Die Gabe und der Raub


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Die Gabe und der Raub
Gedanken über die Gnadengaben Gottes nach dem Neuen Testament

    Die vorliegenden Seiten befassen sich mit dem Thema der geistlichen Gaben, wie sie vom Neuen Testament her beschrieben werden und von dort her nicht nur verstanden, sondern auch angenommen und in der rechten Weise gelebt werden wollen. Wir gehen dabei nicht zuletzt auch auf die Entwicklungen der Charismatischen Bewegung innerhalb der ehemaligen DDR ein, da wir von diesem Hintergrund herkommen. Natürlich kann eine solche Betrachtungsweise nie eine andere sein als eine immer auch subjektiv gefärbte, wie dies ja grundsätzlich bei jeder eigenen Betrachtungsweise zu sagen ist. Ich glaube nicht, daß man jemanden aus seinem Umfeld herauslösen kann, in dem er lebt und auch von Gott her gestellt worden ist, und das gerade auch hinsichtlich unserer Fehler, die wir immer wieder machen. In die Subjektivität unserer Persönlichkeit und der eigenen Lebenswege hinein gilt es jedoch immer, die Objektivität des Wortes Gottes aufzurichten. Daher wollen wir nicht bei dem Erfahrenen stehen bleiben, sondern vor allem untersuchen, was dieses Wort darüber zu sagen hat. Verschiedene Anmerkungen dienen der Ergänzung und Konkretisierung der jeweiligen Aussagen.

    Zugleich aber werden wir uns auch den verschiedenen Irrlehren widmen, die in dem Versuch, unter Mißbrauch der hier beschriebenen Irrwege die Geistesgaben als generell obsolet darzustellen, leider immer wieder publiziert und unter den guten Samen des Wortes Gottes gemischt werden. Es handelt sich bei dieser Studie um eine Zusammenführung verschiedener Aufsätze, sowohl solcher, die im Verlaufe der Jahre entstanden sind, als auch von eigenen Beiträgen, die im Verlaufe einer Forenmitarbeit verfaßt und gelegentlich überarbeitet wurden. Es ist das erklärte Bestreben dieser Seite, im Rahmen ihrer gewiß kleinen Kraft dabei mitzuhelfen, daß nicht nur die verschiedenen Fehlentwicklungen, sondern vor allem auch die Fehldeutungen erkannt und berichtigt werden können. Möge Gott uns allen das Licht und die Umkehr schenken, die gerade auch auf diesem Gebiet mehr denn je notwendig sind!


Inhalt:

Prolog * „Eifert nach den Gaben” – in Freiheit * Brot, Fisch und Ei oder Stein, Schlange und Skorpion? *
Die Person des Heiligen Geistes * Geistesgaben – wozu? Wir sind doch bekehrt und haben die Bibel! *
Die Wirksamkeit des Heiligen Geistes als Beiseiterufer Gottes * Gnadengaben – vom Geist gewirkte Gnade *
Vom Weg der Liebe oder: Was ist das Vollkommene, das kommen soll? *
Die Liebe versagt nie: Das Fortbestehen von Glaube, Hoffnung und Liebe *
Das Vollkommene als die Vollendung des Leibes in Einheit und der Anbruch des Schauens von Angesicht zu Angesicht *
Das „Erkennen aus Teil” und die Basis der Liebe *
Die Gaben der Prophetie, der Erkenntnis und der Sprachengabe als Gerichtszeichen und der Versuch ihrer Abschaffung durch Umdeutung *
„Ihr alle!” – „Nicht alle!” * Vom Fleiß des Einübens: Verstand und Wille sind aktiv beteiligt *
Von der Koinonía oder: Werdet erwachsen * Von den Wechselbeziehungen der Gaben untereinander *
Die Ordnung des Herabstandes * „Die Gaben des Geistes sind die Gaben des Geistes” * Der Raub und die Versöhnung



Inhalt
Prolog
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< Menschen der Unmittelbarkeit Die Taufe... >


