Von Angesicht zu Angesicht (2)


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VON ANGESICHT
ZU ANGESICHT

Verlust und Wiederherstellung

der Unmittelbarkeit

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Eine Abhandlung

über heutige Gemeindestrukturen

und ihre Beurteilung aus

biblischer Sicht.



Verschiedene Studien.
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2. Berufung Gottes oder Königsrecht?


Inhalt

Die trennende Wand * Israel begehrt einen König: Abfall vom lebendigen Gott und Königsrecht * „Prophetenschulen” und „Jüngerschaftslehre” - Wie biblisch ist das? * Elia und Elisa: Wann wird „Dein Elia” von Dir genommen? * Von Prophetensöhnen und anderen Dummheiten * Von der Unfähigkeit der Berufenen Gottes: „Wehe mir - ich vergehe!” * Ungeschult und ungelehrt, aber mit Jesus zusammen: Begehrst Du Ihn?


Titel
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Die trennende Wand

Siehe auch: Die Zehntenlüge, Kapitel 4 (Anhang)

    Im Grunde haben wir in der so genannten Ordnung Jethros die Grundlagen einer Entwicklung vorliegen, die auch nach der Einführung des Neuen Bundes leider wieder aufgenommen worden ist, nach der sich ein Klerus erhob, der als selbstangemaßter Losteilinhaber (kleronómos) die zu Unmündigen erklärten Glieder des gemeinen Volks (láos) zu bevormunden und zu regieren gedachte. Wer das Neue Testament und vor allem die Paulusbriefe darin kennt, der weiß jedoch, daß dies dem Modell des Leibes, der aus zwar verschiedenen und mit unterschiedlichen Aufgaben betrauten, jedoch gleichberechtigten und gleichwertigen Gliedern besteht, die alle immer zugleich auch Priester sind, diametral entgegengesetzt ist. Eine geradezu plastische Anschauung über die Anfänge und damit die Wurzeln der verhängnisvollen Entwicklung, die es in dieser unserer Schrift zu besprechen gilt, finden wir in der Bauweise mittelalterlicher Klosterkirchen vor, in denen ein so genannter Lettner das Kirchenschiff quer durchteilte: eine trennende Wand, zumeist in Verbindung mit einem gesonderten Altar, der die „drinnen”, im Chorraum Betenden, von dem „draußen” versammelten „gemeinen Volk” absonderte und dieses „Volk” vom inneren Chor gleichermaßen fernhielt. Durch den Lettner führte in der Regel eine kleine Pforte; durch sie hindurchgehen konnte nur der Priester zum Zwecke der Vermittlung „von drinnen nach draußen”, wie dies beim Abhalten von Messen üblich war; das „Volk” aber blieb „außen vor”.
 
    Damit wurde diese Fehlentwicklung, sicherlich ungewollt, nun auch im Sichtbaren demonstriert. Dabei ist an dieser Bauordnung nichts Falsches, suchte man doch gerade in den Kirchen der Hochgotik das Muster des himmlischen Jerusalem darzustellen, zu dem zu gelangen jeder Gläubige berufen ist. Die Offenbarung spricht davon, und sie ist es auch, die von dem Zelt Gottes im Himmel spricht, der bei den Menschen wohnen will und das in Gestalt des himmlischen Jerusalem zu den Menschen herabkommen wird. Dieses Zelt im Himmel aber ist dasselbe, das Mose schon sah, als Gott ihm befahl, nach diesem Muster ein irdisches Heiligtum zu errichten. Das Problem daran liegt nicht in dem Bau, der in diesen, zur Ehre Gottes errichteten Kirchen zutage tritt, sondern in der menschlichen Anmaßung, die sich damit immer wieder verbunden hat. Mit solcher Selbstüberhebung, die die heiligen Dinge stets für sich einzunehmen sucht, um damit über die Brüder zu herrschen, hat man das, was man in solchem Bau darstellte, in sein Gegenteil hinein pervertiert. Weil jedoch die Lehren des Vorhofes nicht übergangen werden dürfen, das vom Sterben und von der Selbstentäußerung des alten Ich auf dem Ganz-Brandopferaltar Gottes spricht, darf der, der dieses Sterben und Zurücktreten alles Eigenen am Kreuz nicht täglich haben will, auch nicht im Heiligtum wohnen. Das, was dem Mündigen vorenthalten ist, würde dem Unmündigen zum Schaden gereichen; im Allerheiligsten gar ereilte ihn das Gericht Dessen, der im Dunkel und im Unnahbaren thront.
   
    Dem entsprechend, kann man in solchen Bauten, die nicht ohne Grund gen Jerusalem ausgerichtet sind, das Grundmuster der Stiftshütte wiederfinden; ihre Dreiteilung in Vorhof, Heiligtum und Allerheiligstes (das „Heilige der Heiligen”) erscheint hier wieder. Auch im Hebräerbrief wird dies eindrucksvoll thematisiert. Richtig angewandt, kann sich diese Dreiteilung, da sie von Gott kommt und Seine Bauordnung des himmlischen Tempels repräsentiert, als äußerst segensreich auswirken; dies setzt allerdings voraus, daß der „von außen” Herzutretende, durch jene „enge Pforte” hindurch auch bis in das Heiligtum, ja bis in Gottes Allerheiligstes selbst geführt werden kann (vgl. Mt 7. 13 – 14). Hier aber hat man „das Volk” gelassen, wo und wie es war; man band es nicht an den Herrn, sondern an die Kirche; und so ist es, da man ihm den Zugang versperrte, unmündig geblieben bis auf den heutigen Tag. So wurde das erneut zur Wirklichkeit, was unser Herr den Frömmsten Seiner Zeit vorzuwerfen hatte: Waren sie es doch, die das Reich Gottes zuschlossen vor den Menschen; „wehe euch”, sagte Er; „denn ihr geht nicht hinein, noch laßt ihr die hineingehen, die hineingehen wollen” (Mt 23. 13). Und so sind jene Bauten, die sich auch in ihrem Äußeren durchaus als segensreich hätten erweisen können, all ihrer Pracht zum Trotz, zuletzt doch zu Stein gewordenen Dokumenten religiös verbrämter, menschlicher Überhebung geworden; einer Haltung, die sich von Anfang an, bis heute, unter der Christenheit erhalten hat, sie durch die Jahrhunderte hindurch so überaus lähmt, in Menschenfurcht gefangenhält und, was darüber hinaus noch viel bedeutsamer ist, der unmittelbaren Gegenwart und der mit dieser Unmittelbarkeit verbundenen Vollmacht unseres Herrn beraubt hat.

    Eine der großen Problematiken dabei liegt in dem Umstand, daß man sich häufig selbst in einem Wesen darzustellen sucht, in dem man selber jedoch noch nicht angekommen ist. Es ist bei diesem Bilde wie bei der Geschichte von des Kaisers neuen, aber nicht vorhandenen Kleidern: Da nützt es herzlich wenig, wenn jenseits, auf der dem Klerus vorbehaltenen,
heiligen Seite der Trennwand, sich Menschen tummeln, die ob ihrer Stellung schon im Heiligtum sich wähnen, wenn doch ihre Gesinnung klar zum Ausdruck bringt, daß sie noch nicht einmal die Lektionen des Vorhofs verinnerlicht haben, während im so genannten, für unmündig gehaltenen und im imaginären Vorhof, auf der profanen Seite gehaltenen Volke der eine oder andere durchaus vom Wesen des Heiligtums längst durchdrungen sein mag. Im Heiligtum können wir jedoch nur leben durch unser Sein, nicht durch theologisches Wissen. Wer die geistlichen Erfahrungen des Vorhofs nicht leiden mag, wie sollte der im Heiligtum zu Hause sein können?

    Es gibt nur einen Mittler zu Gott, den Menschen Christus Jesus, sagt Paulus (1Tim 2. 5); hier aber wollen es viele sein. Nein, wir sprechen hier nicht von der Katholischen Kirche. Haben doch die, die einst so verächtlich auf sie herabsahen, selbst diese noch übertroffen; hat sie nur den einen Papst, so gibt es hier die Vielen, die sich anmaßen, als „Stellvertreter Gottes auf Erden” zu handeln, „im Namen des Herrn” zu schalten und zu walten und den Leib des Herrn zu dirigieren, ganz wie es ihnen beliebt und die anscheinende Notwendigkeit es ihnen diktiert. Ja freilich, das haben sie von Gott empfangen, sagen sie, führen diverse, zumeist aus dem Zusammenhang herausgerissene Schriftstellen an, so daß der, der ein solches Gebaren auch immer in Frage zu stellen wagt, vor der Menge als Rebell gegen Gott dargestellt und so aus der Gemeinschaft ungestraft ausgegrenzt werden darf (vgl. 3Jo 9 – 10). Nun hat jede Verheißung bei Gott auch ihre Bedingung; wer sie zu umschiffen versucht, der zieht diese Verheißung auf seinen eigenen menschlichen Standpunkt herab, ohne freilich ihr jemals teilhaftig geworden zu sein.

    Erst an der Liebe wird der Jünger erkannt: Da nützen alle eigenen Beteuerungen, daß
solches doch in der Bibel stünde, herzlich wenig. Man kann durchaus ein Amt in einer solchen Kirche bekleiden, es dabei jedoch so führen, daß man der Regel des Christus, daß einer den andern zu tragen habe, gerecht wird. In der Tat gibt davon nicht wenige. Man kann sich aber eben auch eine biblisch richtige Bezeichnung zulegen, und unter dieser Bezeichnung andere bevormunden und beherrschen wollen. Mit der sich dem Nächsten zuneigenden Liebe, die denselben höher achtet als sich selbst, hat dies jedoch nichts zu tun. An deren Stelle ist ein entmündigendes Herrschaftsgebaren getreten, das die geistlichen Anteile (1Ptr 5. 1 - 3) an sich gerissen hat. Und so gibt es statt des einen Hauptes, das doch alle gemeinsam wie gleichermaßen führen will, heute deren viele; an der Stelle des einen Leibes, dessen Glieder alle gleichermaßen unter diesem einen Haupt stehen und erst durch diese unmittelbare Verbindung zu dem göttlichen Haupt auch untereinander verbunden sind, gibt es nun die vielen, wiederum aus der Allgemeinheit herausgehobenen und abgesonderten „Geistlichen”, die sich als vorgesetzte „Priester- oder Leiterschaft” dazu gesetzt wähnen, diese Allgemeinheit, als ein Volk von „Laien” und „Nichtwissenden”, regieren und bevormunden zu dürfen.

    Sind sie es denn etwa nicht, die als besonders „Eingeweihte” den Weg Gottes kennen und diesen nun dem „gemeinen Volk”, dem „gewöhnlichen Gläubigen” erst zu vermitteln haben, als denen, die diesen Weg vorgeblich nicht kennen? Sind sie, die sie „dem Volk” gegenüberstehen, denn etwa nicht die „Professionellen”, die „Wissenden”? Haben sie dazu denn nicht studiert, Bibelschulen besucht, einen besonderen Beruf ergriffen und Seminare abgehalten? Weist sie denn nicht ihr Titel (ihre herausgehobene „Dienstgabe”) als etwas Besonderes aus gegenüber denen, die diese Bezeichnung nicht führen? Und so wird der Weg alttestamentlich anmutender Führerschaft bis heute immer wieder eingeschlagen, durch alle Zeiten, Denominationen, Kirchen, Freikirchen und vorgeblich „freien” Gemeinden hindurch. Hier wird in der Tat getrennt, was in Christus geeint sein wollte. „Ich bin des Kephas, ich des Paulus, ich des Apollos”, hören wir da wieder sagen; „ich folge dieser und du jener Leiterschaft”. Selbstangemaßte Leiterschaft aber trennt Brüder voneinander. Denn dort, wo einst der freie Zugang, nicht nur der von dem Bruder zu seinem Haupt, sondern auch der Brüder untereinander stand, dort steht nun der, der eigentlich nichts als Bruder, als Gleicher unter Gleichen sein sollte, als Leiter im Weg, zu dem man aufschauen und von dem man Weisungen empfangen soll.

    Und so wird Paulus dies dann auch als Sektenbildung, wörtlich: hairesis, Seiten-Setzung brandmarken, als Ausdruck von Unmündigkeit, dann als Eifersucht und Hader, als fleischliches Werk also (vgl. 1Kor 3. 1 – 17). Über jene aber, die diese vermeintliche „Ordnung” aufzurichten suchen, ruft er aus:

    „Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid, und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes verderbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.”
Verse 16 – 17

    Die vielfältigen Spaltungen der vormals einen Kirche sind ohne Zweifel exakt auf diesen Umstand zurückzuführen. Dabei so werden die, die solches verüben, nicht einfach
nur keinen Anteil am Königreich Gottes haben bzw. diesen ihren Anteil ganz unweigerlich wieder verlieren (Ga 5. 19 – 21). Sie werden dabei auch einem lange schwärenden geistlichen Verderbensprozeß unterworfen, der so lange anhält, wie sie dieses nicht anzuerkennen bereit sind. Gott läßt sich nicht spotten. Er kündigt nichts an, was er danach nicht auch tun würde. Die Fäulnis auf diesem Gebiet ist in der Tat weit vorangeschritten. Wann also wird diese „trennende Wand” zwischen Brüdern, die menschlich angemaßte „Leiterschaft” aufgerichtet hat, endlich einmal fallen, wann das Menschenwerk aufhören, wann die Menschenherrschaft ihr Ende finden? Wann wird man damit aufhören, das göttliche Haupt beiseite und Seinen Leib zugunsten menschlicher Herrschaftshierarchie außer Kraft zu setzen? Gibt es überhaupt einen Schmerz, der noch größer sein könnte?



Israel begehrt einen König: Abfall vom lebendigen Gott und Königsrecht

Siehe auch: Die Zehntenlüge, Kapitel 4 (Anhang)


    Nach unseren Betrachtungen über die Kirchengeschichte wenden wir uns wieder den biblischen Hintergründen dieser Entwicklung zu. Auch hier werden wir alsbald erkennen, daß dieser Weg immer und ausnahmslos erst in den geistlichen und dann, in letzter Konsequenz, immer auch in den physischen Tod geführt hat. Denn immer schon hat es den Drang gegeben, Menschen als Leiter zu suchen und ihnen dann zu folgen. Es ist jedoch ein Weg, der von Anfang an bestand: immer suchte man sich die vermeintliche Sicherheit menschlicher Führung als einer sichtbaren, scheinbar verläßlichen Größe im Gegensatz zu dem unsichtbaren Gott. Dieser Hang bestand nicht nur bei Mose, so daß er auf das Ansinnen seines heidnischen Schwiegervaters hereinfiel. Er bestand auch im jüdischen Volk an sich und wurde darin immer wieder auch sichtbar.

    Als besonders einprägsames Beispiel für diesen verhängnisvollen Weg mag uns das Erleben des alten Samuel dienen, den die Ältesten Israels bedrängten, ihnen einen König einzusetzen, in erklärtem Widerspruch zum geoffenbarten Willen Gottes , weil sie dies bei ihren heidnischen Nachbarvölkern so gesehen hatten und auch so sein wollten wie sie (2Sam 8. 1 – 8). Damit werden wir zugleich darüber unterrichtet, woher diese Ordnung kommt: sie stammt aus dem Heidentum der Nationen, derer also, die unseren Gott nicht kennen bzw. Ihn ganz ablehnen. Die hier vorhandene Neigung, sich immer wieder Könige zu suchen und sich eher unter menschlich-hierarchische Herrschaftsstrukturen zu begeben, als auf die Stimme Gottes zu hören, durchzieht die ganze Geschichte Israels von den Anfängen bis auf den heutigen Tag. Schon Mose hatte sich, wie wir sahen, durch seinen heidnischen Schwiegervater Jethro, dem Priester Midians, dazu überreden lassen, eine solche Ordnung von Oberen „über Tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn” einzuführen, obwohl Gott zu ihm nicht darüber gesprochen hatte – und das sehr früh schon; denn Israel war gerade erst dem Sklavendienst Ägyptens entronnen (vgl. 2Mo 18. 1, 13 - 23).


    Daß diese Ordnung keineswegs fruchtete, erkennen wir allein daran, daß die Zusage Jethros nicht eintraf, das Volk werde, wenn Mose nur nach dieser Regel täte, „in Frieden an seinen Ort kommen”; das Ziel des von Gott verheißenen Landes wurde auf diesem Wege gerade nicht erreicht, und Mose selbst starb noch vor den Toren desselben Landes, in das er mit dem Volk nach Gottes ursprünglicher Weisung doch hatte hineingehen sollen (4Mo 20. 2 – 13, 5Mo 34. 1 – 6). Auch war Moses Belastung im Vollzug dieser Ratschläge, wie versprochen, keineswegs geringer geworden – im Gegenteil (4Mo 11. 10 - 15). So waren immer wieder Problemlösungen ersonnen worden, statt auf Gott zu hören; nur allzu oft rückte das „funktionierende Prinzip” an die Stelle des unvermittelten Hörens auf die Stimme Gottes, ohne freilich dabei eine wirkliche Lösung zu bekommen, die auch auf Dauer hielte. Immer wieder sollte der Mensch das vollbringen, was doch nur Gott Selbst möglich war und darum auch Ihm allein vorbehalten bleiben sollte. Das, was weder Israel noch die Gemeinde bis heute wirklich akzeptiert haben, ist vor allem die Tatsache, daß Gott Sein Volk anders führt, grundverschieden von den Völkern ringsumher. Wenn sie nur Seine Stimme hören und ihr gehorchen würden, so sagte Er,

   „...sollt ihr vor allen Völkern Mein besonderes Eigentum sein; denn die ganze Erde ist Mein; ihr aber sollt Mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.”
2Mo 19. 5 – 6

    Gott wollte, daß jeder in dem Volk Seine Stimme unvermittelt höre (Vers 9) und ihr gerne, aus freiem Herzen gehorche; Er wollte nie die Vermittlung, sondern immer die unvermittelte Beziehung durch Liebe.


    Woher kam dann die Herrschaft des Menschen über den Menschen, woher der Vermittlungsanspruch, wenn Gott diesen doch nicht wollte? Nun, es bedarf eines nicht allzu ausführlichen Bibelstudiums, um dies herauszufinden. Zunächst müssen wir bemerken, daß Vermittlung immer mit Sünde, mit der Trennung von Gott zu tun hat; wegen der Sünde sandte Gott Seinen Sohn, den Menschen Christus Jesus, uns zum einzigen Mittler, damit er uns mit Seinem Blut aus der Macht der Sünde loskaufe und uns dem Vater wieder zuführe (1Tim 2. 5). Wenn Christus aber der einzige Mittler ist, der zu Gott führt, dann haben wir zu lernen, daß jeder andere, der diesen selben Anspruch erhebt, uns nicht zu Gott führt, sondern uns in der Finsternis beläßt oder wieder in sie hineinführt. Wir müssen also den Ursprung der Sünde suchen und werden darin auch die Quelle des immer wieder vorgetragenen Leitungs- und Vermittlungsanspruches, soweit er den des Sohnes Gottes nicht betrifft, vorfinden. Auch gilt es zu bedenken, daß ein und dieselbe Quelle nicht Süßes und Bitteres zugleich hervorbringen kann, weswegen Jakobus etwa seine Leser dazu anhält, daß man nicht Gutes und Schlechtes aus demselben Munde hervorbringen solle (Ja 3. 11 – 12).

