Von
Angesicht zu Angesicht (1)
VON
ANGESICHT
ZU
ANGESICHT
Verlust
und Wiederherstellung
der
Unmittelbarkeit
_____________________________________________________________
Eine
Abhandlung
über
heutige Gemeindestrukturen
und
ihre Beurteilung aus
biblischer
Sicht.
Verschiedene
Studien.
_____________________________________________________________
1.
Moses Wege
Jethro,
der Priester Midians
„Warum
tust du so übel an deinem Knecht? Und warum finde ich nicht
Gnade vor deinen Augen, daß du die Last deines ganzen Volkes
auf mich legst?... Ich kann dieses Volk nicht allein tragen; denn es
ist mir zu schwer.”
4Mo
11. 11, 14 (Schlachter)
In
der vorliegenden Abhandlung wird uns die heute meistenteils
anzutreffende hierarchisch anmutende Struktur als Bestandteil der
meisten uns bekannten Kirchen, Freikirchen und diversen
Denominationen beschäftigen. Diese Führungsstruktur
versteht sich regelmäßig als eine geistliche Oberschicht,
d.h. eine dem vermeintlichen „Volk” vorstehende
Führerschaft, unter die unterzuordnen sich dieses „Volk”
gerufen fühlen soll. Um diese Vorstellung zu untermauern, wird
vielfach ein Geschehen des Alten Bundes bemüht, das auch als
„Ordnung Jethros” bezeichnet wird. Diese sogenannte
‘Ordnung Jethros’ war eine – von Menschen
eingerichtete – Ordnung zur Zeit des Alten Bundes, nach der das
Volk Gottes unter Mose zeitweise angeführt und in ihm Recht
gesprochen wurde. Unser vorliegendes Schriftwort aus 2Mo 18. 13 - 27
beschreibt diese Vorgänge plastisch. Im Nachfolgenden soll diese
Ordnung untersucht und ihre Anwendung auf die Gemeinde des Neuen
Bundes kritisch – d.h. aus der Sicht des Wortes Gottes –
hinterfragt werden. Wenn wir die Schrift unvoreingenommen und ohne
die vielen sowohl kirchlichen als auch auch freikirchlich
implementierten Dogmen und menschlichen Vorgaben studieren, werden
und müssen sich sowohl die Nutzlosigkeit dieser Ordnung als auch
ihr Überholtsein, ihre innere Widersprüchlichkeit, ja mehr
noch, die in ihrer Anwendung verborgenen immensen Gefahren für
den Weg der neutestamentlichen Gemeinde deutlich werden, die
allerdings auch schon auf dem Weg Israels sichtbar wurden. Wir werden
auch zu untersuchen haben, wie es zu dieser Ordnung und ihrer
bereitwilligen Aufnahme in Israel kam, und welche inneren Beweggründe
und Verhaltensweisen Moses zu diesem Weg führten. Ebenso werden
uns ihre tatsächlichen Ergebnisse und Früchte - als
weitere Begleitumstände auf dem Weg des Gottesvolkes in das
verheißene Land – zu interessieren haben. Lesen wir nun:
13
Am nächsten Morgen saß Mose, um das Volk zu richten.
Und das Volk stand vor Mose vom morgen bis zum Abend. 14
Als der Schwiegervater des Mose sah, was er alles für das Volk
tat, sagte er: Was ist das für eine Sache, die du für das
Volk tust? Weshalb sitzt du für dich allein, während sich
das gesamte Volk vor dir vom Morgen bis zum Abend aufgestellt hat? 15
Da sagte Mose zu seinem Schwiegervater: Weil das Volk zu mir
kommt, um Elohim zu befragen. 16
Wenn es bei
ihnen eine Rechtssache gibt, kommen sie zu mir, und ich richte
zwischen einem Mann und seinem Nächsten, und ich mache ihnen die
Satzungen des Einen, Elohim, bekannt, samt Elohim und seinen
Gesetzen.
17
Da sagte der Schwiegervater des Mose zu ihm: Die Sache, die du tust,
ist nicht gut; 18 du wirst dich
aufreiben, dich
selbst wie auch dieses Volk, das bei dir ist; denn diese Sache ist zu
schwer für dich, du kannst sie nicht allein ausführen. 19
Nun höre auf meine Stimme, ich will dich beraten,
und möge Elohim mit dir sein. Sei du da für das Volk
gegenüber dem Einen, Elohim, und bringe du alle Frage vor den
Einen, Elohim. 20 Warne sie betreffs
der Satzungen
und der Gesetze und mache ihnen den Weg bekannt, in welchem sie
wandeln und die Werke, welche sie vollbringen sollen. 21
Dazu ersieh du dir aus dem ganzen Volk fähige Männer, die
Elohim fürchten, Männer der treue, die Gewinn hassen. Setze
diese über sie als Oberste über tausend, Oberste über
hundert, Oberste über hundert, Oberste über fünfzig
und Oberste über zehn. 22 Sie
sollen
das Volk zu jeder Zeit richten. Doch jede große Rechtsssache
sollen sie vor dich bringen, aber jede kleine Sache sollen sie selbst
richten. Damit erleichtere dich von dem, was auf dir liegt, und laß
sie es mit dir tragen. 23 Wenn
du diese
Frage so lösen wirst, dann wird Elohim auch weiterhin
gebieten, damit du in allem bestehen kannst. Auch wird dieses Volk in
Frieden an seine Stätte zurückgehen.
24
Und Mose hörte auf die Stimme seines Schwiegervaters und
verfuhr in allem, wie er gesagt hatte. 25
Mose
erwählte fähige Männer aus ganz Israel und setzte sie
als Oberhäupter über das Volk ein: Oberste über
tausend, Oberste über hundert, Oberste über fünfzig,
Oberste über zehn. 26 Diese richteten
das Volk
zu jeder Zeit: die schwierige Rechtssache brachten sie vor Mose, aber
jeder kleine Sache richteten sie selbst. 27
Dann
entließ Mose seinen Schwiegervater, und er ging für
sich in sein Land zurück.
2Mo
18. 13 - 27
Kommen
wir also zu dem Geschehen selbst. Es handelt sich dabei um einen Rat,
den Mose empfing, nachdem er das Volk Israel aus Ägypten geführt
hatte und sich nun der Aufgabe gegenübergestellt sah, in ihm
Recht zu sprechen und ihm den Willen Jahwes kundzutun. Das Volk hörte
also nicht selbst von Gott, sondern stand vom Morgen bis zum Abend
vor Mose, um von ihm Weisung zu erhalten (2Mo 18. 13). Nachdem
in den Augen Jethros, seines heidnischen Schwiegervaters,
nicht aber in den Augen Moses selbst, für diesen seine
Arbeit zu umfangreich zu sein schien und vorgeblich nicht mehr
allein zu tragen gewesen wäre, wurden nun auf den Ratschlag
Jethros hin Leiter unter ihm erwählt, unter denen nun –
gewissermaßen einer hierarchischen Struktur entsprechend –
wiederum untergeordnete Leiter waren, „Oberste über
Tausend, Oberste über Hundert, Oberste über Fünfzig,
Oberste über Zehn”, unter denen dann – dieser
Vorstellung nach – eine Leitung und Ausrichtung des Volkes bis
in die Volksgruppen (Stämme) und Sippen hinein ausgeübt
werden sollte. Wir erkennen darin zunächst eine menschliche
Ordnung, da es sich es sich bei dieser Vorstellung um den Rat eines
Menschen, nicht aber um eine Weisung Gottes handelte. Diese Ordnung
gehört ganz klar noch in die Zeit des Alten Bundes. Damit hat
sie schon aus diesem Grunde für den Neuen Bund keinen Bestand. –
Dieser
Rat Jethros, nach dem eine Leiterschaftshierarchie in das Volk hinein
zu implementieren war, war dem Mose so hilfreich erschienen, daß
dieser ihn sogleich übernommen hatte. Auch in späteren
Tagen wird sich Mose wieder darauf beziehen, als er zum Volk spricht,
ohne allerdings Jethro dabei zu erwähnen (5Mo 11. 9 - 18).
Dennoch ist hier deutlich zu machen, daß diese Ordnung an
keiner Stelle von Gott angewiesen worden war. Nichts davon wird
uns überliefert. Statt dessen werden wir uns vielmehr mit ihr
als einer Falle zu beschäftigen haben, die der Feind ganz
offensichtlich aufgerichtet hatte, und in die Israel nur allzu
bereitwillig hineingetappt war. Diese Falle vermag der Umstand
deutlich zu machen, daß Gott sie angewiesen hatte, unbedingt
und allein Seine Stimme zu hören, um Gelingen zu haben.
Mose sollte von Gott hören, und sein Bruder Aaron sollte
die Worte von Mose empfangen und dann an das Volk weitergeben, eine
klare Anordnung, die Gott für den Auszug aus Ägypten bis
in das verheißene Land hinein erlassen hatte (2Mo 4. 10 -
16). Gott hatte die Beiden somit zum Dienst zusammengestellt. Diese
Art der Führung war lange Zeit in Treue durchgehalten worden
(vgl. 2Mo 16. 2). Hier aber saß Mose allein und sprach
zu dem Volk. Bereits hier erkennen wir ein Übertreten der
Weisung Gottes, ein Umstand, den wir im Folgenden immer wieder
begegnen werden. Aufgrund dieser Übertretung findet nun ein
anderer Raum, und drängt geradezu hinein, um ihn auszufüllen.
So spricht nun ein anderer, ein Mensch, und kommt Gott zuvor.
Jethros
Rat: verhängnisvolle Umkehrung
Nicht
Gott, sondern Jethro tritt jetzt zuerst auf und sagt dem Mose:
„Nun höre auf meine Stimme, ich will dich
beraten, und möge Elohim mit dir sein.” (Vers 19a).
Gott wird hier also an die zweite Selle gesetzt, erst nachdem
die Stimme Jethros zu hören war. Aber nicht nur das, sondern
Gottes Anweisung wird dazu noch in ihr Gegenteil verkehrt: „Sei
du da für das Volk gegenüber dem Einen, Elohim, und bringe
du alle Fragen vor den Einen, Elohim” (19b). – So
sollen nicht mehr die Wege Gottes zum Volk, wie Gott gesagt hatte,
sondern die Wege und Fragen des Volkes zu Gott gebracht werden, damit
dieser aus den Anliegen des Volkes Antworten „machen”
soll, die dem Volk nun als Weisungen und Gesetze zu verkünden
seien (Vers 20). Der Wille Gottes wird hier ganz geschickt in
sein Gegenteil verkehrt; es wird nicht mehr von Seiner Weisung
ausgegangen, sondern von den vorgeblichen Bedürfnissen des
Volkes. Bereits hier also wird eine Frömmigkeitsform
dargestellt, deren Mittelpunkt nicht mehr die Willensbekundungen
Gottes, sondern das Wohlergehen des Menschen darstellt –
eine Art der Frömmigkeit, die aus unseren Tagen leider nicht
ganz unbekannt sein dürfte. Und weiter sagt Jethro:
„Wenn du diese Frage so (d. h. diesem Vorschlag gemäß)
lösen wirst, dann wird Elohim auch weiterhin gebieten,
damit du in allem bestehen kannst. Auch wird dieses Volk in Frieden
an seine Stätte zurückgehen” (Vers 23). Das
Handeln Gottes wird nun also endgültig aus dem Kontext Seines
Willens herausgelöst und von dem Befolgen menschlicher Vorgaben
abhängig gemacht. Vermittlung tritt damit an die Stelle
Gottes und will Sein Reden ersetzen, ja erklärt sich zur
Vorausbedingung, um Gott zu hören. Spätestens dann
jedoch, wenn wir erkennen, daß Israel auf diesem Weg nicht in
das ihm verheißene Land gelangt war, wie Jethro versprochen
hatte, bemerken wir, daß Mose hier einer Lüge aufgesessen
war. Diese Angelegenheit ist eine der tragischsten der Heiligen
Schrift überhaupt – lehrt sie uns doch, nicht auf
Vermittlung zu hoffen, sondern in allem unserem Gott zu folgen –
allein.
Jethro
hatte die Taten Gottes durchaus – verbal –
gutgeheißen, ja schien Ihm später sogar ein Opfer
darzubringen (2Mo 18. 8 - 12). Und doch war er keineswegs ein
Priester Gottes, sondern der Priester der Midianiter (2Mo 3.
1), also der Vertreter des heidnischen Götzendienstes seines
Volkes schlechthin, ein Götzenanbeter, der nach diesem
Geschehen schließlich doch wieder Gottes Volk verlassen hatte
und zu dem Seinen zurückgekehrt war (2Mo 18. 27). Dieses
Heidentum erzeigt sich auch anhand der Bezeichnung für den Gott,
den er meinte; er spricht, was seine Gottesbeziehung angeht,
einfach nur von Elohim, dem Gott oder den Göttern, obwohl
der Name des Gottes Israels, Jahwe, längst bekannt war.
Hier wird also etwas ganz offensichtlich verschleiert; wird die
Dunkelheit zum Licht erklärt. Damit wollen wir uns nun
beschäftigen.
Jethros
Opfer und die Elohim: Woher, Wohin?
Wer
also war der Gott, dem Jethro geopfert hatte, in Wirklichkeit?
Was war dem vorausgegangen? Dies herauszufinden ist nicht ganz
einfach; hier müssen wir ein wenig graben und vor allem das Wort
selbst sprechen lassen. Wir werden die hier benötigten
Informationen nicht mit Hilfe zweier oder dreier Schriftstellen
gewissermaßen „auf dem Silbertablett serviert”
bekommen. Das Verständnis dieser doch sehr komplexen
Sachverhalte erfordert eine etwas weitreichendere Schriftkenntnis und
vor allem auch eine Kenntnis der entsprechenden Hintergründe.
Beachten wir dabei auch, daß kein Schriftwort Sache eigener
Auslegung ist (2Ptr 1. 20). Eine gewisse Tradition mag an anderer
Stelle eine Hilfe sein; gerade hier ist sie es nicht. Das Wort Gottes
legt sich anhand seiner Zusammenhänge und gedanklichen
Querverbindungen stets selbst aus; diese zu erforschen, ist
unsere Aufgabe, nicht aber eine willkürliche Beschreibung
einzufügen, die vielleicht in eine vorhandene Lehrmeinung oder
Gedankenstruktur passen könnte. Hier aber haben wir auch die
Schwierigkeit vorliegen, daß nahezu alle gängigen
Übersetzungen nicht frei von gewissen Eigeninterpretationen zu
sein scheinen. Sehr hilfreich für unsere Erkenntnis ist es
jedoch, wenn wir jede biblische Gestalt, die es einzuordnen gilt,
immer daraufhin untersuchen, woher sie kommt und wohin sie geht.
Kommt sie von Gott, geht sie zu Ihm? Oder kommt sie von woanders her,
geht sie woanders hin? Lesen wir zunächst folgendes:
1
Jethro, der Priester von Midian, der Schwiegervater des Mose,
hatte alles gehört, was Elohim für Mose und für
Israel, Sein Volk, getan hatte, als Jawe Israel aus Ägypten
herausgebracht hatte... 5
Da kam Jethro, der Schwiegervater des Mose, mit dessen Söhnen
und dessen Frau zu Mose in die Wildnis, wo er dort am Berg des
Einen*, Elohim, lagerte, 6
und er ließ Mose sagen: Ich, dein Schwiegervater Jethro,
komme zu dir, samt deiner Frau und ihren beiden Söhnen mit ihr.
7 Da ging
Mose hinaus, um seinem Schwiegervater zu begegnen, und er beugte sich
nieder und küßte ihn. Nachdem jeder seinen Nächsten
nach seinem Wohl gefragt hatte, kamen sie zum Zelt, 8
und Mose erzählte seinem Schwiegervater alles, was Jawe
an dem Pharao und an Ägypten betreffs Israels getan hatte, von
all dem Ungemach, das sie auf dem Weg erreicht hatte, und wie Jawe
sie geborgen hatte. 9
Da war Jethro erfreut über all das Gute, was Jawe für
Israel getan hatte, welches Er aus der Hand Ägyptens geborgen
hatte. 10
So sagte Jethro: Gesegnet sei Jawe, der euch aus der Hand Ägyptens
und aus der Hand des Pharao geborgen hat, der das Volk aus der Hand
Ägyptens geborgen hat. 11
Nun weiß ich, daß Jawe größer als alle
Götter (wörtlich: Elohim) ist, wegen der Sache, worin
sie gegen sie vermessen waren. 12
Dann nahm Jethro, der Schwiegervater des Mose, Aufsteig- und
Schlachtopfer für Elohim, und Aaron und alle Ältesten
Israels kamen, um mit dem Schwiegervater des Mose vor dem Einen 1,
Elohim, Brot zu essen.
2Mo
18. 1, 5 - 12
Auch
hier wird unsere Frage nach der Herkunft Jethros beantwortet, und
zwar schon im ersten Vers: er ist der Priester Midians. Bereits am
Anfang haben wir uns ja mit der Frage beschäftigt, und den
Zusammenhang Midians mit dem anderer Götter beleuchtet.
Aus unserem Text geht nun hervor, daß Jethro zwar den Gott
Israels lobt und seine Taten anerkennt, dabei aber seinen Gott
zu keiner Zeit aus den Augen zu verlieren scheint. Dies läßt
sich leider bei keiner der sonst üblichen Übersetzungen
nachvollziehen, da die im Grundtext enthaltenen Namen Gottes in ihnen
nicht oder kaum angeführt werden; man umschreibt sie lediglich
mit den völlig unzureichenden Bezeichnungen „Gott”,
„Herr” oder auch „HERR”, womit die
verschiedenen Namen oder Bezeichnungen lediglich angedeutet und
unterschieden werden. Auch scheint dabei häufig die
jeweilige Lehrtradition, sei sie nun kirchlicher oder freikirchlicher
Art, übernommen und in die Übertragungen
hineininterpretiert worden zu sein. Hier aber erkennen wir alsbald,
wenn wir genau lesen, daß verschiedene Indizien dafür
sprechen, daß Jethro nicht dem Gott Israels, sondern seinem
Gott geopfert hatte, und die Ältesten Israels samt Aaron dazu
verleitet hatte, gemeinsam mit ihm an diesem Opfer teilzuhaben und
angesichts seines Gottes, seines Elohim, mit ihm zu
essen.
