Von
Angesicht zu Angesicht - Kapitel 2
VON
ANGESICHT
ZU
ANGESICHT
Verlust
und Wiederherstellung
der
Unmittelbarkeit
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Eine
Abhandlung
über
heutige Gemeindestrukturen
und
ihre Beurteilung aus
biblischer
Sicht.
Verschiedene
Studien.
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2.
Berufung Gottes oder Königsrecht?
Die
trennende Wand
Auszug
aus: Die Zehntenlüge, Kapitel 4 (Anhang)
Eine
geradezu plastische Anschauung über die Anfänge, die
Wurzeln der verhängnisvollen Entwicklung, die es in dieser
unserer Schrift zu beprechen gilt, finden wir in der Bauweise
mittelalterlicher Klosterkirchen vor, in denen ein so genannter
Lettner das Kirchenschiff quer durchteilte: eine trennende Wand,
zumeist in Verbindung mit einem gesonderten Altar, der die „drinnen”,
im Chorraum Betenden, von dem „draußen”
versammelten „gemeinen Volk” absonderte und dieses „Volk”
vom inneren Chor gleichermaßen fernhielt. Durch den Lettner
führte in der Regel eine kleine Pforte; durch sie hindurchgehen
konnte nur der Priester zum Zwecke der Vermittlung „von drinnen
nach draußen”, wie der Abhaltung von Messen u. a.; das
„Volk” aber blieb „außen vor”. Zwar
kann man in dem Bau dieser Kirchen durchaus das Grundmuster der
Stiftshütte wiederfinden; ihre Dreiteilung in Vorhof, Heiligtum
und Allerheiligstes (das „Heilige der Heiligen”)
erscheint hier wieder. Wir haben dieses Thema im zweiten Kapitel
unserer Schrift, anhand des Hebräerbriefes, ja schon ein wenig
besprochen. Richtig angewendet, kann sich diese Dreiteilung, da sie
von Gott kommt und Seine Bauordnung des himmlischen Tempels
repräsentiert, als äußerst segensreich auswirken;
dies setzt allerdings voraus, daß der „von außen”
Herzutretende, durch jene „enge Pforte” hindurch auch bis
in das Heiligtum, ja bis in Gottes Allerheiligstes selbst geführt
werden kann (vgl. Mt 7. 13 – 14). Hier aber hat man „das
Volk” gelassen, wo und wie es war; man band es nicht an den
Herrn, sondern an die Kirche; und so ist es, da man ihm den Zugang
verweigerte, unmündig geblieben bis auf den heutigen Tag. So
wurde das erneut zur Wirklichkeit, was unser Herr den Frömmsten
Seiner Zeit vorzuwerfen hatte: Waren sie es doch, die das Reich
Gottes zuschlossen vor den Menschen; „wehe euch”, sagte
Er; „denn ihr geht nicht hinein, noch laßt ihr die
hineingehen, die hineingehen wollen” (Mt 23. 13). Und so
sind jene Bauten, die sich auch in ihrem Äußeren durchaus
als segensreich hätten erweisen können, all ihrer Pracht
zum Trotz, zuletzt doch zu Stein gewordenen Dokumenten religiös
verbrämter, menschlicher Überhebung geworden; einer
Haltung, die sich von Anfang an, bis heute, unter der Christenheit
erhalten hat, sie durch die Jahrhunderte hindurch so überaus
lähmt, in Menschenfurcht gefangenhält und, was darüber
hinaus noch viel bedeutsamer ist, der unmittelbaren Gegenwart und
der mit dieser Unmittelbarkeit verbundenen Vollmacht unseres Herrn
beraubt hat.
Es
gibt nur einen Mittler zu Gott, den Menschen Christus Jesus (1Tim 2.
5);doch hier wollen es viele sein. Da haben die, die einst
so verächtlich auf die Katholische Kirche herabsahen, selbst
diese noch übertroffen; hat sie nur den einen Papst, so gibt es
hier die Vielen, die sich anmaßen, als „Stellvertreter
Gottes auf Erden” zu handeln, „im Namen des Herrn”
zu schalten und zu walten und den Leib des Herrn zu dirigieren, ganz
wie es ihnen beliebt und die anscheinende Notwendigkeit es ihnen
diktiert. Ja freilich, das haben sie von Gott empfangen, sagen
sie, führen diverse, zumeist aus dem Zusammenhang
herausgerissene Schriftstellen an, so daß der, der ein solches
Gebaren auch immer in Frage zu stellen wagt, vor der Menge als Rebell
gegen Gott dargestellt und so aus der Gemeinschaft ungestraft
ausgegrenzt werden darf (vgl. 3Jo 9 – 10). Und so gibt es
statt des einen Hauptes, das doch alle gemeinsam wie
gleichermaßen führen will, heute deren viele; an der
Stelle des einen Leibes, dessen Glieder alle gleichermaßen
unter diesem einen Haupt stehen und erst durch diese unmittelbare
Verbindung zu dem göttlichen Haupt auch untereinander verbunden
sind, gibt es nun die vielen, wiederum aus der Allgemeinheit
herausgehobenen und abgesonderten „Geistlichen”, die sich
als vorgesetzte „Priester- oder Leiterschaft” dazu
gesetzt wähnen, diese Allgemeinheit, als ein Volk von „Laien”
und „Nichtwissenden”, regieren und bevormunden zu dürfen.
Sind
sie es denn etwa nicht, die als besonders „Eingeweihte”
den Weg Gottes kennen und diesen nun dem „gemeinen Volk”,
dem „gewöhnlichen Gläubigen” erst zu vermitteln
haben, als denen, die diesen Weg vorgeblich nicht kennen? Sind sie,
die sie „dem Volk” gegenüberstehen, denn etwa nicht
die „Professionellen”, die „Wissenden”? Haben
sie dazu denn nicht studiert, Bibelschulen besucht, einen besonderen
Beruf ergriffen und Seminare abgehalten? Weist sie denn nicht ihr
Titel (ihre herausgehobene „Dienstgabe”) als etwas
Besonderes aus gegenüber denen, die diese Bezeichnung nicht
führen? Und so wird der Weg alttestamentlich anmutender
Führerschaft bis heute immer wieder eingeschlagen, durch alle
Zeiten, Denominationen, Kirchen, Freikirchen und vorgeblich „freien”
Gemeinden hindurch. Hier wird in der Tat getrennt, was in Christus
geeint sein wollte. „Ich bin des Kephas, ich des Paulus, ich
des Apollos”, hören wir da wieder sagen; „ich folge
dieser und du jener Leiterschaft”. Menschliche Leiterschaft
aber trennt Brüder voneinander. Denn dort, wo einst der freie
Zugang, nicht nur der von dem Bruder zu seinem Haupt, sondern auch
der Brüder untereinander stand, dort steht nun der, der
eigentlich nichts als Bruder, als Gleicher unter Gleichen sein
sollte, als Leiter, zu dem man aufschauen und von dem man Weisungen
empfangen soll. Und so wird Paulus dies dann auch als Sektenbildung,
wörtlich: hairesis, Seiten-Setzung brandmarken, als Ausdruck von
Unmündigkeit, dann als Eifersucht und Hader, als fleischliches
Werk also (vgl. 1Kor 3. 1 – 17). Über jene aber, die diese
vermeintliche „Ordnung” aufzurichten suchen, ruft er aus:
„Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid, und
der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes
verderbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig,
und der seid ihr” (Verse 16 – 17). Und so werden die,
die solches verüben, keinen Anteil am Königreich Gottes
haben bzw. diesen ihren Anteil ganz unweigerlich wieder verlieren (Ga
5. 19 – 21). Wann wird diese „trennende Wand”
zwischen Brüdern, die menschlich angemaßte „Leiterschaft”
aufgerichtet hat, endlich einmal fallen, wann das Menschenwerk
aufhören, wann die Menschenherrschaft ihr Ende finden? Wann wird
man damit aufhören, das göttliche Haupt beiseite und Seinen
Leib zugunsten menschlicher Hierarchie außer Kraft zu setzen?
Gibt es überhaupt einen Schmerz, der noch größer sein
könnte?
Israel
begehrt einen König: Abfall vom lebendigen Gott und Königsrecht
Auszug
aus: Die Zehntenlüge, Kapitel 4 (Anhang)
Nach
unseren Betrachtungen über die Kirchengeschichte wenden wir uns
wieder den biblischen Hintergründen dieser Entwicklung zu. Auch
hier werden wir alsbald erkennen, daß dieser Weg immer und
ausnahmslos erst in den geistlichen und dann, in letzter Konsequenz,
immer auch in den physischen Tod geführt hat. Denn immer schon
hat es den Drang gegeben, Menschen als Leiter zu suchen und
ihnen dann zu folgen. Es ist jedoch ein Weg, der von Anfang an
bestand: immer suchte man sich die vermeintliche Sicherheit
menschlicher Führung als einer sichtbaren, scheinbar
verläßlichen Größe im Gegensatz zu dem
unsichtbaren Gott. Als besonders einprägsames Beispiel für
diesen verhängnisvollen Weg mag uns das Erleben des alten Samuel
dienen, den die Ältesten Israels bedrängten, ihnen einen
König einzusetzen, – in erklärtem
Widerspruch zum geoffenbarten Willen Gottes – , weil sie
dies bei ihren heidnischen Nachbarvölkern so gesehen
hatten und auch so sein wollten wie sie (2Sam 8. 1 – 8).
Damit werden wir zugleich darüber unterrichtet, woher diese
Ordnung kommt: sie stammt aus dem Heidentum der Nationen, derer also,
die unseren Gott nicht kennen bzw. Ihn ganz ablehnen. Die hier
vorhandene Neigung, sich immer wieder Könige zu suchen und sich
eher unter menschlich-hierarchische Herrschaftsstrukturen zu begeben,
als auf die Stimme Gottes zu hören, durchzieht die ganze
Geschichte Israels von den Anfängen bis auf den heutigen Tag.
Schon Mose hatte sich, wie wir sahen, durch seinen heidnischen
Schwiegervater Jethro, dem Priester Midians, dazu überreden
lassen, eine solche Ordnung von Oberen „über Tausend,
über hundert, über fünfzig und über zehn”
einzuführen, obwohl Gott zu ihm nicht darüber gesprochen
hatte – und das sehr früh schon; denn Israel war gerade
erst dem Sklavendienst Ägyptens entronnen (vgl. 2Mo 18. 1, 13 -
23).
Daß
diese Ordnung keineswegs fruchtete, erkennen wir allein daran, daß
die Zusage Jethros nicht eintraf, das Volk werde, wenn Mose nur nach
dieser Regel täte, „in Frieden an seinen Ort kommen”;
das Ziel des von Gott verheißenen Landes wurde auf diesem Wege
gerade nicht erreicht, und Mose selbst starb noch vor den
Toren desselben Landes, in das er mit dem Volk doch hatte hineingehen
sollen (4Mo 20. 2 – 13, 5Mo 34. 1 – 6). Auch war Moses
Belastung im Vollzug dieser Ratschläge, wie versprochen,
keineswegs geringer geworden – im Gegenteil (4Mo 11. 10 - 15).
So waren immer wieder Problemlösungen ersonnen worden, statt auf
Gott zu hören; nur allzu oft rückte das „funktionierende
Prinzip” an die Stelle des unvermittelten Hörens auf die
Stimme Gottes, ohne freilich dabei eine wirkliche Lösung zu
bekommen, die auch auf Dauer hielte. Immer wieder sollte der Mensch
das vollbringen, was doch nur Gott Selbst möglich war und darum
auch Ihm allein vorbehalten bleiben sollte. Das, was weder Israel
noch die Gemeinde bis heute wirklich akzeptiert haben, ist vor allem
die Tatsache, daß Gott Sein Volk anders führt,
grundverschieden von den Völkern ringsumher. Wenn sie nur
Seine Stimme hören und ihr gehorchen würden, so sagte
Er, „sollt ihr vor allen Völkern Mein besonderes
Eigentum sein; denn die ganze Erde ist Mein; ihr aber sollt Mir ein
Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein”
(2Mo 19. 5 – 6). Gott wollte, daß jeder in dem
Volk Seine Stimme unvermittelt höre (Vers 9) und ihr gerne, aus
freiem Herzen gehorche; Er wollte nie die Vermittlung, sondern immer
die unvermittelte Beziehung durch Liebe.
Woher
kam dann die Herrschaft des Menschen über den Menschen, woher
der Vermittlungsanspruch, wenn Gott diesen doch nicht wollte? Nun, es
bedarf eines nicht allzu ausführlichen Bibelstudiums, um dies
herauszufinden. Zunächst müssen wir bemerken, daß
Vermittlung immer mit Sünde, mit der Trennung von Gott zu tun
hat; wegen der Sünde sandte Gott Seinen Sohn, den Menschen
Christus Jesus, uns zum einzigen Mittler, damit er uns mit
Seinem Blut aus der Macht der Sünde loskaufe und uns dem Vater
wieder zuführe (1Tim 2. 5). Wenn Christus aber der einzige
Mittler ist, der zu Gott führt, dann haben wir zu lernen, daß
jeder andere, der diesen selben Anspruch erhebt, uns nicht zu Gott
führt, sondern uns in der Finsternis beläßt oder
wieder in sie hineinführt. Wir müssen also den Ursprung
der Sünde suchen und werden darin auch die Quelle des immer
wieder vorgetragenen Leitungs- und Vermittlungsanspruches, soweit er
den des Sohnes Gottes nicht betrifft, vorfinden. Auch gilt es zu
bedenken, daß ein und dieselbe Quelle nicht Süßes
und Bitteres zugleich hervorbringen kann (Ja 3. 11 – 12). Die
Quelle, um die es hier geht, ist der Teufel. Satan, vormals
Luzifer, war einst ein von Gott geschaffener Cherub, dem besonders
die Anbetung und Lobpreisung Gottes oblag; die Engelwelt war sein
Zuhause, und stets hatte er auch Zugang zum Thron Gottes gehabt (vgl.
Hi 1. 6 - 7). Die Welt der Engel, der Boten Gottes (hbr. ma´lak
JHWH, grie. angelos theou) also, wird auch mit den Lichtern des
Firmaments bzw. den Sternen beschrieben, die zu Lichtern und zu
Zeichen gesetzt sind (1Mo 1. 14). Es geht der Engelwelt demnach immer
auch darum, ein gewisses Licht zu geben, Wege anzuzeigen. Wenn wir
also über diese Welt reden, dann reden wir daher auch vom
Botendienst als einem Dienst der Vermittlung (vgl. Hi 33. 23). Satan
nun, den die Bibel als den „schönen Morgenstern”
beschreibt, hatte sich vorzeiten allerdings überhoben wegen
seiner Schönheit und Klugheit; und so beschloß er, der
doch selbst nur ein geschaffenes Wesen war, sich über alle
anderen Sterne zu setzen – als ein Gott, der einen Thron
aufschlug, der dem des Gottes Jahwe ebenbürtig sei. Die
Engelwelt sollte sich zuerst ihm unterordnen; dazu der Thron, der ihn
weit über diese anderen Engelwesen erheben würde. „Willst
du zu Gott? Dann kommst du nicht an mir vorbei.” Alle, die Gott
dienen wollten, sollten ihm nun nachfolgen, ihm huldigen, ihn
aufsuchen und sich vor ihm verneigen. Suchte jemand Leitung? Suchte
jemand gar einen Gott? Dann sollte dort vermittelt werden, sollte
dort der Thron sein...
Und
doch war dieser falsche Gott, den die Bibel auch den Gott dieses Äons
nennt, so grundverschieden von Jahwe, dem Gott der Bibel, den wir in
Christus auch unseren Vater nennen dürfen. Ja, Vater ist das
rechte Wort für diesen Gott, denn als ein Vater hat Er Sich uns
geoffenbart – fürwahr ein Gott der Liebe. Er, der immer
dienen wollte, war immer der Gebende, was schließlich seinen
Gipfelpunkt darin fand, daß Er sogar Seinen eigenen Sohn
sandte; in Ihm erschien Gott in Menschengestalt; so hatte Er Seine
eigene Herrlichkeit abgelegt, Sich Selbst völlig entäußert
und für die Vielen, die im Dunkel der Sünde wohnen, Sein
eigenes Leben gegeben. „Also hat Gott die Welt geliebt, daß
Er... gab” (Jo 3. 16). Wie anders sieht da die Herrschaft
Satans aus! Während Gott Sich zu allen in Liebe herabneigte,
erhob sich der Teufel über alle, unterjochte sich dann
die Völker, plünderte und zerstörte dabei die ganze
bewohnte Erde. Lüge, Raub, Gewalttat und schließlich der
Tod bilden die Spur, die er hinterließ. Er wollte nicht die
Menschen durch Liebe gewinnen, indem er gab, wie es der Vater tat; im
Gegenteil – er war es, der immer haben wollte; Handel
und Gewerbe, das Erzielen von Reichtum und Gewinn also, waren ja sein
Metier! Geben ist immer der Ausfluß der Liebe, Begehren aber
der Ausfluß des Herrschens, und damit das Gegenteil der Liebe –
denn die Liebe sucht ja nicht das Ihre (1Kor 13. 5). Wir wollen uns
diesen zeitlos gültigen Satz ruhig immer wieder ins Gedächtnis
rufen lassen. Und um seine Begierde zu stillen, mußte auch
Satan stets herrschen – „von oben herab”,herab
„nach unten”, auf dem Wege der von ihm
angezettelten Hierarchie, der in diesem Weg liegenden Vermittlung und
dann auch Durchsetzung des, gewissermaßen, „höheren
Willens” (vgl. Jes 14. 12 – 14, Hes 28. 1 – 7, 11 –
19; siehe auch Lk 10. 18). Dies alles hatte damit begonnen, daß
jener „schimmernde Cherub”, den wir hier beschreiben
wollen, nicht auf die Schönheit Gottes, sondern auf die eigene
sah; er begehrte in einem Umfeld, in dem doch das Dienen im
Mittelpunkt stehen sollte; so erhob er sich schließlich über
alle anderen Himmelsgeschöpfe, die er damit weniger wert achtete
als sich selbst, und setzte sich endlich über sie. „Ihr
habt euch mir, dem Leiter, unterzuordnen” – in diesem
Satz ist schon die ganze Überhebung Satans über die
Ordnungen Gottes enthalten. Wie sagte doch Gottes Wort? Sollten wir
den Anderen, den Bruder und die Schwester nicht in jedem Fall höher
achten als uns selbst? Hier aber liegt das Gegenteil dessen vor, was
uns als Weg der Liebe mitgegeben wird. So gilt nun bei solchem
Handeln nicht mehr der Maßstab Gottes; sondern ich selbst mache
mich zum Maßstab. Das Schauen auf die eigene Person ist immer
schon ein Fallstrick gewesen; das Betrachten meiner Gabe, das
Anschauen meiner Erkenntnis, das Herausstellen meiner
Klugheit und so fort. Satan kam auf diesem Wege zu Fall; er wurde aus
dem Himmel Gottes verbannt und auf die Erde geworfen, wo er sein
schändliches Werk fortsetzte – diesmal mit dem Menschen,
der einst über die Erde, das Werk der Finger Gottes, gesetzt
worden war (Ps 8. 4 - 10).