    Die Quelle, um die es hier geht, ist letztlich der Teufel.
Satan, vormals Luzifer, war einst ein von Gott geschaffener Cherub, dem besonders die Anbetung und Lobpreisung Gottes oblag; die Engelwelt war sein Zuhause, und stets hatte er auch Zugang zum Thron Gottes gehabt (vgl. Hi 1. 6 - 7). Die Welt der Engel, der Boten Gottes (hbr. ma´lak JHWH, grie. angelos theou) also, wird auch mit den Lichtern des Firmaments bzw. den Sternen beschrieben, die zu Lichtern und zu Zeichen gesetzt sind (1Mo 1. 14). Es geht der Engelwelt demnach immer auch darum, ein gewisses Licht zu geben, Wege anzuzeigen. Wenn wir also über diese Welt reden, dann reden wir daher auch vom Botendienst als einem Dienst der Vermittlung (vgl. Hi 33. 23). Satan nun, den die Bibel als den „schönen Morgenstern” beschreibt, hatte sich vorzeiten allerdings überhoben wegen seiner Schönheit und Klugheit; und so beschloß er, der doch selbst nur ein geschaffenes Wesen war, sich über alle anderen Sterne zu setzen – als ein Gott, der einen Thron aufschlug, der dem des Gottes Jahwe ebenbürtig sei. Die Engelwelt sollte sich zuerst ihm unterordnen; dazu der Thron, der ihn weit über diese anderen Engelwesen erheben würde. „Willst du zu Gott? Dann kommst du nicht an mir vorbei.” Alle, die Gott dienen wollten, sollten ihm nun nachfolgen, ihm huldigen, ihn aufsuchen und sich vor ihm verneigen. Suchte jemand Leitung? Suchte jemand gar einen Gott? Dann sollte dort vermittelt werden, sollte dort der Thron sein...


    Und doch war dieser falsche Gott, den die Bibel auch den Gott dieses Äons nennt, so grundverschieden von Jahwe, dem Gott der Bibel, den wir in Christus auch unseren Vater nennen dürfen. Ja, Vater ist das rechte Wort für diesen Gott, denn als ein Vater hat Er Sich uns geoffenbart – fürwahr ein Gott der Liebe. Er, der immer dienen wollte, war immer der Gebende, was schließlich seinen Gipfelpunkt darin fand, daß Er sogar Seinen eigenen Sohn sandte; in Ihm erschien Gott in Menschengestalt; so hatte Er Seine eigene Herrlichkeit abgelegt, Sich Selbst völlig entäußert und für die Vielen, die im Dunkel der Sünde wohnen, Sein eigenes Leben gegeben. „Also hat Gott die Welt geliebt, daß Er... gab” (Jo 3. 16). Wie anders sieht da die Herrschaft Satans aus! Während Gott Sich zu allen in Liebe herabneigte, erhob sich der Teufel über alle, unterjochte sich dann die Völker, plünderte und zerstörte dabei die ganze bewohnte Erde. Lüge, Raub, Gewalttat und schließlich der Tod bilden die Spur, die er hinterließ. Er wollte nicht die Menschen durch Liebe gewinnen, indem er gab, wie es der Vater tat; im Gegenteil – er war es, der immer haben wollte; Handel und Gewerbe, das Erzielen von Reichtum und Gewinn also, waren ja sein Metier! Geben ist immer der Ausfluß der Liebe, Begehren aber der Ausfluß des Herrschens, und damit das Gegenteil der Liebe – denn die Liebe sucht ja nicht das Ihre (1Kor 13. 5). Wir wollen uns diesen zeitlos gültigen Satz ruhig immer wieder ins Gedächtnis rufen lassen.

    Und um seine Begierde zu stillen, mußte auch Satan stets herrschen – „von oben” herab „nach unten”, auf dem Wege der von ihm angezettelten Hierarchie, der in diesem Weg liegenden Vermittlung und dann auch Durchsetzung des, gewissermaßen, „höheren Willens” (vgl. Jes 14. 12 – 14, Hes 28. 1 – 7, 11 – 19; siehe auch Lk 10. 18). Dies alles hatte damit begonnen, daß jener „schimmernde Cherub”, den wir hier beschreiben wollen, nicht auf die Schönheit Gottes, sondern auf die eigene sah; er begehrte in einem Umfeld, in dem doch das Dienen im Mittelpunkt stehen sollte; so erhob er sich schließlich über alle anderen Himmelsgeschöpfe, die er damit weniger wert achtete als sich selbst, und setzte sich endlich über sie. „Ihr habt euch mir, dem Leiter, unterzuordnen” – in diesem Satz ist schon die ganze Überhebung Satans über die Ordnungen Gottes enthalten. Wie sagte doch Gottes Wort? Sollten wir den Anderen, den Bruder und die Schwester nicht in jedem Fall höher achten als uns selbst? Hier aber liegt das Gegenteil dessen vor, was uns als Weg der Liebe mitgegeben wird. So gilt nun bei solchem Handeln nicht mehr der Maßstab Gottes; sondern ich selbst mache mich zum Maßstab. Das Schauen auf die eigene Person ist immer schon ein Fallstrick gewesen; das Betrachten meiner Gabe, das Anschauen meiner Erkenntnis, das Herausstellen meiner Klugheit und so fort. Satan kam auf diesem Wege zu Fall; er wurde aus dem Himmel Gottes verbannt und auf die Erde geworfen, wo er sein schändliches Werk fortsetzte – diesmal mit dem Menschen, der einst über die Erde, das Werk der Finger Gottes, gesetzt worden war (Ps 8. 4 - 10).


    Der Weg, sich erst einen „Leiter” zu suchen, um dann, durch das Wirken dieses Leiters, vermeintlich zu Gott zu gelangen und erst durch eine solche Vermittlung dann auch von Gott zu hören, nimmt also genau hier seinen verhängnisvollen Anfang – repräsentiert durch die alte Schlange, die, erst listiger als alle anderen Tiere, dann auch dem Menschen anbietet, ihn zu dem hin zu leiten und das zu interpretieren, was Gott gesagt haben soll (1Mo 3. 1 - 6). Das erste Beispiel unberufener, so genannter „Leiterschaft” finden wir also bereits auf den ersten Seiten der Bibel! Und auch hier kennen wir den Ausgang: Der Mensch ließ sich von dem Angebot der Schlange betören und fiel, da nun von dem Leben Gottes geschieden, fern von dem Baum des Lebens, dem Tode anheim (1Mo 2. 16 – 17, 3. 19 – 24). Durch Vermittlung werden zu können wie Gott, sich gewissermaßen die hingehaltene „Stufenleiter” zu göttlichem Wesen emporarbeiten zu können, indem man die auf diesem Wege dargebotene Frucht der Erkenntnis nähme und sich einverleibe das war nur allzu verlockend; wer konnte da widerstehen? Und doch war das Ende der Vermittlung der Tod; da eine Person es wagte, sich zwischen Gott und den Menschen zu stellen, schied er ihn von Gott, der Quelle des Lebens, und das immerfort verbunden mit dem Anspruch, zu göttlichem Wesen hin überhaupt erst vermitteln zu wollen – fürwahr eine geradezu perfide ausgeklügelte Taktik. Es erschien dem Menschen wohl auch zu leicht, ganz einfach nur nah bei Gott zu bleiben und auf Ihn zu hören, und dann aufgrund dieser Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott dann diese später auch mit seinen Brüdern und Schwestern zu teilen, die ebenso auf Gott hören würden wie er selbst – im Wandel in der Liebe zu Gott und dem Nächsten.

    Schon jetzt erfahren wir von dem tiefen Bruch, der sich uns an dieser Stelle auftut: geschah erst die Entzweiung mit dem lebendigen Gott, so folgte bald danach auch die mit dem Bruder, den Gott dem Menschen zur Seite gestellt hatte. Am Ende stehen schließlich die Söhne Adams, von denen der eine den andern erschlägt, der ungerechte Kain den gerechten Abel (1Mo 4. 1 – 8). Und so führt eine solche Leiterschaft, da sie sich zwischen Gott und den Menschen stellt, immer zur Trennung, und zwar zur Trennung sowohl zwischen Gott und Mensch, als auch zur Trennung der Menschen untereinander; die Trennung aber bringt unweigerlich den Tod – zu allen Zeiten. Nicht umsonst warnte auch Paulus – ausgerechnet im Hinblick auf die so genannten „überragenden Apostel” – davor, daß es da jemanden gäbe, der die Gemeinde von ihrem Haupt wegführen wolle, ganz so, wie die Schlange vorzeiten Eva von ihrem Mann getrennt hatte –

   „hinweg von der Herzenseinfalt und Lauterkeit, die auf den Christus gerichtet ist.” (2Kor 11. 3 - 6).

    Eva ist in dieser Allegorie der Typus der Gemeinde, wie Adam der des Christus ist, den Gott Vater zum Haupt der Gemeinde gesetzt hat, wie den Mann zum Haupt der Frau (vgl. Eph 5). Der Christus, der Bräutigam, auf den die Gemeinde, die Braut, allein sich ausrichten sollte, ist nicht umsonst der, den die Schrift den Letzten oder den Zweiten Adam nennt (1Kor 15. 45, 47). Er aber, Paulus, wolle die Gemeinde dem Christus als eine lautere Jungfrau anvertrauen (2Kor 11. 2). Ja, Paulus wußte um die hier anstehenden Gefahren; er war sich nicht unbewußt dessen, was Satan, die alte Schlange, zu allen Zeiten im Schilde führte (2Kor 2. 10 - 11). Und auch hier, unter den Gläubigen von Korinth, finden wir am Ende dieses Weges Zustände von Zerstrittenheit, Trennung, Hader und Zwietracht vor – hervorgerufen durch die vielen Namen, denen man doch folgen wollte und die zu hofieren man begonnen hatte (vgl. 1Kor 3. 1 - 4). Die Parallelen zur eingangs erwähnten Entwicklung im Garten Eden sind also auch hier ganz offensichtlich. Dies alles sind allerdings sehr tiefe, noch weiter führende Zusammenhänge, die an dieser Stelle leider nur ein wenig angerissen werden können.


    Und so besteht dieser Weg auf der Erde von der Zeit an, in der Satan auf sie gelangt war; immer und immer wieder wurde die Menschheit verführt, diesen falschen Weg zu beschreiten, wurde die Lüge verschleiert bis auf den heutigen Tag, starb die Liebe einen wohl millionenfachen Tod – durch all die Jahrtausende der Geschichte hindurch. Das, was Satan in der Himmelswelt angerichtet hatte, das sollte nun auch die Erde erfüllen; nur sollte jetzt der Mensch am Menschen das wiederholen, was Satan lange vor ihm an einem Drittel der Himmelswesen tat (vgl. Off 12. 4). Der Ruf danach, Häupter über sich einzusetzen, nur um nicht selbst auf Gott hören zu müssen, war immer gegenwärtig. Das Volk Gottes, von der Sünde und der daraus resultierenden Angst vor dem Zorn gezeichnet, fiel früh schon auf diese Machenschaften herein; stets erwählte es sich selbst einen anderen Weg als den, zu dem Gott es berufen hatte; so bestimmte es Mose zu seinem beständigen Mittler, statt sich von ihm in die Gegenwart Gottes, in das Hören Seiner Stimme führen zu lassen: „Rede du mit uns”, sagten sie, „wir wollen zuhören; aber Gott soll nicht mit uns reden, wir müssen sonst sterben!” (2Mo 20. 19, Schlachter). Schon hier wird uns ein plastischer Anschauungsunterricht erteilt darüber, daß Furcht nicht in der Liebe ist, da sie vor der Strafe zittert (1Jo 4. 18); wo Furcht ist, kann Liebe nicht sein; die Liebe aber lebt von der ungebrochenen, unvermittelten Beziehung; sie will immer unmittelbar sein, sich unvermittelt ausdrücken, immer ganz nah bei dem sein, den sie liebt, sonst ist es keine wirkliche Liebe. Und genau diese Liebe ist es, an der es dem Volk Gottes zu allen Zeiten immer wieder gebrach.

    Wir haben im Eingang den alternden Propheten Samuel erwähnt. So wollen wir im folgenden zu ihm zurückkehren und uns anschauen, wozu der hier beschriebene Weg schließlich führte.


    „Als aber Samuel alt war, setzte er seine Söhne zu Richtern über Israel... Aber seine Söhne wandelten nicht in seinem Wege, sondern neigten zum Gewinn und nahmen Geschenke und beugten das Recht. Da versammelten sich alle Ältesten Israels... und sprachen zu ihm: Siehe, du bist alt geworden, und deine Söhne wandeln nicht in deinen Wegen; so setze nun einen König über uns, der uns richte, nach der Weise aller andern Völker! Dieses Wort aber mißfiel Samuel... Und Samuel betete darüber zu dem Herrn. Da sprach der Herr zu Samuel: Gehorche der Stimme des Volkes in allem, was sie dir gesagt haben; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, daß ich nicht König über sie sein soll. Sie tun auch mit dir, wie sie es immer getan haben, von dem Tage an, als ich sie aus Ägypten führte, bis auf diesen Tag , indem sie mich verlassen und andern Göttern gedient haben.”
1Sam 8. 1 - 8, Schlachter

    Anhand dieses Wortes erkennen wir deutlich, daß die Art und Weise, Könige über Gottes Volk einzusetzen, aus den Israel umgebenden Völkern entlehnt worden ist (Vers 5). Gottes ursprüngliche Absicht war dies nie; obgleich Er für eine solche mögliche Entwicklung im Gesetz vorausschauend Vorkehrungen getroffen hatte (vgl. das Königsgesetz in 5Mo 17. 14 - 20), und es demzufolge später von Gott gesalbte und eingesetzte, ja mächtige Könige in Israel gab, die durchaus nach Seinem Willen fragten. Wer denkt da nicht an Könige wie David, einem Vorläufer unseres Herrn, der seiner Zeit weit voraus war, oder an den weisen Salomo, seinen Sohn! Allerdings muß dazu auch gesagt werden, daß die meisten dieser Könige „taten, was dem Herrn mißfiel”. Diese Linie zieht sich durch die ganze biblische und nachbiblische Geschichte hindurch. Auch wenn der Herr also auf eine solche Vorstellung eingegangen und dann auch dabei geblieben ist, bleibt es in seinem Ursprung dennoch ein selbsterwählter Weg, der immer wieder in die Gottlosigkeit führte und führt. Ein solches Begehren ist gleichbedeutend mit der Ablehnung Gottes und Seiner Führung; Gott sagt hier ganz klar und eindeutig, daß es keinerlei Alternative gibt zwischen menschlich gesetzten Häuptern und Ihm – entweder Er Selbst, oder aber Jene – dann jedoch ohne Ihn.

    Wer daher einen menschlichen Leiter bestimmt, der bestimmt zugleich, daß Gott nicht mehr König sein, Selbst also nicht mehr leiten soll. Und so sagt Gott dann auch ganz klar, daß sie Ihn mit diesem Begehren verlassen haben; es ist gleichbedeutend mit Götzendienst (Vers 8). Welches aber sind die anderen Götter, die hier erwähnt werden? Es sind all die, die neben Gott auch noch Gehorsam einfordern und somit die Stelle eines Gottes einzunehmen suchen, die also für sich genau das wiederholen, was wir weiter oben in dem Gebaren Satans bereits gesehen haben. Ein Gott – der Sinn des hebräischen elohim und des griechischen theós gleichen sich hier – ist ein Platzanweiser, Schiedsrichter und Unterordner. Der Weg also, in Eigenregie nach menschlicher Leiterschaft zu suchen, die von ihr zugewiesenen Plätze einzunehmen, sich ihrem Urteil zu beugen und ihr sich schließlich unterzuordnen, ist der Weg des Abfalls vom lebendigen Gott und der Nachfolge anderer, die sich nun zu Göttern erhoben haben. Klarer kann es nicht, weniger klar sollte es nicht gesagt werden!


    Und so ging Gott auf ihr Ansinnen – schon auf dem Wege eines Gerichtshandelns – ein; allerdings hätte der König fortan auch ein Recht auf ihr Leben. Damit ist also klar ausgesagt, daß der, der sich einen menschlichen Leiter erwählt und sich diesem unterordnet, künftig gewisse und einschneidende Rechte dieses Leiters über seinem Leben zu respektieren haben wird. Diese Rechte werden ein wenig später in der Weise von Gott bestätigt, daß Er dem Volk mitteilen läßt, daß Er, Gott selbst es sei, der diesen König einsetze (1Sam 12. 13)! Und so ist dies nicht nur einfach eine Zulassung, sondern es ist eine feststehende Ordnung von Gott her, so daß Samuel sie schließlich verwarnen (Vers 9) und ihnen die Rechte des von ihnen begehrten Königs, der sie nun regieren würde, zu erklären hatte:

    „Das wird das RECHT DES KÖNIGS sein, der über euch herrschen wird: Eure Söhne wird er nehmen und sie seinen Kriegswagen und seiner Reiterei zuteilen und daß sie vor seinem Wagen herlaufen; und daß er sie mache zu Obersten über Tausend und zu Obersten über Fünfzig und daß sie seinen Acker pflügen und seine Ernte einbringen (Frondienste) und daß sie ihm seine Kriegswaffen und sein Pferdegeschirr anfertigen. Eure Töchter aber wird er nehmen und sie zu Salbenmischerinnen, Köchinnen und Bäckerinnen machen. Auch eure besten Äcker, eure Weinberge und eure Ölbäume wird er nehmen und seinen Knechten geben; dazu wird er den Zehnten von eurer Saat und von euren Weinbergen nehmen und ihn seinen Kämmerern und Knechten geben. Und er wird eure Knechte und Mägde und eure schönsten Jünglinge und eure Esel nehmen und sein Geschäft damit ausrichten. Er wird den Zehnten eurer Schafe nehmen, und ihr müsset seine Knechte sein. Wenn ihr dann zu jener Zeit über euren König, den ihr euch erwählt habt, schreien werdet, so wird euch der Herr alsdann nicht erhören.”
1Sam 8. 11 - 22; Schlachter,

    was nichts anderes bedeutet, daß nicht mehr Gott, sondern ihr selbsterwählter König sie leiten würde, und sie mit allem, was sie hatten, diesem König in der beschriebenen Weise, in dessen Struktur und nach dessen Vorstellungen würden dienen müssen. Und genau dazu kam es dann auch; es entstand eine Struktur, die das Volk Gottes nicht mehr losließ bis auf den heutigen Tag. Wir wollen unseren Abschnitt nun ein wenig näher betrachten und vor allem herausfinden, was dieser uns in der heutigen Situation zu sagen hat. Insbesondere gilt es also, aus dem gesamtbiblischen Kontext heraus den notwendigen Bezug auf die heutige, die neutestamentliche bzw. die nachneutestamentliche Zeit herzustellen.

