| Startseite | Warum? |
Schriften | Linkliste |
E-Mail |
Impressum |
und die Wiederkunft des Herrn:
Der Richter vor den Türen.
Arm und reich: Gedanken zum
Jakobusbrief.
| Titel |
Anmerkungen |
Downloads |
<
Die Zügel Gottes |
Vom Weg Kains > |
Die nachfolgend niedergeschriebenen Gedanken zum Jakobusbrief stellen eine Überarbeitung eines Teils einer schon früher verfaßten, umfangreicheren Niederschrift dar, die allerdings in ihrer Ausdrucksweise verhältnismäßig knapp und eher stichwortartig geraten war. Nach einiger Zeit kam ich zu dem Entschluß, das Ganze in mehreren, kleineren Einzelschriften auszuarbeiten und dem, der solcher Nahrung bedarf, in dieser Form weiterzuvermitteln. Es soll dabei nicht verschwiegen werden, daß so manche Ereignisse im Verlaufe der letzten zurückliegenden Jahre meines Lebens mich zu den Studien bewogen haben, deren Ergebnisse nun in einzelnen Ausarbeitungen vorliegen. In dem hier Niedergelegten handelt es sich um Gedanken der Liebe zu Gott, die sich in der tätigen Liebe an dem Bruder und der Schwester ausdrückt, wie dies gerade auch der Jakobusbrief thematisiert, und dem darin bestehenden Zusammenhang mit der zu erwartenden Wiederkunft unseres Herrn. Hierbei will ich gern gestehen, diesen Brief vor den dieser Schrift zugrundeliegenden Studien nicht in diesem Licht gesehen zu haben. Der Jakobusbrief gehört ja, etwa neben der Offenbarung, den anderen Schriften des Johannes und nicht zuletzt gerade auch dem Hebräerbrief, nach wie vor zu den am meisten vernachlässigten, ja in seiner Bedeutung völlig verkannten Schriften des Neuen Testamentes.
So hört man relativ wenig von ihm, und viele kennen aus ihm nur wenige markante oder in gewissen Richtungen herausgenommene und besonders betonte Schriftstellen. Selbst Luther konnte neben der Offenbarung auch mit dem Jakobusbrief nicht allzuviel anfangen und nannte ihn, völlig zu Unrecht, wie ich meine, eine „stroherne Epistel”. Wenn ich das Nachfolgende niederschrieb, dann geschah dies jedoch nicht, um nun suggerieren zu wollen, etwas vor anderen erkannt zu haben, sondern gerade deshalb, weil mir gerade erst etwas zu leuchten begonnen hatte, wovon wir alle heute noch bestenfalls hilflos zu stammeln wagen. Noch immer staune ich über die ungewöhnlich hohe geistliche Dichte, die der Jakobusbrief aufzuweisen hat, und das umso mehr, je häufiger ich ihn lese. Und so ist mir gerade dieser Brief, den Jakobus eigentlich an jüdische Gläubige gerichtet hat (siehe dazu seinen Eingangsgruß im ersten Vers), woraus sich dann auch seine vielen Hinweise auf das Gesetz erklären lassen, zu einem besonders wertvollen und unverzichtbaren „Schatz” geworden.
Zur Thematik der sich den Geschwistern zuwendenden Liebe hat uns Jakobus in der Tat vieles zu sagen. Dem Johannes in seinem ersten Brief nicht unähnlich (1Jo 3. 10 - 16), so wird auch er in dem Zusammenhang des Beiseitesetzens von Geschwistern und des Verweigerns notwendiger Hilfeleistungen von Mord sprechen (Ja 2. 11 und 5. 6). Dieses Thema zieht sich – als ein maßgebliches – durch den ganzen Jakobusbrief hindurch, so daß es sich für unser Verständnis lohnt, den gesamten Brief durchzuarbeiten, um zu seiner Kernaussage zu kommen. Hier beginnen wir mit dem zweiten Kapitel. Zunächst rügt Jakobus das Zurücksetzen des Armen, das in dem Ansehen der Person seinen Ausdruck findet:
Meine Brüder, habt den Glauben unseres Herrn Jesus Christus der Herrlichkeit nicht in Verbindung mit Ansehen der Person. Denn wenn in eure Synagoge (d. h. Versammlung) ein Mann mit goldenen Ringen und in glänzender Kleidung hineinkäme und es käme zugleich ein Armer mit unsauberer Kleidung hinein, und ihr würdet auf den blicken, der die glänzende Kleidung trägt, und sagen: Setz du dich hierher auf den schönen Platz, während ihr zu dem Armen sagen würdet: Stehe du dort, oder: Setz dich hier unten an meinen Schemel, würdet ihr da nicht bei euch selbst Unterschiede machen und zu Richtern mit bösen Erwägungen werden?
Ja 2. 1 - 4
Jakobus beginnt unseren Abschnitt mit der Ermahnung, den Glauben unseres Herrn nicht in Verbindung mit dem Ansehen von Menschen zu bringen. Hier müssen wir zunächst bedenken, daß er nicht von einem Glauben an den Herrn Jesus spricht. Es geht eben gerade nicht umeinem Glauben, der von uns zu kommen, von uns auszugehen habe. Jakobus spricht von dem Glauben des Herrn Jesus Selbst. Dies nicht nur zu erkennen, sondern vor allem es wirklich anzuerkennen, ist für unser weiteres Verständnis ganz entscheidend. Wir reden hier freilich nicht einem Gnadenverständnis das Wort, das uns einreden will, daß es nicht mehr auf den Glauben ankäme. Es ist nur entscheidend, daß wir wissen, woher dieser Glaube kommt!
Ohne
Glauben ist es unmöglich, Ihm wohlzugefallen; denn wer zu
Gott kommt, der muß glauben, daß Er ist, und
denen, die Ihn ernstlich suchen, ein Belohner sein wird.
Wohl sollen wir glauben; nur besteht dieser Glauben eben gerade nicht in den Exerzieren und eigenen Ausleben geistlicher Prinzipien oder Formeln; er besteht vielmer in dem Annehmen dessen, was Gott in Seinem Sohn für uns schon erwirkt hat, in dem täglichen Anvertrauen an Seine Person. [1] Jakobus war dies alles nicht fremd, sonst hätte er dies so nicht geschrieben; es war ihm so ganz und gar, so völlig selbstverständlich, so daß ihm diese eine kurze Fügung genügte: „habt den Glauben unseres Herrn Jesus”. Hier sehen wir Jakobus´ deutliche Übereinstimmung mit allen seinen Brüdern, die noch mit Jesus unterwegs gewesen waren, die Ihn aus eigener Anschauung kannten, den Jüngern seiner Zeit. Und gerade auch mit Paulus, der als späte und „unzeitliche Geburt” mitunter dieselbe Fügung gebrauchte, stimmt er durchaus überein (Ga 2. 16, Eph 3. 12). Auch der Herr Selbst sprach ja nicht von einem Glauben an Gott, als Ausdruck einer von uns ausgehenden Anstrengung, sondern von dem Glauben Gottes, den wir haben sollten. Das ist ein fundamentaler Unterschied!
Jakobus hat uns aber noch etwas anderes zu sagen. Dieses „andere” wird für ihn nun zum ganz großen Thema. Für ihn geht der Glaube nicht vom Menschen aus, haben wir erkannt. Er führt zwar immer wieder zum Menschen hin, wie wir anhand der Liebe noch sehen werden, die diesem Glauben so eigen ist, so charakteristisch von seinem ganzen Wesen her; und doch und eben gerade darum orientiert, hängt er sich nicht an ihm, fragt nicht nach dem Sichtbaren, nicht nach dem Ansehen, nicht nach der Person. Vers 1 lautet wörtlicher: „Meine Brüder, habt den Glauben unseres Herrn Jesus... nicht im Ansehen der Person bestehend”, oder „der Glaube... bestehe nicht in dem Ansehen der Person”, und erklärt uns damit, daß der Glaube weder von menschlichem Ansehen ausgehen kann, noch einen Bestand in ihm hat, noch sich aus ihm speist, wenn er sich als „authentisch”, sich als „echt” erzeigen soll. Schon der Herr hatte gesagt:
„Wie könnt ihr glauben, die ihr Verherrlichung (o. Ehre; wörtlich: doxa, Herrlichkeit, Verherrlichung, Glanz) voneinander annehmt, aber die Verherrlichung, die vom alleinigen Gott ist, nicht sucht?”
Jo 5. 44
Dieser
Satz,
diese
Anfrage
an
die
Pharisäer,
die
ja
eigentlich
eine
Feststellung,
eine
Richtigstellung ihres Weges beinhaltet, wird sich auch Jakobus,
dem Herrnbruder, damals fest eingeprägt haben.
Der hier zu lebende Glaube, der Glaube, den Gott sucht, erzeigt sich also gerade nicht als vom Menschen her kommend. Und gerade deshalb ist er auch nicht von ihm abhängig, sucht die Ehre, das Licht, die Substanz nicht bei ihm. Es ist ja der Glaube unseres Herrn Jesus, der Glaube Gottes, der darum auch immer wieder zu Ihm, dem Vater, zurückkehren muß, um in Seine, in Gottes Ehre zu münden. Denn von Ihm ist er ausgegangen, und darum sucht er immer auch allein Seine Ehre, immer nach dem, was des Vaters ist (vgl. Ps 90. 3, auch Lk 2. 49). Es ist eben doch etwas anderes, die eigenen „Kräfte” einsetzen zu müssen, „Formeln” zu gebrauchen, „Prinzipien anzuwenden”, als Gott einfach nur in kindlichem Glauben zu folgen und Ihm – Tag für Tag aufs Neue – einfach und ganz schlicht nur zu vertrauen, einfach zu ruhen in dem, was Christus uns schon erworben hat, uns einfach nur führen zu lassen von Ihm, und das zu tun, was Er uns aufträgt.
Menschlicher Glaube, die in solchem Glauben immer liegende
Verherrlichung des Menschen und der Glaube Gottes
schließen darum einander so völlig und so
grundsätzlich aus, wie man etwas nur voneinander
ausschließen kann. Denn bei menschlichem Glauben steht immer der Mensch,
steht vor allem menschliches
Tun im Mittelpunkt, bekommt der Mensch die Ehre. So
erweist sich ein solcher Weg als ein gewaltiger
Etikettenschwindel. Hier wird unter dem Begriff „Glauben” eine
Gesetzesfrömmigkeit aufgerichtet und ausgeführt, die
auch Jakobus nicht gemeint hat! Wer heute immer wieder einmal an die eigene Glaubensbemühung
apelliert und Kindern Gottes (denn um solche geht es ja hier)
vorhält, „sie sollten endlich glauben”,
um aus solchem „Glauben” heraus dann dieses oder jenes
„Resultat” zu erzielen, der muß sich fragen lassen, an was
oder vielmehr an wen er
da eigentlich apelliert, wessen
Glauben es ist, den er da hervorbringen will, und vor allem,
von wem die
Kräfte kommen, die er da bewegen, die er da „in Gang
setzen” möchte. Von Gott kommen sie ganz gewiß nicht!
Im Verlaufe des Briefes werden wir immer wieder auf diese Art zu „glauben”, zurückkommen; uns wird vor allem zu beschäftigen haben, aus welcher Wurzel dieser „Glaube” sich nährt und wieviel Not dieser „Glaube” den Empfängern des Jakobusbriefes darum bereitet hatte. Wenn wir erst einmal die Wurzel dieses „Glaubens” erkannt haben, dann werden wir auch herausfinden, daß und vor allem warum dieser Art zu „glauben” die Liebe fehlt, jenes Element, das so untrennbar mit Gott, Seiner Nähe und Seiner Gegenwart zu tun hat, so unauflöslich mit Ihm verbunden ist, daß Johannes einmal schrieb: „Gott ist Liebe” (1Jo 4. 8). Ja, die fehlende Liebe unter uns ist eine große Not, und darum können wir uns auch auf die Gegenwart dessen nicht berufen, der diese Liebe ist und sie auch ganz neu wieder unter uns entfachen will. Nur allzu lange sind wir einer Bewegung nachgelaufen, die einen „Glauben” zelebrierte und noch immer zelebriert, der diese Liebe hervorzubringen weder die Kraft besitzt, noch diese Kraft jemals besitzen kann – gerade darum, weil dieser „Glaube” sich so sehr auf „Krafttaten”, große „Erfolge”, ja auf schier Außergewöhnliches berufen will.
Und so werden wir nicht nur erkennen, wie aktuell diese Not auch heute wieder ist; wir werden auch sehen, wie sehr sie zu unserer Not geworden ist. Vor Gott gelten ja nicht die außergewöhnlichen Taten etwas, die wir vollbringen wollen; Ihm geht es auch nicht um das „formal richtige” Tun, als das Halten von Regeln und Verordnungen; bei Ihm gilt der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist (Ga 5. 6). Liebe bezieht sich immer auf die Person. Und diese Person ist zunächst Gott, dann aber auch der Nächste – der Bruder und die Schwester, die Er mir zur Seite gestellt hat. Ein solcher Glaube ist also gefragt, der nicht nur „Werke der Liebe” hervorbringt, etwa im Sinne „christlicher Werke”, sondern dem anderen als seinem Gegenüber sein Herz öffnet, sich um ihn kümmert, sich ihm zuwendet, tagein, tagaus, im Großen wie im Kleinen (Ga 5. 6). [2]
Wir sehen
also, daß Jakobus gar nicht so weit von dem Apostel Paulus
entfernt ist, wie wir das manchmal gedacht haben! Wie Paulus, so
kommt auch Jakobus von der Gnade her, vom Glauben; wie Jakobus,
so vernachlässigt auch Paulus nicht das Werk, die Frucht
derselben Gnade, das Ergebnis desselben Glaubens. Beiden geht es
um den Glauben; beiden geht es aber auch um die Werke, um die
rechte Frucht dieses Glaubens. Und beide wissen
schließlich auch um die Quelle, aus der der Glaube kommt,
der diese Frucht hervorzubringen in der Lage ist. Am Ende aber
wird gerade Jakobus uns die Augen öffnen über die
Werke, die am Ende jenes falschen
„Glaubens” stehen werden, den er in seinem Brief thematisieren
wird: all diese Dinge werden zerschmelzen, werden verbrennen in
der Hitze des Feuers; nicht wird von ihnen übrigbleiben im
Gericht, wenn der Tag des Herrn kommt. Wie aktuell und brisant
ist darum doch sein Brief, wie eindrücklich und klar redet
er in diesen Fragen zu uns! Nein wir sollen nicht diesen Glauben
haben, der auf unserer
Kraft, auf unserer eigenen
Einwirkung beruht. Wir brauchen einen ganz anderen
Glauben, einen Glauben, der von Gott kommt! Bereits der Herr
sagte wörtlich:
„Habt den
Glauben Gottes” (Mk 11. 22).
Wie bei
Jesus, dem älteren Bruder, so handelt es sich also auch bei
Jakobus nicht um unseren Glauben, um unsere
„Anstrengung”. Auch bei ihm ist dieser Glaube ein Geschenk
Gottes, ja der Glaube Gottes Selbst.
Schon
eingangs läßt Jakobus uns darüber nicht im
Unklaren: Es ist dies gerade der Glaube eines Gottes, der allen großmütig gibt und
keine Vorwürfe macht (Ja 1. 5). Unser Gott gibt
gern und reichlich, und jedes
gute Geben und jede vollkommene Schenkung ist von oben, kommt
von dem Vater der Lichter herab, bei dem es keine
Veränderung gibt, keinen Wechsel zu Beschattung (Ja 1.