Der
Weg, sich erst einen „Leiter” zu suchen, um dann, durch
das Wirken dieses Leiters, vermeintlich zu Gott zu gelangen und erst
durch eine solche Vermittlung dann auch von Gott zu hören, nimmt
also genau hier seinen verhängnisvollen Anfang –
repräsentiert durch die alte Schlange, die, erst listiger als
alle anderen Tiere, dann auch dem Menschen anbietet, ihn zu dem hin
zu leiten und das zu interpretieren, was Gott gesagt haben soll (1Mo
3. 1 - 6).Das erste Beispiel so genannter „Leiterschaft”
finden wir also bereits auf den ersten Seiten der Bibel! Und auch
hier kennen wir den Ausgang: Der Mensch ließ sich von dem
Angebot der Schlange betören und fiel, da nun von dem Leben
Gottes geschieden, fern von dem Baum des Lebens, dem Tode anheim
(1Mo 2. 16 – 17, 3. 19 – 24). Durch Vermittlung werden zu
können wie Gott, sich gewissermaßen die hingehaltene
„Stufenleiter” zu göttlichem Wesen emporarbeiten zu
können, indem man die auf diesem Wege dargebotene Frucht der
Erkenntnis nähme und sich einverleibe – das war
nur allzu verlockend; wer konnte da widerstehen? Und doch war das
Ende der Vermittlung der Tod; da eine Person es wagte, sich
zwischen Gott und den Menschen zu stellen, schied er ihn von Gott,
der Quelle des Lebens, und das immerfort verbunden mit dem
Anspruch, zu göttlichem Wesen hin überhaupt erst vermitteln
zu wollen – fürwahr eine geradezu perfide ausgeklügelte
Taktik. Es erschien dem Menschen wohl auch zu leicht, ganz einfach
nur nah bei Gott zu bleiben und auf Ihn zu hören, und
dann aufgrund dieser Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott dann diese
später auch mit seinen Brüdern und Schwestern zu teilen,
die ebenso auf Gott hören würden wie er selbst – im
Wandel in der Liebe zu Gott und dem Nächsten.
Schon
jetzt erfahren wir von dem tiefen Bruch, der sich uns an dieser
Stelle auftut: geschah erst die Entzweiung mit dem lebendigen Gott,
so folgte bald danach auch die mit dem Bruder, den Gott dem Menschen
zur Seite gestellt hatte. Am Ende stehen schließlich die
Söhne Adams, von denen der eine den andern erschlägt, der
ungerechte Kain den gerechten Abel (1Mo 4. 1 – 8). Und so
führt Leiterschaft, da sie sich zwischen Gott und den
Menschen stellt, immer zur Trennung, und zwar zur Trennung sowohl
zwischen Gott und Mensch, als auch zur Trennung der Menschen
untereinander; die Trennung aber bringt unweigerlich den Tod –
zu allen Zeiten. Nicht umsonst warnte auch Paulus –
ausgerechnet im Hinblick auf die so genannten „überragenden
Apostel” – davor, daß es da jemanden gäbe,
der die Gemeinde von ihrem Haupt wegführen wolle, ganz
so, wie die Schlange vorzeiten Eva von ihrem Mann getrennt
hatte – „hinweg von der Herzenseinfalt und Lauterkeit,
die auf den Christus gerichtet ist” (2Kor 11. 3 - 6).
Christus aber, der Bräutigam, auf den die Gemeinde, die Braut,
allein sich ausrichten sollte, ist nicht umsonst der, den die
Schrift den Letzten oder den Zweiten Adam nennt (1Kor
15. 45, 47). Er aber, Paulus, wolle die Gemeinde dem Christus als
eine lautere Jungfrau anvertrauen (2Kor 11. 2). Ja, Paulus
wußte um die hier anstehenden Gefahren; er war sich nicht
unbewußt dessen, was Satan, die alte Schlange, zu allen Zeiten
im Schilde führte (2Kor 2. 10 - 11). Und auch hier, unter den
Gläubigen von Korinth, finden wir am Ende dieses Weges Zustände
von Zerstrittenheit, Trennung, Hader und Zwietracht vor –
hervorgerufen durch die vielen Namen, denen man doch folgen
wollte und die zu hofieren man begonnen hatte(vgl. 1Kor 3. 1 - 4).
Die Parallelen zur eingangs erwähnten Entwicklung im Garten Eden
sind also auch hier ganz offensichtlich. Dies alles sind allerdings
sehr tiefe, noch weiter führende Zusammenhänge, die an
dieser Stelle leider nur ein wenig angerissen werden können.
Und
so besteht dieser Weg auf der Erde von der Zeit an, in der Satan auf
sie gelangt war; immer und immer wieder wurde die Menschheit
verführt, diesen falschen Weg zu beschreiten, wurde die Lüge
verschleiert bis auf den heutigen Tag, starb die Liebe einen wohl
millionenfachen Tod – durch all die Jahrtausende der Geschichte
hindurch. Das, was Satan in der Himmelswelt angerichtet hatte, das
sollte nun auch die Erde erfüllen; nur sollte jetzt der
Mensch am Menschen das wiederholen, was Satan lange vor ihm an
einem Drittel der Himmelswesen tat (vgl. Off 12. 4). Der Ruf danach,
Häupter über sich einzusetzen, nur um nicht selbst
auf Gott hören zu müssen, war immer gegenwärtig. Das
Volk Gottes, von der Sünde und der daraus resultierenden Angst
vor dem Zorn gezeichnet, fiel früh schon auf diese Strategien
herein; stets erwählte es sich selbst einen anderen Weg als den,
zu dem Gott es berufen hatte; so bestimmte es Mose zu seinem
beständigen Mittler, statt sich von ihm in die Gegenwart
Gottes, in das Hören Seiner Stimme führen zu lassen; „Rede
du mit uns”, sagten sie, „wir wollen zuhören;
aber Gott soll nicht mit uns reden, wir müssen sonst sterben!”
(2Mo 20. 19, Schlachter). Schon hier wird uns ein plastischer
Anschauungsunterricht erteilt darüber, daß Furcht nicht in
der Liebe ist, da sie vor der Strafe zittert (1Jo 4. 18); wo Furcht
ist, kann Liebe nicht sein; die Liebe aber lebt von der
ungebrochenen, unvermittelten Beziehung; sie will immer unmittelbar
sein, sich unvermittelt ausdrücken, immer ganz nah bei dem sein,
den sie liebt, sonst ist es keine wirkliche Liebe. Und genau diese
Liebe ist es, an der es dem Volk Gottes zu allen Zeiten immer wieder
gebrach. Wir haben im Eingang den alternden Propheten Samuel
erwähnt. So wollen wir im folgenden einen Rückblick dorthin
wagen und uns anschauen, wozu der hier beschriebene Weg schließlich
führte.
„Als
aber Samuel alt war, setzte er seine Söhne zu Richtern über
Israel... Aber seine Söhne wandelten nicht in seinem Wege,
sondern neigten zum Gewinn und nahmen Geschenke und beugten das
Recht. Da versammelten sich alle Ältesten Israels... und
sprachen zu ihm: Siehe, du bist alt geworden, und deine Söhne
wandeln nicht in deinen Wegen; so setze nun einen König über
uns, der uns richte, nach der Weise aller andern Völker!
Dieses Wort aber mißfiel Samuel... Und Samuel betete
darüber zu dem Herrn. Da sprach der Herr zu Samuel: Gehorche der
Stimme des Volkes in allem, was sie dir gesagt haben; denn sie
haben nicht dich, sondern mich verworfen, daß ich nicht König
über sie sein soll. Sie tun auch mit dir, wie sie es
immer getan haben, von dem Tage an, als ich sie aus Ägypten
führte, bis a u f d i e s e n T a g , indem sie mich
verlassen und a n d e r n G ö t t e r n gedient haben.”
1Sam
8. 1 - 8, Schlachter
Anhand
dieses Wortes erkennen wir deutlich, daß die Art und Weise,
Könige über Gottes Volk einzusetzen, aus den Israel
umgebenden Völkern entlehnt worden ist (Vers 5). Gottes
ursprüngliche Absicht war dies nie; obgleich Er
für eine solche mögliche Entwicklung im Gesetz
vorausschauend Vorkehrungen getroffen hatte (vgl. das Königsgesetz
in 5Mo 17. 14 - 20), und es demzufolge später von Gott gesalbte
und eingesetzte, ja mächtige Könige in Israel gab, die
durchaus nach Seinem Willen fragten. Wer denkt da nicht an Könige
wie David, einem Vorläufer unseres Herrn, der seiner Zeit weit
voraus war, oder an den weisen Salomo, seinen Sohn! Allerdings muß
dazu auch gesagt werden, daß die meisten dieser Könige
„taten, was dem Herrn mißfiel”. Diese Linie
zieht sich durch die ganze biblische und nachbiblische Geschichte
hindurch. Auch wenn der Herr also auf eine solche Vorstellung
eingegangen und dann auch dabei geblieben ist, bleibt es in seinem
Ursprung dennoch ein selbsterwählter Weg, der immer
wieder in die Gottlosigkeit führte und führt. Ein
solches Begehren ist gleichbedeutend mit der Ablehnung Gottes und
Seiner Führung; Gott sagt hier ganz klar und eindeutig, daß
es keinerlei Alternative gibt zwischen menschlich gesetzten
Häuptern und Ihm – entweder Er Selbst, oder aber Jene
– dann jedoch ohne Ihn. Wer daher einen menschlichen
Leiter bestimmt, der bestimmt zugleich, daß Gott nicht mehr
König sein, Selbst also nicht mehr leiten soll. Und so sagt Gott
dann auch ganz klar, daß sie Ihn mit diesem Begehren verlassen
haben; es ist gleichbedeutend mit Götzendienst (Vers 8).
Welches aber sind die anderen Götter, die hier erwähnt
werden? Es sind all die, die neben Gott auch noch Gehorsam
einfordern und somit die Stelle eines Gottes einzunehmen
suchen, die also für sich genau das wiederholen, was wir weiter
oben in dem Gebaren Satans bereits gesehen haben. Ein Gott –
der Sinn des hebräischen elohim und des griechischen
theós gleichen sich hier – ist ein Platzanweiser,
Schiedsrichter und Unterordner. Der Weg also, nach menschlicher
Leiterschaft zu suchen, die von ihr zugewiesenen Plätze
einzunehmen, sich ihrem Urteil zu beugen und ihr sich schließlich
unterzuordnen, ist der Weg des Abfalls vom lebendigen Gott und der
Nachfolge anderer, die sich nun zu Göttern erhoben haben.
Klarer kann es nicht, weniger klar sollte es nicht gesagt werden!
Und
so ging Gott auf ihr Ansinnen – schon auf dem Wege eines
Gerichtshandelns – ein; allerdings hätte der König
fortan auch ein Recht auf ihr Leben. Damit ist also klar ausgesagt,
daß der, der sich einen menschlichen Leiter erwählt und
sich diesem unterordnet, künftig gewisse und einschneidende
Rechte dieses Leiters über seinem Leben zu respektieren haben
wird. Diese Rechte werden ein wenig später in der Weise von Gott
bestätigt, daß Er dem Volk mitteilen läßt, daß
Er, Gott selbst es sei, der diesen König einsetze (1Sam
12. 13)! Und so ist dies nicht nur einfach eine Zulassung, sondern
es ist eine feststehende Ordnung von Gott her, so daß
Samuel sie schließlich verwarnen (Vers 9) und ihnen die
Rechte des von ihnen begehrten Königs, der sie nun
regieren würde, zu erklären hatte:
„Das
wird d a s R e c h t d e s K
ö n i g s sein, der über
euch herrschen wird: Eure Söhne wird er nehmen und sie
seinen Kriegswagen und seiner Reiterei zuteilen und daß
sie vor seinem Wagen herlaufen; und daß er sie mache zu
Obersten über Tausend und zu Obersten über Fünfzig und
daß sie seinen Acker pflügen und seine Ernte einbringen
(Frondienste) und daß sie ihm seineKriegswaffen
und sein Pferdegeschirr anfertigen. Eure Töchter aber wird er
nehmen und sie zu Salbenmischerinnen, Köchinnen und Bäckerinnen
machen. Auch eure besten Äcker, eure Weinberge und eure Ölbäume
wird er nehmen und seinen Knechten geben; dazu wird er den
Zehntenvon eurer Saat und von euren Weinbergen nehmen und ihn
seinen Kämmerern und Knechten geben. Und er wird eure Knechte
und Mägde und eure schönsten Jünglinge und eure Esel
nehmen und sein Geschäft damit ausrichten. Er wird den Zehnten
eurer Schafe nehmen, und ihr müsset seine Knechte sein. Wenn ihr
dann zu jener Zeit über euren König, den ihr euch erwählt
habt, schreien werdet, so wird euch der Herr alsdann nicht erhören.”
1Sam
8. 11 - 22; Schlachter
was
nichts anderes bedeutet, daß nicht mehr Gott, sondern ein König
sie leiten würde, und sie mit allem, was sie hatten, diesem
König in der beschriebenen Weise, in dessen Struktur und nach
dessen Vorstellungen würden dienen müssen. Und genau dazu
kam es dann auch; es entstand eine Struktur, die das Volk Gottes
nicht mehr losließ bis auf den heutigen Tag. Wir wollen unseren
Abschnitt nun ein wenig näher betrachten und vor allem
herausfinden, was dieser uns in der heutigen Situation zu
sagen hat. Insbesondere gilt es also, aus dem gesamtbiblischen
Kontext heraus den notwendigen Bezug auf die heutige, die
neutestamentliche bzw. die nachneutestamentliche Zeit herzustellen.
Das
erste Wort, um das es hier geht, ist das Wort Kriegswagen. Ihn
gilt es zu ziehen; sein Weg soll vorangetrieben werden. Die
Notwendigkeit, sowohl zum Kampf zu rufen, als auch ständigem
Kampf ausgesetzt zu sein, ist das erste Symptom des Abfalls von Gott,
den man soeben vollzogen hat. Der Weg, den es fortan also zu
beschreiten gilt, ist ein kriegerischer; denn den des Friedens,
dem also, in dem Gott Selbst König ist (Jes 52. 7), hat man
gerade verlassen. Der Passus des Eroberns – des sich selbst
Nehmens – ist hier zu einem ständigen Begleiter geworden.
Aber es gilt auch, das Eroberte immerfort zu erhalten und es
unentwegt gegen die „Feinde” zu verteidigen. Wer also
nicht in ständigem Kampf steht, der verliert das, was er sich
gerade erobert hat. Eine solche regelrechte Atmosphäre des
Krieges, die hier entsteht – niemand kommt zur Ruhe – ,
spricht auch von großen Bedrängnissen, in die hinein man
auf diesem Wege ganz unweigerlich gerät, und gegen die man sich
ständig zu erwehren haben wird. Krieg und kriegen hängen
nicht nur im Deutschen eng zusammen. Etwas zu erstreiten und dann
in seinem Besitz zu behalten (zu „kriegen”), weil man es
unbedingt haben will, und zwar im Hier und im Jetzt, wird
unter der Herrschaft des neuen Königs zum Maß aller Dinge
erklärt. Vergessen scheint die Weisung der Bibel, gerade nicht
zu begehren: „Laß dich nicht gelüsten!” (2Mo
20. 7 u. a.). Aufgegeben, ja in sein Gegenteil verkehrt ist das Wort:
„Habe deine Lust am Herrn, der wird dir geben, was dein Herz
sich wünscht!” Was aber wünscht sich das Herz
wohl, wenn es seine Lust doch an dem Herrn hat? Gold, Silber,
Edelsteine? Erfolg und Reichtum nach den Maßstäben dieser
Welt? Oder wünscht es sich nichts so sehr wie die beständige
Gegenwart des Herrn Selbst, wissend, daß Er dann alles
andere, was wir für unsere Versorgung benötigen, ohnehin
hinzufügen wird?
Schon
der verlorene Sohn in Jesu Gleichnis rief zu seinem Vater: „Gib
mir das Erbe, das mir zusteht” und begehrte damit vor
der Zeit – um eines Tages, nachdem er sich an einen Menschen
angehängt hatte, hungernd und elend bei den Schweinen zu enden
(Lk 15. 11 - 32) . Kennen wir diese Lehre nicht zur Genüge –
„Du mußt begehren, mußt selbst das an dich
nehmen, was dir zusteht”? Der, der diesen Weg geht, der
findet sich bald in einem fernen Lande wieder, weit weg von
dem Haus des himmlischen Vaters, der Nähe Gottes und der des
Bruders (Lk 15. 13). Nicht zuletzt kennzeichnet dieser Weg damit auch
das Leben in der Hierarchie des Abgefallenseins von dem lebendigen
Gott und dem Nächsten – des Verlustes der
direkten Beziehung. Und so verläßt er nicht nur seinen
Vater; er läßt auch den Bruder dahinten, den Erben und
Mitteilhaber (Vers 12); er sondert sich ab, geht und macht die Türen
hinter sich zu. Er will eben doch mehr darstellen als sein
Bruder, der bei dem Vater Gebliebene, will sein Glück selber
machen. Und da er etwas ganz Besonderes sein will,
bekommt er auch etwas ganz Besonderes, etwas, was die Anderen, allen
voran sein Bruder, so nicht haben. Der, der große Dinge
begehrte und dabei so gerne über anderen stehen wollte,
daß er darüber sein Vaterhaus verließ, der findet
sich in der Tat alsbald über eine Herde gesetzt wieder.
