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Die
vorliegenden Seiten befassen sich mit dem Thema der
geistlichen Gaben, wie sie vom Neuen Testament her beschrieben
werden und von dort her nicht nur verstanden, sondern auch
angenommen und in der rechten Weise gelebt werden wollen. Wir
gehen dabei nicht zuletzt auch auf die Entwicklungen der
Charismatischen Bewegung innerhalb der ehemaligen DDR ein, da
wir von diesem Hintergrund herkommen. Natürlich kann eine
solche Betrachtungsweise nie eine andere sein als eine immer
auch subjektiv gefärbte, wie dies ja grundsätzlich bei jeder
eigenen Betrachtungsweise zu sagen ist. Ich glaube nicht, daß
man jemanden aus seinem Umfeld herauslösen kann, in dem er lebt und auch
von Gott her gestellt worden ist, und das gerade auch
hinsichtlich unserer Fehler, die wir immer wieder machen. In
die Subjektivität unserer Persönlichkeit und der eigenen
Lebenswege hinein gilt es jedoch immer, die Objektivität des
Wortes Gottes aufzurichten. Daher wollen wir nicht bei dem
Erfahrenen stehen bleiben, sondern vor allem untersuchen, was
dieses Wort darüber zu sagen hat. Verschiedene Anmerkungen
dienen der Ergänzung und Konkretisierung der jeweiligen
Aussagen.
Zugleich aber werden wir uns auch den verschiedenen Irrlehren widmen, die in dem Versuch, unter Mißbrauch der hier beschriebenen Irrwege die Geistesgaben als generell obsolet darzustellen, leider immer wieder publiziert und unter den guten Samen des Wortes Gottes gemischt werden. Es handelt sich bei dieser Studie um eine Zusammenführung verschiedener Aufsätze, sowohl solcher, die im Verlaufe der Jahre entstanden sind, als auch von eigenen Beiträgen, die im Verlaufe einer Forenmitarbeit verfaßt und gelegentlich überarbeitet wurden. Es ist das erklärte Bestreben dieser Seite, im Rahmen ihrer gewiß kleinen Kraft dabei mitzuhelfen, daß nicht nur die verschiedenen Fehlentwicklungen, sondern vor allem auch die Fehldeutungen erkannt und berichtigt werden können. Möge Gott uns allen das Licht und die Umkehr schenken, die gerade auch auf diesem Gebiet mehr denn je notwendig sind!
| Inhalt |
Prolog |
Thema |
Anmerkungen | Download |
< Menschen der Unmittelbarkeit | Die Taufe... > |
Es
ist August des Jahres 1984, die Zeit der Kirchenwochen, die
in vielen Orten stattfinden. Etwa 200 Gläubige sind
versammelt in einer Kirche im thüringischen Mohlsdorf, DDR..
Von überall sind sie hergekommen. Und doch regiert die
Liebe, und eine große Einheit ist vorhanden. Es ist nichts
angeordnet, außer daß man gemeinsam auf Gott hören und das
Gehörte einander mitteilen will. Es gibt zwar eine ganze
Reihe leitender Mitarbeiter, die die verschiedensten Dienste
tun und die Kirchenwoche tragen; aber eine Leiterschaft in
dem Sinne, daß einer über dem andern herrscht, gibt es
nicht. So etwas ist verpönt in jenen Tagen. Nach einer
kurzen Einführung steigt gemeinsame Anbetung Gottes auf. Es
werden einzelne Geistesgaben betätigt. Einer, zwei oder drei
beten in Zungen, einem anderen wird die Auslegung geschenkt.
Es folgen Erkenntnisworte und Prophetie, immer wieder
gefolgt von Stille – man kann eine Stecknadel fallen hören –
und Liedern der Anbetung. In alldem herrscht eine große
Disziplin und Ruhe.
Ein Freund aus jenen Tagen, ein
lutherischer Pfarrer aus einem Ort in der Nähe von Chemnitz,
bestätigte mir, daß diese Höhe bis heute – mehr als 20 Jahre
danach – nicht wieder erreicht worden ist.
Wenigstens in Anfängen empfinde ich das,
was damals erlebt wurde, als ein ganzes Stück signifikanter
Verwirklichung dessen, was im Neuen Testament über die
Geistesgaben geschrieben steht. Ich erinnere mich noch heute
daran, als wäre es gerade erst geschehen. Diese Tage haben
mich über vieles andere hinaus geprägt. In der
Zwischenzeit – wir schreiben das Jahr
2008 – hat die Charismatische
Bewegung, wie ich sie kenne, einen verhängnisvollen Weg
eingeschlagen. Wie ist es dazu gekommen? Schauen wir noch
einmal auf jene Zeit:
Viele bekehren sich, erleben die
Vergebung ihrer Sünden, werden von neuem geboren, erfahren
die Gnade Gottes. Auch so mancher Pfarrer ist dabei, erfährt
seine eigene Lebenswende und damit auch eine Wende seines
Dienens. Es gibt Brüder, die vor der ganzen Gemeinde Buße
tun. Viele öffnen ihre Kirchen, beweisen fast
übermenschlichen Mut, fechten so manchen Streit mit den
Kirchenleitungen aus. So mancher riskiert seine
Ordinationsurkunde dabei und damit seine Existenz. Keiner,
der nicht in der DDR jener Zeit lebt, wird je ermessen
können, was das in einem solchen Land für Konsequenzen mit
sich führen kann. So bleiben den meisten auch die vielen inneren Kämpfe
dieser Väter und Mütter in Christus verborgen, werden von
vielen kaum wahrgenommen oder wirklich respektiert. Und doch
vermag die Kirche insgesamt das neue Leben, und sicherlich
auch so manche notwendige Korrektur, die dieses neue Leben
in Lehre und Praxis mit sich brächte, nicht so recht
anzunehmen. Eine Zeit des gegenseitigen Ausgrenzens beginnt.
„Alt und Jung” klaffen mehr und mehr
auseinander, entfremden sich zunehmend. Die Väter wollen das
Althergebrachte bewahren; die Jungen aber streben, stürmen
voran, wollen in dem Neuerkannten weiterkommen, weiterkommen
bald um jeden Preis. Dieses „Weiterkommen-wollen um jeden Preis”
ist der Anfang der Tragödie...
So gibt es viele unter uns, die sich bald nichts mehr sagen lassen, die zunehmend dem Hochmut verfallen bis dahin, daß sie zuletzt auch ihre Väter verwerfen und angreifen. Stimmen aus den eigenen Reihen, die zur Nüchternheit mahnen, werden bald überhört, gelten vielen nur noch als Teilhabe „Unaufgeklärter” am vorgeblich „alten religiösen System”. So kommt es erst zu Brüchen, dann vermehrt zu Spaltungen. Man spricht von einer regelrechten Kirchenaustrittswelle. Die Landeskirchen sind darauf nicht vorbereitet. So trifft sie das Geschehen wie ein Schlag. Vor allem viele kleine Kirchengemeinden brechen zusammen. Noch immer gibt es warnende Stimmen; sie werden jedoch meistens überhört und in den Wind geschlagen. Bald ist es zu spät, und die Welle rollt mit voller Wucht. Die Ausgetretenen gründen neue, „freie” Gemeinden, es entsteht eine neue Denomination, und neue, bislang wenig bekannte Lehren greifen um sich. Es sind vor allem die Lehren der Glaubensbewegung Kenneth Hagins und anderer, made in USA und Deutschland (West), die da über die Grenzen wabern. Die sogenannten „Jüngerschaftsschulen” entstehen. Daß die Urheber der Jüngerschaftslehre ihre Lehren gerade erst widerrufen haben oder dabei sind, sie zu widerrufen, wissen die Betreiber offensichtlich nicht. [1] Wir schreiben die Jahre 1986/87. Es beginnt eine Zeit der Eliten, der sogenannten „großen Gesalbten”, der angeblichen „Männer Gottes”.
Bald kommt das Jahr 1989, das Jahr der friedlichen politischen Umwälzungen, die Grenze ist offen. Alles ergeht sich in Euphorie, so daß wir schier trunken sind ob der neuen Freiheit. Diese Trunkenheit wird jedoch auch für viele Geschwister teuer werden. Denn sie ruft nun nicht etwa mehr der Herr, dessen stilles Reden im Strudel der Ereignisse vielfach übertönt wird, sondern die D-Mark. Die DDR wird verkauft und ihre Bevölkerung gleich mit. Die Bevölkerung eines ganzen Landes tappt in die Falle der Geldgier, und die Falle schnappt zu. Es gilt den Preis zu bezahlen, ihren Preis. Was Paulus schrieb, wird für viele zur bitteren Realität (1Tim 6. 9 - 10). Die folgenden Jahre werden uns ernüchtern lassen.
Es gibt die ersten Arbeitslosen, nicht nur „frei” geworden aus unrentablen Betrieben, sondern zunehmend produziert durch eine verhältnismäßig marktradikale, in großen Zügen profit- und geldorientierte Politik derer, die sich „christlich” nennen. In großen Scharen kommen nun Menschen mit einer Mentalität in den Osten, wie man sie hier vorher nicht kannte; nicht wenige von ihnen gehören zu den Gewinnlern und Profiteuren der ersten Stunde. Sie profitieren vor allem von unserer schier grenzenlosen Naivität. So verkaufen sie uns anfangs nicht nur rostige Autos oder Ramschartikel, bevor sie darangehen, Supermärkte, Einkaufsparadiese und Autobahnen für den sich ihnen erschließenden neuen Markt aus dem Boden zu stampfen. Ihre „Propheten” verkünden uns den Weg in den Wohlstand gleich mit. Bald belehren sie uns auch darüber, wie man „Gemeinde zu bauen” habe, betonen die überaus große Wichtigkeit von „Leiterschaft”, vom „Opfern” und vom „Zehntengeben”. [2] Große „Visionen” künden von großen, einander übertreffenden Gemeindezentren, die es für die vorgeblich kommende „Erweckung” zu errichten gelte. In den noch jungen Glaubensgemeinden wachsen Stolz und Exklusivität heran; sie verfallen zunehmend der Sektiererei.
Werden wir den Weg der
Umkehr, zur Buße finden?
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< Menschen der Unmittelbarkeit | Die Taufe... > |
Wie die einleitenden Sätze zeigen, wollen wir uns im folgenden einem Thema zuwenden, das innerhalb des Leibes Christi vor allem in den letzten hundert Jahren heftige Kontroversen hervorgerufen hat. Dabei wollen wir nicht auf den vielfältigen Auseinandersetzungen zwischen Evangelikalen und Charismatikern, wie sie heute im allgemeinen an der Tagesordnung sind, stehenbleiben. Angesichts großer Fehlentwicklungen und Entgleisungen in der charismatischen Bewegung selbst ist hier eine Kurskorrektur dringend notwendig. Wie der Leser anhand des Prologes und in der dortigen Bezugnahme auf die Ereignisse in der ehemaligen DDR bemerkt haben mag, schreiben wir diese Seiten nicht vom grünen Tisch; wir schreiben aus eigenem Erleben und nicht zuletzt auch aus eigenen Wegen heraus, die wir gegangen sind und die sich fast durchweg als falsch erwiesen haben. Daß wir diese Dinge in diversen Bibelstudien selbst aufzuarbeiten versucht haben, ist verschiedentlich angedeutet worden. So ist auch diese Schrift ein Ergebnis davon. Dabei wollen und können wir uns nicht über andere erheben; wir haben uns diese Dinge immer wieder selbst wachzurufen und zuallererst selbst Buße zu tun. Es geht darum um nicht weniger als um die Rückkehr zu Gott; wenn wir zu Ihm – d. h. nicht nur formal zu einer biblisch korrekten Lehre, sondern in erster Linie in die Gemeinschaft mit Ihm – zurückgefunden haben, dann werden sich uns auch die Geistesgaben wieder erschließen, wie Gott sie Sich nach dem Neuen Testament gedacht hat, und damit werden ganz gewiß auch ihre Ordnungen wiederkehren und ihr schriftgemäßes Praktizieren – das Leben in und mit diesen Gaben – ermöglicht werden.
Die Verirrungen diverser pseudo-charismatischer Kreise, wie vor allem derer der sich auf die Lehren Hagins, Copelands und anderer Neugeist-Lehrer berufenden Glaubensbewegung und seit jüngerer Zeit auch der sogenannten, damit eng verwandten Wort-und-Geist-Bewegung, haben wiederum vor allem einige sich als „evangelikal” definierende Gruppen zum Anlaß genommen, ihre eigenen Irrlehren und Mißverständnisse über den Heiligen Geist und vor allem ihre Ablehnung Seiner Gaben, auf die diese Irrlehren ja hinzielen, von neuem „salonfähig” zu machen. Das ist gewissermaßen wie eine „Welle”, die da hin und her durchs Land schwappt und die mir auch persönlich große Not bereitet, da ich ja aus der Charismatischen Bewegung komme und durch sie auch viel Gutes, Wertvolles und Unverzichtbares habe erfahren dürfen, wofür ich Gott sehr, sehr dankbar bin. Nun aber hat diese Bewegung, wie ja auch im Prolog angedeutet, unterdessen eine Richtung eingeschlagen, die beim besten Willen nicht mehr gutgeheißen werden kann. Das Spektrum ihrer mittlerweile eingetretenen Verirrungen ist dabei ziemlich breit. Es reicht von handfesten Irrlehren, ungeistlichen Praktiken, weitverbreiteter falscher Prophetie [4] und unbiblischem Leiterschaftsgebaren bis hin – vor allem mit Letzterem zusammenhängend – zu schwersten Mißbräuchen anderer Geschwister. Und solche Geschwister sind es dann sehr oft auch, die nicht nur in die beschriebenen Irrlehren der anderen Seite tappen, sondern häufig auch selbst zu Kolporteuren solcher Irrlehren werden, die dann immer weitere Kreise ziehen. [5] Verbitterung spielt in diesen Dingen ja immer eine entscheidende Rolle (vgl. Hbr 12. 14 - 17).
Dabei ist die Debatte um die Geistesgaben ja gar nicht so neu. Sie reicht wenigstens – wenn wir die lutherische geradezu schon panische Angst vor vermeintlicher oder auch tatsächlicher „Schwarmgeisterei” einmal außen vor lassen – von den Ereignissen in Kassel 1906 mit ihren schwärmerischen Entgleisungen über die sogenannte „Berliner Erklärung”, die auf diese Entgleisungen folgte, bis weit in unsere Tage hinein. (Wir lassen die Entwicklungen um die Geschehnisse in der Azusa-Street einmal außen vor und beschränken uns auf unserer eigenes Land.) [7] Unterdessen haben sich ganze Konglomerate von verfestigten Irrlehren und dogmatischen Verzerrungen beiderseits des Weges entwickelt, nachdem beide Seiten sich mehr oder weniger verhärtet haben und – nach erfolgten Spaltungen – jeweils eigene Wege gegangen sind. Wenn wir es genau betrachten, ist diese Debatte allerdings sehr viel älter. Ihr Alter beträgt fast zweitausend Jahre. Es ist nämlich exakt dieselbe Auseinandersetzung zwischen den beiden Extremen unwissenden, schwärmerischen Mißbrauchs auf der einen und der gänzlichen Ablehnung dieser Gaben auf der anderen Seite, die Paulus schon unter den Korinthern führte, woraus ersichtlich wird, daß beide Extreme etwas mit geistlicher Unreife und gravierender Unkenntnis zu tun haben. Die Protagonisten beider Seiten verharren demnach jeweils für sich gesehen im Kindheitsstadium (wörtlich: dem Alter von Spielenden, paidíon=Knabenalter, von paizo, spielen abgeleitet) obwohl sie doch längst zur Reife gelangt sein sollten (1Kor 14. 20ff, 39, 40).
Hier scheinen sich die Dinge jedesmal zu wiederholen: Immer wieder, wenn Gott in diesem Land wirklich etwas tun will, kommt es zu eigenen, ungeistlichen Vorwegnahmen durch vermeintliche „Gabenträger” und damit zu Fälschungen, die ihrerseits wiederum zu verheerenden Entgleisungen führen – und ebenso kommt es anschließend auf der anderen Seite regelmäßig dazu, daß ganze Scharen angeblicher „Aufklärer” und sogenannter „Heresy-Hunters” sich aufmachen, diese Dinge in der Form zu „bekämpfen”, indem sie nun ihrerseits „das Kind mit dem Bade ausschütten” und ihre sehr einseitigen Erklärungen und Mißverständnisse mithilfe diverser pseudobiblischer Lehrgebäude, Halbwahrheiten, Unterstellungen und teilweise auch handfester Irrlehren anschließend zu dogmatisieren suchen, wobei jeder Seite die wirklichen oder auch vermeintlichen Fehler der jeweils anderen Seite zumeist hochwillkommen sind. Die Wahrheit bleibt dabei nicht nur auf der Strecke, sondern es wird damit zugleich immer auch dafür gesorgt, daß so viele (jeweils gegenseitige) Hindernisse wie nur möglich errichtet werden, damit sie nur ja nicht aufgedeckt würde, und so wird auch die Spaltung immer weiter vertieft. Viele solcher Dinge werden aber auch willkürlich konstruiert. Das fängt in einigen charismatischen Kreisen bereits damit an, daß man jedem, der nicht in Zungen betet, unterstellt, daß er „den Geist nicht habe”, eine Sache, die (als Verkehrung von Ursache und Wirkung) nicht nur vollkommen unbiblisch, sondern auch außerordentlich lieblos ist. Ich habe viele Gnadengaben auch bei Geschwistern vorgefunden, die nicht in Zungen beten, und das vermag normalerweise jeder zu erkennen, der sich mit der Materie beschäftigt und geistlich hinzusehen bereit ist, ohne irgendwelche denominationellen Vorurteile zu pflegen, die es ja auf beiden Seiten gibt.
Das andersseitige Extrem besteht dann u. a. darin, all denen, die sich inhaltlich und vor allem vorurteilsfrei mit den Gaben des Sprachengebetes, der Auslegung und der Prophetie auseinanderzusetzen wagen, in Bausch und Bogen vorzuwerfen, daß sie all diese Gaben – insbesondere das Sprachengebet – „überbetonten” und ihnen einen Platz einräumten, den ihnen das Neue Testament angeblich nicht gewähre, natürlich immer mit der vor sich hin schwelenden Aussage im Hintergrund, daß es unter jenen, die sich damit beschäftigten, ja schließlich zu den diversen Exzessen gekommen sei. (Paulus hat allein diesen drei Gaben in Theorie und Praxis allerdings fast ein ganzes Kapitel gewidmet.) Dabei ist es einer der Kernpunkte radikal-evangelikaler Aussagen, daß man sich nicht nach diesen Geistesgaben ausstrecken dürfe, da man sich damit einen vorgeblich „anderen Geist” einhandele. Abgesehen davon, daß man sich damit nicht mehr nur der Gefahr, sondern schon dem Bereich der Lästerung aussetzt – schließlich werden hier Aussagen des Wortes ganz klar dämonisiert – befindet man sich zugleich auch nicht mehr in der Wahrheit und hat damit den Boden der Heiligen Schrift bereits verlassen. Denn das Wort Gottes hält uns sehr wohl dazu an, und zwar mit überaus deutlichen Worten, daß wir nach den Geistesgaben streben, ja regelrecht um sie eifern sollen. Und das betreffende Kapitel läßt uns auch nicht im Unklaren darüber, welche Gaben das im Besonderen sind.
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Eifert nach den Geistesgaben.
1Kor 14. 1 (Ausschnitt)
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Dieses heidnisch-magische Denken besagt nichts anderes, als daß ein Geist – einige verstehen dies auch als eine eher unpersönliche Einwirkung einer bloßen Kraft – über uns kommen und sich unseres Körpers oder unserer Seele bemächtigen müsse, um sich unserer mehr oder weniger willenlos gewordenen Glieder zu bedienen und durch diese auszuführen, was er will. Auf diese Weise (und unter Umgehung der eigenen Persönlichkeit) würden die Willensbekundungen dieses Geistes oder auch Gottes zu den Menschen gelangen. Unsere Glieder, unser Mund usw. würden dabei wie die eines spiritistischen Mediums bewegt werden; wir hätten sie nicht mehr unter der eigenen Kontrolle und wären – sozusagen ferngesteuert – nicht mehr wir selbst. In der Tat finden wir solche Dinge und Vorstellungen, wie sie ja von der Denkart her tatsächlich sowohl bei vielen Evangelikalen als auch bei nicht wenigen Charismatikern vorhanden sind, von Geschwistern katholischer Prägung ganz zu schweigen, immer wieder im Heidentum vor. Es ist müßig dabei besonders zu betonen, daß dies genau die Wirkungsweise Satans ist. So geht der Teufel mit seinen Helfershelfern – Okkultisten jeder Art – und damit immer zugleich auch Opfern um.
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Ich spreche euch nun zu,
Brüder (im Hinblick auf die Mitleidserweisungen
Gottes), eure Leiber als ein lebendiges, heiliges und
Gott wohlgefälliges Opfer bereitzustellen (als euren
folgerichtigen Gottesdienst) und euch nicht auf diesen
Äon einzustellen, sondern euch umgestalten zu lassen
durch die Erneuerung eures Denksinns, damit ihr zu
prüfen vermögt, was der Wille Gottes sei – der gute,
wohlgefällige und vollkommene.
Rö 12. 1 - 2
|
Wer tot
ist, der bewegt sich nicht von selbst, der bedarf, wenn er
denn bewegt werden soll, des Bewegtwerdens durch einen
anderen. Gott aber will, daß wir uns – als
lebendige Glieder Seines Leibes – selbst bewegen, aus
freien Stücken, bewegen freilich so, wie Er will,
geführt durch Seinen Geist. Denn es ist ja nicht mehr das
Leben aus eigener Kraft und in Verwirklichung des
Eigenwillens, das wir führten, solange wir noch in Sünden
waren, sondern das neue, das Auferstehungsleben in stetem
Gehorsam, das hier gelebt und ausgedrückt werden soll.
Gottes Geist „treibt” uns jedoch nicht, wie dies
in älteren Bibelübersetzungen noch zu lesen war, sondern führt. Gott hat den „Stecken des Treibers” (der Treiber ist der
Teufel) in Christus zerbrochen,
indem Er den Mächten und Gewalten die Macht genommen hat (vgl. Jes 9. 3, Kol 2. 15).
Alle aber, die vom Geist Gottes geführt werden (agō), die sind Gottes Söhne (Rö 8. 14). Das
Geführtwerden durch Seinen Geist setzt jedoch immer die eigene
Willigkeit voraus, unseren Körper bzw. dessen Glieder für Gott
nicht etwa nur passiv
zur Verfügung zu stellen, sondern diese – im Gehorsam – auch selbst zu gebrauchen, je
nachdem, welches Dienstes es bedarf, nach dem Maß des Glaubens
freilich, das jedem einzelnen jeweils zugeteilt worden ist,
wie ja ein jedes Glied seine eigenen Funktionen hat (Rö 12. 3
- 8). Paulus bezeichnet dieses lebendige Darbringen unserer Glieder als
einen folgerichtigen (logikon), als logischen bzw. einen
dem logos, d. h. dem Wort oder der Lehre entsprechenden
Gottesdienst. Das griechische Wort für „Gottesdienst”
ist latreia oder (an anderen Stellen) auch leiturgia.
In allen seinen Vorkommen im Neuen Testament steht es immer im
Zusammenhang mit einer durch uns vollzogenen
Handreichung, sei es nun in Bezug auf die Öffentlichkeit, hin
zu unserem Nächsten oder auch hin zu Gott Selbst. Das ist eine
bewußt vollzogene Angelegenheit im Vollbesitz des Verstandes
und aller unserer Kräfte (s. Mt 22. 37, Mk 12. 30). Wer
Gott liebt, der reicht Ihm die Hände zum gemeinsamen Tun.
Ein „Fortgerissenwerden” unseres Körpers
oder auch nur einzelner Glieder unseres Körpers ohne oder
vielleicht sogar gegen unser Zutun und unseren
Willen, wie es in den oben skizzierten Vorstellungen ja
immerhin vorausgesetzt wird, kann demnach niemals ein
Kennzeichen der Einwirkung des Heiligen Geistes sein. Im
Gegenteil; hier herrscht ein anderer; hier ist ganz eindeutig
ein dämonischer Geist am Wirken. Wer Menschen „wegreißt”, ist nicht Gott, sondern
der Teufel, nachdem er von Menschen Besitz ergriffen
hat (vgl. Mt 8. 28 - 33, Mk 5. 1 - 17, Lk 8. 26 - 33; s. a. Mk
9. 17 - 27; auch Apg 16. 16 - 18). Deshalb schreibt Paulus bereits
am Beginn seiner Erörterungen im zwölften Kapitel des
ersten Korintherbriefes die folgenden bemerkenswerten Sätze:
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Was aber die
geistlichen Gaben betrifft, meine Brüder, so will ich euch nicht
in Unkenntnis darüber lassen. Ihr wißt, daß
ihr, als ihr noch unter den Nationen wart, zu
den stummen Götzen weggeführt wurdet, wie ihr ja
geführt wurdet. Darum mache ich euch bekannt,
daß niemand, der in Gottes Geist spricht, sagen
wird: In den Bann getan sei Jesus (wörtlich:
Gebanntes ist Jesus). Auch kann niemand sagen:
Herr ist Jesus, außer in heiligem Geist.