17) – und zwar
für alle ohne Unterschied; denn bei Ihm gibt es kein
Ansehen der Person (Apg 10. 34, Rö 2.11, Eph 6.9, Kol
3.25, 1Ptr 1.17). Er ist reich für alle, die Ihn anrufen (Rö 10. 12).
Haben wir Seinen
Glauben, wird dies an
genau derselben Haltung zu erkennen sein; wo nicht, ist unser
Glaube nicht in Ihm gegründet, nicht von Ihm. Deshalb ist
es geradezu unmöglich, im Glauben Gottes zu leben und gleichzeitig die
Person anzusehen. Dort, wo dies dennoch geschieht,
indem man sich somit an
Menschen und ihrem äußerlichen Erscheinungsbild
orientiert und daran den Glauben festmacht, hat man
sich von Gott entfernt und damit die Liebe in Person verlassen (Jo 4. 7 - 12). Ja,
der Glanz ist es,
jenes Leuchten und Strahlen, das den menschlichen Glauben immer
wieder so sehr beschäftigt. Oben haben wir ja über
diesen „Glanz”, diese „Ehre”, diese „Verherrlichung”, über
dieses kleine und doch so entscheidende, so gewichtige Wort „doxa”
gesprochen, über jene Dinge also, die sich so sehr an
Menschlichem, an Äußerlichem orientieren – an dem,
was wir sehen, was „vor Augen”
ist, am „An-sehen” im
Wortsinn. Dieses Ansehen äußerlichen Glanzes wird
Jakobus hernach als Götzendienst brandmarken, denn „doxa” –
Ehre, Verherrlichung – ist etwas, was nur Gott zusteht und nicht
Menschen.
Man erkennt
den Bruder und die Schwester nun nicht mehr nach dem, was Christus getan hat, sondern dem Fleische nach (2Kor 5.
16), als dem, was wir äußerlich meinen zu sehen und
erkennen zu können. Dies wird unweigerlich zu Unterscheidungen zwischen Geschwistern
führen, zwischen groß und klein, arm und reich. Ein solcher Glaube kommt nicht mehr
von Gott her und von Seinem Willen, sondern von dem, was man
an Menschen sieht und von daher als erfolgreich, als richtig
deutet, und gründet sich somit in dem, was vor Augen ist.
Schon hier wird deutlich, daß der, der die Person ansieht,
Gott zuvor aus den Augen verloren hat: Die Sünde gegen
Gott, nämlich – trotz jenes vermeintlichen „Glaubens” – Ihn
verlassen zu haben, mündet in die Sünde gegen den
Nächsten, den man in
einem solchen Stand nur noch in fleischlicher Weise erkennen
kann. Da der Blick nicht mehr auf den unsichtbaren
Herrn, sondern auf die sichtbare Person gerichtet ist (2Kor 4.
18), wird das Sichtbare
nun zum alles beherrschenden Maß, nach dem man zu „sehen”
meint. Erscheint uns dann der Nächste „in glänzender Kleidung”
– hier, in dem Wort lampro,
leuchten, finden wir auch unseren „Glanz”, unser
„Strahlen” wieder! – , so wähnen wir ihn „gut” und
„richtig”, sehen wir ihn aber in „unsauberer Kleidung”, fehlt uns also dieser
„Glanz”, so scheint er uns „schlecht”, „böse” und
„unzureichend” zu sein (Ja 2. 2). Armut und Mangel erscheinen
dem so Urteilenden bald als Zeichen des Unglaubens und eines
verkehrten Standes vor Gott, während das Erlangen von
Reichtum als erstrebenswert, als Zeichen rechten Wandels
gedeutet wird. So erliegt man alsbald der Versuchung, bei sich selbst Unterschiede zu
machen, und wird „zu Richtern
mit bösen Erwägungen” (Vers 4). Hier sehen wir, daß der
falsche Glaube in „böse Erwägungen”, das heißt
also in die Bosheit, in böse Gedanken hineinführt –
und darum zuletzt auch in Werke, die böse sind! [3]
Der Reiche
wird nun hofiert und angesehen – ob er vielleicht ein
großes Opfer geben wird? –, während der Arme, der nichts zu geben hat,
aufs Abstellgleis geschoben wird. Durch dieses Verhalten wird
der Arme dieser Welt, der in Gottes Augen doch zu einem
„Reichen im
Glauben und Losteilinhaber des Königreichs erwählt”
wurde, verunehrt (Verse 5 und 6). Besonders
kraß wird dies veranschaulicht in der dem Armen
hingeworfenen Anweisung
„setz dich
hier unten an meinen Schemel (grie. hypodion, d. h. das unter dem Fuß
Befindliche)”,
dem eine
Symbolik zugrunde liegt, die daraus herrührt, daß im
Altertum die besiegten Feinde nach dem Ende der Schlacht unter die Fußschemel bzw. zu
den Füßen der Sieger auf der bloßen Erde
präsentiert wurden, um
sie in den Staub zu demütigen und um ihre
völlige Unterwerfung und Unwürdigkeit anzuzeigen. Über den
Herrn wird ausgesagt, daß
Gott Seine Feinde unter den Schemel Seiner Füße
erniedrigen wird (siehe Mk 12. 36, Lk 20. 13, Apg 2. 35, vgl.
Hbr 1. 13 usw). Der Fußschemel (hypodion) des Herrn ist
die Erde selbst (Mt 5. 35), und die Füße des
Christuskörpers stellen die auf der Erde wandelnde Gemeinde
dar. Da die Armen nun das schöne Bild der perfekt
organisierten Gemeinde trüben, stören sie nur;
während der Reiche auf den vorderen Plätzen
präsentiert wird, stellt man die Armen in der Gemeinde
Unwürdigen, Feinden und Ungläubigen gleich. Man behandelt sie also wie Feinde,
die man sich unterworfen hat. So werden sie hinter alle
anderen zurückgesetzt und – um in dem
Bild des Fußschemels zu bleiben – wie die Erde, auf
denen die Füße gehen, oder um es deutlicher zu
sagen, wie Schmutz, wie der „Auskehricht dieser Welt” (1Kor 4.
13) behandelt und „in den Staub” erniedrigt. Nach
jüdischem Verständnis und nach dem Gesetz gilt er
somit als unrein, da die Füße die Erde
berühren (siehe 2Mo 30. 17 - 21 und 40. 30 - 32, Jo 13.
10). Damit ist ihm der Eintritt ins Heiligtum verwehrt. Man
plaziert ihn somit an den Rand des Geschehens – wie die
Aussätzigen etwa, die außerhalb des Lagers leben
mußten (vgl. 3Mo 13. 45 - 46 und 14. 3). In diesem Tun
und den damit einhergehenden „bösen Erwägungen”
erhebt man sich zu Richtern über dem Armen (Ja 2. 4).
Das ist, grob skizziert, der eigentliche Inhalt, der „Kern” des
hier Ausgedrückten, wie auch Jakobus, der ja von der
jüdischen Bibel her argumentiert, ihn kaum anders erkannt
haben dürfte.
Jakobus
bleibt hier jedoch nicht stehen, sondern geht folgerichtig
weiter:
„Ihr aber entehrt den Armen. –
Sind es nicht die Reichen, die euch unterdrücken? Gerade
sie ziehen euch vor die Richter! Lästern nicht sie den
edlen Namen, der über euch angerufen wird?”
Der Arme
wird verunehrt und unterdrückt. Das Wort entehren (grie. atimazo)
bedeutet nicht ehren,
mißachten, verächtlich behandeln, beschimpfen,
zurücksetzen, jemandem etwas mißgönnen und
entziehen: was dem Armen rechtmäßig zusteht, wird ihm hier durch
Nichtgewähren entzogen; durch ihr Zurücksetzen
klagen sie ihn an, gerade weil
er so arm ist. Hierin verhalten sie sich keinen
Deut besser als die Reichen dieser Welt, die sich nun ihrerseits das Recht herausnehmen,
sie selbst zu unterdrücken und vor die Richter zu zerren
(Vers 6b), wenn und gerade weil sie ihren „Ansprüchen”
nicht genügen können. Die Welt sieht nun wiederum ihre
Armut; und gerade diese Armut suggeriert ihr, sich daraus das
vermeintliche Recht an ihnen herzuleiten, sie zu bedrücken,
zu richten und auszugrenzen. Hier
kündigt sich schon jene Unterdrückungshierarchie an,
von der der Herr sagte, daß sie unter den Jüngern
keinen Gebrauch finden darf. Eben durch solche
Verhaltensweisen lästern
„sie den
edlen Namen, der über euch angerufen wird” (Vers 7).
In dem
„edlen Namen” erkennen wir den „Namen über alle Namen”, den
Namen unseres Herrn Jesus. Auch
Er, der arm war in sich selber, doch reich in Gott (vgl. Jo 5.
19, 6. 38, 8. 28, 2Kor 8. 9 u. a.), wurde verachtet und
geschmäht; auch Ihn traf die Schmach der Frommen und
Selbstgerechten, und ihre falsche Anklage lieferte Ihn zuletzt
dem Todesurteil aus, das durch eine weltliche Gerichtsbarkeit
vollstreckt wurde – „außerhalb des Lagers”,
„draußen vor dem Tor” (vgl. Mt 27. 1 - 2, Hbr 13.
11 - 13). Im Mißachten, Zurücksetzen und Aburteilen
des Armen in der Gemeinde, der zwar arm in den Augen der Welt
erscheint, doch von Gott zu einem Reichen im Glauben
erwählt wurde (Vers 5), wiederholt sich dies nun. – In
völligem Gegensatz dazu lehrte jedoch schon Paulus,
„welche uns
die weniger geehrten Glieder des Körpers zu sein
scheinen, diesen legen wir weit mehr Ehre um. So erhalten
unsere unschicklichen Glieder weit mehr Wohlanständigkeit
...”,
da Gott
Selbst den Körper so zusammengefügt hat,
„daß Er dem
Glied, das im Nachteil ist, weit mehr Ehre gibt, damit keine Spaltung (!) im Körper entstehe, sondern
die Glieder dieselbe Sorge
füreinander haben.”
1Kor 12. 22 - 26
Als Antipol
zu dem bisher geschilderten Verhalten erklärt Jakobus den
Empfängern seines Briefes nun das göttliche Gesetz:
„Wenn ihr
allerdings das
königliche Gesetz vollbringt nach dem Schriftwort: Du
sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3Mo 19.
18), so handelt ihr trefflich. Wenn ihr aber die
Person anseht, wirkt ihr die Sünde und werdet vom Gesetz
als Übertreter überführt. Denn wer das ganze
Gesetz halten will, aber in einem strauchelt, ist allem
verfallen. Denn der gebot: Du sollst nicht ehebrechen, sagte
auch: Du sollst nicht
morden (2Mo
20. 13, 14). Wenn du
zwar keinen Ehebruch treibst, aber mordest, bist du zu einem Übertreter
des Gesetzes geworden”
Das Gesetz
Gottes mündet unmittelbar hinein in das Doppelgebot der
Liebe: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit deinem ganzen
Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen
Verstand, und du sollst
deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In der Liebe ist
das Gesetz begründet und zusammengefaßt; hierin liegt
das ganze Gesetz und die Propheten, sagte der Herr (Mt 22. 37 -
40 u. a.). Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes; jedes
einzelne Gebot gipfelt in dem Wort „Lieben sollst du deine Nächsten wie dich selbst”
(Rö 13. 8 - 10, Ga 5. 14). Gegen solche, die in
Liebe wandeln, gibt es kein Gesetz (Ga 5. 22, 23 und 1Tim 1. 9),
und „die Vollendung aber der
Anweisung ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und
ungeheucheltem Glauben” (1Tim 1. 5). Dieses Lieben des
Nächsten, und zwar so, als
sei er an des Liebenden Stelle („wie dich selbst”) ist
das königliche Gesetz,
von dem Jakobus hier spricht. Das hat nichts mehr mit
Selbstliebe zu tun!
„Ehebruch” ist nun
gleichbedeutend mit einer Übertretung des Gesetzes
(Gesetzesbruch). Das abtrünnige Israel wird in der Schrift
des öfteren als Ehebrecherin
betitelt, da es den (Ehe-)
Bund mit Gott verlassen und Sein Gesetz gebrochen hat (vgl. Jes 57.
3 - 8; Jer 3. 6 - 13 und 20, Kap. 7. 8 - 9, Kap. 9. 1 , 12 und
13, Kap. 13. 27; Hes 23; Hos 2. 4, Kap. 3. 1 u. a.). Jakobus
kommt in seiner Erläuterung vom Gesetz her; seine
Terminologie dürfte den Empfängern seines Schreibens,
die aus dem Judentum kamen (Ja 1. 1), geläufig gewesen
sein. Ehebruch bezieht sich hier
eindeutig auf die Beziehung zu
Gott, während
Mord die Beziehung zu dem Nächsten
kennzeichnet – als dem armen
Bruder, den man wegen seiner Armut vorhin so schmählich
in den Staub erniedrigt hat. Hierbei wird deutlich,
daß der Mörder keinen Vorzug vor dem Ehebrecher hat
(als dem, der Gott verließ); beide haben denselben Stand. Der Mordende ist
ebenso ein Gesetzesbrecher wie derjenige, der die Ehe gebrochen
hat; beide stehen so in der Schuld und unter dem Gericht des ganzen Gesetzes wie jedes
einzelnen Gebotes, und daher ist auch das Urteil, Gott verlassen
zu haben, über beiden gleich. Denn der Mord jener
Selbstgerechten bestand ja gerade darin, den Armen nicht etwa
aus seiner Armut aufzuhelfen, sondern ihn gerade wegen seiner Armut
herabzuurteilen und als zum „Gemeindebetrieb” vermeintlich
Unwerten zurückzusetzen. Das aber ist nichts Anderes als
eine Form religiöser Euthanasie, des Mordes an dem Schwachen, an dem Bruder und
der Schwester, die man der Hilfe nicht wert achtet (vgl. Jer 23.
1; Hes 34. 3 - 5, 10, 20 - 22). Der also die Person
ansieht und den Reichen, der etwas zu geben hat, dem
Armen, der nichts zu geben hat, vorzieht und den Armen somit
erniedrigt, richtet den Armen und mordet - genau dieses Verhalten bezeichnet
Jakobus als Mord, und führt aus, daß die, die
solches verüben, als Abtrünnige und Ehebrecher (Ja
4. 4) nach dem Gesetz ein Urteil zu erwarten haben, d. h. vom
und nach dem Gesetz gerichtet werden.
Weiter heißt es:
„So sprecht nun (‚von nun an’) und so handelt als solche, die
künftig durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden.
Denn das Gericht ist unbarmherzig gegen den, der keine
Barmherzigkeit geübt hat. Barmherzigkeit rühmt sich
gegenüber dem Gericht.”
Das „Gesetz der Freiheit” legt
den Maßstab der Liebe an. Der Unbarmherzige hat in
dem Urteil des Gesetzes keine Barmherzigkeit zu erwarten,
während Barmherzigkeit sich gegenüber dessen Gericht
rühmen kann, da gegen den Liebenden und Barmherzigen kein
Gesetz besteht (Rö 13. 8, 1Tim 1. 9).