Doch was für eine Herde ist dies? Es ist eine Herde von
Schweinen, dem Inbegriff der Unreinen in Israel schlechthin. Und
was ist das für einer, der ihm diese Herde gibt und dem die
Felder gehören, auf denen sie zu finden ist? Es ist ein
Ausländer, einer, der nichts mit Israel, dem Volke Gottes
zu tun hat, ein „Bürger jenes Landes”, in das
der Sohn da geraten ist (Vers 15). Wir wollen die hier enthaltenen
Gedanken ruhig einmal zu Ende denken! Eine Herde hat er nun; doch
wovon will er leben, der zum Schweinehirten Gewordene, wo er doch
sein Erbe mit Huren – nicht zuletzt auch ein in
Israel ganz geläufiger und vielgebrauchter Hinweis auf
geistliche Hurerei und Verbindungen mit den Mächten dieser Welt
– und mit Liederlichkeit durchgebracht hat (Verse 13,
30)? So will er schließlich von der Herde nehmen –
von dem, was die Schweine essen; doch niemand gibt es ihm, auch
der nicht, dem er selbst untertan ist und dem die Herde gehört
(Vers 16). Nun, Schafe geben Wolle, in die man sich kleiden,
geben Milch, von der man sich nähren kann; Schweine aber muß
man töten, um ihr Fleisch zu essen oder um ihre Haut zu
gewinnen; sonst haben sie gar keinen Nutzen. Spätestens jetzt
sollten wir also bemerkt haben, daß das hier Ausgesagte von
tiefer, allegorischer Bedeutung ist, und zwar als Versinnbildlichung
eines Weges, der mit menschlichem Begehren beginnt, dann zu großer
Härte verleitet, um zuletzt in tiefer Not und Verzweiflung zu
enden – fürwahr ein Weg bitterster Verlorenheit und
tiefster Seelennot, der für nicht Wenige zuletzt bis ganz hinein
ins Elend führt.
Und
so muß der, der sonst nichts mehr hat als eine
Schweineherde, an sich reißen, muß der rücksichtslos
einfordern, rauben und kämpfen, ja gewissermaßen sogar
töten, der zuvor die Gnade der Führung Gottes aufgegeben
hat – und zwar um des eigenen Überlebens willen.
Ist das dein Weg? Hast auch Du Dein Erbe vor der Zeit
eingefordert, weil man dich so gelehrt hat? Wolltest auch Du ihn
haben, den ach so großen „Dienst”, dessen „Höhe”
auf diesem Wege zu erklimmen man Dir nahegelegt hat? Bist auch Du an
ihn geraten, einen der „Bürger jenes Landes”,
und hast diesem Dich angeschlossen, weil man Dir gesagt hat,
daß er Dich befördern und hochbringen würde (Lk 15.
15)? Weidest auch Du eine Herde, die in ihrer Unreinheit nicht die
Herde Gottes, sondern die Herde eines Anderen ist, in dem
Bilde nicht die Schafherde Gottes, sondern eine Schweineherde? Bist
auch Du also an einen Menschen geraten, der Dir in Deiner Not
noch nicht einmal das gewährt, was man „den Schweinen”,
den Unreinen in der Welt also zukommen ließe? Arbeitest auch Du
für eine Struktur, der man alles gibt – nur denen
nicht, die für sie arbeiten? Der verlorene Sohn aus Lukas
fünfzehn – bist Du es? Dann mache Dich
auf zu Deinem himmlischen Vater, gib dem Menschen mit seiner
Schweineherde den Laufpaß und kehre um – zurück
in das wahre Vaterhaus, zurück dorthin, wo die Liebe und die
Freude Gottes, des Vaters sind! Hatte nicht auch Paulus zu lernen
gehabt, daß ihm in jeder Situation Gottes Gnade genügen
sollte (2Kor 12. 9)? Hatte Petrus etwa nicht dazu gemahnt, sich ganz
auf die Gnade zu verlassen, die uns in der Offenbarung Jesu
Christi dargereicht wird (1Ptr 1. 13)? Und – so der
Hebräerbrief – sollten wir nicht endlich in die Ruhe
Gottes eingehen, in die Ruhe von den eigenen Werken? Ruhen aber
kann nur der, der völlig vertraut; und zwar auf die gewährte
Gnade und Vorleistung eines anderen; die Gnade selbst aber ist
immer Geschenk, ist Empfangen ohne eigene Vorleistung. Hier
aber gilt es, sich gewisse „Segnungen” immer wieder erst
selbst erkämpfen zu müssen! Und doch ist und bleibt
Raub immer ein Merkmal des Feindes; er setzt nämlich
voraus, daß andere beraubt werden – und zwar mit
jenem Gut, das ich mir zur Unzeit selbst anzueignen suche,
ohne dabei auf Gottes Führung und Zulassung, sowohl in meinem
Leben, als auch in den Leben anderer Geschwister Rücksicht zu
nehmen (vgl. Jo 10. 8 – 9). Nein, das hat unter dem neuen
„König” nun keine Priorität mehr; es muß
ja erobert werden, koste es, was es wolle.
„Von
den Tagen Johannes des Täufers an bis jetzt leidet das
Himmelreich Gewalt, und die, welche Gewalt anwenden, reißen
es an sich”, sagte der Herr (Mt 11. 12, Schlachter).Doch
diese Gewalt hat nichts mit Gott zu tun – denn das Himmelreich
leidet darunter, wird ihm doch Gewalt angetan. Und immer sind
es Leiter, Könige und Regenten, also Herrschaft Ausübende,
von denen diese Gewalt ausgeht. Die hier erzeugten Leiden fangen an
mit der Enthauptung Johannes des Täufers, fahren fort mit der
Folterung und Hinrichtung Jesu; ihre Blutspur zieht sich über
die Leiden und Märtyrertode der ersten Apostel und durch die
Verfolgung und Ermordung der Heiligen aller Zeiten hindurch –
bis zum heutigen Tag. Zu diesem Leiden gehört auch die in
unserer Zeit oftmals sehr subtil und unterschwellig ausgeübte
Verfolgung, Bedrückung, Verleumdung und Ausgrenzung wirklicher
Gläubiger – nicht nur in der „Welt”,
sondern gerade auch in solchen Körperschaften, die sich
„Gemeinde” zu nennen wagen. Und immer wird dieses
Leiden durch Herrschaft ausgelöst – nennen
wir sie dort, wie Samuel, den König, nennen wir sie hier
Leiterschaft oder bezeichnen wir sie als kirchliche
Hierarchie. Da nützt es dann auch wenig, wenn seitens dieser
Gremien vorgegeben wird, sie wollten dem Leib Christi dienen;
denn der, der sich über andere erhebt, der dient nicht,
der herrscht. Es ist dieselbe Herrschaft, unter der Jesus litt; war
es damals Sein fleischlicher Körper, der diese Leiden trug, so
ist es heute der geistliche, der Leib Seiner Herausgerufenen, der
wahren ekklesía. Hier wird dem Rechnung getragen, daß
Christus im Fleisch gekommen ist und wir demnach Anteil an
dieser Seiner Leiblichkeit und der damit verbundenen Leiden
haben; wer dies also ablehnt oder einfach nur „vergeistlicht”,
der folgt bereits dem Geist des Antichrists (1Jo 4. 1 - 4, 2Jo 7).
Denn immer geht es, wollen wir Jesus nachfolgen, um den „Leib
dieser Erniedrigung” (Phil 3. 21; vgl. 2. 7 - 8). An diesem
Leiden, das hier willig getragen wird, ohne dabei zurückzuschlagen,
erkennen wir schon die wahre Lammesnatur des Reiches der Himmel, des
Reiches und damit der Herrschaft Dessen, der Selbst zum Lamm wurde:
„Da er mißhandelt ward, tat er seinen Mund nicht auf,
wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein
Schaf, das vor seinem Scherer verstummt und seinen Mund nicht auftut”
(Jes 53. 7, Schlachter). Hier aber, bei der Zurschaustellung
eines anderen Evangeliums, begegnet uns die Natur des gefallenen
Menschen, die Wolfsnatur, die des Diebes, der kommt, „um zu
stehlen, zu schächten und umzubringen” (Jo 10. 10).
Eine
ganze „Theologie” des Gewinnens und Eroberns hat sich
heute einem solchen Diktat unterworfen. Dies betrifft nicht nur
diverse Lehrverirrungen bezüglich der Leiterschaftsthematik und
der damit verbundenen Zehntenlehren. Erinnert sei dabei auch an die
vielfältigen Übertreibungen diverser
pseudocharismatisch-christlicher Kreise auf dem Gebiet des so
genannten „geistlichen Krieges”. Ich gebrauche den
Ausdruck „pseudo-charismatisch” deshalb, weil dieser Weg
nichts mit den Gnadengaben (charismata bzw. Charismen) Gottes
zu tun hat; es ist ein Pseudo, ein Ersatz, den man hier
präsentiert, und damit eine Fälschung, der weite Teile des
bibelgläubigen Christentums inzwischen auf den Leim gegangen
sind (vgl. 2Kor 11. 13 - 15). Hier ist besonders die Charismatische
Bewegung, die von ihren Wurzeln her nach wie vor als von Gott
kommend zu sehen ist, in großem Maße unterwandert worden,
da man hier nicht allein bei der Wahrheit geblieben ist und vor allem
Menschen als Leiter auf den Thron erhoben hat. Wer die hier
angesprochenen Dinge also mit charismatischen Äußerungen
gleichsetzt, sei es einerseits, um sie auszuüben, oder
sei es andererseits, um sie zu bekämpfen, der irrt in
einer höchst gefährlichen Weise. Denn es ist beides
Krieg, sowohl der Kampf, als auch der Gegenkampf, und Beides bringt
auch dieselben Ergebnisse hervor. Und doch ist dies der normale
Zustand unter der Herrschaft eines Königs, wie Samuel sie
beschreibt. Es ist Gericht wie Zulassung Gottes gleichermaßen 1
, da der Mensch diese Leiterschaft haben wollte, anstatt dem
lebendigen Gott selbst zu folgen. Und daß der nun zu
gehende Weg ein Weg des Krieges sei, davon haben wir ja vorhin schon
gesprochen bzw. sprechen noch davon.
Die
Bibel aber sagt, daß der Kampf die Sache des Herrn ist; Er
würde kämpfen, wir aber sollten stille sein und dabei
erfahren, wie Er es herrlich hinausführt (2Mo 14. 14,
2Chr 20. 15, vgl. auch Sa 4. 6b). Somit gehören die
weitverbreiteten „Glaubenslehren” heutiger
pseudo-charismatischer Prägung, die die willkürliche
Anwendung geistlicher Gewalt verherrlichen und damit geradezu zum
Inbegriff rechter Frömmigkeit erklären, ganz klar in das
Grundmuster des sich selbst Nehmens und an sich Reißens
vermeintlicher „geistlicher Segnungen” – ein
Tempelraub, ein Bestehlen von Weihestätten, wie Paulus
den Pharisäern ins Stammbuch schrieb (vgl. Rö 2. 23). Hier
proklamiert man den Weg des Erfolges, statt den Weg des Lebens und
des Gehorsams, des Kreuzes also zu gehen. „Wie? ‚Es’
hat doch ‚funktioniert’ – da muß es doch von
Gott sein?” Nein! Niemals! Gewiß mögen
Dinge dabei zustandekommen, die man dann – unter Begründung
mit Hilfe diverser und willkürlich zusammengesuchter
Bibelstellen – für geistlich hält. Doch Gottes Weg
ist dies nicht; es ist vielmehr die Art und Weise Satans (vgl. Mt 4.
1 – 4). Und wieviel Zertrennung, wieviel Kämpfe,
wieviel Wunden und immer neue Verletzungen gibt es gerade auch unter
denen selbst, die den hier beschriebenen Weg gehen! Spaltungen, immer
neue Gruppenbildungen und fortschreitende Entzweiung unter Brüdern
scheinen herausragende Merkmale jener geworden zu sein, die diesem
Muster, dem Muster des Krieges, folgen.
Aber
weit mehr noch: Die, die nach Samuels Wort vor dem Wagen ihres
selbsterwählten Königs herlaufen sollen (1Sam 8. 11), die
ziehen ihn, die sind eingespannt, laufen in seinem
Joch; die müssen fortan die Wege dieses Königs, ihres
Leiters bereiten – allein zu seinem Nutzen und zur
Verwirklichung seiner Ziele. Denn fortan geht es nur noch um das, was
er, der Leiter, „im Blick” behält; um seine
„Vision”, um seine „Schau”, um seine
Vorstellungen. Als „soeben ernannter König” wird
er nun dazu übergehen, sich Oberste und Bedienstete
(„Minister”, „Fachleute”, die sog.
„Fachabteilungen”) einzusetzen. Wer denkt da nicht an
die so genannten „großen”, „mächtigen” und sich damit über alle anderen
erhebenden christlichen
„ministries” unserer Tage! Und doch ist es etwas
völlig anderes, wirklich zu dienen, als ein solcher
„Bediensteter” mit Rang, Namen und Titel zu sein, vor dem
das „Gemeindevolk” in Ehrfurcht zu erstarren, dessen
Reden es bedingungslos hinzunehmen und dessen „Dienst” es
mit seinen Gaben auszuhalten hat. Schon gibt es sie wieder, die
„Ordinierten”, die „Doktoren”, die ganz
Besonderen, über allen anderen Stehenden. Vor Jesus, dem Lamm
aber, ist all dies leer und eitel; es ist gar nichts wert und in
Wahrheit, da es hoch und angesehen ist in den Augen der Menschen, ein
Greuel vor Gott (Lk 16. 15). Symptomatisch für diese Struktur
ist also vor allem, daß eine Minderheit herrscht, während
die Mehrheit ihnen zu dienen hat. Und so entsteht menschliche
Leiterschaft; genau das ist ihr Weg – Leiterschaft in
verschiedenen Ebenen, die gesetzt sind „zu Obersten
über Tausend und zu Obersten über Fünfzig”, wie
Samuel es beschrieb. Die Liebe wird dabei mehr und mehr von
der Herrschaft Einzelner überdeckt und schließlich ganz
verdrängt; Kämpfe um die Rangordnung, Hader und Zwietracht
werden zum Tagesgeschehen (vgl. 1Kor 3. 1 – 4). Jeder will der
Erste sein oder, wenn ihm das nicht gelingt, wenigstens ganz nach
„oben”, ganz in die Nähe der angeblichen „großen
Männer Gottes” gelangen und sich unter ihrem Namen
sonnen. Diese Namen aber sind es, die den Leib Christi mehr und mehr
zerteilen (vgl. 1Kor 1. 10 – 13, 3. 1 – 4). Das,
was einmal mit Spaltung begonnen hat, kann immer auch nur mit
Spaltung fortfahren; fortwährende und immer neue Spaltungen und
Entzweiungen sind zum Merkmal einer ganzen Bewegung geworden.
Und
doch haben all diese Gruppierungen und „Gemeinden”, die
sich untereinander oftmals „spinnefeind” sind, die
einheitlich herausragenden, ihnen allen gemeinsamen gleichen
Merkmale: Dort, wo zuvor noch Brüder unter Brüdern lebten,
erhebt sich nun eine Hierarchie, die die Interessen des „Königs”
von der Spitze bis hinein in die soeben eingerichteten, ineinander
verschachtelten Gruppierungen durchsetzen soll – erst die der
Tausend, in diesen Tausend dann jeweils die der Fünfzig oder, um
es in die heutige Situation zu übersetzen, erst durch
„Hauskreisleiter” oder „Älteste”, dann
erst durch die obere „Leitung” einer solchen „Gemeinde”,
nennen wir sie „Pastor” oder „Ältestenrat”,
dem diese „unteren” Leiter wiederum
rechenschaftspflichtig sind und so weiter. Die direkte
Beziehung zu dem Bruder und der Schwester wird nun unterbrochen oder
ganz unterbunden. Das Praktizieren der Gnadengaben hat sich immer
mehr den Regularien der „Gemeindeleitung” unterzuordnen,
wird darum immer seltener und fällt schließlich ganz weg.
Es wird weder zum gemeinsamen Gebrauch dieser Gaben ermutigt, noch
wird ihre rechte Anwendung innerhalb der Gemeindeversammlung wirklich
einmal eingeübt; der notwendige Eifer (Luther: Fleiß),
den Paulus für diese Dinge anmahnt, wird vernachlässigt und
schließlich ganz aufgegeben (vgl. 1Kor 14. 1, 39, 40). Durch
das zunehmende Fehlen dieser Gaben können die gegenseitige
Auferbauung des Leibes wie die notwendige Korrektur durch diesen
bald nicht mehr gewährleistet werden (Apg 17. 11, 1Kor 14. 12,
26, 1Thes 5. 6 – 11, 19 - 22). Diese innere Auferbauung
durch das untereinander geteilte Wort, das damit zum Brot aller wird,
wird nun für eine rein äußerliche eingetauscht
– mit der Errichtung und der möglichst perfekten
Organisation einer Gemeindestruktur. Alle sollen nun in erster Linie
damit beschäftigt werden, „Gemeinde zu bauen”,
wie man unaufhörlich betont.