Lesen
wir nun nochmals die Rede Jethros, in der er zunächst seiner
Anerkennung über die Taten Jahwes Ausdruck verliehen hatte:
„Gesegnet sei Jawe, der euch aus der Hand Ägyptens und
aus der Hand des Pharao geborgen hat, der das Volk aus der Hand
Ägyptens geborgen hat. Nun weiß ich, daß Jawe
größer als alle Götter(wörtlich: Elohim) ist,
wegen der Sache, worin sie gegen sie vermessen waren”
(Verse 10 - 11). Nachdem er dies gesagt hat, vollführt
Jethro, Midians Priester, nicht aber ein Glied des Volkes
Gottes ein Opfer; man sitzt und ißt dann angesichts des Gottes,
dem Jethro geopfert hat. Hier ist zu beachten, daß
Jethro zwar davon spricht, daß Jahwe größer als alle
anderen Götter sei. Es wird uns aber nicht gesagt, daß
Jethro diesem Jahwe nun auch geopfert habe 2; die
Rede ist von Elohim, einem Gott, oder Göttern. Die
traditionelle Auslegung, daß Jethro dem Gott Israels, und damit
unserem Gott ein Opfer dargebracht habe, läßt sich
aus diesen Sätzen gerade nicht entnehmen. Noch erscheint uns
jedoch die ganze Angelegenheit in einem gewissen Dunkel, so daß
wir auf das zuvorige Geschehen eingehen müssen.
Rückblick
I: Trennung und Wiedersehen
Mose
hatte das Volk Israel, nachdem er für vierzig Jahre bei den
Midianitern gelebt hatte, gerade aus der Sklaverei Ägyptens
durch das Rote Meer geführt. Anfangs noch war er vor Pharao
geflohen, nachdem ruchbar geworden war, daß er einen Ägypter
erschlagen hatte, weil dieser einen Hebräer mißhandelt
hatte. Die Flucht führt ihn nach Midian – in die Arme
Jethros, des Priesters Midians. Er wird dann eine seiner Töchter
heiraten und mit ihr zwei Söhne haben. Diese Beziehung macht ihn
zu einem Mitglied der Familie Jethros und unterwirft ihn damit deren
Einflüssen, ja Herrschaft. Dazu müssen wir bedenken, daß
der Bräutigam sich dem Vater der Braut zu unterwerfen hatte –
er galt gewissermaßen als dessen Besitz, ebenso dessen Kinder
(vgl. die Geschehnisse um Jakob, Rahel und Lea in 1Mo 29 - 31;
ähnlich auch die Gesetzgebung für die Knechte in 2Mo 21.
4). Der Schwiegersohn hatte also um seine Braut zu dienen. Indem
Jethro Mose seine Tochter zur Frau gibt, macht er ihn zu einem, zu
seinem Schafhirten. So muß Mose die Schafe seines
Schwiegervaters Jethro hüten, und zwar für ganze vierzig
Jahre.
Als
die vierzig Jahre um sind, erscheint ihm Jahwe, der Gott Israels, in
einem brennenden Dornbusch, der sich dabei nicht verzehrt (2Mo 2 -
3). Er weist ihn an, zurück nach Ägypten zu gehen, um sein
Volk aus seiner Hand zu fordern, und es schließlich in die
Freiheit zu führen. Mose verläßt daraufhin Jethro,
und geht aus Midian heraus. Hierbei verschweigt er Jethro die
wahre Ursache seiner Reise. Von Gottes Auftrag sagt er ihm kein
einziges Wort. Statt dessen ist zu lesen: „Laß
mich doch gehen, damit ich zu meinen Brüdern zurückkehren
möge, die in Ägypten sind, um zu sehen, ob sie noch unter
den Lebenden sind. Da antwortete Jethro zu Mose: Geh hin im
Frieden!”(2Mo 4. 18 - 19a). Mose spricht nicht einmal die
Existenz eines anderen Volkes an, aus dem er kommt; er spricht
lediglich von seinen Brüdern, die in Ägypten sind.
Für die Midianiter selbst galt er, solange sich dies
aufrechterhalten ließ, als ägyptischer Mann 3
(2Mo 2. 19).Innerlich befindet sich
Mose noch immer auf der Flucht.
Nur Jahwe selbst kennt die Ursache auch seines Zögerns und
drängt Mose geradezu: „Geh! Kehre nach Ägypten
zurück, alle die Männer, die nach deinem Leben trachteten,
sind gestorben” (Vers 19b). Mose gehorcht. Zunächst nimmt
er Zippora, seine Frau, und ihre beiden Söhne mit. In der Wüste
Ägyptens aber trennt er sich von ihnen, und sendet sie zu ihrem
Vater zurück.
Hierzu
lesen wir: „So nahm Mose seine Frau und seine Söhne,
ließ sie (Plural!) auf Eseln reiten und kehrte
(Singular!) in das Land Ägypten zurück” (Vers
20a). Man beachte hier die Zeitformen der Verben, einer
besonderen Eigenart des Hebräischen. Sie, die Frau und die
Söhne, reiten davon; er selbst aber kehrt für sich allein
nach Ägypten zurück, aus dem er einst, vor nun mehr als
vierzig Jahren, geflohen war. Das verwendete Wort reiten (hbr.
raka´bh) bezeichnet eigentlich ein schnelles Dahinfahren,
ein Davoneilen. Es wird für ein schnell dahinfahrendes Wesen,
Gefährt oder Reittier verwendet. Hier dient der Esel als
Reittier. So also trennt Mose sich von seiner Familie; er läßt
sie davoneilen, rasch von ihm weg. Nun erst wird gesagt, daß
er – endlich – den Stab Gottes in seine Hand nimmt
(Vers 20b), und nun erst kann Gott zu ihm auch ein weiteres Mal
sprechen und ihm Seine Pläne mitteilen (Verse 21 - 22). –
Hier, in der Entsendung seiner Frau, finden wir alle Gegebenheiten
einer nach damaliger Sitte rechtsverbindlichen Scheidung vor. Die
Frau, von der der jeweilige Mann sich trennte, wurde dabei,
einschließlich ihrer Kinder, stets wieder zu ihrem Vater
zurückgeschickt; eine Praxis, die später auch in das Gesetz
Israels Eingang gefunden hat. Sie unterstand, wenn sie nicht erneut
geheiratet wurde, immer ihrer Sippe. Ein weiteres Indiz für eine
solche Scheidung finden wir auch in dem Umstand vor, daß vor
dieser Trennung die Söhne Beider als die Söhne Moses,
danach aber nur als die Söhne Zipporas angesprochen werden (2Mo
4. 20 und 24).
Der
Blutsbräutigam
Schließlich,
Mose ist schon nicht mehr dabei, wird Jahwe den Ältesten der
beiden Söhne angreifen, um ihn zu töten (2Mo 4. 24). Hier
geht es nicht um Mose; diverse Bibelübersetzungen, so z. B. die
ansonsten hervorragende Menge-Übersetzung, geben hier falsch
wieder. Mose selbst war ja beschnitten, da dies bei Hebräern
seit Abraham gültige Praxis war. Jeder Knabe im Alter von acht
Tagen war demnach zum Zeichen des Gottesbundes zu beschneiden (1Mo
17. 9 - 13). Auch würde die Tochter Pharaos ihn anderenfalls
wohl kaum als einen hebräischen Knaben identifiziert
haben, als sie ihn, drei Monate alt, aus dem Wasser gezogen hatte
(2Mo 2. 6). Gott will hier offenbar den Erstgeborenen Moses treffen,
den, der aus Vermischung mit fremdem Blut hervorgegangen ist (vgl.
Off 2. 20 - 23). Er wird damit, Seiner Verheißung gemäß,
den ausrotten, der zu den Fremdlingen gehört und
unbeschnitten ist (1Mo 17. 14). Seine Linie wird damit abgebrochen,
ähnlich wie dies später auch bei den Erstgeborenen Ägyptens
geschehen wird, als das Volk Israel aus ihrer Mitte ausziehen soll.
Mose hatte ja eine midianitische Familie; die Söhne waren
deshalb offensichtlich nicht beschnitten worden. Zippora beschneidet
nun den Erstgeborenen mit einem dort vorgefundenen scharfen Stein und
kann damit dem Angriff Jahwes gerade noch entgehen. Von der Praxis
der Beschneidung dürfte sie von Mose erfahren haben; auch dürfte
sie gewußt haben, daß es sich bei dem Angreifenden um
Jahwe, den Gott der Hebräer gehandelt hatte. Andererseits war
bzw. ist aber eine Beschneidungspraxis auch bei Anhängern
heidnischer Gottheiten nicht unbekannt. Dieser Gedanke kann hier
jedoch vernachlässigt werden. –
Allerdings
liegt hier auch eine Besonderheit vor. Zippora beschneidet ihren Sohn
selbst, was äußerst unüblich war. Dies erklärt
sich jedoch rasch – es war ja kein Mann zugegen. Sie
berührt mit der Vorhaut des Sohnes dessen Füße und
sagt zu ihm: „Blutsverwandt bist du mir” (2Mo 4.
25). Die meisten gängigen Übersetzungen geben die Fügung
jedoch mit „Blutsbräutigam”wieder.
Hier geht es also um Verwandtschaft, um Zugehörigkeit, die
erneut zu definieren ist; jedoch ist vor allem zu bedenken, daß
der älteste Sohn stets die Vaterrolle innehatte, solange es in
der Familie keinen Mann gab. Der Vater ist Haupt der Familie und
damit ihr Schutz; deshalb erklärt Zippora ihren Sohn nun zu
ihrem Blutsbräutigam – zu ihrem Haupt, unter dem
sie sich nun zu bergen sucht. Diesen Vorgang versinnbildlicht sie mit
dem Berühren seiner Füße. Die, die die Füße
berührt, sitzt zu den Füßen, unter einem Haupt (vgl.
Rt 3. 1 - 10, 4. 7 - 13). Dieser Zusammenhang von Verwandtschaft, ja
Hauptschaft mit der Beschneidung wird im nachfolgenden Satz
kurz erklärt: „Damals sagten sie ‘blutsverwandt’
(oder Blutsbräutigam) auf die Beschneidungen hin” (2Mo
4. 26). Dieses Vorgehen war also damals allgemein übliche Praxis
und hat in diesem Falle nichts mit dem Bund Jahwes zu Seinem Volk zu
tun 4.
Daß
es nicht Mose gewesen sein kann, der hier angegriffen wurde,
ist auch klar, wenn wir bedenken, daß Gott ihn vorher noch nach
Ägypten gerufen hatte, um Sein Volk aus der Sklaverei zu führen.
Mose war ja gerade seinen Weg weitergezogen, und hatte seine Familie
davonreiten lassen. Auch kann Gott nicht erst jetzt aufgefallen sein,
daß Moses Söhne nicht beschnitten gewesen sind; es gibt ja
nichts, was Ihm auch nur zu irgend einer Zeit entgehen könnte.
Vielmehr ist anzunehmen, daß Gott Moses Söhne verschont
hatte, solange er selbst noch bei ihnen war – also um Moses,
seines Fleisches und Blutes willen. Mose, der als ihr Vater auch ihr
Haupt war, stellte damit auch einen Schutz für sie dar.
Nun aber, da er sich von ihnen getrennt hat, ist auch ihr Schutz von
ihnen gewichen. Die Annahme, daß Gott habe Mose töten
wollen, entpuppt sich daher weder als stichhaltig, noch ist sie in
sich logisch. Hier wird auch deutlich, daß Jahwe diese
Verbindung nicht wollte; noch ist sie für Ihn auch nur in irgend
einer Weise relevant. In dem nachfolgenden Geschlechtsregister werden
zwar die Söhne Aarons, nicht aber die Söhne Moses
aufgeführt; sie tauchen in der Geschichtsschreibung nicht wieder
auf und spielen im Volk Gottes keinerlei Rolle. Die Linie Moses
innerhalb des Volkes Gottes versiegt mit seinem Tode; er hat darin
keine Nachkommen mehr – die Söhne, die Mose in Midian
hatte, gehören nicht zu Israel und werden daher nicht
mitgerechnet (2Mo 6. 14 - 26). 5
Mose
inmitten Israels - Wiedersehen am Horeb
Schließlich
erreicht Mose Ägypten und fordert von Pharao die Freilassung
Israels. Mit überragenden Wundern und Zeichen, Plagen und
Gerichten auf Seiten der Ägypter wird Gott sie aus Ägypten
herausführen. Er teilt ihnen das Rote Meer und läßt
es über den nachjagenden Ägyptern wieder zusammenschlagen.
Über alle Maßen erleben sie ihre wunderbare Errettung und
die nachfolgende Versorgung Jahwes, ihres Gottes. Sie erleben, wie
Jahwe ihnen Sieg über Amalek gibt, der sich ihnen in den Weg
gestellt hat. Schließlich lagert Israel in der Wüste, um
zu rasten. Bezeichnend ist dabei, daß Mose an keiner Stelle
diesen Rastplatz verlassen hat, obwohl dies naheliegen müßte.
Er geht also aus sich heraus nicht zu den Midianitern zurück.
Nichts davon wird berichtet. Hieran erkennen wir, daß er
seine Trennung von seiner midianitischen Familie keineswegs als nur
vorübergehend angesehen hat. Für ihn war diese Trennung
eine endgültige Scheidung.
Und
doch wird Mose nach diesen Ereignissen seine Familie wiedersehen, und
mit ihr auch seinen heidnischen Schwiegervater. Wie gesagt: es ist
bezeichnend, wie die Umstände dieses Wiedersehens
ablaufen. Mose ist mit seinem Volk aus Ägypten gekommen; sie
lagern in der Wüste am Berg Horeb, nicht weit von den
Midianitern, aber, da sie am Horeb waren, doch von ihnen entfernt
(vgl. 2Mo 3. 1). Gott also hat sie zu genau der Stelle geführt,
wo Er dem Mose einst im brennenden Dornbusch begegnet war und sich
ihm als Jahwe zu erkennen gegeben hat. Dort lagern sie, nicht
bei den Midianitern. Nicht Mose geht nun zu Jethro, sondern
Jethro kommt zu ihm heraus, und bringt Zippora und ihre beiden
Söhne mit. Hier wird nun das bekräftigt, was vorstehend
gesagt worden ist: „Und Jethro, der Schwiegervater des Mose,
nahm Zippora, die Frau des Mose, nach ihrer Entlassung zu
sich, samt ihren beiden Söhnen” (2Mo 18. 2). Dann,
nachdem die Söhne uns beschrieben werden, heißt es: „Da
kam Jethro, der Schwiegervater des Mose, mit dessen Söhnen
und dessen Frau in die Wildnis, wo er dort am Berg des Einen, Elohim,
lagerte” (2Mo 18. 5). Dann aber begegnet er ihm doch nicht
selbst, sondern entsendet einen Boten: „...und er ließ
Mose sagen: Ich, dein Schwiegervater Jethro komme zu dir, samt deiner
Frau und ihren beiden Söhnen mit ihr” (Vers 6). Jethro
ist sich also ganz offensichtlich nicht sicher, ob Mose ihm empfangen
würde, und hat daher einen Vermittler eingeschaltet.
Anschließend macht er sich selbst auf den Weg. Dann erst
geht Mose zu ihm heraus, um ihm auf halbem Weg zu treffen. So
kommen sie aufeinander zu und begegen sich; wobei Mose sich ihm
erneut unterwirft – er fällt vor ihm nieder, wirft sich
vor ihm hin (Vers 7 wörtlich). Schließlich erreichen beide
gemeinsam Moses Zelt, in dem Mose seinem Schwiegervater alles
berichtet, was sich bis dahin ereignet hat (Vers 8).
Das
Opfer, Mittler eines Bundes
Die
Berichte Moses über die großen Taten Jahwes geben in den
Augen Jethros jedoch nur scheinbar Anlaß zur Freude. Die
gängigen Übersetzungen legen dies zwar nahe. Baader
übersetzt hier jedoch nach dem Grundtext: „Und Jitro´
wurde einig aufgrund all des Guten, welches JHWH dem Israel
getan, daß Er es überschattete, weg von der Hand
Mizrajims” 6
(V. 9, nach: Die Geschriebene des Alten Bundes, Übersetzung nach
F. H. Baader). Einig werden lautet im Hebräischen
chada´h; sich freuen jedoch ssama´ch.
„Chag sameach!” – das ist der Gruß,
mit sich die Juden noch immer an hohen Festtagen grüßen
und Einander Gutes – einen Freudentag – wünschen.
Hier aber steht das Wort einig werden – auch im Sinne
von schlüssig werden – in der Vergangenheitsform,
nicht aber sich freuen. Offensichtlich hat man hier, da man
den Text inhaltlich nicht verstanden hat, chada´h
fälschlicherweise mit sich freuen übersetzt, da dies
nach landläufiger Meinung eher in den Zusammenhang zu passen
schien. Hier steht aber nicht, daß Jethro sich gefreut
habe, sondern es wird eine Einigung angezeigt; eine Vereinbarung
wurde getroffen, ganz gleich der eines Handels, mit der etwa
Kaufleute sich einig werden. Jethro wurde einig, steht da; mit wem,
das erweist sich aus dem Zusammenhang, da er mit Mose sprach. Ein
weiteres ergibt sich aus der Aussage: Jethro war nicht,
sondern wurde mit Mose einig – es hatte also
einige Zeit und Überredungskunst gebraucht, eine zumindest
vordergründige Übereinstimmung mit Mose zu erzielen. Hier
also ist nicht die Rede von Freude, sondern von einem Weg zu einer
Übereinkunft, zu der beide nach einigem Hin und Her gelangt
waren, was bildlich einem Zusammenschluß entspricht. Mit diesem
Zusammenschluß aber wird bereits ein sich anbahnender Bund
angezeigt. Diesen Bund nun galt es, mit einem Opfer zu
besiegeln. Warum? Hier nun müssen wir uns mit den Modalitäten
eines zu biblischen Zeiten rechtskräftigen Bundes
auseinandersetzen.