Prolog

    Es ist August des Jahres 1984, die Zeit der Kirchenwochen, die in vielen Orten stattfinden. Etwa 200 Gläubige sind versammelt in einer Kirche im thüringischen Mohlsdorf, DDR.. Von überall sind sie hergekommen. Und doch regiert die Liebe, und eine große Einheit ist vorhanden. Es ist nichts angeordnet, außer daß man gemeinsam auf Gott hören und das Gehörte einander mitteilen will. Es gibt zwar eine ganze Reihe leitender Mitarbeiter, die die verschiedensten Dienste tun und die Kirchenwoche tragen; aber eine Leiterschaft in dem Sinne, daß einer über dem andern herrscht, gibt es nicht. So etwas ist verpönt in jenen Tagen. Nach einer kurzen Einführung steigt gemeinsame Anbetung Gottes auf. Es werden einzelne Geistesgaben betätigt. Einer, zwei oder drei beten in Zungen, einem anderen wird die Auslegung geschenkt. Es folgen Erkenntnisworte und Prophetie, immer wieder gefolgt von Stille – man kann eine Stecknadel fallen hören – und Liedern der Anbetung. In alldem herrscht eine große Disziplin und Ruhe.

    Ein Freund aus jenen Tagen, ein lutherischer Pfarrer aus einem Ort in der Nähe von Chemnitz, bestätigte mir, daß diese Höhe bis heute – mehr als 20 Jahre danach – nicht wieder erreicht worden ist.

    Wenigstens in Anfängen empfinde ich das, was damals erlebt wurde, als ein ganzes Stück signifikanter Verwirklichung dessen, was im Neuen Testament über die Geistesgaben geschrieben steht. Ich erinnere mich noch heute daran, als wäre es gerade erst geschehen. Diese Tage haben mich über vieles andere hinaus geprägt. In der Zwischenzeit 
wir schreiben das Jahr 2008  hat die Charismatische Bewegung, wie ich sie kenne, einen verhängnisvollen Weg eingeschlagen. Wie ist es dazu gekommen? Schauen wir noch einmal auf jene Zeit:

    Viele bekehren sich, erleben die Vergebung ihrer Sünden, werden von neuem geboren, erfahren die Gnade Gottes. Auch so mancher Pfarrer ist dabei, erfährt seine eigene Lebenswende und damit auch eine Wende seines Dienens. Es gibt Brüder, die vor der ganzen Gemeinde Buße tun. Viele öffnen ihre Kirchen, beweisen fast übermenschlichen Mut, fechten so manchen Streit mit den Kirchenleitungen aus. So mancher riskiert seine Ordinationsurkunde dabei und damit seine Existenz. Keiner, der nicht in der DDR jener Zeit lebt, wird je ermessen können, was das in einem solchen Land für Konsequenzen mit sich führen kann. So bleiben den meisten
auch die vielen inneren Kämpfe dieser Väter und Mütter in Christus verborgen, werden von vielen kaum wahrgenommen oder wirklich respektiert. Und doch vermag die Kirche insgesamt das neue Leben, und sicherlich auch so manche notwendige Korrektur, die dieses neue Leben in Lehre und Praxis mit sich brächte, nicht so recht anzunehmen. Eine Zeit des gegenseitigen Ausgrenzens beginnt. Alt und Jung klaffen mehr und mehr auseinander, entfremden sich zunehmend. Die Väter wollen das Althergebrachte bewahren; die Jungen aber streben, stürmen voran, wollen in dem Neuerkannten weiterkommen, weiterkommen bald um jeden Preis. Dieses Weiterkommen-wollen um jeden Preis” ist der Anfang der Tragödie...

    So gibt es viele unter uns, die sich bald nichts mehr sagen lassen, die zunehmend dem Hochmut verfallen bis dahin, daß sie zuletzt auch ihre Väter verwerfen und angreifen. Stimmen aus den eigenen Reihen, die zur Nüchternheit mahnen, werden bald überhört, gelten vielen nur noch als Teilhabe Unaufgeklärter am vorgeblich alten religiösen System. So kommt es erst zu Brüchen, dann vermehrt zu Spaltungen. Man spricht von einer regelrechten Kirchenaustrittswelle. Die Landeskirchen sind darauf nicht vorbereitet. So trifft sie das Geschehen wie ein Schlag. Vor allem viele kleine Kirchengemeinden brechen zusammen. Noch immer gibt es warnende Stimmen; sie werden jedoch meistens überhört und in den Wind geschlagen. Bald ist es zu spät, und die Welle rollt mit voller Wucht. Die Ausgetretenen gründen neue, „freie” Gemeinden, es entsteht eine neue Denomination, und neue, bislang wenig bekannte Lehren greifen um sich. Es sind vor allem die Lehren der Glaubensbewegung Kenneth Hagins und anderer, made in USA und Deutschland (West), die da über die Grenzen wabern. Die sogenannten „Jüngerschaftsschulen” entstehen. Daß die Urheber der Jüngerschaftslehre ihre Lehren gerade erst widerrufen haben oder dabei sind, sie zu widerrufen, wissen die Betreiber offensichtlich nicht. [1] Wir schreiben die Jahre 1986/87. Es beginnt eine Zeit der Eliten, der sogenannten „großen Gesalbten, der angeblichen „Männer Gottes.

