetzt. So wird der innewohnende
Geist aus der Mitte gedrängt; der Mensch macht sich selbst zum
Leiter. Der Bote, dessen Weisungen unbedingt einzuhalten sind,
wird so zum Maß aller Dinge gemacht; er gilt als unantastbar,
hat er der Gemeinde doch seine Vision zu unterbreiten.
So
geben wir, wenn wir diesen Boten folgen, unseren freien Zugang zu
Gott auf, der unsere Herzen durch den in ihnen wohnenden
Schiedsrichter, Seinen Frieden, regieren will. Wer sich entschließt,
diesen Weg zu gehen, der verliert diesen Frieden alsbald, und begibt
sich auf die Straße des Gehetztseins, des inneren
Ausgebranntwerdens und der Ruhelosigkeit. Der Herr lud uns ein, zu
Ihm zu kommen: „Ich werde euch Ruhe geben”, so
versprach Er. Statt das schwere Joch unserer und der Lasten anderer
bat Er uns, Sein Joch zu tragen; Sein Joch ist sanft, und
Seine Last ist leicht, so sagte Er, „so werdet ihr Ruhe
finden für eure Seelen” (Mt 11. 29). Wie viele
Beladene, wie viele Mühselige gibt es heute in Körperschaften,
die es wagen, sich als „Gemeinde” zu bezeichnen? Findest
auch Du nicht zur Ruhe, hast auch Du den Frieden verloren? Dann folge
doch Seinem Ruf! Unser Herz findet nur Ruhe, wenn es Ruhe
findet, Gott, in Dir, sagte schon Augustinus.
Pädagogen
der Unmündigkeit
An
die Stelle des Friedens – Seines Friedens – sind
nun jedoch, da man Menschen folgt, Mittler (Boten), Vormünder
in den Weg getreten, an denen und deren Regeln vorbei es keine
Möglichkeit mehr gibt, selbst von Gott zu hören und
Ihm zu dienen. Dieser Weg wird von Paulus als ein Weg in
Unmündigkeit beschrieben – es ist der Weg unter
dem Gesetz (Ga 4. 1 - 4). Das Gesetz wird als der Geleiter zu
Christus hin bezeichnet (Ga 3. 23 - 24). Das Wort Geleiter
lautet im Griechischen paidagogos. Der uns allen wohlbekannte
Pädagoge, der Erzieher, leitet sich von dort ab. Das Wort
ist eigentlich ein Kompositum aus den beiden Wörtern paidion,
Knabe, und ago, führen oder bringen, und ist daher
wörtlich mit Knabenführer zu übersetzen. Denn
der Knabe ist noch unmündig und braucht daher Führung und
Erziehung, um durch diese für das noch vor ihm liegende Leben
vorbereitet zu werden. Der Knabenführer, der paidagogos,
war der strenge Geleiter des Altertums, der die Knaben vermögender
Eltern zur Schule brachte und strikt darauf zu achten hatte, daß
der Knabe unterwegs nicht vom Wege abkam. War die Schule erreicht,
war seine Pflicht getan. Gleichnishaft ist das Gesetz der Geleiter,
der Erzieher auf Christus hin, das dem im Bilde gleichermaßen
noch unmündigen Israel – gewissermaßen in seinem
„Knabenalter” – mit auf den Weg gegeben worden war,
und zwar bis zu der vom Vater festgelegten Zeit, als Christus kam
(Ga 3. 19, 4. 2), der Zeit der Reife also.
Und
so war dieses Gesetz als Geleiter aufgrund der Sünde
hinzugefügt worden – es enthält ja eine bewahrende
Kraft und läßt uns unsere Sünde erkennen – und
sollte so auf Sein Kommen vorbereiten. Jetzt ist Er
gekommen – die Schule ist erreicht, der paidagogos hat
seine Schuldigkeit getan, da der Sohn sich nun unter der Obhut seines
Lehrers befindet: Jesus heißt nun der Rabbi, der es
lehrt, vertreten durch den Heiligen Geist (Mt 23. 8 - 10, Jo 15. 26
und 16. 12 - 15; Ga 4. 4 - 7). Hier regiert nun nicht mehr der alte
Geleiter, treten die Vormünder zurück. Der Weg des
Geleitetwerdens durch das äußerliche Gesetz aber,
das bekanntlich durch Boten übermittelt worden ist (Ga 3.
19) – hier haben wir die Vormünder wieder –
hatte solange Gültigkeit, bis der kam, der das Gesetz als den
Geleiter ablösen sollte. Der Weg vom Alten in den Neuen Bund
kennzeichnet also im Wesentlichen einen Weg, der von der
Mittelbarkeit der Boten zurück in die unvermittelte
Gemeinschaft mit dem gegenwärtigen Gott führen sollte. In
diese Unmittelbarkeit möchte Paulus die Galater führen,
denen er jedoch vorzuwerfen hat, daß sie, nachdem sie
anfänglich so gern und willig in der Freiheit dieser Gegenwart
liefen, sich nun – durch die Annahme gesetzlicher Lehren –
wiederum jenen zu unterstellen suchten, von denen Christus sie doch
befreit hatte. So begaben sie sich erneut in die Unmündigkeit,
aus der sie doch gerade erst herausgekommen waren.