    Das erste Wort, um das es hier geht, ist das Wort Kriegswagen. Ihn gilt es zu ziehen; sein Weg soll vorangetrieben werden. Die Notwendigkeit, sowohl zum Kampf zu rufen, als auch ständigem Kampf ausgesetzt zu sein, ist das erste Symptom des Abfalls von Gott, den man soeben vollzogen hat. Der Weg, den es fortan also zu beschreiten gilt, ist ein kriegerischer; denn den des Friedens, dem also, in dem Gott Selbst König ist (Jes 52. 7), hat man gerade verlassen. Der Passus des Eroberns – des sich selbst Nehmens – ist hier zu einem ständigen Begleiter geworden. Aber es gilt auch, das Eroberte immerfort zu erhalten und es unentwegt gegen die „Feinde” zu verteidigen. Wer also nicht in ständigem Kampf steht, der verliert das, was er sich gerade erobert hat. Eine solche regelrechte Atmosphäre des Krieges, die hier entsteht – niemand kommt zur Ruhe – , spricht auch von großen Bedrängnissen, in die hinein man auf diesem Wege ganz unweigerlich gerät, und gegen die man sich ständig zu erwehren haben wird. Krieg und kriegen hängen nicht nur im Deutschen eng zusammen. Etwas zu erstreiten und dann in seinem Besitz zu behalten (zu „kriegen”), weil man es unbedingt haben will, und zwar im Hier und im Jetzt, wird unter der Herrschaft des neuen Königs zum Maß aller Dinge erklärt. Vergessen scheint die Weisung der Bibel, gerade nicht zu begehren: „Laß dich nicht gelüsten!” (2Mo 20. 7 u. a.). Aufgegeben, ja in sein Gegenteil verkehrt ist das Wort: „Habe deine Lust am Herrn, der wird dir geben, was dein Herz sich wünscht!” Was aber wünscht sich das Herz wohl, wenn es seine Lust doch an dem Herrn hat? Gold, Silber, Edelsteine? Erfolg und Reichtum nach den Maßstäben dieser Welt? Oder wünscht es sich nichts so sehr wie die beständige Gegenwart des Herrn Selbst, wissend, daß Er dann alles andere, was wir für unsere Versorgung benötigen, ohnehin hinzufügen wird?

   Gleiches findet sich auch im Neuen Testament. Hier ruft der verlorene Sohn in Jesu Gleichnis zu seinem Vater: „Gib mir das Erbe, das mir zusteht” und begehrt damit vor der Zeit – um eines Tages, nachdem er sich an einen Menschen angehängt hatte, hungernd und elend bei den Schweinen zu enden (Lk 15. 11 - 32) . Kennen wir diese Lehre nicht zur Genüge „Du mußt begehren, mußt selbst das an dich nehmen, was dir zusteht”? Der, der diesen Weg geht, der findet sich bald in einem fernen Lande wieder, weit weg von dem Haus des himmlischen Vaters, der Nähe Gottes und der des Bruders, an den Drecktrögen dieser Welt (Lk 15. 13). Nicht zuletzt kennzeichnet dieser Weg damit auch das Leben in der Hierarchie des Abgefallenseins von dem lebendigen Gott und dem Nächsten des Verlustes der direkten Beziehung. Und so verläßt er nicht nur seinen Vater; er läßt auch den Bruder dahinten, den Erben und Mitteilhaber (Vers 12); er sondert sich ab, geht und macht die Türen hinter sich zu. Er will eben doch mehr darstellen als sein Bruder, der bei dem Vater Gebliebene, will sein Glück selber machen. Und da er etwas ganz Besonderes sein will, bekommt er auch etwas ganz Besonderes, etwas, was die Anderen, allen voran sein Bruder, so nicht haben. Der, der große Dinge begehrte und dabei so gerne über anderen stehen wollte, daß er darüber sein Vaterhaus verließ, der findet sich in der Tat alsbald über eine Herde gesetzt wieder.

    Doch was für eine Herde ist dies? Es ist eine Herde von Schweinen, dem Inbegriff der Unreinen in Israel schlechthin. Und was ist das für einer, der ihm diese Herde gibt und dem die Felder gehören, auf denen sie zu finden ist? Es ist ein Ausländer, einer, der nichts mit Israel, dem Volke Gottes zu tun hat, ein „Bürger jenes Landes”, in das der Sohn da geraten ist (Vers 15). Wir wollen die hier enthaltenen Gedanken ruhig einmal zu Ende denken! Eine Herde hat er nun; doch wovon will er leben, der zum Schweinehirten Gewordene, wo er doch sein Erbe mit Huren nicht zuletzt auch ein in Israel ganz geläufiger und vielgebrauchter Hinweis auf geistliche Hurerei und Verbindungen mit den Mächten dieser Welt und mit Liederlichkeit durchgebracht hat (Verse 13, 30)? So will er schließlich von der Herde nehmen von dem, was die Schweine essen; doch niemand gibt es ihm, auch der nicht, dem er selbst untertan ist und dem die Herde gehört (Vers 16). Nun, Schafe geben Wolle, in die man sich kleiden, geben Milch, von der man sich nähren kann; Schweine aber muß man töten, um ihr Fleisch zu essen oder um ihre Haut zu gewinnen; sonst haben sie gar keinen Nutzen. Spätestens jetzt sollten wir also bemerkt haben, daß das hier Ausgesagte von tiefer, allegorischer Bedeutung ist, und zwar als Versinnbildlichung eines Weges, der mit menschlichem Begehren beginnt, dann zu großer Härte verleitet, um zuletzt in tiefer Not und Verzweiflung zu enden fürwahr ein Weg bitterster Verlorenheit und tiefster Seelennot, der für nicht Wenige zuletzt bis ganz hinein ins Elend führt.


    Und so muß der, der sonst nichts mehr hat als eine Schweineherde, an sich reißen, muß der rücksichtslos einfordern, rauben und kämpfen, ja gewissermaßen sogar töten, der zuvor die Gnade der Führung Gottes aufgegeben hat und zwar um des eigenen Überlebens willen. Ist das dein Weg? Hast auch Du Dein Erbe vor der Zeit eingefordert, weil man dich so gelehrt hat? Wolltest auch Du ihn haben, den ach so großen „Dienst”, dessen „Höhe” auf diesem Wege zu erklimmen man Dir nahegelegt hat? Bist auch Du an ihn geraten, einen der „Bürger jenes Landes”, und hast diesem Dich angeschlossen, weil man Dir gesagt hat, daß er Dich befördern und hochbringen würde (Lk 15. 15)? Weidest auch Du eine Herde, die in ihrer Unreinheit nicht die Herde Gottes, sondern die Herde eines Anderen ist, in dem Bilde nicht die Schafherde Gottes, sondern eine Schweineherde? Bist auch Du also an einen Menschen geraten, der Dir in Deiner Not noch nicht einmal das gewährt, was man „den Schweinen”, den Unreinen in der Welt also zukommen ließe? Arbeitest auch Du für eine Struktur, der man alles gibt nur denen nicht, die für sie arbeiten? Der verlorene Sohn aus Lukas fünfzehn bist Du es? Dann mache Dich auf zu Deinem himmlischen Vater, gib dem Menschen mit seiner Schweineherde den Laufpaß und kehre um – zurück in das wahre Vaterhaus, zurück dorthin, wo die Liebe und die Freude Gottes, des Vaters sind!

    Hatte nicht auch Paulus zu lernen gehabt, daß ihm in jeder Situation Gottes Gnade genügen sollte (2Kor 12. 9)? Hatte Petrus etwa nicht dazu gemahnt, sich ganz auf die Gnade zu verlassen, die uns nicht etwa in menschlicher Führerschaft, sondern in der Offenbarung Jesu Christi dargereicht wird (1Ptr 1. 13)? Und – so der Hebräerbrief – sollten wir nicht endlich in die Ruhe Gottes eingehen, in die Ruhe von den eigenen Werken? Ruhen aber kann nur der, der völlig vertraut; und zwar auf die gewährte Gnade und Vorleistung eines anderen; die Gnade selbst aber ist immer Geschenk, ist Empfangen ohne eigene Vorleistung. Hier aber, unter der Vollmacht des selbsterwählten Königs, gilt es, sich gewisse „Segnungen” immer wieder erst selbst erkämpfen zu müssen! Und doch ist und bleibt Raub immer ein Merkmal des Feindes; er setzt nämlich voraus, daß andere beraubt werden – und zwar mit jenem Gut, das ich mir zur Unzeit selbst anzueignen suche, ohne dabei auf Gottes Führung und Zulassung, sowohl in meinem Leben, als auch in den Leben anderer Geschwister Rücksicht zu nehmen (vgl. Jo 10. 8 – 9). Nein, das hat unter dem neuen „König” nun keine Priorität mehr; es muß ja erobert werden, koste es, was es wolle.


    „Von den Tagen Johannes des Täufers an bis jetzt leidet das Himmelreich Gewalt, und die, welche Gewalt anwenden, reißen es an sich”,

    sagte der Herr (Mt 11. 12, Schlachter). Doch diese Gewalt hat nichts mit Gott zu tun – denn das Himmelreich leidet darunter, wird ihm doch Gewalt angetan. Und immer sind es Leiter, Könige und Regenten, also Herrschaft Ausübende, von denen diese Gewalt ausgeht. Die hier erzeugten Leiden fangen an mit der Enthauptung Johannes des Täufers, fahren fort mit der Folterung und Hinrichtung Jesu; ihre Blutspur zieht sich über die Leiden und Märtyrertode der ersten Apostel und durch die Verfolgung und Ermordung der Heiligen aller Zeiten hindurch bis zum heutigen Tag. Zu diesem Leiden gehört auch die in unserer Zeit oftmals sehr subtil und unterschwellig ausgeübte Verfolgung, Bedrückung, Verleumdung und Ausgrenzung wirklicher Gläubiger nicht nur in der „Welt”, sondern gerade auch in solchen Körperschaften, die sich „Gemeinde” zu nennen wagen. Und immer wird dieses Leiden durch Herrschaft ausgelöst nennen wir sie dort, wie Samuel, den König, nennen wir sie hier Leiterschaft oder bezeichnen wir sie als kirchliche Hierarchie. Da nützt es dann auch wenig, wenn seitens dieser Gremien vorgegeben wird, sie wollten dem Leib Christi dienen; denn der, der sich über andere erhebt, der dient nicht, der herrscht. Es ist dieselbe Herrschaft, unter der Jesus litt; war es damals Sein fleischlicher Körper, der diese Leiden trug, so ist es heute der geistliche, der Leib Seiner Herausgerufenen, der wahren ekklesía. Hier wird dem Rechnung getragen, daß Christus im Fleisch gekommen ist und wir demnach Anteil an dieser Seiner Leiblichkeit und der damit verbundenen Leiden haben; wer dies also ablehnt oder einfach nur „vergeistlicht”, der folgt bereits dem Geist des Antichrist (1Jo 4. 1 - 4, 2Jo 7). Denn immer geht es, wollen wir Jesus nachfolgen, um den „Leib dieser Erniedrigung” (Phil 3. 21; vgl. 2. 7 - 8). An diesem Leiden, das hier willig getragen wird, ohne dabei zurückzuschlagen, erkennen wir schon die wahre Lammesnatur des Reiches der Himmel, des Reiches und damit der Herrschaft Dessen, der Selbst zum Lamm wurde:

    „Da er mißhandelt ward, tat er seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das vor seinem Scherer verstummt und seinen Mund nicht auftut.”
Jes 53. 7, Schlachter

    Hier aber, bei der Zurschaustellung eines anderen Evangeliums, begegnet uns die Natur des gefallenen Menschen, die Wolfsnatur, die des Diebes, der kommt, „um zu stehlen, zu schächten und umzubringen” (Jo 10. 10).


    Eine ganze „Theologie” des Gewinnens und Eroberns hat sich heute einem solchen Diktat unterworfen. Dies betrifft nicht nur diverse Lehrverirrungen bezüglich der Leiterschaftsthematik und der damit verbundenen Geldlehren, besonders solcher über den Zehnten. Erinnert sei dabei auch an die vielfältigen Übertreibungen diverser pseudocharismatisch-christlicher Kreise auf dem Gebiet des so genannten „geistlichen Krieges”. Ich gebrauche den Ausdruck „pseudo-charismatisch” deshalb, weil dieser Weg nichts mit den Gnadengaben (charismata bzw. Charismen) Gottes zu tun hat; es ist ein Pseudo, ein Ersatz, den man hier präsentiert, und damit eine Fälschung, der weite Teile des bibelgläubigen Christentums inzwischen auf den Leim gegangen sind (vgl. 2Kor 11. 13 - 15). Hier ist besonders die Charismatische Bewegung, die von ihren Wurzeln her nach wie vor als von Gott kommend zu sehen ist, in großem Maße unterwandert worden, da man hier nicht allein bei der Wahrheit geblieben ist und vor allem Menschen als Leiter auf den Thron erhoben hat. Wer die hier angesprochenen Dinge also mit charismatischen Äußerungen gleichsetzt, sei es einerseits, um sie auszuüben, oder sei es andererseits, um sie zu bekämpfen, der irrt in einer höchst gefährlichen Weise. Denn es ist beides Krieg, sowohl der Kampf, als auch der Gegenkampf, und Beides bringt immer auch dieselben Ergebnisse hervor. Und doch ist dies der normale Zustand unter der Herrschaft eines Königs, wie Samuel sie beschreibt. Es ist Gericht wie Zulassung Gottes gleichermaßen [1], da der Mensch diese Leiterschaft begehrte, anstatt dem lebendigen Gott selbst zu folgen. Und daß der nun zu gehende Weg ein Weg des Krieges sei, davon haben wir ja vorhin schon gesprochen bzw. sprechen noch davon.

    Die Bibel aber sagt, daß der Kampf die Sache des Herrn ist; Er würde kämpfen, wir aber sollten stille sein und dabei erfahren, wie Er es herrlich hinausführt (2Mo 14. 14, 2Chr 20. 15, vgl. auch Sa 4. 6b). Somit gehören die weitverbreiteten „Glaubenslehren” heutiger pseudo-charismatischer Prägung, die die willkürliche Anwendung geistlicher Gewalt verherrlichen und damit geradezu zum Inbegriff rechter Frömmigkeit erklären, ganz klar in das Grundmuster des sich selbst Nehmens und an sich Reißens vermeintlicher „geistlicher Segnungen” – ein Tempelraub, ein Bestehlen von Weihestätten, wie Paulus den Pharisäern ins Stammbuch schrieb (vgl. Rö 2. 23). Hier proklamiert man den Weg des Erfolges, statt den Weg des Lebens und des Gehorsams, des Kreuzes also zu gehen. „Wie? ‚Es’ hat doch ‚funktioniert’ – da muß es doch von Gott sein?” Mit einer solchen Begründung ließe sich sogar noch das Nazireich rechtfertigen. Nein! Niemals! Gewiß mögen Dinge auf diesem Wege zustandekommen, die man dann – unter Begründung mit Hilfe diverser und willkürlich zusammengesuchter Bibelstellen – für geistlich hält. Doch Gottes Weg ist dies nicht; es ist vielmehr die Art und Weise Satans (vgl. Mt 4. 1 – 4). Und wieviel Zertrennung, wieviel Kämpfe, wieviel Wunden und immer neue Verletzungen gibt es gerade auch unter denen selbst, die den hier beschriebenen Weg gehen! Spaltungen, immer neue Gruppenbildungen und fortschreitende Entzweiung unter Brüdern scheinen herausragende Merkmale jener geworden zu sein, die diesem Muster, dem Muster des Krieges, folgen.


    Aber weit mehr noch: Die, die nach Samuels Wort vor dem Wagen ihres selbsterwählten Königs herlaufen sollen (1Sam 8. 11), die ziehen ihn, die sind eingespannt, laufen in seinem Joch; sie müssen fortan die Wege dieses Königs, ihres Leiters bereiten – allein zu seinem Nutzen und zur Verwirklichung seiner Ziele. Denn fortan geht es nur noch um das, was er, der Leiter, „im Blick” behält; um seine „Vision”, um seine „Schau”, um seine Vorstellungen. Als „soeben ernannter König” wird er nun dazu übergehen, sich Oberste und Bedienstete („Minister”, „Fachleute”, die sog. „Fachabteilungen”) einzusetzen. Wer denkt da nicht an die so genannten „großen”, „mächtigen” und sich damit über alle anderen erhebenden christlichen „ministries” unserer Tage! Und doch ist es etwas völlig anderes, wirklich zu dienen, als ein solcher „Bediensteter” mit Rang, Namen und Titel zu sein, vor dem das „Gemeindevolk” in Ehrfurcht zu erstarren, dessen Reden es bedingungslos hinzunehmen und dessen „Dienst” es mit seinen Gaben auszuhalten hat. Schon gibt es sie wieder, die „Ordinierten”, die „Doktoren”, die ganz Besonderen, über allen anderen Stehenden. Vor Jesus, dem Lamm aber, ist all dies leer und eitel; es ist gar nichts wert und in Wahrheit, da es hoch und angesehen ist in den Augen der Menschen, ein Greuel vor Gott (Lk 16. 15).

    Symptomatisch für diese Struktur ist also vor allem, daß eine Minderheit herrscht, während die Mehrheit ihnen zu dienen hat. Und so entsteht menschliche Leiterschaft; genau das ist ihr Weg – Leiterschaft in hierarchischer Struktur, angeordnet „zu Obersten über Tausend und zu Obersten über Fünfzig”, wie Samuel es beschrieb. Die Liebe wird dabei mehr und mehr von der Herrschaft Einzelner überdeckt und schließlich ganz verdrängt; Kämpfe um die Rangordnung, Hader und Zwietracht werden zum Tagesgeschehen (vgl. 1Kor 3. 1 – 4). Jeder will der Erste sein oder, wenn ihm das nicht gelingt, wenigstens ganz nach „oben”, ganz in die Nähe der angeblichen „großen Männer Gottes” gelangen und sich unter ihrem Namen sonnen. Diese Namen aber sind es, die den Leib Christi mehr und mehr zerteilen (vgl. 1Kor 1. 10 – 13, 3. 1 – 4). Das, was einmal mit Spaltung begonnen hat, kann immer auch nur mit Spaltung fortfahren; fortwährende und immer neue Spaltungen und Entzweiungen sind zum Merkmal einer ganzen Bewegung geworden.


    Und doch haben all diese Gruppierungen und „Gemeinden”, die sich untereinander oftmals „spinnefeind” sind, die einheitlich herausragenden, ihnen allen gemeinsamen gleichen Merkmale: Dort, wo zuvor noch Brüder unter Brüdern lebten, erhebt sich nun eine Hierarchie, die die Interessen des „Königs” von der Spitze bis hinein in die soeben eingerichteten, ineinander verschachtelten Gruppierungen durchsetzen soll – erst die der Tausend, in diesen Tausend dann jeweils die der Fünfzig oder, um es in die heutige Situation zu übersetzen, erst durch „Hauskreisleiter” oder „Älteste”, dann erst durch die obere „Leitung” einer solchen „Gemeinde”, nennen wir sie „Pastor” oder „Ältestenrat”, dem diese „unteren” Leiter wiederum rechenschaftspflichtig sind und so weiter. Die direkte Beziehung zu dem Bruder und der Schwester wird nun unterbrochen oder ganz unterbunden. Das Praktizieren der Gnadengaben hat sich immer mehr den Regularien der „Gemeindeleitung” unterzuordnen, wird darum immer seltener und fällt schließlich ganz weg: Partizipieren an dem geistlichen „Kuchen” sollen vor allem die „Klerikalen”, während der Leib zu einem unmündigen Volk (láos=die Laien) umgebaut wird, das alle Segnungen, die zu bekommen es noch für würdig erachtet wird, nun aus den Händen der sich neu formierenden „Geistlichkeit” empfangen soll.