    Bald kommt das Jahr 1989, das Jahr der friedlichen politischen Umwälzungen, die Grenze ist offen. Alles ergeht sich in Euphorie, so daß wir schier trunken sind ob der neuen Freiheit. Diese Trunkenheit wird jedoch auch für viele Geschwister teuer werden. Denn sie ruft nun nicht etwa mehr der Herr, dessen stilles Reden im Strudel der Ereignisse vielfach übertönt wird, sondern die D-Mark. Die DDR wird verkauft und ihre Bevölkerung gleich mit. Die Bevölkerung eines ganzen Landes tappt in die Falle der Geldgier, und die Falle schnappt zu. Es gilt den Preis zu bezahlen, ihren Preis. Was Paulus schrieb, wird für viele zur bitteren Realität (1Tim 6. 9 - 10). Die folgenden Jahre werden uns ernüchtern lassen.

    Es gibt die ersten Arbeitslosen, nicht nur „frei” geworden aus unrentablen Betrieben, sondern zunehmend produziert durch eine verhältnismäßig marktradikale, in großen Zügen profit- und geldorientierte Politik derer, die sich „christlich” nennen. In großen Scharen kommen nun Menschen mit einer Mentalität in den Osten, wie man sie hier vorher nicht kannte; nicht wenige von ihnen gehören zu den Gewinnlern und Profiteuren der ersten Stunde. Sie profitieren vor allem von unserer schier grenzenlosen Naivität. So verkaufen sie uns anfangs nicht nur rostige Autos oder Ramschartikel, bevor sie darangehen, Supermärkte, Einkaufsparadiese und Autobahnen für den sich ihnen erschließenden neuen Markt aus dem Boden zu stampfen. Ihre Propheten verkünden uns den Weg in den Wohlstand gleich mit. Bald belehren sie uns auch darüber, wie man „Gemeinde zu bauen” habe, betonen die überaus große Wichtigkeit von „Leiterschaft, vom „Opfern” und vom „Zehntengeben”. [2] Große Visionen künden von großen, einander übertreffenden Gemeindezentren, die es für die vorgeblich kommende Erweckung zu errichten gelte. In den noch jungen Glaubensgemeinden wachsen Stolz und Exklusivität heran; sie verfallen zunehmend der Sektiererei.


    Nach weiteren Jahren finden wir die ganze Bewegung von gnostischen Irrlehren unterwandert vor, von einem ungeistlichen Leiterschaftsanspruch verbogen, von ungöttlichen Praktiken gebeutelt. An die Stelle des früheren Miteinander-Teilens sind vielfach Geldlehren getreten. Nur wer reichlich zehntet, könne auch am Wohlstand teilhaben, hört man 
Wohlstand sei schließlich der Wille Gottes. Saat und Ernte heißt die neue Religion. Und immer wieder geht es dabei um Geld, um viel Geld, um noch mehr Geld. Und doch strafen die Ergebnisse dieser Lehren sie Lügen. So mancher, der den Weg des Reichtums beschreiten wollte, ist arm geworden dabei. Viele, auch ganze Gemeinden, sind haushoch verschuldet. [3] Immer neue Spaltungen finden statt. Die Alten, die Väter, haben kaum mehr etwas zu sagen. Die Zwanzig-, die Dreißig- oder höchstens Vierzigjährigen führen das oft gnadenlose Regiment. Auch die Geistesgaben praktiziert man nicht mehr gemeinsam, wie es am Anfang noch gelehrt worden war. Die Gemeinde ist entweder verstummt oder tobt in haltlosem Tumult; the show must go on, und immer kommt das Wort von vorne, von der Bühne. Von dort wird dann auch die „Geisterfahrung” vermittelt. Doch wessen Geist das ist, und woher die Praktiken, die Kräfte kommen, die da vermittelt werden, das zeigt alsbald die Frucht. Heute gibt es eine neue Spezies unter den Christen, die man in diesem Ausmaß vor allem im Osten vorher nicht kannte: Es ist die Spezies der Gestrandeten, der Verarmten, der Verletzten und Verzweifelten. Frei wollten wir sein, denn Freiheit hatte man uns versprochen; wir fanden uns jedoch in der Knechtschaft wieder. Wird es uns je möglich sein, den Weg in die wirkliche Freiheit wiederzufinden? Wird uns die Rückkehr zu dem geschenkt werden können, was Gott uns gegeben hat, zu dem, was am Anfang war?