1Kor 12. 1 - 3
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Diese Macht wird als eine charakterisiert, die – im
Gegensatz zu einem Sich offenbarenden Gott – immer
zu stummen Götzen hinzieht, die selbst nicht reden können
und damit immer auch im Verborgenen bleiben. Andere, wie
z. B. die Schlachterbibel oder die Elberfelder Übersetzung,
übersetzten das Wort mit weggerissen werden. Die
Lutherübersetzung, Revision 1984, schreibt, daß jene mit
Macht zu den stummen Götzen fortgezogen wurden (Vers 2).
Da nur Ein Gott ist, wissen wir aus der Schrift, daß es sich
bei diesen Götzen nicht um andere Götter handelt, sondern um
Dämonen; denn diese sind es, denen die Nationen opfern (1Kor
10. 19ff). Hier wird demnach die ständige Einwirkung
realer und widergöttlicher Mächte erkennbar, denen zu
entrinnen den Korinthern vor ihrer Bekehrung nicht möglich
war. Und so mochte der, der sich unter der Herrschaft dieser
Mächte befand, dagegen tun, was er wollte – wie auch immer er
sich dagegen stemmte, was auch immer er unternahm, immer und
überall fand zuletzt dieses Wegführen, dieses Wegreißen
oder Wegziehen statt (1Kor 12. 1). Paulus sagt hier
ausdrücklich, daß dies nicht die Wirksamkeit des Heiligen
Geistes ist, sondern zu den Götzen führt, und damit zu den
Dämonen, zurück unter die Herrschaft dieser Welt und ihres
Fürsten (Vers 2).
Aber auch eine andere Angelegenheit, die in
Vers 3 desselben Kapitels erörtert wird, ist dabei besonders
zu beachten. Hier geht es eben nicht darum, daß das bloße
Bekenntnis, daß Jesus Herr ist, schon eine Aussage darüber
treffen kann, daß der, der diese Worte ausspricht, sie im
Heiligen Geist ausspräche. [9] Diesen Satz vermag
normalerweise jeder zu artikulieren, ohne ihn auch glauben zu
müssen, wie ganze Scharen von Namenschristen beweisen, die
wohl Mitglied einer Kirche sein mögen, vielleicht auch ein
Glaubensbekenntnis aufzusagen wissen, mit einer lebendigen
Gottesbeziehung aber nichts anfangen können. Es geht
auch nicht darum, daß man über Jesus keinen Bannfluch
aussprechen dürfe. Wie uns, so dürften diese Dinge auch den
Korinthern völlig logisch erschienen sein; sie sind eigentlich ganz
selbstverständlich, so daß sie an sich keiner
besonderen Erörterung bedürften. Es geht hier vielmehr um
das Vermeiden einer Vermischung geistlicher Dinge mit
heidnischen Vorstellungen. Wir müssen diese Worte daher
immer im Zusammenhang des zuvor Genannten sehen. Es geht dabei
um das Wegführen zu den stummen Götzen, die sich (mehr oder
weniger gewaltsam) anderer bedienen müssen, um das
Erzeugen einer eigenen Machtlosigkeit über den eigenen Körper,
um etwas also, was wir als „geistliche Notzucht” bezeichnet
haben. Diese Kraftwirkungen, die in Unfreiheit wegführen, sind
Relikte des Heidentums; sie sind Dinge des anáthema –
von Gebanntem, das von der Herrschaft Gottes
ausschließt und daher von dieser auch auszuschließen ist. Und
dieses Gebannte kann darum auch nicht als etwas bezeichnet
werden, was unter die Herrschaft Jesu gehört; wer immer solche
Dinge behauptet, der redet nicht im Heiligen Geist und kann
das Gesagte daher auch nicht als Gaben dieses Geistes
deklarieren (Vers 3).
Ein Bruder war von einigen Publikationen eines namhaften Autoren sehr angetan und erklärte mir, dieser habe einige dieser Dinge durch eine „Gabe des Schreibens” empfangen. Der Geist Gottes, sagte er, wäre demnach über diesen Mann gekommen und habe seine Hände bewegt, die dann das Besprochene von selbst – ohne dessen eigenes willentliches Zutun – niedergeschrieben hätten. Als ich erkannte, daß es sich dabei um das sogenannte „automatische Schreiben” aus dem Okkultbereich handelte und diese Vorstellung zurückwies, war er sehr erstaunt. Es schienen doch so gute, geistliche Dinge in den Aussagen des Mannes zu stecken, dessen Vorträge er auf Kassetten gehört und die er mir darum auch empfohlen hatte. Aber ich blieb dabei, daß ein solches Wirken niemals dem Handeln des Heiligen Geistes entsprechen würde. Hier lagen spiritistische Phänomene vor, mit denen der Mann sich ganz offensichtlich eingelassen hatte. Was hat der Bruder getan? Er hat geistliche Angelegenheiten mit Vorstellungen heidnischer Wirkungsweisen zu vermischen gesucht, und wäre dabei ungeistlichen, irreführenden Dingen fast auf den Leim gegangen. Es ist eben ein gewaltiger Trugschluß zu denken, daß solche Kraftwirkungen, die ja immer etwas mit dem eigenen Weggeführtwerden zu tun haben, mit dem Bekenntnis in Einklang zu bringen seien, daß Jesus Herr ist. Herr solcher Dinge (als in Seinen Herrschaftsbereich gehörend) ist Jesus ganz sicher nicht, wie es ja auch nicht möglich wäre, daß Er die Dämonen durch Beelzebul, ihren Obersten, austriebe. Genau das aber war der Vorwurf, den die Pharisäer Seiner Zeit Ihm ständig machten (Mt 9. 34, 12. 24 - 27). Wie viele heutige Zeitgenossen irrten auch sie sich sehr. Es war der Heilige Geist, durch welchen Jesus die Dämonen austrieb. Die Gaben des Heiligen Geistes sind mit den Wirkungen von Dämonen nicht vereinbar (Apg 16. 16 - 18). Das Licht treibt die Finsternis hinaus!
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Kommt alle her zu
Mir, die ihr euch müht und beladen seid; Ich werde
euch Ruhe geben. Nehmt
mein Joch auf euch und lernt von Mir; denn Ich bin
sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr
Ruhe finden für eure Seelen. Denn Mein Joch
ist mild, und Meine Last ist leicht.
Mt 11. 28 - 30
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...die Geister
(wörtlich: pneumatika, Geister, Geistliche,
Geistesgaben) der Propheten sind den Propheten
untertan.
1Kor 14. 32, Schlachter
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Überall dort, wo der Heilige Geist wirkt, gilt also:
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Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.
2Kor 3.17
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Schon am ersten Pfingsttag läßt sich diese Freiheit erkennen, als der Geist Gottes kam, sich in der Gestalt von Feuerzungen auf jeden Einzelnen der Versammelten setzte und sie daraufhin alle anfingen, in anderen Zungen zu sprechen. Wir müssen genau lesen, was da geschrieben steht. Sie fingen an, in anderen Zungen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab, heißt es dort; nicht „es” redete aus ihnen heraus (Apg 2. 1 - 4). Wer nicht reden will, der wird es auch nicht! Es ist auch nicht möglich, einem Zwang zu erliegen, daß man mit solchem Reden nicht aufhören könne. Schon an dieser Stelle sind etliche, sowohl diesseits als auch jenseits der charismatischen Bewegung, dem vorstehend erwähnten Trugschluß über das Praktizieren der Gaben, insbesondere dem des Zungenredens erlegen. Sie alle machen denselben Fehler wie der oben erwähnte Bruder, und versuchen Heidnisches mit Geistlichem zu vermischen. Wenn es da ein „Es” gibt, das aus jemandem „herausredet”, ohne daß dieser es will oder es selbst auch steuern kann, dann haben wir dieses „Es” eindeutig zurückzuweisen – so wirkt der Heilige Geist nie.
Und doch scheint man (sowohl innerhalb der charismatischen Bewegung, als auch in den Reihen ihrer Kritiker) immer wieder zu erwarten, daß der Herr so handeln würde, und verweigert Ihm den Gehorsam, wenn Er es erstaunlicherweise nicht tut! Der Geist Gottes vollbringt in unserem persönlichen Leben jedoch nie etwas jenseits unseres Willens. Weder entleert Er uns unseres Sinnes, noch hebt Er unsere Vollmacht über den eigenen Körper auf, noch erwartet Er, daß wir unseren Körper Ihm auf diese Weise überließen. Solche Praktiken haben darum auch nichts mit dem Reden und Beten in Zungen zu tun, wie der Geist es gibt! Hier gilt es demnach Buße zu tun! Alle diese Dinge kommen durchweg aus dem Okkultbereich und sind, wie wir oben gesehen haben, die Ausflüsse – es gibt wohl kaum ein treffenderes Wort – spiritistischer Medien. Wer immer solche Manifestationen bei sich selbst erlebt hat, der muß sich davon lossagen, und zwar im Beisein eines bevollmächtigten Bruders oder einer Schwester als Zeugen; denn ein solcher braucht Befreiung und Reinigung durch Jesu Blut.
Dasselbe betrifft die in heutigen, sich fälschlicherweise „charismatisch” nennenden Kreisen weitverbreiteten diversen Praktiken des Rücklings-Hinfallens, des sog. „Ruhens” oder auch des „Lachens im Geist” in allen seinen verschiedenartigen Ausprägungen, alles Dinge, die wir in dieser Art – als besonderen Segen Gottes – in der Heiligen Schrift vergeblich suchen werden. Gerade das Schwanken und Hinfallen, das in solchen Veranstaltungen ja meistens rücklings geschieht, ist nicht etwa ein Erweis eines Segens, wie man dort nur allzu oft verkündigen hört, sondern wird in der Schrift immer im Zusammenhang mit Abfall erwähnt (s. 1Mo 9. 23, 1Sam 4. 18, Jes 28. 1 - 13, ähnlich auch v. a. Stellen, man nehme eine gute Konkordanz unter den entsprechenden Stichworten zur Hand). So sind es auch im Garten Gethsemane nicht etwa die Jünger, sondern die Sünder und Abgefallenen, die vor dem Herrn Jesus zurückweichen und zu Boden fallen, nachdem dieser Sich ihnen zu erkennen gegeben hat (Jo 18. 3 - 6). Was ein solches Umfallen bewirken kann, wenn jemand im Zustand unreinen Herzens in der Gegenwart eines heiligen Gottes stehen will, das haben wir anhand des Geschehens um Ananias und Saphira gesehen (Apg 5. 1 - 11). Alles das sind Dinge, die von Gericht künden.
Natürlich gibt es in der Heiligen Schrift auch ein Niederfallen vor Gott, wie es auch die Väter aller Jahrhunderte immer wieder überliefert haben. Wer als Sein Eigentum vor Ihm niederfällt, der fällt jedoch immer auf sein Angesicht; und das geschieht nicht, weil er etwa „von einer Kraft umgeworfen” wird, sondern ist als inneres Zusammenbrechen angesichts der alles durchdringenden Heiligkeit Gottes, das sich auch im Äußeren niederschlägt (4Mo 16. 22, Jos 5. 14 und 7. 6, vgl. auch Apg 9. 4 und 22. 7; s. a. Off 1. 17) zugleich auch Ausdruck tiefsten und innersten Erschauerns, ja Erschüttertwerdens wegen unserer eigenen Unheiligkeit und auch wegen unseres Unvermögens vor Ihm, in Seiner unmittelbaren Gegenwart (vgl. Jes 6. 1 - 7, Jer 4. 1 - 9).
Das „Wehe mir, ich vergehe” Jesajas im Angesicht des dreimalheiligen Gottes, wie er es erlebte, schwingt dabei immer mit! Mit dem o. a. Rücklings-Hinstürzen (das ja nicht nur an das Weggezogenwerden zu den stummen Götzen nach 1Kor 12. 1 erinnert, sondern überdies auch ein Gerichtszeichen ist, wie wir gesehen haben) hat das allerdings nichts zu tun. Im irdischen Dienst Jesu oder in dem der Apostel finden sich solche Wirkungen an den Gläubigen nie, und so waren natürlich auch Menschen, welche die „unter der Kraft Hinfallenden” etwa „auffangen” sollten, damit diese sich bei einer solchen vermeintlichen „Geisteswirkung” nicht etwa wehtaten, [12] in jenen Tagen gänzlich unbekannt. Es ist eben nicht egal, ob wir „nun nach vorne oder nach hinten” fallen, wie einige Vertreter des „Fallens unter der Kraft” von sich gegeben haben. Wer solche Dinge als etwas Erstrebenswertes lehrt, der kennt seine Bibel in dieser Frage nicht und führt seine Zuhörer gründlich in die Irre. Auch das oben erwähnte „automatische Schreiben” sowie alle anderen Dinge, die immer irgendwie unter Zwang und damit unter Umgehung unserer Persönlichkeit und unseres Willens geschehen, gehören ohne jede Ausnahme mit dazu. [13]
Mit den Geistesgaben des Neuen Testamentes haben diese
Phänomene und pseudo-charismatischen „Modeerscheinungen”
nichts gemein. Gottes Geist führt immer in Freiheit;
auch führt Er uns, seit Er in unseren Herzen wohnt, immer
von innen heraus, niemals von außen her, wie ja
auch das Wort Gottes in uns, in unseren Herzen
Wohnung gemacht hat (Hbr 10. 15 - 17). [14] Darum
wird Er uns auch niemals etwas von außen überstülpen, was wir nicht zuvor
selbst auch in unserem Herzen erkannt und an dem wir
nicht auch selbst willentlich und aktiv beteiligt wären.
Aus demselben Grunde kommen dann auch all jene Kräfte, die
von außen auf uns einwirken und uns
anführen wollen, nachdem wir Gottes Geist empfangen haben,
nicht von Ihm. Und so liegt dementsprechend auch die
Entscheidung, ob wir in Zungen reden oder prophezeien
oder auch andere Dinge tun wollen oder nicht, immer
ausschließlich bei uns, in unseren Herzen; wer da behauptet
– vielleicht noch unter der immer wieder angeführten
Begründung, daß der Geist die Gaben gäbe, „wie Er
will” –, da
müsse „etwas über ihn” kommen, das er dann nicht mehr unter
Kontrolle habe und das ohne sein Zutun „aus ihm herausrede”,
der setzt etwas voraus, was der Geist Gottes niemals tun
würde; der unterstellt Ihm dämonisches Wirken!
Daß der Vater uns dämonische Kräfte geben würde,
wenn wir um Seinen Geist bitten, hat der Herr Selbst
ausgeschlossen. Was Er uns gibt und was nicht, damit wollen
wir uns im Nachfolgenden auseinandersetzen.
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< Menschen der Unmittelbarkeit | Die Taufe... > |
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Welcher Vater ist unter euch, den sein
Sohn um Brot bitten sollte – er wird ihm doch
keinen Stein reichen! Oder auch um einen Fisch, er
wird ihm anstatt des Fisches keine Schlange reichen!
Und sollte er um ein Ei bitten, so wird er ihm doch
keinen Skorpion reichen! Wenn ihr nun, die ihr doch
böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wißt,
wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen
heiligen Geist geben, die Ihn bitten!
Lk 11. 11 - 13
|
Das
Zeichen des Fisches weist uns wiederum auf Jesus hin.
Es ist aber auch das älteste, ich behaupte einmal das eigentliche
und ursprüngliche Erkennungszeichen der Christen, das
zugleich auch für die christliche Gemeinschaft untereinander
steht. Es ist in dem Zusammenhang überaus interessant, daß das
Kreuz als quasi-christliches Symbol erst sehr viel später
aufgenommen worden ist. Am Anfang aber stand ganz
offensichtlich der Fisch, den der Meister hier erwähnte. In
den Katakomben Roms, jenen unterirdischen Zufluchtsstätten der
frühen Christen, hat man ihn vielfach aufgefunden. Und nicht
nur dort. So fand man im Sommer 2005 in Megiddo, Israel, eine
der frühesten christlichen Kapellen überhaupt, welche ein noch
immer gut erhaltenes Fußbodenmosaik zierte, in dem ebenfalls
zwei Fische zu sehen sind. Diese Kapelle – manche vermuten in
ihr den frühesten Fund dieser Art überhaupt – datiert in etwa
aus der Zeit des ausgehenden zweiten Jahrhunderts bis in das
dritte hinein. [15] Der Fisch wird
normalerweise vom Wasser bedeckt. (Ist er es nicht, wird er
unweigerlich sterben.) Damit ist es auch ein Symbol der Verborgenheit
des Lebens aus Gott – mitten unter Menschen. Ein
biblisches Bild für die vielen Menschen auf der Erde ist ja
das ruhelose Völkermeer, wie es durch die ganze
Heilige Schrift hindurch gebraucht wird. Das griechische Wort
für Fisch, ichthys, ist zum ersten uns bekannten
christlichen Bekenntnis überhaupt geworden:
![]() |
IHSOUS |
CRISTOS |
QEOU |
UIOS |
SWTHR |
| Iesous | Christos | Theou | Yios | Soter | |
| (Jesus | Christus | Gottes | Sohn | Retter) |
Damit verweist der Fisch
uns auf die Rettung, die Jesus vollbracht, und auf das Lösegeld,
das Er für uns alle gezahlt hat (Jon 2.1, 11, Mt 17. 27, 20.
28, 2Tim 2. 6 u. v. a.). Er gab für uns Sein Leben, vergoß
Sein Blut, um unsere Sünde zu sühnen und uns von der
Sündenknechtschaft freizukaufen. Damit spricht er auch von der
Botschaft der Erlösung, die nun allen Menschen gebracht
werden soll. Die Apostel waren ja meistens Fischer; Petrus
aber soll Menschen fischen (Lk 5. 10). Hier wird
unser Augenmerk immer auch auf die Menschen gerichtet.
Das Ei
ist mehr als nur eine Keimzelle neuen Lebens. Es ist ein
Zeichen für die Auferstehung aus den Toten und damit ein
Zeichen für das Auferstehungsleben selber. In gleicher Weise
steht es auch für das inwendige Leben in Christus, für
das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus,
durch das wir befreit sind vom Gesetz der Sünde und des
Todes (Rö 8. 2). Dieses Leben ist unvergänglich; Paulus
wird es deshalb in seinen Briefen als athanasion, als
unertötlich bezeichnen (1Kor 15. 53, 54, 1Tim 6. 16).
Man kann wohl die Träger dieses Lebens, nicht aber dieses
Leben selbst töten, weil es das Leben Gottes
ist! Dieses Leben ist es – stärker als die Schale,
stärker als die Umstände und die uns umgebende Bedrängnis –
das der Herr uns schenken und das sich nach außen auswirken
will (Rö 8. 1 - 4). Die Zeit des Bebrütens ist ein
Gleichnis für die drei Tage, die sich der Herr im Grab befand.
Dann aber braucht das Küken viel Kraft, um die Wand des Eies
zu sprengen! Wie das Leben des Kükens im Ei die Schale
durchbricht, so hat die Kraft des Lebens den Tod überwunden.
Es war dem Tode nicht möglich, Ihn im Grabe zu halten; so
wurde der Herr durch die Kraft Gottes auferweckt (Apg 2. 24).
Die feste Umhüllung wird durchbrochen, damit das neue Leben
ans Licht kommen kann, und die Schalen der Öffnung werden
beiseite geworfen. So hat Jesus das Gestein der Grabeshöhle
überwunden und damit den Tod selber: das Grab ist leer, und –
was Menschen unmöglich ist – der Stein ist weggerollt worden
(Lk 24. 2 - 8). Der junge Vogel mag sich eine Zeitlang im Nest
befinden, unter den anderen Vögeln, seinen Brüdern und
Schwestern; so weilte auch unser Herr für die Zeit von vierzig
Tagen unter den Jüngern, nachdem Er auferstanden war, und
sprach mit ihnen vom Reich Gottes (Apg 1. 1 - 3). Dem Adler
gleich, der seine Schwingen ausbreitet und der Sonne
entgegenfliegt, wurde schließlich auch Jesus in den Himmel
aufgenommen und hat Sich zur Rechten Gottes gesetzt (Lk 24. 44
- 53).
Bis in alle Einzelheiten weisen uns diese drei Bilder, mit denen der Herr die Gabe des Heiligen Geistes vergleicht, auf Jesus hin. Hier erzeigt sich, daß der Geist uns stets den Sohn verklärt; niemals wird Er etwas anderes in den Mittelpunkt rücken als Ihn und das, was Er gesagt, getan und gelehrt hat (Jo 3. 35, 14. 26, 15. 26, 16. 14). Was für Gegensätze bestehen doch zwischen diesen Dingen und denen, die der Herr den erstgenannten gegenüberstellt und damit sagt, daß uns der Vater diese Dinge nicht geben wird, wenn wir Ihn um den Heiligen Geist bitten! Nicht umsonst hat Er ja – in genau demselben Zusammenhang! – erklärt, wie dieses Bitten aussieht und damit, wie es nicht aussieht: Der Bittende klopft an; er muß also warten, bis die Tür für ihn geöffnet wird; dann erst wird ihm gegeben, und erst indem ihm gegeben wird, empfängt er (Lk 11. 5 - 10). Wer also anklopft, dem wird aufgetan, und nur wer bittet – auf diese Weise bittet – der empfängt. Er kann es sich also nicht selber nehmen, indem er es sich etwa (sozusagen) „gewaltsam herbeibekennt”.
Damit aber erklärt der Herr auch, was wir bekommen und welchen Gefahren wir uns aussetzen, wenn wir nicht bitten und warten, sondern uns die Dinge selbst anzueignen suchen.
Unser
Gleichnis steht ja im Zusammenhang mit dem Gebet, das
der Herr als Bitten, Suchen und Anklopfen bezeichnet.
Oben haben wir uns bereits dazu geäußert (Lk 11. 9 - 10). Der
Anklopfende wartet, bis die Tür von innen
geöffnet wird; der Dieb und Räuber aber kann und will nicht
warten; er will es jetzt haben, im Hier und im
Heute; darum „fackelt er nicht lange” – er tritt die Tür
ein, bricht ein oder gräbt sich durch die Wand (vgl. Mt 6.
19f). Es sind immer die „schnellen Lösungen”, die er zu
bringen vorgibt; er gaukelt uns vor, daß wir nicht mehr auf
Wachstum angewiesen wären. Wer sich darauf einläßt, merkt
jedoch bald, daß dies keine Lösungen sind; am Ende steht er
als Belogener und Beraubter da. Somit entlarven sich all jene
vermeintlichen „Glaubens”lehren, die uns dazu auffordern,
Dinge des Vaterhauses vor der Zeit zu nehmen und an
uns zu reißen, ohne daß Gott uns für diese Dinge die Tür
geöffnet und sie uns wirklich auch gegeben habe, als
Dinge des Diebes und Räubers, und damit des Mörders
und Lügners von Anfang an (Jo 8. 44, 10. 8 - 10). All
diese Dinge sprechen auch von Ungehorsam und – damit immer
verbunden – von großem, schier unüberwindlichem Stolz. Der
Fall eines solchen Menschen wird nicht allzu lange auf sich
warten lassen. (Ich weiß es und
warne daher; ich habe da selbst durchgehen müssen. Auch aus
diesem Grunde diese Schrift.) Wer solchen Lehren
folgt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er eines Tages,
bildlich gesehen, Bekanntschaft mit „giftigen Skorpionen”
macht. Das ist ja die Handlungsweise des Skorpions, daß sein Stachel
sich durch die Haut gräbt, um das Leben zu rauben,
das von dieser Haut umgeben wird – den schützenden Wänden
eines Hauses vergleichbar. Und daß der Herr unser Leben mit
einem
Haus vergleicht, das haben wir oben gesehen!