„Glückselig sind die sich Erbarmenden; den sie sollen
Erbarmen erlangen”,
lautete schon die fünfte Seligpreisung Jesu (Mt 5. 7). Angesprochen sind
hier nicht die, die ein Gefühl
des Mitleids und der Barmherzigkeit pflegen, sondern die
sich Erbarmenden, mit den Worten des Jakobus diejenigen, die in
der Tat Barmherzigkeit üben
(Vers 13). Dies ist eine bewußte, aktive Handlung aus
einem liebenden Herzen heraus. – Von nun an, nachdem eben
ihre verkehrte Haltung angesprochen und berichtigt worden ist,
sollen die Empfänger des Briefes so sprechen, d. h. urteilen,
und als solche handeln, die durch dieses Gesetz gerichtet oder beurteilt werden. Im
Folgenden wird Jakobus beschreiben, worin diese Barmherzigkeit
besteht – nämlich in dem
Bekleiden des Nackten und dem Sättigen des Hungrigen, den
Gott uns als unseren Bruder und unsere Schwester an die Seite
gestellt hat (Ja 2. 14 - 17).
Statt einem
solchen Glauben, der sich an
Werken der tätigen Nächstenliebe an dem Bruder und
der Schwester erzeigt, hing man indessen einer
„Weisheit” an, die jedoch keine ist: Man verwechselte
offensichtlich den durch die Liebe wirksamen Glauben (Ga 5. 6,
Ja 2. 14 - 26) mit dem Anwenden
vermeintlicher Weisheit und spezieller „Erkenntnis”, die nun dafür sorgen sollte,
daß den irdischen Bedürfnissen, ja den
„Lüsten” der Gemeindeglieder Rechnung getragen würde
(Ja 4. 2)! [4]
Eine
Grundproblematik in den Gedankengängen der
Briefempfänger bestand ganz offensichtlich darin, den Glauben vom Werk der Liebe
abgekoppelt zu haben. Bereits in 2. 18 hat demzufolge
der Apostel sie herausgefordert, ihm ihren Glauben
ohne Werke zu zeigen; so
würde er ihnen seinen
Glauben aus seinen Werken zeigen. Glaube an sich ist
unsichtbar. Und doch „sieht” man ihn – wenn er echt ist. Hier
fragt er nun, nachdem er davor gewarnt hat, daß allzuviele
sich als Lehrer gebärden (3. 1), wer unter ihnen weise und
ein Meister sei; ein solcher solle seine Werke in der Sanftmut
der Weisheit zeigen. Wer weise ist, der kann auch andere lehren;
strauchelt er in keinem Wort, ist er als gereifter Mann
imstande, auch den ganzen Körper zu zügeln (3. 2) –
ein Meister. Nur ein Weiser
kann den Weg weisen, und Sanftmut ist das Zeichen, daß
er auch ein Weiser ist. – [5]
Bereits am Beginn des dritten
Kapitels vergleicht Jakobus das Lehren (3. 1 - 2) und die
damit verbundene Betätigung der Zunge (3. 3 - 5) mit dem
Lenken des Steuerruders. Der ganze Körper wird
durch die Zunge – unser Reden – beeinflußt und gesteuert,
wie das Gebiß die Pferde (Ver 3), und ein Ruder ein Schiff
lenkt (Vers 4). Die Zunge
lenkt unseren Körper wie auch den der Gemeinde; sie
bewirkt eine Frucht, und sie offenbart, was in uns ist.
„Entweder
macht den Baum edel, dann ist auch seine Frucht edel; oder
macht den Baum faul, dann ist auch seine Frucht faul; denn an
der Frucht erkennt man den Baum. Otternbrut! Wie könnt
ihr, die ihr böse seid, Gutes reden? Denn aus der
Überfülle des Herzens spricht der Mund”,
hatte der
Herr schon den Pharisäern zu sagen (Mt 12. 33 - 34). Wie das
Reden der Pharisäer dort dem Herrn ihre innerliche
Fäulnis, und an dieser wiederum ihre geistliche Herkunft
als Brut von Schlangen offenbarte, so offenbarte das Reden der
Gemeindeglieder hier, daß sie sich nicht in der Weisheit
befanden, da sie wohl den Herrn und Vater segnen, gleichzeitig
aber in ihrem aburteilenden Verhalten gegenüber dem Armen,
wie dies zuvor von Jakobus erörtert worden ist (2. 1 - 13)
jenen Menschen von ihrer vermeintlich „hohen Warte” herab fluchten (grie.
kat-aráomai, herab-verwünschen; von oben herab
etwas Böses anwünschen; sinnverwandt mit „zurück - oder
herunterstoßen durch schlechtes Reden oder Richten”),
die doch in Seiner Gleichgestalt erschaffen worden sind (3. 9).
„Aus ein und demselben Mund geht Segen und Fluch aus. Dies,
meine Brüder, braucht nicht so zu sein. Die Quelle
sprudelt doch nicht aus demselben Loch süßes und
bitteres Wasser...”,
sagt Jakobus (3. 10 - 12), bevor er die Frage nach der
Weisheit aufwirft (Vers 13). [6] Sie
aber hatten nicht das Süßwasser der Weisheit, sondern
statt dessen bittere Eifersucht und Ränke in ihren Herzen
(Vers 14). Wie schon der Sauerteig der Pharisäer nicht mit
dem Brot des Lebens (vgl. Mt 16. 6 - 12), so geht auch hier
Süßes und Bitteres nicht zusammen. Genau deshalb
verwehrte Jakobus ihnen schon im Vorfeld des hier Gesagten,
daß allzuviele Lehrer würden, weil sie gerade nicht
die notwendige Weisheit besaßen, um den Körper in die
richtige Richtung lenken zu können (3. 2) und so schnell
einem Gerichtsurteil anheimfallen würden (3. 1). Weisheit haben, Lehren und Meister
sein gehören zusammen: Schon zur Zeit Jesu wurden die
Lehrenden als Lehrmeister betitelt. [5]
Hieran
krankt diese Gemeinde: Jeder
will Anführer, will Lehrer sein. Jeder will
‚befördert’ werden, will zu dem erlauchten Kreis derer
gehören, die sich ihrem Verständnis nach für
weise, für clever genug halten, um irgend etwas zu
erwerben und den anderen vorweisen zu können. Jeder will
zu den ‚Glaubenden’ und ‚Weisen’ zählen. Dabei
war ihre „Glaubenslehre” so grundverschieden von der, die
Jakobus ihnen ins Gedächtnis rufen will, und ihre
„Weisheit” war eine andere als die, die die Schrift lehrt.
Während die Weisheit von oben in der Furcht des Herrn
begründet ist (Spr 1. 7, 29, Kap. 4; 11. 2 u.a.), und sich
auch dem Nächsten gegenüber dementsprechend
beträgt, bestand ihre Weisheit im wesentlichen darin,
vermeintlich zu wissen, wie das Begehren und die Lüste der
diesseitigen Welt zu stillen wären. Dies deutet auf
dieselben Lehreinflüsse hin, die auch schon Paulus
anprangerte und als sogenannte Gnosis entlarvte: Ihre vermeintliche
„Wissensweisheit” ersetzte die Weisheit von oben.
An solcher Weisheit von oben jedoch
mangelte es ihnen:
„Wenn ihr aber
bittere Eifersucht und Ränke in eurem Herzen habt, prahlt
und lügt ihr da nicht wider die Wahrheit?”
Das
Zurücksetzen jener, die aufgrund ihres Mangels nach ihrem
Verständnis von Weisheit zurückgefallen waren, wie
gleicherweise das Bevorzugen des Reichen führte zu
Ränken und bitterer Eifersucht. Jeder wollte vorne sein -
auf dem schönen Platz, auf dem der Reiche schon in Kap. 2.
3 präsentiert worden war. Dem Stigma, als unter den
Füßen der „Besseren”, der „Wissenden” sitzend
erniedrigt zu werden, an den Rand gestellt und als
„Außenseiter der Gemeinde” gebrandmarkt zu sein, wollte
sich niemand aussetzen. Da man sich selbst für so weise
hält, daß man nur allzu gern andere belehren will,
lügt man wider die Wahrheit, die Jakobus ihnen schonungslos
aufdeckt:
„Dies ist
nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern eine, die
irdisch, seelisch, dämonisch ist” (Vers 15).
Bereits
ihren Glauben hat er als einen solchen entlarvt, der auch den
Dämonen zu eigen ist, da er ohne Werke der sich dem
Nächsten zuwendenden Liebe auszukommen meinte (2. 19). Wie
dort, so begründet er auch hier seine Aussage:
„Denn wo
Eifersucht und Ränke herrschen, dort ist auch Aufruhr und
jede schlechte Sache” (3. 15, 16).
Nun stellt
er der vermeintlichen die echte, die göttliche Weisheit
gegenüber:
„Die Weisheit
aber von oben ist vor allem lauter, darauf friedsam, gelinde,
fügsam, angefüllt mit Erbarmen und guten
Früchten, nicht Unterschiede machend, ungeheuchelt. Die
Frucht aber der Gerechtigkeit wird für die in Frieden
gesät, die den Frieden wirken.”
Nur diese
Weisheit vermag auch gute Früchte hervorzubringen. Früchte aber sind stets
für andere da; man kann sie essen: indem jeder sie
genießen kann, bewirken sie Gerechtigkeit. Damit ist
Gerechtigkeit die Quelle des Friedens untereinander. Wo
dieser Friede nicht vorhanden ist, muß daher auf einen
Mangel an Gerechtigkeit und – darauf schließend – auch auf
einen Mangel an Weisheit geschlossen werden. Ganz offensichtlich
war dies auch bei Jakobus' Adressaten der Fall. Daß ihrem
ganz offensichtlichen Mangel an Weisheit begegnet wird, ist ihm
daher ein führendes Anliegen. Schon zu Beginn seines
Briefes rät er dem, den es an Weisheit fehlt, sie von Gott
zu erbitten,
„der allen
großmütig gibt und keine Vorwürfe macht, und
so wird ihm gegeben werden” (1. 5).
Allein dies
schon vermag uns nur allzu deutlich zu sagen: Die Weisheit, die Gott zu geben
hat, ist die Weisheit Dessen, der Sich allen zuwendet, indem Er
einem jeden
großmütig gibt, und die des Einen, dem Vorwurf und
Anklage fremd sind. Die Art und Weise, in der Gott Sich
uns zuneigt, offenbart Seine Weisheit; und die Art und Weise, in
der wir uns Gott und dem Nächsten zuwenden, verrät
wiederum, ob wir uns in echter oder nur in vermeintlicher
Weisheit bewegen. Dementsprechend nun beschreibt Jakobus diese
Weisheit, die Gott zu geben hat, und die im Gegensatz zu ihrer
vorhin vom Apostel umrissenen Fälschung wirklich von oben
kommt (3. 17).
Im
Gegensatz zu den ‚Ränken’ und der ‚bitteren
Eifersucht’, denen die Empfänger seines
Briefes so sehr ausgeliefert waren (Vers 15), ist diese Weisheit
zuallererst lauter.
Böse Erwägungen und Erheischen von Vorteilen sind ihr
fremd. Gerade deshalb kann sie friedsam,
gelinde
und fügsam sein. Schon
Paulus
mahnte
die
Kinder
Gottes
dazu,
ihre
Lindigkeit
allen
bekannt werden zu lassen, und damit allen zu zeigen, daß
der Herr nahe ist (Phil 4. 5). Dies schließt vor
allem jenes tätige Erbarmen in sich ein, an dem es den
Empfängern des Jakobusbriefes so sehr gebrach. Durch dieses
Erbarmen werden die guten Früchte des Glaubens sichtbar und
können von allen Menschen erkannt werden; und genau
dasselbe Erbarmen ist es, das durch und in seiner dem
Nächsten gegenüber ausgedrückten herzlichen Liebe
keine Unterschiede macht. Die
Liebe erwartet keine Gegenliebe; sie liebt um der Liebe selbst
willen. Sie hat es daher nicht nötig, dem
Nächsten etwa eine Ergebenheit zu heucheln, um bei ihm
etwas zu erlangen. Sie kann sich auch nicht über ihn
stellen, wie dies hier dem Armen gegenüber getan worden
war. Sie ordnet sich nicht
über, sondern gerade unter den Nächsten ein: Sie ist
fügsam (3. 17). [7] Dies alles macht den
Menschen fähig zum Frieden mit Bruder und Schwester. Nur
ein solcher kann „den Frieden wirken” (Vers 18); und dies ist –
ganz im Gegensatz zu einem auch heute vielfach gelehrten
Verständnis – die eigentliche
Saat, die hier gesät werden soll.
Doch kehren
wir noch einmal an den Anfang dieses Abschnittes zurück.
Jakobus schreibt hier nicht einfach nur, daß diese
Weisheit rein sei.
Nein, lauter ist sie.
Hier ist ein tieferes Verständnis des Wortes nötig.
Die griechische Übersetzung für lauter ist hagnon, und bedeutet
gereinigt, geläutert seiend; ganz offensichtlich ist die Verwandtschaft mit dem Wort
Hagiasmos, Heiligung,
mit dem sie denselben Wortstamm teilt. Hier wird deutlich, daß diese
Weisheit keine ist, die der Gläubige sich selbst etwa
mühsam angeeignet hatte; denn dann wäre es dieselbe
menschliche Weisheit geblieben, von der Jakobus zuvor
gesprochen hat. Diese Weisheit ist eine, die dem
Gläubigen allein auf dem Weg des Zerbruches, der
Reinigung und Läuterung durch Gott geschenkt worden ist,
nachdem er an das
Ende aller eigenen Weisheit gekommen ist. Das Läutern des Silbers ist
ein im Alten Testament gängiger Passus und bezeichnet den
Vorgang, den der Schmelzer ablaufen läßt, der das
noch verunreinigte Erz oder Rohmetall jener Reinheit
zuführen möchte, die von ihm gewünscht wird (vgl.
Hi 28. 1 - 2, Ps 12. 7 und 66. 10, Spr 17. 3 und 25. 4 - 5; Jes
48. 10, Hes 22. 17 - 22, Sa 13. 9, Mal 3. 3 u. a. m.; siehe auch
1Ptr 1. 7, Off 3. 18). Das flüssig erhitzte Kupfer, Silber
oder Gold scheidet dabei die unreinen Inhaltsstoffe aus, da sie
leichter sind als das Metall selbst, und darum an dessen
Oberfläche schwimmen. Dieser Vorgang wird meist mehrmals wiederholt, solange
nämlich, bis das Silber so rein ist, daß es verwendet
werden kann (vgl. Jer 6. 29). Dies wird immer wieder auf die Art
und Weise bezogen, in der Gott mit Seinem Volk umging und noch
immer umgeht, um es zu reinigen und letztlich seiner Bestimmung
zuführen zu können: Das edle Metall, das es dabei aus
der Schmelze hervorzubringen gilt, kommt so mehr und mehr
heraus, und die unreinen Schlacken als jene Materialien, die in den Augen des Schmelzers als
zu leicht erfunden worden sind, werden abgetan; dort
heißt es bei Gott mit den gleichen Worten, die Er schon
bei dem König Belsazar an die Wand schreiben ließ: „Gewogen,
gewogen und zu leicht erfunden!” (vgl. Dan 5. 5 und 25
- 30).
Hier haben wir ein Feuer, das von Gott kommt,
während die, denen Jakobus schrieb, es mit einem fremden, als der Hitze
des Begehrens und Eiferns zu tun hatten (4. 1 - 3). Hier ist
das echte Feuer, dort das fremde. So offenbart sich die ganze
Frömmigkeit, der man anhing, als ein vor dem Herrn
dargebrachtes falsches Feuer. In gleicher Weise nun,
wie das Feuer Gottes schon die Söhne Aarons verzehrte,
nachdem diese es gewagt hatten, vor dem Herrn ein fremdes Feuer
zu entfachen, das Er nicht geboten hatte (3Mo 10. 1 - 7, 4Mo 3.