Werden wir den Weg der Umkehr, zur Buße finden?



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Prolog
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< Menschen der Unmittelbarkeit Die Taufe... >


„Eifert nach den Gaben”  in Freiheit

   Wie die einleitenden Sätze zeigen, wollen wir uns im folgenden einem Thema zuwenden, das innerhalb des Leibes Christi vor allem in den letzten hundert Jahren heftige Kontroversen hervorgerufen hat. Dabei wollen wir nicht auf den vielfältigen Auseinandersetzungen zwischen Evangelikalen und Charismatikern, wie sie heute im allgemeinen an der Tagesordnung sind, stehenbleiben. Angesichts großer Fehlentwicklungen und Entgleisungen in der charismatischen Bewegung selbst ist hier eine Kurskorrektur dringend notwendig. Wie der Leser anhand des Prologes und in der dortigen Bezugnahme auf die Ereignisse in der ehemaligen DDR bemerkt haben mag, schreiben wir diese Seiten nicht vom grünen Tisch; wir schreiben aus eigenem Erleben und nicht zuletzt auch aus eigenen Wegen heraus, die wir gegangen sind und die sich fast durchweg als falsch erwiesen haben. Daß wir diese Dinge in diversen Bibelstudien selbst aufzuarbeiten versucht haben, ist verschiedentlich angedeutet worden. So ist auch diese Schrift ein Ergebnis davon. Dabei wollen und können wir uns nicht über andere erheben; wir haben uns diese Dinge immer wieder selbst wachzurufen und zuallererst selbst Buße zu tun. Es geht darum um nicht weniger als um die Rückkehr zu Gott; wenn wir zu Ihm  d. h. nicht nur formal zu einer biblisch korrekten Lehre, sondern in erster Linie in die Gemeinschaft mit Ihm  zurückgefunden haben, dann werden sich uns auch die Geistesgaben wieder erschließen, wie Gott sie Sich nach dem Neuen Testament gedacht hat, und damit werden ganz gewiß auch ihre Ordnungen wiederkehren und ihr schriftgemäßes Praktizieren – das Leben in und mit diesen Gaben – ermöglicht werden.

    Die Verirrungen diverser pseudo-charismatischer Kreise, wie vor allem derer der sich auf die Lehren Hagins, Copelands und anderer Neugeist-Lehrer berufenden Glaubensbewegung und seit jüngerer Zeit auch der sogenannten, damit eng verwandten Wort-und-Geist-Bewegung, haben wiederum vor allem einige sich als evangelikal definierende Gruppen zum Anlaß genommen, ihre eigenen Irrlehren und Mißverständnisse über den Heiligen Geist und vor allem ihre Ablehnung Seiner Gaben, auf die diese Irrlehren ja hinzielen, von neuem „salonfähig” zu machen. Das ist gewissermaßen wie eine „Welle”, die da hin und her durchs Land schwappt und die mir auch persönlich große Not bereitet, da ich ja aus der Charismatischen Bewegung komme und durch sie auch viel Gutes, Wertvolles und Unverzichtbares habe erfahren dürfen, wofür ich Gott sehr, sehr dankbar bin. Nun aber hat diese Bewegung, wie ja auch im Prolog angedeutet, unterdessen eine Richtung eingeschlagen, die beim besten Willen nicht mehr gutgeheißen werden kann. Das Spektrum ihrer mittlerweile eingetretenen Verirrungen ist dabei ziemlich breit. Es reicht von handfesten Irrlehren, ungeistlichen Praktiken, weitverbreiteter falscher Prophetie [4] und unbiblischem Leiterschaftsgebaren bis hin  vor allem mit Letzterem zusammenhängend  zu schwersten Mißbräuchen anderer Geschwister. Und solche Geschwister sind es dann sehr oft auch, die nicht nur in die beschriebenen Irrlehren der anderen Seite tappen, sondern häufig auch selbst zu Kolporteuren solcher Irrlehren werden, die dann immer weitere Kreise ziehen. [5] Verbitterung spielt in diesen Dingen ja immer eine entscheidende Rolle (vgl. Hbr 12. 14 - 17).