Ein
Bund ist ein Abkommen zweier eine Übereinkunft treffender
Parteien, welches mit einem Opfer bestätigt wird; ein Bund wird
nicht abgeschlossen, sondern „geschnitten”, d. h. ein
Tier wird geschlachtet, zerlegt und dem – gewissermaßen
als „Zeuge” anwesenden – Gott dargebracht, wer
dieser Gott auch gewesen sein mochte. Damit binden beide Parteien
sich nicht nur an den Gegenstand der Übereinkunft, sondern auch
an den Gott, dem das Opfer galt. Das Opfer ist somit der Mittler
dieses Bundes, was daher auch bedeutet, daß immer,
wenn ein Opfer dargebracht wird, auch ein Bund zustande kommt, sowohl
zwischen den beteiligten Menschen, als auch mit dem Gott, vor dem man
opfert. Erst das getötete und dargebrachte Opfer stellt
also einen Bund her und macht ihn somit rechtsgültig. Ohne
einen solchen Mittler kommt daher kein Bund zustande –
nicht ohne Blut (Hbr 9. 16 - 18). Die Teilhabe am Opfer bewirkt
demnach auch die Teilhabe an dem Bund, für den das Opfer
dargebracht wurde. Damit sind auch die das Opfer Essenden einbezogen;
sie sind damit zu Gemeinschaftern des Altars geworden –
und damit des Gottes, für den das Opfer bestimmt und vor dem es
gegessen worden war (1Kor 10. 18 - 22). Mit Aaron, dem Bruder Moses,
und den Ältesten Israels, die sich angesichts ihres
Gottes zu essen wähnen, wird nun das ganze Volk Israel mit
hineingezogen (2Mo 18. 12).
Was
aber war der Inhalt des Bundes? Angesichts der Erzählungen Moses
hatte Jethro Zustimmung über die Taten Jawes gezeigt.
Gleichzeitig aber hatte er Mose zu überreden versucht, um ihn
ganz offensichtlich für immer in seinen Weg, und damit in
den seines Volkes mit hineinzunehmen. Deshalb bringt er eingangs auch
Moses entlassene Frau mit den beiden Söhnen mit, und appelliert
gewissermaßen an Familienpflichten (2Mo 18. 6). Mose soll also
wieder an Midian gebunden werden; deshalb ein Bund, weil
er das tut, was sein Name sagt – er bindet.
Jetros Übereinstimmung mit dem Handeln des Gottes Jahwe an
Israel ist demnach nur eine vordergründige, da es ihn, den
Midianiter, nicht selbst betrifft. Die Vermischung aber, die mit
Moses Ankunft bei den Midianitern begonnen hatte, sollte nun
wiederhergestellt und unbedingt weiter aufrecht erhalten werden;
diesmal galt dies aber nicht nur Mose, sondern dem ganzen Volk, mit
dem Mose aus Ägypten erschienen war. Denn eines hatte Jethro
begriffen: von diesem Volk, das zu holen Mose einst aus Midian
ausgegangen war, für das er so viel riskiert und seine Familie,
Frau und Kinder verlassen hatte, wäre er nun, da sie sich auf
dem Weg in das von Gott verheißene Land befanden, nicht
mehr zu trennen gewesen.
Die
oben beschriebenen Eigenschaften galten für einen jeden Bund,
der damals abgeschlossen wurde; sie waren Bestandteil von Recht und
Gesetz, unabhängig davon, um welche Parteien es sich dabei
handelte und vor welchem Gott auch immer das Bundesopfer dargebracht
worden war. Jedoch gibt es ein ganz entscheidendes
Kennzeichen, welches einen Bund Jahwes, unseres Gottes, von den
Bündnissen anderer unterschied: Gottes Bündnisse waren
stets von Ihm ausgegangen; Er hatte sie in jedem Falle vorher
angeordnet und – auch bezüglich des Opfers –
genaue Weisung erteilt, wie dabei zu verfahren war.Eine geradezu
vorbildliche Darstellung eines von Jahwe angeordneten Bundes ist der
Bundesschluß mit Abraham am Sinai (1Mo 15. 7 - 21). Fehlt
dieses Merkmal, dürfen wir sicher sein, daß der
abgeschlossene Bund nicht ein Bund Gottes, sondern ein Bund anderer
Götter war bzw. zu diesen hinführte. Der Leser
entscheide nun selbst, von welcher Konsistenz Bund und Opfer waren,
die Jethro im Sinn gehabt hatte!
Jethro
bewundert Jahwe, den Stärkeren, und bleibt doch Midians Priester
Doch
kommen wir nun wieder zurück zum Geschehen, dem Zusammentreffen
und der Übereinkunft zwischen Mose und Jethro, der das Opfer
folgen sollte. Nachdem Jethro Moses Bericht gehört hat, sagt er:
„Gesegnet sei Jawe, der euch aus der Hand des Pharao
und der Hand Ägyptens geborgen hat” (Vers 10). Er
betont hier das, was Jahwe an Israel getan hat, „der euch...
geborgen hat”. Er, Jahwe, ist wohl Israels, „Euer”
Gott. Doch bedeutet das, daß dieser Gott nun auch zu seinem,
Jethros Gott werden kann? Bricht er dazu durch, nicht nur über
Ihn zu sagen „Euer Gott”, sondern zu Ihm zu
sagen „Mein Gott”? Das ist nirgendwo der Fall!
Welchem Gott wird Jethro nun opfern, da Jahwe, der Gott Israels,
nicht auch sein Gott geworden ist? Und – hätte Jethro
noch Priester Midians bleiben können, wenn Jahwe, der Gott
Israels, zu seinem Gott geworden wäre? Hätte er dann sich
nicht von den anderen Göttern, den Göttern Midians trennen
müssen? Denn Jethro war kein Priester Gottes, wie viele meinen,
sondern er war ein Heidenpriester – hatte er doch an dem
Bund Gottes, den dieser mit Abraham geschlossen hatte, keinerlei
Anteil!
Jethro
erkennt in der Fortsetzung sehr wohl an, daß Jahwe größer,
mächtiger ist als all die anderen Götter. Dann aber
vermengt er wiederum etwas, was weder von den ihn umgebenden
Israeliten, noch von vielen heutigen Auslegern erkannt wird. Er
segnet Jahwe, und sagt, daß Er größer ist als
alle anderen Götter, die Elohim, und fügt in einem
Nebensatz, ganz unverfänglich, wie beiläufig, an:
„wegen der Sache, mit der sie gegen sie vermessen waren”
(Vers 11). Die meisten Übersetzungen haben hier statt des
zweiten „sie” „die Israeliten” eingefügt,
und unterstellen damit, Jethro habe gemeint, daß die Ägypter
gegen die Israeliten vermessen gewesen seien. Dies scheint,
oberflächlich gesehen, folgerichtig und in die Handlung passend
zu sein; doch geht es, beachten wir den Redezusammenhang, weder aus
dem Redetext hervor, noch steht es in irgend einer Weise im Grundtext
selbst. Wir wollen den vorliegenden Vers daher nochmals lesen,
diesmal aber nach der sehr viel eindeutigeren Baader-Übersetzung:
„Nun erkenne ich, daß JHWH größer ist als
all die Älohi´m, denn in der Sache, in der sie vermessen
waren, kam´s wider sie”. Jethro
erwähnt in dem Satz die Ägypter mit keinem Wort, auch nicht
die Israeliten. Hier meint er „die Götter”,
jene Elohim, von denen er gerade sagte, daß Jahwe, Israels
Gott, größer ist als sie. Sie, die Götter
waren vermessen, deshalb „kam´s wider sie”, worin
Jahwe erzeigt hatte, daß Er größer ist. Dem
Jethro waren die Götter bekannt, darin war er zu Hause; doch nun
hat er bemerkt, daß es noch einen Größeren,
Stärkeren gibt als sie. Wird er nun von seinen Göttern
lassen und sich statt dessen dem Gott Jahwe zuwenden? Es hat den
Anschein, erkennt er doch die überragende Kraft Jahwes
als den Gott Israels an – doch läßt er, der
er ein Priester Midians ist, und nicht Israels, und daher mit
den Stammesgöttern Midians verbunden ist, nun diesen ab? Nein!
Wir
müssen hierzu etwas über die damals vorherrschende
Denkweise wissen. Jeder der damals umherziehenden Stämme hatte
seinen eigenen Stammesgott oder auch die nur zu ihm gehörenden,
verschiedenen Stammesgötter. So galt eine kriegerische
Auseinandersetzung zwischen einzelnen Volksstämmen immer auch
als eine Auseinandersetzung zwischen ihren Göttern. War ein
Stamm besiegt, galt damit auch der Gott dieses Stammes als dem Gott
des Siegers unterworfen. Diese Sichtweise hat sich bis heute
erhalten, wenn wir an die zahlreichen kriegerischen
Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen verschiedener
Religionen und der damit verbundenen Volksgruppen denken (Islam,
Hinduimus etc.). Jethro offenbart hier nichts anderes als dieselbe
Sichtweise. Er sagt damit, daß der Gott der Hebräer, dem
er aber als Priester Midians nicht angehört, größer
ist als die Götter der Ägypter, und bewundert Ihn –
aber er ist Ihm nicht untergeordnet, und er bleibt der
Priester Midians. Und in dieser Eigenschaft – als Priester
Midians – opfert er den Göttern, den Elohim. Hier steht
Elohim ohne bestimmten Artikel in der Mehrzahl, was zeigt, daß
kein einzelner, bestimmter gemeint ist. Dazu sei wiederum die
Baader-Übersetzung zitiert: „Und Jitro´, der
Schwäher Moschä´hs, nahm Hinaufzuweihendes und Opfer
für Älohi´m” (Vers 12a).
Nun
aber, da das Opfer dargebracht worden ist, kommt Aaron, kommen die
Ältesten Israels hinzu. Wir wollen abermals die wortgenauere
Baader-Übersetzung anführen: „Und Aharo´n
und alle Alten Jissrae´ls kamen, um Brot zu essen mit dem
Schwäher Moschä´hs angesichts des Älohi´m”
(Vers 12b). Hier steht nicht, daß sie gemeinsam mit Mose
essen wollten; es wird nur Moses Schwiegervater genannt. Es wird auch
nicht ausgesagt, daß sie vor ihrem Elohim gegessen
hätten. Wohl haben sie gegessen; die Frage ist aber, vor
welchem Gott. Der Gott, um den es hier gehen soll, wird uns nicht
näher beschrieben; es ist aber der Gott gemeint, dem Jethro
geopfert hatte. Wohl meinten sie ganz gewiß, vor Jahwe
zu sitzen und zu essen. Hier steht Elohim ja auch zusammen mit dem
bestimmten Artikel. So waren sie gekommen, um angesichts des
Elohim zu essen – vor dem Gott also, dem das diesbezügliche
Opfer gegolten hatte, vor dem jedenfalls, in dessen Gemeinschaft sie
sich wähnten. Hier wird eine Absicht angezeigt,
nicht aber eine zu Ende geführte Tat, die in einem solchen
Kontext stünde. Indiz hierfür ist das Brot, das Jethro,
Midians Priester, ihnen gab und in dessen Gemeinschaft sie nun aßen.
Denn das Brot war bekannt, das ihnen ihr Gott Jahwe zu der
Zeit zu geben hatte: es war das Manna aus dem Himmel, das sie
damals aßen und das allein – bis zur
Landnahme Kanaans – ihre Nahrung darstellen sollte (2Mo
16. 35). Wer das Manna gegeben hatte und bis dato der
einzige Brotgeber sein wollte, war also klar und mit Namen
genannt: Es war Jahwe selbst (16. 15b). Hier aber ist es das Brot
eines heidnischen Priesters, das, diesen Anweisungen des Gottes Jahwe
klar widersprechend, vor irgendeinem Elohim gegessen wird,
dessen Name uns hier jedoch verhüllt wird. Auch von Mose ist nun
nicht mehr die Rede. Es wird nicht ausgesagt, ob nun – während
und nach der Ausführung des Opfers – Mose noch dabei ist.
Man hatte ja auch nicht beabsichtigt, mit Mose, sondern mit Jethro
zu essen. So aßen sie fremdes Brot, das nicht ihr Gott,
sondern Jethro, der heidnische Priester Midians ihnen gab 7.
Noch
etwas darf nicht unerwähnt bleiben: hier essen jene, die Jahwe
nur von einzelnen Weisungen her kennen – Aaron –
und jene, die von Ihm nur durch Vermittlung Moses wissen –
die Ältesten. Mose dagegen ist der einzige, der Jahwe von
Angesicht kennt. Später wird Jahwe, der Gott Israels, Aaron
und Mirjam, seine Schwester, beiseite nehmen und zu ihnen sagen:
„Höret doch meine Worte: Ist jemand ein Prophet, dem
will ich, der HERR, mich in einem Gesicht offenbaren, oder ich will
in einem Traum mit ihm reden. Aber nicht also mein Knecht Mose:
er ist treu in meinem ganzen Hause. Mündlich rede ich mit ihm
und von Angesicht und nicht rätselhaft, und er schaut die
Gestalt des Herrn” (4Mo 12. 6 - 8, Schlachter). Doch gerade
er, der als einziger Gott von Angesicht kennt und zu
dem Gott redet, „wie einer mit seinem Nächsten spricht”
(2Mo 33.11), ist nun nicht mehr dabei. Hier werden Unwissenheit
und mangelnde Beziehung derer, die da herzu kamen, ganz klar
ausgenutzt. Jethro, der Priester Midians, wußte ganz
offensichtlich, was er da tat – und mit wem: Die Falle
schnappte zu, und die Verbindung war vollzogen.
Exkurs:
Der Eine Gott Jahwe und die vielen Elohim
An
dieser Stelle sollen uns ein paar kurze Erklärungen über
den Götterbegriff der Bibel beschäftigen. Ein Gott ist ein
Unterordner, Platzanweiser und Richter, sowohl im Hebräischen,
als auch im Griechischen (theos). Das Wort Götter
oder Gott ist die Übersetzung des hebräischen Wortes
Älohi´m oder Elohim, das in der Einzahl
steht, dabei gleichzeitig aber eine Mehrheit anzeigt. Seltener werden
die Begriffe Eloah, Elah oder El für einen besonderen
oder irgendeinen Gott verwendet. Elohim selbst aber steht
immer für Götterwelt, Gottheiten, Herrschaften oder Mächte.
Es ist ein zusammenfassender, übergeordneter Begriff, der
demnach immer eine Mehrzahl umfaßt. Dies kann etwa mit
dem Begriff Eltern verglichen werden. Eltern gibt es nicht in
der Einzahl, aber es gibt einzelne Elternteile. Ebenso gibt es
einzelne Menschen, aber einzelne Menschen sind Teile der einen
Menschheit. Ähnlich der Götterbegriff: Wird ein
Elohim genannt, ist er immer einer, der zu den Göttern, den
Elohim als Sammelbegriff gehört. Anderenfalls werden
einzelne Gottheiten immer mit Namen genannt, wie beispielsweise Baal,
Astarte, Moloch etc. Wird von dieser Regel abgewichen, so bestimmen
im Hebräischen zusätzlich Plural oder Singular des damit
zusammenhängenden Verbs auch Plural oder Singular des
Hauptwortes.
Eine
der wenigen Ausnahmen ist etwa der Schöpfungsbericht 1Mo 1. Hier
aber gilt es zu bedenken, daß von anderen Gottheiten in dem
Sinne noch nicht die Rede sein konnte. Erst nach dem Abschluß
der Himmel und der Erde mit dem Ruhen Gottes im siebten Tag (1Mo
2. 1 - 2) wird eine genaue Unterteilung erforderlich und geschieht
bereits mit der Benennung Jahwe Elohim in 1Mo 2. 4. Der neu
erschaffene Mensch (1Mo 2. 7) wird nun in diesem Namen Jahwe
Elohim seinen persönlichen und damit, da ein Name
genannt wurde, ansprechbaren Gott finden; so wird Beziehung erst
ermöglicht, ja mit der Vorstellung eines Namens eröffnet.
Vor diesem war eine besondere Namensgebung nicht nötig, da kein
Gott ebenbildlicher Partner vorhanden war, und es keinen anderen Gott
gab, der von einem Menschen hätte angesprochen werden können.
Hier finden wir also den eigentlichen Grund dafür vor,
weshalb unser Gott Sich mit einem Namen bekannt gemacht hat (vgl. Ps
91. 14). Der Name Jahwe als der Name unseres besonders
herausgehobenen Gottes – im nun entstandenen Gegensatz zu
den anderen Elohim – ist also sehr früh schon
bezeugt. – Das Wort Elohim selbst kommt in der Bibel
über zweitausend Mal vor. Es wird sehr wohl auch für den
Gott Israels verwendet und ist dann, wenn alleinstehend, aber nur mit
bestimmtem Artikel zu übersetzen. F. H. Baader schreibt
unter anderem: „Eine Bezeichnung für Gott, aber auch
für Götter, d. h. Engelfürsten. Von Ala´h
beeiden und Lawa´h sich verpflichten abzuleiten” (Aus:
Die Geschriebene I., Begriffserklärungen, S. 977, Stichwort
Älohi´m).
Ein
geradezu typisches Beispiel für die Vermischung des
Gottesbegriffes mit heidnischen Göttern können wir in
Daniel 3 vorfinden. Hier lesen wir von den drei Freunden Daniels, die
in den Feuerofen geworfen werden, da sie sich nicht an das Gebot
Nebukadnezars gehalten haben, wonach ein goldenes, von ihm
errichtetes Standbild angebetet werden sollte. Als Nebukadnezar, der
babylonische König, den Ofen öffnen läßt und
nach ihnen sieht, erblickt er nicht drei, sondern vier Männer
in dem Ofen – das Aussehen des vierten, so sagt er, „gleicht
einem Sohn der Götter” (Da 3. 25). Wörtlich
übersetzt lautet dies „gleicht einem Sohn der Elahin”.