4 und 26. 61), so werden am Tag des Herrn auch jene durch das
Feuer des Gerichts hindurch zu gehen haben, die zwar heiß,
wörtlich siedend waren in dem Stillen ihrer Begierden, doch
es nicht zuließen, daß Gott sie davon reinigte,
damit diese Dinge ausgeschmolzen würden. Diese Botschaft
ist auch eine des Jakobusbriefes, wie wir dies bis zum Ende
dieser Abhandlung noch sehen werden. - Lesen wir doch einmal,
was Jesaja sagte:
„Die Sünder zu Zion sind
erschrocken, Zittern hat die Heuchler ergriffen: Wer von uns
kann bei einem verzehrenden Feuer wohnen, wer von uns kann bei
der ewigen Glut bleiben?” –
um gleich
darauf die Antwort zu geben:
„Wer in Gerechtigkeit wandelt
und aufrichtig redet; wer verschmäht, durch Bedrückung
Gewinn zu machen; wer seine Hände abzieht, daß er
keine Bestechung nehme; wer seine Ohren verstopft, daß er
nicht von Blutvergießen höre; wer seine Augen
zuschließt, daß er Böses nicht ansehe.”
Gott ist
der himmlische Schmelzer, der solange an uns arbeitet, bis die
unreinen Schlacken alle an die Oberfläche kommen und
abgetan werden können. Der Zerbruch der eigenen
menschlichen Stärke, den wir alle törichterweise so
gerne umgehen möchten, bedeutet Demütigung. Der Leser täusche sich an
dieser Stelle nicht: Es gibt nichts, was Gott gebraucht, und
was Er nicht zuvor läutern, reinigen und heiligen wird.
Sogar über Seinem eigenen Wort wird ausgesagt, daß
es siebenfach geläutert worden ist. Ps 12. 5 lautet:
„Die Worte Jawes sind reine Worte, Silber, geschmolzen im
irdenen Tiegel, siebenfach gefiltert (oder
geläutert)”,
was wir
leicht nachvollziehen können, wenn wir uns dazu etwa die
recht abenteuerliche Entstehungsweise des biblischen Kanons
veranschaulichen würden. Wieviel mehr wird der Herr, der
sogar Sein Eigenes Wort im Schmelztiegel reinigt – und dies
siebenmal – dies bei Seinen Kindern nötig haben. – Viele,
allzu viele tun jedoch diese Wahrheit, der heutigen Mode – und
Lehre! – folgend, zu ihrem eigenen Schaden schon
standardmäßig als „nur religiös” ab. Es wird jedoch keineswegs
möglich sein, in eigener Stärke vor Gott auch nur zu
stehen, geschweige denn zu bestehen.
„Bevor
Du mich demütigtest, irrte ich”, weiß schon
der Psalmist zu sagen (Ps 119. 67). Eine solche Weisheit ist
die, die von oben kommt: Es
ist die Weisheit der Gedemütigten, der Gebrochenen und
Zerschlagenen, jener Gerechten also, bei denen der Herr wohnt
(vgl. Ps 34. 16 - 20; Jes 57. 16, 66. 2), und die nichts
Eigenes mehr zu bringen haben. Es ist in Wahrheit die Weisheit
derer, die sich selbst gestorben sind; derer, die sich selbst
verleugnen können, da sie damit aufgehört haben,
sich selbst behaupten zu müssen (vgl. Mt 16. 24 -
25, Mk 8. 34 - 35). – Die, denen sie geschenkt wird, sind darum
nimmermehr daran interessiert, ihr Eigenes darzustellen, sich
selbst in den Vordergrund zu rücken und begehren zu wollen,
da sie nun mit dem Liede zu sagen wissen: „Nichts hab’ ich zu bringen
– alles , Herr, bist
Du”.
Nun kommt Jakobus wiederum auf
die Zustände unter seinen Empfängern zu sprechen:
„Woher kommen
Streit und woher Zank unter euch? Kommen sie nicht von hier: aus euren Lüsten,
die in euren Gliedern Krieg führen? Ihr begehrt und habt doch
nichts; ihr mordet und
eifert und könnt doch nichts erlangen; ihr zankt und
streitet und habt nichts davon, weil ihr nicht bittet. Ihr
bittet und erhaltet nichts, weil ihr übel bittet, um es für eure Lüste
zu verbrauchen.”
Immer
deutlicher, immer klarer werden damit die eigentlichen Beweggründe der hier
Angesprochenen und damit die wahren Hintergründe ihrer
vermeintlichen Frömmigkeit. Das, was sie für Glauben,
ja für Weisheit hielten, sollte ihnen dazu dienen, etwas zu
erlangen und ihr Begehren zu stillen. Ihr Sinnen und Trachten
war zuerst auf das Irdische ausgerichtet; ihr Glaube war von
egozentrischer, weltlicher, materialistischer Natur. Alles in
diesem Glauben hatte sich dem
Begehren und dem Sich Nehmen unterzuordnen; als ‚weise’
nach diesem Verständnis galt, wem es gelang, durch
‚Glauben’ möglichst viele materielle oder auch sonstige
Güter anzuhäufen, und als ‚unweise’, wer diese ‚Kunst’
nicht beherrschte und solcherlei ‚Segnungen’ dann auch nicht
aufzuweisen hatte. Wer in diesem Sinne reich war, wurde
erhöht, während der Arme erniedrigt wurde. Dies
erklärt den vielen Streit und Zank in dieser Gemeinde, in
der es demgemäß Reiche und Arme, ein ‚Oben’ und ein
‚Unten’ gab. Unter ihnen war eingetreten, was Jakobus vorhin
beschrieb:
„Wo
Eifersucht und Ränke herrschen, dort ist auch Aufruhr und
jede schlechte Sache” (Kap. 3. 16).
Hier
offenbart sich eine Frömmigkeit, die allein die Lüste und das Begehren
bedient, und dabei Gott und den Nächsten aus dem Blickfeld
verloren hat:
„Woher kommen
Streit und ... Zank unter euch? Kommen sie nicht... aus euren
Lüsten, die in euren Gliedern Krieg führen?”
Die
Lüste und Begierden des Fleisches, die in eben diesem
Fleisch Krieg führen (2Ptr 2. 11), offenbaren sich und
ihren Krieg nun in der Gemeinde, da man ihnen Raum gibt: „Ihr begehrt” (Vers 2). Dies
ist ein deutlicher Affront gegen Gott, dessen Gesetz gebot: „Nicht begehren sollst du!” (2Mo
20. 17, Rö 7. 7). Schon Paulus warnte davor, dem
Widersacher Raum zu geben (Eph 4. 27). Jakobus wird
demgemäß später dazu auffordern, dem Widerwirker
zu widerstehen, und
sich gleichzeitig Gott zu nahen (Vers 7), was anzeigt, daß
dieses Begehren sie in die Nähe des Teufels, und in die
Trennung von Gott geführt hatte. Dasselbe Begehren, durch
das die Gemeinde nun dem Widersacher Raum gab, führte zum
Verachten, Zurücksetzen und Aburteilen des Geringen als
dem, der nichts hatte und daher mit dem „Erfolgreichen” im
Wettlauf um die Anerkennung der Gemeinde nicht mithalten konnte:
„Ihr mordet” (Vers 2b).
Das ist nun das zweite Mal, an dem dieses Wort von Jakobus
gebraucht wird, und es wird nicht das letzte Mal sein (Ja 5. 6).
Und doch
müßte ihnen indessen aufgegangen sein, daß
alles in allem das System nicht funktionierte, das sie sich
selbst errichtet hatten:
„Ihr mordet
und eifert und könnt doch nichts erlangen” (Vers 2b).
Der
Brudermord war das Ergebnis maßlosen Eiferns um Gewinn.
Das griechische Wort für eifern
oder eifersüchtig
sein ist zeloo,
sieden. Im hitzigen Streit um die besten Plätze
und den größten Gewinn schreckt man so vor dem Bruder
und der Schwester nicht zurück. Ihre Zurücksetzung und
Verurteilung ist eine feste Einrichtung dieses Systems: Selbst voranzukommen
erscheint als das Maß aller Dinge, und das um jeden Preis,
den der andere zu
zahlen hat. Vor lauter Gier und Argwohn kocht man dabei
regelrecht über. – Alles Begehren und Streben bleibt jedoch
ohne Ergebnis: Niemand kann durch Sorgen seinem Wuchs auch nur
eine Elle hinzufügen, sagte der Herr (Mt 6. 27). Gott
bleibt immer noch Gott, und allein Er fügt hinzu, wessen
wir bedürfen, wenn wir auf Sein Königreich und dessen
Gerechtigkeit ausgerichtet bleiben (Mt 6. 33). Schon der
Psalmist sagte: „Habe deine Lust
an dem Herrn,
und Er wird dir geben, was dein Herz
begehrt” (Ps 37. 4). Sie aber hatten Sein Reich und die
Lust an dem Herrn mit
äußerlichem Begehren, mit der irdischen Befriedigung
ihres fleischlichen Verlangens und ihrer menschlichen
Bedürfnisse verwechselt. Selbst das Gebet hatte dazu zu
dienen, ihnen Dinge zuzuführen und somit ihren Lüsten
zu entsprechen:
„Ihr bittet
und erhaltet nichts, weil ihr übel bittet, um es für eure Lüste zu verbrauchen”
(Vers 3).
Ab Vers 4
nun kennzeichnet Jakobus ihr Verhalten als das des Ehebruches;
er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, da sie in ihrem soeben
beschriebenen Begehren die Ehe mit Gott gebrochen haben: „
„Ihr Ehebrecher und
Ehebrecherinnen! Wißt ihr nicht, daß die
Freundschaft dieser Welt Feindschaft Gott gegenüber
bedeutet? Wer nun beabsichtigt, der Welt Freund zu sein,
wird als Feind Gottes hingestellt. Oder meint ihr,
daß die Schrift dies vergeblich sagt? Sehnt sich der
Geist, der in uns wohnt, nach Neid? Die Gnade, die Er gibt, ist doch größer!
Darum sagt Er: Gott
widersetzt Sich den Stolzen, den Demütigen aber gibt Er
Gnade.”
Jakobus,
der schon zuvor darauf hingewiesen hat, daß der
Mörder wie der Ehebrecher nach ein und demselben Gesetz
gerichtet werden (2. 9 - 12), beginnt diesen Abschnitt
folgerichtig mit dem Vorwurf
des Ehebruchs: Gleichwie Israel seinen Gott, so hat
hier die Braut den Bräutigam verlassen und hurt nun den Dingen dieser Welt
nach. Das Begehren
der Braut sollte allein ihr
Bräutigam sein. „In
seinem Schatten zu sitzen, gelüstet´s
mich, und seine Frucht ist meinem Gaumen
süß”, sagt die Braut in Hohelied 2. 3 (Rev. Elberfelder).
Hier wird jedoch nicht mehr der himmlische Bräutigam
erwartet, der bald erscheinen wird und an dessen bevorstehende
Ankunft Jakobus gegen Anfang und Ende seines Briefes heftig
erinnert (1. 11, 18 und 5. 7 - 11), sondern der Erfolg, das Begehren und der Gewinn nach
dem Schema dieses Weltlaufs sind für die Braut von so
vordringlichem Interesse, sind das Maß der Dinge
geworden, daß sie ihren Bräutigam dabei ganz aus
ihrem Blickfeld verloren hat.
Schon Eva,
die in der Schrift als ein Prototypus der Braut Christi gilt
(Eph 5. 25 - 32, 2Kor 11. 2 - 3), hatte den Blick von dem in der Mitte des Gartens Eden
stehenden Baum des Lebens (1Mo 2.9), einem Abbild des Herrn,
der das Leben Selbst ist (Jo 1. 4 und 14. 6; 1Jo 1. 1 - 4),
weggenommen und statt
dessen auf den Baum der Erkenntnis gerichtet, da dieser
„den Augen Gelüste machte und
begehrenswert war als der
Baum, der klug macht” (1Mo 3. 6).
Wie Eva, so
richten auch wir den Blick
stets auf das, was wir begehren.
Begehren wir den Herrn, so schauen
wir auf Ihn und haben Ihn „allezeit vor Augen” (Ps 16. 8, 25. 15 u. a.),
wenn aber nicht, wird Anderes zum Objekt unserer Begierde; indem
wir von Gott weg und
auf das Andere, uns nun
begehrenswert Erscheinende hin sehen, kommt es zum geistlichen
Ehebruch. In genau diesem Zusammenhang steht das Wort
Jesu, daß der, der eine Frau auch nur ansieht, um sie zu begehren, mit
ihr Ehebruch in seinem Herzen treibt (Mt 5. 27 - 30).
Bereits am Beginn seines Briefes schreibt Jakobus davon,
daß die eigene Begierde
von Gott wegzieht und, gibt man ihr nach, die
Sünde und den Tod gebiert (Ja 1. 14 - 16), also exakt die gleiche Frucht
hervorbringt, der schon der Mensch im Garten Eden anheimfiel
(1Mo 2. 17, 3. 19), nachdem er erst auf das Verbotene gesehen, davon begehrt und dann von ihm gegessen hatte (1Mo 3. 6).
Die „Begierde des Fleisches” geht einher mit der „Begierde der Augen” (als dem, was
und worauf man sieht) und der „Hoffart der Lebensweise” (1Jo 2.
16). - Indem sie so durch andere Dinge abgelenkt wird
und von dem Herrn wegsieht,
wird in solchem durch die Augenlust ausgelösten Begehren
aus der Braut eine Ehebrecherin, die voller Inbrunst begehrt und
eifert (Ja 4. 2). Darin brünstig und siedend (wörtlich
für eifern)
geworden, erinnert sie eindringlich an den Ehebruch, die Hurerei Israels,
das mit den Götzen der sie umgebenden Völker Unzucht
trieb und dabei einer von ihrer Lust umhergetriebenen,
brünstigen Kamelstute glich (Jer 2. 25). Solches Begehren
macht dabei auch vor dem
Nächsten nicht halt:
„Deine
Söhne haben mich verlassen und schwören bei Nichtgöttern. Obwohl ich
sie schwören ließ, haben sie Ehebruch getrieben...
Feiste, geile Pferde sind sie; sie wiehern, ein jeder nach der
Frau seines Nächsten” (Jer 5. 7
- 8, Rev. Elberfelder).
Das
Begehren als die Freundschaft dieser Welt, von dem Jakobus zuvor
sprach, machte sie zu Feinden Gottes, setzte sie in Feindschaft
gegen Gott. Nicht Gott
erklärt sie nun zu Seinen Feinden, sondern sie
erklären sich aufgrund ihres Begehrens und Eiferns zu
Seinen Feinden. Die Haltung Gottes ist und bleibt Gnade (Vers
5). Nicht Er hat sie
verlassen, sondern sie haben Ihn verlassen: Ihr ganzes
Begehren zeitigt das Ergebnis, daß ihnen gerade nicht geholfen wird (4. 2 -
3), und so erfüllt sich, was schon Jesaja dem
abtrünnigen Israel zu sagen hatte, auch an ihnen:
„Siehe, die Hand
des Herrn ist nicht zu kurz, um zu retten, und Sein Ohr nicht
zu schwer, um zu hören, sondern eure
Vergehen sind
es, die eine Scheidung gemacht haben zwischen euch und
eurem Gott, und eure Sünden haben sein Angesicht vor euch
verhüllt, daß Er nicht hört.”