    Angesichts der Schwere dieser Verirrungen macht man es sich in dieser Bewegung vor allem auch mit begründeter und damit berechtigter Kritik, wie sie ja nicht nur von vielen evangelikalen Brüdern vorgetragen wird, sondern auch von solchen aus charismatischer Prägung,
insgesamt jedoch zu leicht. Auch wenn wir in der evangelikalen Welt einige durchaus verheerende Irrlehren um die Geistesgaben zu beklagen haben, auf die wir im Verlaufe dieser Schrift noch eingehen werden, sind dies doch keine Dinge, die sich mit einer für unsere Kreise leider ebenso bezeichnend gewordenen wie zugleich auch oberflächlichen Die-haben.ja-keine-Erkenntnis-Handbewegung so einfach vom Tisch fegen lassen. Diese Haltung ist regelmäßig im Stolz begründet. Stolz aber steht immer vor dem Fall, und dieser Fall ist weithin eingetreten. Wirklich zur Kenntnis genommen haben wir dies in unseren so genannten charismatischen oder pfingstlichen Gruppierungen jedoch kaum. Wir haben dies einfach nicht ernst genommen, so daß wir darüber zumeist zur Tagesordnung übergegangen sind und uns darauf noch etwas eingebildet haben. Daraus ergeben sich zwei Seiten, die wir beide sehen müssen, als zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wenn wir also mit Irrlehren aufräumen müssen, dann betrifft dies die Irrlehren beiderseits des Weges – sowohl derer, die unter charismatisch geprägten Geschwistern Einzug gehalten haben als auch derer, die diesbezüglich unter den eher Evangelikalen grassieren. [6]

    Dabei ist die Debatte um die Geistesgaben ja gar nicht so neu. Sie reicht wenigstens – wenn wir die lutherische geradezu schon panische Angst vor vermeintlicher oder auch tatsächlicher „Schwarmgeisterei” einmal außen vor lassen – von den Ereignissen in Kassel 1906 mit ihren schwärmerischen Entgleisungen über die sogenannte „Berliner Erklärung”, die auf diese Entgleisungen folgte, bis weit in unsere Tage hinein. (Wir lassen die Entwicklungen um die Geschehnisse in der Azusa-Street einmal außen vor und beschränken uns auf unserer eigenes Land.) [7] Unterdessen haben sich ganze Konglomerate von verfestigten Irrlehren und dogmatischen Verzerrungen beiderseits des Weges entwickelt, nachdem beide Seiten sich mehr oder weniger verhärtet haben und – nach erfolgten Spaltungen – jeweils eigene Wege gegangen sind. Wenn wir es genau betrachten, ist diese Debatte allerdings sehr viel älter. Ihr Alter beträgt fast zweitausend Jahre. Es ist nämlich exakt dieselbe Auseinandersetzung zwischen den beiden Extremen unwissenden, schwärmerischen Mißbrauchs auf der einen und der gänzlichen Ablehnung dieser Gaben auf der anderen Seite, die Paulus schon unter den Korinthern führte, woraus ersichtlich wird, daß beide Extreme etwas mit geistlicher Unreife und gravierender Unkenntnis zu tun haben. Die Protagonisten beider Seiten verharren demnach jeweils für sich gesehen im Kindheitsstadium (wörtlich: dem Alter von Spielenden, paidíon=Knabenalter, von paizo, spielen abgeleitet) obwohl sie doch längst zur Reife gelangt sein sollten (1Kor 14. 20ff, 39, 40).