Elahin ist die aramäische Entsprechung für das
hebräische Wort Elohim. Hier finden wir also den oben
beschriebenen Begriff für Gottheiten wieder. Nebukadnezar
sieht zwar die Herrlichkeit des Gottessohnes – doch kann er
diese nicht richtig einordnen, da er, wie Jethro lange vor ihm, den
einen wahren Gott, Jahwe, selbst nicht kennt. Doch die
vielen Götter, die Elohim, die kennt er; ist er doch in
ihren Götzendienst zutiefst verstrickt. So wird in seinen Augen
der Sohn des einen Gottes zu einem Sohn der vielen
Götter.
Haben
wir nun etwas bemerkt? Scheint die Frage immer noch offen, welchem
Gott Jethro opferte? Ist es aber nicht der Gott Israels, den Jethro
zu seinem Gott erklärt hat, welcher Gott ist es dann? Wenn im
Folgenden – beispielhaft – ein ganz bestimmter Gott,
diesmal der des Islam, angeführt wird, soll damit nun nicht
zwingend ausgesagt werden, daß Jethro etwa diesem Gott
geopfert habe. Jedoch sollte nun klarer werden, daß die
Deutung, sein Opfer habe Jahwe, dem Gott Israels gegolten, auf
äußerst wackeligen Füßen steht und somit nicht
weiter aufrecht erhalten werden kann. Wenn hier die Rede von
einem Elohim, von irgend einem Gott ist, so kann daraus bei
weitem nicht bestimmt werden, welcher denn nun gemeint ist.
Auch der Textzusammenhang gibt dies nicht ohne weiteres her. Hier
einfach nur von „Gott” zu sprechen, wird nicht
ausreichen, die Frage zu beantworten, welchem Gott Jethro nun
geopfert habe, geschweige denn auf den Gott Jahwe zu schließen,
wie dies oberflächlicherweise leider fast durchweg geschieht.
Auch in unseren Tagen wird sich desselben Tricks bedient, was wir
anhand der Auseinandersetzung zwischen christlichem Glauben und der
Religion des Islam leicht feststellen können. Nur Menschen, die
keine oder nur sehr wenig geistliche Erkenntnis besitzen und sich mit
Oberflächlichkeiten begnügen, werden in dieselbe Falle
tappen und behaupten, daß der Gott der Muslime mit unserem
Gott, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, identisch sei –
einfach nur deshalb, weil auch er sich einen Gott nennt. Daß
dieser derselbe sei wie der Gott Jahwe, dem Gott der Juden wie
Christen gleichermaßen, ist keineswegs der Fall.
Ja
freilich, auch der Gott des Islam wird uns als „Gott”
dargestellt; auch er nennt sich einen Elohim. Wir haben oben
sicherlich schon bemerkt, woher der Name Elohim sich ableitet: unter
anderem aus dem Wort „Ala´h”. Die arabische
Entsprechung – das Arabische ist mit dem Aramäischen bzw.
dem Hebräischen eng verwandt – lautet Al-ilah, das
auch unter dem Namen Allah bekannt ist, als Bezeichnung wie
als Eigenname für den im Islam verehrten Gott. In der Tatsache,
daß das Arabische ein anderes Wort für „Gott”
nicht kennt, liegt eine gewisse Schwierigkeit; die arabischen
Christen etwa verwenden das Wort Allah auch für den
unseren. Zwar liegt nichts Schlechtes oder Verkehrtes darin, Gott
einfach als „Gott” anzusprechen oder von Ihm als „von
Gott” zu sprechen. Was wir bis jetzt allerdings vielfach
übersehen haben, ist die Tatsache, daß unser Gott nun
nicht einfach „Gott” heißt wie viele andere auch,
sondern Sich mit einem Namen geoffenbart hat und auf diesen
Namen einen ganz besonderen Wert legt. Nicht umsonst besteht das
erste Gebot darin, keine anderen Götter neben Ihm zu
haben und – damit zusammenhängend – Seinen
Namen zu heiligen und nicht zu mißbrauchen. Und es ist
die erste Bitte im Vaterunser, dem Gebet, das Jesus die Jünger
lehrte – die Bitte nämlich, daß wiederum Sein
Name geheiligt werde! Wie wichtig, ja entscheidend das ist,
damit werden wir uns im nächsten Absatz weiter zu befassen
haben. Al-ilah, aus dem das Wort „Allah” gebildet
wurde, ist jedenfalls ein Kompositum und heißt zunächst
nichts anderes als „der Gott”, also „Gott”
mit bestimmtem Artikel; hier ist es aber nicht der Gott der Bibel,
sondern ein heidnischer Götze. Und auch dieser heidnische,
dämonische Götze hat einen Namen, den er gerne vor uns
verschleiern möchte: er ist – mit vollem Namen – der
Allah-al-ilahu, der sich von Hubal (vgl. „Baal”),
einer Hauptgottheit aus der Kaaba, dem altarabisch-heidnischen
Heiligtum Mekkas herleitet. Er ist also nichts anderes als ein
Abkömmling des alten kanaanitischen Baal selbst, dem man hier
seit Anfang des siebten Jahrhunderts unter anderem Namen huldigt –
der Mondgott aus alten Zeiten, der Gott altbabylonischer
Fruchtbarkeitskulte, der sich seitdem unter anderem Namen verbirgt
und der Menschheit unentwegt einzutrichtern sucht, das er nicht nur
ein, sondern der Gott sei...
Heilige
Seinen Namen
Unser
Gott aber hatte sich dem Mose längst schon offenbart –
mit Seinem Namen. Vielleicht bemerken wir nun den Betrug, der
hier ganz offensichtlich stattgefunden hat und leider noch immer
stattfindet. Wir haben daher unbedingt anzuerkennen, daß der
Name Gottes nicht nur eine kosmetische Floskel darstellt. Der Name,
hebräisch ScheM, steht immer im Zusammenhang mit
dem Dort, dem Wesen selbst, was im Hebräischen mit dem
SchaM ausgedrückt wird. In dieselbe Wortfamilie hinein
gehört auch das Wort hören, schemah. Der Ausspruch
Gottes über Israel lautet: Sch´ma Jissrae´l,
Höre, Israel, Jahwe ist Gott, dein Gott ist Einer (5Mo 6.
4). In dem Sch´ma ist das ScheM, der Name,
wie gleicherweise das SchaM, das Wesen des Gegenübers
enthalten. Erst der Name verleiht das Hören; er ist es,
der das Wesen kennzeichnet, von anderen unterscheidet und
damit gesondert ansprechbar macht. Damit ist er nie
Selbstzweck, nie bloße Bezeichnung: er steht immer für
die Person, die ihn trägt. Gottes Namen und damit
Seine Person, Ihn Selbst zu heiligen, ist daher für
unseren Glauben lebenswichtig, ja entscheidend. Nicht umsonst hatte
der Herr Jesus, als Er Seine Jünger zu beten lehrte, die Bitte,
daß der Name des Vaters in den Himmeln geheiligt
werde, ganz an den Anfang des Gebetes gesetzt, das uns als
Vaterunser geläufig ist (Mt 6. 9).
Auch
das Gesetz beinhaltet das Gebot, Seinen Namen zu heiligen und
nicht unnütz zu führen (2Mo 20. 7). Bezeichnenderweise wird
diese Anordnung unmittelbar an das erste Gebot angefügt,
keine anderen Götter zu haben, sich auch keine Abbilder zu
machen und sich vor ihnen nicht niederzuwerfen. Gott
ist ein eifernder Gott, der jene straft, die Ihn hassen, d. h. Seinen
Namen zurücksetzen und damit bedeutungslos machen (2Mo 20. 3
- 6). Die Heiligung des besonderen Namens Gottes steht also in
ursächlicher Verbindung mit dem Verbot eines jeden
Götzendienstes und der damit verbundenen Zurücksetzung, d.
h. einer Gleichmachung Seiner Person mit anderen Göttern, indem
Sein Name entweder profaniert oder gleich ganz unterschlagen und
damit anderen Göttern gleichgesetzt wird. Er, Jahwe, der
Seiende, ist unbedingt zu unterscheiden von allen Göttern, wie
Er um so vieles erhabener ist als sie (Ps 97. 9) – ist
Er doch ihr Schöpfer. Nur Er, Jahwe, ist der Gott der
Götter, der „Elohim der elohim”,
und der „Herr der Herren”; Er allein (Ps 136, 1 - 3).
Ja mehr noch: Er ist der einzige, der wahre Gott; alle anderen sind
Nichtse, wörtlich: Nichts-Seiende vor Ihm (Ps 96.
5). Schon am Anfang hatte Mose um die vielen anderen Götter
gewußt und erkannt, daß der eine Gott zu
unterscheiden war: er hatte den Gott, der ihm im Dornbusch
erschien, nach seinem Namen gefragt. Nicht einmal der Hinweis
Gottes, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu sein, hatte
ihm ausgereicht. Und so tat der Gott Israels etwas, was Er nicht
einmal Abraham gegenüber getan hatte, als er ihn berief (2Mo 6.
3) 8. Er
stellte sich ihm persönlich, mit Nennung Seines Namens
vor: „Ich bin, der Ich bin” - nicht irgendein Gott,
irgendein Elohim, sondern Jahwe (2Mo 3. 14 - 15).
Nach
dem Opfer: Jethros Ordnung
Die
von Jethro initiierte Führungshierarchie, die seinem Opfer
folgen sollte, war demgemäß eine heidnische Ordnung.
Erst sollte Israel mit dem Gott oder den Göttern Jethros
verbunden werden, dazu das Opfer; nun galt es, dessen Ordnung
aufzurichten, um es so der Wirksamkeit des Priesteramtes Jethros ganz
unterzuordnen. Es geht dabei also um eine Wegführung –
heraus aus der Wirklichkeit des Vorigen, hinein in die Wirklichkeit
Jethros. Genau das ist ja der Dienst eines Priesters; und dabei ist
es ganz gleich, welcher Religion dieser angehört. Er soll
zwischen dem Gott, dem er dient, und dem Volk vermitteln und
das Volk unter die Herrschaft dieses Gottes bringen bzw. auch
darunter erhalten. Hier nur von der Ordnung Jethros zu sprechen,
ist in Wirklichkeit also eine Verschleierung des eigentlich
Dahinterstehenden, wie wir sahen. Eine grobe Irreführung ist es
jedoch, diese als eine Ordnung Gottes darzustellen. Die Ordnung, die
Jethro in Israel einführte, war ja nicht die Ordnung Israels; es
war die Ordnung Midians als die seines Heimatvolkes, das er
regierte, und dessen oberster Priester er war. Schon der Name Midian
weist darauf hin. Mit diesem Namen (hbr. Streit, Hader) hat es eine
Besonderheit. Er bedeutet im engeren Sinne soviel wie
Rechtstreitigkeit oder Rechtsverwaltung (im Sinne einer Verwaltung
der Bevorrechtigungen). Das Volk der Midianiter wurde also nicht
nur nach seinem Stammvater, sondern – mit ihm – auch nach
dem Prinzip benannt, nach dem es seine Rechtsstreitigkeiten
regelte und seine Rechte untereinander aufteilte und verwaltete.
Dabei
ging es um Berechtigungen, also nicht nur darum, Recht zu sprechen,
sondern vielmehr darum, wem welches Recht vor den anderen
zustand.„Wer ist der Größte, wer der Leiter, wer der
Erste?”, das war die Frage, um die man stritt und haderte;
deshalb die Hierarchie, die dieser Ordnung innewohnte, um dieser
Frage Genüge zu tun und für alle verbindlich festzulegen,
wer der Erste unter ihnen sei. Nicht umsonst bedeutet auch der Name
Jethros (hebr. Jitro´) „Sein Übriger” und
„Vorgezogener”. Jethro war also der, der sich von
allen anderen seines Volkes abhebend, „übrig”, vor
diesen „vorgezogen” war. Der Gott, dem Jethro als
Oberster Priester diente, offenbarte auch, wessen Vorgezogener
er war, nämlich der Erste, der nach einer heidnischen
Gottheit kam, und deren Einfluß nun in seinem Volk geltend zu
machen hatte. Auch sein hebräischer Name, Reguel,
weist auf diese Zusammenhänge hin. Er lautet übersetzt
soviel wie „Hirtet dem El” (Hirtet dem Gott). Es
ist anzunehmen, daß die Hebräer ihm diesen Namen in
Unkenntnis der wahren Hintergründe seines Auftretens gegeben
haben. Zu welchem Gott hin er das Volk zu weiden hatte und wie
dieses Weiden aussah, dürfte nun jedoch klar geworden sein. Daß
Midian in dem Götzendienst Baals und der Aschera
(kanaanitische Fruchtbarkeitskulte) verwurzelt war, ist
allgemeines biblisches Zeugnis (vgl. Ri 3. 7, 6. 25 u. a.). Genau
dieselbe Ordnung – als die eines heidnischen
Landes, mit einem heidnischen Priester an der Spitze, unter dem
wiederum andere standen, die dann das Volk regierten und in ihm
anstelle des ihnen Übergeordneten Recht sprachen –
hatte Jethro nun in Israel eingeführt.
Um
hier tiefer einzusteigen, ist es notwendig, sich weitere
Schriftzusammenhänge zu erarbeiten. Die Midianiter waren ein
Volksstamm, der auf Midian, einen späteren Sohn Abrahams, des
Stammvaters Israels, zurückzuführen ist. Nach dem Tode
Saras hatte sich Abraham – zu den Nebenfrauen, die er schon
hatte – eine weitere Frau namens Ketura genommen,
aus deren Verbindung die Söhne Simran, Jokschan, Medan,
Midian, Ischbak und Schuach hervorgingen (1Mo 25. 1).
Bezeichnend ist dabei der Name Keturas, einer Kanaaniterin: Übersetzt
heißt er Beräucherung. Hier wird also bereits ein
okkulter Einfluß der Anbetung kanaanitischer Gottheiten (Baal
u. a.) offenbar. Daß Ketura aus Kanaan stammt, wird deutlich,
wenn wir bedenken, daß Abraham in Kanaan wohnte und sich von
dort, wo er auch seine Begräbnisstätte hatte, nicht mehr
wegbewegt hat (1Mo 23. 19 - 20). Midian, einer ihrer Söhne,
wurde dann der Stammvater des nach ihm benannten Volkes, den
Midianitern. Aus Midian gingen dann weitere Stämme hervor.
Hierbei muß festgehalten werden, daß Gott Seinen Bund
zwar mit Abraham gemacht hatte – doch galt dieser Bund nur
für den ihm verheißenen Nachkommen, nämlich
den Isaak, der ihm von Sara, seiner ersten Frau, dieser
Verheißung gemäß geboren worden war. Alle
anderen hatten an diesem Bund und den in ihm enthaltenen Verheißungen
Israels keinerlei Anteil. Beispielsweise war Ismael zwar
gesegnet worden (1Mo 21. 18) – doch in den Bund
Gottes, zu Seinem Eigentumsvolk zu werden und das von Ihm verheißene
Land zu bekommen, gehörte er nicht hinein. Dies betraf auch
alle anderen nach ihm – also auch Midian. Nicht umsonst wird
unser Gott als der Gott „Abrahams, Isaaks und Jakobs”
bezeichnet. Abraham hatte demgemäß alles, was er hatte,
seinem Sohn Isaak vermacht, während er den Söhnen
seiner Nebenfrauen Gaben schenkte, und sie „von seinem Sohn
Isaak ostwärts hinweg” schickte, „in das Land
des Ostens” (1Mo 25. 5 - 6).
Rückblick
II: Moses Flucht und Sitzhabe am Brunnen Midians
Machen
wir uns nun auf eine zweite Reise in die Vergangenheit, die
beleuchten soll, wie Mose in die beschriebenen Verstrickungen
geraten war. Mose ist einer jener Säuglinge gewesen, die auf das
Geheiß des damals herrschenden Pharaos getötet werden
sollten, um zu verhindern, daß ihm das Volk Israel zu stark
würde. Seine Mutter hat ihn nach seiner Geburt im Schilf des Nil
verborgen, wo die Tochter Pharaos ihn findet und ihn in ihrer Weise
aufziehen läßt. Die hebräische Amme, die von ihr
herzugerufen wird, ist jedoch – durch wunderbare Fügung
Gottes – Jochebed, die Mutter des Kindes selbst (2Mo 2. 1 -
10). Als der Knabe größer geworden ist, kommt er in die
Obhut der Tochter Pharaos, die ihn Mose nennt – „denn
ich habe ihn aus dem Wasser gezogen” (Vers 10). Dies ist
also das erste prägende Ereignis im Leben Moses. Sein Leben wird
in all den Widrigkeiten bewahrt, und die ersten Lebensjahre erlebt er
bei seiner Mutter, einer Hebräerin, die noch etwas vom Gott der
Hebräer zu sagen weiß. Interessanterweise gehören die
Eltern Moses zum Stamm Levi, dem späteren Priesterstamm (2Mo 1.
1). Aber schon sein Name, den er übrigens nie mehr ablegen wird,
wird ein ägyptischer sein; seine weitere Erziehung übernimmt
nun Pharaos Tochter. Fortan wird er in der ganzen Weisheit der
Ägypter unterrichtet werden, und mächtig sein „in
seinen Worten und Werken” (Apg 7. 22). Für die Töchter
Jethros wird Mose später als ägyptischer Mann
gelten, und er wird dem lange nicht widersprechen (2Mo 2. 19). Und
doch – in seinem Herzen schlummerte etwas, was aus seinen
Kindertagen herrührte: die Erinnerung an sein Volk und an seinen
Gott. Der von seiner Mutter eingepflanzte Glaube an Gott hatte nicht
ganz verschüttet werden können. Und so „verweigert
Mose, als er groß geworden war, Sohn der Tochter Pharaos
genannt zu werden, und zog es vielmehr vor, gemeinsam mit seinem Volk
Übles zu erdulden, als eine befristete Annehmlichkeit der Sünde
zu haben, da er die Schmach des Christus für größeren
Reichtum erachtete als die Schätze Ägyptens; denn er
blickte (davon fort) auf die Belohnung” (Hbr 11. 24 - 26).