Der Stachel versinnbildlicht den Stachel
des Todes – er
beinhaltet das Gift der Sünde, die nur in Jesus
überwunden werden kann (1Kor 15. 55f). Hier wird uns gezeigt,
daß alle diese Dinge in die Sünde, d. h. in die Trennung von
Gott hineinführen. Es mag uns interessant erscheinen, daß der
Stachel selbst nicht tötet. Viele bemerken einen
solchen Stich noch nicht einmal. Und so sind sie sich auch
nicht bewußt, daß da ein tödliches Gift in sie
eingedrungen ist. Doch auch das Gift wird nicht immer gleich
bemerkt. Es hat nämlich oft die Eigenschaft, erst nach
einiger Zeit zu wirken. Hat es sich aber einmal im
Körper ausgebreitet, geht es schnell. Zuerst lähmt es
das Opfer und macht es bewegungsunfähig; zur
wehrlosen Beute geworden, wird der Skorpion es unweigerlich wegziehen
und abschließend verzehren. Das Ende ist jedesmal
der Tod. Hier haben wir unser Weggezogenwerden zu den
stummen Götzen wieder, von dem weiter
oben gesprochen worden ist! Mit Seinem Vergleich hat
uns der Herr ein sehr zutreffendes Bild für die Vorgehensweise
dämonischer Geister gezeichnet. So handelt der Heilige
Geist nie. Es ist auch nichts Gefährliches an
Ihm wie bei einem Skorpion, der in der Wüste eine Gefahr
darstellt, die geradezu allgegenwärtig ist.
Allerdings – so völlig gefahrlos ist diese Angelegenheit dann auch wieder nicht. Man sollte ja ganz unbedingt beachten, daß der Heilige Geist ein heiliger Geist ist, der uns in die Gegenwart des lebendigen und dreimalheiligen Gottes führt; wer in Sünde lebt und nicht reines Herzens ist, der wird sich über kurz oder lang an Seinem Feuer unweigerlich verbrennen, d. h. er wird Schaden erleiden (Ps 24. 4 - 5, Jes 6. 1 - 7 und 33. 14 - 17, Apg 5. 1 - 13; Hbr 10. 26 - 31 und 12. 28 - 29; vgl. 1Kor 3. 12 - 15). [16] Es ist eben nicht möglich, mit heiligen Dingen umgehen zu wollen und zugleich unheilig zu leben. Wer sich hier verbrannt hat, der hat es nicht wegen eines Dämons; er hat sich verbrannt wegen seiner mangelnden Gottesfurcht und seines daraus folgenden unheiligen Lebenswandels – und das im Angesicht Gottes. So irren auch hier all jene, die unterstellen, daß der einen Irrgeist empfinge, der um den Heiligen Geist bittet. Gottes Geist würde uns nie einen Skorpion bringen; Er bringt uns das Ei, das Leben, indem Er uns den Sohn verkündigt und somit zum Vater zieht!
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Alle (d.
h. die ganze) Schrift ist gottgehaucht und
nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur
Zurechtweisung, zur Erziehung in Gerechtigkeit, damit
der Mensch Gottes zubereitet sei, ausgerüstet zu jedem
guten Werk.
2Tim 3. 16
|
So sind also auch die
Geistesgaben, da die
Schrift sie lehrt, durchaus heilsnotwendig, d. h.
in diesem Sinne also notwendig
dem, was zu unserem Heile dient. Das ist nämlich
der Zweck, den Gott mit der ganzen von Ihm
eingegebenen Heiligen Schrift verfolgt: Wir sollen
ausgerüstet werden, befähigt werden zu jedem guten Werk. Wir
sollen ja nicht eigene Werke hervorbringen, in
eigener Kraft; wir sollen vielmehr in den Werken Gottes
wandeln, die Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben:
|
Denn in der Gnade
seid ihr Errettete, und das nicht aus euch, sondern es
ist Gottes Nahegabe, nicht aus Werken, damit sich
niemand rühme. Denn wir sind Sein Tatwerk, erschaffen
in Christus Jesus für gute Werke, die Gott
vorherbereitet, damit wir in ihnen wandeln.
Eph 2. 8 - 10
|
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(9) Es ist
doch so, wie es geschrieben steht: Was kein Auge
gewahrt und kein Ohr gehört und wozu kein
Menschenherz aufgestiegen ist, all das hat Gott
denen bereitet, die Ihn lieben. (10)
Uns aber enthüllt es Gott durch Seinen Geist:
denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen
Gottes.
(11) Denn wer unter den Menschen weiß, was im Menschen ist, außer dem Geist des Menschen, der in ihm ist? Also (d. h. genauso) hat auch niemand die Tiefen Gottes erkannt außer dem Geist Gottes. (12) Wir aber erhielten nicht den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott in Gnaden gewährt ist, (13) was wir auch aussprechen, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern mit solchen, wie der Geist sie uns lehrt, indem wir geistliche Dinge mit angemessenen geistlichen Worten erklären. 1Kor 2. 9 - 13
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Das ist freilich etwas anderes als jene von Menschen angelernte, schulmäßig einstudierte Schriftgelehrsamkeit, in der die Schriftgelehrten und Pharisäer auftraten und lehrten. Wir sollten hier freilich nicht richten, denn wie schnell können auch wir in eine solche Schriftgelehrsamkeit hineingeraten, wenn wir nicht achtsam sind. Aber noch nicht einmal Jesus, der Sohn Gottes, diente anders als in der Abhängigkeit von Gott, dem Vater, und damit in Seinen Gaben; wie alle Evangelien übereinstimmend bezeugen, tat Er nichts, bevor Er nicht angetan worden war mit der Kraft und Ausrüstung aus der Höhe, und bevor Gott Ihn nicht den entsprechenden Auftrag gegeben hatte (Mt 3. 13 - 17, Mk 1. 9 - 11, Lk 3. 21 - 27, Jo 1. 32 - 34). Gerade darin erzeigt sich, wie abhängig Er von dem Vater war – und blieb (Mt 4. 1 - 4ff). Und so redete Er, allezeit geführt vom Geist Gottes, mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten (wörtlich: grammatoi, Schreiber, Schriftkenner, eig. Grammatiker, s. Mt 7. 29, Mk 1. 22), so daß sich alle regelmäßig über ihn verwunderten:
|
Als die Mitte der Festwoche (des jüdischen
Laubhüttenfestes, Anm.) schon vorüber
war, ging Jesus zur Weihestätte hinauf und lehrte.
Da erstaunten nun die Juden und sagten: „Wieso
weiß dieser in der Schrift Bescheid, obwohl er
ungelehrt ist?” Da antwortete Jesus
ihnen nun: „Meine Lehre ist
nicht von Mir, sondern von dem, der Mich gesandt
hat...”
Jo 7. 14 - 16
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< Menschen der Unmittelbarkeit | Die Taufe... > |
Wie wir im vorigen Kapitel bereits gesehen und dies auch kurz angerissen haben, ist der Heilige Geist keine Kraft, in der wir wirken sollen. Wer so denkt oder lehrt, der hat Ihn Selbst nicht verstanden – weder von Seinem Wesen, noch von Seiner Person, noch von Seinem Dienst und Wirken her. Er weiß auch nichts von den Beziehungen, die zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist als den drei Personen der einen Gottheit bestehen. So ist die Hauptaufgabe des Geistes eine völlig andere. Sie rührt vor allem daher, daß die Gegenwart Gottes heute – in der Regel – eine andere ist, als sie es damals war, als der Herr noch physisch unter den Jüngern weilte. Heute können wir Ihn nicht ja mehr ohne weiteres sehen oder körperlich berühren, wie dies die Jünger noch konnten (Jo 21. 24 - 29, 1Jo 1. 1 - 2). Die Gotteserfahrung war, wie das ganze Alte Testament hindurch, noch an Raum und Zeit, an einen irdischen Tempel und damit auch an einen irdischen Leib gebunden (Jo 2. 14 - 22). Offenbarte sich die Gegenwart Gottes zu jener Zeit noch leibhaftig im fleischgewordenen Sohn, so offenbart sie sich heute im Geist (1Jo 2. 26 - 27 und 4. 1 - 3). [17] Damals war der Leib des Herrn der einer einzelnen Person; heute stellt die ganze Gemeinde Seinen Leib dar, in dem der Geist wohnt und in dem Er Sich – in dessen Gesamtheit – so offenbaren will, wie Er sich damals in dem des Sohnes geoffenbart hat. Wohnte damals der Heilige Geist nur in einer Person, so wohnt Er heute in Vielen, in all denen nämlich, die geistlich wiedergeboren und damit – durch den einen Geist – zu einem Leib getauft worden sind (1Kor 12. 13). Wirkte er damals nur durch die Glieder einer einzigen Person, kann Er heute durch die vielen Millionen Glieder dieses einen Leibes wirken, den man Gemeinde nennt. Jesus hat ja die Erde verlassen; seither ist Er nicht mehr körperlich unter uns; Er werde aber den Geist senden, sagte Er, der all die Dinge, die der Vater hat, den Jüngern in Seinem Namen übermitteln würde, bis Er Selber wiederkommt (Jo 14. 16 - 18, 16. 5ff). Wir brauchen also den Geist Gottes, wenn wir verstehen wollen, was der Vater uns im Sohn zu sagen hat.
Dies ist
nicht ein immer wieder geschehender Vorgang in dem Sinne, daß
wir etwas von Gott empfangen, dieses Empfangene dann
nehmen und dann doch wieder in Eigenregie „damit umgehen”.
Nein, dieser Vorgang, diese Leitung durch den Geist
will sich ständig, ohne Unterlaß in unserem Leben ereignen.
Wenn wir dies eine Zeitlang eingeübt haben, wenn wir also
treuer geworden sind darin, Gott zu suchen, dann werden wir
noch geübter darin sein, Seine Stimme zu hören, und dann
werden wir auch im Vollzug unseres ganz alltäglichen Lebens
von Ihm hören und können fortgesetzt erkennen, was Er uns sagt
(vgl. Hbr 5. 14). Das werden nicht unbedingt die spektakulären
Dinge sein, darum geht es nicht – manchmal ist es ein
Bibelvers, der uns plötzlich aufgeschlossen wird, nachdem wir
solange danach gefragt haben, manchmal ist es auch einfach nur
gut zu wissen, daß Gott bei uns ist, daß Er es ist, der uns
tröstet, stärkt und auferbaut.
Jesus hatte den Jüngern im Hinblick auf
Sein Leiden, Sterben und Auferstehen gesagt, daß Er diese Erde
verlassen müsse; und auch sie würden gehaßt, verfolgt, aus den
Synagogen ausgestoßen, ja sogar getötet werden um Seines
Namens willen, so daß jeder, der sie töten würde, meinte, er
vollführe einen Gottesdienst. Er aber würde den Parakleten
senden, den Beistand, den Beiseiterufer, den, der ihnen die
rechten Worte sagen würde. Sie aber gerieten in
Betrübnis deswegen (Jo 15. 19 - 16. 6).
Darum sagte der Herr:
|
(4b) „...Zu Anfang hatte
Ich euch das noch nicht gesagt, weil Ich bei euch war.
(5) Nun aber
gehe ich zu dem, der Mich gesandt hat, und niemand von
euch fragt Mich: Wohin gehst Du? (6) Sondern
weil Ich euch dies gesagt habe, hat Betrübnis euer
Herz erfüllt.
(7) Doch Ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch förderlich, daß Ich fortgehe. Denn wenn Ich nicht fortgehe, wird der Zusprecher (parakletos) nicht zu euch kommen; wenn Ich aber gegangen bin, werde Ich ihn zu euch senden... (12) Noch vieles hätte Ich euch zu sagen; doch ihr könnt es jetzt noch nicht ertragen. (13) Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit leiten; denn er wird nicht von sich selbst aus sprechen, sondern alles, was er hört, wird er sprechen; auch das Kommende wird er euch verkündigen. (14) Derselbe wird Mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er nehmen und es euch verkündigen. (15) Alles, was der Vater hat, ist Mein; deshalb habe ich euch gesagt, daß er es von dem Meinen nimmt und es euch verkündigen wird.” Jo 16. 4b - 7, 12 - 15
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„...Dann
will
Ich den Vater ersuchen, und Er wird euch einen
anderen Zusprecher (parakletos) geben, damit
er für den Äon bei euch sei; den Geist der Wahrheit,
den die Welt nicht erhalten kann, weil sie ihn nicht
schaut noch kennt; ihr aber erkennt ihn, weil er
bei euch bleiben und in euch sein wird. Ich
will euch nicht als Verwaiste zurücklassen; Ich
komme zu Euch.”
Jo 14. 16 - 18
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(11)
„...Dieser Jesus
ist der Stein, der von euch, den Bauleuten
verschmäht wird; der ist zum Hauptstein der Ecke
geworden! (12)
Und in keinem anderen ist die Rettung, denn es ist
auch kein anderer Name unter dem Himmel, der
unter Menschen gegeben worden ist, in welchem wir
gerettet werden müssen.”
(13) Als sie den Freimut des Petrus und Johannes schauten und es erfaßten, daß sie ungeschulte und ungelehrte Menschen seien, waren sie erstaunt. Sie erkannten sie auch als solche, die mit Jesus zusammen gewesen waren. (14) Da sie den Mann, der geheilt worden war, bei ihnen stehen sahen, hatten sie nichts zu widersprechen. Apg 4. 11 - 14
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Gnadengaben – vom Geist gewirkte Gnade
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Wenn ich auch wohl
ungelehrt im Ausdruck bin, so doch nicht in der
Erkenntnis; sondern in jeder Hinsicht sind wir für
euch in allem offenbar geworden.
2Kor 11. 6
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Zwischen diesen beiden Wesenheiten liegen Welten. Uns mag ein solches Unterscheiden zwar als geringfügig vorkommen. Das ist es aber nicht bei Gott. Es sind genau diese Dinge, die darüber entscheiden, auf welcher Seite wir uns befinden, ob wir unsere Kräfte aus dem Licht der Gegenwart Gottes beziehen – oder aus der Finsternis, als dem Angestammten der Elemente dieser Welt (Ga 4. 3, 8 - 11). Gott geht es dabei nicht so sehr darum, daß wir uns Wissen aneignen, sondern es geht Ihm um die Beziehung, um die Vereinigung und das Leben mit und aus Ihm. Es ist nicht das Vertrauen auf die eigene Kraft, die sich in der Anwendung von angelerntem Wissen oder auch einmal gemachter Erfahrung erschöpft, die Gott haben will, sondern das beständige Vertrauen auf Ihn als einen lebendigen und im persönlichen Leben gegenwärtigen Gott. Und so war es nicht jene Schriftgelehrsamkeit, in der Paulus auftrat und auf die er baute, sondern er setzte alles auf die Gnade dieses in seinem Leben gegenwärtigen Gottes, und damit auch auf die Erweisung Seiner Kraft, so daß er schließlich sagen konnte:
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In meinem Dienst für die Sache Gottes habe ich
folglich das Rühmen nur in Christus Jesus. Denn ich
möchte nicht wagen, von etwas zu reden, was nicht
Christus durch mich ausgeführt hat, um die Nationen
zum Glaubensgehorsam zu führen durch Wort und Werk,
in Kraft der Zeichen und Wunder, in Kraft des
Geistes Gottes, so daß ich von Jerusalem bis
ringsumher bis nach Ilyrien das Evangelium des
Christus völlig ausgerichtet habe.
Rö 15. 17 - 19
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So
schreibt Paulus an die Korinther:
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Eifert zwar nach euren
geistlichen Gaben, doch dabei mehr danach, daß ihr
prophetisch reden möget.
1Kor 14. 1
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Und – noch darüber hinaus – sollen wir vor allem danach trachten, daß wir prophetisch reden könnten. Warum ist dieses prophetische Reden so sehr wichtig? Wir haben es ja mit Anweisungen für eine Gemeindeversammlung zu tun; da geht es darum, daß unsere Aussagen auch verstanden werden; es geht in der Versammlung nicht so sehr darum, daß wir uns auferbauen, sondern daß der Bruder und die Schwester neben uns erbaut werden. Wir aber sollen sie das Amen sagen, wenn unser Reden sich etwa nur in unverständlichen Zungen erschöpft? Da werden wir wohl fein auferbaut; aber unser Nächster geht leer aus. Es geht also immer zuerst um den Bruder und die Schwester neben uns; es geht um die Zuwendung, die ihnen zugute kommt; kurzum – es geht um die Liebe.
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So hat der Apostel eben nicht nur geschrieben, daß wir um die Gaben eifern sollen. Er sieht das Ganze vielmehr in einem großen Kontext der Liebe Gottes, die sich in und durch uns ausdrücken, in und mit den von uns betätigten Gaben zu jedem Einzelnen fließen soll. Ja, wir können sogar sagen, daß es nach seinem Verständnis Geistesgaben ohne diese Liebe nicht geben kann. Aber auch der Umkehrschluß ist richtig: Die Liebe braucht diese Gaben, um sich dem Christuskörper gemäß – nach dem, was jedes einzelne Glied dieses Körpers benötigt – in der rechten Weise ausdrücken zu können. Wer also die Liebe ausklammert, der klammert mit ihr auch die Gnadengaben aus; und wer die Gnadengaben verwirft, der verwirft mit ihnen – in letzter Konsequenz – zugleich auch die Liebe.
Darum schreibt der Apostel beides, und nur die später hinzugekommene Verszählung vermag uns ein wenig darüber hinwegzutäuschen, daß er dies in einem Atemzuge schreibt, weil beides tatsächlich untrennbar zusammengehört:
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Jaget... der Liebe nach. –
Eifert... nach euren geistlichen Gaben...
1Kor 13. 13, 14. 1
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In diesem Spannungsbogen befinden sich die Aussagen, mit denen wir uns beschäftigen wollen. Ja, es ist gut, wenn wir uns verinnerlichen, daß Paulus, bevor er zu den Erörterungen des vierzehnten Kapitels kommt, die einander hingebende Liebe, die agape, so sehr in die Mitte rückt. Dabei wird deutlich, daß es die Gaben ohne diese Liebe nicht gibt, wenn es wirklich Gaben des Geistes sein sollen, und jene haben unrecht, die zwar die Gaben betonen, jedoch die Liebe dabei vernachlässigen. Beide gehören eng zusammen und bedingen einander. Man hat in der Vergangenheit beides, die Liebe und die Geistesgaben, oft gegeneinander auszuspielen versucht und gesagt, daß die Liebe ein den Geistesgaben vorzuziehender Weg sei. Nein; dieser Meinung ist Paulus nicht; er beschreibt die Liebe, die er als Grundthema, sozusagen als „Grundtenor” mitten hinein in seine Abhandlungen über die Geistesgaben setzt, genau zwischen das zwölfte und vierzehnte Kapitel, als den einzig gangbaren Weg, auf dem die Gaben des Geistes ihre Wirkung entfalten und ausrichten können, wozu Gott sie gegeben hat:
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(12. 31b) ... eifert nun nach den größeren Gnadengaben! Und dazu zeige ich euch einen noch überragenden Weg: (13. 1) Wenn ich in den Zungen der Menschen und der himmlischen Boten spräche, aber keine Liebe hätte, so wäre ich wie ein klingender Kupfergong oder wie eine schmetternde (o. kreischende) Cymbel. (2) Und wenn ich Prophetenwort hätte und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnis, wenn ich all den Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen könnte, aber keine Liebe hätte, so wäre ich nichts. (3) Und wenn ich all meinen Besitz austeilen und wenn ich meinen Körper dahingeben würde, um mich dessen zu rühmen, aber keine Liebe hätte, so würde es mir nichts nützen. (4) Die Liebe ist geduldig (o. langmütig), sie ist gütig; die Liebe ist nicht eifersüchtig (o. eifernd, eig. zeloo, siedend), die Liebe ist nicht ruhmredig und macht nicht aufgeblasen. (5) Sie ist nicht unschicklich und sucht nicht das Ihre; sie läßt sich nicht aufstacheln und rechnet das Üble nicht an. (6) Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der Wahrheit. (7) Alles (andere: immer) gibt sie auf, alles (immer) glaubt sie, alles (immer) erwartet sie, alles (immer) erduldet sie. (8) Die Liebe wird niemals hinfällig. Seien es Prophetenworte, sie werden abgetan, oder Zungenreden, sie werden aufhören, oder Erkenntnisworte, sie werden abgetan. (9) Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem Bruchteil und prophezeien aus einem Bruchteil. (10) Wenn aber die Reife kommt, wird das aus dem Bruchteil abgetan werden. (11) Als ich noch unmündig war, sprach ich wie ein Unmündiger, und ich schätzte alles so ein wie ein Unmündiger. Als ich aber ein Mann wurde, habe ich die Dinge der Unmündigkeit abgetan. (12) Denn bis jetzt erblicken wir sie wie durch einen (Kupfer-)Spiegel, in Dunkeldeutung, dann aber wie von Angesicht zu Angesicht. Bis jetzt erkenne ich nur aus Bruchteilen, dann aber werde ich so erkennen, wie auch ich erkannt worden bin. (13) Von nun an bleiben Glaube, Erwartung, Liebe, diese drei. Doch die größte von diesen ist die Liebe; jaget daher der Liebe nach! 1Kor 12, 31b - 13.
13
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Paulus sagt nun jedoch nicht,
daß die Liebe ein Ersatz für die
Gnadengaben sei, wie auf der anderen Seite immer wieder
behauptet wird. Er versteht die Liebe also nicht als einen
bloßen Weg, der über die Gnadengaben hinaus führen, d. h. bereits heute an ihre Stelle treten und sie damit überflüssig
machen würde. Das meint der Apostel eben gerade nicht. Und
doch sind die meisten Ausleger immer wieder in die Falle
getappt, die sie dazu verleitete, die Liebe von den
Geistesgaben zu trennen und beides gegeneinander
auszuspielen. Wie schon die
Früchte des Geistes, so bestehen jedoch auch Seine Gaben
nicht jenseits, sondern in der Liebe. Sie sind geradezu ein Ausdruck der Liebe Gottes und des Verbundenseins mit Ihm
(vgl. Jo 15. 1 - 11). Darum mahnt Paulus die Korinther in gerade diesem
Zusammenhang, nach den größeren
Gaben zu eifern (1Kor 12. 31, 14. 1, 2). Wir werden uns noch
damit auseinanderzusetzen haben, welche Gaben das sind und
in welcher Beziehung sie zu den anderen stehen.
Dazu aber, damit sie in diese größeren
Gaben tatsächlich auch hineinkommen, hält Paulus den Weg der
Liebe – und zwar ausschließlich diesen Weg – für unabwendbar. Die Liebe ist jedoch
nicht nur Weg, sie ist auch Ziel. „Die Vollendung aber der Anweisung ist
Liebe aus reinem Herzen”, wird er
sehr viel später an Timotheus schreiben (1Tim 1. 5). Dem
Apostel geht es ja gerade darum, daß wir insgesamt aus all dem Kindischen, Unfertigen und dem
Beharren auf diesem Unfertigen herauswachsen, bis wir aus
der Unmündigkeit herausgekommen und – als Körper des
Christus gesehen – zum gereiften Mann geworden sind. Diese Reife, diese Vollkommenheit aber entsteht
nicht nur durch die Liebe, sondern sie ist wiederum die Liebe selbst. Jesus sagt: „Dies ist Mein Gebot, daß
ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. Größere Liebe kann
niemand haben als die, daß jemand seine Seele für seine Freunde
hingibt”, d. h. seine Seele, sein Leben
also mit ihnen tatsächlich auch zu teilen vermag (Jo 15. 12 - 13). Dieser Zusammenhang ist
in weiten Bereichen bis heute nicht verstanden worden. Darum
spricht Paulus am Ende davon, daß die Liebe nicht nur die Größte ist, sondern (mit dem Glauben und der Hoffnung
zusammen) auch bleiben wird (1Kor 13. 13). Andernorts mahnt
er wiederum eindringlich dazu, die Liebe über allem anderen anzuziehen – auch hier haben wir unseren alles überragenden Weg wieder! –, und nennt sie zugleich das Band der
Vollkommenheit (Kol 3. 12
- 14). Und als ob dies noch immer nicht ausreichte, uns
davon zu überzeugen, daß die Liebe nicht nur die größte,
sondern auch das Vollkommene und damit der Inbegriff der
Vollkommenheit an sich ist, wird Johannes davon schreiben, daß Gott Selbst die Liebe ist
(1Jo 4. 8, 12).
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Denn bis jetzt
erblicken wir sie wie durch einen Spiegel,
in Dunkeldeutung, dann aber wie von Angesicht zu
Angesicht. Bis jetzt erkenne ich nur
aus Bruchteilen, dann aber werde ich so
erkennen, wie auch ich erkannt worden bin. Von nun an bleiben
Glaube, Erwartung, Liebe, diese drei. Doch die
größte von diesen ist die Liebe; jaget daher der
Liebe nach!