    Damit ist der Leib vom Akteur zum mehr oder minder passiven Subjekt geworden, die die Anordnungen der so genannten „Geistlichen” lediglich noch auszuführen und dieselben natürlich auch zu unterhalten hat.
Es wird weder zum gemeinsamen Gebrauch dieser Gaben ermutigt, noch wird ihre rechte Anwendung innerhalb der Gemeindeversammlung wirklich einmal eingeübt; der notwendige Eifer (Luther: Fleiß), den Paulus für diese Dinge anmahnt, wird vernachlässigt und schließlich ganz aufgegeben (vgl. 1Kor 14. 1, 39, 40). Durch das zunehmende Fehlen dieser Gaben können die gegenseitige Auferbauung des Leibes wie die notwendige Korrektur durch diesen bald nicht mehr gewährleistet werden (Apg 17. 11, 1Kor 14. 12, 26, 1Thes 5. 6 – 11, 19 - 22). Diese innere Auferbauung durch das untereinander geteilte Wort, das damit zum Brot aller wird, wird nun für eine rein äußerliche eingetauscht – mit der Errichtung und der möglichst perfekten Organisation einer Gemeindestruktur. Alle sollen nun in erster Linie damit beschäftigt werden, „Gemeinde zu bauen”, wie man unaufhörlich betont.

    Das besonders Verführerische an diesem System ist, daß es mit zahlreichen Schriftstellen geradezu gepflastert ist – mit Schriftstellen, die anscheinend etwas ganz Ähnliches ausdrücken, aber doch etwas völlig anderes im Sinn haben als das, was hier vor Augen ist. Hatte Paulus denn etwa nicht „Gemeinde gebaut”? Ja, ist die Antwort; er hatte in der Tat nicht nur gebaut, er hatte sogar ihren Grund gelegt (vgl. 1Kor 3. 5 – 11)! Und doch ist dieser Bau, an dem Paulus arbeitete, so grundverschieden von dem jener Gemeindestruktur, die heute vor aller Augen ist und die man ständig mit dem verwechselt, was Paulus tat! Nein, Paulus arbeitete nicht an einer äußerlichen Struktur; er arbeitete an den Herzen; sein Bau war kein irdischer, sondern ein geistlicher, sein Dienst war in erster Linie lehrmäßiger Natur; dem hatte sich alles andere unterzuordnen. Da nun seine Arbeit eine besondere, grundlegende war, wie wir eben erkannt haben, ist sie auch keine solche, die sich jemals wiederholen könnte; denn Grund kann nur einmal gelegt werden, solange man keinen andern Bau errichten will neben dem, der schon errichtet ist. Niemand kann ein Fundament eines Hauses erneut errichten, nachdem man schon begonnen hat, die Wände hochzuziehen, Türen und Fenster einzusetzen. Wenn dies schon im Natürlichen nicht möglich ist, wieviel weniger dann im Geistlichen!

    „Gemäß der mir von Gott gegebenen Gnade lege ich als weiser Werkmeister den Grund”,

    sagte Paulus damals, indem er seinen Dienst beschrieb, der zu seiner Zeit noch im Gange war;


    „ein anderer aber baut darauf weiter. Ein jeder sehe aber, wie er darauf baue! Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, und der ist Jesus Christus.”
1Kor 3. 10 – 11

    Wer also heute noch immer Grund legen will und sich demnach als besonderen Apostel darzustellen wähnt, da er doch „Gemeinde” gründe, der mag wohl irgend einen Grund legen, doch nicht den der Gemeinde als dem Bau, den Gott in den Aposteln und Propheten schon gegründet hat (vgl. Eph 2. 19 - 22). Denn dieser Grund ist gelegt, wie wir sahen; einen anderen, also weiteren, kann niemand legen, wenn er auf dem Weg bleiben will, der uns von Gott gewiesen wurde.


    Und genau aus diesem Grunde kann auch das, was Menschen heute als „Gemeinde” zu bauen gedenken, nicht Gottes Bau sein; jenes Reich äußerlicher Strukturen, das man da errichtet, ist nichts Anderes als ein Reich menschlicher Anmaßung und Verführung. Denn mit dem Reich Gottes hat all das, was wir bauen, herzlich wenig zu tun. Nein; Gottes Grund ist schon gelegt; Sein Reich ist schon errichtet und besteht jenseits unserer Bemühung; wir können nur Gottes Ruf erwidern, indem wir dort eintreten andernfalls aber werden wir draußen bleiben. Da gilt es dann zuvor all das abzulegen, was dort nicht hineingehört:

    „Allerdings, der feste Grund Gottes besteht und hat dies Siegel: Der Herr kennt, die Sein sind, und: es stehe ab von der Ungerechtigkeit jeder, der den Namen des Herrn nennt.”
2Tim 2. 19

    –
Gegründet wurde vor zweitausend Jahren das, was bezahlt worden ist auf Golgatha. Für etwas Anderes vergoß Jesus nicht Sein kostbares Blut. Deshalb erscheint auch das neue, himmlische Jerusalem in der Offenbarung umgeben mit einer Mauer, die „zwölf Grundfesten” hat, „darauf die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lämmleins” (Off 21. 14). Wer aber sind die, deren Namen auf diesen Grundfesten stehen werden? Das sind genau jene zwölf, die von Anfang an mit Jesus waren und Ihn selbst nach der Auferstehung noch gesehen hatten – mit Ausnahme von Judas, der seinen Dienst nicht bewahrte und den Herrn verriet. Für diesen hatte man noch vor Pfingsten unter Gebrauch des Loses den Matthias gewählt, den man zur Wahl aufstellte neben „Joseph, genannt Barsabas, der den Beinamen Justus hatte” (Apg 1. 15 – 22). Diese Wahl hat Gott allerdings nicht bestätigt; denn eigener Entschluß, Seine Zusagen „hier” und „gleich”, zum selbst gewählten Zeitpunkt also erfüllt zu sehen, nicht aber Sein geoffenbarter Wille waren für sie ausschlaggebend. Da nützt dann auch das Los nichts, das man nach alttestamentlichem Vorbild wieder anzuwenden gedenkt, in der Erwartung, Gott müsse Sich darauf einlassen, da solches doch in der Bibel stünde. Gott läßt Sich Sein Werk eben nicht aus den Händen nehmen; wir können Ihm durch unser Tun nicht „nachhelfen”, und wenn es in unseren Augen auch noch so geistlich sei.

    Und so wird Matthias im Neuen Testament nie wieder erwähnt. Er gehört, wie so viele andere neuzeitliche „Apostel” auch, eben nicht zu denen, deren Namen einst auf den Fundamenten des himmlischen Jerusalem zu finden sein werden. An seine Stelle ist – als „unzeitliche Geburt” zwar, aber doch zum Zeitpunkt Gottes – vielmehr der Apostel Paulus getreten, der überdies auch den Auftrag hatte, die bis dahin nur bruchstückhaft vorhandene Überlieferung des Wortes Gottes zu vervollständigen (1Kor 15. 3 – 9, Kol 1. 25). Denn der eigentliche Felsen, um den es hier geht, und auf dem wir unser Lebenshaus bauen sollen – das ist das Wort des Herrn (Mt 7. 24). Und so mag ein Grund, den heute jemand wiederum zu legen gedenkt, wohl den Namen Jesu Christi anführen; und doch ist er ein anderer neben dem, der schon gelegt ist, stellt er einen ganz anderen Weg und ein ganz anderes Ziel dar. Der Grund, der hier gelegt werden soll, ist nicht Christus und Sein Wort, sondern ein System menschlich organisierter Leiterschaft, dem Grundstock einer neuen Kirche neben den vielen, die wir heute schon haben! Und so ist es wieder der Mensch, der seine eigene Herrschaft an die Stelle Christi zu setzen und diese seine Überhebung mit Bibelstellen zu rechtfertigen sucht. Das aber, was sich an die Stelle Jesu Christi setzt, ist dem Wesen nach antichristlich, denn es setzt ein anti, ein Anstatt an die Stelle Dessen, dem allein dieser Platz gebührt (2Thess 2. 3 - 5, 1Jo 2. 24 – 29). Wieviel menschliche Anmaßung liegt doch in solchem Verhalten, und welche Verführung steckt vor allem dahinter! An dieser Stelle finden wir also ein Beispiel darüber vor, wie geistliche Dinge sehr trickreich und kunstfertig in ihr genaues Gegenteil verkehrt werden – mit Hilfe einzelner Aussagen, die in der Heiligen Schrift zwar enthalten sind, die man aber ihres Sinnes entleert und dann entsprechend umgedeutet hat. Somit darf dann auch Gemeinde längst nicht mehr das sein, was sie ihrem Ursprung nach von Gott her sein sollte: die von Ihm allein Herausgerufene (ekklesía) und von Ihm Versammelte, wörtlich: die Zusammengeführte (synagoge) des Herrn. Statt dessen soll sie vor allem die durch Leiterschaft organisierte äußerliche Struktur – als das durch eigene Anstrengung erreichbare Ergebnis in menschlicher Erfüllung vermeintlicher „Visionen” – zum Ausdruck bringen. Fortan dreht sich also alles nur noch um den strukturellen Ausbau dessen, was man in diesem Sinne unter „Gemeinde” versteht; jeder will die größte, schönste, natürlich die wohlhabendste und vor allem die „erfolgreichste” haben.

    Hierbei treten die Handlungen der Leiterschaft und das Auftreten von besonderen, sich über den ganzen Leib erhebenden, so genannten „Diensten” bzw. „Dienstgaben” zunehmend in den Vordergrund. Ihr Auftreten ersetzt nun das Reden und Handeln des immer mehr verstummenden Leibes. Christliches „Konsumententum” ist eines der Ergebnisse dieser Entwicklung, die wir heute weithin vor Augen haben. Fortan darf dieser Leib nicht mehr selbst leben, sondern wird gelebt durch das Ausführen der Anordnungen derer, die sich „Leiter” nennen. Wie der von Samuel angekündigte König, so regieren auch sie über das vermeintliche „Volk” und fordern von ihm alsbald Gaben, Zehnten und „Opfer” ein. An dieser Stelle findet also eine nach dem Neuen Testament völlig inakzeptable Überhöhung und Fehlinterpretierung des so genannten „Fünffältigen Dienstes” statt; die Warnung des Herrn, denen gerade nicht zu glauben, die sich – unter Gebrauch diverser Wunderzeichen und Machttaten – als besondere Gesalbte (Christusse) Gottes ausgeben, wird zunehmend ignoriert, mit allen darin liegenden, mitunter verheerenden Folgen (vgl. Mt 24. 5, 25). „Ich bin doch der Gesalbte Gottes; ich bin der große Prophet, Gott redet durch mich, darum mußt du mir folgen.” Wirklich? So sind sie über jeden Einwand erhaben, wähnen sie sich doch „von Gott gesandt”.

    Folgerichtig läuft jeder, der ihre Verkündigung anhand des Wortes Gottes auch nur zu prüfen wagt, oder, was noch verwerflicher erscheint, seine Anfragen überflüssigerweise auch noch laut werden läßt, unverzüglich Gefahr, angegriffen und ins Abseits gestellt zu werden, weil er es doch gewagt hat, die so genannten „Gesalbten Gottes” anzutasten. Falscher Prophetie wird so Tür und Tor geöffnet. Ihre „Weissagungen” orientieren sich immer sowohl an der „Vision” als auch der Position des „Leiters” und bestätigen diese; damit führen sie immer in die Sichtbarkeit nach den Maßstäben dieser Erde. Und so hat diese Sichtbarkeit, die es hier und heute zu erringen gilt, längst die Erwartung des wiederkommenden Herrn verdrängt. „Wenn jemand den Herrn nicht liebhat, der sei in den Bann getan! Maran atha!”, schrieb Paulus an die Korinther (1Kor 15. 22). Ich kann hier förmlich den Aufschrei der Entrüstung hören: „Wir alle lieben doch den Herrn, wir dienen Ihm doch!” Dienst du Ihm – wirklich Ihm? Oder bist du gebannt von einem durch Menschenhand erschaffenen Gebilde, das man lediglich nach Seinem Namen benannt hat, und dienst diesem? Jeder will „Gemeinde” bauen, ja das „Reich Gottes” selbst, wie man unaufhörlich und an der Wahrheit vorbei versichert; doch der Ruf Maran atha – Herr, komme bald wo erklingt es noch?


    Wie das ganze Leben, so prägt dieser Weg nun auch die Versammlungen und Zusammenkünfte der vielgepriesenen „Gemeinde”. Das Ritual festbestimmter „Lobpreiszeiten” und der darauf folgenden „Predigt” wird immer mehr zum dominierenden Bestandteil des „Gottesdienstes”. Der Führung Gottes darf nicht mehr gefolgt bzw. Ihm darf nicht gedient werden, ohne immer zuerst den „vorgesetzten Leiter” um Erlaubnis zu fragen. Allein er hat nun „alle Fäden in der Hand”. Der Ausbau und die Aufrechterhaltung einer sichtbaren, gut durchorganisierten Gemeindestruktur werden zu ganz zentralen Bestandteilen in Lehre und Praxis gemacht. Dieser Struktur wird alles andere untergeordnet und schließlich ganz geopfert. Diverse und falsche Lehren über Finanzen, vor allem solche des Zehnten- und Opferdienstes, rücken dazu mehr oder weniger in den Vordergrund. Dasselbe betrifft die mitunter exzessiv abgehaltenen Belehrungen über Themen wie „Leiterschaft”, „Gemeinde” und die in diesem Zusammenhang stehende, so genannte „Unterordnung”. Ein über das „gemeine Volk” gestellter Gesetzes- und Levitendienst nach dem Muster des Alten Testaments, den der Hebräerbrief als „veraltet und greisenhaft” beschreibt (Hbr 8. 13), da er doch noch der alten Ordnung angehörte, die nichts ausrichten konnte (Hbr 7. 18), wird hier erneut hervorgeholt und ist nun – gewissermaßen – wieder ganz modern. Die Themen „Gemeinde” und „Leiterschaft” sind zum „Ein und Alles”, zum fast ausschließlichen Glaubensinhalt derer geworden, die diesen Weg immer wieder verfechten.

    „Die Sünde” schlechthin besteht nach solchem Diktus weniger in der Trennung von Gott als vielmehr darin, keiner örtlichen Gemeindestruktur anzugehören bzw. keinen menschlichen Leiter über sich zu haben! Die „Ortsgemeinde” mit ihrer „Leiterschaft” sei Dein Schutz, darum bräuchtest Du sie – so sagt man. Wo aber, lieber Bruder, liebe Schwester, steht dieser Satz in der Bibel? Hast Du ihn darin überhaupt schon einmal gesucht? Du hast ihn selbst dort noch nicht gefunden, nicht wahr? Aber etwas Anderes steht dort: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen wohnt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, auf den ich traue!” (Ps 91. 1 – 2, Schlachter). Die Gemeinde – Dein Schutz? Hier wird in der Tat das, was man für „die Gemeinde” hält, mit dem lebendigen Gott gleichgesetzt! Und so wird der Dienst Gottes immer mehr ausgehöhlt, ausgetauscht und verwechselt mit dem Dienst an einer durch menschliche Leiterschaft eingerichteten, sichtbaren Gemeindestruktur – dem goldenen Kalb vergleichbar, das die Israeliten als Jahwe, mit dem Namen Gottes also bezeichneten und dem allein sie nun ihr Gehör schenkten, und vor dem sie tanzten, sangen und spielten (2Mo 32. 1 – 6, 17 - 19). Und das, liebe Geschwister, nennt die Bibel Götzendienst (vgl. 1Kor 10. 1 – 12), und fordert noch immer Gottes Zorn heraus! Irrt euch also nicht!


    Der Leiter, oder bestenfalls ein Gremium einiger Weniger, entscheidet nun allein über Wohl und Wehe der durch menschliche Anordnung zusammengerufenen „Versammlung”. Menschen werden nicht oder kaum mehr aufgrund der ihnen von Gott verliehenen Gaben und Berufungen gefördert, sondern werden vielmehr willkürlich in die vorhandene Gemeindestruktur eingegliedert – je nach Notwendigkeit, wie sie der „Leiter” sieht und selbst zu begründen sucht. Die persönliche Entscheidung des Gläubigen aufgrund des ihn von Gott her leitenden Friedens oder des Unfriedens in seinem Herzen (Kol 3. 15) tritt dabei ganz zurück; es gilt, nicht mehr der Führung des innewohnenden Geistes Gottes, sondern in erster Linie den Anordnungen der Leiterschaft Folge zu leisten (vgl. Kol 2. 18 - 23). Alles dient nun der Konditionierung in ein rigoroses Machtsystem hinein, in das befördert zu werden angeblich lohne. Was ist es da noch ein Wunder, wenn Geschwister innerlich hin- und hergerissen werden, dem zumeist sehr unterschwellig-subtil ausgeübten Druck am Ende nicht mehr standhalten können und darüber in der Seele krank werden. Ja, es macht krank, das andere Evangelium. So manches Menschenkind ist dabei in der Psychiatrie gelandet. Dies ist besonders in der charismatischen und Glaubensbewegung ein ganz verschwiegenes und nur allzu gern vertuschtes Kapitel. Vor den Flammenaugen des Auferstandenen aber (Off 1. 14), dessen Name ist „treu und wahrhaftig” (Off 19. 11), wiegt es schwer. Ihnen entgeht nichts; da mag man verschweigen, vertuschen und zudecken, was man will: jene, die sich in dieser Weise als „Leiterschaft” über andere zu erheben anmaßen, werden über ihr Tun einst ganz unweigerlich Rechenschaft abzulegen haben (vgl. Mt 25. 45 - 51). Denn hier ist geistlicher Mißbrauch derer, die man für „seine Untergebenen” hält, zum Tagesgeschäft geworden, wird antichristlicher Verführung ein weites Tor geöffnet (1Jo 2. 26 - 27).

    Nein, hier ist nicht etwa „das System” krank, so daß man hier und da lediglich etwas daran „verbessern”, die Symptome abändern müsse, damit die Heilung des Leibes Christi endlich voranschritte, wie wir denken mögen; sondern das System an sich ist die Krankheit, an der wir alle so sehr zu leiden und dem wir unseren Schaden zu verdanken haben. Da nützt es dann auch nichts mehr, wenn namhafte „Leiter” Aufsätze über geistlichen Mißbrauch verfassen und christliche Blätter über die allgemeinen Zustände in der Christenheit lamentieren, wobei dann ganz selbstverständlich nicht wir selbst, sondern immer die jeweils „andern” gemeint sind. Andere sprechen zuweilen sogar von Machtmißbrauch. Doch auch das ist eine Verschleierung, und zwar eine gründliche; denn der Herr lehrte uns nicht, übereinander Macht auszuüben, sondern Er sagte, daß einer dem andern zu dienen habe, daß wir uns einander unterzuordnen, einander die Füße zu waschen hätten; wo aber kein Gebrauch von Macht, da ist auch ein Mißbrauch von Macht nicht möglich und von vornherein ausgeschlossen. An den Symptomen herumgepfuscht haben wir also weit mehr als genug – nichts als gefährliche „Doktorspiele” von Menschen, die sich bislang geweigert haben, sich einmal wirklich unter Gottes Hand zu beugen und ihre Sünde zu bekennen, und zwar vor Gott und dem Bruder, den Gott uns an die Seite gestellt hat (1Jo 1. 5 - 10). Das einzige, was wir auf diesem Wege hervorgebracht haben, sind immer neue Verletzungen im Leben kostbarer Geschwister, ohne daß je der Krebsschaden in unser aller Leben jemals mit Namen genannt, geschweige denn wirklich geheilt worden wäre. Denn was hier regiert, ist längst nicht mehr der Herr; es ist ein anderer Jesus, ein anderes Evangelium und ein anderer Geist, die hier Einzug gehalten haben, wie der Apostel Paulus denen schreibt, die das Reden und Wirken falscher Apostel nur allzu leichtfertig begrüßt und aufgenommen haben (2Kor 11. 4). Und damit verkommt, da man die Liebe der Wahrheit zunehmend abweist und Gott – schon auf dem Gerichtswege – nun kräftige Irrtümer sendet, auch die Gemeinde zum Tummelplatz antichristlicher, betrügerischer Geister (2Thes 2. 1 – 12), und zum Austragungsort von Dämonenlehren und -praktiken (1Tim 4. 1 – 2ff). Die aber, die darunter sitzen, werden nun zur leichten Beute.