Bei all dem, was wir hier notwendigerweise zu betrachten haben werden
– auch dies steht ganz groß über Moses Leben: Sein
himmlisches Kanaan hat er erreicht, und kann sich einreihen in
die Schar der Glaubenszeugen, die Gott die Treue gehalten haben (vgl.
auch Hbr 3. 2, 5). Und doch dürfen wir über dem anderen
nicht die Augen verschließen.
Mose
hat seine Herkunft aus Israel, dem Volk Gottes, nicht vergessen
können, und sieht sich, gerade vierzig geworden, nach seinen
Brüdern um. Als er sieht, wie ein Ägypter einen Mann seines
Volkes mißhandelt, erschlägt er ihn, weil er der Ansicht
ist, daß Gott durch seine Hand dem Volk Erlösung
aus der Knechtschaft bringen würde (Apg 7. 25). Dies zeigt an,
daß Mose in eigener Kraft handelte. Seine Hand
sollte es sein, die Befreiung brächte. Als er merkt, daß
die Sache dem Pharao bekannt wird, flieht er vor ihm. So
gelangt er nach Midian. Bezeichnend ist der nächste Satz,
der diesem folgt: „... Mose entwich vor dem Pharao und
wohnte im Land Midian. Dort setzte er sich an den Brunnen”
(2Mo 2. 15). Er ließ sich in Midian also nieder, und er trank
aus dessen Brunnen. Die wörtliche Übersetzung lautet
eigentlich, daß Mose Sitz hatte im Land Midian, und er
hatte Sitz an dem Brunnen. Mose hatte sich in Midian also fest
eingerichtet, und trank dessen Wasser. Wer ein wenig
Gespür hat für das Orientalische, der wird schnell merken,
daß im Orient „Wasser trinken” mehr bedeutet,
als nur seinen Durst zu stillen. Es bedeutet stets auch, sich mit dem
zu identifizieren, aus dessen Brunnen das Wasser quillt. Wer im
Orient das Wasser reicht, macht sich immer zum Freund des Durstigen.
Der Brunnen stellt stets auch einen Lebensmittelpunkt derer, die
aus ihm leben und von ihm abhängig sind, dar. Man traf sich
dort; vielfach wurden an diesem Ort auch die Belange des täglichen
Lebens geregelt, die Lebensgeschäfte der Anwohner organisiert.
Dies alles wurde für Mose zur festen Größe; er ließ
sich dort nieder.
Furcht
ist also die Triebfeder gewesen, die Mose nach Midian gebracht hatte.
Und doch ist sie nicht aus Gott, und Flucht war noch nie ein
Ausweg; heißt es doch: „Wer glaubt, flieht nicht”(Jes
28. 16). Wie viele sind heute auf der Flucht, nachdem
sie auf ihre Kraft vertraut und Schiffbruch erlitten hatten? Auch
Mose glaubt hier nicht, vertraute er doch auf die Kraft seiner
Hände, indem er meinte, daß Gott auf seine Hände
angewiesen sei - und so flieht er vor dem Pharao, dessen Zorn er
mit diesen seinen Händen herausgefordert hat (2Mo 2. 14 -
15). Wir sollten nicht glauben, daß Flucht uns dem Weg
Gottes näher bringt. Vielmehr entfernt sie uns von Ihm, und
führt uns in viele Irrtümer und Nöte hinein. Davon
weiß auch der Schreiber dieser Zeilen ein Lied zu singen; und
doch steht am Ende immer der treue Gott, so wir unsere Irrwege
aufzugeben und Gott zu folgen bereit sind. Moses eigenes Handeln
im Vertrauen auf seine eigene Kraft also bringt ihn auf diesen Weg,
und führt, ja treibt ihn geradewegs in die Arme Jethros.
Mose wird für eine Zeit von vierzig Jahren bei ihm
wohnen, seine Tochter Zippora zur Frau nehmen und ihm als Hirte des
Kleinviehs dienen – sich also seinem Willen und
Anordnungen unterwerfen. Denn wem jemand dient, dessen
Knecht ist er auch (vgl. Rö 6. 16). – Man kann sich
leicht vorstellen, daß diese vierzig Jahre nicht spurlos an ihm
vorübergegangen sein dürften. Gott Selbst hatte diese
Jahre zunächst gebraucht, um sein Vertrauen in die eigene
Kraft zu zerbrechen. Als Er dem Mose in dem brennenden Dornbusch
begegnet und ihm den Ruf mitteilt, daß er Israel aus seiner
Knechtschaft befreien solle, weicht Mose – mit dem Hinweis auf
die eigene Schwäche – zurück. Aus einem
vermeintlich Starken ist also ein Schwacher geworden, den Gott
endlich gebrauchen kann – wenn es auch dem Mose zunächst
nicht gelingen will, von seiner eigenen Schwäche weg auf Gott
hin zu sehen (2Mo Kap. 3). Das aber ist – nachdem wir aus
dem Vertrauen auf unsere Stärke ausgegangen sind – dann
der zweite Schritt, den wir unbedingt zu lernen haben!
Freilich,
ganz gewiß gebraucht Gott diese Zeit auch, um Mose auf seinen
Dienst am Volke Gottes vorzubereiten. Der, der erst eine Viehherde
hütet und es guter Weide zuführt, der soll bald ein ganzes
Volk hüten und in ein gutes Land bringen. Trotz aller
Vermischung und Verquickung mit den eigenen Wegen schafft Gott ein
Neues!
Aber
auch etwas anderes war ja geschehen, was bislang ganz
offensichtlich nicht beachtet worden ist: Mose hatte ja, wie oben
erwähnt, für ganze vierzig Jahre (!) bei den
Midianitern gelebt. Er aß wie die Midianiter, er trank wie sie,
er schlief wie sie, und er dachte schließlich wie sie –
und schließlich diente er Jethro, ihrem obersten
Priester, war diesem also untertan. Ein solcher Einfluß mußte
über eine so lange Zeit in ihm Spuren hinterlassen haben. Einst
hatte er die Tochter Jethros, des Fürsten Midians, eines
heidnischen Volkes, zur Frau genommen. Diese Unsitte bleibt
Bestandteil in Moses Leben. So wird er später eine andere Frau,
wiederum aus einem anderen Volk nehmen – eine Kuschiterin, eine
dunkelhäutige, hamitische Frau 9.
Später wird gerade diese Schwäche, die abzulegen Mose nie
gelungen ist, zu einem Ärgernis im Volk Israel werden: Aaron,
der eigentlich für Mose sprechen soll, und Mirjam, dessen
Schwester, nehmen dies zum Anlaß, um gegen Mose reden zu
können (4M 12. 1). Sie lästern ihn wegen der
Dunkelhäutigen, und stellen die Frage, ob Gott allein
durch ihn spräche, und nicht auch durch sie. Diese Frage
implementiert eigentlich, daß Mose eine Frau habe, die sich
ihrer Meinung nach weit unter ihrem Niveau befände –
gewissermaßen, ob er sich mit dieser Frau noch immer
über sie stellen wolle? Ob er sich denn „das überhaupt
leisten” könne? Ob Gott demnach zu ihm allein spräche,
und er also privilegiert sei, das zu tun, was ihnen nicht
einfallen würde? So wähnen sie sich besser als jene. Doch
Gott schweigt dazu nicht. Seine Antwort ist treffend für die,
die sich an dem Äußeren Anderer störten. Denn sie
trifft das Äußere. Durch ein Strafgericht wird Mirjams
Haut aussätzig wie Schnee!
Wir
erkennen daran, daß unser Fehlverhalten zu einem Fallstrick für
andere werden kann, selbst wenn diese nicht ursächlich damit
in Verbindung stehen. Jesus sagte: „Es ist undenkbar, daß
keine Fallstricke kommen; indessen wehe jenem Menschen, durch den sie
kommen” (Lk 16. 2) Das griechische Wort für Fallstrick
(andere übersetzen mit Ärgernis) lautet skandalon.
Es bezeichnet eigentlich den Stellholz genannten Teil einer
Falle; trat jemand nichtsahnend an dieses Holz, dann setzte sich ein
Mechanismus in Bewegung; die Falle schnappte zu, und der Betreffende
war zum Gefangenen seiner Unvorsichtigkeit geworden. Hier wird ein
Mechanismus beschrieben, der immerwährende Gültigkeit
besitzt. So wird Moses heidnische Frau schließlich zum
Fallstrick auch für Aaron und Mirjam. Ihnen gerät dieser
Anlaß zur Sünde, und sie verunreinigen sich deswegen, was
in dem an der Mirjam erscheinenden Aussatz sichtbar wird.
Erinnerung
an Abraham: Keine Vermischung
Wie
wichtig es schon in der Frühzeit Israels war, daß
das Volk rein blieb – also unbeeinflußt von den
Sitten und Gebräuchen seiner Nachbarvölker, und demzufolge
auch von deren Frauen, zeigt uns der biblische Bericht der
Brautwerbung, die Abraham für seinen Sohn Isaak
einleitete, dem die Verheißung und der Bund Gottes galt.
Abraham selbst hatte wohl noch Frauen gehabt, die nicht aus
seinem Volk stammten. Er selbst also hat sich nicht an diese Regel
gehalten. Hinzu kommt der damalige Brauch der Vielweiberei,
die Gott zwar geduldet hatte, die aber dennoch nicht Seinem Willen
entsprach. Die Ordnung Gottes für Mann und Frau ist bereits von
Anbeginn der Schöpfung an niedergelegt. Sie lautet ganz
schlicht: Ein Mann, eine Frau. „Darum wird ein
Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau
(Singular) anhangen und sie beide werden ein Fleisch sein”
(1Mo 2. 24). Hier ist kein Platz für Viele. Der Herr Jesus hat
diese Ordnung als eine „von Anfang an” bestehende
nochmals bekräftigt, und zwar im Zusammenhang mit der Frage nach
der Ehescheidung (Mt 19, 4 - 6; Mk 10. 6 - 9). Die Zeit Abrahams, wie
überhaupt die Zeit vor und unter dem Gesetz, ist also von einem
ständigen Übergehen dieser Ordnung gekennzeichnet. Daß
ein Mann mehrere Frauen hatte, und dies dazu aus anderen Stämmen,
war ganz allgemeine Tagesordnung. Hinzu kam, daß das Volk
Israel sich noch im Entwicklungsstadium befand – es bestand zu
der Zeit lediglich aus Abraham und seiner Familie, die etwa siebzig
Personen umfaßte. Bereits hier, in der Keimzelle Israels,
findet also schon eine Vermischung des göttlichen Samens mit
Ungöttlichem statt.
Doch
das neu entstehende Volk, zu dem Abraham und sein Same nach ihm
werden würde, sollte nun unbeeinflußt von anderen Völkern
sein. Noch bevor er also stirbt – als habe er etwas
wieder gut zu machen, und als sei dies sein Vermächtnis –,
ruft Abraham seinen Diener, den „ältesten seines
Hauses, der über alles herrschte, was ihm gehörte”,
und sagt ihm, „Lege doch deine Hand unter meine Hüfte.
Ich will dich schwören lassen bei dem Jawe Elohim der Himmel
und Elohim der Erde, daß du für meinen Sohn Isaak keine
Frau von den Töchtern der Kanaaniter nimmst, in deren Mitte ich
wohne. Vielmehr sollst du in mein Land, woher ich kam, und zu meiner
Verwandtschaft gehen und von dort eine Frau für
meinen Sohn, für Isaak, nehmen.” So wichtig ist ihm
diese Sache, daß er seinen Diener Elieser, der doch sonst
sein ganzes Vertrauen besitzt, schwören läßt. Er
wird noch eindringlicher: Als der Diener ihm bedeutet, daß es
wohl möglich wäre, daß ihm die Frau nicht folgen
wolle, und ihn fragt, ob er in diesem Falle seinen Sohn in das Land
zurückbringen solle, von dem Abraham einst ausgezogen war,
erwidert dieser: „Hüte dich, daß du meinen Sohn
nicht dorthin zurückbringst. Der Jawe Elohim der Himmel und
Elohim der Erde, der mich aus meines Vaters Haus und aus dem Land
meiner Verwandtschaft, woher ich kam, herausnahm und der zu mir
sprach und der zu mir geschworen hat: Dir und deinem Samen
werde ich dieses Land geben, Er wird Seinen Boten vor dir hersenden,
und du sollst für meinen Sohn Isaak von dort eine Frau
nehmen. Doch falls die Frau nicht willens ist, mit dir in dieses Land
zu gehen, so bist du entbunden von diesem meinem Schwur; nur sollst
du meinen Sohn nicht dorthin zurückbringen!” (1Mo 24. 3 -
9).
Schließlich
schwört Elieser, sein Diener, ihm; und wir lesen in den nächsten
Kapiteln, wie wunderbar sich das Anliegen Abrahams erfüllt.
Elieser wirbt im Folgenden um Rebekka, „die dem Bethuel
geboren war, dem Sohn der Milka, der Frau Nahors, des Bruders
Abrahams” (1Mo 24. 15), und gewinnt sie dem Isaak zur Frau.
Der Herr hatte ihn geradewegs zum Haus der Brüder seines
Herrn geleitet (1Mo 24. 27). Laban, der Bruder Rebekkas, und
Bethuel, ihr Vater, sprechen schließlich aus, was sie erkannt
haben: „Diese Sache geht von Jawe aus. Wir können zu
dir weder Schlechtes noch Gutes reden. Siehe, Rebekka ist vor dir,
nimm sie und geh hin, damit sie die Frau des Sohnes
deines Herrn werde, wie Jawe gesprochen hat” (1Mo 24. 50
- 51). -
Schon
sehr lange vor Mose war also klar, daß eine Frau aus
einem anderen Volk weder Anteil an dem Land hatte, noch in das
Volk Israel hinein gehörte. Wohl durfte der Fremde und
Beisasse bei ihnen wohnen, wie dies auch später im
Gesetz verankert worden war (3Mo 19. 33 - 34, 25. 6 u. a.); aber er
war und blieb immer der Fremde, und er gehörte nicht zu
ihnen. Dies erzeigte sich unter anderem auch daran, daß er von
Gottesdienst und Opfer Israels größtenteils ausgeschlossen
war (2Mo 12. 45, 3Mo 22. 10). Selbst wenn die Tochter eines
Priesters „die Frau eines fremden Mannes” wurde,
durfte sie nicht mehr von den Opfern essen; eine Regelung, die erst
wieder aufgehoben wurde, wenn ihr Mann verstarb und sie kinderlos
geblieben, oder verstoßen worden war, und sie wieder in das
Haus ihres Vaters zurückkehrte „wie in ihrer Jugend”
(3Mo 22. 12 - 13). Das Anliegen, sich keinesfalls mit den
heidnischen Völkern zu vermischen und ihre Frauen nicht
zu ehelichen, ist für Gott also entscheidend, so daß Er es
in das Gesetz Israels hat aufnehmen lassen (2Mo 34. 15 - 16, 3Mo 21.
14 - 15). Nach einiger Zeit, als Israel das ihm verheißene Land
einnehmen soll, wird dies noch verschärft werden: „Wenn
der HERR, dein Gott, dich in das Land bringt, darein du kommen wirst,
es einzunehmen, und wenn er vor dir her viele Völker vertilgt,
die Hetiter, die Girgasiter, die Amoriter, die Kanaaniter, die
Pheresiter, die Heviter und die Jebusiter... du sollst keinen Bund
mit ihnen machen... Und du sollst dich nicht mit ihnen
verschwägern; du sollst deine Töchter nicht ihren Söhnen
geben, noch ihre Töchter für deine Söhne nehmen; denn
sie werden deine Söhne von mir abwendig machen, daß sie
andern Göttern dienen; so wird dann der Zorn des HERRN über
euch ergrimmen und euch bald vertilgen” (5Mo 7. 1 - 4; in
Auszügen, Schlachter). Dies alles sind zwar spätere Belege
dafür, wie sehr Gott auf die Reinheit Seines Volkes achtet. Wie
wir jedoch schon anhand des Beispiels Abrahams sahen, war Mose
ganz gewiß nicht unwissend eine solche
Verbindung eingegangen; war doch schon lange vor ihm bekannt, daß
die Frau eines fremden Volkes nicht an die Seite eines hebräischen
Mannes gehörte; und so war der heidnische Einfluß, den seine
midianitische Verwandtschaft auf ihn ausübte,
stets gegenwärtig – sein ganzes Leben lang.
Midians
Fleisch und Blut oder Vom Übertreten der Gebote Gottes
Der
Einfluß Midians war so gewachsen und Mose – schon
buchstäblich – so sehr „in Fleisch und Blut
übergegangen”, daß er selbst darauf nicht mehr
verzichten wollte, und seine heidnischen Verwandten schließlich
sogar nötigte, bei seinem Volk zu bleiben. In 2Mo 18. 27
war dies schon angeklungen. Nachdem Jethro seine Vorstellungen dem
Mose kundgetan hatte, „entließ Mose seinen
Schwiegervater”, was uns vermittelt, daß Jethro gehen
wollte, aber nicht ging, bevor Mose ihn nicht endlich ziehen
ließ. Als nach vielen Jahren das Volk Israel auf den
Befehl Gottes hin aufbricht, um in das verheißene Land zu
gelangen, spricht Mose „zu Hobab, dem Sohn Reguels, des
Midianiters, seinem Schwager: Wir ziehen an den Ort, davon der HERR
gesagt hat: Ich will ihn euch geben! Komm mit uns, wir wollen dich
gut behandeln; denn der Herr hat Israel Gutes zugesagt! Er aber
antwortete: Ich will nicht mit euch gehen, sondern in mein Land und
mit meiner Verwandtschaft will ich ziehen. Er sprach: Verlaß
uns doch nicht; denn du weißt, wo wir uns in der Wüste
lagern sollen, und du sollst unser Auge sein! Und wenn du mit uns
ziehst, so wollen wir auch an dir tun, was der HERR Gutes an uns tut”
(4Mo 10. 29 - 32, Schlachter).