1Kor 13. 12 - 13
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Welchen Zeitpunkt beschreibt das hier vorliegende „von nun an”? Ganz klar – es beschreibt den Zeitpunkt des Endes der Erkenntnis „aus Bruchteilen” und – „dann aber” – des Beginns der Erkenntnis nach der Maßgabe, „wie auch ich erkannt worden bin”: nicht mehr in Dunkeldeutung, im Gleichnis und Rätsel, sondern vollkommen klar, unverhüllt, von Angesicht zu Angesicht. Wie wir sehen, ist die Zeit, so erkennen zu dürfen, ganz eindeutig „bis jetzt” noch nicht gekommen.
Dennoch
läßt man nichts unversucht, irgendwie doch noch seine alte
schwärmerische Ersatzlehre, nach der der Bibelkanon die Gaben
abgelöst habe, geltend zu machen und unters staunende Volk zu
streuen, das kaum der einen Irrlehre entronnen, schon wieder
der anderen zum Opfer fällt. Und man ist durchaus erfinderisch
in der Darlegung dessen, daß nach solchem Diktus nicht sein
könne, was nicht sein dürfe. Daß der Herr den Seinen gemäß Mk
16. 17ff verheißen hat, daß all diese Dinge u. a. den Glaubenden als ihrem Wort
nachfolgende Zeichen folgen würden, interessiert
solche dabei freilich nicht. Dabei sind wir beileibe nicht in
dem Irrtum befangen, daß man ein so komplexes Thema nur an
dieser einzigen Schriftstelle aufhängen darf. Während einige
jedoch diese Worte als nicht zur gültigen Überlieferung
zugehörig betrachten und damit gleich ganz aus der Bibel
streichen wollen, behaupten andere, daß sie nur den Elfen
gegolten hätten, weil ja nur diese anwesend gewesen seien, als
Jesus sie sagte. Nach solchem Diktus wäre dann allerdings auch
das Herrmahl obsolet, da es ja zunächst auch nur dem Kreis der
Zwölf überliefert worden war. Warum nur hat Paulus es dann in
seinen Briefen aufgenommen? Und auch den Missionsbefehl nach
Mt 28. 18 - 20 und Mk 16. 15 - 18 dürften diese dann
(konsequenterweise) nicht mehr als gegenwärtigen Auftrag
betrachten und viels andere mehr. Nun hat der Apostel Paulus
danach sowohl die Aussagen über das Herrnmahl, als auch über
die Gnadengaben bestätigt, indem er beide aufgenommen und als
Lehrgegenstand jeweils erörtert hat. Daß Paulus Menschen über
den rechten Gebrauch der Gnadengaben zu unterweisen sucht,
denen sie nach solcher Lehre angeblich gar nicht mehr gelten
sollen, vermag sich mir nicht zu erschließen. Auch wäre es
blanker Unsinn, wollten wir den Missionsbefehl als einen heute
nicht mehr aktuellen begreifen. Und so sagt der Herr ebenso
ausdrücklich, daß diese Verheißung denen gilt, die glauben – nicht nur den Jüngern also,
die gerade versammelt sind, sondern auch jenen, die durch
deren Wort an Ihn glauben würden. Daß der Passus „die, die glauben”
tatsächlich auch alle die
umfaßt, die
glauben, ist dann nur folgerichtig, es sei denn, wir
hätten Schwierigkeiten mit dem logischen Denken.
Der
Leugnung dieser Zusammenhänge entspricht jedoch die
cessationistische Irrlehre, [45] daß Zeichen und Wunder
allein den zwölf „Aposteln des Lammes” (s. Off 21. 14)
vorbehalten gewesen seien, und es nach Paulus keine weiteren
Apostel mehr geben dürfe, da Jesus in Seiner Erdenzeit nur
diese berufen habe (s. Mt 10. 2 - 4). Nun ist es zwar richtig,
daß die zwölf Apostel – der
letzte von ihnen war Paulus als unzeitliche Geburt – so nicht
wiederkehren werden, da sie den Herrn gesehen haben mußten
(1Kor 15. 5 - 8) und es ihnen oblag, das Wort Gottes zu
vervollständigen (Kol 1.25f), und damit den Grund der Gemeinde
zu legen. Dennoch benennt die Schrift noch weitere Apostel, so
„Andronikus und Junias, die
bedeutend sind unter den Aposteln... die schon vor mir in
Christus waren” (!) (Rö 16. 7), wie Paulus sagt, und
„Epaphroditus, den Apostel”
im Philipperbief (2. 25). Hier werden die „Apostel des Lammes” mit anderen Aposteln
schlicht verwechselt, um letztere dann zu unterschlagen, und
gleichzeitig zu erklären, daß es keine Apostel mehr gäbe.
„Apostel” heißt jedoch nichts anderes als „Gesandter,
Beauftragter”, ganz gleich, zu welchem Zweck. Daß es bis zur
Vollendung des Leibes Christi auch weiterhin Apostel geben
wird (der Satz steht im Aorist) weil diese, neben den im
selben Atemzug genannten Propheten, Evangelisten, Hirten und
Lehrern zu derselben Vollendung unumgänglich sind, bezeugt
Epheser 4. Verse 11 - 14. Daß einige selbst diese Aussagen
noch ablehnen, zeigt das Ausmaß ihrer Verblendung, da sie uns
– in schier maßlosem Stolz – glauben machen wollen, wir seien
schon in der „Einheit des Glaubens und der
Vollerkenntnis des Sohnes Gottes, [20] der
vollen Mannesreife, dem Vollmaß des Wuchses in der Fülle
(Vervollständigung) Christi” angekommen, zu dem uns der
Dienst dieser Gaben ja führen soll. Zudem wird behauptet, daß
Zeichen und Wunder zum Grundlegen dazugehört hätten, wobei man
das Grundlegen wiederum allein auf die Lehrgrundlagen der
Gemeinde bezieht, als seien diese für jeden Menschen automatisch schon
vollzogen.
Hier
tritt uns wiederum der Kunstgriff diabolischer Verwirrung in
der Vermischung von Gutem mit Bösem entgegen. Ja, zum
Grundlegen, wie es nur im missionarischen Dienst geschehen
kann, gehören Zeichen und Wunder. Das ist soweit richtig. Hier
bezieht man diesen Grund jedoch ausschließlich auf die Zeit
der Entstehung des Bibelkanons, und will damit
gewissermaßen übersehen machen, daß jeder Mensch, der den
Herrn noch nicht kennt, dieser Grundlegung in seinem Herzen
auch heute noch bedarf. Wir wissen ja, was dieser Grund ist:
er besteht in der Offenbarung, daß Jesus, der Retter (von
Jeschua = Jahwe rettet) der Christus ist. Paulus läßt in Rö 15
keinen Zweifel daran, daß dieses Grundlegen immer dann
geschieht, wenn das Evangelium Menschen verkündigt wird, die
es zuvor noch nicht gehört haben (15. 20 - 21). Dasselbe
Kapitel, aber auch andere Stellen, belehren uns nun sehr klar
darüber, daß zu diesem Grundlegen Kraft gehört. Evangelium ist Kraft (dynamis) zur Rettung,
keine Wortweisheit in dem Versuch, Menschen zu überzeugen
(1Kor 1. 18, 2. 1 - 5). Daran hat sich bis heute nichts
geändert. Es bedarf des Wortes in Erweisung des Geistes und
der Kraft, soll dieser Grund der Errettung wirklich gelegt
werden können. Daß dazu Wunder und Zeichen gehören, sagt der
Apostel aufs Bestimmteste. Dienen wir nicht in dieser Kraft,
mögen wir vielleicht seelische Erhebungen erzeugen; wirkliche
Rettungen und demzufolge Wiedergeburten aber bleiben aus. Paulus wagt nun nicht, von irgend
etwas anderem zu reden als nur von dem, was Gott
durch ihn „in der Kraft der
Zeichen und Wunder, in der Kraft des Geistes Gottes”
erwirkt hat (15. 18 - 19). Warum
wagen
wir es dann?
Eine
neuere und um einiges kompliziertere Form, die obenstehende
Erkenntnis auszuhebeln, besteht nun aber darin, die Vollendung
des Leibes, die in die Parusie des Herrn mündet, schriftwidrig
mit einem Auslaufen der beiden Eigenschaften Glaube (o. Treue) und Hoffnung
(o. Erwartung) zu verbinden. Die Aussage dabei ist
die, daß wir ja dann, in der Vollendung, vom Glauben zum
Schauen gekommen wären und die Erwartung – wobei es sich dabei
allerdings um die
Erwartung Seiner Wiederkehr handelt – in der
Vollendung ihre Erfüllung gefunden habe und daher als Eigenschaft insgesamt
obsolet geworden sei. Nach dieser Konstruktion wäre, da die
Wiederkunft des Herrn zugleich auch das Ende (eig. das Auslaufen, Unwirksam
machen, wörtl. katargeo, herab-un-wirken) dieser
Gaben beinhaltet, die Aussage „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe” falsch, da mit dem Kommen
des Vollkommenen – die Vereinigung in Christus durch die Liebe
– auch die Hoffnung und der Glaube ersetzt sein würden. Da
dies sich zu dem obenstehenden Wort in Widerspruch befände,
könne es auch nicht sein, daß erst mit der Wiederkunft des
Herrn die Gaben aufhören würden und so weiter und so fort.
Nach solchen Widerlegungsversuchen bemüht man dann wiederum
die alte Ersatzlehre, nach der nicht mit der Vollendung des
Leibes, sondern bereits mit dem Entstehen des Bibelkanons die
Gaben auslaufen würden oder ausgelaufen wären, so daß „danach auch eine Zeit ohne
diese Gaben möglich” sei,
bis dann „letztlich nur noch die Liebe” übrig bliebe.
Verwirrender und in sich widersprüchlicher geht es eigentlich
kaum noch. Hier hat man den Bibelkanon an die Stelle der Liebe
gesetzt und damit gezeigt, daß man das Wesen der Liebe nicht
verstanden hat. Das aber sollten wir, denn es zeigt sich mehr
und mehr, daß wir die Gaben
der Liebe nicht verstehen, wenn wir schon das Wesen der Liebe nicht
verstanden haben. Zwar ist die Heilige Schrift sowohl
vollständig als auch vollkommen. Doch das Vollkommene Gottes ist nicht der
Schriftkanon, wie jene lehren, sondern die Liebe – denn Gott Selbst ist Liebe (Kol 3. 14, 1Jo 4. 8).
So erzeigt sich wieder einmal, daß die Kritiker der
charismatischen Bewegung sehr häufig von denselben Denkmustern
her argumentieren wie nicht wenige der von ihnen Kritisierten
selbst. Der Splitter im Auge
des Bruders erweist sich damit als Balken im eigenen.
Aber anstatt den Balken im eigenen Auge zu entfernen, um danach auch dem Bruder
behilflich sein zu können bei der Behebung seiner Schwäche
(dies ist die Reihenfolge, wie der Herr sie in Mt 7. 1 - 5,
Lk 6. 41 - 42 gewiesen hat) fällt man in hochmütigen
Stolz über ihn her und bleibt bei liebloser Kritik stehen,
ohne jemals zeigen zu können,
wie es richtiger ginge. Das sind deutliche Anzeichen von
Überhebung des einen über den anderen, den Jesus doch mit
demselben Blut erkauft hat. Die Folge sind immer weitere
Spaltungen und – last but not least –
immer neue Irrlehren. Auch das ist Gericht, das anfangen muß im Hause Gottes
(1Ptr 4. 17). Die Folge des Richtens anderer ist
immer die eigene Verfinsterung und damit das eigene Gericht
(Rö 2. 1ff). Wir werden uns im Folgenden mit diesen Dingen
auseinandersetzen.
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Daß die Zeit der Gaben – auch die einzelner Gaben – eines Tages ausgelaufen sein wird, weil ja auch die Gemeindezeit auf dieser Erde auslaufen wird, da die Gemeinde dann in die Reife gekommen ist und von daher auch der besonderen Geistesgaben in der heutigen Form nicht mehr bedarf, ist völlig korrekt. Nur hat sich dieses „Auslaufen” nicht in der Zeit der Entstehung des Schriftkanons ereignet, sondern – wir bleiben dabei – kann und wird erst dann stattfinden, wenn der Leib vollendet sein wird. Die Vollendung des Christusleibes ohne diese Gaben ist Illusion, da Gott ihm diese zu seiner Ausreifung an die Seite gestellt hat. Es gibt anhand des Schriftzeugnisses gar keine andere vernünftige Möglichkeit. Wenn auch der Glaube in der Vollendung zum Schauen gekommen ist, so bedeutet das ja nicht, daß der Glaube dann aufhören würde; er ist lediglich von der Form eines Glaubens, ohne zu sehen, in ein Schauen hinübergetreten. Glaube beinhaltet die Treuebeziehung zu Gott; es wäre größte Narretei zu denken, daß diese Beziehung mit der Vollendung aufhören würde! Das wäre völlig undenkbar, zeigt aber, wie schwärmerisch jene mit dem Wort umgehen, die die Schwärmerei doch vorgeblich bekämpfen wollen!
Der Glaube steht also mit dem Schauen nicht im Widerspruch, solange man nicht versucht, ihn heute aus einem Schauen (dem Sichtbaren also) herzuleiten und ihn aus diesem zu begründen. Das geschieht beispielsweise immer dann, wenn wir geistliche Erfahrungen zur Lehre machen, indem wir sie erst im Nachhinein durch das Wort nachzuweisen oder zu bekräftigen suchen. Dasselbe tritt zutage, wenn wir etwa „Zeichen und Wunder” begehren, ohne eine Grundlage dafür im Wort zu haben, indem wir meistens übersehen, daß Zeichen dem Wort gegebenenfalls begleitend nachfolgen, aber niemals umgekehrt (Mk 16. 17, Hbr 2. 4). Solange wir uns noch in dem gegenwärtigen Zeitalter befinden, sollen wir ja nicht auf das Sichtbare schauen, sondern auf das Unsichtbare (2Kor 4. 18). Wir bedürfen des Schauens nicht, um glauben zu können. Das ist die Aussage. Schauen ist demnach keine Voraussetzung für den Glauben; wer so denkt, der geht irre. Denn nicht das Schauen, sondern der Glaube ist es, auf den wir uns in diesem Leben zu gründen haben.
Wir erkennen also, daß diese Weisung für den jetzigen Äon gilt und allein für diesen auch geschrieben worden ist, und das gilt umso mehr, wenn wir durch die Gnade Gottes und vermittelst des Heiligen Geistes die eine oder andere Gnadenwirkung schon hier erfahren dürfen, die uns sozusagen „angeldmäßig” schon hier erreicht (vgl. 2Kor 1. 22, 5. 5; Eph 1. 14). Dasselbe gilt dann auch von der Aussage des Paulus, daß wir heute im Glauben wandeln und nicht im Schauen (2Kor 5. 7). Damit ist nicht gesagt, daß es heute keinerlei Schauen geben dürfe (wie der Apostel in seinem eigenen irdischen Leben selbst viele Dinge geschaut hat) sondern vielmehr, daß ein Schauen und Erleben göttlicher Gnade nicht zur Grundlage unseres irdischen Lebens werden darf. Nun kann man daraus jedoch nicht – in vermeintlichem „Umkehrschluß” – die Aussage machen, daß wir dann, nachdem dieses Leben abgeschlossen ist, nur noch im Schauen wandeln und nicht mehr im Glauben, als ob das Schauen den Glauben grundsätzlich ausschlösse. Das mögen einige zwar denken, weil es in ihr eingefleischtes theologisches Denkmuster hinein zu passen scheint; es steht aber nicht da. [21] So erweisen sich beide, sowohl die These, daß jedes heutige Schauen zu unterbinden sei, als auch die Ansicht, daß es keinen Glauben mehr gäbe, nachdem der Herr gekommen sei, jeweils als Erweis einer gravierenden theologischen Unnüchternheit. Wir werden auch in der Vollendung Jesus vertrauen, und da ganz besonders und viel tiefer, als uns das heute überhaupt möglich wäre, da heute noch alles der Vergänglichkeit unterworfen ist, von Vorläufigem und auch der Sündhaftigkeit geprägt, solange der Leib der Sünde noch Bestand hat. Dann aber werden wir Ihn von Angesicht sehen dürfen, wie Er tatsächlich ist. Dieselbe Aussage ist auch über die Hoffnung (besser: Erwartung) zu treffen. Es gibt auch und gerade nach der Wiederkunft des Herrn und unserer Vereinigung mit Ihm vieles zu erwarten, da gelangen wir nämlich mit Ihm immer weiter in die Gnade des Vaters hinein, dürfen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit gehen.
Erwartung, die man sieht (deren Gegenstand also erfüllt ist) ist keine Erwartung mehr (Rö 8. 22). Diesen an sich richtigen Satz führt man indessen an, um den kühnen „Beweis” zu erbringen, daß mit dem Erreichen des Schauens nicht nur der Glaube, sondern auch jegliche Erwartung aufhörte, um die biblische Aussage trickreich aushebeln zu können, daß das Bleiben von Glaube, Erwartung und Liebe gemäß 1Kor 13. 13 sich auf die Vollendung beziehen, die der Apostel in jenem Kapitel („das Kommen des Vollkommenen”) anführt. Aber das steht hier nicht, und so erkennen wir auch hier alsbald, daß man wieder einmal einen Vers seinem Kontext entrissen und ihn willkürlich in andere Zusammenhänge gestellt hat als die, die sich aus der Bibel ergeben. Zwar gilt dieses Wort als absolute, immer gültige Größe. Wir müssen jedoch lesen, was das Wort aussagt, und was es nicht aussagt. Die Größe, die immer gilt, ist diejenige, daß jede Erwartung, die man sieht, keine mehr ist. Von welcher Erwartung aber spricht Paulus hier? Er spricht nicht von der Fähigkeit des Erwartens (oder Hoffens) an sich, einer Fähigkeit, die uns Menschen in die Wiege gelegt worden ist wie die natürliche Fähigkeit – und Notwendigkeit! – des Atmens. Ihm würde wohl kaum einfallen, davon zu sprechen, daß der Mensch nicht mehr hoffen könne, nachdem der Herr gekommen sei. [22]
Hier geht es demnach um eine ganz spezifische Hoffnung. Die Hoffnung, die Paulus hier meint und die mit ihrer Erfüllung aufhört, ist die Erwartung Seiner Wiederkunft, die gleichbedeutend ist mit dem Erreichen des Sohnesstandes und der damit zusammengehörenden Erlösung des Leibes, die am Ende unseres Heiligungsweges steht, wenn wir in der Vollendung angekommen sind (Rö 8. 22 – 24). Natürlich ist diese Hoffnung dann erfüllt und damit abgetan, wie jede Hoffnung, die sich erfüllt hat, abgetan und damit obsolet geworden ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger sagt dieses Wort, und das ist auch völlig klar und bedarf an sich keiner weiteren Erörterung. Es entspricht also nicht der Wahrheit, sondern ist wiederum ein Konstrukt der o. g. Ersatzlehrer, wenn behauptet wird, daß unsere Fähigkeit, etwas zu hoffen (zu erwarten) generell aufhören würde. Die Vorstellung, daß mit der Vollendung jegliche Erwartung oder jeglicher Glaube (Vertrauen) ausgelöscht sein soll, ist im besten Fall eine schwärmerische „Fata Morgana”; daß dem nicht so ist, erhellen einige Schriftzusammenhänge durchaus. Es gibt auch dann, nachdem diese Dinge gekommen sind, noch vieles zu erwarten und zu entdecken, zumal wir sie dann sehen werden können. Ich würde sogar sagen, daß es für uns dann erst richtig spannend werden wird.
„Hoffen” ist ein sehr verwaschener
und unklarer Begriff, weswegen ich zumeist den Begriff „Erwartung” oder „erwarten” (in Klammern) angefügt
habe, der dem griechischen Wort viel eher entspricht. Es geht
bei dem Wort elpizo nämlich nicht darum, etwas zu „hoffen”, das eventuell eintreffen
könnte (etwa im Sinne von: „Ich hoffe, daß morgen die
Sonne scheint”) sondern um eine klar
definierte und darum
feststehende Erwartung einer Sache, die eindeutig
verheißen (zugesagt) ist und darum noch aussteht. Damit wird
zugleich deutlich, daß es bei solcher Erwartung immer auch um
Glauben geht, der ja nicht ein totes Fürwahrhalten, sondern
eine lebendige Annahme dessen ist, was aus den Händen Gottes
erwartet wird, als Ausdruck völligen Vertrauens auf Ihn (Hbr
11. 1). Und so bin ich allerdings fest davon überzeugt, daß
wir auch dann etwas zu erwarten haben, wenn wir beim Herrn
sind, wie wir nicht aufhören werden, etwas zu ertragen, zu
vertrauen, etwas zu erdulden und so weiter und so fort.
Ich will versuchen, das Bleiben von Glaube
und Erwartung an einem ganz profanen (und fiktiven) Beispiel
zu erklären, immer unter dem biblischen Aspekt, daß Erwartung,
die man sieht, keine Erwartung mehr ist. Ich hoffe, daß es
gelingt, mich verständlich zu machen:
Ich habe
beispielsweise die Erwartung einer Geldsumme und möchte
dafür etwas besonderes kaufen, das es nicht überall gibt,
ich aber zu erstehen hoffe. Ich habe das Geld noch nicht,
aber ich weiß, es wird kommen, weil eine zuverlässige Person
es mir nicht nur schriftlich zugesagt, sondern auch schon
eine Anzahlung dafür hinterlassen hat. Die Erwartung dieses
Geldes hat also auch etwas mit Glauben (Vertrauen) zu tun.
Ich vertraue demnach darauf, daß das, was mir zugesagt ist,
auch kommt, und warte darauf. (Die Affinität zum
Epheserbrief, s. 1. 3, 13, 14 usw. ist durchaus gewollt.)
Dann
kommt das Geld. Die Erwartung des Geldes ist also
gegenstandslos geworden, wie das Wort ja sagt. Habe ich
darum aufgehört oder die Fähigkeit verloren, etwas zu
erwarten? Ist alle Erwartung jetzt zu Ende? Ohne daß die
Gesetzmäßigkeit, daß erfüllte Hoffnung aufhört, Hoffnung zu
sein, dabei auch nur irgendwie negiert würde, ist die
Antwort: Nein. Ich bin ja noch immer in einem Zustand der
Erwartung, ich möchte ja von dem Geld etwas Besonderes und
Seltenes kaufen. Erst dann, wenn ich die Dinge gemäß dieser
Erwartung habe, tritt auch hier das ein, was das Wort sagt,
daß Erwartung, die die Dinge sieht, keine mehr ist. Ist
jetzt meine Fähigkeit zu glauben und etwas zu erwarten, zu
Ende? Nein... Man könnte das jetzt endlos weiterstricken. So
ist es im Grunde auch mit der biblischen Erwartung und mit
dem Glauben. Es ist eben nicht zwingend, daß alle Erwartung
aufhört, wenn Jesus gekommen ist. Was dann aufhört, ist die
Erwartung Seines Kommens. Was aber geschieht, nachdem Er
gekommen ist? –
Dasselbe
ist zum Thema Glauben zu sagen. Daß Glaube nicht
zwingend im Widerspruch zu einem Sehen steht, wird bereits aus
dem Johannesevangelium ersichtlich, an dessen Ende Jesus dem
Jünger Thomas sagt, daß er glaubt, weil er etwas sieht; Er
sagt an keiner Stelle, daß Thomas etwa nicht glauben
würde, nur weil er sieht (Jo 20. 29). Es ist also
festzuhalten, daß Jesus die Reaktion des Thomas auf das Sehen und Ertasten
Seiner Nägelmale – er
anerkennt den auferstandenen Jesus als seinen Herrn und seinen
Gott – ganz unzweideutig als Glauben wertet. Erst
dann sagt er ihm, daß die selig sind, die nicht sehen
und doch (trotzdem) glauben. Auch die Aussage, daß wir
heute im Glauben leben und nicht im Schauen, taugt wie oben
erwähnt nicht dazu, einen Widerspruch zwischen Glauben und
Schauen herzuleiten, da sie sich auf uns als die noch auf der
Erde Lebenden bezieht, wo wir unser (geistliches) Leben
tatsächlich allein aus dem Glauben und noch nicht aus dem
Schauen erhalten. Menschen, die Dinge aus der himmlischen Welt
schon heute schauen dürfen, sind sehr selten; aber doch gibt
es sie, und es wäre überaus töricht anzunehmen, daß sie von
der Notwendigkeit des Glaubens ausgenommen wären. Es gibt
überdies auch Leute, die Dinge schauen und erleben, und doch
nicht glauben, vgl. Lk 17. 12 - 19. Auch in der Himmelswelt
sind Glauben und Schauen nicht so rigoros voneinander
getrennt, wie uns einige das glauben machen möchten. So sind
die Märtyrer zu nennen, die ihren Lauf auf Erden vollendet
haben und nun unter dem Altar zu Gott flehen, daß Er doch in
den Weltlauf eingreifen und ihr Blut rächen solle (Off. 6. 9 -
11). Auch diese haben, obwohl sie ganz offenkundig nicht mehr
auf der Erde sind, zu glauben
und zu erwarten, daß
das, was Gott ihnen sagt, zur gegebenen Zeit auch tun wird.