    Die Gemeinde am Ort hat damit längst aufgehört, Darstellung der vom Herrn Herausgerufenen (im Sinne der ekklesía Gottes) zu sein, und wird von Menschenhand immer mehr zur Sekte umgebaut. Der Eine, der das Leben gibt, wird zunehmend aus der Mitte gedrängt und geht leise und unbemerkt, bis Er, der von Herzen Demütige und Sanftmütige, eines Tages ganz vor der Tür steht und anklopft, damit jene, die noch hören können, Ihm auftun, damit Er zu ihnen eingehen und mit ihnen das Mahl halten könne, das Hochzeitsmahl der Vereinigung mit dem Haupt (Off 3. 20). Da mag man indessen reich geworden sein und gar satt, wie die Wohlhabenden in Laodizäa; da mag man sich gar noch bestätigt fühlen, da man diverse „Kraftwirkungen” vor der staunenden Menge zu vollführen vermag – aber doch hat man am Ende das Allerwichtigste und damit das Eigentliche verloren – man hat das Leben nicht mehr. Denn dieses aus dem Geist geborene Leben Gottes läßt sich eben nicht kanalisieren und in menschliche Strukturen zwängen, auch dann nicht, wenn man diese Strukturen „nach biblischem Muster” selbst einzurichten gedenkt – es ist und bleibt Menschenwerk (Jo 3. 6 – 8). Denn hier hat man etwas ganz Maßgebliches, Grundlegendes und Entscheidendes übersehen: Gott wohnt nämlich nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind; Er ist also nicht in dem zu finden, was auch nur irgendwie aus dem Wirken von Menschen hervorgegangen ist (Apg 7. 47 – 51, vgl. Jes 66. 1 – 2).

    Darum wird Er Sich Sein Werk auch niemals aus der Hand nehmen lassen. Er
fügt zusammen, Er baut, und Er sagt uns nicht etwa: „Baut (oder bringt!) Ihr euch ein!”, „Baut selber!”, sondern Er sagt ganz klar: „Laßt euch einbauen!” (1Ptr 2. 4 – 6). Er, der der Anfänger des Glaubens ist, ist allein auch sein Vollender (Phil 1. 6, Hbr 12. 2); Er ist Alpha und Omega, Anfang und Ende gleichermaßen (Off 1. 8. 18); Er ist der Erste, der Anfang einer jeden Schöpfung (Kol. 1. 15) und Er wird immer auch der Anfang der Gemeinde als der Herausgerufenen Gottes sein (Kol 1. 18, 19). Er tritt niemals in eines andern Arbeit ein; Er ist und bleibt allein das Haupt der Gemeinde, das eine, einzige Haupt. Er ist der eine Eckstein, den die Bauleute verworfen haben; und so wurde Er für sie, die sich selbst zu bauen anmaßten, „ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Strauchelns denen, die sich auch an dem Wort stoßen, weil sie widerspenstig sind, wozu sie auch gesetzt sind” (1Ptr 2. 6 – 8). Kann ein Baustein (Vers 5) sich etwa selbst einfügen? Kann er etwa sich und anderen einen Platz aussuchen und – zuteilen? Verfügt er, der er nur ein Baustein ist, etwa über den Bauplan? Nein, nicht wahr? Was sagt unser Gott dazu?

    „Spricht auch der Ton zu seinem Töpfer: ‚Was machst du?’ oder dein Werk: ‚Er hat keine Hände?’ Wehe dem, der zum Vater spricht: ‚Warum zeugst du?’ und zum Weibe: ‚Warum gebierst du?’ So spricht der Herr: Wegen der Zukunft befraget mich! Meine Kinder und das Werk meiner Hände lasset mir anbefohlen sein!”

Jes 45. 9 – 11, Schlachter; vgl. Kap. 64. 7; auch Jer 18. 1 – 6; Rö 9. 20, vgl. dazu 1Kor 12. 14 – 26, 1Tim 2. 20a)

    Ist es dann nicht längst an der Zeit, daß wir herauskommen aus dem gigantischen Selbstbetrug, der hier offenbar wird?


    So zieht Sich der der Versammlung innewohnende Geist Gottes in dem Maße aus dem Gemeindeleben zurück, wie man daran geht, Sein Werk in die eigene Hand nehmen zu wollen und selbst zu bauen, Strukturen zu errichten. Ich selbst habe so manchen Kreis, so manche Gemeinschaft, die einmal geistlich, unter der Gegenwart des lebendigen Gottes begonnen hatte, am Ende darüber auseinanderbrechen sehen. Und oft, nur allzu oft stand da die Frage bzw. der Ruf nach einer menschlichen „Leiterschaft” im Raum: „Wer soll der Erste und Größte, der Leiter aller sein?” (vgl. Mk 9. 33 – 37, 10. 35 – 45). Gott aber macht dieses Gebaren nicht mit; Er wirkt nicht mit dem zusammen, was Er nicht geboten hat, da mag man bekennen und „glauben”, jubeln und jauchzen, kämpfen, machen und tun, was und wie man will. Schon das alte Israel jubelte und jauchzte, daß die Erde dröhnte, nachdem es, von den Philistern bedrängt, die Bundeslade herzugeholt hatte; wohl gedachte es, so einen Sieg über seine Feinde zu erringen. Da mußte es erst noch gewahr werden, daß es sich bereits unter Gericht und damit längst in der Niederlage befand (1Sam 4. 1 - 11). Da wurde das, was es in großer Torheit da anzuwenden suchte, ihm zum Gericht, und so wurde ihnen das genommen, was sie zu gebrauchen gedachten – die schöne Bundeslade selbst. Mag man auch anwenden, was man will; es bleibt dabei: Gott wirkt nicht in dem, was Er nicht angewiesen hat, mögen wir hier und da „Erfolge” hervorbringen oder auch nicht; Er kooperiert weder mit Menschenwerk, noch wirkt Er mit Sünde zusammen – niemals (vgl. 2Kor 6. 14 – 18).

    Auch Luther hatte dies erkannt; er drückte den Zusammenhang in der Form aus, daß Gott sich sogar aus Seinen Wort „herausschälen” könne, „so daß ihr nur noch die Hülsen nachbehaltet”. Und so hatte man auch in Israel jenes Wort erst noch zu buchstabieren, das da „Ikabod” hieß – „Die Herrlichkeit ist fort von Israel!”, das schon sprichwörtlich zum Ausdruck der Abwesenheit Gottes wurde. Es war der Schmerzensschrei einer gebärenden Frau, die sich zu ihrer Zeit wohl als einzige (!) der Tragik dessen voll bewußt war, daß mit der Bundeslade – Stätte und Symbol der Gegenwart und der Herrlichkeit Gottes – wegen des Ungehorsams des Hauses Eli auch Gott Selbst von Israel gewichen und das Volk in die Hände des Feindes dahingegeben worden war (1Sam 4. 19 – 25). Der Rückzug des Geistes Gottes ist eine, wenn auch tragische, so doch unumstößliche Tatsache, die immer dann zu beobachten ist, wenn man selbstherrlich dazu übergeht, eine Leiterschaft zu begehren und anfängt, über sich „Häupter” einzusetzen – neben dem einen Haupt, das uns von Gott her verordnet ist (Eph 1. 22, 5. 23; Kol 1. 18 u.a.). Geht der Heilige Geist, dann kommen die Geister. Einen Leerraum gibt es nicht. Anstelle der vormaligen Herrschaft des Geistes Gottes gewinnen nun Lehren und Praktiken verführerischer Geister Raum, wie wir gesehen haben, und Knechtschaft entsteht dort, wo zuvor Freiheit zu finden war (2Kor 3. 17 - 18). Denn der Mensch regiert wieder; er nimmt die erste Stelle ein, und nichts, aber auch gar nichts geht mehr ohne die Einwirkung von Leiterschaft.

    Auch die Beziehung zu dem selbsterwählten König ist nicht ohne Vorvermittlung der jeweils zwischengeordneten Instanzen möglich. Das gemeinsame Leben von „Brüdern unter Brüdern”, als von „Gleichgesinnten” (vgl. Phil 2. 1 - 4, 4. 2 - 3) findet also genau hier ihr Ende. Der „Leiter”, Samuel nennt ihn den Obersten über Fünfzig, wird nun zur Bezugsperson aller gemacht. Diese Obersten über Fünfzig, dort zwanzig an der Zahl, haben ihren Bezug wiederum in den Obersten über Tausend. Und erst diese haben mit dem König überhaupt Kontakt. Denn die Obersten über Fünfzig sind zuallererst den Obersten über die Tausend untergeordnet; nur die Obersten der Tausend unterstehen dann dem König direkt und können mit ihm verhandeln. In dieser Struktur haben wir bereits das Grundmuster religiöser Dachorganisationen vorliegen, den Vorläufern gerade entstehender „christlichen Denominationen” oder „Kirchen”, neuer Abspaltungen von dem immer weiter geschundenen Christusleib. Nichts mehr zu sagen hat das „Volk”, als die Masse derer, die „unten” sind, und die nun von den „Obersten”, als den Bevollmächtigten des Königs, „von oben herab” regiert werden. In der Welt können wir genau dieselbe Struktur wiederfinden; denn für die Welt ist sie gemacht, und allein für sie hat sie von Gott her auch ihre Gültigkeit – niemals aber für Gottes Eigentum, Seine Kinder innerhalb des Christuskörpers. Und so gilt in der Welt sehr wohl, der von Gott in sie hinein gesetzten Obrigkeit untergeordnet zu sein – auch für uns, wie Paulus schrieb, denn noch leben wir in dieser Welt, und die Entrückung hat noch nicht stattgefunden (Rö 13. 1 - 6). Kurz danach aber wird Paulus dazu überleiten, daß es gilt, einem jeden das Schuldige zu erstatten; schließlich, nachdem er all dies behandelt hat, sagt er den Römern:

    „Seid niemandem etwas schuldig, außer, einander zu lieben” (Rö 13. 7 - 8).

    Einander lieben, so daß jeder jedem die ihm schuldige Liebe zukommen lassen soll – das gilt jedem einzelnen Glied der Gemeinde in Rom, an die Paulus schrieb; damit gilt es auch uns. Und wir bleiben darin Schuldner; denn die Liebe lebt weder im Gestern, noch im Morgen; sie lebt im Heute, im Hier und im Jetzt. Genauso wird die Liebe niemanden besonders vorziehen können, während andere dabei ins Hintertreffen geraten. Sie kennt nicht „Groß”, noch kennt sie „Klein”, aber sie selbst macht sich klein – immer um des Andern willen. „Die Liebe wird niemals hinfällig”, ermahnte Paulus dann auch die Korinther – ausgerechnet im Hinblick auf besondere Gnadengaben wie Prophetenwort, Zungenrede oder Erkenntnis (1Kor 13. 8). Denn eine Gabe gilt dem Dienst, wenn sie echt ist, und damit dem Bruder und der Schwester, die Gott mir an die Seite gegeben hat; sie stellt den, der sie ausübt, niemals über andere. Die Liebe ist völlig unabhängig von Gabe oder Berufung! So betrifft nun die Ordnung der weltlichen Obrigkeit, die noch einzelne, von Gott gesetzte Amtsträger besonders hervorhebt und aufgrund dieser Einsetzung auch besonderer Ehren würdig hält, nicht mehr den Umgang miteinander innerhalb dessen, was wir als „Gemeinde” bezeichnen.

    Denn da gibt es keinen Vorzug – für niemanden: Er, der Christus, ist der Meister, wir alle aber sind Brüder, alle miteinander auf ein und derselben Ebene, in diesem Sinne, obschon mit verschiedenartigen Gaben ausgestattet, als Gleiche unter Gleichen (Mt 23. 8 – 10). [2]
Noch nicht einmal für das alte Israel war die in den Völkern vorhandene, weltliche Ordnung von Königen und Vorgesetzten ein „anwendbares Modell” – es entsprach nicht dem Willen Gottes, wie wir gesehen haben. Denn anderenfalls hätte Er wohl kaum zu tadeln gehabt, daß Israel sich einen König erwählte:

    „Sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, daß ich nicht König über sie sein soll” (1Sam 8. 7).

    Das Ergebnis eines solchen Begehrens kam wohl von Gott, jedoch kam es auf dem Gerichtswege – eine Struktur der Trennung entstand, sowohl von Gott, als auch von dem Bruder und der Schwester. Damit aber entwickelte sich zugleich auch ein schwer zu durchschauendes System der Sünde – denn Sünde ist die Trennung von Gott und dem Nächsten, wie die Bibel lehrt (3Mo 19. 18, 5Mo 6. 5; Mt 22. 36 - 40, Rö 13. 8 - 10 u. a.). Ob vielleicht die vielen „Leiterschaftskonferenzen”, „Pastorenseminare” unserer Tage etc. etwas mit dieser Sünde zu tun haben? Ich denke schon!


    Aber weit mehr noch gilt es herauszustellen, wenn wir den hier eingeführten Dienst recht beurteilen wollen: er ist ein Dienst der Vermehrung, der Vermehrung aber des Irdischen: das Volk soll den Acker des Königs pflügen und seine Ernte einbringen (1Sam 8. 12). Das auf diese Weise gemehrte, irdische Gut aber gehört ihm, dem König, den man sich selbst erwählt hat! In dem Dienst dieser Vermehrung stehen vor allem die weiter oben angeführten Lehren über das Geben des Zehnten. Doch auch der Zehnte fließt in die Kassen des Königs und seiner Bediensteten; sie mehren vor allem ihren Wohlstand und ermöglichen den Erfolg der von ihnen angeordneten Unternehmungen (1Sam 8. 15, 17). Erinnern wir uns noch daran, was Samuel sagte? Es ist ihr Kriegswagen, der rollen, ihr Feld, das bestellt und ihre Versorgung, die gewährleistet werden soll (Verse 11 - 13). Immer geht es um das Geschäft des Königs und seiner Vasallen, doch nie um die Nöte des Volkes, das diesem König dient (Vers 16). Und so wird hier nicht gegeben, aller Mehrung (und vielleicht auch anderslautender Beteuerungen!) zum Trotz. Hier wird genommen; ganze sechs Mal lesen wir „wird er nehmen” (Verse 11, 13, 14, 15, 16, 17). Die Zahl Sechs” ist in der Heiligen Schrift immer die Zahl des Menschen. Da spricht alles von Raub und Knechtschaft; von einer Beraubung aber, die sich – neben der Verführung, die hier im geistlichen Bereich geschieht – vor allem im Irdischen, in Hab und Gut der zum Dienst Verpflichteten abspielt. Auch an diesem Muster erkennen wir die Wirkungsweise diverser so genannter „Glaubenslehren” wieder. Ihre Frucht aber ist das Gegenteil dessen, was ihre Verkündiger den Menschen einzureden suchen. Nicht Erfolg und Gewinn, sondern Raub und Mangel stehen für die Mehrzahl an ihrem Ende.

    Wer so dient, der verliert früher oder später seine Freude. Denn da ist kein Wort mehr von der Freudigkeit, dem Herrn zu dienen, von der Freiheit des Geistes (um es einmal neutestamentlich auszudrücken), vom Genießen der Gaben, die Gott schenkt; alles, das Beste, was sie haben, die Früchte ihrer Arbeit, ihr Besitz und Lebensunterhalt, ja ihr ganzes Leben, muß nun statt dessen dem selbsterwählten König dienen: Ein anderer bestimmt nun Verlauf und Berufung ihres Lebens. Hier verliert man das Beste, was man hat, und erhält den kümmerlichen „Rest” zum Lohn, ohne, daß der eigenen Not jemals aufgeholfen würde. Und so hat auch die Knechtschaft eines sich als „geistlich” gebärdenden Fron- und Zehntendienstes, wie er in zahllosen so genannten „Freien” oder „Glaubensgemeinden” unserer Tage eingefordert wird, ganz genau hier seine Wurzeln: in dem Abfall von dem lebendigen Gott und dem Erwählen menschlicher Leiterschaft. Und auch hier wird der Fluch, für den sich nur allzu viele durch solchen Abfall entschieden haben, sehr bald eintreten:

    „Verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut und hält Fleisch für seinen Arm. Er wird sein wie der Strauch in der Wüste; er wird nichts Gutes kommen sehen... Gesegnet ist der Mann, der auf den Herrn vertraut.”
Jer 17. 5 - 7, Schlachter

    So haben auch wir darauf zu achten, daß unser Herz allein auf Gott ausgerichtet bleibt. Verlassen wir diesen uns gebotenen Weg, so geraten wir in die Sklaverei selbsterwählter Leiterschaft, als der Herrschaft von Menschen: ist es doch das verbriefte Recht eines Königs, von seinen Untertanen und zu solchen werden wir dann Gaben in der oben beschriebenen Form einzufordern, ja unser ganzes Leben für seine Vorstellungen in Beschlag zu nehmen. Hier wird der Lehrsatz wirksam, wonach wir dessen Knechte werden, wem auch immer wir uns zum Gehorsam ergeben haben entweder als Sklaven der Sünde zum Tode oder des Gehorsams zur Gerechtigkeit”, als dem Dienst Gottes also (Rö 6. 16). Der Dienst nach menschlichem Willen ist immer der der Sünde, getrennt von Gott; es ist ein Dienst, von dem Christus uns gerade erkauft hat, damit wir fortan frei seien, ihm allein zu dienen, und erst dann aus Ihm heraus auch dem Bruder und der Schwester, und schließlich auch den Menschen in der Welt (vgl. Ga 6. 10). Auch und gerade hier gilt also, daß Christus in allem der Erste sein muß (Kol 1. 18). So werden wir, die wir doch Christus nachfolgen sollen, im Hinblick auf den einzigartigen Kaufpreis – Seinem teuren und kostbaren Blut dann auch nicht umsonst dazu ermahnt:

    „Mit einem hohen Preis seid ihr erkauft worden; werdet daher nicht Sklaven der Menschen” (1Kor 7. 23).