Das
besonders Verführerische an diesem System ist, daß es mit
zahlreichen Schriftstellen geradezu gepflastert ist – mit
Schriftstellen, die anscheinend etwas ganz Ähnliches ausdrücken,
aber doch etwas völlig anderes im Sinn haben als das, was hier
vor Augen ist. Hatte Paulus denn etwa nicht „Gemeinde
gebaut”? Ja, ist die Antwort; er hatte in der Tat nicht nur
gebaut, er hatte sogar ihren Grund gelegt (vgl. 1Kor 3. 5 –
11)! Und doch ist dieser Bau, an dem Paulus arbeitete, so
grundverschieden von dem jener Gemeindestruktur, die heute vor aller
Augen ist und die man ständig mit dem verwechselt, was Paulus
tat! Nein, Paulus arbeitete nicht an einer äußerlichen
Struktur; er arbeitete an den Herzen; sein Bau war kein irdischer,
sondern ein geistlicher, sein Dienst war in erster Linie lehrmäßiger
Natur; dem hatte sich alles andere unterzuordnen. Da nun
seine Arbeit eine besondere, grundlegende war, wie wir eben
erkannt haben, ist sie auch keine solche, die sich jemals wiederholen
könnte; denn Grund kann nur einmal gelegt werden, solange
man keinen andern Bau errichten will – neben
dem, der schon errichtet ist. Niemand kann ein Fundament eines Hauses
erneut errichten, nachdem man schon begonnen hat, die Wände
hochzuziehen, Türen und Fenster einzusetzen. Wenn dies schon im
Natürlichen nicht möglich ist, wieviel weniger dann im
Geistlichen! „Gemäß der mir von Gott
gegebenen Gnade lege ich als weiser Werkmeister den Grund”,
sagte Paulus damals, indem er seinen Dienst beschrieb, der
zu seiner Zeit noch im Gange war; „ein anderer aber baut
darauf weiter. Ein jeder sehe aber, wie er darauf baue! Denn einen
anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt
ist, und der ist Jesus Christus” (1Kor 3. 10 –
11). Wer also heute noch immer Grund legen will und sich demnach
als besonderen Apostel darzustellen wähnt, da er doch „Gemeinde”
gründe, der mag wohl irgend einen Grund legen, doch nicht den
der Gemeinde als dem Bau, den Gott in den Aposteln und Propheten
schon gegründet hat (vgl. Eph 2. 19 - 22). Denn dieser Grund ist
gelegt, wie wir sahen; einen anderen, also weiteren, kann niemand
legen, wenn er auf dem Weg bleiben will, der uns von Gott gewiesen
wurde.
Und
genau aus diesem Grunde kann auch das, was Menschen heute als
„Gemeinde” zu bauen gedenken, nicht Gottes Bau
sein; jenes Reich äußerlicher Strukturen, das man da
errichtet, ist nichts Anderes als ein Reich menschlicher Anmaßung
und Verführung. Denn mit dem Reich Gottes hat all das, was wir
bauen, herzlich wenig zu tun. Nein; Gottes Grund ist schon gelegt;
Sein Reich ist schon errichtet und besteht jenseits unserer Bemühung;
wir können nur Gottes Ruf erwidern, indem wir dort
eintreten – andernfalls aber werden wir draußen
bleiben. Da gilt es dann zuvor all das abzulegen, was dort nicht
hineingehört. „Allerdings, der feste Grund Gottes
besteht und hat dies Siegel: Der Herr kennt, die Sein sind,
und: es stehe ab von der Ungerechtigkeit jeder, der den Namen des
Herrn nennt” (2Tim 2. 19). Gegründet wurde vor
zweitausend Jahren das, was bezahlt worden ist auf Golgatha. Für
etwas Anderes vergoß Jesus nicht Sein kostbares Blut.
Deshalb erscheint auch das neue, himmlische Jerusalem in der
Offenbarung umgeben mit einer Mauer, die „zwölf
Grundfesten” hat, „darauf die zwölf Namen der
zwölf Apostel des Lämmleins” (Off 21. 14). Wer
aber sind die, deren Namen auf diesen Grundfesten stehen werden?
Das sind genau jene zwölf, die von Anfang an mit Jesus waren und
Ihn selbst nach der Auferstehung noch gesehen hatten – mit
Ausnahme von Judas, der seinen Dienst nicht bewahrte und den Herrn
verriet. Für diesen hatte man noch vor Pfingsten unter
Gebrauch des Loses den Matthias gewählt, den man zur Wahl
aufstellte neben „Joseph, genannt Barsabas, der den Beinamen
Justus hatte” (Apg 1. 15 – 22). Diese Wahl hat Gott
allerdings nicht bestätigt; denn eigener Entschluß, Seine
Zusagen „hier” und „gleich”, zum selbst
gewählten Zeitpunkt also erfüllt zu sehen, nicht aber Sein
geoffenbarter Wille waren für sie ausschlaggebend. Da nützt
dann auch das Los nichts, das man nach alttestamentlichem Vorbild
wieder anzuwenden gedenkt, in der Erwartung, Gott müsse Sich
darauf einlassen, da solches doch in der Bibel stünde. Gott läßt
Sich Sein Werk eben nicht aus den Händen nehmen; wir können
Ihm durch unser Tun nicht „nachhelfen”, und wenn es in
unseren Augen auch noch so geistlich sei.
Und
so wird Matthias im Neuen Testament nie wieder erwähnt. Er
gehört, wie so viele andere neuzeitliche „Apostel”
auch, eben nicht zu denen, deren Namen einst auf den Fundamenten des
himmlischen Jerusalem zu finden sein werden. An seine Stelle ist –
zwar „als unzeitliche Geburt”, aber doch zum Zeitpunkt
Gottes – vielmehr der Apostel Paulus getreten, der
überdies auch den Auftrag hatte, die bis dahin nur
bruchstückhaft vorhandene Überlieferung des Wortes Gottes
zu vervollständigen (1Kor 15. 3 – 9, Kol 1. 25). Denn der
eigentliche Felsen, um den es hier geht, und auf dem wir unser
Lebenshaus bauen sollen – das ist das Wort des Herrn (Mt 7.
24). Und so mag ein Grund, den heute jemand wiederum zu
legen gedenkt, wohl den Namen Jesu Christi anführen; und
doch ist er ein anderer neben dem, der schon gelegt ist,
stellt er einen ganz anderen Weg und ein ganz anderes Ziel dar. Der
Grund, der hier gelegt werden soll, ist nicht Christus und Sein Wort,
sondern ein System menschlich organisierter Leiterschaft, dem
Grundstock einer neuen Kirche neben den vielen, die wir heute schon
haben! Und so ist es wieder der Mensch, der seine eigene Herrschaft
an die Stelle Christi zu setzen und diese seine Überhebung mit
Bibelstellen zu rechtfertigen sucht! Das aber, was sich an die
Stelle Jesu Christi setzt, liebe Brüder und Schwestern, ist
dem Wesen nach antichristlich, denn es setzt ein anti,
ein Anstatt an die Stelle Dessen, dem allein dieser Platz
gebührt (2Thess 2. 3 - 5, 1Jo 2. 24 – 29). Wieviel
menschliche Anmaßung liegt doch in solchem Verhalten, und
welche Verführung steckt vor allem dahinter! An dieser Stelle
finden wir also ein Beispiel darüber vor, wie geistliche Dinge
sehr trickreich und kunstfertig in ihr genaues Gegenteil verkehrt
werden – mit Hilfe einzelner Aussagen, die in der Heiligen
Schrift zwar enthalten sind, die man aber ihres Sinnes entleert und
dann entsprechend umgedeutet hat. Somit darf dann auch Gemeinde
längst nicht mehr das sein, was sie ihrem Ursprung nach von Gott
her sein sollte: die von Ihm allein Herausgerufene (ekklesía)
und von Ihm Versammelte, wörtlich: die Zusammengeführte
(synagoge) des Herrn. Statt dessen soll sie vor allem die durch
Leiterschaft organisierte äußerliche Struktur – als
das durch eigene Anstrengung erreichbare Ergebnis in
menschlicher Erfüllung vermeintlicher „Visionen” –
zum Ausdruck bringen. Fortan dreht sich also alles nur noch um den
strukturellen Ausbau dessen, was man in diesem Sinne unter
„Gemeinde” versteht; jeder will die größte,
schönste, natürlich die wohlhabendste und vor allem die
„erfolgreichste” haben.
Hierbei
treten die Handlungen der Leiterschaft und das Auftreten von
besonderen, sich über den ganzen Leib erhebenden, so
genannten „Diensten” bzw. „Dienstgaben”
zunehmend in den Vordergrund. Ihr Auftreten ersetzt nun
das Reden und Handeln des immer mehr verstummenden Leibes.
Christliches „Konsumententum” ist eines der Ergebnisse
dieser Entwicklung, die wir heute weithin vor Augen haben. Fortan
darf dieser Leib nicht mehr selbst leben, sondern wird gelebt
– durch das Ausführen der Anordnungen derer, die
sich „Leiter” nennen. Wie der von Samuel angekündigte
König, so regieren auch sie über das vermeintliche „Volk”
und fordern von ihm alsbald Gaben, Zehnten und „Opfer”
ein. An dieser Stelle findet also eine nach dem Neuen Testament
völlig inakzeptable Überhöhung und Fehlinterpretierung
des so genannten „Fünffältigen Dienstes” statt;
die Warnung des Herrn, denen gerade nicht zu glauben, die sich
– unter Gebrauch diverser Wunderzeichen und Machttaten –
als besondere Gesalbte (Christusse) Gottes ausgeben, wird
zunehmend ignoriert, mit allen darin liegenden, mitunter verheerenden
Folgen (vgl. Mt 24. 5, 25). „Ich bin doch der Gesalbte Gottes;
ich bin der große Prophet, Gott redet durch mich, darum mußt
du mir folgen.” Wirklich? So sind sie über jeden
Einwand erhaben, wähnen sie sich doch „von Gott gesandt”.
Folgerichtig läuft jeder, der ihre Verkündigung anhand des
Wortes Gottes auch nur zu prüfen wagt, oder, was noch
verwerflicher erscheint, seine Anfragen überflüssigerweise
auch noch laut werden läßt, unverzüglich Gefahr,
angegriffen und ins Abseits gestellt zu werden, weil er es doch
gewagt hat, die so genannten „Gesalbten Gottes”
anzutasten. Falscher Prophetie wird so Tür und Tor
geöffnet. Ihre „Weissagungen” orientieren sich immer
sowohl an der „Vision” als auch der Position des
„Leiters” und bestätigen diese; damit führen
sie immer in die Sichtbarkeit nach den Maßstäben
dieser Erde. Und so hat diese Sichtbarkeit, die es hier und heute
zu erringen gilt, längst die Erwartung des wiederkommenden Herrn
verdrängt. „Wenn jemand den Herrn nicht
liebhat, der sei in den Bann getan! Maran atha!”, schrieb
Paulus an die Korinther (1Kor 15. 22). Ich kann hier förmlich
den Aufschrei der Entrüstung hören: „Wir alle lieben
doch den Herrn, wir dienen Ihm doch!” Dienst du Ihm –
wirklich Ihm? Oder bist du gebannt von einem durch
Menschenhand erschaffenen Gebilde, das man lediglich nach Seinem
Namen benannt hat, und dienst diesem? Jeder will
„Gemeinde” bauen, ja das „Reich Gottes”
selbst, wie man unaufhörlich und an der Wahrheit vorbei
versichert; doch das Wort Maran atha – Herr, komme bald –
wo erklingt es noch?
Wie
das ganze Leben, so prägt dieser Weg nun auch die Versammlungen
und Zusammenkünfte der vielgepriesenen „Gemeinde”.
Das Ritual festbestimmter „Lobpreiszeiten” und der
darauffolgenden „Predigt” wird immer mehr zum
dominierenden Bestandteil des „Gottesdienstes”. Der
Führung Gottes darf nicht mehr gefolgt bzw. Ihm darf nicht
gedient werden, ohne immer zuerst den „vorgesetzten Leiter”
zu fragen. Allein er hat nun „alle Fäden in der
Hand”. Der Ausbau und die Aufrechterhaltung einer sichtbaren,
gut durchorganisierten Gemeindestruktur werden zu ganz zentralen
Bestandteilen in Lehre und Praxis gemacht. Dieser Struktur wird alles
andere untergeordnet und schließlich ganz geopfert. Diverse und
falsche Lehren über Finanzen, vor allem solche des Zehnten-
und Opferdienstes, von denen wir hier einige betrachtet und
analysiert haben, rücken dazu mehr oder weniger in den
Vordergrund. Dasselbe betrifft die mitunter exzessiv abgehaltenen
Belehrungen über Themen wie „Leiterschaft”,
„Gemeinde” und die in diesem Zusammenhang stehende, so
genannte „Unterordnung”. Ein über das „gemeine
Volk” gestellter Gesetzes- und Levitendienst nach dem Muster
des Alten Testaments, den der Hebräerbrief als „veraltet
und greisenhaft” beschreibt (Hbr 8. 13), da er doch noch
der alten Ordnung angehörte, die nichts ausrichten konnte (Hbr
7. 18), wird hier erneut hervorgeholt und ist nun –
gewissermaßen – wieder ganz modern. Die Themen „Gemeinde”
und „Leiterschaft” sind zum „Ein und Alles”,
zum fast ausschließlichen Glaubensinhalt derer geworden, die
diesen Weg immer wieder verfechten. „Die Sünde”
schlechthin besteht nach solchem Diktus weniger in der Trennung
von Gott als vielmehr darin, keiner örtlichen Gemeindestruktur
anzugehören bzw. keinen menschlichen Leiter über
sich zu haben! Die „Ortsgemeinde” mit ihrer
„Leiterschaft” sei Dein Schutz, darum bräuchtest
Du sie – so sagt man. Wo aber, lieber Bruder, liebe
Schwester, steht dieser Satz in der Bibel? Hast Du ihn darin
überhaupt schon einmal gesucht? Du hast ihn selbst dort noch
nicht gefunden, nicht wahr? Aber etwas Anderes steht dort: „Wer
unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem
Schatten des Allmächtigen wohnt, der spricht zu
dem Herrn: Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, auf den
ich traue!” (Ps 91. 1 – 2, Schlachter). Die Gemeinde
– Dein Schutz? Hier wird in der Tat das, was man für „die
Gemeinde” hält, mit dem lebendigen Gott
gleichgesetzt! Und so wird der Dienst Gottes immer mehr
ausgehöhlt, ausgetauscht und verwechselt mit dem Dienst an
einer durch menschliche Leiterschaft eingerichteten, sichtbaren
Gemeindestruktur – dem goldenen Kalb vergleichbar, das die
Israeliten als Jahwe, mit dem Namen Gottes also bezeichneten
und dem allein sie nun ihr Gehör schenkten, und vor dem sie
tanzten, sangen und spielten (2Mo 32. 1 – 6, 17 - 19). Und das,
liebe Geschwister, nennt die Bibel Götzendienst (vgl. 1Kor 10. 1
– 12), und fordert noch immer Gottes Zorn heraus! Irrt euch
also nicht!
Der
Leiter, oder bestenfalls ein Gremium einiger Weniger,
entscheidet nun allein über Wohl und Wehe der durch
menschliche Anordnung zusammengerufenen „Versammlung”.
Menschen werden nicht oder kaum mehr aufgrund der ihnen von Gott
verliehenen Gaben und Berufungen gefördert, sondern werden
vielmehr willkürlich in die vorhandene Gemeindestruktur
eingegliedert – je nach Notwendigkeit, wie sie der „Leiter”
sieht und selbst zu begründen sucht. Die persönliche
Entscheidung des Gläubigen aufgrund des ihn von Gott her
leitenden Friedens oder des Unfriedens in seinem Herzen (Kol 3. 15)
tritt dabei ganz zurück; es gilt, nicht mehr der Führung
des innewohnenden Geistes Gottes, sondern in erster Linie den
Anordnungen der Leiterschaft Folge zu leisten (vgl. Kol 2. 18 - 23).
Was ist es da noch ein Wunder, wenn Geschwister innerlich hin-
und hergerissen werden, dem zumeist sehr unterschwellig-subtil
ausgeübten Druck am Ende nicht mehr standhalten können und
darüber in der Seele krank werden. Ja, es macht krank, das
andere Evangelium. So manches Menschenkind ist dabei in der
Psychiatrie gelandet. Dies ist besonders in der charismatischen und
Glaubensbewegung ein ganz verschwiegenes und nur allzu gern
vertuschtes Kapitel. Vor den Flammenaugen des Auferstandenen aber
(Off 1. 14), dessen Name ist „treu und wahrhaftig”
(Off 19. 11), wiegt es schwer. Ihnen entgeht nichts; da mag man
verschweigen, vertuschen und zudecken, was man will: jene, die sich
in dieser Weise als „Leiterschaft” über andere zu
erheben anmaßen, werden über ihr Tun einst ganz
unweigerlich Rechenschaft abzulegen haben (vgl. Mt 25. 45 - 51). Denn
hier ist geistlicher Mißbrauch derer, die man für „seine
Untergebenen” hält, zum Tagesgeschäft geworden, wird
antichristlicher Verführung ein weites Tor geöffnet (1Jo 2.
26 - 27).
Nein,
hier ist nicht etwa „das System” krank, so daß man
hier und da lediglich etwas daran „verbessern”, die
Symptome abändern müsse, damit die Heilung des Leibes
Christi endlich voranschritte, wie wir denken mögen; sondern das
System an sich ist die Krankheit, an der wir alle so sehr zu
leiden und dem wir unseren Schaden zu verdanken haben.Da nützt
es dann auch nichts mehr, wenn namhafte „Leiter” Aufsätze
über geistlichen Mißbrauch verfassen und christliche
Blätter über die allgemeinen Zustände in der
Christenheit lamentieren, wobei dann ganz selbstverständlich
nicht wir selbst, sondern immer die jeweils „andern”
gemeint sind. Andere sprechen zuweilen sogar von Machtmißbrauch;
auch das ist eine Verschleierung, und zwar eine gründliche; denn
der Herr lehrte uns nicht, übereinander Macht auszuüben,
sondern Er sagte, daß einer dem andern zu dienen habe, daß
wir uns einander unterzuordnen, einander die Füße zu
waschen hätten; wo aber kein Gebrauch von Macht, da ist
auch ein Mißbrauch von Macht nicht möglich und von
vornherein ausgeschlossen. An den Symptomen herumgepfuscht haben wir
also weit mehr als genug – nichts als gefährliche
„Doktorspiele” von Menschen, die sich bislang geweigert
haben, sich einmal wirklich unter Gottes Hand zu beugen und
ihre Sünde zu bekennen, und zwar vor Gott und dem Bruder,
den Gott uns an die Seite gestellt hat (1Jo 1. 5 - 10). Das einzige,
was wir auf diesem Wege hervorgebracht haben, sind immer neue
Verletzungen im Leben kostbarer Geschwister, ohne daß je der
Krebsschaden in unser aller Leben jemals mit Namen genannt,
geschweige denn wirklich geheilt worden wäre. Denn was hier
regiert, ist längst nicht mehr der Herr; es ist ein anderer
Jesus, ein anderes Evangelium und ein anderer Geist, die hier Einzug
gehalten haben, wie der Apostel Paulus denen schreibt, die das Reden
und Wirken falscher Apostel nur allzu leichtfertig begrüßt
und aufgenommen haben (2Kor 11. 4). Und damit verkommt, da man
die Liebe der Wahrheit zunehmend abweist und Gott – schon auf
dem Gerichtswege – nun kräftige Irrtümer sendet, auch
die Gemeinde zum Tummelplatz antichristlicher, betrügerischer
Geister (2Thes 2. 1 – 12), und zum Austragungsort von
Dämonenlehren und -praktiken (1Tim 4. 1 – 2ff). Die aber,
die darunter sitzen, werden nun zur leichten Beute.