Wer
unmündig ist, zeigt damit an, daß er unter die
Grundregeln dieser Welt versklavt ist. Er ist nicht mehr frei,
und sein Versklavtsein ist ein solches unter weltliche Strukturen. So
hat der Unmündige wohl alle Rechte eines Sohnes; doch vermag er
sie nicht wahrzunehmen, weil er Vormündern und Verwaltern
unterstellt ist. Der Vormund ist – so der Sinn des
griechischen Wortes epitropos - ein „Gestattender”.
Die wörtliche Übersetzung lautet Aufdreher. Ein
epitropos ist also einer, der etwas „aufdreht”,
der uns etwas zu „eröffnen” hat, was seinen Anspruch
bekräftigt, derjenige zu sein, der Vollmacht hat, uns etwas zu
erschließen. Damit tritt er als Mittler göttlicher
Zuteilungen in den Vordergrund. Ohne ihn, so wird unterstellt,
hat der unmündig Gemachte keinen Zugang zu seinen Rechten; er
braucht seinen Vormund, der diese Rechte zu verwalten und ihm
zuzuteilen vorgibt. Somit heißt es nun nicht mehr, daß
der Friede Gottes uns regieren soll, durch den der Sohn sich sowohl
bewahrt als auch geführt wissen darf. Jetzt gilt das Regelwerk
der Vormundschaft: „Rühre das nicht an! Koste das
nicht! Taste das nicht an!” (Kol 2. 21, 22). Ausdrücklich
aber sind deren Lehren als nicht von Gott kommend gekennzeichnet;
definitiv und mit Bestimmtheit kennzeichnet Paulus die Lehren dieser
Vormünder, dieser Boten als menschliche (Verse 22 und 23)
– wird doch der Zugang zu Gott nicht eröffnet, sondern
verbaut: Denn „es ist ein Gott und ein Mittler
zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus” (1Ti
2. 5). Nur ein Mittler führt zu Gott, hier aber
wollen es deren viele sein. Doch bleibt er bei dieser Beurteilung
nicht stehen und wird seinen Lesern auch die in dieser Problematik
durchaus enthaltene okkulte Komponente als die eigentlich
dahinterstehende Wirklichkeit offenbaren.
Anmerkungen
und Erklärungen zum Kapitel
1
so in Eph 4. 14. Hier steht im Griechischen für Wind
allerdings der Begriff anemos; vgl. dazu das lat. Wort anima
(lebendes Wesen), das daraus entstandene englische Wort animal
(Tier) oder auch unsere aus diesem Sprachzusammenhang entlehnten
Wörter Animation, Animateur oder animieren. Im
Zusammenhang unserer Stelle aus dem Epheserbrief bedeutet anemos
so viel wie durch Belehren animieren, Lebensäußerungen
hervorrufen, die Zuhörerschaft in bestimmte Richtungen bewegen
(„wehen”, „Wind”) durch verschiedenartige
Belehrung (didaskalía).
2
Die Beschäftigung mit solchen Dingen weist wieder auf das
Mondhafte hin; die verschiedenen Sabbatzeiten und Festzyklen etwa
werden durch Mondbeobachtung (Mondphasen) ermittelt. Die Lichter des
Himmels, Sonne, Mond und Sterne, wurden zur Zeitunterscheidung
und zur Orientierung gesetzt. „Dann sagte Elohim: Es werden
Leuchten in der Atmosphäre der Himmel, um den Tag von der Nacht
zu scheiden, damit sie Zeichen für bestimmte Zeiten, Tage und
Jahre seien” (1Mo 1. 14). Es handelt sich damit
zunächst um eine gute Ordnung Gottes, die aber dann verkehrt
wird, wenn wir sie außerhalb des ihr gesetzten Rahmens,
Lichter der Nacht zu sein, gebrauchen. So war auch die Geburt
des Herrn durch die Erscheinung eines Sterns angezeigt worden. Auch
ein Stern gehört zu den oben beschriebenen Leuchten bzw. Zeichen
der Nacht. Dieses Zeichen galt jedoch Magiern (mágoi),
das waren Sterndeuter, Astrologen; also Menschen, die sich in
Finsternis befanden, da sie Ihn auf andere Weise nicht hätten
finden können (Mt 2. 1 - 12). Sie sind es dann auch, die
über ein Traumgesicht Weisung erhalten, nicht zu Herodes
zurückzukehren (Vers 12). Auch Träume sind Dinge, die in
die Nacht gehören und damit denen gesetzt sind, die sich
zumindest erkenntnismäßig in Bereichen der Nacht
befinden. – Herodes nutzte dann gerade solche
Erkenntnisse, die er dazu noch mit den Auskünften der damaligen
Vertreter des Gesetzes ergänzte, um den Ort Seiner Geburt
auszuforschen und Ihn umzubringen, was zum grausamen Kindermord im
Gebiet um Bethlehem führte. – Überhaupt ist das ganze
Geschehen der Geburt unseres Herrn eines in der Nacht, die nun –
prophetisch – durch den Stern erhellt wird. Er jedoch
kam als das Licht selbst in diese, in unsere Finsternis, was
durch den Stern nur angezeigt wird; „das Volk, das in
der Finsternis wandelt, sieht ein großes Licht, über
den Bewohnern des Landes der Todesschatten geht eine Leuchte
auf” (Jes 9. 1, Schlachter). Wir aber als die, die
erleuchtet wurden und damit in den Tag gesetzt sind,
sollten uns nun an Ihn Selbst halten und nicht bei den
Lichtern der Nacht Anlehnung suchen.
* * *