Schon in
Jesaja 50. 1 und 2 fragt Gott Sein abtrünniges Volk:
„Wo ist der
Scheidebrief eurer Mutter, mit dem ich sie verstoßen
hätte? Oder welchem von meinen Gläubigern habe ich
euch verkauft? Siehe, ihr seid um eurer Missetat willen verkauft,
und um eurer
Übertretung willen ist eure
Mutter verstoßen worden. – Warum war niemand da, als ich
kam, antwortete niemand, als ich rief? Ist etwa
meine Hand zu kurz zum Erlösen, oder ist bei mir keine
Kraft zum Retten?” (n. Schlachter).
So hatte
man – ganz wie das alttestamentliche Bundesvolk auch – die Beziehung zu Gott verwechselt,
eingetauscht mit einem Erheischen von Segnungen, von Erfolg
und Gewinn. Nach ihrem Verständnis war nicht der ‚in
Ordnung’, der mit Gott verbunden war, sondern der, der
möglichst viel ‚Segnungen’ bei sich anhäufen konnte.
Es war jedoch gerade dieses Streben
nach „Gewinn”, dieses Begehren, das sie zuerst von
Gott, und danach von ihrem Nächsten entfernt hatte. Der in
uns wohnende Geist hat nämlich nichts mit jenem Neiden zu
tun, das anhand solcher Werke – begehren, morden und eifern –
offensichtlich wird. Hier wird nun deutlich, daß sie in
und mit diesem Begehren die
Gnade verlassen hatten, auf die Jakobus sie hinweist:
„Sehnt sich
der Geist, der in uns wohnt, nach Neid? Die Gnade, die Er
gibt, ist doch größer!”
Von dieser
Gnade waren sie, denen so sehr daran gelegen war, durch eigenes Bemühen an
Segnungen, an Gewinn heranzukommen, meilenweit entfernt. Ihr Weg war der Weg des Stolzes:
Eigene Werke und eigenes Streben, der Weg Gottes hingegen der
Weg der Demut: Gnade. „Die sich an das Nichtige halten
(wörtlich die Nichtse des Nichts verehren), verlassen
ihre Gnade”, heißt es schon bei Jona (Jn 2. 9). Es wäre nun demütig
gewesen, nichts aus sich und der eigenen vermeintlichen
‚Weisheit’, dafür aber alles von Gott als aus dieser
Gnade zu erwarten. Da sie nun aber stolz geworden waren, indem
sie begehrten und eiferten, mußte der Herr ihnen
widerstehen, und konnte ihnen nicht geholfen werden: Nur dem
Demütigen, der – als ein auf die Gnade Angewiesener – aus
Seiner Fülle
empfängt, gibt Gott Gnade, während Er dem Stolzen
widersteht.
Demgemäß fordert Jakobus nun zu einer radikalen, das
heißt zu einer an die
Wurzeln gehenden Umkehr auf:
„Ordnet euch nun Gott unter,
widersteht aber dem Widerwirker, und er wird von euch fliehen.
Naht euch Gott, und Er wird Sich euch nahen. Reinigt eure
Hände, ihr Sünder, und läutert eure Herzen, die
ihr eine doppelte Seele habt! Fühlt euch elend, trauert und
jammert. Euer Lachen verkehre sich in Trauer und die Freude in
Niedergeschlagenheit. Demütigt euch nun vor den Augen des
Herrn, und Er wird euch erhöhen.”
Sie, die
doch ihre Rechtschaffenheit, ihren Glauben vom Umfang ihrer
erworbenen ‚Reichtümer’ ableiteten, waren gerade in diesem
Begehren Gott nicht
untergeordnet. Hier wird
deutlich, daß vor Gott nicht „Gewinn” zählt,
sondern die Beziehung; nicht das rechte Begehren und Erwerben
von „Segnungen”, sondern die Gemeinschaft, ja Freundschaft mit
Gott selbst. Gerade die wiederhergestellte Beziehung mit dem
lebendigen Gott wird damit auch zum intakten Verhältnis
mit dem Nächsten, dem Bruder und der Schwester
führen. In der gleichen Reihenfolge, in der
Jakobus bereits in 2. 11 zuerst
die Sünde des Ehebruchs, als die zerstörte Beziehung zu dem
Herrn, und dann erst die Sünde des
Mordes als die abgebrochene
Beziehung zum Nächsten aufzeigt, bringt er hier
die Wiederherstellung derselben Beziehung ins Licht. Sünde
ist immer gleichbedeutend mit Trennung. Doch ist diese Trennung stets
zwiefach: wie sie von Gott trennt, so trennt sie auch vom
Nächsten, dem Bruder und der Schwester.
Der erste
Weg aus dieser Trennung heraus ist darum der, sich Gott
unterzuordnen, den man in seinem Begehren verlassen hat, dem
Widersacher, unter dessen Einfluß man sich mit eben diesem
Begehren begeben hat, zu widerstehen und sich wieder Gott zu nahen
(Vers 7). Hier wird der Betrug deutlich, in dem die
Angesprochenen sich befanden. Ihr fruchtloses Gebet offenbarte
ihnen, die doch sonst zu wissen pflegten, wie Erfolg und Gewinn
zu erzielen sei, daß ihr Gebet den, den sie anriefen,
nicht erreicht hatte. Es erzeigt sich nun, daß sie auf den
Weg und in die Bedrückung Satans geraten waren. Deshalb
erfolgt, nachdem Jakobus
zur Umkehr und zur Unterordnung unter Gott aufgerufen hat, die
Mahnung, dem Widerwirker zu widerstehen und sich Gott zu nahen. „Widersteht ... dem Widerwirker,
dann wird er von euch fliehen”; die Bedrückung
wird aufhören. „Naht euch
Gott, und Er wird sich euch nahen” (Vers 8): Der, der
vorhin nicht zu hören schien, würde sich wieder
offenbaren, und ihr Gebet würde gehört werden.
Bis dahin jedoch hatte ihre
verkehrte Haltung ihr Gebet aufgehalten; ihre
Unabhängigkeit von dem lebendigen Gott, die sich in der
Trennung von dem Nächsten erzeigt, bringt ihre Früchte
hervor. Schon Jesaja spricht von einer Frömmigkeit, einem
Enthalten, die gleichzeitig am Nächsten frevelt und gerade
darin gottlos geworden ist. Lassen wir ihn, und darin das Wort
des Herrn, deshalb noch einmal zu uns sprechen:
„Zwar befragen sie mich Tag
für Tag, es gefällt ihnen, meine Wege zu kennen. Wie
eine Nation, die Gerechtigkeit übt und das Recht ihres
Gottes nicht verlassen hat, fordern
sie von mir gerechte Entscheidungen, haben Gefallen
daran, Gott zu nahen. – ‚Warum fasten wir, und du siehst es
nicht, demütigen wir uns, und du merkst es nicht?’ –
Siehe, am Tage eures
Fastens geht ihr euren Geschäften nach und bedroht (o.
drängt) alle eure Arbeiter. Siehe, zu Streit und
Zank fastet ihr ... Zur
Zeit fastet ihr nicht so, daß ihr eure Stimme in der
Höhe zu Gehör brächtet... ist nicht
vielmehr das ein Fasten, an dem Ich Gefallen habe: Ungerechte
Fesseln zu lösen, die Knoten des Joches zu öffnen,
gewalttätig Behandelte als Freie zu entlassen und
daß ihr jedes Joch
zerbrecht?
... dein Brot dem Hungrigen zu brechen und daß du
heimatlose Elende ins Haus führst? Wenn du einen Nackten
siehst, daß du ihn bedeckst und daß du dich deinem
Nächsten nicht entziehst?” –
Ein solches Fasten würde
ihre mißliche Lage alsbald beenden:
„Dann wird dein Licht
hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird
schnell sprossen.
Deine Gerechtigkeit wird vor dir herziehen, die Herrlichkeit
des HERRN wird deine Nachhut sein. Dann wirst du rufen, und der Herr wird antworten.
Du wirst um Hilfe schreien, und er wird sagen: ‚Hier bin
ich’. Wenn du aus deiner Mitte fortschaffst das Joch,
das Fingerausstrecken, und böses Reden und wenn du dem
Hungrigen dein Brot darreichst und die gebeugte Seele
sättigst, dann wird dein Licht aufgehen in der
Finsternis, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und
beständig wird der Herr dich leiten, und er wird deine
Seele sättigen an Orten der Dürre und deine Gebeine
stärken. Dann wirst
du sein wie ein bewässerter Garten und wie ein
Wasserquell, dessen Wasser nicht versiegen.”
Hier wie
dort, damals wie heute offenbart sich eine Frömmigkeit, die
von Menschen ausgeübt wird, die „mehr Freunde des Genusses als Freunde Gottes” sind,
und die zwar die äußerliche „Form einer Frömmigkeit haben,
die Kraft derselben aber verleugnen” (2Tim 3. 4 - 5),
eine Religiosität, die allein dazu gefördert wird, um
ein Ergebnis zu erzielen, das
eigene Lebensumstände zu ändern und menschliche
Begierden zu stillen vermag, statt Gott und dem
Nächsten zu dienen. Der
Inhalt einer solchen „Frömmigkeit” beginnt jedoch nicht
erst mit dem Besitz außerordentlichen Reichtums, auch
nicht mit materiellen Gütern an sich, wie viele
irrtümlich unterstellen mögen, sondern mit dem
Begehren und dem Erwerb, dem Etwas-Bewirken-Wollen als dem
Erzielen eines Gewinns, von Erfolgen schlechthin, um diese als
Ergebnis des eigenen Strebens, des Anwendens eigener Praktiken
genießen zu können oder, wie Jakobus es
schlicht, aber eindeutig ausdrückte, „übel” zu bitten, um es „in
den eigenen Lüsten zu verbrauchen” (4. 3), auf
welchem Gebiet unseres Lebens auch immer dies stattfinden
möge. Demgemäß wird Jakobus später den Handel bzw. den Erwerb
jener anprangern, die diese Wege an die Stelle des Willens Gottes und Seiner
unmittelbaren Führung setzen (4. 13). Paulus
sprach warnend von der letzten Zeit als von einer solchen, in
der eine solche Frömmigkeit an der allgemeinen und ganz
gewöhnlichen Tagesordnung wäre, und riet schon damals
dem Timotheus eindringlich, sich von solchen, die dieser in Wort
und Tat nachgingen, abzukehren (2Tim 3. 1 - 5). – Es wäre
wirklich einmal an der Zeit, daß auch wir unsere Augen
öffneten, und erkennen würden, in welcher Zeit wir
leben – nämlich ganz offensichtlich in gerade der, von der
Paulus sprach –, und welcher Art Lehre, festgefügte Dogmen
und Frömmigkeit sind, die uns vielfach umgeben und
beschäftigen. – Jesaja
wie Jakobus sprechen von radikaler Umkehr, und zwar einer
solchen Umkehr, die sie Gott wieder nahen, und ihrem
Nächsten wieder dienen ließe: Wiederum steht die
Beziehung im Mittelpunkt, und was in den Mittelpunkt
gehört, wird wieder dorthin gerückt.
Eine
Umkehr, in der Sünde nicht bekannt und ausgeräumt, die
Haltung nicht geändert wird, ist es jedoch nicht wert,
Umkehr genannt zu werden: „Reinigt
die Hände, ihr Sünder”, fährt Jakobus in
seinem Brief fort (4. 8b). Auch hier wird die verkehrte
Blickrichtung derer, denen dies Wort galt, deutlich: Nicht die
Beziehung, diesmal zu dem Nächsten, galt als Nachweis des
rechten Wandels vor Gott, sondern der Erfolg, das Erzielen von Ergebnissen und von Gewinn
durch Anwenden vermeintlicher ‚Weisheit’. Wenn man sich
schon so rechtschaffen wähnt – was interessiert dann das
vermeintlich ‚ungeistliche Gejammere’ von dem Bruder und der
Schwester aus der Ecke, in die man sie gewiesen hat? Sollten sie
nicht endlich ihr Schicksal ‚in die eigene Hand nehmen’ und
ändern, indem sie auch so glauben wie wir, die
Erfolgreichen?! Sollten sie nicht endlich ein anderes Reden, ein
anderes ‚Bekenntnis’ an den Tag legen? Jakobus ist hier unerbittlich und
reißt ihnen den Schleier ihres Selbstbetruges vom
Gesicht: Sie, die sich keineswegs in Sünde wähnten,
befinden sich in ihrer Haltung und ihrem Gebaren doch
geradewegs auf dem Weg des Teufels und der Sünde; sie
haben keine Gemeinschaft mit Gott, da sie Ihn in ihrem
Begehren verlassen haben (Ehebruch), und die Beziehung zum
Nächsten haben sie, die Eifernden, ebenfalls verloren
(Mord).
Schon
Johannes weiß zu sagen, daß der Wandel im Licht, als
die Gemeinschaft mit Gott, auch zur Gemeinschaft untereinander
führt:
„Und dies ist die Botschaft, die
wir von Ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott
ist Licht, und keinerlei Finsternis ist in Ihm. Wenn wir
sagen: wir haben Gemeinschaft mit Ihm, und dabei in der
Finsternis wandeln, so lügen wir und sprechen nicht die
Wahrheit. Wenn wir aber im
Licht wandeln, wie Er im Licht ist, so haben wir
Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, Seines
Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde. Wenn wir sagen: wir haben keine
Sünde – , so
führen wir uns selbst irre, und die Wahrheit ist nicht
in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen (grie. homologeo, gleich-sprechen,
übereinstimmend sprechen), so ist Er treu und gerecht,
daß Er uns unsere Sünden erläßt und uns
von jeder Ungerechtigkeit reinigt. Wenn wir sagen: wir haben nicht
gesündigt –, so machen wir Ihn zum Lügner, und Sein
Wort ist nicht in uns.”
Wandel mit
Gott ist auch Wandel mit dem Nächsten. Wandel im Licht ist gleichbedeutend
mit der Gemeinschaft untereinander, wie der Wandel in
Finsternis gleichbedeutend ist mit dem Aufgeben der Liebe (1Jo
2. 9 - 11, 3. 10, 4. 11
- 21). Hier wird die ganze Selbsttäuschung auch schon
derer, an die Jakobus schrieb, nur allzu offensichtlich. Da diese ihre rechte Stellung nicht
mehr an der Beziehung zu Gott und dem Nächsten
festmachten, sondern an ihren erzielten Erfolgen und dem
Gewinn auf einem Weg, den sie für „Glauben” hielten (Ja
2. 14 - 26, 4. 13), waren sie von jeglicher Vorstellung,
daß sie sich in Sünde – in Trennung von Gott und
dem Nächsten – befinden könnten, weit entfernt.
Erfolg und Gewinn hießen und heißen noch immer die
Götzen, denen alles huldigte – und huldigt, und denen alles
untergeordnet zu sein hat. Erstrebenswert war, in jeder Hinsicht
reich zu sein; als Sünde hingegen galt der Mißerfolg,
und da sie, die sich dem Erfolg so sehr verpflichtet und in ihm
bestätigt sahen, demgemäß davon fest
überzeugt waren, sich nicht in Sünde zu befinden,
mußten sie aufgeweckt werden, indem ihnen ihre Lüge,
Selbsttäuschung und Verblendung offenbart wurde: Reinigt eure Hände, ihr
Sünder!