    Spätestens hier sollte anschaulich genug geworden sein, wohin die (gerade in den so genannten „freien” Gemeinden!) heute immer mehr um sich greifende „Lehre” über „Leiterschaft” und deren vermeintliche „Unterordnung” führt: sie versklavt die, die sie in ihrem Leben aufzunehmen und zu verwirklichen suchen, und bindet sie damit an jene, denen sie fortan zu dienen haben werden – mit allem, was sie sind und haben, als Gefangene ihres Willens. Die überaus schädliche Zehntenlehre ist da nur ein Bestandteil unter vielen anderen; und doch ist sie ein sehr wesentliches; sorgt doch vor allem sie für die immer weitere Aufrechterhaltung eines ungöttlichen, gesetzlich-lieblosen, ja zuweilen skrupellosen Systems. Wie viele auf diesem Wege eines fürwahr „anderen” Evangeliums nicht nur arm und ausgeraubt, sondern auch in ihrer Seele ausgelaugt, ja regelrecht krank gemacht worden sind, ist kaum mehr abzuschätzen. An anderer Stelle haben wir uns ja dazu schon geäußert.


    Gesetzlichkeit, Herzenskälte und Lieblosigkeit werden also, zumeist sehr subtil verpackt, mehr und mehr zu Erkennungszeichen dieses Weges, der sich fälschlicherweise „Gemeinde” nennt. Eine liebe Schwester schrieb mir im Frühjahr 2003 zu diesem Thema die folgenden Sätze, die ich mit ihrer Genehmigung an dieser Stelle einmal auszugsweise wiedergeben möchte:

    „Ich... war bis vor einem Jahr praktisch mein ganzes Leben lang in charismatischen Gemeinden beheimatet. Ich kenne alle wichtigen „Stars” der Szene (...) und alle typischen Lehren (auch die Zehntenlehre). Ich habe der letzten Gemeinde den Rücken gekehrt, weil ich das Fehlen von Liebe, Annahme, Vergebung, Freude (vor allem in der Leitung!!!) und den Leistungsdruck („Du mußt endlich in Deine Bestimmung kommen...”) einfach nicht mehr ertragen habe. Die Gemeinde war ein Ort, an dem unablässig durch subtile Anklagen und Forderungen Schuldgefühle geschürt wurden. Auch wurde sehr großer Wert auf übernatürliche Erlebnisse gelegt.

    Obwohl ich Predigten usw. vermisse, fühle ich mich zum ersten Mal richtig wohl – auch geistlich. Meine Beziehung zu Jesus war noch nie so eng und schön. Und das OHNE Gemeinde!!! (Hätte ich nie gedacht...) Meinem Mann geht es übrigens genau so...”

    Dies sind gewiß erschütternde Aussagen. Aber zeugen diese Sätze nicht auch von großer Freiheit, die ein Kind Gottes wieder oder ganz neu erfahren hat? Was kann schöner sein, als diese Freiheit und diese Freude erleben zu dürfen, wenn man zuvor nur die Knechtschaft kannte?

    Die Linie der Überlassung unter menschliche Autorität [3] setzt sich nicht nur die ganze Heilige Schrift hindurch fort; sie führt über die Zeit des Neuen Testaments hinaus bis in unsere Tage hinein, wie das obige Zeugnis der Schwester eindrücklich beweist. In genau derselben Tradition befanden sich auch schon die Pharisäer; sie bildeten die zur Zeit Jesu bestehende Leiterschaft, über die der Herr aussagt, daß sie „die Häuser der Witwen verzehren” würden (Mk 12, 40, Lk 20. 47). Nicht umsonst wurde gerade ihnen – im Zusammenhang der Erwähnung des Mammonsdienstes – nachgesagt, daß Geldgier sie umtrieb (Lk 16. 13 - 14). Denn sie begehrten nicht nur den Gehorsam und die Ehre, sondern vor allem auch die Gaben der Menschen; die Einforderung des Zehnten ist ihr herausragendes Merkmal (vgl. Mt 23. 23 - 24). Waren sie es doch, die sich gern selbst zu Leitern und Lehrern des Volkes aufwarfen und die Vordersitze in den Synagogen begehrten (siehe u. a. Mt 15. 14 und 23. 16; Rö 2. 19, 20).

    So erkennen wir darin ganz unübersehbar deutliche Parallelen zu dem Gebaren so genannter „Leiterschaft” unserer Tage, die man sich selbst aufgebürdet hat, weil sie das Gehör ihrer Zeitgenossen zu kitzeln verstanden (2Tim 4. 3). Auf diesem Wege ist man allerdings nicht Gott, sondern Menschen nachgefolgt, und ist damit, wie wir bereits sahen, in die Unfreiheit und Knechtschaft dieser vorgeblichen „Diener” geraten:

    „Denn gern ertragt ihr die Unbesonnenen, die ihr so besonnen seid! Ihr ertragt es doch, wenn man euch völlig versklavt, wenn man euch aufzehrt, wenn man von euch nimmt, wenn jemand überheblich ist, wenn man euch ins Angesicht schlägt”,

    sagt Paulus im Hinblick auf die „falschen” und „überragenden Apostel”, deren Kennzeichen solche Dinge sind (siehe 2Kor 11. 19 - 20; man lese die Verse im Zusammenhang). Und so sind es dann auch jene, die in den letzten Tagen Schätze aufspeichern – Schätze auf der Erde, Schätze für die von ihnen errichtete, nur allzu irdische Struktur, die sie „Gemeinde” zu nennen wagen; Schätze für sich selbst, zur Verwirklichung des Fleisches, die sie von denen nehmen und einfordern, die sie nun für ihre „Untergebenen” halten. Gott hat für solche kein Wort des Segens mehr übrig; ihnen, die die Rechte von weltlichen Königen begehren, wird Er vielmehr mit Jakobus zu antworten haben:

    „Siehe, der Lohn, der von euch den Arbeitern, die eure Äcker gemäht haben, entzogen worden ist, schreit, und die Hilferufe der Erntenden sind in die Ohren des Herrn Zebaoth eingegangen.”
Ja 5. 4

    Man merke auf: Gott wird uns hier nicht nur als Gott, sondern als „Herr Zebaoth”; der Herr der himmlischen Heerscharen, vorgestellt! Die Heerscharen Gottes sind die Engel; die Engel aber sind die Schnitter, die die Ernte der Endzeit einzufahren, abzuschneiden haben, um die Guten von den Bösen zu scheiden (Mt 13. 24 – 30, 37 - 43). Die Ernte Gottes ist an dieser Stelle also nicht die Evangelisation in der Welt, die wir zu vollbringen hätten. Gott ist allein der Herr der Ernte; in obigem Zusammenhang steht es da; Er ist es, der ernten läßt – hier nicht durch Menschen, sondern durch die Engel der endzeitlichen Gerichte, jene Schnitter, die Gut und Böse von der Erde abzuschneiden, einzusammeln und voneinander zu trennen haben. Die aber, die bei Jakobus ernten, die ernten für die Reichen, für die „Könige” nach den Maßstäben dieser Welt, ernten für deren Gewinn und Vorteil, gemäß den Vorstellungen derer, die sich nun ihre „Leiterschaft” nennen (vgl. 1Sam 8. 13). Wie das Taumellolch genannte Unkraut des Gleichnisses Jesu (es führt seinem Namen nach also zum Taumeln, zum trunken und unnüchtern sein) [4] wirkt auch hier das Unechte täuschend echt; so bleibt es vielfach verborgen, bis Gott Selbst es offenbart und wegnimmt (Mt 13. 24ff).

    Deshalb sollen wir es nicht vor der Zeit ausraufen, sondern wachsen lassen bis zur Endzeit; wir würden es sonst mit dem Echten verwechseln, das Gute mit dem Bösen herausziehen und großen Schaden anrichten. Doch darauf hinweisen, das sollen, ja müssen wir wohl, allein schon um derer willen, die es hier zu bewahren oder wieder zurück in die Freiheit der Kinder Gottes zu rufen gilt. Denn das Ende der hier beschriebenen „Diener” ist das Gericht, und ihre Werke werden am Tag des Herrn dem Feuer überantwortet werden, in dem all das, was von der Erde ist, brennen wird wie trockenes Stroh (Mt 13. 40 – 42, Ja 5. 1 – 3, 1Kor 3. 10 - 15). Und dennoch ist es ihr verbrieftes Recht, das all jene ihnen immer wieder einräumen, die beschlossen haben, ihnen nachzufolgen, sich ihrer „Autorität” zu beugen. – Hast auch du dir einen Menschen zum Leiter erwählt? Begehrst Du noch immer nach menschlicher Leiterschaft? Dann flehe nicht zu dem Herrn, daß Er diese deine „Leiterschaft” oder die durch diesen Weg hervorgerufenen Umstände ändere; Er wird dich doch nicht hören (1Sam 8. 18). Bitte Ihn nicht darum, daß Er deine Last leichter mache, bevor du diesen Weg nicht verlassen hast; denn vorher wird, ja kann Gott dein Flehen nicht beantworten! Denn sie alle, die man sich zu Leitern erwählte, begehren das, was ihnen dann auch zusteht: das Königsrecht!


    Eine kurze Bemerkung zum Schluß: Samuel, von dessen Wirken diese Betrachtung ausgegangen ist, gilt als der letzte Richter Israels, der Gott ergeben war, und stellt damit den Abschluß der Richterzeit dar. Seine Söhne hatten diesen Weg bereits verlassen (1Sam 8. 1 - 2). Darum ist auch die Ordnung der Richter selbst erwähnenswert, in der diese im Volk Recht sprachen, wie wir dies bei Samuel eindrucksvoll gesehen haben. Die Richter waren ein von Gott zeitweise benutztes Organ, um Sein Volk vor allem aus so mancher Gefangenschaft zu befreien, in die es sich durch seinen Ungehorsam immer wieder hineingebracht hatte, und es wieder zurück in den Gehorsam gegen Gott zu führen. Wir müssen also festhalten, daß selbst diese Einrichtung Gottes ihren Ursprung und Anlaß in der fortgesetzten Sünde Israels hatte, und sie zudem zu keiner Zeit in der Lage war, einen andauernden Gehorsam des Volkes herzustellen. Jeder einzelne dieser Richter bewirkte lediglich eine vorübergehende Befreiung Israels aus den Händen seiner Feinde, nachdem Israel umgekehrt war. So verließ es seinen Götzendienst, zerbrach die Götzenbilder und Altäre und suchte Gott von Neuem. War der Dienst desselben Richters jedoch beendet, fiel das Volk stets in das alte Muster seines Abfalls und Ungehorsams zurück. Dies führte zu neuer Knechtschaft, weswegen Gott jedesmal einen neuen Richter erwecken mußte, um Gehorsam und Freiheit wiederherzustellen. Das Buch der Richter spricht dazu wahrlich Bände.

    Damit wird das Unvollendete und Vergängliche auch dieser Einrichtung offenbar. Gerade anhand der Richterzeit wird deutlich, daß diese Ordnung nicht zu dem Ziel führen konnte, das Volk in eine andauernde Beziehung zu Gott hineinzuführen, in der es allen möglich würde, selbst auf Ihn zu hören und mit Ihm und darum auch untereinander Gemeinschaft zu haben. Und auch Samuel war diese Frucht versagt geblieben, wie wir dies in dem falschen Begehren nach einem menschlichen König gesehen haben, das vom Abfall vom lebendigen Gott kündete. Die Richterzeit wird also direkt durch Abfall beendet und mündet so in die Zeit der Könige hinein, die ihrerseits regelmäßig in demselben Abfall hineinführte. Immer waren diese Ordnungen von der Sünde gezeichnet, sind von ihr überhaupt erst bedingt und notwendig gemacht worden. So haben alle diese im Gegensatz zum Neuen Bund gemeinsam, daß es immer einzelne, besondere Gesalbte des Herrn gab, durch die der Herr wirkte und Sein Volk als solches ansprach, um sie aus dieser Sünde wieder heraus- und dem Herrn entgegen zuführen. Im Neuen Bund ist dagegen die ganze Gemeinde, der gesamte Körper, zusammen mit dem Haupt gesalbt (der Christus), woran jedes einzelne Glied einen Anteil hat; Gott kann deshalb durch das Haupt zu allen direkt in den Herzen sprechen die Wirksamkeit der Sünde, die Trennung von Gott, ist aufgehoben, das Gesetz lebt im Herzen (Hbr 10. 15 - 18).



„Prophetenschulen” und „Jüngerschaftslehre” - wie biblisch ist das?

    Eine andere alttestamentliche Struktur, auf die an dieser Stelle eingegangen werden soll, und derer man sich in heutigen Gemeindestrukturen und Glaubenskreisen nur allzu gern bedient, ist die Einrichtung so genannter Prophetenschulen, die zur Zeit des Alten Bundes bestanden und in denen gewisse alttestamentliche Propheten ihre Schüler ausbildeten (vgl. 2Kö 2. 5, 15; 4. 38, Kap. 6 u. a.). Wie bei der Übernahme levitendienstlicher Strukturen, so hier beachtet man auch hier nicht, daß dies eine vorübergehende und noch nicht einmal durchgängige Erscheinung des Alten Bundes war (die meisten wirklichen damaligen Propheten und Gesalbten Gottes hatten keine menschlichen Lehrer), und daß in der Gemeinde des Neuen Bundes der Herr Selbst die Gaben des Geistes innerhalb dieser als einem Körper austeilt, wie Er will (siehe hierzu 1Kor 12. 11, 18, 28).

    Grundlage für eine solche Anwendung alttestamentlicher Strukturen ist u. a. der oft mißverstandene Missionsbefehl in Mt 28. 19, in welchem Jesus Seinen Jüngern den Auftrag gibt, alle Nationen zu Jüngern zu machen. Unter dieser Jüngerschaft versteht man ein (gewissermaßen hierarchisches) System von „Lehrern” und diesen untergebenen „Schülern”, wobei sich dann diese Schüler als die Nachfolger ihrer „Lehrer” zu verstehen hätten, die aufgrund derer Vermittlung nun selbst zu solchen heranwachsen würden, um sich selbst nun wiederum Jünger heranziehen zu können. Eine Anwendung in diesem Sinne ist jedoch falsch und irreführend. Wir sollen nämlich nicht Jünger machen, die uns nachfolgen, und die dann ihrerseits wieder „ihre” Jünger machen, die ihnen folgen usw., sondern solche, die dem Herrn nachfolgen, und die dann aufgrund ihrer Reife infolge der Annahme des Wortes Gottes ihrerseits wiederum in der Lage sein würden, andere in dieser Weise zu lehren und durch ihr Vorbild in dieselbe Reife hineinzuführen (vgl. hierzu 2Tim 2. 2). Das „Jünger machen”, welches Jesus angeordnet hat, besteht darin, diese Seiner Anweisung gemäß in den Namen(d. h. an der Stelle dessen und für diesen) des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen und sie alles das zu lehren, wie Jesus sagte, „was Ich euch befohlen habe”.

    Der Herr drückt hier wörtlich aus, daß wir Lernende (im Sinne eines fortwährenden Nachfolgens) machen sollen. Das landläufig mit „Jünger” übersetzte Wort mathétes (Schüler, Lernende, wörtlich Berechnende) steht im Griechischen nämlich in einer unbestimmten Zeitform (Aorist). Dies bedeutet, daß ein solches Lernen nicht aufhört, und weist somit darauf hin, daß ein solcher Jünger nur ein Nachfolger des Herrn sein kann, der beständig auf diesen hört, Ihn Dinge tun sieht, sich diese von Ihm annimmt und sie in derselben Weise vollbringt, wie es der Herr ihn gelehrt hat, und dann mit dem Herrn Selbst weitergeht. Die schriftgemäße Definition eines solchen Jüngers können wir u. a. im Propheten Jesaja vorfinden, wo es heißt:

    „Er (Gott!) weckt, ja, Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr, daß ich höre wie ein Jünger. Gott, der Herr, hat mir das Ohr aufgetan; und ich habe mich nicht widersetzt und bin nicht zurückgewichen.”
Jes 50.4 - 5, Schlachter

    So ist ein Jünger des Herrn ein solcher, der in der Lage ist, Seine Stimme zu hören – allezeit, „Morgen für Morgen” –, um ihr zu gehorchen, d. h. zu folgen. Eine Menschenknechtschaft ist in diesen Worten nicht enthalten. –




Elia und Elisa: Wann wird „Dein Elia” von Dir genommen?

    Bestandteil der zwar falschen, jedoch weitgehend vertretenen sogenannten „Jüngerschaftslehre” ist auch die den vorstehend erwähnten Strukturen des Alten Bundes entnommene Ansicht, daß die Salbung (die Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes!) von einem „Diener” auf den „Jünger” gelänge, wenn er sich einem solchen „Dienst” unterordnete und diesem in allem folgte. Dies ist jedoch eine klare Kopie gewisser Zustände des Alten Bundes, wie wir gesehen haben. Doch auch im Alten Bund lag diesen Zuständen nicht wirklich eine göttliche Autorisierung zugrunde.

    Gern wird hierfür das Vorbild von Elia und Elisa benutzt (1Kö 19. 19 - 21, 2Kö 2. 1 - 14). Demnach müsse man, wolle man die Kraft und Salbung des Geistes Gottes für sich bzw. „den Dienst” erhalten, zu denen gehen, die „diese Salbung” hätten, um „von ihnen zu empfangen” und ihnen folgen und dienen, da nur auf solche Weise die Gabe und Berufung Gottes „zustande käme”. Dies anzuwenden, ist jedoch eine gefährliche Verkehrung der Art und Weise, wie Gott Seine Kinder führt; es offenbart an dieser Stelle eine Unkenntnis der Heiligen Schrift und ein Vorziehen menschlicher Lehren und Traditionen. Zudem „kommt” eine Gabe Gottes nicht „zustande”, sondern ist etwas, was ohne eigenes Zutun von Gott geoffenbart und geschenkt wird. Dem so Beschenkten obliegt es freilich, diese Gabe von Ihm dankbar und glaubensvoll anzunehmen, um in ihr zu reifen und Frucht zu bringen.

    Wenn wir uns die Geschehnisse um Elia und Elisa näher anschauen, wird dies offensichtlich. Der erste Irrtum in dieser Sache besteht in der Annahme, daß eine Gabe und Offenbarung Gottes durch eigene Willensentscheidung, durch Lernen und aufgrund der Vermittlung von Menschen zustande komme. Jedoch ist es Elia, der, einem Wort des Herrn gehorchend, auf Elisa zugeht, und nicht umgekehrt (1Kö 19. 16, 19 - 21). Es ist also keineswegs so, daß Elisa eine solche Salbung und Berufung begehrt hätte. Im 19. Vers (Revidierte Elberfelder) heißt es von Elia:

    „Und er ging von dort weg (d. h. von dem Ort, an dem Gott zu ihm gesprochen hatte) und fand Elisa, den Sohn Schafats, der gerade mit zwölf Gespannen vor sich her pflügte”,

    was bedeutet, daß er nach Elisa erst suchen mußte, und er diesen schließlich bei einer gänzlich anderen Beschäftigung fand, nämlich bei der Feldarbeit – Elisa hatte also keineswegs im Sinn, Prophet zu werden!