Und auch die Wolke der Zeugen in der
Himmelswelt (Hbr 11. 40f) wartet
noch auf uns, weil die, welche diese Wolke bilden, nicht ohne
uns vollendet werden können. Sie sind zwar alle schon bei Gott
(Mose und Elia traten sogar aus der himmlischen Verborgenheit
heraus und erschienen mit Jesus auf dem Berge der Verklärung!)
glauben aber immer noch, daß sie das Verheißene davontragen
werden. Auch das ist ebenso Hoffnung wie Glaube, auch dann,
wenn diese sich nicht mehr sichtbar auf der Erde befinden. Die
Stelle aus Hbr 11. 1, die Glauben als „Annahme dessen, was
man erwartet, und ein Überführtsein von Tatsachen, die man
nicht erblickt” definiert, ist zwar zutreffend, bedeutet
aber nicht, daß es in der Vollendung keinen Glauben mehr geben
wird. Wir können Glauben nicht aus seiner Beziehung zu
Gott lösen und damit von dem Anker trennen, den Glaube nun
einmal haben muß, wenn es wirklicher Glaube sein soll.
Glaube bzw. Vertrauen (pistis) ist an die Person
Gottes gebunden und wird von der Wortbedeutung her definiert
als „Treuebindung an Gott und Sein Wort”. Glaube und Treue
(pistis) ist im Griechischen ein und dasselbe Wort, was sogar im
Deutschen noch sichtbar wird, wenn wir die enge Verwandtschaft
des Wortes Vertrauen
mit den Ausdrücken Treue,
treu sein bedenken. Nun wissen sowohl wir als auch
jene, daß weder Gott noch Sein Wort vergehen. Ist es denn
möglich, daß unsere Beziehung (Treuebindung) zum Herrn endet,
wenn wir Ihn sehen dürfen?
Ich denke, daß der Leser hier wohl übereinstimmen kann, daß dies völlig unsinnig wäre.
Was ist über die Liebe gesagt? Was sind die Eigenschaften der Liebe?
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(4) Die Liebe
ist geduldig (o. langmütig), sie ist gütig;
die Liebe ist nicht eifersüchtig, die Liebe
ist nicht ruhmredig und macht nicht aufgeblasen. (5)
Sie ist nicht unschicklich und sucht nicht das Ihre;
sie läßt sich nicht aufstacheln und rechnet das Üble
nicht an. (6) Sie freut sich nicht über die
Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der
Wahrheit. (7) Alles gibt sie auf,
alles glaubt sie, alles erwartet
sie, alles erduldet sie. (8) Die
Liebe wird niemals hinfällig. Seien es
Prophetenworte, sie werden abgetan, oder
Zungenreden, sie werden aufhören, oder
Erkenntnisworte, sie werden abgetan. (9)
Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem Bruchteil
und prophezeien aus einem Bruchteil. (10)
Wenn aber die Reife kommt, wird das aus dem
Bruchteil abgetan werden.
1Kor 13. 4 - 10
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Fassen wir zusammen: Die Liebe, die niemals fällt (so daß sie sogar die Gnadengaben überdauern wird) hat alle diese Eigenschaften. Diese Eigenschaften werden also auch dann noch da sein, wenn all die anderen Dinge, die Gaben usw., ihren Zweck längst erfüllt haben werden. Zu diesen Eigenschaften gehört auch, daß die Liebe alles glaubt und alles hofft. Glaube und Hoffnung sind nach dem o. a. Pauluswort eindeutige Bestandteile der Liebe. Wenn die Liebe, die doch bleibt, alles glaubt und alles hofft, ist es also nicht möglich, daß Glaube und Hoffnung aufhören und nur die Liebe bleibt. Denn es ist doch dieselbe Liebe, deren Bleiben vorausgesagt wird. Und diese Liebe (agape) glaubt und hofft immer. Ohne diese Dinge könnte sie weder existieren, geschweige denn sich ausdrücken. Liebe ohne Glaube (Vertrauen) und Hoffnung (Erwartung) wäre keine Liebe mehr. Es ist dieselbe Liebe, die alles aufgibt, alles glaubt, alles erwartet, alles erduldet. Und diese selbe Liebe, die alles aufgibt, alles glaubt, alles erwartet, alles erduldet und vieles andere mehr, sagt der Apostel, wird niemals hinfällig werden (1Kor 13. 7 - 8). Damit hätten wir an dieser Stelle noch nicht einmal eine Aussage treffen müssen über den Zeitpunkt, von dem der Apostel spricht. Es genügt an der Stelle einfach zu wissen, daß es nicht möglich ist, daß Glaube und Hoffnung aufhören, während die Liebe bleibt – wann auch immer das sein wird.
Man kann diese Liste natürlich fortsetzen. Jemand sagte, diesem Argument könne er nicht folgen, weil auch dort stünde, das die Liebe alles erträgt und erduldet. Haben wir also im Himmel noch etwas zu ertragen oder zu erdulden, fragte er dann, auf ein Nein hoffend. Aber da mußte ich ihn enttäuschen. Oh ja, lieber Bruder, o ja – wir haben.
Man mag „Tragen und Dulden” in unserem Sprachgebrauch
oft mit „Leiden” assoziieren, aber diese Dinge haben nicht
notwendigerweise immer etwas mit Leiden zu tun. Was dem
natürlichen Menschen noch Leid ist, wird dem geistlichen zur
Freude. Das ist der Unterschied zwischen Selbstsucht und
Liebe. Daß die Liebe alles erträgt, ist eine ihrer
hervorragenden Eigenschaften. Wir werden eine ganze
Ewigkeit etwas zu ertragen haben – nämlich einander. Das
Gesetz des Christus besteht ja darin, daß wir einander die
Lasten tragen sollen (Ga 6. 2). Und wie dieses Gesetz keines
ist, das irgendwann aufhört (weil ja auch der Christus nicht
irgendwann aufhört) ist es auch ganz offensichtlich, daß sogar
die Eigenschaft des „Ertragens” in der Vollendung noch
Verwendung findet, wie wir etwa in dem Wort erkennen, das der
Herr der Gemeinde in Philadelphia sagt – und dabei kommt es
nicht von ungefähr, daß die Gemeinde, an die diese
Verheißung ergeht, die etwas mit dem Tragen zu tun
hat, ausgerechnet Bruderliebe heißt:
|
Wer überwindet, den will Ich zu einer Säule im Tempel
Meines Gottes machen, und möge er niemals mehr
hinausgehen, und Ich werde den Namen Meines Gottes auf
ihn schreiben und den Namen der Stadt Meines Gottes,
des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel von Gott
herabkommt, und Meinen neuen Namen.
Off
3. 12
|
Und auch Gott Selbst, der Liebe
ist, trägt alle Dinge durch Sein
machtvolles Wort (1Jo 4. 8, Hbr 1. 3). – Wie ich in meinen vorigen Absätzen
erwähnt habe, gibt es durchaus einige sehr signifikante
Stellen (wie die aus dem Hebräerbrief und aus der
Offenbarung) die belegen, daß Menschen, die ihren Lauf auf
der Erde vollendet haben, noch immer etwas zu glauben oder
zu erwarten haben. Wer dabei nur ein wenig nachdenkt, der
realisiert auch, daß Glaube und Erwartung immer etwas mit
Geduld und Ausharren zu tun haben. Glaube hat ohne Geduld
keinen Bestand; er harrt solange aus, bis das Verheißene
von Gott her eintrifft, sonst wäre es kein Glaube. Und
auch in der Himmelswelt gibt es demnach etwas zu glauben
und zu erwarten. Der Unterschied ist nur der, daß alles
Leid (und all das, was damit zusammenhängt) vergangen ist,
nachdem das Schauen begonnen hat.
Was sagte Paulus über die Liebe, die nicht
hinfällig wird und nicht vergeht?
Alles erduldet sie...
Und selbst die Eigenschaft, daß die Liebe
auch das Üble nicht anrechnet, das wir ja Gott und
unseren Nächsten gegenüber angetan haben, besteht in der
Vollendung fort; denn es sind ja gerade diese Dinge, die dann
nicht einmal mehr Erwähnung finden werden, derer noch
nicht einmal gedacht werden wird, sofern wir sie in
diesem Leben bekannt, ans Kreuz gebracht und die durch
Jesus erwirkte Vergebung und Versöhnung angenommen haben.
Wohin wir auch sehen – die Behauptung, daß diese Dinge nicht
fortbestehen würden, ist nicht haltbar und wird auch nirgends
gerechtfertigt. Die Brüder, die solche Ansichten vertreten,
irren sich sehr.
Auch
wenn all diese Eigenschaften sich wohl vor allem auf der Erde
auswirken sollen, sind es doch die Eigenschaften der
Liebe, welche nicht vergeht. Eine Liebe, die ohne diese
Merkmale bestünde, wäre keine Liebe; verlöre sie sie
aber, wäre sie selbst
veränderlich – und
damit aber vergänglich, und Paulus hätte seine Sätze umsonst
geschrieben. So ist der Einwand, daß alle diese Dinge obsolet
werden würden, während die Liebe bliebe, weder schlüssig noch
logisch, und er widerspricht auch den Aussagen der Schrift.
Wenn die Liebe bleibt, die
doch alle diese Eigenschaften hat (wie Paulus ja
sagt) dann bleiben diese ihre Eigenschaften auch. Es ist nicht
möglich, zu lieben, ohne zu glauben (zu vertrauen) und zu
erwarten, nicht zuletzt auch darum, weil die Liebe etwas mit
Beziehung zu tun hat. Eine Liebe ohne diese Dinge ist nicht
nur Utopie; eine solche Vorstellung negiert auch die Art und
Weise, in der wir geschaffen sind. Wir sind keine Automaten,
und wir werden auch in der Himmelswelt keine Automaten sein.
Automatismen, die in einer Form geistlicher Notzucht über uns
hereinbrechen und uns wie seelenlose Marionetten bewegen, die
so erstarrt sind, daß sie keinen eigenen Zugang zu ihrem
Körper mehr haben, sind Kennzeichen der Finsternis. Das hat
nichts mit Gott zu tun, geschweige denn mit einer Gemeinschaft
mit Ihm oder untereinander. Ein solches Denken ist das von
Knechten, aber nicht von freien Kindern Gottes. Diese
Vorstellung auf die Himmelswelt zu übertragen wäre so
unvorstellbar, wie auch nur irgend etwas unvorstellbar sein
kann. Das wäre ein trauriger Himmel, und in einem solchen
Himmel möchte ich nicht sein.
Wie sollen wir dort auf die Liebe Gottes
reagieren, wie sie beantworten, wie auch mit unseren
Geschwistern kommunizieren, wenn wir nicht mehr glauben,
nichts mehr erwarten, nichts tragen, nichts dulden? Denken wir
denn wirklich, daß wir dieser Dinge im Himmel nicht mehr
bedürften? Wer denkt, daß wir dieser Dinge im Himmel nicht
mehr bedürften, bewegt sich gewissermaßen in ‚seelenloser’
Schwärmerei und sucht damit – man vergebe mir – eine wahrlich
absurde Paradoxie in sich zu leben. Die Vorstellung,
daß wir in der Ewigkeit nur noch als Geister ohne Gefühl und
Fähigkeit, zu kommunizieren umherschwirren, hat mit der Bibel
nichts zu tun, und mit dem himmlischen Wesen noch viel
weniger. Es wäre derselbe Irrsinn, wenn man leugnete, das der
Mensch ein dreieines Wesen sei, erschaffen im Bilde Gottes
(1Mo 1. 26 - 27). „O eure Verkehrtheit! Soll denn der
Töpfer dem Ton gleichgeachtet werden oder das Werk von
seinem Meister sagen: ‚Er hat mich nicht gemacht’? Oder soll
das Geschöpf von seinem Schöpfer sagen: ‚Er versteht es
nicht’?... Wehe dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine
Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht wohl der Ton zu
seinem Töpfer: ‚Was machst du?’ – oder dein Werk: ‚Er hat
keine Hände’?” (Jes 29. 16, 45. 9).
Auch in
der Himmelswelt sind wir ja nicht nur aus Geist bestehend,
sondern nach wie vor aus Geist, Seele und Leib. Und
alle drei brauchen und bedingen einander und machen unser
ganzes Menschsein aus, wie auch die Liebe sich durch Seele und Leib ausdrücken
muß, um Liebe wirklich sein zu können. Warum wohl
sonst spricht die Schrift von der Errettung der Seele und der Erlösung des
Leibes, und weshalb wohl sonst wünscht Paulus den
Thessalonichern, daß ihr Geist samt Seele und Leib untadelig bzw. unversehrt sein
mögen auf den Tag Christi, 1Ptr 1. 9, Rö 8. 23, 1Thes 5. 23.
Was sind denn die Eigenschaften einer Seele, welche sind die
unseres Geistes, welche hat unser Körper, auch dann, wenn es
ein neuer sein wird? Natürlich ist Glaube weniger eine Sache
der Seele als vielmehr des (menschlichen) Geistes. Und doch
sind das gerade in diesem Zusammenhang Gedanken, denen
durchaus einmal nachgegangen werden sollte. Wenn Paulus in
1Kor 13. 13 ohne weitere Zeitangabe sagt, daß alle drei, d. h.
Liebe und Glaube und Hoffnung bleiben, dann
bleiben alle drei, und zwar für immer. Auch dann, wenn wir
diese Dinge heute nicht sehen mögen, denke ich doch, daß wir
dann eines Besseren belehrt werden. Dann aber werden wir
bereits Schaden gelitten haben, weil wir es nicht zuließen, so
auferbaut zu werden, wie Gottes Geist uns auferbauen will.
Lesen wir unseren Abschnitt doch noch
einmal:
|
(4) Die Liebe ist geduldig (o. langmütig),
sie ist gütig; die Liebe ist nicht eifersüchtig,
die Liebe ist nicht ruhmredig und macht nicht
aufgeblasen. (5) Sie ist nicht
unschicklich und sucht nicht das Ihre; sie läßt
sich nicht aufstacheln und rechnet das Üble nicht
an. (6) Sie freut sich nicht über die
Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der
Wahrheit. (7) Alles gibt sie auf,
alles glaubt sie, alles erwartet
sie, alles erduldet sie. (8) Die
Liebe wird niemals hinfällig. Seien es
Prophetenworte, sie werden abgetan, oder
Zungenreden, sie werden aufhören, oder
Erkenntnisworte, sie werden abgetan. (9)
Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem
Bruchteil und prophezeien aus einem Bruchteil. (10)
Wenn aber die Reife kommt, wird das aus dem
Bruchteil abgetan werden.
1Kor 13. 4 - 10
|
Glaube,
Hoffnung und Liebe bedingen und brauchen einander. Wir können
nicht glauben ohne Liebe, aber wir können eben auch nicht
lieben ohne zu glauben. Wir vermögen auch nicht zu hoffen ohne
zu lieben oder zu lieben ohne zu hoffen. Das ist der
eigentliche Zusammenhang dieses ganzen Absatzes. Liebe braucht
Glauben und Hoffnung, weil sie sich nur so ausdrücken kann,
wie Glaube und Hoffnung die Liebe brauchen, weil sie ohne
Liebe in sich tot wären. Liebe ohne Erwartung und Vertrauen
ist nicht möglich, wie Erwartung und Vertrauen ohne Liebe
nicht möglich sind und höchstens zur Farce werden – ohne Liebe
sind Glaube und Hoffnung nichts (1Kor 13. 1 - 7).
Liebe hat immer etwas mit Beziehung zu tun.
Beziehung ohne Glaube (Vertrauen) und Hoffnung (Erwartung)
aber ist nicht möglich. Ein Mensch ohne Beziehung ist
abgestumpft; das äußert sich darin, daß Vertrauen und
Erwartung wenigstens beeinträchtigt sind. Das Umgestaltetsein
in Sein Bild bedeutet nicht das Aufhören der Beziehung, die ja
immer eine lebendige ist und auch bleibt. Wirkliche Beziehung
– Liebe – ist ohne Vertrauen und Erwartung nicht möglich,
weder in dieser, noch in jener Welt. Wer solche Dinge bar
jeder Vernunft glaubt, der gleicht einer wahrlich törichten
Frau, die ihrem Mann zwar unaufhörlich beteuert, daß sie ihn
wohl liebe, ihm aber zugleich zu verstehen gibt, daß sie ihm
nicht mehr vertraue und von ihm auch nichts mehr erwarte,
nachdem sie doch nun einmal geheiratet
hätten und ihre lange und freudig gehegte Hoffnung, in die Ehe
mit diesem Mann einzugehen, demnach aufgehört habe. Das
wäre eine Sache der Unmöglichkeit, und das würde der Mann dieser Frau wohl
überaus deutlich zu verstehen geben. Und doch bedeutet das
Fortbestehen von Vertrauen und Hoffnung nicht, daß die beiden
nicht geheiratet hätten. Natürlich wird man diese Dinge ohne
alle Umstände bejahen. Nicht
anders aber ist es bei der Vereinigung des himmlischen
Bräutigams mit Seiner Braut, deren irdisches Abbild die Ehe
ist (vgl. Eph 5. 25 - 32).
Daß man Dinge im weltlichen Bereich wohl annimmt, dieselben Dinge im geistlichen Bereich aber leugnet, ist nicht zuletzt ein Ausdruck gravierender Unnüchternheit, und nicht ohne Grund habe ich weiter oben von Schwärmerei gesprochen – und das unter solchen, die doch so vehement angetreten sind, dieselbe Schwärmerei (oder das, was sie dafür halten) bekämpfen zu wollen! Es ist eben ein Irrglaube anzunehmen, daß eine äußerlich zur Schau getragene Enthaltsamkeit von jeglichem seelischen Überschwang zugleich auch Erweis einer besonderen Nüchternheit sei. Nun rede ich einem solchen Überschwang nicht das Wort, als ob dies etwas Geistliches sei. Gottes Wort ist in sich selbst aber nicht unlogisch. Und es ist vollkommen unlogisch, daß Liebe ohne Glaube und Hoffnung jemals möglich wäre; auch im Wort Gottes gibt es eine solche Vorstellung nicht. In dem Zusammenhang empfand ich eine Frage als besonders hilfreich, die jemand in Bezug auf die Engel stellte, die von Gott abfielen: „Haben sie ihre Liebe verloren, weil sie Hoffnung und Vertrauen (Glaube) auf die verkehrten Dinge richteten?” Ich würde diese Frage in der Form beantworten, daß die Engel ihr Vertrauen auf Dinge richteten statt auf Gott; sie haben die Beziehung verloren. Beziehung aber hat immer etwas mit Glauben und Erwartung zu tun, die Eigenschaften der Liebe sind. Gesagt ist also ganz klar, daß Glaube, Liebe und Hoffnung bleiben; und Paulus bekräftigt das auch noch mit einem „diese drei”, bevor er zu dem Schluß kommt: die Liebe aber ist die größte unter ihnen (1Kor 13. 13).
Wenn der Apostel also sagt, daß Glaube, Liebe, Erwartung bleiben, dann bleiben sie, und sie bleiben gemeinsam. Er sagt eben nicht, daß Glaube und Hoffnung aufhören würden und nur die Liebe bliebe, wann auch immer. Er sagt, daß alle drei bleiben. – Wann also werden die Gaben gehen, wird Erkenntnis in der heutigen Form nicht mehr benötigt sein? Es bleibt dabei: wenn das Vollkommene gekommen ist. Das Vollkommene aber ist ja gerade damit gekennzeichnet, daß die „Dunkeldeutung” und das Stückwerk aufgehört haben. Dies ist jedoch trotz des vorliegenden (noch nicht einmal für alle einheitlichen!) Schriftkanons nicht der Fall. Wir suchen, zumindest in Bereichen, noch immer herum, und bewegen uns noch immer in dem „aus Teil”. Keiner kann sagen, daß er es schon ergriffen habe. Niemand hat schon die ganze Wahrheit. (Und noch immer ist es sogar möglich, die Wahrheit zu unterdrücken und unter Lügen und Ungerechtigkeit gefangenzuhalten.) Auch wenn wir Mündige sind und es auch sein sollen, befinden wir uns, insgesamt gesehen, noch nicht in der vollen Reife und sind nach wie vor im Wachstum begriffen, weil ja auch der ganze Leib noch immer nicht seinen vollen Wuchs erlangt hat. Insofern erzeigt sich auch die hier vorliegende Ersatzlehre – auch aufgrund anderer fehlender Bindeglieder – als vollständiger Irrweg und erweist damit ihre Unkenntnis (oder gar Ignoranz) der entsprechenden biblischen Zusammenhänge.
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Das Vollkommene als die Vollendung des Leibes in Einheit und der Anbruch des Schauens von Angesicht zu Angesicht
Wenn das Vollkommene wirklich gekommen wäre, wie in all diesen Lehren unterstellt wird, dann hätten nicht nur die Rätsel aufgehört; dann würden wir wohl kaum noch hier sitzen. Nun sehen wir jedoch nicht, daß wir am Ziel wären. Wir befinden uns weder alle in der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, noch haben wir das Vollmaß des Wuchses erreicht, noch können wir sagen, daß alle aus der Unmündigkeit herausgekommen wären. Das ist aber das Ziel, die Reife des ganzen Leibes nämlich, in die wir nach den Aussagen des Apostels hineingelangen sollen (Eph 4. 13). Natürlich, so argumentieren die Widersacher, ist das Mündigwerden von Kindern Gottes an sich noch kein Vorgang, der erst in der Vollendung erreichbar wäre. Das ist an sich zwar richtig. Wir sollen Mündige sein im Hier und Jetzt, solche, die nicht mehr von jedem Wind der Lehre getrieben werden. Das ist im Neuen Testament erklärtes Ziel, und zunächst ist es ein Ziel für unser Leben im Hier und Heute. Es geht dabei aber eben nicht nur um unsere Reife, noch um das Reifsein einiger, die vor uns gelebt haben oder heute leben, noch um die Reife von Einzelgemeinden, wie solche Lehren suggerieren, sondern es gilt, die Reife aller als der Vollreife des Gesamtleibes aller Zeiten und Kontinente zu erlangen, sowohl derer, die gelebt haben, als auch derer, die noch leben, als auch derer, die dem Leib noch hinzugefügt werden sollen. Genau das meint der Apostel, und es liegt auf der Hand, daß dieser Punkt noch immer nicht erreicht ist und naturgemäß auch nicht erreicht sein kann. Und doch wird er von den dispensationalistischen Ersatzlehrern [45] so gut wie durchweg unterschlagen. Es zeigt überdies, daß man wohl sich selbst und auch seine eigene kleine Gruppe, nicht aber den ganzen Leib – und das Zusammenwachsen dieses Leibes – im Blick behält. Dieser Selbstbetrug offenbart damit nicht zuletzt auch sektiererisches Denken.
Das Wort
Vollkommenes, das hier verwendet wird, heißt teleion,
reif,
am Ziel, vollständig, komplett sein. Daher kann es sich
auch nur auf den Gesamtleib
beziehen, der als Ganzes zu
seiner Vollendung hin gereift ist. Wenn dieses
Vollkommene da ist, erst
dann brauchen wir das Stückwerk, das
Teilweise, Unreife, Unvollkommene, das sich noch auf dem Weg
befindende, wie wir es heute haben, nicht mehr. [23] Das Vollkommene bildet
damit zugleich auch seinen krönenden Abschluß, wenn der Leib vollendet
ist und ihm das Haupt auch im Sichtbaren
hinzugefügt wird, so daß am Ende der ganze Christus,
bestehend aus Haupt und Gliedern, zum Haupt über alles
werden kann (Eph 1. 9 - 10, 22 - 23). [24] Es geht also darum, daß
wir das Ganze, Vollständige erreichen, das in der
Zusammenfügung der Teile aller besteht, weshalb dem Apostel
die Liebe so wichtig ist, die uns einander ertragen und
gewähren läßt (1Kor 13. 4 - 7). Darum ist es auch so
wichtig, daß alle Gaben in den Leib eingefügt, ihm
„einverleibt” werden, und zwar so, daß am Ende keine einzelne
mehr fehlt. Der Leib bedarf erst dann keiner Ergänzung mehr,
wenn er vollständig ist, erst dann kann (wird und
muß) also auch das Stückwerk aufhören. Wenn der Leib diese
Dinge vernachlässigt, dann kann er nicht in seine Vollendung
gelangen; er wird in dem Falle seine hohe Berufung, in die er
nach Gottes Willen gesetzt worden ist, verfehlen. Dies zeigt
uns, wie wichtig das Ganze ist und weshalb wir auf diesem
Gebiet gerade unter den Bibelgläubigen so massive Kämpfe
vorliegen haben.