    Hier scheinen sich die Dinge jedesmal zu wiederholen: Immer wieder, wenn Gott in diesem Land wirklich etwas tun will, kommt es zu eigenen, ungeistlichen Vorwegnahmen durch vermeintliche „Gabenträger” und damit zu Fälschungen, die ihrerseits wiederum zu verheerenden Entgleisungen führen – und ebenso kommt es anschließend auf der anderen Seite regelmäßig dazu, daß ganze Scharen angeblicher „Aufklärer” und sogenannter „Heresy-Hunters” sich aufmachen, diese Dinge in der Form zu „bekämpfen”, indem sie nun ihrerseits „das Kind mit dem Bade ausschütten” und ihre sehr einseitigen Erklärungen und Mißverständnisse mithilfe diverser pseudobiblischer Lehrgebäude, Halbwahrheiten, Unterstellungen und teilweise auch handfester Irrlehren anschließend zu dogmatisieren suchen, wobei jeder Seite die wirklichen oder auch vermeintlichen Fehler der jeweils anderen Seite zumeist hochwillkommen sind. Die Wahrheit bleibt dabei nicht nur auf der Strecke, sondern es wird damit zugleich immer auch dafür gesorgt, daß so viele (jeweils gegenseitige) Hindernisse wie nur möglich errichtet werden, damit sie nur ja nicht aufgedeckt würde, und so wird auch die Spaltung immer weiter vertieft. Viele solcher Dinge werden aber auch willkürlich konstruiert. Das fängt in einigen charismatischen Kreisen bereits damit an, daß man jedem, der nicht in Zungen betet, unterstellt, daß er den Geist nicht habe, eine Sache, die (als Verkehrung von Ursache und Wirkung) nicht nur vollkommen unbiblisch, sondern auch außerordentlich lieblos ist. Ich habe viele Gnadengaben auch bei Geschwistern vorgefunden, die nicht in Zungen beten, und das vermag normalerweise jeder zu erkennen, der sich mit der Materie beschäftigt und geistlich hinzusehen bereit ist, ohne irgendwelche denominationellen Vorurteile zu pflegen, die es ja auf beiden Seiten gibt.

    Das andersseitige Extrem besteht dann u. a. darin, all denen, die sich inhaltlich und vor allem vorurteilsfrei mit den Gaben des Sprachengebetes, der Auslegung und der Prophetie auseinanderzusetzen wagen, in Bausch und Bogen vorzuwerfen, daß sie all diese Gaben – insbesondere das Sprachengebet – „überbetonten” und ihnen einen Platz einräumten, den ihnen das Neue Testament angeblich nicht gewähre, natürlich immer mit der vor sich hin schwelenden Aussage im Hintergrund, daß es unter jenen, die sich damit beschäftigten, ja schließlich zu den diversen Exzessen gekommen sei. (Paulus hat allein diesen drei Gaben in Theorie und Praxis allerdings fast ein ganzes Kapitel gewidmet.) Dabei ist es einer der Kernpunkte radikal-evangelikaler Aussagen, daß man sich nicht nach diesen Geistesgaben ausstrecken dürfe, da man sich damit einen vorgeblich „anderen Geist” einhandele. Abgesehen davon, daß man sich damit nicht mehr nur der Gefahr, sondern schon dem Bereich der Lästerung aussetzt – schließlich werden hier Aussagen des Wortes ganz klar dämonisiert – befindet man sich zugleich auch nicht mehr in der Wahrheit und hat damit den Boden der Heiligen Schrift bereits verlassen. Denn das Wort Gottes hält uns sehr wohl dazu an, und zwar mit überaus deutlichen Worten, daß wir nach den Geistesgaben streben, ja regelrecht um sie eifern sollen. Und das betreffende Kapitel läßt uns auch nicht im Unklaren darüber, welche Gaben das im Besonderen sind.