Die
Gemeinde am Ort hat damit längst aufgehört, Darstellung
der vom Herrn Herausgerufenen (im Sinne der ekklesía
Gottes) zu sein, und wird von Menschenhand immer mehr zur Sekte
umgebaut. Der Eine, der das Leben gibt, wird zunehmend aus der Mitte
gedrängt und geht leise und unbemerkt, bis Er, der von Herzen
Demütige und Sanftmütige, eines Tages ganz vor der Tür
steht und anklopft, damit jene, die noch hören können,
Ihm auftun, damit Er zu ihnen eingehen und mit ihnen das Mahl
halten könne, das Hochzeitsmahl der Vereinigung mit dem
Haupt (Off 3. 20). Da mag man indessen reich geworden sein und gar
satt, wie die Wohlhabenden in Laodizäa; da mag man sich gar noch
bestätigt fühlen, da man diverse „Kraftwirkungen”
vor der staunenden Menge zu vollführen vermag – aber doch
hat man das Allerwichtigste und damit das Eigentliche verloren
– man hat das Leben nicht mehr. Denn dieses aus dem Geist
geborene Leben Gottes läßt sich eben nicht
kanalisieren und in menschliche Strukturen zwängen, auch dann
nicht, wenn man diese Strukturen „nach biblischem Muster”
selbst einzurichten gedenkt – es ist und bleibt
Menschenwerk (Jo 3. 6 – 8). Denn hier hat man etwas ganz
Maßgebliches, Grundlegendes und Entscheidendes übersehen:
Gott wohnt nämlich nicht in Tempeln, die mit Händen
gemacht sind; Er ist also nicht in dem zu finden, was auch nur
irgendwie aus dem Wirken von Menschen hervorgegangen ist (Apg 7. 47 –
51, vgl. Jes 66. 1 – 2). Er wird Sich Sein Werk niemals aus der
Hand nehmen lassen. Er fügt zusammen, Er baut, und
Er sagt uns nicht etwa: „Baut (oder bringt!) Ihr euch
ein!”, „Baut selber!”, sondern Er sagt ganz klar:
„Laßt euch einbauen!” (1Ptr 2. 4 – 6).
Er, der der Anfänger des Glaubens ist, ist allein auch
sein Vollender (Phil 1. 6, Hbr 12. 2); Er ist Alpha und Omega, Anfang
und Ende gleichermaßen (Off 1. 8. 18); Er ist der Erste,
der Anfang einer jeden Schöpfung (Kol. 1. 15) und Er wird
immer auch der Anfang der Gemeinde als der Herausgerufenen Gottes
sein (Kol 1. 18, 19). Er tritt niemals in eines andern Arbeit
ein; Er ist und bleibt allein das Haupt der Gemeinde, das eine,
einzige Haupt. Er ist der eine Eckstein, den die Bauleute
verworfen haben; und so wurde Er für sie, die sich selbst zu
bauen anmaßten, „ein Stein des Anstoßes und ein
Fels des Strauchelns denen, die sich auch an dem Wort stoßen,
weil sie widerspenstig sind, wozu sie auch gesetzt sind” (1Ptr
2. 6 – 8). Kann ein Baustein (Vers 5) sich etwa
selbst einfügen? Kann er etwa sich und anderen einen
Platz aussuchen und – zuteilen? Verfügt er, der er nur
ein Baustein ist, etwa über den Bauplan? Nein, nicht
wahr? Was sagt unser Gott dazu? „Spricht auch der Ton zu seinem
Töpfer: ‚Was machst du?’ oder dein Werk: ‚Er
hat keine Hände?’ Wehe dem, der zum Vater spricht: ‚Warum
zeugst du?’ und zum Weibe: ‚Warum gebierst du?’ So
spricht der Herr: Wegen der Zukunft befraget mich! Meine
Kinder und das Werk meiner Hände lasset mir
anbefohlen sein!” (Jes 45. 9 – 11, Schlachter; vgl. Kap.
64. 7; auch Jer 18. 1 – 6; Rö 9. 20, vgl. dazu 1Kor 12. 14
– 26, 1Tim 2. 20a) Ist es dann nicht längst an der
Zeit, daß wir herauskommen aus dem gigantischen Selbstbetrug,
der hier offenbar wird?
So
zieht Sich der innewohnende Geist Gottes in dem Maße aus dem
Gemeindeleben zurück, wie man daran geht, Sein Werk in die
eigene Hand nehmen zu wollen und selbst zu bauen, Strukturen zu
errichten. Ich selbst habe so manchen Kreis, so manche Gemeinschaft,
die einmal geistlich, unter der Gegenwart des lebendigen Gottes
begonnen hatte, am Ende darüber auseinanderbrechen sehen. Und
oft, nur allzu oft stand da die Frage bzw. der Ruf nach einer
menschlichen „Leiterschaft” im Raum: „Wer soll
der Erste und Größte, der Leiter aller sein?” (vgl.
Mk 9. 33 – 37, 10. 35 – 45). Gott aber macht dieses
Gebaren nicht mit; Er wirkt nicht mit dem zusammen, was Er nicht
geboten hat, da mag man bekennen und „glauben”, jubeln
und jauchzen, kämpfen, machen und tun, was und wie man will.
Schon das alte Israel jubelte und jauchzte, daß die Erde
dröhnte, nachdem es, von den Philistern bedrängt, die
Bundeslade herzugeholt hatte; wohl gedachte es, so einen Sieg über
seine Feinde zu erringen. Da mußte es erst noch gewahr werden,
daß es sich bereits unter Gericht und damit längst in der
Niederlage befand (1Sam 4. 1 - 11). Da wurde das, was es in großer
Torheit da anzuwenden suchte, ihm zum Gericht, und so wurde ihnen das
genommen, was sie zu gebrauchen gedachten – die schöne
Bundeslade selbst. Mag man auch anwenden, was man will; es bleibt
dabei: Gott wirkt nicht in dem, was Er nicht angewiesen hat, mögen
wir hier und da „Erfolge” hervorbringen oder auch nicht;
Er kooperiert weder mit Menschenwerk, noch wirkt Er mit Sünde
zusammen – niemals (vgl. 2Kor 6. 14 – 18).
Auch
Luther hatte dies erkannt; er drückte den Zusammenhang in der
Form aus, daß Gott sich sogar aus Seinen Wort „herausschälen”
könne, „so daß ihr nur noch die Hülsen
nachbehaltet”. Und so hatte man auch in Israel jenes Wort erst
noch zu buchstabieren, das da „Ikabod” hieß –
„Die Herrlichkeit ist fort von Israel!”, das schon
sprichwörtlich zum Ausdruck der Abwesenheit Gottes wurde. Es war
der Schmerzensschrei einer gebärenden Frau, die sich zu ihrer
Zeit wohl als einzige (!) der Tragik dessen voll bewußt war,
daß mit der Bundeslade – Stätte und Symbol der
Gegenwart und der Herrlichkeit Gottes – wegen des Ungehorsams
des Hauses Eli auch Gott Selbst von Israel gewichen und das Volk in
die Hände des Feindes dahingegeben worden war (1Sam 4. 19 –
25).Der Rückzug des Geistes Gottes ist eine, wenn auch
tragische, so doch unumstößliche Tatsache, die immer
dann zu beobachten ist, wenn man dazu übergeht, eine
Leiterschaft zu begehren und beginnt, über sich „Häupter”
einzusetzen – neben dem einen Haupt, das uns von Gott
her verordnet ist (Eph 1. 22, 5. 23; Kol 1. 18 u.a.). Geht der
Heilige Geist, dann kommen die Geister. Einen Leerraum gibt es nicht.
Anstelle der vormaligen Herrschaft des Geistes Gottes gewinnen nun
Lehren und Praktiken verführerischer Geister Raum, wie wir
gesehen haben, und Knechtschaft entsteht dort, wo zuvor Freiheit
zu finden war (2Kor 3. 17 - 18). Denn der Mensch regiert
wieder; er nimmt die erste Stelle ein, und nichts, aber auch
gar nichts geht mehr ohne die Einwirkung von Leiterschaft.
Auch
die Beziehung zu dem selbsterwählten König ist nicht ohne
Vorvermittlung der jeweils zwischengeordneten Instanzen möglich.
Das gemeinsame Leben von „Brüdern unter Brüdern”,
als von „Gleichgesinnten” (vgl. Phil 2. 1 - 4, 4. 2 - 3)
findet also genau hier ihr Ende. Der „Leiter”, Samuel
nennt ihn den Obersten über Fünfzig, wird nun zur
Bezugsperson aller gemacht. Diese Obersten über Fünfzig,
dort zwanzig an der Zahl, haben ihren Bezug wiederum in den
Obersten über Tausend. Und erst diese haben mit dem König
überhaupt Kontakt. Denn die Obersten über Fünfzig sind
zuallererst den Obersten über die Tausend untergeordnet; nur die
Obersten der Tausend unterstehen dann dem König direkt und
können mit ihm verhandeln. In dieser Struktur haben wir
bereits das Grundmuster religiöser Dachorganisationen vorliegen,
den Vorläufern gerade entstehender „christlichen
Denominationen” oder „Kirchen”, neuer Abspaltungen
von dem immer weiter geschundenen Christusleib. Nichts mehr zu sagen
hat das „Volk”, als die Masse derer, die „unten”
sind, und die nun von den „Obersten”, als den
Bevollmächtigten des Königs, „von oben herab”
regiert werden. In der Welt können wir genau dieselbe Struktur
wiederfinden; denn für die Welt ist sie gemacht, und allein
für sie hat sie von Gott her auch ihre Gültigkeit –
niemals aber für Gottes Eigentum, Seine Kinder innerhalb des
Christuskörpers. Und so gilt in der Welt sehr wohl, der
von Gott in sie hinein gesetzten Obrigkeit untergeordnet zu
sein – auch für uns, wie Paulus schrieb, denn noch leben
wir in dieser Welt, und die Entrückung hat noch nicht
stattgefunden (Rö 13. 1 - 6). Kurz danach aber wird Paulus dazu
überleiten, daß es gilt, einem jeden das Schuldige
zu erstatten; schließlich, nachdem er all dies behandelt
hat, sagt er den Römern: „Seid niemandem etwas
schuldig, außer, einander zu lieben” (Rö 13.
7 - 8).
Einanderlieben,
so daß jeder jedem die ihm schuldige Liebe zukommen lassen soll
– das gilt jedem einzelnen Glied der Gemeinde in Rom, an die
Paulus schrieb; damit gilt es auch uns. Und wir bleiben darin
Schuldner; denn die Liebe lebt weder im Gestern, noch im Morgen; sie
lebt im Heute, im Hier und im Jetzt. Genauso wird die Liebe niemanden
besonders vorziehen können, während andere dabei ins
Hintertreffen geraten. Sie kennt nicht „Groß”, noch
kennt sie „Klein”, aber sie selbst macht sich
klein – immer um des Andern willen. „Die Liebe
wird niemals hinfällig”, ermahnte Paulus dann auch die
Korinther – ausgerechnet im Hinblick auf besondere Gnadengaben
wie Prophetenwort, Zungenrede oder Erkenntnis (1Kor 13. 8). Denn eine
Gabe gilt dem Dienst, wenn sie echt ist, und damit dem Bruder
und der Schwester, die Gott mir an die Seite gegeben hat; sie stellt
den, der sie ausübt, niemals über andere. Die
Liebe ist völlig unabhängig von Gabe oder Berufung! So
betrifft nun die Ordnung der weltlichen Obrigkeit, die noch
einzelne, von Gott gesetzte Amtsträger besonders
hervorhebt und aufgrund dieser Einsetzung auch besonderer Ehren
würdig hält, nicht mehr den Umgang miteinander innerhalb
dessen, was wir als „Gemeinde” bezeichnen. Denn da gibt
es keinen Vorzug – für niemanden: Er, der Christus,
ist der Meister, wir alle aber sind Brüder, alle
miteinander auf ein und derselben Ebene, in diesem Sinne, obschon mit
verschiedenartigen Gaben ausgestattet, als Gleiche unter Gleichen
(Mt 23. 8 – 10) 2.
Noch nicht einmal für das alte Israel war die in den Völkern
vorhandene, weltliche Ordnung von Königen und Vorgesetzten ein
„anwendbares Modell” – es entsprach nicht dem
Willen Gottes, wie wir gesehen haben. Denn anderenfalls hätte Er
wohl kaum zu tadeln gehabt, daß Israel sich einen König
erwählte: „Sie haben nicht dich, sondern mich
verworfen, daß ich nicht König über sie sein soll”
(1Sam 8. 7). Das Ergebnis eines solchen Begehrens kam wohl von
Gott, jedoch kam es auf dem Gerichtswege – eine Struktur
der Trennung entstand, sowohl von Gott, als auch von dem Bruder und
der Schwester. Damit aber entwickelte sich zugleich auch ein schwer
zu durchschauendes System der Sünde – denn Sünde ist
die Trennung von Gott und dem Nächsten, wie die Bibel lehrt (3Mo
19. 18, 5Mo 6. 5; Mt 22. 36 - 40, Rö 13. 8 - 10 u. a.). Ob
vielleicht die vielen „Leiterschaftskonferenzen”,
„Pastorenseminare” unserer Tage etc. etwas mit dieser
Sünde zu tun haben? Ich denke schon!
Aber
weit mehr noch gilt es herauszustellen, wenn wir den hier
eingeführten Dienst recht beurteilen wollen: er ist ein Dienst
der Vermehrung, der Vermehrung aber des Irdischen: das Volk
soll den Acker des Königs pflügen und seine Ernte
einbringen (1Sam 8. 12). Das auf diese Weise gemehrte, irdische
Gut aber gehört ihm, dem König, den man sich selbst erwählt
hat! In dem Dienst dieser Vermehrung stehen vor allem die weiter oben
angeführten Lehren über das Geben des Zehnten. Doch
auch der Zehnte fließt in die Kassen des Königs und seiner
Bediensteten; sie mehren vor allem ihren Wohlstand und
ermöglichen den Erfolg der von ihnen angeordneten
Unternehmungen (1Sam 8. 15, 17). Erinnern wir uns noch daran, was
Samuel sagte? Es ist ihr Kriegswagen, der rollen, ihr
Feld, das bestellt und ihre Versorgung, die gewährleistet
werden soll (Verse 11 - 13). Immer geht es um das Geschäft
des Königs und seiner Vasallen, doch nie um die Nöte des
Volkes, das diesem König dient (Vers 16). Und so wird hier
nicht gegeben, aller Mehrung (und vielleicht auch anderslautender
Beteuerungen!) zum Trotz. Hier wird genommen; ganze sechs Mal
lesen wir „wird er nehmen” (Verse 11, 13, 14, 15, 16,
17). Da spricht alles von Raub und Knechtschaft; von einer
Beraubung aber, die sich – neben der Verführung, die hier
im geistlichen Bereich geschieht – vor allem im
Irdischen, in Hab und Gut der zum Dienst Verpflichteten abspielt.
Auch an diesem Muster erkennen wir die Wirkungsweise diverser
Glaubenslehren wieder.Ihre Frucht aber ist das Gegenteil dessen, was
ihre Verkündiger den Menschen einzureden suchen. Nicht Erfolg
und Gewinn, sondern Raub und Mangel stehen für die Mehrzahl an
ihrem Ende.
Wer
so dient, der verliert früher oder später seine Freude.
Denn da ist kein Wort mehr von der Freudigkeit, dem Herrn zu
dienen, von der Freiheit des Geistes (um es einmal
neutestamentlich auszudrücken), vom Genießen der Gaben,
die Gott schenkt; alles, das Beste, was sie haben, die Früchte
ihrer Arbeit, ihr Besitz und Lebensunterhalt, ja ihr ganzes Leben,
muß nun – statt dessen – dem
selbsterwählten König dienen: Ein anderer
bestimmt nun Verlauf und Berufung ihres Lebens. Hier verliert man
das Beste, was man hat, und erhält den kümmerlichen „Rest”
zum Lohn, ohne, daß der eigenen Not jemals aufgeholfen würde.
Und so hat auch die Knechtschaft eines sich als „geistlich”
gebärdenden Fron- und Zehntendienstes, wie er in zahllosen so
genannten „Freien” oder „Glaubensgemeinden”
unserer Tage praktiziert wird, ganz genau hier seine Wurzeln: in dem
Abfall von dem lebendigen Gott und dem Erwählen menschlicher
Leiterschaft. Und auch hier wird der Fluch, für den sich
nur allzu viele durch solchen Abfall entschieden haben, sehr bald
eintreten: „Verflucht ist der Mann, der auf Menschen
vertraut und hält Fleisch für seinen Arm. Er wird sein
wie der Strauch in der Wüste; er wird nichts Gutes kommen
sehen... Gesegnet ist der Mann, der auf den Herrn vertraut”
(Jer 17. 5 - 7, Schlachter).
So
haben auch wir darauf zu achten, daß unser Herz allein auf Gott
ausgerichtet bleibt. Verlassen wir diesen uns gebotenen Weg, so
geraten wir in die Sklaverei selbsterwählter Leiterschaft, als
der Herrschaft von Menschen: ist es doch das verbriefte Recht
eines Königs, von seinen Untertanen – und zu
solchen werden wir dann – Gaben in der oben
beschriebenen Form einzufordern, ja unser ganzes Leben für seine
Vorstellungen in Beschlag zu nehmen. Hier wird der Lehrsatz wirksam,
wonach wir dessen Knechte werden, wem auch immer wir uns zum Gehorsam
ergeben haben – „entweder als Sklaven
der Sünde zum Tode oder des Gehorsams zur Gerechtigkeit”,
als dem Dienst Gottes also (Rö 6. 16). Der Dienst nach
menschlichem Willen ist immer der der Sünde, getrennt von Gott;
es ist ein Dienst, von dem Christus uns gerade erkauft hat,
damit wir fortan frei seien, ihm allein zu dienen, und erst
dann – aus Ihm heraus – auch dem Bruder und der
Schwester, und schließlich auch den Menschen in der Welt (vgl.