Dieselbe Vervollständigung und
Vollendung, dieselbe Zusammenfügung aller Teile zur
Einheit des Ganzen hin meinte Jesus in Seinem
Hohepriesterlichen Gebet, das Er betete, bevor Er diese Erde
verließ. Wir sollten es sorgsam lesen und jedes einzelne Wort
beachten:
|
Ich habe die
Herrlichkeit, die Du Mir gegeben hast, ihnen
gegeben, damit sie eins seien, so wie wir eins
sind: Ich in ihnen und Du in Mir, damit sie zur
Einheit hin vollendet werden und damit die
Welt erkenne, daß Du Mich ausgesandt hast und sie
liebst, so wie du Mich liebst.
Jo 17. 22 - 23
|
Ein Puzzle ist dann vollständig, wenn keines seiner Teile mehr fehlen. Erst dann sieht man das ganze Bild. Es wäre nun töricht, wenn ich nun, nachdem ich das Bild schon fertig habe, noch immer unter den Tisch kriechen und nach einem Teil suchen würde, das eventuell doch noch fehlen könnte. Einem Weg, dessen Ziel ich erreicht habe, dem muß ich keine Schritte mehr hinzufügen. Ich bin ja am Ziel, und kann mich ausruhen. Darum – dies ist nur einmal ein Nebengedanke – war es auch den Juden verboten, am Sabbat, dem Tag der Ruhe Gottes und der Vollendung Seiner Schöpfungsordnung (hbr. shabat, aufhören), mehr als eine nur ganz eng bemessene Wegstrecke zurückzulegen; man sprach auch vom Sabbatweg (s. Apg 1. 12). Nun hatten jene noch das Schattenbild des Zukünftigen und Himmlischen; uns aber möchte Gott in das Wesen des Himmlischen selber einführen (Kol 2. 17, Hbr 8. 5, 10. 1). Zwar leben wir in einem weitaus besseren Bund wie jene (Hbr 8. 6 - 13), aber, wie jene, sind auch wir noch nicht am Ziel. Es ist dem Volk Gottes ja noch eine Ruhe vorhanden, sagt der Hebräerbrief, weshalb wir uns befleißigen sollen, in diese Ruhe tatsächlich auch einzugehen (Hbr 4. 9 - 10). Dazu ist die Liebe der alles überragende Weg, der uns in die Vollkomenheit, in die Reife und damit in diese Ruhe ja gerade erst hineinführen soll, wie wir gesehen haben (1Kor 12. 31). All diese Zusammenhänge ziehen sich durch die ganze Bibel.
Erkennen wir jetzt, daß wir noch längst nicht am Ziel sind, weil uns ja noch das Stückwerk so sehr anhaftet, und uns jene Vervollständigung durch die Teile aller noch fehlt, die man die Liebe nennt? Bemerken wir auch, daß eine ganz zentrale Eigenschaft dieser Liebe die Demut ist? Sie ist es nämlich, die uns unseren Teil hineingeben läßt, zugunsten anderer, wie sie auch den Teil anderer anzunehmen vermag, was immer dieser Teil auch sei. Wie leise, wie demütig ist auch die Stimme des Heiligen Geistes, und wie schnell sind wir dabei, sie wegzuwischen und in unserem hochmütigen Getöse zu übertönen. Darum bedarf es der Demut, es bedarf unseres Stillewerdens vor Ihm, unseres Schweigens und Hörens – sowohl auf Gott, als auch aufeinander. So vermag der Geist Gottes durch uns zu fließen, um so Stück um Stück an der Vervollständigung aller, damit also an der Vervollkommnung des ganzen Leibes zu arbeiten. Und nur so vermögen wir auch unser Ziel zu erreichen, indem wir gemeinsam in die Reife, in den Vollwuchs des Mannesalters hineinwachsen, wie Paulus es nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen beschreibt (Eph 1. 15 - 23, 4. 13ff). Und dieses Ziel, diese Vervollständigung der Liebe ist uns heute näher denn je, weil ja auch die Zeit weit vorangeschritten ist; aber noch ist es „Zukunftsmusik” .
An
solchem Vervollständigtwerden
erkennen wir, daß dies ein wachstümlicher Prozeß, aber keine
abrupte Verwandlung ist. Der
Leib des Christus wird ein Leib sein, den Gott in
Jahrtausenden zubereitet hat. (Die „Verwandlung im Nu” [atomos], von der Paulus
in 1Kor 15. 51f. spricht, ist etwas anderes, obwohl sie
damit im Zusammenhang steht; sie bezieht sich auf die
Verwandlung unseres eigenen menschlichen Körpers im Augenblick des Erscheinens unseres
Herrn und darf daher mit dem Vorgenannten nicht verwechselt werden.)
Heute sehen wir ja noch nicht, daß der ganze Leib, der
ganze Glaube und die ganze Erkenntnis schon gekommen
wären, die Dunkeldeutung – die Übersetzung in
Rätseln (aenigma) also aufgehört hätte (1Kor 13. 12). Das griechische Wort aenigma bringt mich auf etwas. Kennen wir noch die
Enigma, die Dechiffriermaschine aus der Zeit des
zweiten Weltkrieges, über die vor allem in U-Boot-Einsätzen
die Funksprüche entschlüsselt wurden? Niemand konnte die
Mitteilungen verstehen, die über diese Maschine kamen, bevor
er diese Maschine nicht auch hatte, weshalb alles
Mögliche und Unmögliche unternommen wurde, um in ihren Besitz
zu kommen. Wer die Maschine hatte, der wußte bald über alles
Bescheid, was der andere tat; und das war ein wichtiger, oft
der entscheidende Schritt zum Sieg. Genau das ist auch hier
gemeint! Wir brauchen sozusagen – um im Bilde zu bleiben – die
aenigma, die „Dechiffriermaschine” des Heiligen
Geistes, die uns die Rätsel Gottes aufschließt und offenbart. Denn alles, was Gott uns zu
sagen hat, bleibt dem natürlichen Menschen „von Haus aus” verborgen und
damit ein Geheimnis, und zwar solange, bis der Heilige Geist in
sein Herz kommt und es ihm offenbart bzw. erklärt (1Kor 1.
18 - 31, 2. 6 - 16).
Aus eben diesem Grunde verwendete Jesus ja auch die Gleichnisse – nicht etwa, um etwas zu erklären, damit alle es auch verstünden, sondern, um es vor der Allgemeinheit zu verschließen, weshalb er nach seinen Gleichnisreden immer wieder die Jünger auf die Seite nahm, weg von den übrigen, und sie ihnen gesondert erklärte (Mt 13. 10 – 17, Mk 4. 10 – 12, Lk 8. 8b - 10). Genau diesen Dienst vollbringt, da Jesus nicht mehr sichtbar unter uns auf der Erde weilt, heute der Heilige Geist, und verwendet dazu Seine Gaben (Jo 16. 13 – 15, Eph 4. 7 - 8). Ja, wird gesagt, wir haben ja die Bibel, und wir haben unsere Lieder, darum bräuchten wir die Gaben nicht mehr. Unsere Schriftauslegung sei die Prophetie, die wir haben sollen. Das Wort des Herrn aber zeigt ein anderes Bild. „Ich bin reich, ja ich bin reich geworden und bedarf nichts”, sagt Laodizäa. Ja, das sagst du von dir, sagt der Herr, aber nur, „weil du nicht weißt, daß du der Elende und Erbärmliche, der Arme, Blinde und Nackte bist, so rate ich dir, von Mir Gold zu kaufen, das im Feuer feingebrannt ist, damit du reich werdest, dazu weiße Kleider, auf daß du dich damit umhüllen mögest und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, um deine Augen einzusalben, damit du sehen mögest” (Off 3. 17 - 18).
Glauben wir denn wirklich, daß wir in der Bibel auch nur einen Satz richtig verstehen würden, wenn ihn der Heilige Geist uns nicht erklärte, wenn Seine Gabe in uns also nicht zum Zuge käme? Darum bedürfen wir ja gerade auch der verschiedenen Gaben, weil sie uns die Dinge Gottes übersetzen; wir bedürfen auch der anderen Glieder des Leibes, weil ja auch wir Glieder sind und in der Versammlung eben gerade nicht jeder alles, das Ganze haben kann, wie dies der Apostel im gesamten zwölften Kapitel unermüdlich zu erklären bemüht ist. Wann also werden Prophetien, Erkenntniswort, Zungenreden aufhören? Wann wird also auch die Leitung durch den Geist abgeschlossen sein, zu der ja auch all diese Dinge gehören? Wenn die Bibel gekommen ist? Nein – wenn wir am Ziel angekommen sind! Wenn das Vollkommene gekommen ist, werden wir das Stückwerk und damit auch die einzelnen Gaben nicht mehr brauchen! Bis zum heutigen Tage aber sind wir noch auf der Erde; und solange wir auf dieser Erde sind, benötigen wir auch noch den Heiligen Geist, den Parakleten, den großen „Beiseiterufer Gottes”, von dem wir an anderer Stelle gesprochen haben, der die Dinge des Vaters nimmt und sie uns bringt und – mittelst der Gaben – sozusagen „in unsere Sprache” übersetzt. Gott hat nicht eine dieser Gaben zurückgenommen; wir brauchen sie alle; wir brauchen den Heiligen Geist wie unser tägliches Brot. Erst dann, wenn wir im Himmel sind, werden wir in einer ganz anderen Verwaltung sein; dann brauchen wir den Parakleten in dieser Weise nicht mehr, weil wir ja die Übersetzung nicht mehr brauchen, denn dann kommt Jesus, das Haupt selber, auch im Sichtbaren; dann sehen wir Ihn von Angesicht, und erst dann erkennen wir Ihn so, wie Er uns erkannt hat –
von Angesicht zu
Angesicht! (1Kor
13. 12).
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Wie wir
bereits oben gesehen haben, ist dies eine zwar in sich vielen
logisch erscheinende, bei näherem Hinsehen aber völlig unhaltbare
Irrlehre,
die vor allem in diversen dispensationalistischen bzw.
cessationistischen Kreisen ihr Unwesen treibt. [45] Solche Irrlehren entstehen
immer dann, wenn man willkürlich Zusammenhänge aus
Schriftstellen schafft und eigene Dinge zusätzlich
hineininterpretiert, dabei aber außer acht läßt, daß die
Schrift sich selbst erklärt und keiner menschlichen Auslegung
bedarf. Aus 1Kor 13. 11 - 13 ergibt sich klar, daß mit dem
„Vollkommenen”, das kommen wird, nicht wie unterstellt der
Schriftkanon, wie
ein solcher hier überhaupt nicht erwähnt wird, sondern die Vollendung gemäß der
Liebe
ist, die im selben Zusammenhang nicht umsonst auch als „die
Größte” bezeichnet wird, die sich in der Annahme und damit in
der Zusammenfassung aller Bruchteile (wie die Gaben in 13. 8f
ja genannt werden) zu einem Ganzen, auf den Leib bezogen,
erzeigt und die zu dessen Vervollständigung und damit zu dessen voller Reife führt. Das ergibt sich,
neben den Erörterungen des Apostels auch in anderen Briefen,
hier vor allem aus den damit korrespondierenden Zusammenhängen
aus dem vorhergehenden zwölften Kapitel, das wie das
nachfolgende vierzehnte nicht vom dreizehnten separiert (d. h.
davon unabhängig) betrachtet werden darf. Nicht umsonst steht
ja dieses Kapitel als ein ganz zentrales gerade inmitten der beiden großen
Erörterungen des Apostels über die verschiedenen Gnadengaben
in Kapitel 12 und 14. Die Erwähnung des zukünftigen Erkennens des Herrn (also
erst, nachdem das Stückwerk aufgehört hat), gleichwie ich erkannt bin
– nämlich „von Angesicht zu
Angesicht”,
tut ein übriges hinzu. Wenn dieses Erkennen da ist, das (wie
im vorigen Kapitel erörtert) ja eindeutig vom Schauen spricht, werden wir wohl
schwerlich noch hier sitzen. Oder gibt es da einen Leser, der
den Herrn bereits hier, auf dieser Erde, von Angesicht schaut und ihn genauso
erkennt, wie Er uns schon erkannt hat? Ich glaube wohl kaum!
Nachdem man bemerkt hat, daß die
vorliegende dispensationalistische Ersatzlehre [45] an diesem Punkt mehr
als nur brüchig geworden ist, geht man mit einem letzten
Kunstgriff daran, das „Erkennen von Angesicht zu Angesicht”
gleich ganz umzudeuten. Besonders unter „Gemeinschaftsleuten”
wie in „Brüderkreisen” (unter denen viele Geschwister sind,
die ich sehr schätze) ist diese Ansicht leider sehr weit
verbreitet. Es gehe im Vollkommenen, das Paulus in 1Kor 13. 13
nennt, gar nicht um das persönliche Schauen und Hören des
Herrn, sondern um die Offenbarung des Geistes im Bibelwort,
hört man da. Als „Beweis” dieser Irrlehre greift man
ausgerechnet auf Mose zurück, der auf dem Berge Horeb das
Gesetz empfing – von Gott, der zu ihm „von Angesicht zu
Angesicht” redete „wie ein Mann mit seinem Freunde redet” und
„nicht rätselhaft” (2Mo 33. 11, 4Mo 12. 8, 5Mo 34. 10). Dieses
„Reden von Angesicht” bezieht man auf das Empfangen des Wortes
Gottes an sich, deutet es dann aber als Erkennen beim Lesen
des geschriebenen Wortes um. Dabei wird jedoch wieder etwas
Entscheidendes übergangen: Mose las nicht in Schriftrollen, um Gottes
Wort zu vernehmen, sondern hörte mit seinen Ohren, was Gott
sprach, er sah Gott von Gestalt, und er sah bereits die
himmlische Welt. Gott sprach zu Mose, auch wenn dieser Sein
Angesicht nicht sehen durfte, unvermittelt und nicht in
Rätseln oder bruchteilhaft. Obwohl wir nach Eph 2. 6 in
Christus bereits „versetzt worden sind in himmlische Örter”,
sehen wir dennoch „wie in einem Spiegel”, erkennen wir noch
immer vermittelt, als in Bildern und Gleichnissen, wie die
Schrift sie lehrt, bedürfen daher der Übersetzung oder Deutung
(aenigma) des Heiligen Geistes in unser Denken hinein – wie der Liederdichter
sagt:
Bis auf
ganz wenige Ausnahmen von Menschen Gottes, denen es für kurze
Zeit vergönnt war, himmlische Dinge zu sehen – unbeschreibbare
Dinge, von denen Paulus in 2Kor 12. 4 sagt, daß sie dem
Menschen nicht gestattet sind, auszusprechen – sehen wir die Himmelswelt
noch nicht. Mose hingegen sah sie, und viele andere Zeugen der Heiligen Schrift
sahen sie auch und durften einen Blick in sie wagen. Sie alle
taugen nicht dazu, die Lehre zu untermauern, daß das Schauen
von Angesicht zu Angesicht mit dem Erkennen beim Lesen von
Schriftstellen gleichzusetzen sei – sie erhärten vielmehr das
völlige Gegenteil, indem sie bestätigen, daß das Sehen „von Angesicht zu Angesicht” etwas mit dem Schauen zu tun hat, und
eben nicht mit dem „Erkennen aus Teil”, wie es beim Lesen
schriftlicher Überlieferung ja der Fall ist, auch wenn diese vom Geist
eingegeben wurde und von daher als eine vollkommene
Überlieferung zu bezeichnen ist. [25] Wenn man in diesen Kreisen
wirklich gelesen hätte, was in dieser vollkommenen
Überlieferung steht, und den vielzitierten Grundsatz
beherzigte, nach dem die Heilige Schrift sich immer selbst
auslegt, wüßte man auch, daß dieses vergleichsweise „Sehen in
einem Spiegel” als „Hören und Erkennen anhand des Wortes” auch
an anderer Stelle äußerst klar dokumentiert ist, und zwar in
Ja 1. 23 - 24. [26] Aus all diesen Tatsachen ergibt sich exakt der
Unterschied zwischen Wissenserkenntnis (gnosis) und epignosis, der höheren Erkenntnis
Gottes, die nicht intellektuell, sondern seinsmäßig ist und
personenhafte Vereinigung, eigentlich Eins-Werden bedeutet (vgl. 1Mo 4. 1, 17 u. a.).
Nur ein solches Erkennen vermag auch geistliches Leben
hervorzubringen; alles andere bleibt im Tode.
Diese wahre Erkenntnis, die als epignosis
Hinauf-Erkenntnis Gottes ist, bedeutet zugleich auch ein Einswerden
mit dem Haupt, dem Christus, und allen Seinen Gliedern. Das hat
nichts damit zu tun, daß wir das Lesen der Heiligen Schrift
für gering achten oder die Offenbarung für etwas
Unvollkommenes. Nur zu gerne hat man das uns unterstellt, um
dies zur Rechtfertigung der eigenen Irrtümer nutzen zu können.
Doch entpuppt sich das sehr schnell als eine Lüge, indem es
einen weiteren Kunstgriff offenbart. Ja, die Offenbarung des
Geistes ist vollkommen, wie das Wort Gottes, niedergelegt in
der heiligen Schrift, vollkommen ist. Darüber gibt es gar
keinen Zweifel. Der Schrifttext 1Kor 13 spricht jedoch nicht vom Wort Gottes an
sich, noch von der Offenbarung des Geistes in diesem Wort, wie die
einschlägigen Irrlehrer behaupten, sondern von der Art und
Weise unseres
Erkennens
und stellt dieses Erkennen der Jetztzeit (gnosis) dem Erkennen
in und gemäß der Vollendung (epignosis) gegenüber. „Offenbarung des Geistes” und „Erkenntnis” sind zweierlei. Offenbarung
ist das, was auf Gottes Seite geschieht; Erkenntnis aber ist
das, was auf unserer Seite geschieht. Man kann und darf diese
Dinge daher nicht durcheinandermengen, wie man gnosis auch nicht mit epignosis verwechseln
darf. Es bleibt also dabei: Unser heutiges Erkennen ist nicht
vollkommen; es ist nach wie vor Stückwerk. Das Vollkommene,
von dem Paulus hier spricht, ist demnach noch immer nicht
gekommen
– und wir
haben oben ja beschrieben, was dieses Vollkommene ist.
Die Grundproblematik dabei ist demnach die,
daß man
„Offenbarung” sagt und Erkenntnis (eigentlich Kenntnis oder
Wissen) meint. Mit diesem Irrtum, der immer zugleich auch Anmaßung
ist, tritt unmerklich die eigene Erkenntnis an die Stelle der
Offenbarung durch den Heiligen Geist und damit letztlich
Gottes, ersetzt Menschenwerk Gottes Werk, tritt wieder der
Mensch an Gottes Stelle, und das alles unter dem Anspruch
vermeintlich „biblischer” Theologie. Im Grunde geschieht hier
nichts anders als pseudo-christlicher Götzendienst in seiner
allergefährlichsten und zugleich auch raffiniertesten
Ausprägung, weil er sich als „rechtgläubig” und „biblisch” tarnt und darum meist
unerkannt bleibt – als besonders perfide ausgeklügelter
Schachzug der Schlange, die die Gemeinde irreführt und
zugleich auch immer tiefer spaltet. Und das alles geschieht
unter dem ständig vor sich her getragenen Anspruch, die Leute
aufklären und
gar noch „vor Verführung bewahren” zu wollen! So wird auch
hier offenbar, was der Herr meinte, als Er davor warnte, daß
das „Licht” in uns „Finsternis” sein könnte (Mt 6. 23). Und
was sagte Er, was dann geschehen würde? „Wie groß ist dann die
Finsternis!”
Da man die eigene Erkenntnis mit der Offenbarung des Geistes im
Wort verwechselt (wobei der Begriff einer
solchen Offenbarung immer auch seines Sinns entleert wird!)
wird diese Erkenntnis, die als „Stückwerk” ja immer nur Teil
eines Ganzen sein kann, als „vollkommene” und damit absolute
Größe ausgegeben. In der Folge erhebt man sich in maßloser
Selbstüberschätzung über den Bruder, der normalerweise eine
andere Erkenntnis hat als man selbst und auch eine andere
haben muß,
weil ihm ja ein anderer Anteil zugelost worden ist, und
verachtet damit das, was der Geist ihm, dem anderen Glied
des Leibes
gegeben hat, um diesen Leib zu vervollständigen. So aber wird
das Erkennen „aus Teil” (ek meros) untergraben, das für die
Jetztzeit unumgänglich ist; die Zusammenfügung dieser
Bruchteile zu einem Ganzen, die nur durch die Liebe möglich
ist, gerät zur Farce und die Auferbauung großer Teile des
Leibes findet damit nicht mehr statt, wie Gott es will (1Kor
13. 9). Damit wird jedoch immer auch die Vollendung des ganzen
Leibes beeinträchtigt, die ja nur durch die Liebe möglich ist,
die sich in der Annahme und Einverleibung dieser Bruchteile
erweist und nur so wachsen kann zu seiner gottgewollten,
vollen Größe (Eph 4. 15, 16). Es ist für solche Kreise dann
auch nur folgerichtig, daß ihnen die Gesamtschau fehlt, und dieses Fehlen ist
umso ausgeprägter, je kleiner und exklusiver sich die
Gruppierung darstellt. [27]
Daraus
ergibt sich dann der nächste Trugschluß, dem man hier auf den
Leim gegangen ist. Im Grunde hat man nicht einmal begriffen,
was denn die Basis des Erkennens ist, solange wir noch auf
Erden sind. Natürlich werden wir sagen, daß die Grundlage
alles dessen, worauf wir uns bewegen, die Heilige Schrift ist.
Das ist an sich zunächst auch völlig richtig. Die Schrift
spricht an
dieser Stelle aber nicht vom Bibelkanon, sondern von den Gaben und
damit den
Teilen,
die durch die einzelnen Glieder des Leibes – zum Nutzen aller
– dargebracht und damit zusammengetragen werden sollen (1Kor 12. 4 - 31, s. a.
14. 26ff).
Das bedeutet doch, daß wir nur aus diesen Teilen heraus und damit nur
gemeinsam
erkennen können; ein solches Erkennen aber ist nur durch die
Liebe möglich, die sich in der Annahme und Förderung jedes
einzelnen Teils erweist. Damit
ist diese Liebe die Basis auch der Schrifterkenntnis.
Darum ist sie ja auch so wichtig, daß sie der alles überragende Weg genannt wird (V. 31). [28] Der Leser wird wohl darin übereinstimmen
können, daß es neben einem
Überragenden nichts anderes
mehr geben kann, was daneben auch noch überragend wäre und damit wiederum
größer wäre als dieses alles. Die Liebe ist daher die einzige
Möglichkeit, die dem Leib gegeben ist, um recht zu erkennen
und vollendet zu werden. In Epheser
3. 18-19 legt Paulus dann auch seinen Lesern ans
Herz, daß sie doch imstande sein mögen –
|
„mit allen Heiligen völlig zu
erfassen, was
die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und zu
erkennen die die
Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus,
auf daß ihr erfüllt
(w. vervollständigt) werdet zur ganzen Fülle (w.