Sünde an dem Nächsten ist
gleichermaßen auch Sünde vor Gott; sie wird mit
unseren Gliedern ausgeführt – an dem Bruder und der
Schwester, als denen, in deren Gemeinschaft Gott uns gestellt
hat. Schon David wußte zu sagen, „gegen Dich allein habe ich
gesündigt” (Ps 51. 6), nachdem er seiner Sünde des Ehebruchs mit Bathseba
und des Mordes an Uria durch den Propheten Nathan
überführt worden war (Ps 51. 1 - 2; vgl. 2Sam
11. 2 - 27, 12. 1 - 13). Es geht bei solcher Sünde um nicht
Weniges; nach dem durch
Begehren vollzogenen Ehebruch an der Beziehung mit Gott ist
Mord am Nächsten, ist Brudermord der zu
verhandelnde Gegenstand des Jakobusbriefes. Die Dramatik dieser
Ansprache wird besonders darin deutlich, daß diese Stelle
(Ja 4. 8b) die einzige des Neuen Testaments ist, an der
Gläubige als Sünder angesprochen werden – außer
denen des Apostels Paulus, in denen er sich selbst bezüglich seines Wandels vor
seiner Bekehrung, da er ein Lästerer war und die Gemeinde
blutig verfolgte, als den größten aller Sünder
bezeichnet (1Tim 1. 13 - 15). Wie so oft in unseren
Tagen, haben gewiß auch die Empfänger des
Jakobusbriefes die Angelegenheit als so geringfügig
abgetan, daß sie es nicht für wichtig hielten, dem
auch nur nachzusinnen, so daß Jakobus sie aufwecken
muß, indem er deutlicher wird: Der den Mord verübte, hat Blut an den Händen:
Deshalb müssen die Hände, als das Sinnbild
menschlicher Verantwortung, gereinigt
werden (4. 8; vgl. Spr 6. 17).
Die nach
außen sichtbar gewordene Sünde befindet sich im
Herzen. Deshalb ergeht nun der Aufruf, die Herzen zu
läutern. Die nach außen aufgebaute Fassade kann das,
was darin ist, nicht länger verbergen: „Ihr von doppelter Seele”,
fährt Jakobus fort (4. 8b). Bereits eingangs hatte Jakobus
auf den hingewiesen, der um Weisheit betete, und aufgrund seines
Unglaubens diese Weisheit nicht empfängt:
„Denn jener
Mensch bilde sich nicht ein, daß er vom Herrn etwas
erhalten wird; er ist ein Mann von doppelter Seele,
unbeständig in allen seinen Wegen.”
Ein Mann von doppelter Seele
ist ein solcher mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Hier
hat er einen Glauben, der doch in Wahrheit keiner ist (2. 1, 14
- 26), dort geht er einer Weisheit nach, die keine sein kann (1.
5 - 8, 3. 13 - 18), und mit ein und demselben Mund will er Gott
segnen und flucht doch dem Nächsten, der nach dem Bilde
Gottes erschaffen ist (3. 9 - 12) – welch ein Selbstbetrug. Hier
wird deutlich, wie trügerisch die ganze zur Schau gestellte
Freude ist, und Gott muß ihnen diesen Trug nehmen. Zur
Freude gibt es wahrlich keinen Grund, da man so gesündigt,
so gemordet hat, sondern nur zu Trauer; zum In - Sich - Gehen
und zu großer Betrübtheit; hier ist es die Trauer,
„die zu einem unbereubaren Heil führt” (2Kor 7. 10), und solche Trauer ist hier
angesagt:
„Fühlt euch
elend, trauert und jammert. Euer Lachen verkehre sich in
Trauer und die Freude in Niedergeschlagenheit.”
Hier ist
das Ende aller „Wohlfühl-Gottesdienste”. Es war eben nicht
die Freude des Herrn, die sie lachen machte, sondern ihre
eigene, auf dem Weg des Hochmuts entstandene, weswegen Jakobus
ihnen zu sagen hat, daß sie sich vor dem Herrn zu
demütigen hätten, damit dieser sie erhöhen könne (Vers 10). [10]
Nicht das Anwenden scheinfrommer
Praktiken, sondern Umkehr heißt der Weg – heraus
führt nur die eigene Demütigung vor Ihm. Statt sich
selbst zu erhöhen, indem man sich selbst vorwegnehmen will,
was Gott nur dem Gedemütigten zukommen lassen kann, ist es
an uns, vor Ihm Selbst unsere Knie zu beugen. Gott allein wird
den erhöhen, der sich unter Ihn gedemütigt hat und
gedemütigt bleibt. Hier
erfüllt sich auch das Wort Johannes des Täufers,
nach dem kein Mensch sich etwas nehmen kann, es werde ihm denn
vom Himmel her gegeben (Jo 3. 27). – Auf diesem Wege
ist vieles in sein Gegenteil verkehrt worden. Statt sich selbst
zu demütigen und den Nächsten zu erhöhen, hat man
sich selbst erhoben, indem man sich durch eigenes Tun, durch das
Anwenden vermeintlicher Weisheit etwas zu erwerben gedachte, und
den Nächsten dabei in den Staub gedemütigt, weil er
nicht so erfolgreich und „gesegnet” war wie man selbst. So wird nun der, der sich selbst
erhöhte, indem er sich
selbst zu nehmen wußte, was ihm nicht zustand,
in denselben Staub erniedrigt werden, in den er seinen
Nächsten zu setzen gedachte; wer sich selbst
gedemütigt hat, indem er vor Gott ausharrte, wird
hingegen von Ihm
erhöht werden, wenn die Zeit hierfür gekommen ist
(vgl. Spr 3. 34 und 28. 13 - 14; 1Ptr 5. 5 - 6).
Dies ist
die Umkehr, die Gott von uns erwartet – als Umkehr zu Ihm und zu unserem
Nächsten, dem Bruder und der Schwester. Demgemäß
wird Jakobus nachfolgend abermals dazu anhalten, den Bruder
nicht zu richten (4. 11 - 12). Die Liebe zu Gott und dem
Nächsten – als dem eigentlichen Anliegen Gottes, des
Gesetzes und der ganzen Heiligen Schrift – bleibt im Zentrum des
Gesagten. Liebe zu Gott und dem Nächsten statt Begehren und
Erfüllung, die wiederhergestellte Beziehung ist das Einzige, was es zu erstreben
gilt.
„Man hat dir
mitgeteilt, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der HERR (denn) von dir -
als (nur) Recht zu
üben und Güte zu lieben und demütig zu gehen
mit deinem Gott?”
Mi 6. 8, nach Rev. Elberfelder
Der
praktische Wandel im Gesetz der Freiheit (Ja 1. 22 und 25, 2. 8
und 12) als dem der barmherzig tätigen Liebe im Gegensatz
zu dem Richten der Brüder (Ja 2. 4, 4. 11 - 12), die
Auseinandersetzung zwischen Reich und Arm (Ja 1. 9, 5. 1 - 6)
und das Begegnen der Bedürfnisse unserer Nächsten
(siehe Ja 2. 15 - 17, 5. 3 - 6) durchziehen dementsprechend
thematisch wie eine einheitliche Linie den ganzen Jakobusbrief.
Die Beziehung zu Gott und die zu unserem Nächsten, wie oben
dargelegt, stehen dabei im Mittelpunkt: Wir haben es hier mit dem
Grundanliegen dieses Briefes zu tun, in dem Jakobus
gerade rückt, was durch eine falsche Herzenshaltung und
Lehre in sein Gegenteil verkehrt worden ist. Nicht mehr das Erzielen von Erfolg
und äußerlichem Reichtum, sondern der Herr Selbst
und die dem Nächsten erwiesene Liebe als der zu gehende
Weg sollten demnach wieder in die Mitte gestellt werden.
Es waren
jedoch gerade die Reichen nach
eigenem Vermögen, die nur allzuviel damit
beschäftigt waren, ihre Pläne
zu verfolgen und durch Handel und Gewerbe ihren eigenen Gewinn
zu mehren. Nicht mehr der Herr selbst und Seine Führung,
sondern eigene Pläne und der daraus erworbene Gewinn – als
der Erfolg eigenem Tuns – sind in der Gemeinde nun zum Maß
aller Dinge geworden. Es kommt
nun nicht mehr auf die Führung Gottes, sondern darauf an,
zu wissen, wie man erfolgreich ist, und in diesem Wissen
„Handel zu treiben und zu gewinnen”. Wer diesen Gewinn
nicht aufzuweisen hat, erscheint ihnen in ihrer
Selbstgerechtigkeit nicht als „gesegnet” genug, um so recht
„dazuzugehören”. Irgend etwas muß wohl mit dem nicht
in Ordnung sein, der nicht so geschäftig, erfolgreich und
wohlhabend ist wie sie. Somit ist man schnell dabei, den
vernachlässigten Bruder noch obendrein zu richten und
herabzusetzen, wie dies anfangs schon erörtert worden ist
(vgl. Ja 2. 4 und 4. 11 - 12). Dies alles gerät ihnen, die
es besser wissen müßten und doch nicht tun, zur
Sünde (4. 17). Da Handel
und Gewinn zum eigentlichen Maßstab ihres Lebens
geworden sind, erheben sie sich nun auch Gott gegenüber,
da sie in nichts nach Seinen Wegen fragen. So sind sie reich
geworden in sich selbst, in ihrem eigenen Tun. Deshalb
hat Jakobus ihnen zu sagen:
„Herbei nun, die ihr sagt:
Heute oder morgen werden wir in diese oder jene Stadt gehen und
dort ein Jahr verbringen, Handel treiben und gewinnen. (Diese
wissen nicht über den morgigen Tag Bescheid; denn welcher
Art ist euer Leben? Wie Dampf seid ihr doch, der kurz erscheint
und darauf verschwindet.) Anstatt daß ihr sagt: So der
Herr will und wir leben, werden wir dieses oder jenes tun. Nun
aber prahlt ihr in eurer Hoffart. All solches Rühmen ist
böse. Denn wer nun trefflich zu handeln weiß und es
nicht tut, für den ist es Sünde.”
Jakobus
bezeichnet ihr Verhalten und Vorsatz als Prahlen in Hoffart und als ein
böses Rühmen (Vers 16). Sie, und nicht der
Herr beschließen, welche Wege ihr Leben nehmen wird, und
vergessen dabei, daß ihr Leben auf dieser Erde nur von
kurzer Dauer, geradezu flüchtig ist.
„Wie Dampf
seid ihr doch, der kurz erscheint und darauf verschwindet”
(Vers 14).
Anstelle
des Herrn gehen ihnen Handel,
Erfolg und Gewinn voran und teilen ihnen ihr Leben ein.
Hierzu sind sie stets und sofort bereit; gleich „heute oder morgen” wollen
sie gehen und für ein ganzes Jahr bleiben. Dies
auszusprechen ist Hochmut par excellence. Somit erfüllt
sich, wovor schon Paulus warnte, der von Menschen sprach, „die einen durch und durch
verderbten Denksinn haben und um die Wahrheit geprellt worden
sind und meinen, die Frömmigkeit sei ein Kapital” (andere
Lesart auch: Gewerbe, 1Tim 6. 5). Doch der Glanz ihres
Erfolges, mit dem sie sich umgeben haben, ist ein
trügerischer: Was heute
noch die Massen betört hat, ist schon dabei,
unterzugehen.
„Es
rühme sich aber der niedrig gestellte Bruder seiner
Erhöhung, der reiche aber seiner Niedrigkeit, weil auch
er wie die Blume des Grases vergehen wird. Denn die Sonne geht
zusammen mit dem Glutwind auf und läßt das Gras
verdorren, da fallen seine Blumen ab, und die Anmut ihres
Angesichts geht unter: So wird auch der Reiche auf seinen Wegen
verwelken”,
wußte
Jakobus schon am Beginn seines Briefes zu sagen (Ja 1. 9 - 11).
Jakobus
fordert nun zum zweiten Mal heraus:
„Herbei nun, ihr Reichen,
jammert und heult über euer Elend (wörtlich Bedrängnisse oder
Drangsale), das über euch kommt. Euer Reichtum ist
verfault, und eure Kleider sind zum Mottenfraß geworden.
Euer Gold und Silber ist zerätzt, und ihr Ätzgift wird
gegen euch Zeugnis ablegen, und das Ätzgift wird euer
Fleisch fressen wie Feuer. Ihr speichert noch in den letzten
Tagen Schätze auf. Siehe, der Lohn, der von euch den
Arbeitern, die eure Äcker gemäht haben, entzogen worden ist, schreit, und die Hilferufe
der Erntenden sind in die Ohren des Herrn Zebaoth eingegangen
(vgl. 5Mo 24. 14 - 15). Ihr schwelgt auf Erden und verschwendet.
Ihr nährt eure Herzen wie an einem Schlachttag. Ihr sprecht
schuldig, ihr ermordet den Gerechten; und er widersetzt sich
euch nicht.”
Der Vorwurf, den Jakobus diesen
Reichen zu machen hat ist der, daß sie sich in den
letzten Tagen Schätze aufgespeichert haben. (Vers 3).
Die Nähe zu den Worten Jesu, sich nicht auf Erden,
dafür aber im Himmel Schätze zu sammeln, wo weder
Motten und Rost sie fressen noch ein Dieb sie stehlen kann, ist
mehr als auffällig (Mt 6. 17 - 21, Lk 12. 33 - 34). Jakobus
war der leibliche Bruder des Herrn, und ganz gewiß wird er
an diese Worte gedacht haben, als er die folgenden Sätze
schrieb. Die Reichen aber haben sich Schätze auf Erden
gesammelt, was einem Entziehen des Lohnes derer, „die eure Äcker gemäht”, d. h.
in der Gemeinde für sie gearbeitet
haben, gleichkommt. Bezeichnend ist hierbei, daß
diese Äcker nicht etwa das Erntefeld des Herrn darstellen,
wie etliche glauben machen wollen. Die hier gearbeitet haben,
haben es für die Reichen getan. Es ist ihr Reichtum, nicht der des
Herrn (Vers 2), und es sind ihre
Äcker (Mehrzahl). Sie
haben die Schnitter dazu bewogen, ihre Ernte, ihren Gewinn und ihren Erfolg einzubringen. So wird die Unterstellung, dies sei
die Sache des Herrn, als Lüge entlarvt.
Maßstab dieser Reichen war einzig und allein der Erfolg,
die „Ernte” ihrer Unternehmungen. Ihr Blick ist nicht mehr auf
die nahende Wiederkunft des Herrn, sondern auf das Ergebnis ihres Tuns auf der
Erde ausgerichtet: „Ihr
speichert noch in den letzten Tagen Schätze auf” (Vers
3). Sowohl die Führung Gottes als auch die
Versorgung der Glieder, die sie für ihre Vorstellungen
mißbraucht haben, sind dahinten geblieben. Sie haben nicht
die Herde, sondern sich selbst geweidet: „Ihr schwelgt auf Erden und
verschwendet. Ihr nährt eure Herzen wie an einem
Schlachttag” (Vers 5). Jakobus spricht hier vom
Schlachten eines Opfers. Das dargebrachte Opfer wird von denen
gegessen, die es entgegennehmen (vgl. 5Mo 18. 3 - 8). Hier wird
es dazu verwendet, um die Begierden derer zu befriedigen, die
dieses Opfer verlangen, um sich ihren „Erfolg”, ihre „Ernte” zu
sichern. Aus dem Dargebrachten
nehmen sie und nähren ihre Herzen; sie weiden sich
selbst. Sie schwelgen auf Erden in ihrem
vermeintlichen, irdischen Reichtum und verschwenden das, was
eigentlich dem Nächsten zugute kommen soll, für ihre
Vorhaben; der Nächste, der Gerechte bleibt dahinten.