Auch
hierin erzeigt sich ein Abweichen von dem Gebot und der Ordnung
Gottes. Der Herr Selbst leitete sie in der Gestalt der
Wolken - und Feuersäule, und die Lade des Bundes „zog
vor ihnen her, um einen Weideplatz zu erkunden” (4Mo 10. 33);
Mose aber will, daß Hobab, der „Sohn Reguels, des
Midianiters” ihr „Auge” sei (Vers 31). Wiederum
kann sich der Einfluß Midians verfestigen, und wieder geschieht
dies über Moses Verwandtschaft, seinen Schwager, Jethros (d. i.
Reguels) Sohn. Mose verläßt an dieser Stelle also ganz
klar die Leitung des Herrn und die mit Seiner Gegenwart verbundenen
Orientierung, die sich sowohl anhand der Wolken - und Feuersäule,
als auch der mitziehenden Bundeslade erzeigt, und will diese von
einem Menschen erwarten, der noch dazu nicht zu dem von
Gott erwählten Volk gehört. Die Hilfe seiner Verwandtschaft
geht ihm hier vor Gottes Führung; sein Vertrauen in den
lebendigen Gott ist nicht völlig. Israel war es auch, dem allein
das Land verheißen war, zu dem sie aufgebrochen waren; kein
anderes Volk hatte Anteil daran. Erinnern wir uns doch noch
einmal, was Gott einst zu Abraham gesagt hatte: „Deine Frau
wird für dich einen Sohn gebären, und du sollst seinen
Namen Isaak nennen. Ich werde Meinen Bund mit Ihm
aufrichten” (1Mo 17. 19, 21), und: „... nach
Isaak soll dir der Same genannt werden” (1Mo 21. 13).
Hier aber – in völligem Gegensatz zu dem Handeln Abrahams,
der seine anderen Söhne weggeschickt hatte (1Mo 25. 5 - 6) –
will Mose bestimmen, daß ein anderer in das Land kommt,
einer, dem dieses Land nicht verheißen war, da er nicht zu der
Nachkommenschaft Isaaks, und damit nicht zu seinem Volk
gehörte! Auch hier offenbart sich so die ständige
Vermischung im Leben Moses, aus der er nun nicht mehr
herauskommt. Er möchte wohl, was Gott will; und doch will er
nicht von dem lassen, was den Einfluß seiner Verwandtschaft
betrifft. Er trank also, bildlich gesprochen, noch immer das Wasser
Midians, das seine Quelle vergiftete.
Jethros
Einfluß – Sauerteig der Vermischung: Wirst Du
unbrauchbar?
Die
Vermischung der Kinder Israel mit den heidnischen Frauen und
Familien der Nachbarvölker, die Gott strikt untersagt hatte, und
damit mit deren Gedankengut, Kultur und Götzendienst, ist
in Israel immer ein Problem – das Problem
– gewesen. Viele Nöte und Widrigkeiten sind aus solchem
Ungehorsam entstanden. Diese Vermischung fand ganz augenscheinlich
auch in dem Leben Moses statt. Wir finden in ihm beides vor –
sowohl den Einfluß Midians, als auch die
Ansprache und die klare Führung Gottes. Beides verlief
parallel zueinander. Eine solche Entwicklung stellt eine
wesentliche, ja die größte, weil unerkannt bleibende
Gefahr dar. Später wies auch Paulus darauf hin, daß
„ein wenig Sauerteig den ganzen Teig” durchsäuert;
d. h. das Gute, das Gott wirkte – das Ungesäuerte –
wird durch eine nicht wieder auftrennbare Vermischung mit
Ungöttlichem unbrauchbar (Ga 5. 9, 1Kor 5. 6). Die Lösung
dieses Problems geschah im Vorfeld – indem man sich
nämlich vor dem fremden Sauerteig von vornherein bewahrte, und
seinen Einfluß nicht zuließ (Mt 16. 6, Mk 8. 15, Lk 12.
1). Danach war es zu spät. Ein einmal durchsäuerter Teig
kann nicht mehr zu Ungesäuertem werden; hier braucht es dann
wiederum einen neuen, frischen Teig. Wie in dem Gleichnis vom
edlen Samen und dem Taumellolch (Mt 13. 24 - 30), den ein Feind in
das Feld gesät hatte, als der Bauer schlief, läßt
sich im Nachhinein das Unkraut nicht mehr ausreißen, und muß
Beides ausreifen zur Ernte. Um von dem Sauerteig (oder, in dem
anderen Bild, vom Unkraut) frei zu bleiben, gilt es im Vorfeld
wachsam zu sein; wurde das versäumt, hilft nur noch ein völliger
Neuanfang – eine gründliche Reinigung, bis wir uns, wie
oben angedeutet, in dem Zustand des ungesäuerten, frischen
Teiges wiederfinden, von dem der Apostel Paulus spricht (1Kor 5.
7- 8).
In
diesem Sinne des das Ungesäuerte beeinflussenden Sauerteigs,
der diesen verdarb, muß auch der Einfluß Jethros
gesehen werden. Wie hatte der Götzendienst Midians nach
Israel gelangen können? Wir müssen verstehen, daß es
eine Entwicklung, einen Weg hierzu gab, der mit einer Flucht
begonnen hatte. An deren Ende stand Jethro, ein heidnischer Priester.
Dieser Weg setzte sich fort, als Mose dessen Tochter zur Frau nahm,
und sich somit mit dem Volk der Midianiter verband. Dies machte
Jethro, den Priester Midians, zu seinem Schwiegervater – zu
einem engen Verwandten. Schließlich räumte Mose diesem ein
maßgebliches Mitspracherecht in den Fragen des Volkes
Gottes ein, das dieser auszunutzen verstand – stand
er doch an der Stelle eines Vaters. Die bittere Folge war, daß
sich nun die Ordnungen Israels (in dem Bilde das Ungesäuerte)
mit denen Midians (dem Sauerteig) zu vermischen begannen. So
wurde das Reine, Ungesäuerte Gottes von dem fremden Sauerteig
durchsäuert; es wurde unbrauchbar. Einen Kernsatz hierzu, der
auf eine beginnende Durchsäuerung hinweist, da wir in ihm eine
Tür vorfinden, die diesem Vorgang geöffnet wurde, finden
wir in unserem Ausgangstext aus 2Mo 18, worin es heißt, daß
Mose sich vor Jethro verneigte, ja – so der Grundtext –
niederwarf (2Mo 18. 7).
Seine
Verneigung galt also nicht nur seinem Gott, der ihn berufen und
geführt hatte, sondern auch seinem heidnischen Umfeld. Von
dieser Unterwerfung des Mose vor dem heidnischen Priester Midians bis
zum offenen Götzendienst Israels und einer späteren
Gefangenschaft unter die Midianiter (vgl. Ri 6. 1) war es zwar noch
ein langer Weg; entscheidend aber ist, daß es schließlich
doch dazu kam. Das Gefährliche an dieser z. T. bis heute
unentdeckt gebliebenen, weil schleichenden Untermischung von Gutem
mit Bösem war also auch, daß die schon mit Jethro
beginnende Fehlentwicklung erst sehr viel später
ihre Früchte zeitigte, die sich lange nach Moses Tod
schließlich entfalteten. Da offenbarte sich auch die
Feindschaft Midians und des mit diesem Volk verbundenen
Götzendienstes gegen Israel und seinen Gott völlig, von dem
das Buch der Richter, aber auch schon frühere Berichte reichlich
Zeugnis ablegen. Mit der Annahme der sogenannten Ordnung Jethros
war dem Feind eine Tür aufgetan worden; nun strömten seine
Einflüsse ungehindert hinein – der Feind, der mit falschem
Rat seine Saat ausstreuen konnte, hatte ganze Arbeit geleistet: Die
Verunreinigung und darauf folgende Zersetzung Israels begann von
innen. Einem späteren Sieg Midians über Israel war –
durch die Gewährung von Anrechten – so die Wurzel gelegt
worden.
Von
Midians Hinterlist, Moses Zorn und
einem verborgenen Grab
Erst
sehr viel später, als dem Volk infolge seines Unglaubens der
Eintritt in das Land ihrer Verheißung verwehrt blieb (2Mo 14),
lange danach, als Aaron und Mirjam, seine Schwester, gestorben waren,
und die erneute Wüstenwanderung Israels längst begonnen
hatte, offenbarten sich auch die Listen Midians mehr und mehr.
„Als Balak, der Sohn Zippors, alles sah, was Israel den
Amoritern getan hatte (4Mo 21. 10 - 20), fürchtete sich
Moab sehr vor dem Volk, denn es war zahlreich; und es graute den
Moabitern 10
vor den
Kindern Israel. Da sprach Moab zu den Ältesten
der Midianiter: Nun wird dieser Haufe alles rings um uns her
auffressen, wie das Vieh alles Grüne auf dem Felde wegfrißt.
Balak aber, der Sohn Zippors, war zu derselben Zeit König der
Moabiter. Und er sandte Boten aus zu Bileam... daß sie ihn
beriefen und zu ihm sagten: Siehe, es ist ein Volk aus Ägypten
gezogen; siehe, es bedeckt das ganze Land und lagert sich gegen mich!
So komm nun und verfluche mir dieses Volk, denn es ist mir zu
mächtig; vielleicht kann ich es dann schlagen und aus dem Land
treiben; denn ich weiß: wen du segnest, der ist gesegnet, und
wen du verfluchst, der ist verflucht” (4Mo 22. 2 - 6,
Schlachter).
Die
Geschichte Bileams, von seinen Vorhaben der Wahrsagerei und Zauberei
(Fluchen), das Gott jedoch in einmaliger Weise zu unterbinden weiß,
indem Bileam statt dessen für Israel prophezeien muß,
legt hiervon eindringlich Zeugnis ab (4Mo 22 und 23). Im 25. Kapitel
erleben wir dann, wie Israel „anfing, Unzucht zu treiben mit
den Töchtern der Moabiter, welche das Volk zu den Opfern ihrer
Götter luden. Und das Volk aß und betete ihre Götter
an. Und Israel hängte sich an Baal-Peor. Da ergrimmte der Zorn
des HERRN über Israel” (Kap. 25. 1 - 3). Eine Plage
beginnt daraufhin in Israel. Als ein Israelit vor den Augen Moses (!)
eine Midianiterin anbringt, und schließlich mit ihr im
Zelt verschwindet, um mit ihr Unzucht zu treiben, geht nicht etwa
Mose, sondern Pinheas, ein Enkel Aarons, ihnen nach und tötet
beide, wonach die Plage aufhört. Es stellt sich heraus, daß
die erschlagene Frau Kosbi heißt, und die Tochter Zurs, eines
Stammesoberhauptes unter den Midianitern war (Kap. 25. 6 - 15).
Doch hören wir nun, was Gott dazu sagte: „Und der HERR
redete zu Mose und sagte: Befehdet die Midianiter und schlagt sie;
denn sie sind es, die euch befehdet haben mit ihrer Arglist, die sie
wider euch erdacht haben in Sachen Peors und ihrer Schwester Kosbi,
der midianitischen Fürstentochter, die am Tage der Plage
erschlagen wurde, die um Peors willen entstand” (Kap. 25.
16 - 18, Schlachter).
Es
ist geradezu bezeichnend, daß Mose erst am Ende seines
Lebens zornig auf die seinerzeit von Jethro eingeführten
Hauptleute wurde. Der Grund dafür war, daß sie Teile der
Midianiter verschonten und am Leben ließen, als Gott geboten
hatte, sie zu schlagen (4Mo 31. 1 - 15). Dies betraf gerade die
Frauen, mit denen die Kinder Israel Unzucht getrieben hatten, und
durch deren List Israel verführt werden sollte, sich vom Herrn
abzuwenden. Die Vermischung – weiter oben war vom Sauerteig
die Rede – sollte aufrechterhalten bleiben. Hier nun
bewahrheitet sich das bekannte Sprichwort:„Wes Brot ich eß´,
des Lied ich sing”. Was „von Midians Gnaden” kommt,
muß Midian schonen. Am Abschluß seines Lebens muß
Mose diese seine falsche Haltung korrigieren. Gott sagt ihm dort, daß
er an Midian Rache nehmen soll; unmittelbar danach wird er zu seinem
Volk versammelt werden (4Mo 31. 1). Dies klingt wie ein Vermächtnis;
spricht es doch von seinem nahenden Tode. Hier muß er
nachholen, was er zeitlebens versäumt hatte, um danach zu
sterben - welche Tragik, ja unermeßliche Trauer liegt doch in
diesen Worten.
Gott
spricht hier nicht davon, daß Mose nun zu seinen Vätern
versammelt wurde, wie er dies bei anderen Vätern des
Glaubens tat. Mose hatte in Israel keinen weiterführenden
Stammbaum mehr, wohl aber in Midian. So versammelt Er ihn zu
seinem Volk. Das Volk aber, zu dem Mose im Tode versammelt wurde –
das ist hier nicht mehr Israel, das ist Midian. Und nicht das
Land der Verheißung, das er lediglich sehen durfte, sondern das
Land Moabs wurde zu seiner letzten Ruhestätte. „Und
Mose stieg von den Steppen Moabs auf den Berg Nebo, auf die Spitze
des Pisga, Jericho gegenüber. Da zeigte ihm der HERR das ganze
Land: Gilead bis nach Dan, das ganze Naphtali, das Land Ephraim und
Manasse und das ganze Land Juda bis zum westlichen Meer; auch den
Süden und den Kreis der Ebene von Jericho, der Palmenstadt, bis
nach Zoar. Und der HERR sprach zu ihm: Dies ist das Land, welches ich
Abraham, Isaak und Jakob zugeschworen habe, als ich sprach: Deinem
Samen will ich es geben! Ich lasse es dich mit deinen Augen sehen,
aber hinübergehen sollst du nicht. Also starb Mose, der Knecht
des HERRN, daselbst im Lande der Moabiter, nach dem Befehl des HERRN;
und er (Gott Selbst!!) begrub ihn im Tal, im Lande Moab, Beth-Peor
gegenüber; aber niemand hat sein Grab erfahren bis auf den
heutigen Tag” (5Mo 34. 1 - 6, Schlachter).
So
führt ihn Gott noch einmal auf einen Berg, um zu sehen. Mose
schaut das verheißene Land zwar, doch hinübergehen darf er
nicht. Statt dessen gelangt er vom Berg hinab in das Tal:
Nachdem er noch einmal von Gott sehen durfte, wird er im Lande Moab,
einem Teil, in dem auch Midian zu Hause war, begraben. Israel wird
eines Tages weiterziehen und – wenn auch erst in der zweiten
Generation – nach Kanaan gelangen. Mose aber stirbt in Moab,
und wird dort zu den Seinen versammelt, denen er zeitlebens
angehangen hatte. Wie sein Leben in diesem Volk beginnt, so endet es
– mit Midian fängt es an, und mit Midian wird es enden. So
sehr war er in Midian gefangen, daß er auch in seinem Tode
nicht aus ihm herauskommt. Midian hatte Anrecht an ihm und seinem
Körper, und hält ihn so selbst noch in seinem Tode fest.
Und Gott hält sein Grab verborgen bis auf den heutigen Tag, um
eine nachmalige Verehrung auszuschließen – weil es eben
gerade nicht um die Mittelsperson geht.
Das
Anrecht Midians und der Herausruf in die Ordnung Gottes
Wer letztlich
hinter Midian und seinem Anrecht stand, vermag der Judasbrief
eindrucksvoll zu klären. Solange Midian Anteile an
jemandem hat, hat er auch das Recht, hieraus Ansprüche
herzuleiten, und solange die Finsternis dieser Welt an der
Gemeinde Anteile hat, weil diese für sich beschloß, nach
der Art, der Struktur und den Prinzipien der sie umgebenden Welt zu
leben, befinden auch wir uns nicht in der völligen
Freiheit, in die Gott uns hineinführen möchte – wir
bleiben Gebundene, und kommen, wie Mose, nicht in das uns
Verheißene hinein. Das ist auch der Grund, weshalb wir
in dieser Zeit so vieles sehen, aber in die Wirklichkeit dessen, was
wir sehen, bis heute nicht eingetreten sind – gleichwie Mose
das verheißene Land zwar sah, selbst aber nicht hineinkam. Der
Grund hierfür liegt klar und eindeutig in Anteilen und Anrechten
der Finsternis, die diese an uns erhebt, da wir bislang nicht
willens waren, das Verkehrte in Gemeindeleben und -praxis abzulegen.
Vielfach blieb es unerkannt. Und nur allzu oft hat man sich gegen
jene mit Erfolg zur Wehr zu setzen gewußt, die auf Geheiß
Jesu, des treuen Zeugen gesandt waren und es wagten, warnend ihre
Stimme zu erheben, statt auf Sein Reden einzugehen und umzukehren. Es
war doch schon immer um so vieles einfacher, die Zeugen der Wahrheit
mundtot zu machen und sich in Sicherheit zu wiegen, als anzuerkennen,
daß da etwas nicht stimmt mit unserem Wandel vor Gott und
unserem Umgang miteinander. So blieben wir gefangen in dieser Welt,
in ihrer Struktur und in ihrem System, wie auch Mose Gefangener
Midians blieb – bis in seinen Tod hinein, ja sogar
darüber hinaus. Deshalb erhob sich in der himmlischen
Welt ein Rechtsstreit um den Körper des Mose, der zwischen
Michael, dem Engelfürsten, und Satan, dem Fürsten dieser
Welt, geführt worden war. Hierzu heißt es in Judas 9:
„Dagegen hat Michael, der Botenfürst, als er den
Widerwirker wegen des Körpers des Mose anzweifelte und mit ihm
Worte wechselte, nicht gewagt, ein lästerndes Urteil über
ihn aufzubringen, sondern nur gesagt: Der Herr schelte dich!”