Vervollständigung) Gottes”.
|
Es bleibt
also dabei, daß es keinen anderen Weg gibt, der in die
Vervollständigung des Leibes (und damit in seine Vollendung)
führt, als nur diesen einen Liebesweg. Nur so kann es
geschehen, daß am Ende Gott „alles in allen” ist
(1Kor 15. 28, Eph 1. 23). Ist Er aber alles in allen, dann ist
die Vollendung gekommen, und das „Erkennen aus Teil” hat aufgehört, weil es dann
nicht mehr notwendig ist. Wenn diese Brüder schon den ersten
Korintherbrief nur ein wenig gründlicher gelesen hätten, dann
wäre ihnen sicher aufgefallen, daß dieser Zusammenhang – die
Einheit (Vereinigung) des Leibes in der Liebe – sich wie ein roter Faden
von Anfang an durch den gesamten Brief zieht und von daher
auch als zentrales Anliegen des Apostels gewertet werden muß, in dessen Kontext alle diese Erörterungen stehen
(Kap. 1. 10 - 12, 3. 1 - 4, 6. 1 - 6, 8. 2, 9 - 13, 10. 16,
11. 17 - 34, 13. 1 - 13). Man kann eigentlich sagen, daß die
Liebe das ganz große Thema ist, das der Apostel in diesem
Brief behandelt, um sich dann, nachdem er dieses Thema
abgeschlossen hat, im fünfzehnten Kapitel der Vollendung zuzuwenden, nämlich der
Auferstehung des Leibes und der Wiederkunft des Herrn. Das
sollte den Verfechtern der Irrlehre, daß die in 1Kor 13. 10
genannte „Reife” der Bibelkanon sei, wohl zu
denken geben.
An Stelle der Liebe, die sich in der Annahme aller Teile
erweist, steht nun jedoch der tötende Buchstabe, mit dem
aufeinander eingeschlagen und einander ausgegrenzt wird, als
Erweis einer falschen Sicherheit und Festung – nicht nur gegeneinander,
sondern auch gegen Gott. Hier ist exakt das geschehen, wovor der
Apostel so deutlich warnte, indem er sagte, wir bei aller
Erkenntnis (und auch all den anderen Gaben!) nichts sind,
solange wir die Liebe nicht haben. Ja, wir sind eigentlich
weniger als nichts; wir sind zu Schadenstiftern geworden.
Solche Geschwister haben, wiewohl sie „ihre” Bibelverse
ständig im Munde führen mögen, ihre eigene geistliche
Hörfähigkeit – sowohl auf Gott, als auch aufeinander
bezogen – oft schon weithin verloren und landen alsbald
in der Falle des Pharisäismus. Wie die Zeitgenossen Jesu sind auch sie unbelehrbar
geworden. Es
klingt ja auch alles so überaus „richtig”, so „biblisch” (soll ich sagen: so
gesetzestreu?) in ihren Ohren. Viele merken es nicht einmal,
ja sind sogar zutiefst empört, wenn man sie darauf hinzuweisen
versucht, weil ihre Herzen verhärtet sind. Das ist Gericht! Damit aber ist zugleich
auch die Axt an die Wurzel der meisten Streitigkeiten und
Lehrgezänke in der evangelikalen Welt gelegt: je „bibeltreuer”
sich die Leute darstellen, desto enger wird ihre eigene
Sichtweise, desto unduldsamer der Streit und desto
ausgeprägter der Richtgeist, da jedermann ja selber die
„vollkommene” Erkenntnis zu haben meint als etwas, was „schon
gekommen” sei. Jeder hält demnach sein eigenes Zipfelchen an
Erkenntnis (d. h. Bibelwissen) fest und glaubt, „das ist es,
was ich habe”, was in der Konsequenz zu Vereinseitigungen und
zuletzt zur Sekten- und Lagerbildung führt, in deren Folge all
die, die die eigene enge Sichtweise nicht teilen,
ausgeschlossen werden – bis dahin, daß man sie verteufelt und
ihnen damit auch noch das Christsein gleich ganz abspricht.
Gleichzeitig wird dies immer auch zur
Quelle verheerender Irrtümer und geistlicher „Tötungsaktionen”
vermittelst des „Buchstabens”, zu dem das Wort Gottes, das ja
eigentlich „Geist und Leben” sein will, immer dann wird, wenn
man es in die eigene Hand nimmt (s. Jo 6. 63).
Damit aber hat dieses Wort aufgehört, Schwert des Geistes zu sein, aus dessen Händen
wir es ja empfangen sollen (Eph 6. 17). Nur
dann vermag es auch Seelisches und Geistliches voneinander zu
trennen und die Herzen zu überführen (vgl. Hbr 4. 12). Statt
dessen nimmt man es selbst und drischt damit auf die Geschwister ein, sucht
regelrecht nach deren Fehlern, verletzt, verzerrt und stellt
bloß. Wie bei den Irrtümern und Zaubereien der sogenannten
Wort-des-Glaubens-Lehre, so bleibt auch hier am Ende nur noch
die Wirksamkeit des Todes übrig. Es ist also völlig gleich, ob
wir das Wort Gottes in die eigene Hand nehmen wie die
Irrlehrer der Glaubensbewegung, die die Heilige Schrift zu
einer Ansammlung von „Zaubersprüchen” verkommen lassen, um aus
einer solchen eigenen „Verwendung” einzelner Bibelstellen
„Ergebnisse” bzw. „Erfolge” für die Erzeugung der von ihnen
propagierten, vermeintlichen „Erweckung” in „Zeichen und
Wundern” hervorzubringen, oder wie jene, die auf der anderen
Seite Schriftstellen aus dem Kontext reißen und daraus
künstliche Zusammenhänge schaffen, um möglichst trickreich die
Geistesgaben leugnen zu können, und schlußendlich –
natürlich immer im Hinblick auf die Fehler der anderen – all
die zu verteufeln, die sich um diese Gaben mühen. Beide Extreme sind, so
gegensätzlich sie auf den ersten Blick sein mögen, Ausdruck ein und
desselben Wesens und bringen ein und dasselbe Ergebnis
hervor. Beides ist massive Finsternis und führt in
Finsternis hinein. Wir sehen also, wie folgenschwer diese gesamte
Lehrverirrung in Wahrheit ist, um die es hier geht, und
erkennen somit wiederum Satan als den Urheber aller dieser Lehren. [29]
| Inhalt |
Prolog |
Thema |
Anmerkungen | Download |
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Die Gaben der
Prophetie, der Erkenntnis und der Sprachengabe als
Gerichtszeichen und der Versuch ihrer Abschaffung
durch Umdeutung
Wenn die
Liebe umgedeutet worden ist, dann müssen es auch die anderen
Dinge. Fortan kreist die ganze Auslegung nur noch um den
Bibelkanon, den man für das Vollkommene hält, das die Teile abgelöst
habe. Es
ist jedoch nicht möglich, daß das „Erkennen aus Teil” schon
aufgehört habe, wie wir oben nachgewiesen haben. Es wäre die
wohl allergrößte Anmaßung zu behaupten, daß wir Christus schon
heute so erkennen würden, wie wir von Ihm bereits erkannt
worden sind (1Kor 13. 12). Auch die immer wieder gehörte
Unterstellung, daß die Geistesgaben etwa dazu gegeben worden
seien, als eine Art vorübergehenden „Ersatz” oder „Grundstein”
für den in der Frühzeit der Gemeinde noch nicht bestehenden
Schriftkanon zu fungieren, ist lehrmäßig, d. h. von den
entsprechenden Schriftaussagen her, in keiner Weise
stichhaltig. Das Sprachengebet ist noch nie ein „Lehrersatz”
gewesen, zumal es sich wie weiter unten erörtert nicht an Menschen richtet und auch eine völlig andere
Aufgabe als die Lehrgabe ausfüllt. (Das gilt auch von den
Sprachen, die in der Apostelgeschichte geschahen und deren
Inhalt von den Umstehenden – als Erweis einer
spezifischen Führung Gottes – verstanden wurde; auch sie
waren ausnahmslos Lobpreisungen Gottes, aber niemals Lehre oder
Prophetie, s. Apg 2. 11.) Und auch mit Evangelisation (die ja
auch wieder an Menschen gerichtet wäre) hat dies vom Inhalt
her nichts zu tun! Wer hier etwas anderes lehrt, zeigt damit,
daß er von der Materie eigentlich nichts verstanden hat und
wie ein Blinder von der Farbe redet, sich aber trotzdem zum
„Eingeweihten” und damit zum Lehrer anderer aufschwingen will.
Damit aber wird er aufgrund seiner Blindheit in dieser Frage
anderen immer auch zum Irreführer, denn entsprechend dem, was
Jesus sagte, ist es nicht möglich, daß ein Blindenleiter
Blinde führe, ohne daß diese dann zusammen in
eine Grube fielen (Mt 15. 14).
Daran offenbart sich religiöser Stolz, und
so erzeigt sich nicht zuletzt auch hier schon gerichtsmäßige
Verblendung, unter die dann auch all jene geraten, die auf
solche Lehren hören. Man täte wahrlich besser daran, solche
Stellen liegenzulassen, solange sie uns dunkel sind, und auf
den Zeitpunkt zu warten, an dem der Geist Gottes sie uns
erschließt. Das schlösse dann auch das Eingeständnis unseres
eigenen geistlichen Mangels ein – was nun wirklich kein
Beinbruch wäre – und wäre dann einmal nicht selbsterwählte,
sondern wirkliche Demut (s. Kol 2. 23). Der
Arzt kommt nun einmal nicht zu den Gesunden und Starken,
sondern den Kranken und Schwachen als denen, die der Hilfe
tatsächlich auch bedürfen (Mt 9. 12, Mk 2. 17 usw). Wie
schade, wenn wir uns auch im geistlichen Bereich selbst für gerecht – für selbstgerecht – halten und damit solcher
Hilfe verlustig werden. Uns mangelt so vieles, nicht nur von
unserem Verständnis her, sondern auch von der Umsetzung. Wir
vermögen es nicht! Wir bleiben blind ohne die Hilfe des
Heiligen Geistes! Wir sind und bleiben jederzeit abhängig von
Gott! Warten ist nicht unsere Stärke. Aber ich selbst habe
zwei Jahre gewartet, bis ich die Zusammenhänge erkannte und
Gott mir die Sprachengabe offenbaren konnte. Geschadet haben
mir diese Jahre nicht – im Gegenteil.
Dasselbe gilt über die biblischen Aussagen
betreffs der prophetischen Rede. Auch diese neutestamentliche
Gabe ist nicht etwa dazu gegeben worden, dem geschriebenen
Wort Aussagen hinzuzufügen, solche zu bilden oder
Schriftaussagen mit ihnen gar ersetzen zu wollen. Sie hat
einen völlig anderen Zweck. Prophetie ist auch nicht Lehre über Prophetie, weder über
die biblische, noch über die Gabe an sich, obwohl sie durchaus
in Verbindung mit einer solchen Lehre stehen kann. Als ein in eine ganz
bestimmte Situation hinein ergehendes Wort spricht Prophetie in die
Herzen der Herzukommenden hinein, die jeweilige Lage dieser
Menschen viel tiefer und viel genauer treffend als wir das
jemals könnten (da Gott Selbst es ja ist, der nach Apg 1. 24,
15. 8 die Herzen kennt) um auf diesem Wege – ohne jedes Wenn
und Aber – gemäß 1Kor 14. 24 - 25 Überführung zu wirken. Da wird erkannt, daß Gott
Selber gegenwärtig ist, da fällt man vor IHM nieder und
nicht mehr vor Menschen. Wo ER der eigentliche Redende ist,
da endet jede Diskussion. Das ist immer ein Erweis göttlicher
Vollmacht!
Ein
anderer Zweck der Prophetie ist das Voraussagen zukünftiger
Ereignisse, damit die Gemeinde Gottes darauf vorbereitet sei
(vgl. Apg 11. 27 - 30, 21. 10 - 14). Aber auch hier geschieht,
wie wir uns denken können, ein solches Wort jedes Mal in eine
sehr spezifische Situation hinein. Dabei kann es zwar
Schriftworte enthalten, die der Geist in einer solchen
Situation lebendig macht, kann aber durchaus auch eine freie
Rede sein. Ein
solches prophetisches Wort ist nach 1Thes 5. 19 - 22 jedoch
immer anhand der Heiligen Schrift überprüfbar und muß demnach auch an ihr
geprüft werden. Nicht umsonst steht aber gerade auch in demselben
Zusammenhang, daß Prophetie nicht verachtet (wörtlich:
benichtigt, für nichts gehalten) werden darf. Weiter unten
werden wir uns dem noch einmal widmen. Allerdings ist vom
Zusammenhang her auch zu sagen, daß diese Gaben in der
Versammlung nicht zu häufig auftreten werden – Paulus spricht
in 1Kor 14. 27 und 29 von zweien oder allerhöchstens dreien,
die in diesen Gaben, ihrer jeweiligen Ordnung entsprechend,
dienen sollen.
So ist es in diesem Sinne und nach
vorliegender Erkenntnis völlig falsch und von vornherein
irreführend, von den drei neutestamentlichen Geistesgaben Sprachengebet, Auslegung und
Prophetie als von „Offenbarungsgaben” zu sprechen, da durch diese keine
biblisch-lehrmäßigen Inhalte zu offenbaren sind – zu keiner Zeit. Jegliche Neuoffenbarung ist vom
Teufel; die Offenbarung Gottes ist vollständig; seit
Bestehen der Bibel Alten und Neuen Testamentes gilt, daß es
nichts Neues unter der Sonne mehr gibt (siehe Pred 1. 9, Off
22. 18, 19). Die vorgenannten Gaben haben einen ganz anderen
Zweck, wie wir oben gesehen haben; und so wird einmal mehr
erkennbar, daß sowohl die Protagonisten eines falschen, weil
mißverstandenen „Zungenredens” als auch deren Kritiker
meist fehl gegangen sind, weil sie beide diese Gaben an sich nicht verstanden haben, da sie dazu
das Wort nicht ausreichend erforscht haben. Hätten sie es
nämlich getan, dann wüßten sie zum Beispiel, daß man das
Sprachenwunder, wie es aus Apg 2. 1 - 11 (für die Juden) und
10. 44ff (für die Nationen) überliefert wird, nicht ohne
weiteres auf die Verhältnisse in 1Kor 14 übertragen kann:
In der
Apostelgeschichte handelt es sich um ein jeweils einmaliges Geschehen, das sich in einer
von Gott gewirkten besonderen Situation (als Anfangsereignis,
da der Geist gerade ausgossen wurde) eher zeugnishaft vor Menschen stattfand, damit diese
merkten, daß die sich auf diese Weise Äußernden Gottes Geist
empfangen hatten (Apg 2. 1 - 4 und 12 - 21 zu Joel 2. 28 - 32;
Apg 10. 44 - 48 usw). In der Situation in Korinth (1Kor 14. 2)
aber geht es um eine spezifische Gebetsgabe, die sich nicht an
Menschen, sondern allein an Gott richtet. Im Gegensatz zu dem
Erstgenannten versteht nach 1Kor 14. 9 - 11 und 14 weder der,
der diese Gabe selbst ausübt, noch der, der sie hört, dieselbe
in seinem Verstand und bedarf daher der Gabe der Auslegung
(wörtlich: Durch-Übersetzung), falls sie denn überhaupt
öffentlich gehört werden soll. Auch der Hinweis des Apostels
auf diese Gabe, der allerdings nur dann gilt, wenn sie nicht übersetzt und demnach nicht
verstanden wird, als Gerichtszeichen
– wobei
dies nicht lediglich auf Israel, sondern generell auf einen herzukommenden Unkundigen oder Ungläubigen
bezogen wird, der
dies hört,
und nicht etwa auf
diejenigen, die da reden – ist in exakt demselben
Zusammenhang zu sehen (1Kor 14. 18 - 25 zu Jes 28. 10, 11 ).
In den
entsprechenden Irrlehren, die nur darum Bestand haben, weil
man die verschiedenen Zusammenhänge (s. o.) miteinander
vermengt, wird die Auslegung des Apostels allerdings in ihr
Gegenteil verkehrt. Darum wollen wir uns diesem Sachverhalt
noch etwas ausführlicher widmen. Paulus bezieht Jesaja 28 eindeutig auf
herzukommende Unkundige oder Ungläubige; jene beziehen die
Aussagen des Paulus in einem Umkehrschluß auf Jesaja und
behaupten, daß Paulus dies „allein auf die Juden bezogen”
habe. Damit drehen sie die gesamte Aussage schlicht um. Paulus spricht hier eindeutig
nicht nur von Juden, sondern von Unkundigen oder
Ungläubigen, und auf diese bezieht er den Jesajatext.
Man muß den Text so, wie er sich hier darbietet, schon noch
stehen lassen, will man ihn nicht nach eigenem Gusto umdeuten
und damit verbiegen.
Dies sind
freilich Lehren, die durch die künstliche Überhöhung diverser
„dispensationalistischer” Vorstellungen zustande gekommen
sind. Nun gibt es verschiedene Dinge, die in diesen Richtungen
biblisch zutreffend formuliert worden sind. Ein biblischer
Glaube an Heilszeiten bzw. „Haushaltungen” an sich wird darum
auch nicht in Zweifel zu ziehen sein, wie verschiedene
Irrlehrer uns zu tun unterstellt haben; wogegen wir uns
allerdings zu wenden haben, ist die Irrlehre eines überzogenen
Dispensationalismus bzw. des Cessationismus, in die man die
Aussagen der Schrift zu pressen versucht hat und die besonders
die biblische Lehre und Unterweisung über die entsprechenden
Gaben auflösen will. [45] Damit hat der Teufel sein
Ziel erreicht, denn es ist unmöglich, das Werk in eigener
Kraft zu tun, und darum tut kaum etwas so not wie
schriftgemäße Unterweisung in diesen Fragen. So ist die
Schlußfolgerung, daß Paulus mit den von ihm genannten
„Ungläubigen” Juden gemeint habe, schlicht falsch, denn sie
übergeht den Textzusammenhang, in den Paulus sein Jesaja-Zitat
gestellt hat. Der Textzusammenhang besagt aber:
|
(21) Im Gesetz
steht geschrieben: In anderen Zungen und mit anderen
Lippen werde Ich zu diesem Volk sprechen, und nicht
einmal so werden sie Mich anhören, sagt der Herr. (22) Daher sind
die Zungen nicht denen zum Zeichen, die glauben,
sondern den Ungläubigen. Das Prophetenwort dagegen ist
nicht für die Ungläubigen, sondern für die, welche
glauben. (23)
Wenn nun die ganze herausgerufene Gemeinde am selben
Ort zusammenkäme und alle in Zungen sprächen und darin
Unkundige oder Ungläubige hereinkämen, werden diese
nicht behaupten, dass ihr von Sinnen seid? (24) Wenn
dagegen alle prophetisch reden würden und dann ein
Ungläubiger oder Unkundiger hereinkäme, so wird er von
allen überführt, er wird von ihnen allen erforscht, (25) das
Verborgene seines Herzens wird offenbar, und so wird
er, auf sein Angesicht fallend, Gott anbeten und
verkündigen, dass Gott wirklich unter euch ist.
1Kor 14. 21 - 25
|
Wir
müssen einfach sehen und anerkennen, auf wen Paulus „das
Volk”, zu dem gesprochen wird, in seinem Brief bezieht. Von „Juden” steht hier nämlich im
gesamten Text kein Wort! Wohl aber von denen, die
hören, nicht verstehen und nicht glauben, oder aber von
solchen, die hören, verstehen und glauben. „Ungläubige”
bezieht sich demnach auf
solche, die hören und nicht glauben – nämlich die Zungen, die sie
nicht verstehen, darum nicht zum Glauben kommen und die nach
Jesaja 28 ihnen ein Zeichen sowohl für sie als Ungläubige als
(damit) auch des Gerichtes sind, des Gerichtes der Verstockung
nämlich, von dem Jesaja spricht. Im anderen Fall ist es die
verständliche Rede der Prophetie, die der Herzukommende
versteht, durch sie überführt wird und damit zum Glauben kommt
– so ist diesem dies zum Zeichen geworden, daß er glaubt,
demnach also ein Gläubiger geworden ist. Das ist der Text, das
andere ist eine völlig „verwurstete” und falsche
„Textklitterung”, die durch das Hineindeuten von
nichtzutreffenden Dingen zustande gekommen ist.
Auch war die Gemeinde in Korinth keine judenchristliche, wie aus diversen Kreisen immer wieder behauptet worden ist, sondern eine aus heidnischem Umfeld entstandene, zu der freilich auch Juden gehört haben, da es am Ort auch eine Synagoge gab (1Kor 12. 1f, siehe dazu auch 1Kor 1. 15 und Apg 18. 8). Es ist also schon aus dieser Sicht mehr als offenkundig, daß Paulus die Weissagung Jes 28. 10f eben gerade nicht mehr nur auf die Juden beziehen kann, sondern auf alle, die als „Unkundige” und „Ungläubige” gelten, seien es nun solche aus den Juden oder aus den Nationen, wie sich dies aus der o. a. Stelle auch eindeutig ergibt. Wer immer die Sprachengabe anhand dieser Aussage als ein „Zeichen für die Juden” wertet, das man angeblich „nicht mehr bräuchte”, der mißinterpretiert und verfälscht die Aussage des Textes (die er überdies nicht verstanden hat) und verstellt damit wichtige Gedankengänge der Heiligen Schrift. Zugleich macht er sich damit auch der Sünde des Wegnehmens von Teilen des Wortes Gottes schuldig, ein Vergehen, das in Off 22. 19 unter Gericht gestellt wird, indem Gott ihm „seinen Anteil am Holz des Lebens und an der heiligen Stadt wegnehmen” wird. Zudem sind solche Aussagen immer auch ein Indiz für eine weitere ungeistliche und unbiblische Ersatztheologie, eine solche nämlich, die die Gemeinde aus den Nationen an die Stelle Israels gesetzt sehen will, was den Aussagen der Schrift völlig zuwiderläuft (vgl. Rö 11. 1ff).
Dieses sich geschickt im Hintergrund haltende und immer wieder übernommene Relikt eines frühkirchlichen Antijudaismus, das als solches freilich auch im Hintergrund bleiben will, ist schon darum falsch und irreführend, weil es im Neuen Testament eben gerade nicht darum geht, zwischen vorgeblich „ungläubigen Juden” und „gläubigen Heiden” zu unterscheiden. Wer solches unterstellt, der hat wichtige Grundzüge des Neuen Bundes nicht verstanden, den Gott eben nicht mit der Kirche oder der Gemeinde, sondern „mit dem Haus Israel und dem Haus Juda” geschlossen hat (Hbr 8. 8 - 12). Die Nationen sind insofern zu Nutznießern dieses Bundes geworden, indem Gott aus beiden eins gemacht und die trennende Mauer der Umfriedung (d. i. die Feindschaft durch das unerfüllt gebliebene Gesetz) in Christus, aufgrund Seines Todes am Kreuz, in Seinem Fleisch eingerissen hat, so daß fortan beide, seien es nun Juden oder solche aus den Nationen, durch den einen Geist Zutritt zum Vater haben (siehe Eph 2. 13 - 18, Kap. 3. 6ff, vgl. auch Hbr 10. 19 - 22). Im Leib Christi gilt nämlich weder „Grieche” noch „Jude” noch etwas, sondern nur eine neue Schöpfung (2Kor 5. 16 - 17, Ga 3. 25 - 29 und 6. 15 - 17). Es gibt hier nur einen einzigen Unterschied, der Relevanz besitzt – und das ist der, der zwischen einem Gläubigen oder einem Ungläubigen besteht, zwischen einem Wiedergeborenen aus dem Geist und einem Nichtwiedergeborenen, der den Geist nicht hat, ganz gleich, ob er nun „Grieche” oder „Jude” sei.
Ein Gläubiger ist ein Mensch, der Gottes Geist empfangen hat (Apg 2. 38, Kap. 5. 32), der ihn fortan über die himmlischen Dinge belehrt (Jo 3. 3 - 13, 31 - 34, Jo. 14. 26, 1Kor 2. 13, 1Jo 2. 26 - 27). Dieser Dinge kundig (und damit in sie eingeweiht) sein können wir nämlich nicht durch menschliche Belehrung, sondern immer nur durch den Geist (s. 1Kor 2. 6 - 16). Ein Unkundiger, wie Paulus ihn nennt, ist demnach einer, der den Geist nicht hat. Und damit sind wir wieder bei der Aussage des Paulus, der in 1Kor 14. 21 - 22 allein zwischen Gläubigen und Ungläubigen bzw. zwischen Kundigen und Unkundigen unterschieden wissen will, aber nicht zwischen Heiden und Juden, und darum auch die Prophetie aus Jesaja 28 in genau diesem Zusammenhang anwendet bzw. wertet. Hier sind wieder einmal Dinge einseitig konstruiert und hineingedeutet worden, die der betreffende Text schlicht und ergreifend nicht aussagt. So erweist sich bereits in dem eingangs des vorigen Kapitels erwähnten Zitat und den darauf aufbauenden Irrlehren nicht nur eine gravierende Unkenntnis der entsprechenden Schriftzusammenhänge, sondern auch der Bedeutung und Wirkungsweise der einzelnen Gaben, auf die wir in nachfolgenden Kapiteln noch eingehen werden.