    Verfolgen wir dieses Geschehen weiter, so wird zunehmend klar, daß nicht vorgesehen war, daß Elisa dem Elia in auch nur irgendeiner Weise „nachfolgen” sollte. Nachdem Elia ihn aufgefunden hat, wirft er seinen Mantel über ihn (Vers 19b), ein Zeichen, daß Elisa von Gott nunmehr zu Seinem Propheten gesalbt worden ist, da der Mantel ein Symbol der Salbung ist. Elisa interpretiert diesen Mantel jedoch nicht als Salbung Gottes, sondern als den Mantel Elias, unter den er sich fälschlicherweise gerufen sieht, um an dessen Salbung zu gelangen. Er verbindet somit die ihm durch Elia ausgedrückte Berufung nicht nur mit Gott, sondern zunächst mit einem Menschen, wobei er hingegen wieder richtig erkennt, daß die ihm übermittelte Berufung sein ganzes Leben in Beschlag nehmen wird. Demzufolge sehen wir im 20. Vers, daß Elisa sein Joch Rinder, d. h. seinen Lebensunterhalt aufgibt, um nun Elia zu folgen, da er der Ansicht ist, daß Elia ihn in seine Nachfolge riefe. Doch als Elisa dem Elia klarzumachen sucht, daß er „nur noch seinen Vater und seine Mutter küssen” wolle (eigentlich einem bei der Totenbestattung üblichen Brauch, der anzeigt, daß er seine Eltern nie mehr wiedersehen würde, da sie nun gewissermaßen für ihn tot sind), „dann will ich dir nachfolgen”, sagt Elia ihm ganz unmißverständlich: „Geh, kehre um! Denn was habe ich dir getan ?” (oder: was habe ich mit dir zu schaffen, Vers 20), womit er ihm deutlich macht, daß er im Auftrage Gottes den Elisa lediglich aufsuchen und an seiner Stelle salben, niemals aber in eine Nachfolge rufen sollte (1Kö 19. 16). Deshalb auch sein stetig erneuerter, dringlicher Appell an Elisa, von diesem Wege umzukehren und ihn allein ziehen zu lassen (siehe 1Kö 19. 20, 2Kö 2. 4 und 6); ein Aufruf, der sich durch die ganze Zeit der Gemeinschaft Elias mit Elisa wie ein „roter Faden” hindurchziehen wird. Diese Ansprachen sind neben den nachfolgend geschilderten die einzigen an uns überlieferten Worte Elias, die er an Elisa gerichtet hatte.


    Elisa, der seine Eltern verlassen hat, sieht nun Elia bis zuletzt als seinen Vater an (2Kö 2. 12), und verquickt die Berufung und Gaben Gottes mit dem Segen, den ihm ein menschlicher Vater zu geben hätte. Damit bringt er die geistliche Berufung auf eine natürlich - fleischliche Ebene, da er von Menschen erwartet, was nur Gott zu geben hat. Er, der den Vater und die Mutter verließ, und der Elia jetzt gewissermaßen als einen „Ersatzvater” betrachtet, fordert am Ende, als klar ist, daß Gott Elia von ihm wegnehmen würde, den Segen des Erstgeborenen, mit dem er von seinem eigentlichen Vater bei seinem Tode bedacht werden würde. Es war Brauch, daß der sterbende Vater dem erstgeborenen Sohn zwei, dem oder allen anderen das andere Drittel seines Besitzes vererbte (vgl. 1Mo 25. 31 und 49. 3; siehe 5Mo 21. 17). Elisa verlangt daher von Elia „den zweifachen Anteil (andere übersetzen: zwei Drittel) von seinem Geiste (2Kö 2. 9; das ist nicht etwa die „doppelte Salbung”, wie viele dieses Wort falsch und sinnentstellend auslegen).

    All diese Zusammenhänge offenbaren sich nun anhand der bevorstehenden Hinwegnahme Elias. Es wird nämlich deutlich, daß der Plan Gottes, Elia in den Himmel aufzunehmen, durch Elisas Unverständnis mehrere Male aufgehalten wird:

    „Als aber der Herr Elia im Wetter gen Himmel holen wollte, ging Elia mit Elisa nach Gilgal hinweg. Und Elia sprach zu Elisa: Bleibe doch hier; der Herr hat mich gen Bethel gesandt! Elisa aber sprach: So wahr der Herr lebt, und so wahr deine Seele lebt, ich verlasse dich nicht! Also kamen sie hinab gen Bethel. Da gingen die Prophetensöhne, die zu Bethel waren, heraus zu Elisa und sprachen zu ihm: Weißt du auch, daß der HERR deinen Herrn heute über deinem Haupte hinwegnehmen wird?...”
2Kö 2. 1 - 3, Schlachter

    Exakt dasselbe geschieht noch ein weiteres Mal, nämlich in dem über 200 km weit entfernten Jericho, bevor sie danach ein letztes Mal aus demselben Grunde gehen müssen. Diesmal geht es jedoch an den Jordan, dem Fluß, der von Trennung spricht und vom Tode des Alten. Jedes Mal wird ausgesagt, daß der Herr ihn, Elia, „heute” wegnehmen wolle, jedesmal bittet, ja bettelt Elia regelrecht darum, Elisa möge doch „hierbleiben”, und stets verzögert sich seine Wegnahme aufgrund des Drängens Elisas, der dies nicht befolgt, so daß der Herr Elia ständig aufs neue, jedesmal an einen anderen Ort und über weite Entfernungen senden muß (siehe 2Kö 2. 1 - 7) – Wie werden doch die Pläne Gottes aufgehalten, werden Umstände, Mühen, Nöte, ja Leiden hervorgerufen durch ein solches Unverständnis! – Als es schließlich dem Elia nicht weiter möglich ist, Elisa auszuweichen, kommt es zu dem bekannten Wortwechsel zwischen beiden, nach dem Elisa von ihm „den zweifachen Anteil an seinem Geiste” zu erhalten begehrt. Dies ist eine der in heutigen Glaubenskreisen am meisten fehlinterpretierten Schriftaussagen überhaupt, nach der man der irrigen Auffassung ist, daß ein Mensch von einem anderen Menschen (durch menschliche Unterordnung also) eine Mitteilung oder Übertragung des Geistes Gottes – der dritten Person der Gottheit – erwarten könne!


    Doch was ist Elias Antwort:

    „Du hast eine schwer zu erfüllende (!) Bitte getan; wirst du mich sehen, wenn ich von dir genommen werde, so wird es geschehen, wo aber nicht, so wird es nicht sein ” (Verse 9 - 10).

    Elia, der bekanntlich die Berufung des Elisa von Anfang an kannte (nämlich durch das eingangs erwähnte Wort des Herrn aus 1Kö 19. 16), sagt ihm hier nichts anderes, als daß, wenn Elisa erlebte, wie Elia von ihm genommen wird, dieser also für ihn nicht mehr da wäre, d. h. wenn er nicht mehr auf ihn zu sehen imstande wäre, dann – nur dann könne es geschehen. Auch hier wird deutlich, daß Gott eigentlich nichts anderes bewirken wollte, als daß Elisa endlich aufhören würde, auf Elia zu schauen, um von ihm etwas zu erwarten, was ihm schon gegeben war und was nur Gott, niemals aber ein menschlicher Leiter geben kann. Wenn er sein ganzes Augenmerk doch endlich auf das Wirken des Herrn – der dabei war, Elia von ihm wegzunehmen! – lenken würde, dann und nur dann könnte Elisa in das eintreten, was Gott ihm zu geben hatte – dort am Jordan. Und gleich Elisa müssen auch wir an unseren Jordan kommen – dem Ende des Schauens auf Menschen, und dem Beginn des Schauens auf den lebendigen Gott allein. Der Grenzfluß Jordan (hbr. Jarden, Herabsteigender) ist der Ort, an dem es endgültig zu sterben gilt, gerade auch dem, was Menschen betrifft; erst danach gelangen wir in das Verheißene, erst dann können wir in die Dinge Gottes eintreten: „Steig in den Jordan, mein Freund!”


    Selbst nach diesem Erleben hatte Elisa es noch immer nicht völlig begriffen, und bezog die ihm von Gott verliehene Salbung noch immer auf Elia, nahm Elias Mantel, den dieser ihm von Anbeginn an übergeworfen hatte (der Mantel ist, wie wir sahen, nichts anderes als ein Bild für die Salbung, d.h. der Kraft der Gegenwart des Herrn), schlug damit auf das Wasser des Jordans, wie Elia dies vor ihm getan hatte, und rief aus: „Wo ist nun der Gott Elias?” Es war ihm also auch jetzt nicht klar, daß der Gott Elias auch sein Gott war, und die Salbung von Gott, und nicht von Elia kam. Doch die Wasser des Jordans zerteilten sich, wie sie es auch bei Elia (2Kö 2. 8) getan hatten: Gott hatte Geduld mit ihm und zeigte, daß Er mit Elisa in genau derselben Weise war, wie vordem mit Elia. Und so – indem sich die Wasser des Jordans teilten, des Flusses also, an dem es zu sterben galt – trat Elisa in seine Berufung ein, die sich, obschon sie eine Berufung an seiner Statt war und als solches diese fortzusetzen hatte, von der Berufung Elias doch deutlich unterschied.



Von Prophetensöhnen und anderen Dummheiten

    Noch viel ausgeprägter war dieses Denken, mit dem unser Elisa so große Not hatte, bei den übrigen so genannten Prophetensöhnen. So bezeichnen sie Elia als den Herrn des Elisa (2Kö 2. 3, 5). Als die Salbung Gottes auf Elisa kommt, nachdem Elia von ihm genommen worden ist, behaupten sie, daß die Salbung Gottes „der Geist Elias” sei, der auf ihm ruhe, und werfen sich vor ihm nieder (Vers 15); ein Zeichen der Unterwerfung, wonach sie ihm unvermittelt ihre „Dienste” anbieten (Vers 16). So hatte Elisa sie schließlich „auf dem Halse”, eine Plage, die der in nichts gleicht, die Elisa vordem Elia durch sein Unwissen hatte angedeihen lassen.

    Sehen wir dazu noch auf die zahlreichen Begebenheiten bezüglich dieser Prophetenjünger, so werden diese kaum jemals in einem positiven Kontext erwähnt, und zeitigen das Ergebnis, daß sie der Berufung und der Erkenntnis eines Propheten, die zu erlangen sie sich unter die vermeintliche Leitung anderer Propheten begeben hatten, auf diesem Wege nicht gerecht werden konnten. So begehren sie in ihrer völligen Unwissenheit, nachdem sie miterlebt hatten, wie Elia zum Himmel fuhr, diesen durch die bei Elisa anwesenden Männer suchen zu lassen, da es ihrer Meinung nach doch gewesen sein könnte, daß „der Geist des Herrn ihn weggetragen und ihn auf einen der Berge oder in eines der Täler geworfen” habe. Elisa warnt sie zunächst davor, die Männer auszusenden; erst als sie ihn unablässig drängten, gab er ihnen nach, worauf sie ihn drei ganze Tage lang suchten, aber natürlich nicht finden konnten (2Kö 2. 16 - 18). Wie das Himmlische nicht auf dieser Erde, so ist auch der Lebendige unter den Toten nicht zu finden (Lk 24. 5). Was für ein Mangel an Erkenntnis Gottes, welch traurige Verquickung himmlischer Dinge mit nur allzu irdischen Vorstellungen! – Ein anderes Mal kommt die Frau eines der Prophetensöhne, nachdem dieser verstorben ist, zu Elisa und offenbart ihm, daß ihr Mann seine ganze Familie durch Schulden derart in den Ruin getrieben hat, daß der Gläubiger nun ihre beiden Söhne als Sklaven nehmen wollte. Am Ende dieses Weges stand der Tod: der Mann war verstorben und ihre gesamte Existenz war zunichte gemacht (siehe 2Kö 4. 1). Wie viele solcher „Prophetenjünger” haben sich heute dazu verführen lassen, Schulden zu machen, und haben sich und andere in den Ruin getrieben oder treiben lassen? Befindest auch du dich auf dem Weg des Todes – wie der, von dem hier die Rede ist – und ziehst damit auch die Deinen in Mitleidenschaft?

    An anderer Stelle hätten die Prophetensöhne sich fast vergiftet, als einer von Elisas Dienern ein Essen für sie alle kochen soll und dafür giftige Kräuter einsammelt, die er nicht kennt. Auch die Prophetensöhne bemerken es erst, nachdem es fast schon zu spät ist; sie hatten von dem Essen bereits gekostet – so daß nun wiederum Elisa als der von Gott geoffenbarte Prophet einschreiten muß, indem er die ihm von Gott gezeigte gute Speise – das Mehl – in den Topf werfen läßt, wodurch das Essen wieder genießbar wird (2Kö 4. 38 - 41). Auch hier geht es wieder um Tod oder Leben. – „Für alles ist ein Kraut gewachsen”, sagt man. Das „wie man”, das „wenn du das tust und anwendest, geschieht das und das, oder dies und jenes läßt sich fernhalten”, das Anwenden „geistlicher” Prinzipien, Methoden und Mittelchen – „Kräuter” – ist ein ganz großes Thema heutiger christlicher Kreise, insbesondere derer aus der so genannten Glaubensbewegung, die diese Dinge thematisiert. Prinzipien müssen da herhalten, wo man auf Menschen baut – und den gegenwärtigen, lebendigen Gott Selbst verlassen hat. Ist dein Topf genießbar, oder hast du giftige Kräuter gesammelt? Ißt du von der verbotenen Frucht (2Mo 2. 16 - 17), oder nährst du dich von dem Baum des Lebens? Erkennst du Ihn Selbst – hast du Gemeinschaft mit Ihm – oder beschäftigst du dich damit, dir Wissen über„Kräuter” anzueignen? Sind Kräuter, ist Wissen über „Gut und Böse” dein Lebenselixier? Laß die Kräuter Kräuter sein, und komm zu Dem, der das Mehl aus zerschlagenem Korn symbolisiert – geh, reinige dich und empfange Den, der das Brot des Lebens Selber ist!



Von der Unfähigkeit der Berufenen Gottes: „Wehe mir - ich vergehe!”

    Betrachten wir uns die Berufungen der Gesalbten und auch die der Propheten genauer, so fällt auf, daß keiner dieser Gesalbten des Herrn jemals durch eine menschliche Vermittlung, Belehrung oder Schulung gegangen ist. Wer sollte beispielsweise Noah gelehrt haben, wenn nicht der Herr Selbst? Einen Mose berief der Herr Selbst aus dem brennenden Dornbusch heraus (2Mo 3. 1 - 22 und 4. 1 - 17). Jesaja erlebt seine Berufung und Einsetzung in jener Vision des Thronsaals Gottes (Jes 6. 1 - 8) erst nachdem er seine eigene Unreinigkeit erkennt, und angesichts der Herrlichkeit und Heiligkeit Gottes erschüttert ausruft:

    „Wehe mir, ich vergehe ! Denn ich bin ein Mann von unreinen Lippen und wohne unter einem Volk, das auch unreine Lippen hat; denn meine Augen haben den König, den Herrn der Heerscharen gesehen !”
Jes 6. 5, Schlachter

    Dann ist es ein Engel aus derselben himmlischen Welt, der seine Lippen mit göttlichem Feuer reinigt.


    Ähnliches geschieht auch bei der Berufung Jeremias, der seine eigene Unfähigkeit zu solchem Dienst erkennen muß, und dem Herrn, der ihn bereits von Mutterleibe an ausgesondert hat, auf Seinen Ruf erwidert: „Ach, Herr, HERR, ich kann nicht reden; denn ich bin noch zu jung !” worauf hin der Herr seinen Mund berührt und ihm das kundtut, was allein ihn zu einem Propheten machen wird:

    „Sage nicht, ich bin zu jung! Sondern du sollst überall hingehen, wohin Ich dich sende, und alles reden, was Ich dich heiße!... Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an; und der Herr sprach zu mir: Siehe, Ich habe meine Worte in deinen Mund gelegt !”
Jer 1. 4 - 9, Schlachter

    Da ist es dann auch kein Wunder, wenn dasselbe auch von Hesekiel (Hes 1. 3 u. a.) und all den anderen gesagt werden kann. Einen David etwa beruft der Herr – gegen alle menschlichen Maßstäbe und Konventionen – von seiner Herde weg. Samuel, der als kleiner Junge bereits bei Eli dem Herrn diente, war dem Herrn schon vor seiner Zeugung geweiht worden. Eine seiner ersten Lektionen bestand darin zu erkennen, daß Gott direkt zu Ihm sprach, und dies geschah ausdrücklich nicht über Eli, zumal der zu diesem Zeitpunkt bereits abgefallen war und vor allem wegen des Nichteinschreitens gegen das zügellose Verhalten seiner Söhne samt diesen dem Gericht anheimfiel (1Sam 2. 12 - 36, 3. 1 - 21). Wenn Gott auch hier und da durchaus Menschen benutzt, um Seine Absichten nach außen hin kundzutun, indem z. B. Könige im Auftrage Gottes durch andere Diener als äußerlich sichtbares Zeichen mit Öl gesalbt wurden, so kommt diese Berufung doch niemals von und durch Menschen selber. Gott beruft und befähigt stets ohne menschliche Vermittlung; ja Er scheint diese regelrecht zu umgehen. Denn haben alle diese Berufenen haben gemeinsam, daß sie vor Gott stets ihre eigene Unfähigkeit erkennen, und ihre Fähigkeit, in ihrer Berufung zu wandeln, allein von Gott kommt. Eine die gesamte Persönlichkeit erschütternde und verändernde unmittelbare Begegnung mit dem lebendigen Gott, die uns ans Ende unserer eigenen Fähigkeiten und damit in den völligen Zerbruch führt, stand und steht somit am Beginn einer jeden echten Berufung, oder wird in deren Verlauf erfahren.



Ungeschult und ungelehrt, aber mit Jesus zusammen: Begehrst Du Ihn?

    All diese Aussagen gelten nicht nur für den Alten Bund, sondern erst recht auch für den Neuen. Wie sollte es auch anders sein Gott verändert sich nicht, Er kennt auch nicht den Schatten eines Wechsels oder Veränderung (Ja 1. 17). So werden uns in Apostelgeschichte 4. 13 Petrus und Johannes geschildert, die – voll Geistes (Vers 8) – sowohl zum sie umgebenden Volk als auch zur Priesterschaft sprachen. Über diese wird nun gesagt:

    „Als sie den Freimut des Petrus und Johannes schauten und es erfaßten, daß sie ungeschulte und ungelehrte Menschen seien, waren sie erstaunt. Sie erkannten sie auch als solche, die mit Jesus zusammen gewesen waren.” –

    So wußte auch Paulus von sich zu sagen, daß er nicht von Menschen berufen wurde, noch hatte er sein Evangelium durch menschliche Vermittlung oder Belehrung erhalten, sondern allein durch eine Offenbarung Gottes (Ga 1. 12). Daraus folgt, daß es nicht möglich sein kann, das Evangelium Gottes zu „lernen”; es kann uns nur von Gott Selbst geoffenbart werden. Wohl hatte Paulus Unterredung mit anderen Brüdern gesucht; diese Unterredung hatte aber nicht diese, sondern andere Dinge zum Inhalt; auch fand sie erst dreizehn Jahre nach seiner Offenbarung statt. Die Offenbarung bringt also auch eine Zusammenführung zustande, und zwar mit Menschen, denen die gleiche Offenbarung zuteil wurde, ein Zusammentreffen aber keine Offenbarung. Wenn wir etwas anderes behaupteten, würden wir die Schrift verdrehen. Die Berufung des Apostels jenseits jedes menschlichen Einflusses können wir im Beginn eines jeden seiner Briefe nachvollziehen, in denen er sich in dem Sinne vorstellt als

    „Paulus, Sklave Christi Jesu, berufener Apostel” (Rö 1. 1), „durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu” (1Kor 1. 1), „Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes” (2Kor 1. 1 sowie Eph, Kol und 2Tim 1. 1), „Apostel Christi Jesu gemäß der Anordnung Gottes” (1Tim 1. 1).