Ga 6. 10). Auch und gerade hier gilt also, daß Christus in
allem der Erste sein muß (Kol 1. 18). So werden wir, die wir
doch Christus nachfolgen sollen, im Hinblick auf den einzigartigen
Kaufpreis – Seinem teuren und kostbaren Blut – dann
auch nicht umsonst dazu ermahnt: „Mit einem hohen Preis seid
ihr erkauft worden; werdet daher nicht Sklaven der Menschen”
(1Kor 7. 23). Spätestens hier sollte anschaulich genug
geworden sein, wohin die (gerade in den so genannten „freien”
Gemeinden!) heute immer mehr um sich greifende „Lehre”
über „Leiterschaft” und deren vermeintliche
„Unterordnung” führt: sie versklavt die, die sie in
ihrem Leben aufzunehmen und zu verwirklichen suchen, und bindet
sie damit an jene, denen sie fortan zu dienen haben werden –
mit allem, was sie sind und haben, als Gefangene ihres Willens. Die
überaus schädliche Zehntenlehre ist da nur ein
Bestandteil unter vielen anderen; und doch ist sie ein sehr
wesentliches; sorgt doch vor allem sie für die immer
weitere Aufrechterhaltung eines ungöttlichen,
gesetzlich-lieblosen, ja zuweilen skrupellosen Systems. Wie viele auf
diesem Wege eines fürwahr „anderen” Evangeliums
nicht nur arm und ausgeraubt, sondern auch in ihrer Seele ausgelaugt,
ja regelrecht krank gemacht worden sind, ist kaum mehr abzuschätzen.
An anderer Stelle haben wir uns ja dazu schon geäußert.
Gesetzlichkeit,
Herzenskälte und Lieblosigkeit werden also, zumeist sehr subtil
verpackt, mehr und mehr zu Erkennungszeichen dieses Weges, der sich
fälschlicherweise „Gemeinde” nennt. Eine liebe
Schwester schrieb mir im Frühjahr 2003 zu diesem Thema die
folgenden Sätze, die ich mit ihrer Genehmigung an dieser Stelle
einmal auszugsweise wiedergeben möchte:
„Ich...
war bis vor einem Jahr praktisch mein ganzes Leben lang in
charismatischen Gemeinden beheimatet. Ich kenne alle wichtigen
„Stars” der Szene (...) und alle typischen Lehren (auch
die Zehntenlehre). Ich habe der letzten Gemeinde den Rücken
gekehrt, weil ich das Fehlen von Liebe, Annahme, Vergebung, Freude
(vor allem in der Leitung!!!) und den Leistungsdruck („Du mußt
endlich in Deine Bestimmung kommen...”) einfach nicht mehr
ertragen habe. Die Gemeinde war ein Ort, an dem unablässig durch
subtile Anklagen und Forderungen Schuldgefühle geschürt
wurden. Auch wurde sehr großer Wert auf übernatürliche
Erlebnisse gelegt.
Obwohl
ich Predigten usw. vermisse, fühle ich mich zum ersten Mal
richtig wohl – auch geistlich. Meine Beziehung zu
Jesus war noch nie so eng und schön. Und das OHNE
Gemeinde!!! (Hätte ich nie gedacht...) Meinem Mann geht es
übrigens genau so...”
Dies
sind gewiß erschütternde Aussagen. Aber zeugen diese Sätze
nicht auch von großer Freiheit, die ein Kind Gottes wieder oder
ganz neu erfahren hat? Was kann schöner sein, als diese Freiheit
und diese Freude erleben zu dürfen, wenn man zuvor nur die
Knechtschaft kannte?
Die
Linie der Überlassung unter menschliche „Autorität” setzt sich
nicht nur die ganze Heilige Schrift hindurch fort; sie führt
über die Zeit des Neuen Testaments hinaus bis in unsere Tage
hinein, wie das obige Zeugnis der Schwester eindrücklich
beweist. In genau derselben Tradition befanden sich auch schon die
Pharisäer; sie bildeten die zur Zeit Jesu bestehende
Leiterschaft, über die der Herr aussagt, daß sie
„die Häuser der Witwen verzehren” würden
(Mk 12, 40, Lk 20. 47). Nicht umsonst wurde gerade ihnen –
im Zusammenhang der Erwähnung des Mammonsdienstes –
nachgesagt, daß Geldgier sie umtrieb (Lk 16. 13 - 14). Denn sie
begehrten nicht nur den Gehorsam und die Ehre, sondern vor allem auch
die Gaben der Menschen; die Einforderung des Zehnten ist ihr
herausragendes Merkmal (vgl. Mt 23. 23 - 24). Waren sie es doch, die
sich gern selbst zu Leitern und Lehrern des Volkes aufwarfen und die
Vordersitze in den Synagogen begehrten (siehe u. a. Mt 15. 14 und 23.
16; Rö 2. 19, 20). –
So
erkennen wir darin ganz unübersehbar deutliche Parallelen zu dem
Gebaren so genannter „Leiterschaft” unserer Tage, die man
sich selbst aufgebürdet hat, weil sie das Gehör ihrer
Zeitgenossen zu kitzeln verstanden (2Tim 4. 3). Auf diesem Wege ist
man allerdings nicht Gott, sondern Menschen nachgefolgt, und ist
damit, wie wir bereits sahen, in die Unfreiheit und Knechtschaft
dieser vorgeblichen „Diener” geraten: „Denn gern
ertragt ihr die Unbesonnenen, die ihr so besonnen seid! Ihr ertragt
es doch, wenn man euch völlig versklavt, wenn man euch aufzehrt,
wenn man von euch nimmt, wenn jemand überheblich ist, wenn man
euch ins Angesicht schlägt”, sagt Paulus im Hinblick
auf die „falschen” und „überragenden Apostel”,
deren Kennzeichen solche Dinge sind (siehe 2Kor 11. 19 - 20; man lese
die Verse im Zusammenhang). Und so sind es dann auch jene, die in den
letzten Tagen Schätze aufspeichern – Schätze auf
der Erde, Schätze für die von ihnen errichtete, nur
allzu irdische Struktur, die sie „Gemeinde” zu nennen
wagen; Schätze für sich selbst, zur Verwirklichung des
Fleisches, die sie von denen nehmen und einfordern, die sie nun für
ihre „Untergebenen” halten. Gott hat für solche kein
Wort des Segens mehr übrig; ihnen, die die Rechte von weltlichen
Königen begehren, wird Er vielmehr mit Jakobus zu antworten
haben: „Siehe, der Lohn, der von euch den Arbeitern, die eure
Äcker gemäht haben, entzogen worden ist, schreit,
und die Hilferufe der Erntenden sind in die Ohren des Herrn Zebaoth
eingegangen” (Ja 5. 4).
Man
merke auf: Gott wird uns hier nicht nur als Gott, sondern als „Herr
Zebaoth”; der Herr der himmlischen Heerscharen, vorgestellt!
Die Heerscharen Gottes sind die Engel; die Engel aber sind die
Schnitter, die die Ernte der Endzeit einzufahren, abzuschneiden
haben, um die Guten von den Bösen zu scheiden (Mt 13. 24 –
30, 37 - 43). Die Ernte Gottes ist an dieser Stelle also nicht die
Evangelisation in der Welt, die wir zu vollbringen hätten. Gott
ist allein der Herr der Ernte; in obigem Zusammenhang steht es da; Er
ist es, der ernten läßt – hier nicht durch Menschen,
sondern durch die Engel der endzeitlichen Gerichte, jene Schnitter,
die Gut und Böse von der Erde abzuschneiden, einzusammeln und
voneinander zu trennen haben. Die aber, die bei Jakobus ernten, die
ernten für die Reichen, für die „Könige”
nach den Maßstäben dieser Welt, ernten für deren
Gewinn und Vorteil, gemäß den Vorstellungen derer, die
sich nun ihre „Leiterschaft” nennen (vgl. 1Sam 8. 13).
Wie das Taumellolch genannte Unkraut des Gleichnisses Jesu (es führt
seinem Namen nach also zum Taumeln, zum trunken und unnüchtern
sein) 3
wirkt auch hier das Unechte täuschend echt; so bleibt es
vielfach verborgen, bis Gott Selbst es offenbart und wegnimmt (Mt 13.
24ff). Deshalb sollen wir es nicht vor der Zeit ausraufen, sondern
wachsen lassen bis zur Endzeit; wir würden es sonst mit dem
Echten verwechseln, das Gute mit dem Bösen herausziehen und
großen Schaden anrichten. Doch darauf hinweisen, das sollen, ja
müssen wir wohl, allein schon um derer willen, die es hier zu
bewahren oder wieder zurück in die Freiheit der Kinder Gottes zu
rufen gilt. Denn das Ende der hier beschriebenen „Diener”
ist das Gericht, und ihre Werke werden am Tag des Herrn dem Feuer
überantwortet werden, in dem all das, was von der Erde ist,
brennen wird wie trockenes Stroh (Mt 13. 40 – 42, Ja 5. 1 –
3, 1Kor 3. 10 - 15). Und dennoch ist es ihr verbrieftes Recht, das
all jene ihnen immer wieder einräumen, die beschlossen haben,
ihnen nachzufolgen, sich ihrer „Autorität” zu
beugen. – Hast auch du dir einen Menschen zum Leiter
erwählt? Begehrst Du noch immer nach menschlicher Leiterschaft?
Dann flehe nicht zu dem Herrn, daß Er diese deine
„Leiterschaft” oder die durch diesen Weg hervorgerufenen
Umstände ändere; Er wird dich doch nicht hören (1Sam
8. 18). Bitte Ihn nicht darum, daß Er deine Last leichter
mache, bevor du diesen Weg nicht verlassen hast; denn vorher
wird, ja k a n n Gott dein Flehen nicht beantworten! Denn sie
alle, die man sich zu Leitern erwählte, begehren das, was ihnen
dann auch zusteht: d a s K ö n i g s r e c h t !
An
dieser Stelle enden die beiden Auszüge aus dem vierten Kapitel
der Zehntenlüge”. Es liegt mir eigentlich fern, schon
einmal geschriebene Artikel mehrmals zu verwenden. Die in diesen
Auszügen gemachten Aussagen aber gehören inhaltlich ganz
unbedingt in die in dieser Schrift gemachten Zusammenhänge mit
hinein. Aus diesem Grunde sind sie hier nochmals mit eingefügt
worden.
Eine
kurze Bemerkung zum Schluß: Samuel, von dessen Wirken diese
Betrachtung ausgegangen ist, gilt als der letzte Richter Israels, der
Gott ergeben war, und stellt damit den Abschluß der Richterzeit
dar. Seine Söhne hatten diesen Weg bereits verlassen (1Sam 8. 1
- 2). So ist auch die Ordnung der Richter selbst zu erwähnen,
in der diese im Volk Recht sprachen, wie wir dies bei Samuel
eindrucksvoll gesehen haben. Die Richter waren ein von Gott zeitweise
benutztes Organ, um Sein Volk vor allem aus so mancher Gefangenschaft
zu befreien, in die es sich durch seinen Ungehorsam immer
wieder hineingebracht hatte, und es wieder zurück in den
Gehorsam gegen Gott zu führen. Wir müssen also festhalten,
daß selbst diese Einrichtung Gottes ihren Ursprung und Anlaß
in der fortgesetzten Sünde Israels hatte, und sie zudem zu
keiner Zeit in der Lage war, einen andauernden Gehorsam des
Volkes herzustellen. Jeder einzelne dieser Richter bewirkte
lediglich eine vorübergehende Befreiung Israels aus den
Händen seiner Feinde, nachdem Israel umgekehrt war. So verließ
es seinen Götzendienst, zerbrach die Götzenbilder und
Altäre und suchte Gott von Neuem. War der Dienst desselben
Richters jedoch beendet, fiel das Volk stets in das alte Muster
seines Abfalls und Ungehorsams zurück. Dies führte zu neuer
Knechtschaft, weswegen Gott jedesmal einen neuen Richter erwecken
mußte, um Gehorsam und Freiheit wiederherzustellen. Das Buch
der Richter spricht dazu wahrlich Bände.
Damit
wird das Unvollendete und Vergängliche auch dieser Einrichtung
offenbar. Gerade anhand der Richterzeit wird deutlich, daß
diese Ordnung nicht zu dem Ziel führen konnte, das Volk in eine
andauernde Beziehung zu Gott hineinzuführen, in der es
allen möglich würde, selbst auf Ihn zu hören
und mit Ihm – und darum auch untereinander
– Gemeinschaft zu haben. Und auch Samuel war diese
Frucht versagt geblieben, wie wir dies in dem falschen Begehren nach
einem menschlichen König gesehen haben, das vom Abfall vom
lebendigen Gott kündete. Die Richterzeit wird also direkt durch
Abfall beendet und mündet so in die Zeit der Könige hinein,
die ihrerseits regelmäßig in demselben Abfall
hineinführte. Immer waren diese Ordnungen von der Sünde
gezeichnet, sind von ihr überhaupt erst bedingt und notwendig
gemacht worden. So haben alle diese im Gegensatz zum Neuen
Bund gemeinsam, daß es immer einzelne, besondere
Gesalbte des Herrn gab, durch die der Herr wirkte und Sein Volk als
solches ansprach, um sie aus dieser Sünde wieder heraus- und
dem Herrn entgegen zuführen. Im Neuen Bund ist dagegen die ganze
Gemeinde, der gesamte Körper, zusammen mit dem Haupt
gesalbt (der Christus), woran jedes einzelne Glied einen Anteil hat;
Gott kann deshalb durch das Haupt zu allen direkt in den
Herzen sprechen – die Wirksamkeit der Sünde,
die Trennung von Gott, ist aufgehoben, das Gesetz lebt im Herzen (Hbr
10. 15 - 18).
„Prophetenschulen”
und „Jüngerschaftslehre” - Alter oder Neuer Bund?
Eine
andere alttestamentliche Struktur, auf die an dieser Stelle
eingegangen werden soll, und derer man sich in heutigen
Gemeindestrukturen und Glaubenskreisen nur allzu gern bedient, ist
die Einrichtung der Prophetenschulen, die zur Zeit des Alten
Bundes bestanden und in denen gewisse alttestamentliche Propheten
ihre Schüler ausbildeten (vgl. 2Kö 2. 5, 15; 4. 38,
Kap. 6 u. a.). Man beachtet dabei aber nicht, daß dies eine
vorübergehende und noch nicht einmal durchgängige
Erscheinung des Alten Bundes war (die meisten wirklichen damaligen
Propheten und Gesalbten Gottes hatten keine menschlichen
Lehrer), und daß in der Gemeinde des Neuen Bundes der
Herr Selbst die Gaben des Geistes innerhalb dieser als einem
Körper austeilt, wie Er will (siehe hierzu 1Kor 12.
11, 18, 28).
Grundlage
für eine solche Anwendung alttestamentlicher Strukturen
ist u. a. der oft mißverstandene Missionsbefehl in Mt 28.
19, in welchem Jesus Seinen Jüngern den Auftrag gibt, alle
Nationen zu Jüngern zu machen. Demnach meinte man ein
(gewissermaßen hierarchisches) System von „Lehrern”
und „Schülern” errichten zu müssen, wobei sich
dann diese Schüler als die Nachfolger ihrer „Lehrer”
zu verstehen hätten, die aufgrund derer Vermittlung nun selbst
zu solchen heranwachsen würden, um sich selbst nun wiederum
Jünger heranziehen zu können. Eine solche Anwendung (in
diesem Sinne) ist falsch und irreführend. Wir sollen nicht
Jünger machen, die uns nachfolgen, und die dann
ihrerseits wieder „ihre” Jünger machen, die ihnen
folgen usw., sondern solche, die dem Herrn nachfolgen,
und die dann – aufgrund ihrer Reife infolge der Annahme
des Wortes Gottes – ihrerseits wiederum in der
Lage sein würden, andere in dieser Weise zu lehren und
durch ihr Vorbild in dieselbe Reife hineinzuführen (vgl. hierzu
2Tim 2. 2). Das „Jünger machen”, welches Jesus
angeordnet hat, besteht darin, diese Seiner Anweisung gemäß
in den Namen(d. h. an der Stelle dessen und für diesen)
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen und sie
alles das zu lehren, „was ICH euch befohlen habe”.
Der
Herr drückt hier wörtlich aus, daß wir Lernende
(im Sinne eines fortwährenden Nachfolgens) machen sollen.
Das landläufig mit „Jünger” übersetzte
Wort mathétes steht hier im Griechischen in einer
unbestimmten Zeitform (Aorist). Dies bedeutet, daß ein
solches Lernen nicht aufhört, und weist somit darauf hin, daß
ein solcher Jünger nur ein Nachfolger des Herrn sein kann,
der beständig auf diesen hört, Ihn Dinge tun sieht,
sich diese von Ihm annimmt und sie in derselben Weise vollbringt, wie
es der Herr ihn gelehrt hat, und dann mit dem Herrn
Selbst weitergeht. Die schriftgemäße Definition eines
solchen Jüngers können wir u. a. im Propheten Jesaja
vorfinden, wo es heißt: „Er (Gott!)
weckt, ja, Morgen für Morgenweckt er mir das Ohr, daß
ich höre wie ein Jünger. Gott, der Herr, hat mir
das Ohr aufgetan; und ich habe mich nicht widersetzt und
bin nicht zurückgewichen” (Jes 50.4 - 5, Schlachter). So
ist ein Jünger des Herrn ein solcher, der in der Lage ist,
Seine Stimme zu hören - allezeit, „Morgen
für Morgen” – und ihr allezeit zu
gehorchen, d. h. zu folgen. –
Elia
und Elisa: Wann wird „Dein Elia” von Dir genommen?