Hierbei wird nun mehr als deutlich,
wer die angesprochenen „Reichen” sind: Es sind falsche Hirten
und all jene mit ihnen, die in demselben ‚Fahrwasser’
schwimmen wie sie (vgl. Hes 34. 1 bis 10). Der Gute Hirte läßt sein
Leben für die Schafe; sie aber stehlen, schächten
und töten. Ihren ‚Dienst’ verrichten sie des Gewinnes
(Erfolges) wegen; darin gleichen sie den Mietlingen, von denen
Jesus sprach (vgl. Jo 10. 7 - 12). Da Prosperität
ihre Maxime ist, sprechen sie den schuldig, der nichts hat und ihren
Maßstäben, die Handel,
Erfolg und Gewinn heißen, nicht genügt, und
bei ihrem Gebaren demzufolge nicht mithalten kann. So wird der
Gerechte erneut zu ihrem Opfer: „Ihr sprecht schuldig, ihr ermordet den Gerechten; und
er widersetzt sich euch nicht” (Vers 6). Schuldig
sprechen und morden, Schlachten und Opfer gehören zusammen.
Es wird klar, wer das Opfer ist, das schuldig gesprochen und
geschlachtet werden soll. Die Nähe zu dem in Jesaja
geschilderten Opferlamm ist geradezu anspringend.
„Er wurde
mißhandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund
nicht auf wie das Lamm, das
zur Schlachtung geführt wird und wie ein Schaf, das stumm
ist vor seinen Scherern, und er tat Seinen Mund nicht auf”,
heißt es in Jes 53. 7 (Revidierte
Elberfelder). „Was immer ihr
an einem dieser geringsten Meiner Brüder tatet – Mir habt ihr es erwiesen”,
sagte der Herr (Mt 25. 40, 45). So tötet man Ihn, den Gerechten und Wehrlosen, in
den erniedrigt und unversorgt gebliebenen Geschwistern ein
weiteres Mal. Der Gerechte wird darum selbst zum Opfer,
indem und gerade weil er zu seiner eigenen Rechtfertigung nichts
beizutragen, zu bringen und zu geben hat. Mit eigenem Gewinn hat
er sich nicht zu brüsten. Dies läßt ihn seinen
Peinigern gegenüber verstummen: Ihr sprecht schuldig, ihr ermordet den Gerechten; und
er widersetzt sich euch nicht.
–
Wie bereits
zuvor, so kennzeichnet Jakobus auch hier sowohl die Unterlassung
als auch das Richten und Schuldigsprechen derer, die infolge ihrer Vernachlässigung
arm und hilflos geblieben sind, als einen Mord, der nicht folgenlos bleiben kann.
Denn der den Gliedern der Gemeinde entzogene Lohn schreit zum
Himmel, und die Hilferufe derer, die mit den Vorhaben dieser
„Reichen” beschäftigt wurden, sind bei Gott angekommen
(Vers 4). Das Gericht über den angesammelten eigenen – nur scheinbar frommen –
Reichtum ist schon unterwegs; die
kommenden Drangsale der mit dem Tag des Herrn beginnenden
Trübsale der antichristlichen Zeit, von der hier die Rede
ist, werden nicht verziehen (siehe Vers 1). Sie, die nicht in
der Zeit über ihre Sünde weinten (4. 9, 5. 1),
werden dann in der Unzeit über sie zu weinen haben – wie
die fünf törichten Jungfrauen, die kein Öl mit
sich trugen und die Hochzeit des Lammes versäumt hatten
(Mt 25. 1 - 13).
Der Reichtum, auf den sie sich so
sehr gegründet hatten, ist nun dahin. Die schönen
Gewänder eigener Gerechtigkeit und selbsterworbenen
Gewinns (vgl. Jes 59. 6, 64. 5) sind ein Fraß der Motten
geworden: All dies ist ‚Inflationsgeld’, hohe Zahlen, die
nichts wert sind. Ihre Werke, ihr angehäuftes „Gold und Silber” als das,
was sie für
wertvoll, für edles Metall hielten, war nicht rein genug,
um vor dem Herrn zu bestehen, und das ständig wiederholte
Bemühen Gottes, diese selbst erworbenen Dinge
auszureinigen, war über eine lange Zeit hinweg vergeblich
geblieben. Das Ätzgift,
das schon seit jeher dazu verwendet wird, das Edelmetall von
Unreinigkeiten und Schlacken zu reinigen, konnte nicht mehr
reinigen, was nicht zu reinigen war, und so ist ihr Werk
selbst von dem vielen Ätzen bereits angegriffen und ganz
zerfressen worden. An ihnen, den Ehebrechern und
Mördern, wiederholt sich nun, was schon der Stadt Jerusalem
zur Zeit des alttestamentlichen Bundesvolkes widerfahren war:
„Wie ist zur Hure geworden
die treue Stadt! Sie war voller Recht; Gerechtigkeit wohnte
darin, und jetzt
Mörder! Dein
Silber ist zu Schlacke geworden... ”,
heißt
es bei Jesaja (Jes 1. 21, 22,
Rev. Elberfelder). Und Jeremia sagt, nachdem alles Schmelzen und
Reinigen dennoch erfolglos geblieben ist:
„Sie alle sind die Widerspenstigsten der Widerspenstigen.
Sie gehen als Verleumder umher, sie sind Bronze und Eisen
(d. h. wertloses Metall)... Versengt vom Feuer ist (schon!)
der Blasebalg, das Blei (das als
Trennmittel benutzt wurde) ist zu Ende:
Vergebens hat man geschmolzen und geschmolzen: Die Bösen
sind nicht
ausgeschieden worden. Verworfenes
Silber nennt man sie; denn der Herr hat sie
verworfen.”
Auch hier
spricht der Prophet von Hurerei und Mord in derselben
Terminologie wie Jakobus Jahrhunderte nach ihm. Wie das zerschmolzene Blei dort, so
wird hier das verbrauchte Ätzgift zum Zeugen der Anklage
für sie:
„Euer Gold
und Silber ist zerätzt, und ihr Ätzgift wird gegen
euch Zeugnis ablegen” (Ja 5. 3a).
Nachdem es
ihr Werk zerstört hat, ist es nun dabei, sie selbst
anzugreifen:
„... und das
Ätzgift wird euer Fleisch fressen wie Feuer” (3b).
Hier wird
wiederum deutlich, von welcher Konsistenz ihre Werke und
Bestrebungen waren: All das,
was in ihren Augen, ihrer „Weisheit” nach als geistlich
angesehen wurde, da es ihnen als Gewinn erstrebenswert
erschien (4. 13), war in Wirklichkeit nur Fleisch, und
Fleischeswerke können vor Gott nicht bestehen: Fleisch
ist zu nichts nütze (Jo 6. 63), und kein Fleisch, kein
eigenes Tun ist vor Ihm gerecht (Rö 3. 20). Sie
besaßen daher nicht die Weisheit eines Paulus, dem das
Leben Christus, und das Sterben Gewinn war (Phil 1. 21), und
dem all das, was ihm früher als Gewinn, nun als verwirkt,
als Schaden galt (Phil 3. 7 - 12): Sie waren diesen Dingen
nicht abgestorben. Das, was sie von ihren Schlacken nicht
reinigen konnte, das frißt sie deshalb nun von innen
her. Der Betrug, mit dem sie sich lange Zeit selbst
getäuscht haben (vgl. 1. 21 - 27), zeitigt seine
Früchte: sie selbst kommen dabei zu Schaden. Ihr Silber und
ihr Gold offenbaren nun ihre wahre Beschaffenheit als nicht vom
Himmel, sondern von der Erde, da nun das eintritt, was Jakobus
eingangs schrieb – der Reiche ist wie Gras, und angesichts der
aufgehenden Sonne und des Glutwinds verdorrt seine ganze eigene
Pracht und Herrlichkeit, auf die er sich verließ. Sein
Gold und Silber, sein Reichtum ist in den Augen Gottes Gras, und
Gras wird brennen.
„Denn die
Sonne geht zusammen mit dem Glutwind auf und läßt
das Gras verdorren, da fallen seine Blumen ab, und die Anmut
ihres Angesichts geht unter: so wird auch der Reiche auf
seinen Wegen verwelken”,
steht schon am Anfang des Briefes.
(1. 11, vgl. Jes 40. 6, 7). Nicht ohne Grund. Wovor
schon Paulus warnte, wird hier nun zur traurigen Wirklichkeit –
sie selber leiden Schaden, und ihre Werke taugen nur noch als
Brennmaterial für die kommenden Gerichte:
„Ob nun
jemand... Gold, Silber und kostbare Steine aufbaut oder aber
Holz, Gras und Stroh: eines jeden Werk wird offenbar werden;
denn der Tag wird es offenkundig
darlegen, weil es in Feuer enthüllt wird. Und welcher Art eines jeden Werk
ist, das wird das Feuer prüfen. Wenn jemandes Werk
bleiben wird, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn
erhalten. Wenn jemandes Werk verbrennen sollte, so wird er ihn
verwirken: er selbst aber wird gerettet werden, jedoch nur so
wie durch Feuer hindurch.”
Die nahende
Ankunft des Herrn als der Tag, an dem es in Feuer enthüllt
wird (1Kor 3. 13), und als der Morgen, an dem die Sonne mit dem
Glutwind aufgeht (Ja 1. 11), von dem Paulus wie Jakobus
sprechen, drückt den ganzen Ernst der Lage aus:
„Siehe, der
Richter ist vor den Türen” (Ja 5. 8 - 9).
| Titel |
Anmerkungen |
Download |
< Die Zügel Gottes |
Vom Weg Kains > |
Startseite |
„Der Glaube
weiß nie, wohin er geführt wird; doch liebt
und kennt er Denjenigen, Der ihn führt. Der Glaube
ist ein Leben im Glauben –
nicht ein Vernunfts- und Verstandesleben, sondern ein
Leben, in dem wir wissen, Wer es ist, Der uns ‚gehen’ heißt.
Das Wissen um eine
Person ist die Wurzel des Glaubens. Eine der
verfänglichsten Täuschungen ist die Annahme,
daß Gott uns sicher zum Erfolg führe” (aus: Oswald
Chambers, Mein Äußerstes für Sein
Höchstes, Tägliche Betrachtungen, 19.
März: Abrahams Glaubensweg, Blaukreuz-Verlag
Wuppertal, 28. Aufl. 2000, S. 79).
Hier sollten sich auch die vielen
neueren Gemeinden einmal fragen lassen, ob es ihnen
gelingt, in einen solchen Glauben
hineinzuführen, oder ob sie nicht doch jenem
Plagiat, jener Fälschung des Glaubens aufgesessen sind, mit dem
wir uns hier gemeinsam mit Jakobus auseinanderzusetzen
haben. Wir wären jedenfalls gut beraten, wenn wir
gerade auch in dieser Frage doch wieder einmal mehr auf
das hören würden, was und vor allem wie unsere
Väter dachten. So schrieb auch Werner de
Boor (1899 - 1976) noch im August 1973 in der alten „Wuppertaler
Studienbibel” etwa zu 1Jo 5. 12:
„‚Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben’... Der Apostel bezeugt auf
das Bestimmteste: ‚Wer den Sohn Gottes hat...’ Dies geht gegen alle
intellektualistischen Mißverständnisse des ‚Glaubens’, die
offenbar damals so nahe lagen, wie sie heute weit
verbreitet sind. ‚Glaube’ im biblischen
Sinn ist nicht das Fürwahrhalten von
Lehrsätzen. ‚Glaube’ ist eine lebendige
Verbundenheit von Person zu Person, so real, daß
man den ‚haben’ darf, an den man glaubt. Unser deutsches
Wort ‚Glauben’ – leider so viel mißverstanden und
mißbraucht – hängt in seiner Sprachwurzel mit
Worten wie ‚geloben’ und ‚sich verloben’ zusammen. Wer
sich ‚verlobt’, der ‚hat’ den andern, obwohl dieser
zugleich immer der andere als selbständige Person
bleibt. Es ist eine entscheidende Frage an uns alle, ob
wir Jesus Christus wirklich ‚haben’ oder uns nur
gedanklich mit ihm beschäftigen oder die biblischen
Sätze über ihn bejahen. Hier geht es um unser
Leben!” (zitiert aus. Wuppertaler Studienbibel, Die
Briefe des Johannes erklärt von Werner de Boor, 6.
Auflage 1989, S. 157 - 158, R. Brockhaus - Verlag).
Das grie. Wort pistis hat den gleichen Sinn; es
bezeichnet eigentlich eine Vertrauensbindung an eine
Person, somit an Gott und Sein Wort – an Sein Wort aber
immer als dem „Ausspruch,
der aus Seinem Munde kommt”, stets
eingebunden in die Erfahrung der persönlichen
Abhängigkeit von Ihm. Jesus hat bereits in seiner
ersten Versuchung durch den Widersacher darauf in der
rechten Art hinzuweisen gewußt! (vgl. Mt 4. 1 -
4).
Und doch geht dieses
Verfolgen oft genug von Christen selber aus. Es ist
erschreckend, zu welcher Bosheit gerade wir fähig sind, die wir
uns nach diesem Namen nennen! Und wie oft tun sich da
gerade jene unter uns hervor, die sich für die
„Besten der Besten”, für die „Heißesten der
Heißen” halten! Das war ja gerade das Problem auch
derer, an die Jakobus schrieb, daß eine ganze
Reihe von ihnen sich in einem solchen Ausmaß
„besser”, „richtiger”, „geistlicher” usw.
dünkten als ihre Geschwister, über denen sie
zu Gericht saßen, daß sie also so sehr mit „bösen
Erwägungen” beschäftigt waren,
daß sie alles andere darüber vergaßen.
Da stehen vielleicht zwei zusammen. „Bruder X ist
arm, kann sich dieses oder jenes nicht leisten”, sagt der eine und
behauptet: „Irgend etwas
stimmt mit ihm nicht.” – „Schwester Y
ist krank, ist das letzte Mal nicht geheilt worden”, sagt der andere und kommt
zu dem Schluß: „Sie soll
endlich glauben!” So fügt man eine
böse Erwägung an die andere, richtet man den
Bruder und die Schwester. Und immer wird dabei Druck ausgeübt, indem der,
der in Not ist, für seine Not selbst verantwortlich gemacht
wird! Das ist geradezu ein Kennzeichen jener, die einer
„Theologie” nachlaufen, die sich Erfolg und
Gewinn zum Maßstab, zum Aushängeschild
eines vermeintlichen „Richtig-Seins” erkoren hat. Gerade
hieran erkennen wir auch die immense
Gesetzlichkeit, ja den in dieser Gesetzlichkeit
liegenden Fluch einer ganzen „Bewegung”, deren Mitglieder
regelrecht „zum Erfolg verdammt” worden sind (s. Ga 5.
10). Das ebenso Notvolle wie
Typische an solchen Lehren ist ja, daß in ihnen
das Verurteilen, das Herabsetzen des Armen, des Kranken
und Erfolglosen quasi festgeschrieben, zum „Dogma”
erhoben wurde. Schließlich habe Gott Erfolg
verheißen, also hätten wir geradezu die
Pflicht, erfolgreich zu sein usw. Wer diesen Erfolg,
diesen Wohlstand, diese Gesundheit nicht oder nicht mehr
aufzuweisen hat, der wird zuletzt mit Füßen
getreten, den erklärt man der Hilfe nicht wert -
immer unter „ausreichender”, „theologisch einwandfreier”
Begründung und Rechtfertigung. Bei solchem Druck
sind viele auf der Strecke geblieben; ihr Leben, ihre
Persönlichkeit ist zerrüttet und manchmal auch
ganz zerstört worden.