    Überall betont er, er sei ein Apostel Jesu Christi, der seine Berufung nicht von Menschen, sondern von Gott erhalten habe. So fügt er im Galaterbrief hinzu:

    „...nicht von Menschen, noch durch Menschen, sondern (d. h. jenseits, abgesondert davon!) durch Jesus Christus und Gott den Vater, der Ihn aus den Toten auferweckt hat.”
Ga 1. 1

    Wenige Verse weiter (15 - 24) fährt er dann fort:

    „Als es aber Gott... wohl erschien, Seinen Sohn in mir zu enthüllen, damit ich Ihn als Evangelium unter den Nationen verkündige, da unterbreitete ich es nicht sofort Fleisch und Blut, noch ging ich nach Jerusalem zu denen hinauf, die schon vor mir Apostel waren, sondern (!) ich begab mich nach Arabien... Darauf (nach drei Jahren) ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas von mir zu berichten... Jemand anders als die Apostel sah ich nicht, außer Jakobus, den Bruder des Herrn. Was ich euch hier schreibe, siehe, vor den Augen Gottes sage ich es: ich lüge nicht ... den Gemeinden in Judäa... war ich von Angesicht unbekannt. Sie hatten nur gehört: Der uns einstmals verfolgte, verkündigt nun als Evangelium den Glauben, dem er einst nachstellte. Und sie verherrlichten Gott im Hinblick auf mich.” –
  
    Während die Jünger (Lehrer und Propheten in Antiochien) beispielsweise in der Apostelgeschichte Gott dienten, beteten und fasteten, sprach der Herr Selbst zu ihnen:

    „Sondert mir aus den Barnabas und den Saulus zu dem Werk, zu dem Ich sie berufen habe” (siehe Apg 13. 2).

    Dies geschah, ohne daß sie von sich aus eine solche Einsetzung bezweckt oder begehrt hätten.
Apg 13. 4 sagt nun aus, daß diese „nun (allein) vom Heiligen Geist ausgesandt” waren; also geschah dies auch hier ohne jegliche menschliche Einwirkung. Die im Gebet Versammelten waren in diesem Falle lediglich die Kanäle, durch die der gegenwärtige Herr Seine Entscheidung für alle vernehmbar kundtun konnte, und durch die der Herr Seine Berufung bestätigen ließ, damit auch die anderen sie hören konnten und Paulus somit beglaubigt war. – In diesem Sinne ist auch die Gnadengabe Gottes zu verstehen, die Timotheus vom Herrn, und nicht etwa von Paulus empfing, indem dieser ihm die Hände aufgelegt hatte, und die er nun wieder anfachen soll (2Tim 1. 6). Es ist auch hier eben gerade nicht der Fall, daß Paulus ihm eine Gabe „vermittelt” oder „übertragen” hätte, weshalb auch in dem Kontext des hier Gesagten von der Gnadengabe Gottes (Vers 6) gesprochen wird. Hier heißt es, daß Gott ihm nicht einen Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und gesunden Vernunft gegeben habe, keineswegs aber davon, daß dieser ihm durch Paulus´ Handauflegung vermittelt worden sei. (Vers 7). Ebenso wenig kann auch behauptet werden, daß jene, die den Heiligen Geist empfangen hatten und in anderen Zungen redeten, nachdem die Apostel ihnen die Hände aufgelegt hatten (Apg 8. 17; vgl auch 9. 17 und 19. 6), diese Gabe von den Aposteln empfangen hätten, denn der Herr ist es nach wie vor allein, der mit dem Heiligen Geist tauft (siehe die Aussagen Johannes des Täufers in Mt 3. 11, Mk 1. 8, Lk 3. 16, Jo 1. 33; vgl. auch Apg 1. 5 und 11. 16); und Er allein gibt Seine Gnadengaben so, wie Er es will (Rö 12. 6, 1Kor 12. 11, 18; Eph 4. 7 - 8). Das Auflegen der Hände mag ein von Gott erwählter Kanal und eine Hilfe sein; doch der Geist Gottes Selbst, mit allen seinen Gaben, kann nur durch persönliche Umkehr und Glauben von Gott Selbst empfangen werden (vgl. hierzu Apg 2. 38, 10. 43 - 44, 11. 15 - 17, 19. 2; Ga 3. 2, 5 - 6).




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Anmerkungen und Erklärungen zum Kapitel

[1] Gott hat auch einen Ismael zugelassen (Ismael = Gott hört) und in allen Dingen dieser Erde gesegnet, obwohl sein Dasein nicht Seinem Willen entsprach (vgl. 1Mo 16 und 17). Interessant ist, daß dieser Segen allein die Dinge dieser Erde betraf. Der von Gott ausgegangene Bund jedoch wurde mit Isaak geschlossen, dem Sohn der Verheißung, der nicht nach menschlichem, dafür aber nach göttlichem Vermögen zur Welt gebracht worden war. Und dieser Bund bezieht sich zuletzt doch auf die himmlische Welt. Nicht umsonst ist Jesus ohne Zutun eines menschlichen Vaters gezeugt worden (Lk 1. 28 - 38). Doch immer erhebt sich die Hagar, die Magd, gegen die, den den Sohn der Verheißung hervorbringen soll, kämpft ihr Sohn, der in menschlicher Kraft nach dem Fleisch Geborene, gegen den aus dem Geist Geborenen bis heute (siehe Ga 4. 21 - 31). Das erste, was mit Ismael geschah, nachdem er mit seiner Mutter vertrieben worden war und heranwuchs, war, daß er zu einem Bogenschützen wurde; auch hier ist der Weg des Krieges vorgezeichnet; und dennoch war Gott noch immer mit ihm (1Mo 16. 12 und 21. 20). „Und er, er wird ein Mensch wie ein Wildesel sein; seine Hand gegen alle und die Hand aller gegen ihn, und allen seinen Brüdern setzt er sich vors Gesicht” – das war die Verheißung, die vor allem über Ismaels Leben stand (1Mo 16. 12, rev. Elberfelder).

    Wir kennen alle ja die fliegende Redewendung: „Da habe ich einen vor die Nase gesetzt bekommen”. Hier setzt sich vermeintliche Leiterschaft an die Stelle der Bruderschaft, um sie schließlich zu er-setzen; hier wird der Weg und der freie Blick zu Gott verbaut, die Beziehung zu dem Bruder und der Schwester erschwert, die Gott will, daß wir sie haben sollen, und am Ende ganz unmöglich gemacht „der Leiter” ist es nun, zu dem aufzuschauen wir statt dessen genötigt werden. Denn der, der sich vor's Gesicht setzt, das ist der, der den Blickwinkel verstellt und die Beziehung zerstört, die vor seinem Erscheinen da war die Beziehung und das Schauen zu Gott wie die Beziehung und das Schauen zu dem Bruder und der Schwester. Und somit ist es Feindschaft, die sich da vor uns breit machen will: Feindschaft gegen Gott, Feindschaft gegen all die, die allein auf Gott schauen wollen, Feindschaft darum auch gegen die Gemeinschaft, die Gott stiften will und die nur Er allein durch Seine unmittelbare Gegenwart und Zusammenführung vor Seinem Angesicht auch stiften kann. Bezeichnend ist dann auch die sofort entstehende Verquickung mit Ägypten, dem biblischen Symbol der Knechtschaft, der Welt und der Feindschaft schlechthin, die wir bei Ismael sehen; Hagar, die selbst aus Ägypten kommt, nimmt ihrem Sohn eine Frau aus ihrem Heimatland (1Mo 21. 21).


    Dem aufmerksamen Bibelleser wird nicht entgehen, daß überall dort, wo sich Menschen in der hier beschriebenen Weise aus dem Willen Gottes herausbegeben, relativ schnell ein Weg militant-kriegerischer Haltungen und Auseinandersetzungen beginnt. Die in zahlreichen Glaubensgemeinden beheimateten, diversen pseudo-charismatischen Lehren, die die Gemeinde besonders als „die militante Gemeinde”, „die Armee des Herrn” usw. herausstellen sollen, zeugen von dem falschen, ja verhängnisvollen Weg, der hier eingeschlagen worden ist. Hier ist mit dem Aufgeben der unmittelbaren Gegenwart des Herrn in der Tat auch die Liebe aufgegeben worden. Denn wer Gott verläßt, der verläßt damit auch die Beziehungen, die Er in unser Leben hineingesetzt hat. Und so muß sich dieser Weg des Krieges am Ende schließlich auch gegen den Bruder, gegen die Schwester wenden. Zwischen dem Verlassen des Gartens Eden bis zum Brudermord Kains steht in der Bibel nur ein Kapitel. Hier haben wir zwei Opfer zweier Brüder vorliegen, wie sie von ihrem ganzen Wesen her unterschiedlicher wohl nicht sein könnten. Opfern, Kämpfen, mit Gewalt etwas erreichen das ist ja ein auch in der Glaubensbewegung ganz großes Thema, fast das Thema schlechthin. Nahezu der gesamte Kern der Lehre dreht sich in ihr darum, wie durch eigenes Tun Ergebnisse zu erringen, Verheißungen zu erfüllen seien.

    Wie gab nun Abel, und wie gab Kain? Abel gab aus Liebe, und er gab Leben; Kain aber gab, um etwas zu erlangen. Am Ende wird er dem das Leben nehmen, der das Leben gab. So läßt man um des Opferns willen den Bruder dahinten, der unserer Hilfe und Zuwendung bedarf, setzt ihn zurück, mordet ihn. Es erscheint ja auch viel wichtiger, bei Gott etwas zu erreichen (sei es vermeintlicher „Wohlstand”, „Heilung”, so genanntes „Gemeindewachstum”, „Segnungen” im Diesseits, was auch immer), als dem Bruder Gutes zu tun, den hervorzuheben, von dem Gott will, daß wir ihn hervorheben, indem wir ihn in jedem Falle höher als uns selbst achten (Phil 2. 1 - 8). Der in dieser Schrift ausführlich behandelte, in den meisten Glaubens- und (leider!) vielfach auch Pfingstgemeinden reichlich vorhandene Opfer- und Zehntenkult ist hier wiederum besonders zu nennen. Er ist Ausdruck der Lieblosigkeit schlechthin, einer Lieblosigkeit, die den Opfernden in der Weise von seiner Pflicht freikauft, indem er ungestraft und gewissermaßen „gesetzlich legitimiert” sagen darf, der Bruder oder die Schwester befänden sich deshalb im Mangel, weil er oder sie es am Zehnten oder am Opfern mangeln ließen usw. usf.. Nein der Bruder oder die Schwester leiden vor allem deshalb Mangel, weil wir nicht helfen, wo wir helfen können und deshalb auch zu helfen haben, weil wir bestenfalls Almosen geben, wo Gott von echter Hilfe, von Nahrung, Kleidung, Obdach usw. spricht, weil wir uns meistens doch nur herausreden und uns um unsere (zumeist sehr praktisch aussehende) Verantwortung im Christusleib immer wieder herumdrücken wollen! (vgl. 1Kor 12. 20 - 26, Ja 2. 14 - 19; auch Jes 58. 1 - 15 u.a.)

    Wer in solcher Weise Gott zu dienen meint und dabei den Bruder und die Schwester dahinten läßt, der mordet den, um dessen Leben wir uns eigentlich zu kümmern haben. Das sollten, das können wir uns nicht genug in unser vielfach abgestumpftes Gedächtnis einprägen. Johannes nimmt dieses Geschehen in seinem ersten Brief auf und schreibt dann auch ganz folgerichtig: „...Dies ist die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habt, daß wir einander lieben sollen, nicht so wie Kain, der von dem Bösen war und seinen Bruder hinschlachtete. Und aus welchem Grund schlachtete er ihn hin? Weil seine Werke böse waren, die seines Bruders dagegen gerecht” (1Jo 3. 11 - 12). Hassen (grie. miséo) bedeutet zurücksetzen, ins Abseits bringen, dahinten lassen; an anderem Ort ist dies schon erörtert worden. Und so kommt Johannes in seiner Darlegung über Kain und Abel zu dem Schluß: „Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Menschentöter, und ihr wißt, daß ein Menschentöter kein äonisches Leben bleibend in sich hat” (V. 15). – Gott lenkte Kain vom Opfer weg zurück zu seinem Bruder. „Wo ist dein Bruder Abel?” fragte Gott. „Ich weiß es nicht! Soll ich meines Bruders Hüter sein?”, antwortete Kain (1Mo 4. 9, Schlachter). Bin ich meines Bruders Hüter? Ja, ich bin es! Zwar wird auch Kain von Gott beschützt und bewahrt, damit niemand ihn antaste (1Mo 4. 1 - 15). Es wäre jedoch fatal, wenn wir daraus schließen würden, daß der hier begangene Weg der richtige wäre, nur weil Gott sich gerade trotz der Sünde zum Menschen stellt, den Er so überaus liebt. Es ändert sich nichts; wir können es drehen und wenden, wie wir wollen; das Kainsmal, das Gott dem Bruder gab, der den Bruder so sehr haßte, daß er sich schließlich gegen ihn wandte und ihn am Ende erschlug, bleibt ein Kainsmal.

[2] Die Gemeinschaft der Glieder des Neuen Bundes wird darum auch koinonia genannt, was vom Griechischen her soviel bedeutet wie „eine Gemeinschaft zu gleichen Teilen”. Eine Organisation, die dieser Regel nicht entspricht, ist demnach keine Gemeinschaft nach dem Muster des Neuen Testamentes.

[3] Bezeichnung nach der Wirkungsweise; dem vergleichbar ist der auf unseren heimischen Äckern wachsende so genannte „Mutterkornpilz”, der das Getreide befällt und damit verändert; er wirkt bei Einnahme wie eine Droge (LSD vergleichbar) und ist hochgiftig, so daß sein Gebrauch zum Tode führen kann. Das in den Pilzen erzeugte Gift ruft unter anderem auch Krämpfe, Verwirrtheitszustände und körperlichen Kontrollverlust (ähnlich Spasmen) hervor. Die von ihnen befallenen Ähren sind von den gesunden, nicht befallenen kaum zu unterscheiden. Dieser Pilz bzw. die durch ihn hervorgerufene Getreidekrankheit kommt heute allerdings nur noch sehr selten vor.

[4] Wir verwenden in dem Zusammenhang darum nicht das Wort „Vollmacht”, weil der Begriff „Vollmacht” (grie. exousía=Aus-Macht) wörtlich eine Macht beschreibt, die jemandem verliehen wird; sie ist eine Macht aus einem anderen, während „Autorität” wörtlich als eine „Macht aus dem Selbst” (ex autou) zu verstehen ist. Sie ist also das exakte Gegenteil dessen, was darunter meistens verstanden wird.





Verwendete Bibelübersetzungen und Textausgaben

Wo nicht anders angegeben, wurde für das Neue Testament, das Erste und Zweite Buch Mose,
die Psalmen, die Propheten Jesaja und Daniel die Konkordante Übersetzung verwendet.

Konkordantes Neues Testament (KNT)
mit Stichwortkonkordanz 5. Auflage 1980, neu überarbeitet

Konkordantes Altes Testament (KAT)
Das Erste und Zweite Buch Mose, 2. erw. Auflage

Die Psalmen, 1. Auflage 1994

Konkordanter Verlag Pforzheim

Die im KAT verwendete Transliterierung für den Gottesnamen haben wir in der Wiedergabe jeweils durch das gebräuchlichere „Jahwe” ersetzt.

An allen anderen Stellen wurden verwendet:

Elberfelder Übersetzung (Unrevidierte Version)

„Die Heilige Schrift Aus dem Grundtext übersetzt”, 73. Auflage 1993

Revidierte Elberfelder Übersetzung

Verlag R. Brockhaus, Wuppertal

Schlachter - Übersetzung

„Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments
Unter Berücksichtigung der besten Übersetzungen
Nach dem Urtext übersetzt von Franz Eugen Schlachter,
Neu bearbeitet und herausgegeben durch die
GENFER BIBELGESELLSCHAFT, Genf, 1985”

sowie die Übersetzung „Schlachter 2000”


Die Geschriebene des Alten und des Neuen Bundes

Übersetzung von Fritz Henning Baader, Schömberg


Novum Testamentum Graece

(Nestle-Alandt)

26., neu bearbeitete Auflage 1979-1988,
Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart




Lieber Bruder, liebe Schwester!

Wir hoffen, daß die vorliegenden Bibelstudien Euch zum Segen geworden sind und unser HERR Jesus Christus Euch damit in Seiner Liebe neu begegnet ist und berührt hat, so wie auch wir von Ihm berührt worden sind.


Gleichzeitig bitten wir Euch aber auch, selbst in der Schrift nachzuforschen, ob es sich so verhält (Apg 17. 11). Gottes Wort ist so voll unerschöpflichen Reichtums, daß wir ganz bestimmt nicht auf Vollständigkeit und Fehlerlosigkeit dieses Bibelstudiums bestehen. Denn allein in Christus sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen (Kol 2. 3).

Wir wünschen uns, daß sich dieser Reichtum in Eurem Leben entfaltet und Ihr so nicht nur zu Schatzsuchern, sondern zu Schatzhebern werdet.

Wenn Ihr aus diesen Bibelstudien etwas empfangen habt und sie an Geschwister weitergeben wollt, die ebenfalls „Hunger” danach haben, so bitten wir Euch, das sehr verantwortungsbewußt und mit göttlicher Liebe und Weisheit zu tun. Benutzt diese Bibelstudien nicht, um einen „Krieg” zu entfachen, Geschwister zu verwirren und zu trennen. Bitte bedenkt, daß unser HERR voller Gnade und Sanftmut mit Jedem von uns Seinen eigenen Weg geht und ER aussucht, wann wir welcher „Nahrung” bedürfen. Wir möchten auf Johannes 10. 8 hinweisen: Jesus sagte: „Alle, die Mir zuvorkommen wollten, sind Diebe und Wegelagerer; die Schafe jedoch hörten nicht auf sie.” Werden wir zu solchen, dann haben wir die Liebe verlassen, die wir unseren Brüdern und Schwestern schuldig sind. Hört also bitte auf das Reden unseres HERRN Jesus Christus und gebt diese Bibelstudien weiter, wenn ER Selbst dafür eine Tür aufgetan hat.

Bitte beachtet dabei die folgenden drei Dinge:

1. Gebt diese Studien kostenlos weiter, auf welchem Wege auch immer Ihr wollt, aber nehmt nichts als Gegenleistung dafür (Mt 10. 8 - 9).

2. Bitte gebt diese Studien unverändert und vor allem vollständig weiter. Einzelne Bruchteile könnten durchaus, da sie aus dem Zusammenhang herausgenommen worden sind, mißverstanden werden. Solche Mißverständnisse können Schaden anrichten.

3. Diese Studien dürfen nicht in irgendwelchem Zusammenhang mit kommerzieller oder sonstiger Werbung veröffentlicht werden.

Stand: 30. 04.2012

© 2003 ff.


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