Bestandteil
der zwar falschen, jedoch weitgehend vertretenen sogenannten
„Jüngerschaftslehre” ist auch die den vorstehend
erwähnten Strukturen des Alten Bundes entnommene Ansicht, daß
die Salbung (die Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes!) von
einem „Diener” auf den „Jünger” käme,
wenn er sich einem solchen „Dienst” unterordnete und
diesem in allem folgte, also eine klare Kopie gewisser Zustände
des Alten Bundes, wie wir sahen. –
Gern
wird hierfür das Vorbild Elia – Elisa (1Kö 19. 19 -
21, 2Kö 2. 1 - 14) benutzt. Man müsse daher, wolle man die
Kraft und Salbung des Geistes Gottes für sich bzw. „den
Dienst” erhalten, zu denen gehen, die „diese Salbung”
hätten, um „von ihnen zu empfangen” und ihnen folgen
und dienen, da nur auf solche Weise die Gabe und Berufung Gottes
„zustande käme”. Dies anzuwenden, ist jedoch eine
gefährliche Verkehrung der Art und Weise, wie Gott Seine Kinder
führt; es offenbart an dieser Stelle eine Unkenntnis der
Heiligen Schrift und ein Vorziehen menschlicher Lehren und
Traditionen. Zudem „kommt” eine GabeGottes
nicht „zustande”, sondern ist etwas, was ohne eigenes
Zutun von Gott geoffenbart und geschenkt wird. Dem so Beschenkten
obliegt es freilich, diese Gabe von Ihm dankbar und glaubensvoll
anzunehmen, um in ihr zu wachsen und Frucht zu bringen.
Offenbar
wird dies, wenn wir uns die Geschehnisse um Elia und Elisa
näher anschauen. Der erste Irrtum in dieser Sache besteht darin,
daß man wie oben angedeutet annimmt, daß eine Gabe und
Offenbarung Gottes durch eigene Willensentscheidung, durch Lernen
und aufgrund der Vermittlung von Menschen zustande kommt.
Jedoch ist es Elia, der, einem Wort des Herrn gehorchend, auf
Elisa zugeht, und nicht umgekehrt (1Kö 19. 16, 19 - 21). Es ist
also keineswegs so, daß Elisa eine solche Salbung und Berufung
begehrt hätte. Im 19. Vers (Revidierte Elberfelder)
heißt es von Elia: „Und er ging von dort weg (d.
h. von dem Ort, an dem Gott zu ihm gesprochen hatte) und fand
Elisa, den Sohn Schafats, der gerade mit zwölf Gespannen vor
sich her pflügte”; das bedeutet, daß er nach
Elisa erst suchen mußte, und er diesen
schließlich bei einer gänzlich anderen
Beschäftigung fand, nämlich bei der Feldarbeit –
Elisa hatte also keineswegs im Sinn, Prophet zu werden!
Verfolgen
wir dies Geschehen weiter, so wird zunehmend klar, daß nicht
vorgesehen war, daß Elisa dem Elia in auch nur irgendeiner
Weise „nachfolgen” sollte. Nachdem Elia ihn aufgefunden
hat, wirft er seinen Mantel über ihn (Vers 19b), ein Zeichen,
daß Elisa von Gott nunmehr zu Seinem Propheten gesalbt worden
ist, da der Mantel ein Symbol der Salbung ist. Elisa
interpretiert diesen Mantel jedoch nicht allein als Salbung Gottes,
sondern auch als den Mantel Elias, unter den er sich
fälschlicherweise gerufen sieht. Er verbindet somit die ihm
durch Elia ausgedrückte Berufung nicht nur mit Gott, sondern
zunächst mit einem Menschen, wobei er hingegen wieder
richtig erkennt, daß die ihm übermittelte Berufung sein
ganzes Leben in Beschlag nehmen wird. Demzufolge sehen wir im 20.
Vers, daß Elisa sein Joch Rinder, d. h. seinen Lebensunterhalt
aufgibt, um nun Elia zu folgen, da er der Ansicht ist, daß
Elia ihn in seine Nachfolge riefe. Doch als Elisa dem Elia
klarzumachen sucht, daß er „nur noch seinen Vater und
seine Mutter küssen” wolle (eigentlich einem bei der
Totenbestattung üblichen Brauch, der anzeigt, daß er seine
Eltern nie mehr wiedersehen würde, da sie nun gewissermaßen
für ihn tot sind), „dann will ich dir nachfolgen”,
sagt Elia ihm ganz unmißverständlich: „Geh,
kehre um! Denn was habe ich dir getan ?” (oder: was habe
ich mit dir zu schaffen, Vers 20), womit er ihm deutlich
macht, daß er im Auftrage Gottes den Elisa lediglich aufsuchen
und an seiner Stelle salben, niemals aber in eine Nachfolge rufen
sollte (1Kö 19. 16). Deshalb auch sein stetig erneuerter,
dringlicher Appell an Elisa, von diesem Wege umzukehren und
ihn allein ziehen zu lassen (siehe 1Kö 19. 20, 2Kö
2. 4 und 6); ein Aufruf, der sich durch die ganze Zeit der
Gemeinschaft Elias mit Elisa wie ein „roter Faden”
hindurchziehen wird. Diese Ansprachen sind neben den nachfolgend
geschilderten die einzigen an uns überlieferten Worte Elias, die
er an Elisa gerichtet hatte.
Elisa,
der seine Eltern verlassen hat, sieht nun Elia –
bis zuletzt – als seinen Vater an (2Kö 2.
12), undverquickt die Berufung und Gaben Gottes mit dem Segen,
den ihm ein menschlicher Vater zu geben hätte. Damit bringt
er die geistliche Berufung auf eine natürlich - fleischliche
Ebene, da er von Menschen erwartet, was nur Gott zu geben hat.
Er, der den Vater und die Mutter verließ, und der Elia jetzt
gewissermaßen als einen „Ersatzvater” betrachtet,
fordert am Ende, als klar ist, daß Gott Elia von ihm wegnehmen
würde, den Segen des Erstgeborenen, mit dem er von seinem
eigentlichen Vater bei seinem Tode bedacht werden würde. Es war
Brauch, daß der sterbende Vater dem erstgeborenen Sohn zwei,
dem oder allen anderen das andere Drittel seines Besitzes vererbte
(vgl. 1Mo 25. 31 und 49. 3; siehe 5Mo 21. 17). Elisa verlangt daher
von Elia „den zweifachen Anteil” (andere
übersetzen: zwei Drittel) von seinem Geiste (2Kö 2.
9; das ist nicht etwa die „doppelte Salbung”, wie
viele dieses Wort falsch und sinnentstellend auslegen).
All
diese Zusammenhänge offenbaren sich nun anhand der
bevorstehenden Hinwegnahme Elias. Es wird nämlich deutlich, daß
der Plan Gottes, Elia in den Himmel aufzunehmen, durch Elisas
Unverständnis mehrere Male aufgehalten wird: „Als
aber der Herr Elia im Wetter gen Himmel holen wollte, ging Elia
mit Elisa nach Gilgal hinweg. Und Elia sprach zu Elisa: Bleibe
doch hier; der Herr hat mich gen Bethel gesandt! Elisa aber
sprach: So wahr der Herr lebt, und so wahr deine Seele lebt, ich
verlasse dich nicht! Also kamen sie hinab gen Bethel. Da gingen
die Prophetensöhne, die zu Bethel waren, heraus zu Elisa und
sprachen zu ihm: Weißt du auch, daß der HERR deinen
Herrn heute über deinem Haupte hinwegnehmen wird?...”
(2Kö 2. 1 - 3, Schlachter) Exakt dasselbe geschieht noch ein
weiteres Mal, nämlich in dem über 200 km weit entfernten
Jericho, bevor sie danach ein letztes Mal aus diesem Grunde gehen
müssen, diesmal an den Jordan. Jedes Mal wird ausgesagt, daß
der Herr ihn, Elia, „heute” wegnehmen wolle,
jedesmal bittet, ja bettelt Elia regelrecht darum, Elisa möge
doch „hierbleiben”, und stets verzögert sich
seine Wegnahme aufgrund des Drängens Elisas, der dies nicht
befolgt, so daß der Herr Elia ständig aufs neue, jedesmal
an einen anderen Ort und über weite Entfernungen senden muß
(siehe 2Kö 2. 1 - 7) – Wie werden doch die Pläne
Gottes aufgehalten, werden Umstände, Mühen, Nöte, ja
Leiden hervorgerufen durch ein solches Unverständnis! –
Als es schließlich dem Elia nicht weiter möglich ist,
Elisa auszuweichen, kommt es zu dem bekannten Wortwechsel zwischen
beiden, nach dem Elisa von ihm „den zweifachen Anteil an
seinem Geiste” zu erhalten begehrt. Dies ist eine der in
heutigen Glaubenskreisen am meisten fehlinterpretierten
Schriftaussagen überhaupt, nach der man der irrigen Auffassung
ist, daß ein Mensch von einem anderen Menschen (durch
menschliche Unterordnung also) eine Mitteilung oder Übertragung
des Geistes Gottes – der dritten Person der Gottheit –
erwarten könne!
Doch
was ist Elias Antwort: „Du hast eine s c h w e r z u e
r f ü l l e n d e (!) Bitte getan; wirst du mich sehen, wenn
ich von dir genommen werde, so wird es geschehen, wo aber n i c h t, so
wird es nicht sein ” (Verse 9 - 10). Elia, der
bekanntlich die Berufung des Elisa von Anfang an kannte
(nämlich durch das eingangs erwähnte Wort des Herrn aus 1Kö
19. 16), sagt ihm hier nichts anderes, als daß, wenn Elisa
erlebte, wie Elia von ihm genommen wird, dieser also für ihn
nicht mehr da wäre, d. h. wenn er dann nicht mehr
auf ihn sehen kann, dann – nur dann könne
es geschehen. Auch hier wird deutlich, daß Gott eigentlich
nichts anderes bewirken wollte, als daß Elisa endlich aufhören
würde, auf Elia zu schauen, um von ihm etwas zu erwarten,
was ihm schon gegeben war und was nur Gott, niemals aber ein
menschlicher Leiter geben kann. Wenn er sein ganzes Augenmerk
doch endlich auf das Wirken des Herrn – der dabei war, Elia
von ihm wegzunehmen! – lenken würde, dann
und n u r d a n n könnte Elisa in das eintreten, was Gott
ihm zu geben hatte – dort am Jordan. Und gleich Elisa müssen
auch wir an unseren Jordan kommen – dem Ende des
Schauens auf Menschen, und dem Beginn des Schauens auf den lebendigen
Gott allein. Der Grenzfluß Jordan (hbr. Jarden,
Herabsteigender) ist der Ort, an dem es endgültig zu sterben
gilt, gerade auch dem, was Menschen betrifft; erst danach
gelangen wir in das Verheißene, erst dann können wir in
die Dinge Gottes eintreten: „Steig in den Jordan, mein
Freund!”
Selbst
nach diesem Erleben hatte Elisa es noch immer nicht völlig
begriffen, und bezog die ihm von Gott verliehene Salbung noch immer
auf Elia, nahm Elias Mantel, den dieser ihm von
Anbeginn an übergeworfen hatte (der Mantel ist, wie wir sahen,
nichts anderes als ein Bild für die Salbung, d.h. der Kraft der
Gegenwart des Herrn), schlug damit auf das Wasser des Jordans, wie
Elia dies vor ihm getan hatte, und rief aus: „Wo ist nun der
Gott Elias ?” Es war ihm also auch jetzt nicht klar, daß
der Gott Elias a u c h s e i n Gott war, und die Salbung von
Gott, und nicht von Elia kam. Doch die Wasser des Jordans
zerteilten sich, wie sie es auch bei Elia (2Kö 2. 8) getan
hatten: Gott hatte Geduld mit ihm und zeigte, daß Er mit Elisa
in genau derselben Weise war, wie vordem mit Elia. Und so –
indem sich die Wasser des Jordans teilten, des Flusses also, an dem
es zu sterben galt – trat Elisa in seine Berufung ein,
die sich, obschon sie eine Berufung an seiner Statt war und als
solches diese fortzusetzen hatte, von der Berufung Elias doch
deutlich unterschied.
Von
Prophetensöhnen und anderen Dummheiten
Noch
viel ausgeprägter war dieses Denken, mit dem unser Elisa so
große Not hatte, bei den Prophetensöhnen. So bezeichnen
sie Elia als den Herrn des Elisa (2Kö 2. 3, 5). Als die
Salbung Gottes auf Elisa kommt, nachdem Elia von ihm genommen worden
ist, behaupten sie, daß die Salbung Gottes „der Geist
Elias” sei, der auf ihm ruhe, und werfen sich vor ihm nieder
(Vers 15); ein Zeichen der Unterwerfung, wonach sie ihm
unvermittelt ihre „Dienste” anbieten (Vers 16). So hatte
Elisa sie schließlich „auf dem Halse”.
Sehen
wir dazu noch auf die zahlreichen Begebenheiten bezüglich
dieser Prophetenjünger, so werden diese kaum jemals in einem
positiven Kontext erwähnt, und zeigen das Ergebnis, daß
sie der Berufung und der Erkenntnis eines Propheten, die zu erlangen
sie sich unter die vermeintliche Leitung anderer Propheten begeben
hatten, auf diesem Wege nicht gerecht werden konnten. So
begehren sie in ihrer völligen Unwissenheit, nachdem sie
miterlebt hatten, wie Elia zum Himmel fuhr, diesen durch die bei
Elisa anwesenden Männer suchen zu lassen, da es ihrer
Meinung nach doch gewesen sein k ö n n t e, daß „der
Geist des Herrn ihn weggetragen und ihn auf einen der Berge oder in
eines der Täler geworfen” habe. Elisa warnt sie
zunächst davor, die Männer auszusenden; erst als sie ihn
unablässig drängten, gab er ihnen nach, worauf sie ihn drei
ganze Tage lang suchten, aber natürlich nicht finden konnten
(2Kö 2. 16 - 18). Wie das Himmlische nicht auf dieser Erde, so
ist auch der Lebendige unter den Toten nicht zu finden (Lk 24. 5).
Was für ein Mangel an Erkenntnis Gottes, welch traurige
Verquickung himmlischer Dinge mit nur allzu irdischen Vorstellungen!
– Ein anderes Mal kommt die Frau eines der Prophetensöhne,
nachdem dieser verstorben ist, zu Elisa und offenbart ihm, daß
ihr Mann seine ganze Familie durch Schulden derart in den Ruin
getrieben hat, daß der Gläubiger nun ihre beiden Söhne
als Sklaven nehmen wollte. Am Ende dieses Weges stand der Tod:
der Mann war verstorben und ihre gesamte Existenz war zunichte
gemacht (siehe 2Kö 4. 1). Wie viele solcher „Prophetenjünger”
haben sich heute dazu verführen lassen, Schulden zu
machen, und haben sich und andere in den Ruin getrieben oder treiben
lassen? Befindest auch du dich auf dem Weg des Todes –
wie der, von dem hier die Rede ist – und ziehst damit auch die
Deinen in Mitleidenschaft?
An
anderer Stelle hätten die Prophetensöhne sich fast
vergiftet, als einer von Elisas Dienern ein Essen für sie alle
kochen soll und dafür giftige Kräuter einsammelt, die er
nicht kennt. Auch die Prophetensöhne bemerken es erst, nachdem
es fast schon zu spät ist; sie hatten von dem Essen bereits
gekostet – so daß nun wiederum Elisa als der von Gott
geoffenbarte Prophet einschreiten muß, indem er die ihm von
Gott gezeigte gute Speise – das Mehl – in den
Topf werfen läßt, wodurch das Essen wieder genießbar
wird (2Kö 4. 38 - 41). Auch hier geht es wieder um Tod oder
Leben. – „Für alles ist ein Kraut gewachsen”,
sagt man. Das „wie man”, das „wenn du das tust und
anwendest, geschieht das und das, oder dies und jenes läßt
sich fernhalten”, das Anwenden „geistlicher”
Prinzipien, Methoden und Mittelchen – „Kräuter”
– ist ein ganz großes Thema heutiger christlicher Kreise.
Prinzipien müssen da herhalten, wo man auf Menschen baut –
und den gegenwärtigen, lebendigen Gott Selbst verlassen hat.
Ist dein Topf genießbar, oder hast du giftige Kräuter
gesammelt? Ißt du von der verbotenen Frucht (2Mo 2. 16 - 17),
oder nährst du dich von dem Baum des Lebens? Erkennst du Ihn
Selbst – hast du Gemeinschaft mit Ihm – oder
beschäftigst du dich damit, dir Wissen über„Kräuter”
anzueignen? Sind Kräuter, ist Wissen über „Gut
und Böse” dein Lebenselixier? Laß die Kräuter
Kräuter sein, und komm zu Dem, der das Mehl symbolisiert
– geh, reinige dich und empfange Den, der das Brot des
Lebens ist!
Von
der Unfähigkeit der Berufenen Gottes: „Wehe mir - ich
vergehe!”
Betrachten
wir uns die Berufungen der Gesalbten und auch die der Propheten
genauer, so fällt auf, daß keiner dieser Gesalbten des
Herrn jemals durch eine menschliche Vermittlung, Belehrung oder
Schulung gegangen ist. Wer sollte beispielsweise Noah gelehrt
haben, wenn nicht der Herr Selbst? Einen Mose berief der Herr
Selbst aus dem brennenden Dornbusch heraus (2Mo 3. 1 - 22 und 4. 1 -
17). Jesaja erlebt seine Berufung und Einsetzung in jener
Vision des Thronsaals Gottes (Jes 6. 1 - 8) erst
nachdem er seine eigene Unreinigkeit erkennt,
und angesichts der Herrlichkeit und Heiligkeit Gottes
erschüttert ausruft: „Wehe mir, ich v e
r g e h e ! Denn ich bin ein Mann von unreinen Lippen und wohne unter
einem Volk, das auch unreine Lippen hat; denn meine Augen haben
den König, den Herrn der Heerscharen gesehen !”
(Jes 6. 5, Schlachter), indem ein Engel seine Lippen mit
göttlichem Feuer reinigt.
Ähnliches
geschieht auch bei der Berufung Jeremias, der seine eigene
Unfähigkeit zu solchem Dienst erkennen muß, und dem
Herrn, der ihn bereits von Mutterleibe an ausgesondert hat, auf
Seinen Ruf erwidert: „Ach, Herr, HERR, ich kann nicht reden;
denn ich bin noch zu jung !” worauf hin der Herr seinen
Mund berührt und ihm das kundtut, was a l l e i n ihn zu
einem Propheten machen wird: „Sage nicht, ich bin zu jung!
Sondern du sollst überall hingehen, wohin Ich dich
sende, und alles reden, was Ich dich heiße!... Und der
Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an; und der
Herr sprach zu mir: Siehe, Ich habe meine Worte in deinen Mund
gelegt !” (Jer 1. 4 - 9, Schlachter).