Jetzt endlich, da wir den Zustand
solcher Geschwister sehen, durchschauen wir auch die
perfide Taktik Satans, des Verführers und Diebes,
der gekommen ist, zu stehlen, zu
schächten und umzubringen (s. Jo 10. 1 - 10). Und mit
besonders hochgradiger Verführung, die man nur
schwer erkennt, haben wir es hier in der Tat zu tun! All
dies sieht ja erst einmal so „richtig”, so
„geistlich”, so „biblisch” aus; und doch
zeigt die Abwesenheit von Friede, Freude und
Gerechtigkeit im Leben vieler, daß wir es hier
nicht mit dem Reich Gottes, sondern mit einer
Fälschung zu tun haben; es wachsen die Früchte
eines anderen, eines falschen Evangeliums heran (vgl.
Rö 14. 17 - 18, s. a. Ga 5. 13 - 26). Hier werden dann endlich
auch die Schattenseiten einer sogenannten
Frömmigkeit sichtbar, mit denen sich Jakobus
auseinandersetzt und mit denen darum auch wir uns einmal
gründlich auseinandersetzen sollten. Je mehr wir
den Jakobusbrief lesen, desto mehr fällt uns auf,
wie sehr eine solche „Frömmigkeit” die menschliche
Begierde, d. h. also unser „Fleisch” bedient. Es ist ja
auch viel einfacher, den Bruder oder die Schwester
herabzuurteilen, sich (wie Jakobus ja schreibt) zu Richtern über sie aufzuwerfen,
Gründe für ihre Not bei ihnen zu suchen und zu „finden”,
als ihnen die Liebe und Zuwendung entgegenzubringen,
derer sie bedürfen und die zu geben wir in jedem Falle
schuldig sind (vgl. Rö 13. 8ff, 1Kor 12. 20 - 26,
Ja 2. 8ff).
Wie aktuell, wie brennend dies alles
ist, mag uns der folgende Bericht veranschaulichen. Vor
einiger Zeit war mir zu Ohren gekommen, daß man
einem alten, lieben und wahrlich gestandenen Vater in
Christus, durch dessen Dienst im Verlaufe seines langen
Lebens viele zum wahren Glauben durchgedrungen waren,
damit gedroht (!) hatte, er würde sterben, „der
Herr würde ihn von der Erde wegnehmen”, wenn er
sich dem neuen „Leiter” der Gemeinde nicht „endlich”
unterordnete. Das Ganze war also ein knallharter Fluch.
Auch half man ihm nicht, auch nicht seiner Frau, wie es
sich eigentlich gebührt hätte; man ließ
die beiden Alten mit ihrer Schwäche und
Hilflosigkeit, mit ihren Sorgen und Nöten einfach
allein. Als ich von diesen Vorgängen hörte,
war ich schockiert. Wo sind wir da nur hingeraten, und
was ist das eigentlich für eine „Bewegung”, die so
mit den Alten umgeht, durchfuhr es mich. Was für
eine Anmaßung, welche Überhebung steckt
überhaupt in solchen Worten, die man diesen
Heiligen entgegenzubringen sich unterstand. Leider ist
auch dies nur ein Beispiel von vielen. Ganz schlimm aber
wird es, wenn einige in der Richtung auch noch „beten”,
irgendwelche Dinge „bekennen” und diese Dinge
weiträumig ausstreuen, indem sie überall davon
reden, etwa in dem Sinne „der Herr habe
ihnen das und das gesagt”, „mit Bruder X
oder Schwester Y geschehe dieses oder jenes”. Es ist an der Zeit,
daß wir solchen Leuten einmal in den Arm fallen
und ihnen deutlich machen, daß so etwas der Herr ganz gewiß
nicht gesagt haben kann! Wir bleiben dabei: wer immer
solche Dinge ausspricht, der geht mit Flüchen
oder, um es
mit dem griechischen Wort auszudrücken, mit Herab-Verwünschungen
um; immer
stehen sie in Verbindung mit Magie; wer dies tut, der
öffnet für sich und andere die Tore der
Finsterniswelt; er handelt mit bösen
Werken!
Denn ums Straucheln geht es hier, darum, ob
unser Weg (und der Weg anderer!) gelingt oder ob er
scheitert, darum, ob wir gehen oder fallen, darum, ob
unser Leben sein Ziel erreicht oder es verfehlt. Hier
gilt: „Wenn jemand
mit keinem Wort strauchelt, so ist dieser ein gereifter
Mann und ist imstande, auch den ganzen Körper zu
zügeln” (Ja 3. 2). Mit unserer Zunge lenken
wir, steuern wir Geschehnisse, ebnen oder verstellen wir
Wege, ob wir es nun wollen oder nicht. Und immer
wirken sich diese Dinge im Körperlichen, im
äußerlich-Sichtbaren aus; es ist ja der
Körper, der gelenkt wird! Wie viele Wege haben wir
etwa uns und anderen verstellt mit unserer Zunge, wie
viele Dinge verbaut, wieviele andere falsche
Entscheidungen ausgelöst, weil wir Dinge aus der
Hand Gottes heraus und in die eigene Hand genommen haben?
Sollten wir die Zunge nicht vielmehr dem Herrn Selbst unterordnen? Das wäre
dann einmal eine Unterordnung, die Gottes Wohlgefallen
hätte! - Jakobus fährt fort: „Wenn wir den
Pferden die Gebisse in ihre Mäuler legen, damit sie
uns willfährig sind, so lenken wir auch ihren
ganzen Körper. Siehe, auch die Schiffe, die ein
solch großes Ausmaß haben und von harten
Winden getrieben werden, lenkt man durch ein ganz
geringes Steuerruder...” (3. 3 - 4). Immer und immer wieder
geht es dabei um unseren Weg.
Diese Dinge sind freilich durch die
Glaubensbewegung im Sinne eines vom Menschen her
ausgelösten, bewußten Steuerns und
An-Sich-Reißens geistlicher Dinge in hohem
Maße entstellt und mißbraucht worden. Doch
hören wir, was Jakobus weiter schreibt: „Denn die
Natur allen Wildgetiers wie auch der Flügler,
Reptilien und auch der Tiere im Salzmeer wird
gebändigt und ist gebändigt worden von der
menschlichen Natur. Die Zunge dagegen kann kein Mensch bändigen...” (Ja 3. 8). Nein, wir Menschen können unsere Zunge
nicht bändigen; nur Gott Selbst kann es; wenn aber Gott sie
nicht bändigen darf, dann „bändigt” sie ein
anderer, bekommt ein anderer sie in seine Gewalt. Das
gilt gerade dann, wenn wir dieses „Bändigen”,
dieses „Steuern” in die eigene Hand nehmen wollen, um an
geistlichen Dingen herumzumanipulieren. Dinge, die wir
uns selbst nehmen, obwohl sie uns nicht gegeben sind,
führen uns in die Finsternis hinein, geradewegs in
die Dämonie. Es ist ja bezeichnend, daß
Jakobus das Wirken der Zunge als solches durchweg negativ sieht.
Wir sollten uns also auf gar keinen Fall täuschen
lassen!
„Siehe, welch
ein kleines Ausmaß an Feuer vermag welch
großes Ausmaß an Material zu
entzünden”, schrieb er zuvor. „Auch die
Zunge ist ein Feuer, eine Welt der Ungerechtigkeit. Die
Zunge ist unter unseren Gliedern als diejenige
eingesetzt, die den ganzen Körper beflecken kann
(eig, eingesetzt unter unseren Gliedern, die den ganzen
Körper beflecken) und das Rad des uns Angestammten
entflammt wie
von der Gehenna entflammt wird” (V. 6). Wer also das Reden der
Zunge in der hier vorbezeichneten Weise in die eigene
Hand nimmt, der öffnet erst der Sünde, dann
auch dem Feuer der Hölle, der „Gehenna” Tür
und Tor, und zwar genau aus dem Grunde, weil er dieses
Glied selbst eben nicht beherrschen kann; es ist
ihm ganz schlicht und einfach nicht gegeben. Wer es
dennoch versucht, der entzündet ein Feuer,
das nicht von Gott, sondern aus der Hölle kommt.
Hier haben wir jenes falsche Feuer vorliegen, das dem
Volk Gottes aller Zeiten immer wieder so viel Not
bereitet hat. Spätestens
hier sollten jene, die sich der „Bekenntnislehre” der
sogenannten Glaubensbewegung, jener aus Amerika
importierten Philosophie des „name it, claim it” (übersetzt etwa: „nenne es, beanspruche es”) so sehr verschrieben haben, sich einmal
gründlich in Frage stellen und sich vor Augen
führen, welchen Schaden sie mit solchen Lehren
eigentlich anrichten!
Hier findet eine ganz verhängnisvolle Umkehrung
statt. Denn auch hier reißt man Himmlisches an
sich, nimmt es in die eigenen Hände. Angesichts der
hier beschriebenen Dinge sollten wir uns wirklich einmal
fragen lassen, aus welcher Wurzel unser „Jauchzen”, unser „Lobpreisen” eigentlich kommt! Ich
unterhielt mich einmal mit einem Bruder, der der Meinung
war, daß Gott herbeikäme, wenn wir nur genug riefen,
tanzten und sängen. Als ich ihm zu widersprechen
wagte, wurde er sehr ungehalten und gab mir doch recht
deutlich zu verstehen, daß ich „keine Ahnung”
hätte. Keine Ahnung? Nun, es
bleibt jedenfalls dabei - wir können
Gott nicht „herbeirufen”. Er ruft vielmehr uns; Er
ist der Herr; wir haben zu kommen; wir rufen
nicht Ihn, daß Er zu kommen habe. Wer da „kommt”,
weil wir nach ihm rufen, ist ein
anderer! Wir können Gott eben nicht „gebrauchen”,
wie man ein Werkzeug „gebraucht”. Er will vielmehr uns
gebrauchen! Ein Gott, der sich von uns „gebrauchen”
läßt, der „erscheint”, weil wir singen, rufen
oder andere Dinge tun, ist nicht der Gott der Bibel,
sondern ein anderer, der den Schein erwecken möchte,
daß er dieser Gott sei. Solche Praktiken
rühren aus dem Heidentum her; man bezeichnet sie
nicht ohne Grund als Schamanismus,
eine Praxis,
die wir in allen Religionen und Völkern und zu
allen Zeiten vorfinden. Der Schamane ist ein Zauberer, der sich
in Extase tanzt, singt und ruft; wenn er in diese Extase
eingetreten ist, die Geister also gekommen sind, beginnt
er unter ihrem Einfluß zu wahrsagen oder andere
okkulte Riten zu vollführen. Ein gutes Beispiel
dieses Prinzips finden wir bei den Baalspropheten vor,
die Elia zusammengerufen hatte; sie schrien,
hüpften um den Altar, den sie gemacht hatten, und
fügten sich selbst sogar Verletzungen zu; dann
wahrsagten sie (1Kö 18. 16 - 29). Und doch war
da „keine Stimme
noch Antwort noch Aufmerken” (V. 29,
Schlachter). – Ich sage hier
ausdrücklich nicht, daß Lobpreis etwas
Falsches sei, wie einige behaupten; wer so etwas sagt,
der hat seine Bibel nicht gelesen. Lobpreis ist etwas
sehr Wichtiges, aber auch Heiliges; Gott erwartet ihn
von uns; er dient aber nur dazu, Ihm Ehre zu geben, und
nicht, um eine Gegenleistung „herbeizusingen” oder
irgendwelche anderen „Resultate” zu erzielen. Wenn Gott
dann während des Lobpreisens oder während der
Anbetung Sich offenbart, zu uns redet oder an uns
handelt, ist das allein Seine ganz
souveräne Entscheidung.
Wie wir am Beispiel Israels sehen,
ist die hier beschriebene Fehlentwicklung nicht neu.
„Jauchzen” ist schon damals, wie die herbeigeholte
Bundeslade auch, Mittel zum Zweck geworden: Wieder einmal
versucht man,
auf dem Weg von Methode und Prinzip etwas zu erheischen,
diesmal den so dringend benötigten Sieg. Wieder einmal
möchte man den Weg abkürzen und die angenehme,
leichtere Variante finden, die es nicht gibt. Statt der
Wegstrecke, die der Herr uns zurücklegen
läßt, wählt man die ‚Instant’ -
Lösung: die nämlich des Befolgens von Prinzip
und Methode. Damit
reißt man an sich, was einem nicht zusteht; so
verweigert man Gott die Umkehr, die Er fordert, und
erhebt sich damit gegen Ihn Selbst. Daß diese
Lösung keine ist, das hat so mancher schon bitter
erfahren müssen. Wir wissen ja, wie die Geschichte
ausgeht: Israel erleidet eine katastrophale Niederlage,
es fallen dreißigtausend (!) Mann, und die
Bundeslade wird als Siegestrophäe in den Tempel
Dagons, des Gottes der Sieger, gebracht. Noch immer war
ihnen nicht gewärtig, daß der Herr nicht mehr
mit ihnen – in ihrer
Gegenwart – war. Es gibt zu der Zeit nur einen einzigen Menschen, der begriffen
hatte, was da eigentlich vor sich ging, und dieser
Mensch ist eine Frau. Die Schwiegertochter Elis, Frau
des Pinhas, bringt einen Sohn zur Welt, den sie Ikabod nennt – übersetzt Nicht-Herrlichkeit
– , um auszudrücken: „die
Herrlichkeit ist von Israel gewichen” (1Sam 4. 19 -
22).
Der Herr bewirkte jedoch an den Feinden, was er zu dieser Zeit in Israel selbst nicht offenbaren konnte: Das Aufstellen der Bundeslade in ihrem Tempel endete damit, daß ihr Gott Dagon zu Boden fiel und zerbrach, und die Hand des Herrn lag so schwer auf ihnen, daß sie sich dann doch entschlossen, die Bundeslade wieder loszuwerden (1Sam 5). Nachdem über langen Irrwegen die Lade des Herrn wieder zurück nach Israel gelangt ist, braucht es dann noch volle zwanzig Jahre, bis Israel von ganzem Herzen zu dem Herrn umkehrt und endlich die fremden Götter aus seiner Mitte entfernt. Jetzt erst kann der Herr die Knechtschaft der Philister beenden, in die sie wegen ihres Ungehorsams geraten waren, indem ER ihnen den Sieg gibt, und all das, was Er ihnen einst gegeben hatte, wiederherstellt (1Sam 7). Zwanzig Jahre – das ist eine ganze Generation, die hier ins Land gehen mußte, ehe Israel zur Erkenntnis durchbrach. Und wie viele Jahre brauchen wir?
Was dem
Volk Israel damals nicht gelang, indem es Dinge und
Praktiken anwandte, kann jedenfalls auch nicht denen
gelingen, an die Jakobus seine dringliche Mahnung richtet:
Alles Jauchzen und Jubeln verfehlt die Wirkung, die man sich
davon erwartet hat – da man damit ja doch immer nur den Schein einer
Wirklichkeit erschaffen kann, die in Wahrheit nicht
vorhanden ist. Wie schon das Herbeiholen der Bundeslade
durch jene, die sie als Fetisch einer buchstäblich gottlosen Frömmigkeit mißbrauchten,
bleibt auch ihre Anstrengung ergebnislos. All dies wird zu
einem makabren Schmierentheater in der geistlichen Welt, da Gott Selbst nicht mehr in ihrer Mitte zu
finden ist. –

| Titel |
Anmerkungen |
Download | < Die Zügel Gottes | Vom Weg Kains > |
Download
Möchte
jemand schreiben?| Startseite | Warum? |
Schriften | Linkliste |
Impressum |