Falsch ist
demnach auch die in anticharismatischen Kreisen vielfach
geäußerte Unterstellung, daß Prophetie und Sprachengabe
sich nie anhand der Bibel prüfen ließe. Besonders zur
Prophetie äußert sich Paulus völlig gegensätzlich, wenn
er in ein und demselben
Zusammenhang – und dies in einem Atemzuge! –
schreibt:
| Den Geist löschet nicht!
Prophetie verschmähet
nicht (wörtlich: exoutheneō, für nichts halten).
Prüfet alles und
behaltet des Vortreffliche. Haltet euch fern von
allem, was böse aussieht. 1Thes
5. 19 - 22
|
Damit
wäre es wohl kaum möglich, daß Paulus den Thessalonichern
bedeutet habe, sie sollten etwa das in der Bibel stehende Wort, etwa das der
alttestamentlichen Propheten, auf seinen Wahrheitsgehalt
überprüfen. Das Wort der Bibel ist wahr; es ist eine feststehende Größe, über
die wir nicht zu befinden haben. Hier geht es eindeutig um
Äußerungen geistlicher Gaben, besonders um solche der
Prophetie, im weiteren Sinne aber auch um jede
von Menschen erbrachte geistliche Mitteilung. Alle diese
Äußerungen sind zu prüfen; Menschliches und damit Seelisches
(vgl. Ja 3. 15) ist auszusondern, das Gute, Richtige, demnach
Geistgewirkte ist zu behalten; finden wir etwas, was „böse”
aussieht, dann ist es zu meiden. Woran ist zu prüfen?
Natürlich an der Schrift. Wer hat zu prüfen? Alle, die ganze
Gemeinde oder doch wenigstens alle die, die geistlich mündig
sind. Es sei denn, wir halten uns als vermeintliche
„Gabenträger” für bereits vollkommen und bedürften einer
solchen Prüfung nicht; dann wäre uns allerdings nicht mehr zu
helfen. Der Geist Gottes vergewaltigt uns nicht; Gott, der uns
nicht nur im Mutterleib bildete, sondern in Christus Selbst
Fleisch wurde, kennt und berücksichtigt unser Menschsein (Phil 2. 5ff, Hbr 2. 11 -
18). Es bleibt
dabei, daß es Menschen sind und keine seelenlosen Roboter, denen Gott Seine Gaben
anvertraut. Wir alle fehlen mannigfaltig (Ja 3. 2). Bei
all diesen Gaben gilt also, daß wir in ihrer Ausübung fehlbar
bleiben und auch Fehler machen, bis die Vollendung da ist.
Diese schlichte Wahrheit scheint von vielen
Charismatikern, umso mehr noch aber von ihren zahlreichen
Kritikern kaum aufgenommen oder wenigstens verstanden worden
zu sein. Die Ursache ist Stolz auf beiden Seiten – Stolz, der
immer dann entsteht, wenn man sich schon im Vollkommenen zu
leben wähnt in einer Zeit, in der das Vollkommene noch nicht
gekommen ist.
| Inhalt |
Prolog |
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Anmerkungen | Download |
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Paulus
schreibt weiter:
|
Ich möchte aber (eig. ich will aber), daß ihr alle in
Sprachen (o. Zungen) redet, mehr aber noch, daß ihr
weissagt.
|
Die hier zutreffende Ordnung finden wir im 26. Vers angesprochen. Wir zitieren ihn nach der Unrevidierten Elberfelder Übersetzung, die (ähnlich wie auch die Revidierte Elberfelder und die Schlachter-Übersetzung) in der Übersetzung dieses Verses dem Grundtext sehr nahe kommt:
|
Was ist es nun, Brüder? Wenn ihr zusammenkommet, so hat ein
jeder [von euch] einen Psalm, hat
eine Lehre, hat eine Sprache, hat eine
Offenbarung, hat eine Auslegung; alles geschehe
zur Auferbauung.
1Kor 14. 26
|
Wie also
sollen wir das verstehen? Hatte nicht Paulus andernorts (vgl.
1Kor 12. 8ff) gesagt, daß der Heilige Geist die Gaben gebe,
wie Er will, und darauf hingewiesen, daß nicht jeder
in Zungen rede? Ja, das ist richtig; aber auch hier müssen wir
den genauen Zusammenhang kennen; und dann werden wir auch
herausfinden, weshalb dies zu der anderen Aussage des Paulus,
daß er wolle, daß alle in Zungen redeten oder
vielmehr noch weissagten und dementsprechend auch in anderen
Gaben dienten, nicht im Widerspruch steht, das eine das andere
vielmehr ergänzt und vervollständigt. Das eine – „ein
jeder hat” – darf also nicht ohne das andere – „nicht
jeder hat” – gesehen werden und umgekehrt; aus demselben
Grunde darf es auch nicht dazu kommen, daß man andere
Geschwister verurteilt und herabsetzt, weil in ihnen die eine
oder andere Gabe noch nicht zur Reife gekommen sei, wie man
dies – ich denke da besonders an das Sprachengebet – immer
wieder einmal getan hat. So wird niemand ermutigt, auch nur in
irgendeiner dieser Gaben zu dienen oder sich überhaupt für sie
zu öffnen. [32] Hier
hat es in der Vergangenheit immer wieder erhebliche
Verirrungen, Schwärmereien und entsprechende
Lehrverschiebungen beiderseits des Weges gegeben.
Der Grund für solche Lehrverschiebungen war fast immer ein Mißverstehen oder sogar Mißachten der verschiedenen Zusammenhänge, ein mangelhaftes, inkonsequentes Durchdenken der betreffenden Aussagen und eine demnach unsaubere, ungenaue und ungesunde Auslegung, in deren Folge den fehlenden gedanklichen „Bindegliedern” jeweils eigene Ansichten untergeschoben oder Zusammenhänge im Nachhinein künstlich konstruiert werden. Aber auch hier gilt die Regel, nach der das Wort der Schrift keine Sache eigener Auslegung ist und die Schrift sich aus ihren Zusammenhängen heraus immer selbst erklärt (vgl. 1Ptr 1. 20). Das Wort Gottes ist in diesen Fragen sehr exakt und überaus schlüssig. Wenn es also an einer Stelle etwas sagt, was sich mit einer anderen auf den ersten Blick zu widersprechen scheint, dann ist es an uns zu erkennen, daß hier kein Widerspruch, sondern verschiedene Schriftzusammenhänge vorliegen, die man nicht ohne weiteres vermengen darf, und die beide jeweils berücksichtigt werden müssen, wenn das Ganze sich zueinander fügen soll.
Und so liegen auch hier verschiedene Schriftzusammenhänge vor, die allerdings recht nahe beieinander liegen und sich von daher ganz wunderbar ergänzen. Die Aussage des Apostels, daß er wolle, daß alle in Zungen redeten, bezieht sich demnach sowohl auf das vom Geist gewirkte Vermögen, als auch auf die eigene Bereitschaft, diese Gaben zu betätigen; die Aussage desselben Apostels, daß nicht jeder in Zungen reden könne, auf die Ordnungen des Leibes und der örtlichen Versammlung, in der nicht jeder – oder gar nur einer – alles hat, sondern der Geist Gottes die Gaben in jedem einzelnen so hervorbringt, wie Er in der jeweiligen Situation will, und zwar zum Nutzen aller (1Kor 12. 4 - 11f). Diese Ordnung, die naturgemäß nicht nur auf das Gebet in Zungen, sondern auch auf alle anderen Geistesgaben anzuwenden ist, wird dann auch in den nachfolgenden Versen des vierzehnten Kapitels konkretisiert, worauf wir an anderer Stelle noch zu reden haben werden (1Kor 14. 27 - 33).
So gilt es auch hier, mit einem lang gehüteten Mißverständnis aufzuräumen. Wenn es nämlich so wäre, daß ein jeder nur ganz bestimmte Geistesgaben haben dürfe, dann liefe Paulus´ Anweisung, nach den Gaben zu eifern (Plural!) ins Leere. Es wäre dann also von vornherein gar nicht möglich, irgendwelche Gnadengaben zu betätigen, und jene hätten recht, die erwarteten, daß ein Geist sich erst der Versammelten bemächtigen und sich ihrer bedienen müsse, als seien sie willenlose Medien. So wäre etwa auch die Mahnung des Jakobus vollkommen unnütz, daß wir darauf achten sollen, nicht so viele Lehrer zu werden, wenn wir dies nicht tatsächlich auch selbst anstreben könnten (Ja 3. 1). Jeder, der die Bibel kennt, wird die Frage, ob es eine Gabe des Lehrens gäbe, bejahen. Womit streben wir die Lehrgabe also an? Indem wir uns nicht nur entscheiden, daß wir uns mit dem Wort auseinandersetzen und andere darin unterweisen wollen, sondern das auch tun. Damit liegt also die Entscheidung, ob wir diese Gabe betätigen wollen oder nicht, in unserer Vollmacht. Dasselbe gilt also auch für alle anderen Gaben, wie die des Zungengebetes und der Prophetie.
Wer sich
nicht entscheiden möchte, in diesen Gaben auch zu wandeln, der
wird nie dahin kommen, daß sie durch ihn wirklich auch
betätigt werden, im Vertrauen darauf, daß die Silben, die wir
mit unserem Mund formulieren, tatsächlich Worte einer vom
Geist gewirkten anderen Sprache oder – bei verständlicher Rede
– einer von demselben Geist gewirkten Prophetie sind. Es
ist nur zu beachten, daß Gott das Praktizieren dieser Gaben
in bestimmte Ordnungen gesetzt hat (1Kor 14. 26ff). In
der Versammlung kann nicht jeder reden, wie er will; auch hat
in ihr nicht jeder alles; vor allem aber ist das
Betätigen einer Gabe stets an den Gehorsam gebunden: Will Gott
jetzt, in gerade diesem Augenblick, daß ich öffentlich
in Zungen bete, das Zungengebet eines anderen auslege, einen
Psalm oder eine Offenbarung habe, lehre oder prophezeie? Habe
ich in meinem Herzen einen diesbezüglichen Impuls des Heiligen
Geistes oder ein entsprechendes Wort von Gott empfangen, oder
will Er, daß ich gerade jetzt schweige und erst einmal auf das
höre, was ein anderer (V. 30, 31) zu sagen hat?
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Darum ist es geradezu Pflicht
– hier kommt nämlich jenes Eifern oder, wie
Luther übersetzte, jenes Befleißigen zum Tragen, das
der Apostel eingangs einfordert! – sich im rechten Gebrauch
dieser Gaben auch einzuüben. Und für ein solches Einüben, für
ein solches Lernen hat der Apostel jenes vierzehnte
Kapitel geschrieben! Hier hatten die Korinther, die zwar um
die Gaben eiferten, doch ohne Verstand, echten Nachholebedarf
(1Kor 14. 12). Wegen der weitverbreiteten Unkenntnis und des
daraus resultierenden Durcheinanders in diesen Fragen stehen
ganz offensichtlich auch wir heute vor demselben Problem. Wir
brauchen also keine Angst davor zu haben, daß wir dem Geist
Gottes etwa willkürlich vorgreifen würden; denn wenn Er die
Versammlung ausschließlich in derselben Ordnung
führt, die das Wort Gottes beschreibt und in die wir uns ja
einüben wollen, dann ist es auch nicht möglich, daß wir dabei
Seine Führung verlassen. Ganz im Gegenteil – ein solches
Einüben bringt uns Ihm näher; es ist auch die einzige
Möglichkeit, gemeinsam unsere Sinne zu schärfen,
indem wir nicht nur mit-, sondern auch von- und aneinander
lernen, auf den Geist zu hören und die Stimmen voneinander zu
unterscheiden, nach dem, was unsere eigene Seele war, und dem,
was des Geistes ist. Da dürfen auch Fehler gemacht werden;
etwaige Fehlentwicklungen können jederzeit in Liebe und
Achtung voreinander zurechtgerückt werden, etwa dann, wenn
jemand zwar in Zungen gebetet hat, aber die Auslegung
vergessen wurde (V. 27, 28) oder wenn es etwa darum geht, eine
Lehre noch genauer darzulegen [34] (vgl. Apg 18. 24 - 26). So
lernen wir daran auch noch besser aufeinander einzugehen und
Liebe und Barmherzigkeit zu üben. Und so erkennen wir auch,
daß die Gaben vor allem dem einen
Zweck gegeben sind, daß wir
uns als Leib, alle gemeinsam und miteinander, in der Liebe
einüben.
Die Liebe ist also auch aus dieser Sicht
heraus der Weg, auf dem wir von den verschiedenen Winden der
Lehre geschützt, das Wachstum vollziehen können, das Gott für
uns alle vorgesehen hat, damit wir in die Reife kommen, hinein
in die Mündigkeit aller,
hin zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes
Gottes (Eph 4. 13 - 14). Denn alles, was wir als Einzelne
je darbieten, ist Stückwerk und kann immer auch nur Stückwerk
sein. Das Verharren im
Stückwerk Einzelner wird darum immer auch zu
solchen Einseitigkeiten und Überbetonungen führen, wie sie
durch die ganze Kirchengeschichte hindurch immer wieder
geschehen sind und noch geschehen. Man hat ja diesen Abschnitt
aus dem Epheserbrief immer wieder nur auf jene Gaben
reduziert, die der Apostel hier einzeln nennt (4. 11
– 12), [35] dabei aber übersehen, daß er, noch bevor er
auf diese einzelnen Gaben
zu sprechen kommt, erklärt hat, daß Gott alles in allen
wirken wolle (4. 6). Und darum sollen nicht nur die
wenigen Gaben einzelner hineinkommen und akzeptiert
werden dürfen, sondern es müssen die Gaben aller – nach
dem Maß, das jeder hat – in den Christuskörper
einverleibt werden, alles soll ja zum Wachstum
gebracht werden, hinein in Ihn, in Christus, der das Haupt ist
(4. 15 - 16).
Daher
bedarf es so sehr der Einheit dieses einen Körpers, der in den
verschiedenartigen Gaben erbaut wird: alle sind gleichermaßen
auf Christus, das Haupt ausgerichtet, alle hören
gleichermaßen auf Ihn, und das Band des Friedens untereinander,
als das der gegenseitigen Annahme und Liebe hält uns, die
Glieder, in diesem Körper zusammen. So gelangen wir dann
endlich auch zur Einheit des Geistes, d. h. der gemeinsamen
Führung aller seiner Glieder durch diesen einen Geist
(4. 1 - 6). Hier sehen wir, wie notwendig ein solches
Zusammenkommen ist; wollen wir in diese Einheit, in dieses
Wachstum und damit in die Reife hineingelangen, dann sind die
Dinge, von denen wir hier sprechen, geradezu unumgänglich.
Denn je mehr diese Einheit, dieser Frieden zustandekommt, umso
mehr Gaben kommen auch zusammen, umso mehr Teile fügen sich,
ja vervollständigen sich zu einem Ganzen (4. 13, s. a. Kap. 1.
23). So kann auch etwaigen Irrtümern schon im Zeitpunkt ihres
Entstehens wirksam begegnet werden, da ein jedes Glied,
solange es gehorsam ist und sich vom Geist auch demütig
führen läßt, nach dem ihm gegebenen Maß das jeweils andere
nicht nur ergänzen, sondern im gegenseitigen Gespräch ggf.
auch korrigieren kann. [36]
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Dieser notwendige Austausch setzt freilich ein ganz anderes Verständnis des Leibes voraus, als jenes, das heute weitgehend an der Tagesordnung ist. Insofern gilt es, den zentralen Gemeinschaftsbegriff des Neuen Testamentes, die koinonía, richtig zu verstehen. Koinonía – als Inbegriff der innersten Liebesbeziehung in einer Ehe – heißt so viel wie Gemeinschaft oder Beisteuer zu gleichen Teilen (vgl. Hbr 13. 16). Dieses Gleichgeteiltsein meint nicht Gleichartigkeit, sondern Gleichberechtigung in der Form, daß niemand über dem anderen steht, gleichzeitig aber niemand für sich selber Vollmacht hat, sondern immer nur für den anderen. Damit gelten hier dieselben Regeln, wie sie auch für Mann und Frau niedergelegt sind. Wie der Mann nicht die Vollmacht über seinen eigenen Körper hat, sondern nur die Frau, so hat auch die Frau keine Vollmacht über den eigenen Körper, sondern nur der Mann (1Kor 7. 3 - 4, s. a. Ga 3. 28). In derselben Weise sollen nun die Glieder des Christusleibes einander dienen, indem sie nicht so sehr suchen, was das Ihre, sondern immer zuerst das, was des Anderen ist (Phil 2. 2 - 4).
So ist
also in dem Begriff der koinonía auch schon der
Gedanke des jeweils Einander-Dienens und Höherachtens ganz
klar enthalten. Und darum besteht der Leib auch nicht in der Hierarchie jenes problematischen
Amtsverständnisses, das von den meisten gelehrt und
praktiziert wird, sondern in der Gleichberechtigung aller
seiner Glieder, ein jedes an seinem ihm von Gott zugewiesenen
Ort. Wir können uns diese Gleichberechtigung am besten
ausmalen, wenn wir uns einen Kreis
denken, in dessen Mitte Christus ist. Wir sind Seine Jünger
und bilden den Kreis, indem wir um Ihn herum versammelt sind;
wir schauen alle gleichermaßen auf Ihn, wir empfangen
von Ihm und sind gleichzeitig über Ihn auch
miteinander verbunden. Da erhebt sich keiner über dem anderen,
kein anderer ist in der Mitte als nur Jesus, unser
Herr. Das ist koinonía, und das ist der einzige Boden,
auf dem die Geistesgaben überhaupt erst gedeihen können. Nur
so kann auch der Austausch der Glieder untereinander
geschehen, wie er oben beschrieben worden ist. Sobald sich
aber auch nur einer der Versammelten aus dem
Kreis erhebt, um mehr oder größer zu sein als der andere
neben ihm, ist der Kreis durchbrochen,
die Gemeinschaft untereinander ist an der Stelle
aufgelöst, und die allen gemeinsame Mitte, der Christus, ist
aufgegeben, weil da ein anderer in die Mitte getreten
ist neben Ihm.
Die
hartnäckige Weigerung, sich der Geistesgaben nicht nur in
der rechten Art, sondern überhaupt zu befleißigen, hat etwas
mit diesen Zusammenhängen zu tun – sie ist Ausdruck der
Furcht des Menschen, seine eigene Herrschaft aufzugeben und
die Dinge aus den Händen zu legen, um sie dort zu lassen, wo
sie hingehören, nämlich in den Händen Gottes. Letzten Endes
ist ein solches Weigern nur mehr ein Beweis dafür, daß man
nicht gewillt ist, sein Kindheitsstadium aufzugeben, um zu
reifen und in das Mannesalter des erwachsenen Sohnes
hineinzukommen (Eph 1. 15 - 23, 4. 13). Hier geht es
also nicht mehr nur um die Anfangsgründe; hier geht es um die
schon festere Speise, wie auch der Hebräerbrief sagt; hier
geht es darum, daß wir hören, was der Herr uns sagen will,
weshalb sich der Schreiber dieses Briefes beklagt, daß
seine Briefempfänger, die der Zeit nach eigentlich Lehrer
sein sollten, wieder der Milch bedürfen, da sie die feste
Speise nicht vertragen können, weil sie im Hören
schwerfällig geworden sind (Hbr 5. 11). Hier
erkennen wir, daß sie schon einmal dort gewesen sind, wo
der Schreiber sie wieder hinführen will; sie sind aus dem
zurückgefallen! So wichtig ist ihm diese
Reife, diese Hörfähigkeit, dieses Verbundensein mit dem
himmlischen Haupt, daß er dies immer wieder anmahnt,
indem er seine Leser fast schon bekniet, daß sie doch ihre
Herzen nicht verhärten mögen, wie einst während der
Wüstenwanderung der Israeliten geschah, die aufgrund ihres
Ungehorsams und Unglaubens den Eingang in das ihnen
Verheißene versäumt hatten (3. 7 - 19, 4. 1 - 7).
Daran,
daß der Hebräerbrief seine Leser bis in das Innerste hinter
dem Vorhang, bis ganz hinein in das Heilige, wo ja der
siebenarmige Leuchter steht, der die sieben Geister Gottes
repräsentiert, und darüber hinaus bis in das
Allerheiligste Gottes führen will, erkennen wir, daß das
Gesagte durchaus sehr viel mit den Geistesgaben zu tun hat,
mit Dingen also, die wir nur in der Gemeinschaft mit dem
dreimalheiligen Gott empfangen können, weil sie dem
natürlichen Menschen verborgen bleiben müssen (vgl. Jes 11. 2,
Hbr 9. 2, Off 2. 1, 5; s. a. Jo 3. 3 - 13, Rö 8. 5 - 9, 1Kor
2. 9 - 16, 15. 50 u. v. a. m.). Das sind ja auch genau die
Dinge, die dem Schreiber des Hebräerbriefes wegen der
Schwerhörigkeit seiner Leser zu erörtern verwehrt waren, so
daß er sie ihnen nicht erklären konnte (Hbr 5. 11, s. a. Kap.
9. 2 - 5). Wie Jesus, der erstgeborene Sohn, so sollen
auch wir lernen, ständig auf Gott zu hören, stets von Ihm
abhängig zu sein. Dieses Ziel zu erreichen, ist
Hauptgegenstand der Erziehung Gottes zum mündigen Sohn.
Darum lernte auch Jesus den Gehorsam durch das, was er litt;
und so sollen auch wir uns mit demselben Gedanken wappnen,
denn wenn uns der Vater auf diese Weise nicht erzöge, dann
wären wir ja Bastarde und nicht Söhne (Hbr 5. 7 - 10, 12. 4
- 11, s. a. 1Ptr 4. 1 - 2). Und wie jene werden auch wir
dazu angehalten, durch steten Gebrauch – ständiges Hören –
geübte Sinne zu erwerben, um in einer solchen Weise hören zu
können, daß wir Treffliches wie auch Übles voneinander zu
unterscheiden vermögen (Hbr 5. 14 - 6. 3). Und davon,
daß unsere Sinne geschärft werden sollen, haben wir ja gerade
gesprochen. Denn daß wir dieses Ziel tatsächlich auch
erreichen, das ist der Vorsatz des Apostels auch bei den
Korinthern:
|
Brüder, werdet nicht wie
kleine Kinder in euren Sinnen und Denken. Im
Üblen sollt ihr wohl unmündig sein, aber im
Sinnen und Denken gereift werden!
1Kor 14. 20
|
Sowohl
die vielen Querelen, als auch die nicht wenigen Übertreibungen
in Bezug auf das Zungengebet stellen deutliche
Kennzeichen einer solchen Unreife, eines solchen Kleinkindstadiums
dar. Was hat man nicht in den verschiedenen christlichen
Lagern alles schon über diese Gabe gesagt oder geschrieben,
meist mit dem Ergebnis, daß diese Gabe entweder ganz verworfen
oder auf der anderen Seite immer wieder maßlos übertrieben
worden ist! Diese Art des Gebets darf keineswegs
vernachlässigt werden, wie viele behaupten; seine Ausübung
braucht jedoch eine gewisse Sorgfalt, nicht zuletzt bedarf
sie auch unseres Hingegebenseins in der Furcht Gottes.
Es ist auch nicht der Fall, daß die Prophetie oder irgendeine
andere Form der verständlichen Rede das Zungengebet abgelöst
habe, wie man in verschiedenen Lagern hört. Daher ist es
also auch nicht richtig, es ganz abzustellen oder etwa in ein
verstandesmäßiges, erlerntes Reden in einer
Fremdsprache umzudeuten u. v. a. m. Wer immer auch solche oder
ähnliche Lehren verkünden mag, der zeigt, daß er weder die
Art des Praktizierens, noch die Wirkungsweise der
Geistesgaben insgesamt, noch ihre Wechselbeziehungen
untereinander jemals richtig verstanden hat. Er hat
einfach nicht begriffen, was der Apostel hier schreibt, und
wie ein Blinder in der Farbe, rührt er in den Paulustexten
herum und versucht Dinge zusammenzumischen, die er nicht
gesehen hat. Wenn Paulus betont, daß die Korinther in der
Prophetie zunehmen sollen, sagt er damit ja nicht,
daß sie aufhören sollen, in Zungen zu beten (1Kor 14.
1). Im Gegenteil; er wünscht ja, sie würden alle in
Zungen beten (V. 5). Es
soll jedoch in der rechten Ordnung geschehen, damit
auch all die anderen Geistesgaben zum Zuge kommen können,
die für die Auferbauung der ganzen Gemeinde notwendig
sind. Und darum müssen auch
wir uns mit dieser Ordnung einmal wirklich
auseinandersetzen.
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