Solches
kann auch von Hesekiel(Hes 1. 3 u. a.) und all den anderen gesagt
werden. Einen David beruft der Herr – gegen alle
menschlichen Maßstäbe und Konventionen – von seiner
Herde weg. Samuel,der als kleiner Junge bereits bei Eli dem
Herrn diente, war dem Herrn schon vor seiner Zeugung geweiht
worden, u. v. a. m. Wenn Gott auch hier und da durchaus Menschen
benutzt, um Seine Absichten nach außen kundzutun, indem
z. B. Könige im Auftrage Gottes durch andere Diener als
äußerlich sichtbares Zeichen mit Öl gesalbt
wurden, so kommt diese Berufung doch niemals von und
durch Menschen selber. Gott beruft und befähigt stets ohne
menschliche Vermittlung; ja Er scheint diese regelrecht zu
umgehen. Auch haben alle diese Berufenen gemeinsam, daß
sie stets ihre eigene Unfähigkeit erkennen, und ihre
Fähigkeit, in ihrer Berufung zu wandeln, allein von Gott
kommt. Eine die gesamte Persönlichkeit erschütternde und
verändernde unmittelbare Begegnung mit dem lebendigen Gott, die
uns ans Ende unserer eigenen Fähigkeiten und damit in den
völligen Zerbruch führt, stand und steht somit am Beginn
einer jeden echten Berufung, oder wird in deren Verlauf erfahren.
Ungeschult
und ungelehrt, aber mit Jesus zusammen: Begehrst Du Ihn?
All
diese Aussagen gelten nicht nur für den Alten Bund, sondern erst
recht auch für den Neuen. Gott verändert sich nicht, Er
kennt auch nicht den Schatten eines Wechsels (Ja 1. 17). So werden
uns in Apostelgeschichte 4. 13 Petrus und Johannes
geschildert, die – voll Geistes (Vers 8) – sowohl zum sie
umgebenden Volk als auch zur Priesterschaft sprachen. Über diese
wird nun gesagt: „Als sie den Freimut des Petrus und Johannes
schauten und es erfaßten, daß sie ungeschulte und
ungelehrte Menschen seien, waren sie erstaunt. Sie
erkannten sie auch als solche, d i e m i t J e s u
s zusammen
gewesen waren.” –
Ein
Paulus wußte von sich zu sagen, daß er nicht von
Menschen berufen wurde, noch hatte er sein Evangelium durch
menschliche Vermittlung oder Belehrung erhalten, sondern allein durch
eine Offenbarung Gottes (Ga 1. 12). Dies bedeutet, daß
es nicht möglich sein kann, das Evangelium Gottes zu
„lernen”; es kann uns nur von Gott Selbst
geoffenbart werden. Wohl hatte Paulus Unterredung mit anderen Brüdern
gesucht; diese Unterredung hatte aber nicht diese, sondern andere
Dinge zum Inhalt; auch fand sie erst dreizehn Jahre nach
seiner Offenbarung statt. Die Offenbarung bringt also auch
eine Zusammenführung zustande, und zwar mit Menschen,
denen die gleiche Offenbarung zuteil wurde, ein Zusammentreffen
aber keine Offenbarung. Wenn wir etwas anderes behaupteten, würden
wir die Schrift verdrehen. Die Berufung des Apostels jenseits jedes
menschlichen Einflusses können wir im Beginn eines jeden seiner
Briefe nachvollziehen, in denen er sich in dem Sinne vorstellt als
„Paulus, Sklave Christi Jesu, berufener Apostel” (Rö
1. 1), „durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu”
(1Kor 1. 1), „Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes”
(2Kor 1. 1, Eph, Kol und 2Tim 1. 1), „Apostel Christi
Jesu gemäß der Anordnung Gottes” (1Tim 1. 1) usw.
Überall betont er, er sei ein Apostel Jesu Christi.
Im Galaterbrief fügt er dem hinzu: „...nicht von
Menschen, noch durch Menschen, sondern (d. h. abgesondert davon!)
durch Jesus Christus und Gott den Vater, der Ihn aus den Toten
auferweckt hat” (Ga 1. 1). Wenige Verse weiter (15 - 24)
fährt er dann fort: „Als es aber Gott... wohlerschien,
Seinen Sohn in mir zu enthüllen, damit ich Ihn als Evangelium
unter den Nationen verkündige, da unterbreitete ich es
nicht sofort Fleisch und Blut, noch ging ich nach Jerusalem zu denen
hinauf, die schon vor mir Apostel waren, sondern (!) ich begab mich
nach Arabien... Darauf (nach drei Jahren) ging ich nach
Jerusalem hinauf, um Kephas von mir zu berichten... Jemand anders als
die Apostel sah ich nicht, außer Jakobus, den Bruder des Herrn.
Was ich euch hier schreibe, siehe, vor den Augen Gottes sage ich
es: ich lüge nicht ... den Gemeinden in Judäa... war ich
von Angesicht unbekannt. Sie hatten nur gehört: Der
uns einstmals verfolgte, verkündigt nun als Evangelium den
Glauben, dem er einst nachstellte. Und sie verherrlichten Gott im
Hinblick auf mich.” –
Während
die Jünger (Lehrer und Propheten in Antiochien) beispielsweise
in der Apostelgeschichte Gott dienten, beteten und fasteten, sprach
der Herr Selbst zu ihnen: „Sondert mir aus
den Barnabas und den Saulus zu dem Werk, zu dem Ich sie berufen
habe” (siehe Apg 13. 2), und zwar o h n e daß
sie von sich aus eine solche Einsetzung bezweckt oder begehrt hätten.
Apg 13. 4 sagt nun aus, daß diese „nun (allein) vom
Heiligen Geist ausgesandt” waren; also auch hier ohne jegliche
menschliche Einwirkung. Die im Gebet Versammelten
waren in diesem Falle lediglich die Kanäle, durch die der
gegenwärtige Herr Seine Entscheidung für alle vernehmbar
kundtun konnte, und durch die der Herr Seine Berufung bestätigen
ließ. – In diesem Sinne ist auch die Gnadengabe Gottes
zu verstehen, die Timotheus vom Herrn, und nicht etwa von
Paulus empfing, indem dieser ihm die Hände aufgelegt hatte, und
die er nun wieder anfachen soll (2Tim 1. 6). Es ist auch hier eben
gerade nicht der Fall, daß Paulus ihm eine Gabe
„vermittelt” oder „übertragen” hätte,
weshalb auch in dem Kontext des hier Gesagten von der Gnadengabe
Gottes (Vers 6) gesprochen wird - daß Gott ihm
nicht einen Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe
und gesunden Vernunft gegeben habe, keineswegs aber davon, daß
dies ihm durch Paulus´ Handauflegung vermittelt worden
sei. (Vers 7). Ebensowenig kann auch behauptet werden, daß
jene, die den Heiligen Geist empfangen hatten und in anderen Zungen
redeten, nachdem die Apostel ihnen die Hände aufgelegt hatten
(Apg 8. 17; vgl auch 9. 17 und 19. 6), diese Gabe von den
Aposteln empfangen hätten, denn der Herr ist es nach wie vor
allein, der mit dem Heiligen Geist tauft (siehe die
Aussagen Johannes des Täufers in Mt 3. 11, Mk 1. 8, Lk 3. 16, Jo
1. 33; vgl. auch Apg 1. 5 und 11. 16); und Er allein
gibt Seine Gnadengaben so, wie Er es will (Rö 12.
6, 1Kor 12. 11, 18; Eph 4. 7 - 8). Das Auflegen der Hände mag
ein von Gott erwählter Kanal und eine Hilfe
gewesen sein, und ist es noch; doch der Geist Gottes Selbst, mit
allen seinen Gaben, kann nur durch persönliche Umkehr und
Glauben empfangen werden (vgl. hierzu Apg 2. 38, 10. 43 - 44,
11. 15 - 17, 19. 2; Ga 3. 2, 5 - 6).
Anmerkungen
und Erklärungen zum Kapitel
1
Gott hat auch einen Ismael zugelassen (Ismael = Gott hört)
und in allen Dingen dieser Erde gesegnet, obwohl sein Dasein
nicht Seinem Willen entsprach (vgl. 1Mo 16 und 17). Interessant ist,
daß dieser Segen allein die Dinge dieser Erde betraf. Der von
Gott ausgegangene Bund jedoch wurde mit Isaak
geschlossen, dem Sohn der Verheißung, der nicht nach
menschlichem, dafür aber nach göttlichem Vermögen zur
Welt gebracht worden war. Und dieser Bund bezieht sich zuletzt doch
auf die himmlische Welt. Nicht umsonst ist Jesus ohne Zutun
eines menschlichen Vaters gezeugt worden (Lk 1. 28 - 38). Doch immer
erhebt sich die Hagar, die Magd, gegen die, den den Sohn der
Verheißung hervorbringen soll, kämpft ihr Sohn, der
in menschlicher Kraft nach dem Fleisch Geborene, gegen den aus dem
Geist Geborenen – bis heute (siehe Ga 4. 21 - 31). Das
erste, was mit Ismael geschah, nachdem er mit seiner Mutter
vertrieben worden war und heranwuchs, war, daß er zu einem
Bogenschützen wurde; auch hier ist der Weg des Krieges
vorgezeichnet; und dennoch war Gott noch immer mit ihm (1Mo 16. 12
und 21. 20). „Und er, er wird ein Mensch wie ein Wildesel
sein; seine Hand gegen alle und die Hand aller gegen ihn, und allen
seinen Brüdern setzt er sich vors Gesicht” –
das war die Verheißung, die vor allem über Imaels
Leben stand (1Mo 16. 12, rev. Elberfelder). Wir kennen alle ja die
fliegende Redewendung: „Da habe ich einen vor die Nase
gesetzt bekommen”. Hier setzt sich vermeintliche Leiterschaft
an die Stelle der Bruderschaft, um sie schließlich zu
er-setzen; hier wird der Weg und der freie Blick zu Gott verbaut, die
Beziehung zu dem Bruder und der Schwester erschwert, die Gott will,
daß wir sie haben sollen, und am Ende ganz unmöglich
gemacht – „der Leiter” ist es nun, zu
dem aufzuschauen wir statt dessen genötigt werden. Denn der, der
sich vors Gesicht setzt, das ist der, der den Blickwinkel
verstellt und die Beziehung zerstört, die vor seinem Erscheinen
da war – die Beziehung und das Schauen zu Gott wie die
Beziehung und das Schauen zu dem Bruder und der Schwester. Und somit
ist es Feindschaft, die sich da vor uns breit machen will:
Feindschaft gegen Gott, Feindschaft gegen all die, die allein auf
Gott schauen wollen, Feindschaft darum auch gegen die Gemeinschaft,
die Gott stiften will und die nur Er allein –
durch Seine unmittelbare Gegenwart und Zusammenführung vor
Seinem Angesicht – auch stiften kann. Bezeichnend
ist dann auch die sofort entstehende Verquickung mit Ägypten,
dem biblischen Symbol der Knechtschaft, der Welt und der Feindschaft
schlechthin, die wir bei Ismael sehen; Hagar, die selbst aus Ägypten
kommt, nimmt ihrem Sohn eine Frau aus ihrem Heimatland (1Mo 21. 21).
Dem
aufmerksamen Bibelleser wird nicht entgehen, daß überall
dort, wo sich Menschen in der hier beschriebenen Weise aus dem Willen
Gottes herausbegeben, relativ schnell ein Weg militant-kriegerischer
Haltungen und Auseinandersetzungen beginnt. Die in zahlreichen
Glaubensgemeinden beheimateten, diversen pseudo-charismatischen
Lehren, die die Gemeinde besonders als „die militante
Gemeinde”, „die Armee des Herrn” usw.
herausstellen sollen, zeugen von dem falschen, ja verhängnisvollen
Weg, der hier eingeschlagen worden ist. Hier ist mit dem Aufgeben der
unmittelbaren Gegenwart des Herrn in der Tat auch die Liebe
aufgegeben worden. Denn wer Gott verläßt, der verläßt
damit auch die Beziehungen, die Er in unser Leben
hineingesetzt hat. Und so muß sich dieser Weg des Krieges am
Ende schließlich auch gegen den Bruder, gegen die Schwester
wenden. Zwischen dem Verlassen des Gartens Eden bis zum Brudermord
Kains steht in der Bibel nur ein Kapitel. Hier haben wir zwei Opfer
zweier Brüder vorliegen, wie sie von ihrem ganzen Wesen her
unterschiedlicher wohl nicht sein könnten. Opfern, Kämpfen,
mit Gewalt etwas erreichen – das ist ja ein auch in
der Glaubensbewegung ganz großes Thema, fast das Thema
schlechthin. Nahezu der gesamte Kern der Lehre dreht sich in ihr
darum, wie durch eigenes Tun Ergebnisse zu erringen,
Verheißungen zu erfüllen seien.
Wie
gab nun Abel, und wie gab Kain? Abel gab aus Liebe, und er gab
Leben; Kain aber gab, um etwas zu erlangen. Am Ende
wird er dem das Leben nehmen, der das Leben gab. So läßt
man um des Opferns willen den Bruder dahinten, der unserer
Hilfe und Zuwendung bedarf, setzt ihn zurück, mordet ihn. Es
erscheint ja auch viel wichtiger, bei Gott etwas zu erreichen
(sei es vermeintlicher „Wohlstand”, „Heilung”,
so genanntes „Gemeindewachstum”, „Segnungen”
im Diesseits, was auch immer), als dem Bruder Gutes zu tun, den
hervorzuheben, von dem Gott will, daß wir ihn hervorheben,
indem wir ihn – in jedem Falle – höher
als uns selbst achten (Phil 2. 1 - 8). Der in dieser Schrift
ausführlich behandelte, in den meisten Glaubens- und (leider!)
vielfach auch Pfingstgemeinden reichlich vorhandene Opfer- und
Zehntenkult ist hier wiederum besonders zu nennen. Er ist Ausdruck
der Lieblosigkeit schlechthin, einer Lieblosigkeit, die den Opfernden
in der Weise von seiner Pflicht freikauft, indem er ungestraft und
gewissermaßen „gesetzlich legitimiert” sagen darf,
der Bruder oder die Schwester befänden sich deshalb im Mangel,
weil er oder sie es am Zehnten oder am Opfern mangeln ließen
usw. usf.. Nein – der Bruder oder die Schwester leiden
vor allem deshalb Mangel, weil wir nicht helfen, wo wir helfen
können und deshalb auch zu helfen haben, weil wir bestenfalls
Almosen geben, wo Gott von echter Hilfe, von Nahrung,
Kleidung, Obdach usw. spricht, weil wir uns meistens doch nur
herausreden und uns um unsere (zumeist sehr praktisch aussehende)
Verantwortung im Christusleib immer wieder herumdrücken wollen!
(vgl. 1Kor 12. 20 - 26, Ja 2. 14 - 19; auch Jes 58. 1 - 15 u.a.)
Wer
in solcher Weise Gott zu dienen meint und dabei den Bruder und die
Schwester dahinten läßt, der mordet den, um dessen Leben
wir uns eigentlich zu kümmern haben. Das sollten, das können
wir uns nicht genug in unser vielfach abgestumpftes Gedächtnis
einprägen. Johannes nimmt dieses Geschehen in seinem ersten
Brief auf und schreibt dann auch ganz folgerichtig: „...Dies
ist die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habt, daß
wir einander lieben sollen, nicht so wie Kain, der von dem Bösen
war und seinen Bruder hinschlachtete. Und aus welchem Grund
schlachtete er ihn hin? Weil seine Werke böse waren, die seines
Bruders dagegen gerecht” (1Jo 3. 11 - 12). Hassen
(grie. miséo) bedeutet zurücksetzen, ins Abseits
bringen, dahinten lassen; an anderem Ort ist dies schon erörtert
worden. Und so kommt Johannes in seiner Darlegung über Kain und
Abel zu dem Schluß: „Jeder, der seinen Bruder haßt,
ist ein Menschentöter, und ihr wißt, daß ein
Menschentöter kein äonisches Leben bleibend in sich hat”
(V. 15). – Gott lenkte Kain vom Opfer weg zurück
zu seinem Bruder. „Wo ist dein Bruder Abel?” fragte
Gott. „Ich weiß es nicht! Soll ich meines Bruders Hüter
sein?”, antwortete Kain (1Mo 4. 9, Schlachter). Bin
ich meines Bruders Hüter? Ja, ich bin es! –
Zwar wird auch Kain von Gott beschützt und bewahrt, damit
niemand ihn antaste (1Mo 4. 1 - 15). Es wäre jedoch fatal, wenn
wir daraus schließen würden, daß der hier begangene
Weg der richtige wäre, nur weil Gott sich gerade trotz
der Sünde zum Menschen stellt, den Er so überaus liebt. Es
ändert sich nichts; wir können es drehen und wenden, wie
wir wollen; das Kainsmal, das Gott dem Bruder gab, der den Bruder so
sehr haßte, daß er sich schließlich gegen ihn
wandte und ihn am Ende erschlug, bleibt ein Kainsmal.
2
Die Gemeinschaft der Glieder des Neuen Bundes wird darum auch
koinonia genannt, was vom Griechischen her soviel bedeutet wie
„eine Gemeinschaft zu gleichen Teilen”. Eine
Organisation, die dieser Regel nicht entspricht, ist demnach keine
Gemeinschaft nach dem Muster des Neuen Testamentes.
3
Bezeichnung nach der Wirkungsweise; dem vergleichbar ist der auf
unseren heimischen Äckern wachsende so genannte
„Mutterkornpilz”, der das Getreide befällt
und damit verändert; er wirkt bei Einnahme wie eine Droge (LSD
vergleichbar) und ist hochgiftig, so daß sein Gebrauch zum Tode
führen kann. Das in den Pilzen erzeugte Gift ruft unter anderem
auch Krämpfe, Verwirrtheitszustände und körperlichen
Kontrollverlust (ähnlich Spasmen) hervor. Die von ihnen
befallenen Ähren sind von den gesunden, nicht befallenen kaum zu
unterscheiden. Dieser Pilz bzw. die durch ihn hervorgerufene
Getreidekrankheit kommt heute allerdings nur noch sehr selten vor.
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