So
offenbart sich uns der Ruf Gottes an Mose, der an ihn aus jenem
Dornbusch heraus ergangen war (2Mo 3), als ein Herausrufen aus der
ihn umgebenden Welt – der Ordnung, der Struktur und dem
Lebensprinzip Midians, in dem er sich zu diesem Zeitpunkt
befunden hatte. Und so, wie Mose aus all diesen Dingen herauszurufen
war, so ist auch die Gemeinde eine aus dieser Welt und den sich aus
ihr heraus ergebenden Dingen und Abhängigkeiten Herausgerufene -
im wahrsten Sinne des Wortes. Denn das ist der eigentliche Name
dieser Gemeinde: Die Herausgerufene – griechisch ekklesía.
Und nur dann, wenn sie diesem Ruf in Treue Folge leistet, sich also
nicht wieder in die Dinge und das Schema dieser Welt verstricken
läßt, wird sie frei sein und bleiben können von jedem
Anrecht der Finsternis, und wird bereit sein können, wenn der
Herr wiederkommt – um Ihm entgegengehen zu können und ihr
himmlisches Kanaan einzunehmen. Dies ist also eine deutliche Warnung.
Die
Schrift trifft klare Aussagen über jene, die nicht in Wahrheit
ausgehen, und demgemäß der Lebensart und den Bindungen
dieser Welt verhaftet bleiben: Sie verlieren ihr Erstgeburtsrecht,
die Erlösung des Leibes, die in jenem Ihm Entgegengerücktwerden
offenbar werden soll, dem Herrn entgegen, in unser himmlisches
Kanaan hinein, auf das wir doch so sehr warten sollen, und auf
dessen Erwartung allein hin wir errettet worden sind (Rö 8.
18 - 25 und 29, 1Thes 4. 13 - 5. 11; siehe auch Hbr 6. 9 - 20 und 10.
15 - 39). Den Sieg über den letzten Feind, den Tod, den werden
diese nicht miterleben dürfen (1Kor 15. 23 - 26 und 50 - 57;
2Tim 1. 10). Nein - diesem Tode werden sie nicht entrinnen, gleichwie
Mose dem Tode nicht entrinnen konnte und vor den Toren Kanaans
sterben mußte, statt in dieses Kanaan einzugehen, wie es seiner
Verheißung und Berufung entsprochen hätte. Waren sie doch
jenem Esau gleich, der um einer weltlichen Speise willen sein
Erstgeburtsrecht verkauft hatte (Hbr 12. 14 - 17). So haben auch
diese das Recht der Erstgeburt, die Erwartung der vorzugsweisen oder
ersten Auferstehung, der „Ausauferstehung aus den Toten”
an die Welt und damit an den Teufel, ihren Fürsten verkauft,
aufgegeben um des Genusses einer Speise, um des Erringens weltlicher
Vorzüge willen (Phil 3. 10 - 14, Off 20. 4 - 6). Und so werden
auch sie an der Hochzeit des Lammes keineswegs teilhaben können,
sondern müssen, da ihnen, den zu spät Kommenden, das Tor
verschlossen bleibt, durch die Leiden und Gerichte der
antichristlichen Zeit hindurchgehen. Sind sie doch der Welt nur allzu
sehr verbunden geblieben und haben demnach ihre hohe Berufung, die
des himmlischen Kanaans, versäumt, so wie Mose dem Stamm und dem
Lebensprinzip des heidnischen Midians verhaftet geblieben war und die
Verheißung Gottes, das gelobte Land einzunehmen, für sich
selbst verfehlt hatte.
So
starb er im Lande Moab, gewissermaßen vor den Toren des
verheißenen Landes, und so starben all die mit ihm, die sich
einst geweigert hatten, die Stimme Gottes zu hören und so in
Seine Unmittelbarkeit einzutreten (Hbr 3. 7 - 19, 4. 1 - 12 und 12.
22 - 29). Was aber sagt das Wort über jene, die damals
ausgezogen waren, um in ihr Kanaan einzugehen? „Denn ich will
euch nicht in Unkenntnis darüber lassen, Brüder, daß
unsere Väter alle unter der Wolke waren (dem Bild des Heiligen
Geistes) und alle durch das Meer hindurchgezogen sind und alle in
Mose getauft wurden (dem Vorbild der Taufe); auch aßen alle
dieselbe geistliche Speise, und alle tranken dasselbe geistliche
Getränk; denn sie tranken aus dem Felsen, der da folgte (Bilder
des Wortes und des Mahls des Herrn). Der Felsen aber war der
Christus. Doch an der Mehrzahl von ihnen hatte Gott kein
Wohlgefallen; sie wurden in der Wildnis niedergestreckt. Diese
sind für uns warnende Vorbilder geworden, damit wir uns nicht
nach Üblen gelüsten lassen, wie es jene gelüstete...
Dieses widerfuhr ihnen vorbildlicherweise und wurde uns zur
Ermahnung geschrieben, zu denen die Abschlüsse der Äonen
gelangt sind. Wer daher zu stehen meint, der sehe zu, daß
er nicht falle” (1Kor 10. 1 - 12). Und seht doch das Fazit,
das Paulus aus diesen Worten herleitet: „Darum, meine
Geliebten, fliehet vor dem Götzendienst!” –
Dies
alles sind Zusammenhänge, die wir in der zurückliegenden
Zeit nur allzu schnell übersehen haben. Hier rächt sich
eine oftmals stattgefundene Idealisierung der Heiligen Schrift, der
wir vielfach bereitwilligst gefolgt sind. Die Bibel selbst
idealisiert jedoch an keiner Stelle – niemals. Statt dessen
bleibt sie in allem realistisch; sie sagt stets schonungslos und
ungeschminkt die Wahrheit über die in ihr Handelnden - und
gerade auch über jene, die Gott berief. Es ist ja gerade die
herausragende Stärke dieses Buches, daß niemals Menschen
verherrlicht und glorifiziert werden, sondern Gott allein die Ehre
gegeben wird. So bewahrheitet sich in ihr das unter Gläubigen
bekannte Sprichwort, daß Gott „auch auf ungeraden Zeilen
gerade” schreibt. Und doch – Gott übersieht nichts.
Niemals.
Von
Unnützem und Stolpersteinen: Achte auf Deine Nachkommen
Die
Tatsache also, daß die midianitischen Einflüsse zwar schon
frühzeitig nach Israel gelangten, deren wahre Natur sich jedoch
erst sehr viel später offenbarte, lehrt uns auch, daß
wir in weiteren Räumen denken müssen, als wir dies bisher
getan haben; wir sollten nicht fragen, welche Folgen unser Tun heute
hat, sondern unsere Frage sollte sein: Welche Folgen hat es morgen
und übermorgen? Welche Folgen hat es für die nächste
Generation? Haben wir heute die Welt in uns, so
wird dies heute und morgen Folgen haben – sowohl für
uns, als auch für die nach uns Kommenden, denen wir unseren
Ungehorsam hinterlassen, wenn wir nicht hier und heute
umkehren. Immer
war die Vermischung der Anfang der Sklaverei, und stets mußte
Gott aus dieser Sklaverei herausführen, indem Er das Volk zur
Umkehr führte und allein Seine Ordnungen wieder
aufrichten ließ, und so deren Vermengung mit dem Heidnischen
beendete. Wie wir also sahen, hat Mose nicht immer von Gott
gehört, und hat deswegen zuletzt auch seine eigentliche
Berufung, das Land der Verheißung einzunehmen, für
sich selbst verfehlt und ist mit den anderen in der Wüste
gestorben, nachdem er es nur von außerhalb sehen durfte
(5Mo 34. 1 - 6, siehe weiter vorn). Seine Generation war zu einem
vierzigjährigen Irrweg in der Wüste
verurteilt; und selbst jene, die Gott treu erachtet hatte, mußten
diesen Weg mitgehen. Unglaube und Ungehorsam, Fleisch und
Götzendienst waren allzuviele Stolpersteine auf diesem Weg. Ganz
gewiß also war Jethro nicht der allein sichtbare Grund,
weshalb Israel diesmal sein Ziel nicht erreicht hatte; und doch steht
dieser neben vielem Anderen am Ausgangspunkt einer Entwicklung,
die ein so tragisches Fehlgehen an den Tag gebracht hatte. –
Wie einige nun eine solche Vermischung, die sich anhand eines durch
einen heidnischen Priester vorgeschlagenen Führungsstils
erzeigt, nun zum Weg der neutestamentlichen Gemeinde erklären
können, ist daher schlicht nicht nachvollziehbar. –
Wieder
einmal wird offenbar, daß man nicht auf das Reden Gottes hatte
warten können und somit auf menschlichen Rat hin Seinem
Wirken vorgegriffen worden war. In unserem einleitenden Wort aus 2Mo
8. 13 - 27 gibt es keinen einzigen Hinweis darauf, daß Gott
hierzu jemals gesprochen hätte oder – weder von Gott, noch
von Mose her – die Notwendigkeit auch nur irgendeiner
Abänderung bestand. So war das Begehren Jethros nichts anderes
als ein unerlaubter Vorgriff auf das, was Gott zu tun
gedachte (vgl. Jo 10. 8) - in einer gänzlich anderen
Ordnung jedoch, die Seiner Vollkommenheit entsprach. Diese andere,
göttliche Ordnung zeigte dementsprechend auf, daß das von
Menschen Gemachte zumindest unnütz und keinesfalls hilfreich
war – welche Notwendigkeit hätte sonst für diese
bestanden, wenn die andere, alte Ordnung ausgereicht hätte? Und
warum rief Mose später den Herrn um Unterstützung
an, als das Volk murrte – „Warum finde ich nicht Gnade
vor deinen Augen, daß du die Last deines ganzen Volkes auf
mich legst? (...) Ich kann dieses Volk nicht allein (!) tragen; denn
es ist mir zu schwer” (4Mo 11. 11, 14) –, wenn er
doch in der durch Jethro eingeführten, bereits bestehenden
Ordnung schon eine entsprechende Hilfe gehabt hätte, wie dieser
ihm zugesagt hatte? Im Gegenteil: weder wurde, wie wir sahen, dem
vorgebeugt, daß Mose sich infolge seines Dienstes aufrieb, wie
Jethro ihm zugesichert hatte, wenn er nur seinen Vorschlägen
folgen würde (2Mo 18. 17 - 23), noch wurde das Volk der Ordnung
und dem Willen Gottes gemäß gerichtet (2Mo 18. 15 - 16).
Sünde, Murren und Abfall nahmen statt dessen ständig zu.
Was Jethro dem Mose versprochen hatte, nämlich, wenn Mose seinen
Vorschlägen folgte, „dann kann all dieses Volk in
Frieden an seinen Ort kommen” (Vers 23, Schlachter), war
gerade nicht eingetroffen. So entpuppt sich dieses Versprechen
als Lüge – eine List und ein Betrug der Finsternis. Um der
Not der Überlastung des Mose zu begegnen, wie sie sich erst
hier offenbarte, hatte nicht Jethro, sondern Gott die
Antwort: Er Selbst hatte den Plan, wie wir anhand der
Aussagen aus 4Mo 11. 11 - 30 erkennen können – als Er
nämlich die 70 Ältesten berief und mit Seinem Geist
begabte.
Die
siebzig Ältesten - eine prophetische Darstellung des Neuen
Bundes
In
der durch Gott Selbst vollzogenen Einsetzung der siebzig Ältesten
wird die eigentliche und ursprüngliche Ordnung Gottes
offenbar. Nicht die Hierarchie der Bevorrechtigungen Midians,
die durch Jethro nach Israel gekommen war, sondern die durch Gott
Selbst eingeführte Ordnung gleichberechtigt Begabter war die
Antwort auf die Frage Moses. Darin erzeigt sich nicht nur
die Andersartigkeit, ja Gefährlichkeit, sondern auch die völlige
Nutzlosigkeit der von Menschen eingeführten,
midianitischen Ordnung. In dem Geschehen, welches uns in 4Mo 11. 24 -
29 geschildert wird, erkennen wir auch eine besonders schöne
Vorausschau auf das Wirken Gottes im nachfolgenden Neuen Bund,
der eingeführt wurde aufgrund des Überholtseins und der
Nutzlosigkeit des Alten (Hbr 7. 18, 10. 13). Als dem Mose die
Last, das ganze Volk und sein Murren – trotz der durch
Jethro eingeführten vermeintlichen „Hilfestellung”
– noch immer allein tragen zu müssen, wie oben
beschrieben zu schwer geworden war, versammelte man nun auf
Anordnung Gottes hin siebzig Männer von den Ältesten
des Volkes. Anschließend kam Gott Selbst „in
der Wolke hernieder und nahm von dem Geiste, der auf ihm (d.
h. auf Mose) war und legte ihn auf die siebzig Männer, die
Ältesten. Und es geschah, sobald der Geist auf sie kam,
weissagten sie...”; ein Vorgang, der vorbildlich
anzeigt, wie Gott Selbst von Jesus, unserem Herrn und Haupt, als
dessen Vorbildung Mose im Alten Bund gilt (Apg 7. 35 - 38; 5Mo 18.
15), von dem Ihm verheißenen Geist Gottes nimmt, und mit Ihm
Seine Gemeinde salbt, und zwar jedem nach seinem Anteil
(vgl. Apg 2. 33).
<>
Während
in der Ordnung Jethros bzw. Midians die Führung und Ansprache
des Volkes – der Hierarchie entsprechend bis in die Sippen und
Familien hinein – durch Menschen vonstatten ging, und
daher also auch die Rechtsprechung und Mitteilungen der Ordnungen
Gottes durch menschliche Vermittlung erfolgen sollten (2Mo 18.
19 - 22), geschieht die Ansprache, Weisung und Führung hier
durch den Geist Gottes, und zwar unmittelbar. Die Zahl
der Siebzig deutet schon auf jene Vollkommenheit und
Vollständigkeit der Gemeinde Gottes hin, wie sie im Neuen Bund
geoffenbart wird. Selbst jene zwei im Lager Verbliebenen weissagen.
Als Josua diesem wehren will, sagt Mose, gewissermaßen schon
auf den Neuen Bund hindeutend: „Eiferst du für mich ?
Ach, daß doch alles Volk des HERRN weissagte, möchte
der HERR seinen Geist über sie geben!”
(Schlachter).
Vom
Hören der Stimme Gottes zur Vermittlung unter dem Gesetz
Wir
erkennen beim Studium der entsprechenden Schriftstellen immer wieder,
daß es in Israel in der Regel zur Einführung
hierarchischer Strukturen kam, wenn das Volk Gott ungehorsam geworden
war oder Gott nicht vertraute – entweder durch eigene Wahl oder
auch als Reaktion Gottes auf ihren Ungehorsam. Selbst für den
Alten Bund kann gesagt werden, daß ein solches Vorgehen, das
Volk durch menschliche Vormünder und Häupter zu führen,
nicht dem ursprünglichen und vollkommenen Willen Gottes
entstammte. Bekanntlich ist auch das Gesetz „nicht aus
Glauben” (Ga 3. 12), sondern wurde hinzugefügt um
der Sünde willen. Da Israel sich weigerte, selbst die
Stimme Gottes zu hören (2Mo 20. 18 - 21, vgl. Hbr 12. 19), mußte
es, um das Leben dieses Volkes dennoch gewährleisten zu können,
unter die Vormundschaft dieses Gesetzes gestellt werden (Ga 3.
19, 4. 1 - 4). Sünde ist ja immer die Trennung von Gott als
Person. Gottlosigkeit bedeutet nicht, das Verkehrte zu tun, sondern
es bedeutet, Gott - los, d. h. ohne Ihn Selbst zu sein.
Dies besteht auch gerade dann, wenn ein zu haltendes Gesetz oder
Prinzip an die Stelle der Beziehung zu Ihm tritt, wie wir
zweifellos anhand der zahlreichen Auseinandersetzungen Jesu mit den
Pharisäern erkennen können. Ebenso kann Beziehung nicht
vermittelt werden; entweder man hat sie, oder man hat sie nicht.
Der Plan Gottes für Sein Volk entsprach also –
geoffenbart noch unmittelbar vor der Einführung dieses
(aufgrund der Sünde hinzugefügten) Gesetzes – jener
Verheißung, die dem Mose in der Wüste auf dem Berg Sinai
gegeben wurde: „Werdet ihr nun meiner Stimme
Gehör schenken und gehorchen und meinen Bund bewahren, so
sollt ihr vor allen Völkern mein besonderes Eigentum sein, denn
die ganze Erde ist mein; ihr aber sollt mir ein Königreich
von Priestern und ein heiliges Volk sein!” (2Mo 19. 5, 6,
Schlachter), d.h., wenn sie Seine Stimme (!) hören
und ihr gehorchen würden, so sollten sie Gottes
besonderes Eigentumsvolk sein – in dem Reich, in dem Gott
Selbst und ausschließlich ihr König sein wollte.
„Mir”, so sagte Gott, sollten sie
priesterlich dienen, indem sie die Dinge und Willensäußerungen
Gottes den Völkern der Erde kundtun und diese Völker als
Priester Gott entgegenführen sollten; ein Priestertum, das noch
immer dem ganzen Volk Gottes verheißen ist und das, in
den Neuen Bund einfließend, wir u. a. in 1Ptr 2. 9 erfüllt
sehen. –
Diese
Stimme erscholl zu ihnen auf dem Berge, verbunden mit Donner und
Erscheinungen; und diese Stimme war es auch, die sie nicht hören
wollten, da sie sich vor ihr fürchteten. Hier finden wir auch
die eigentliche Berufung Moses vor. Er führt das Volk
hin zu Gott, hin zu Seiner Stimme: „Am dritten Tag, als
es Morgen wurde, geschah ein Donnern und Blitzen. Schweres Gewölk
lag auf dem Berg, als ein überaus gewaltiger Posaunenschall
ertönte, so daß alles Volk, welches im Lager war,
zitterte. Doch Mose führte das Volk aus dem Lager heraus, um
dem Einen, Elohim, zu begegnen; und es stellte sich unterhalb des
Berges auf. Da rauchte der ganze Berg Sinai, weil Jawe in Feuer auf
ihn herabgestiegen war... (2Mo 19. 16 - 17). Israel erlebt hier
also klar eine Begegnung mit dem lebendigen Gott. Es hört Seine
Stimme. Dann jedoch weicht es zurück: „Alles Volk nahm
das Donnergetön und das Blitzen wahr, den Posaunenschall und
den rauchenden Berg. Als das Volk dies sah, da wankten sie, blieben
in der Ferne stehen und sagten zu Mose: Rede du mit uns,
wir wollen hören, doch Elohim soll nicht mit uns reden, damit
wir nicht sterben. Da sagte Mose zu dem Volk: Fürchtet euch
nicht!, denn der Eine, Elohim, ist gekommen, um euch zu erproben und
damit die Furcht vor Ihm auf euren Angesichtern liege, so daß
ihr keinesfalls sündigt. So blieb das Volk in der Ferne
stehen ...” (2Mo 20. 18 - 21).
Wir
lesen in dem vorangegangenen Absatz zweimal, daß das Volk in
der Ferne blieb. Es zog also die Entfernung von Gott vor, und
erwählte sich selbst den Weg der Vermittlung durch
Menschen: „Rede DU mit uns, wir wollen hören, doch
Elohim soll nicht mit uns reden, damit wir nicht sterben”.
Diese Todesangst resultiert aus Sünde heraus. Es ist gerade
nicht die vor Sünde bewahrende Ehrfurcht vor Gott, in
die sie anhand dieses Geschehens gerade hingeführt werden sollen
(Vers 19), sondern die Angst vor dem Gericht. So fürchten
sie sich vor Seinem verzehrenden Feuer; sie weichen zurück,
damit sie nicht sterben. Sünde trennt von Gott, was hier
eindrucksvoll demonstriert wird; die Scheu vor Seinem Gericht läßt
das Volk zurückweichen, und so wählt man statt der
Unmittelbarkeit die Vermittlung. Nur Mose befand sich in der Lage,
von Gott zu hören – Gott redete zu ihm „von
Angesicht zu Angesicht, wie jemand mit seinem Nächsten redet”
(2Mo 33. 11). An ihn hängt man sich nun. Er, der sie
eigentlich in diese Stimme hineinführt (2Mo 19. 5 - 8,
17), damit sie sie selbst hören, wird nun als Vermittler
uminterpretiert. Mose soll reden, nicht Gott; Gottes
Stimme ist ihnen unerträglich. Der Mittler, der
eigentlich zum lebendigen Gott hinführen sollte, wird selbst
an die Stelle des lebendigen Gottes gesetzt. In Folge dessen kommt es
auch zur Übermittlung des Gesetzes - „angeordnet durch
Boten in der Hand eines Mittlers” (Ga 3. 19). Fortan wird
diese Vermittlung zum alles beherrschenden Weg in Israel.
Das
goldene Kalb mit dem Namen Gottes: Baust Du selbst?
Strukturen
als Götzendienst. Im Folgenden werden wir eine Angelegenheit
betrachten, die zwar weithin bekannt, dennoch aber in ihrer Bedeutung
bei Weitem unterschätzt wird. Wir werden uns mit einem Gebilde
zu befassen haben, das zwar golden schimmert, tatsächlich auch
aus Gold ist, das sogar auch unter dem Namen Gottes firmiert, doch
mit diesem Gott Selbst nicht das Geringste zu tun hat. Es ist durch
und durch Menschenwerk, eingeführt durch Menschen, angeordnet
durch Menschen, errichtet von Menschen. So kommt es auch heute noch
dazu, daß die Gemeinde nicht mehr dem Herrn, sondern einer
Sache, einer Struktur dient; ein Götzendienst, da man
nicht mehr in der Offenbarung des lebendigen und gegenwärtigen
Gottes wandelt und Ihm dient, sondern nun
Gemeindestrukturen gewissermaßen zu demselben Gott
erklärt werden, dem man zu dienen vorgibt. So heißt nun
der neue, unausgesprochene Name ihres Gottes, der vor ihnen
vorhergeht, dem sie folgen und dem sie Opfer bringen (vgl.
2Mo 32. 6 - 7), „unsere Gemeinde”. – Hier wandelt man
nicht mehr im Geist, in der Gemeinschaft mit Gott Selbst, sondern
im ,Fleisch’, in eigener Kraft, nach menschlichem Weg
und Willen, indem man in erster Linie durch das vermeintliche
Erfüllen von Schriftstellen Gemeindestrukturen errichtet
und bedient, also den benannten Götzen aus
Opfergaben „des Volkes” (2Mo 32. 2 - 4) erst baut, und
ihm dann erneut Opfer darbringt, indem man einer Sache nachgeht, die
der Herr nicht geboten hat. –
Dies
alles erinnert in deutlicher Weise an den oben angedeuteten
Götzendienst Israels, der sich in dem Anfertigen des
goldenen Kalbes in 2Mo 32. 1 - 10 erzeigte. Als Mose auf dem Berg
in der Gegenwart Gottes verharrte und dem Volk die Zeit zu lang
wurde, entschloß man sich, jenes Abbild eines goldenen Kalbes,
einem Sinnbild eigener Kraft, zu fertigen, das den Zorn Gottes
herausfordern mußte. Die Israeliten waren nicht in der Lage
gewesen, auf die Offenbarung des Herrn zu warten, so daß die
Zeit reif geworden wäre, daß Gott Selbst vor ihnen
hergehen und sie führen könnte, sondern wollten sich
selbst Götter schaffen, die vor ihnen hergingen.
Es begann bereits damit, daß das Volk sich aus eigenem
Entschluß zu Aaron hin versammelte. Auch hier haben wir
eine versammelte Gemeinde, aber nicht die des Herrn, obwohl es
dieselben Leute sind. –
Als
Mose augenscheinlich vom Berg Gottes wiederzukehren verzog, gab das
Volk schließlich ihn, und damit die Offenbarung des
Herrn auf, die zu erlangen Mose den Berg bestiegen hatte,
indem es zu Aaron sagte, „Erhebe dich! Mache uns (selbst!)
Götter (oder einen Gott, das hebräische
Wort Elohim läßt beides zu), die vor uns
hergehen sollen, denn von diesem Mann Mose, der uns aus
dem Land Ägypten heraufgebracht hat, wissen wir nicht, was aus
ihm geworden ist” (Vers 1). Aaron goß das Bild des
goldenen Kalbes schließlich aus den Ohrringen des Volkes
(Verse 2 und 3), die es ihm darbrachte (Vers 4), was verdeutlichen
mag, daß dieser Götze das Gehör(den Schmuck
bzw. den Dienst der Ohren) des Volkes Israel fordern würde.
Israel würde ihm nachfolgen und gehorchen müssen.
Sein Götzendienst bestand allerdings nicht in der
Verehrung fremder Götter, sondern in dem Erheben,
Bedienen und Befolgen eigener Werke, von Bildern und
Vorstellungen („Leitbilder!”) von Gott (es war ein
Bild eines Stieres), die mit dem wahren Gott
verwechselt werden, was sich darin zeigt, daß Aaron
diesem gegossenen Bild einen Altar baute und den
darauffolgenden Tag zu einem Festtag für Jawe bestimmte
(Vers 5).
Man
erschuf sich also selbst einen Gott, den man als den Gott
Israels – Jawe – deklarierte und feierte. Das Bildnis,
das Aaron erschaffen hatte, wurde als der Gott dargestellt, der
Israel aus Ägypten herausgeführt hatte, d. h. als der Gott,
der ihm voranging und dem man auch ferner folgen wollte. Das Volk
wollte nicht auf den Herrn warten, sondern – möglichst
alsbald – in eigener Kraft Resultate erzielen.
Hierzu erschuf man ein sichtbares Abbild, eine Vorstellung seines
Gottes, der man nachfolgte. So wie zur damaligen Zeit die Tierwelt
Pate stand (der Stier als Götzenbild war den Israeliten aus
ihrer Zeit der Knechtschaft in Ägypten wohlbekannt), so stehen
heute der Mensch bzw. menschliche Maßstäbe als Abbild,
Vorstellung und Ersatz für die Herrlichkeit des lebendigen
Gottes bereit. Das Wort des Römerbriefes wird hier schaurige
Wirklichkeit: „Weil sie, Gott kennend, Ihn nicht als Gott
verherrlichen oder Ihm danken, sondern in ihren Folgerungen eitel
wurden, ist auch ihr unverständiges Herz verfinstert. Vorgebend,
weise zu sein, sind sie töricht geworden und
verändern die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in
die Gleichgestalt eines Bildes (sei es die eines Abbildes,
einer Vorstellung, oder auch die einer so genannten „Vision”):
des vergänglichen Menschen,der Flügler und Vierfüßler
und Reptilien” (Rö 1. 21 - 23), also nach den
Vorstellungen gemäß der Sichtbarkeit und damit dem Wesen
dieser Welt entsprechend, das doch der Vergänglichkeit
unterworfen ist (vgl. 2Kor 4. 18, 10. 7). –
So
verwarf man also die unmittelbare Offenbarung und Herrlichkeit
des Herrn zugunsten einer Vorstellung von Ihm und eines
vermeintlichen Abbildes; zugunsten seiner eigenen Wege und seines
selbsterwählten Dienstes, der sich in der Erschaffung,
dem Bedienen und dem Nachfolgen jenes goldenen Kalbes manifestierte,
dem man in der Weise diente und das man so feierte, als wäre es
Jawe Selbst. Und dies ist eine große T r a g i k , die in
Israel stets vorhanden war und die sich in der heutigen Gemeinde
erneut zu wiederholen scheint. – – Ob es wohl der
heutigen Christenheit noch gegenwärtig ist, daß Gott
verboten hatte, sich ein Bildnis von Ihm und von
himmlischen (geistlichen) Dingen zu machen (2Mo 20. 4, 5Mo 4.
16, 23, 25; Kap. 5. 8) ?
Anmerkungen
und Erklärungen zum Kapitel
1
Die Fügung „dem Einen” befindet sich nicht im
Grundtext, in keiner Variante und geht auch aus keiner Lesart hervor,
mit Ausnahme des bestimmten Artikels im zwölften Vers.
2
Im Gesetz wird später das Opfern für Jahwe selbst durch
Unberufene strikt untersagt werden, und zwar bei Todesstrafe (2Mo 30.
9; vgl. 3Mo 10. 1 - 7). Dazu war nicht einmal jeder aus dem Volk
berechtigt, die Darbringung von Opfern oblag allein dem Stamm Levi,
d. h. Aaarons Söhnen (vgl. 2Mo 29. 44). Doch galt dieses Gesetz
selbst ihnen nicht uneingeschränkt. – Zwar ist das Gesetz
nicht lange nach den oben besprochenen Ereignissen erst hinzugefügt
worden (2Mo 20ff); doch sollten wir dabei bedenken, daß dieses
Gesetz nichts anderes ist als ein Ausdruck des Willens und damit der
Wesensart Gottes - eines Gottes, der heilig ist, und der sich
nicht ändert (vgl. Ja 1. 17). Schon bei der Erhebung des
Passah-Opfers in Ägypten war jedoch, lange schon vor dem Gesetz,
angeordnet worden, daß kein Fremder und Unbeschnittener an dem
Opfer teilhaben durfte; wollte ein Fremder an dem Opfer teilnehmen,
mußte er erst beschnitten werden und galt dann allerdings auch
als ein Glied des Volkes (2Mo 12. 43 - 51). Erst dem im verheißenen
Lande bei Israel wohnenden Fremden wird, wenn er will, das Opfern
ermöglicht (4Mo 15. 14 - 16). Dies ist allerdings eine
Bestimmung für das Land Kanaan, in das Israel erst noch
hineingeführt werden sollte, und kann somit nicht auf Jethro in
Midian bezogen werden. Weiterhin ist Jethro keineswegs ein Glied des
Volkes Gottes geworden, was, wie oben beschrieben, durch Beschneidung
zu geschehen hatte; er war und blieb immer der Priester Midians (2Mo
18. 27). Diese Ordnung aber, nach der ein Unbeschnittener nicht zum
Volk gehörte und damit auch nicht zum Opfer zugelassen werden
durfte, war inmitten Israels bereits seit langem bekannt. Hier ist
auch zu sehen, daß – am Gipfelpunkt seiner Flucht aus
Ägypten – Mose zu Jethro kam und von ihm in
seine midianitische Sippe aufgenommen wurde; umgekehrt kam aber
Jethro nicht zu Mose, um etwa ein Glied Israels zu werden. –
Später brachte man die Opfer nicht mehr selbst dar, wie dies in
der Frühzeit Israels noch geschehen war. Auch Jethro hatte das
Opfer selbst dargebracht, offenbar in Ausnutzung der Tatsache, daß
es zu der Zeit unter den Israeliten eine geregelte Opfergesetzgebung
und damit eine gesonderte Priesterschaft noch nicht gab. Nach dem nur
ein wenig später erlassenen Gesetz hatte man die Opfer zum
Priester zu bringen, der dann im Zelt der Zusammenkunft bzw. im
Tempel wirkte; so oblag, wie eingangs erwähnt, der Vollzug, die
eigentliche Opferung selbst, allein den Leviten, d. h. den Nachkommen
Aarons. Diese waren es dann auch, die die Opfer aßen (vgl. Jer
33. 18). Auch freiwillige Opfer waren damit genauesten Bestimmungen
unterworfen. Man ziehe hierzu die Opfergesetzgebung im Dritten Buch
Mose (Levitikus) zu Rate (siehe auch Lk 2. 22 - 24).
3
Interessanterweise sind Ägypten (Mizrajim) und Midian ihrem
Ursprung nach Verwandte; Midian ist der Sohn der Ketura, der
Kanaaniterin, Abrahams Nebenfrau. Kanaan und Mizrajim sind Brüder;
es sind Söhne Hams (Hamitenvölker). „Die Söhne
Hams: Kusch, Mizrajim, Phut und Kanaan” (1Mo
10. 6).
4
Man vergleiche hierzu die Beschneidung Ismaels, dem, obwohl er
gesegnet worden war, ebenso nicht der Bund Gottes galt (1Mo 17. 15 -
27). Auch für ihn übernimmt die Beschneidung lediglich eine
gewisse Schutzfunktion, da er Gott verhältnismäßig
nahe gekommen und auch von Ihm gesegnet worden war; doch Seinen Bund
hatte Gott mit Abraham bezüglich der Linie Isaaks
gemacht.
5
Der Schutz des Ungläubigen durch den Einfluß des gläubigen
Partners besteht auch im Neuen Testament fort; es handelt sich also
um eine zeitlich nicht gebundene Ordnung Gottes. „Denn der
ungläubige Mann ist durch die Frau geheiligt, und die ungläubige
Frau ist durch den Bruder geheiligt, sonst wären ja eure Kinder
unrein...”, schreibt Paulus in 1 Kor 7. 14. Allerdings wird
sich auch das Gericht immer dann auswirken, wenn Sünde
fortbesteht und versucht wird, mit dieser Sünde Gott nahe zu
kommen. Der Tod ist in jedem Fall und zu jeder Zeit der Lohn der
Sünde!
6
Mizrajim ist die Wiedergabe des hebräischen Namens für
Ägypten nach dem Grundtext.
7
Auch dem Neuen Testament sind diese Zusammenhänge geläufig,
ihre Erkenntnis von existenzieller Notwendigkeit. Man lese hierzu die
– auf das Israel des Alten Bundes bezogenen – Aussagen
des Paulus in 1Kor 10. 18 - 22.
8 Erst später, als Gott mit
Abraham einen Bund schließt, wird er sich auch ihm
selbst mit Namen erklären. „Ich bin Jawe” (1Mo 15.
7). Damit wird auch hier die Wichtigkeit des Namens Gottes in
Verbindung mit Bündnissen offenbar; der Bündnispartner
ist eindeutig zu identifizieren, hat er sich doch mit Namen zu
erkennen gegeben. Vorher hatte Abraham allerdings schon, wohl von
Hörensagen, um den Namen Jahwes gewußt. Bereits seit Kain
ist dieser Name immer wieder angerufen worden (1Mo 4. 26). Noch im
elften bzw. dreizehnten Kapitel lesen wir, daß Abram den
Namen Jahwes anruft - an dem Altar, den er zwischen Ai und Bethel
errichtet hatte (1Mo 11. 8 und 13. 4). Ihm war also der Name Gottes
durchaus bekannt; doch erklärt hatte Jahwe sich ihm erst,
als es darum ging, mit ihm einen Bund zu schließen.
9
Kuschiter, auch Äthiopier genannt. Entgegen traditioneller
Anschauungen kein Synonym für Midian, sondern ein ganz anderes
Volk. Der Name geht auf Kusch, einen Sohn Hams zurück
(1Mo 10. 6), während Midian einer der Söhne Abrahams mit
seiner offensichtlich kanaanitischen Nebenfrau Ketura ist (1Mo 25.
1). Beide Stämme sind wohl – über Umwege –
verwandt, da Kanaan ebenfalls einer der Söhne Hams war
(Hamiten). Dennoch stellen sie zwei verschiedene Volksstämme
dar. Die auslegerische Tradition beruft sich in ihrer Gleichsetzung
Midians mit Kusch allein auf Hab 3. 7, übersieht dabei
aber, daß es sich hier um eine Aufzählung zweier
Völker handelt; eine Erklärung des einen mit dem anderen
geht aus diesem Text also gerade nicht hervor.
10
Die Moabiter waren ein mit den Midianitern verwandter Stamm. Während
Midian ein Sohn Abrahams war, der aus dessen Verbindung mit der
Kanaaniterin Ketura hervorging, stammt der ältere Moab von
Abrahams Neffen Lot ab, und zwar durch Inzucht mit dessen Töchtern
(1Mo 19. 36 - 37). Midian und Moab bewahren ihre Verbindung stets und
erscheinen in ihren Handlungen gegen Israel oft gemeinsam.
* * *