   Eifert nach den Geistesgaben.
1Kor 14. 1 (Ausschnitt)

    So
lautet immerhin der Satz, den Paulus an die Korinther schreibt (1Kor 14. 1). Paulus gebraucht dabei im Griechischen sogar ein sehr heftiges Wort. Es ist das Wort zeloo, und es bedeutet dem Sinn nach für etwas heftig eifern, eigentlich – wörtlich –  in einer Sache siedend sein. In exakt diesem Sinne hält der Apostel uns ganz klar dazu an, nach den Geistesgaben zu streben, uns also nicht nur nach ihnen auszustrecken, sondern für sie tatsächlich Einsatz, Zeit, Fleiß und Eifer aufzuwenden. Wir werden später dazu noch etwas zu sagen haben. Es kostet uns tatsächlich etwas! Damit gehört also auch das Praktizieren und das Einüben in das richtige Praktizieren geradezu schon zwingend mit dazu. Ohne ein solches Mühen geht es nicht! Hier sind wir nun bei der zweiten evangelikalen heiligen Kuh, die es zu schlachten gilt. Wir sollten auch wissen, woher diese ach so gehätschelte heilige Kuh kommt: Sie kommt tatsächlich aus der Magie und demgemäß aus einer okkulten Denkweise, und damit genau aus dem Bereich, den man doch eigentlich bekämpfen zu wollen vorgibt. Dies ist ein Beweis dafür, daß die Aufklärer von denselben Denkmustern her argumentieren, von denen sie annehmen, daß viele aus den Kreisen derer gefangen sind, vor denen sie eigentlich zu warnen suchen, ganz gleich, ob dies nun berechtigt ist oder nicht. Denn die Ansicht, daß man Geistesgaben nicht praktizieren könne, weil sie ja Gaben des Geistes seien und der Geist sie in uns  gewissermaßen unter Umgehung unserer Person  hervorbringe ohne unser Mitwirken, muß deutlich in die Schranken gewiesen werden  und zwar als Überbleibsel heidnisch-magischen Denkens.

   Dieses heidnisch-magische Denken besagt nichts anderes, als daß ein Geist  einige verstehen dies auch als eine eher unpersönliche Einwirkung einer bloßen Kraft  über uns kommen und sich unseres Körpers oder unserer Seele bemächtigen müsse, um sich unserer mehr oder weniger willenlos gewordenen Glieder zu bedienen und durch diese auszuführen, was er will. Auf diese Weise (und unter Umgehung der eigenen Persönlichkeit) würden die Willensbekundungen dieses Geistes oder auch Gottes zu den Menschen gelangen. Unsere Glieder, unser Mund usw. würden dabei wie die eines spiritistischen Mediums bewegt werden; wir hätten sie nicht mehr unter der eigenen Kontrolle und wären – sozusagen ferngesteuert – nicht mehr wir selbst. In der Tat finden wir solche Dinge und Vorstellungen, wie sie ja von der Denkart her tatsächlich sowohl bei vielen Evangelikalen als auch bei nicht wenigen Charismatikern vorhanden sind, von Geschwistern katholischer Prägung ganz zu schweigen, immer wieder im Heidentum vor. Es ist müßig dabei besonders zu betonen, daß dies genau die Wirkungsweise Satans ist. So geht der Teufel mit seinen Helfershelfern – Okkultisten jeder Art – und damit immer zugleich auch Opfern um.


    Dasselbe magische Denkmuster wird nun jedoch auf die Wirkungsweise des Heiligen Geistes übertragen. Dies ist nicht nur in hohem Maße unzulässig, sondern auch außerordentlich fatal, weil hier tatsächlich okkulte Vorstellungen mit Heiligem verbunden werden. Nicht zuletzt aber zeugt es auch von mangelnder Erkenntnis Gottes und einer dementsprechend weitverbreiteten Unwissenheit – vielleicht wäre es zutreffender, von Unsicherheit zu sprechen – darüber, wie Gott mit Seinen Kindern umgeht. Was hier nämlich zutage tritt, ist die Denkart unfreier Sklaven, nicht die freier Kinder Gottes.
Wir kommen aus der Knechtschaft dieser Welt, sind der Sündensklaverei entronnen, und denken noch immer wie die Sklaven, sagte mir dazu tatsächlich einmal ein Bruder vor Jahren – und sollte damit nur zu recht behalten. In der Tat erinnern viele solcher Darstellungen eher an das Verhältnis von Knechten denn an ein solches von freien Kindern Gottes. Hier haben wir es weithin versäumt, unser Denken aufgrund des Wortes Gottes zu erneuern und uns strikt zu weigern, es dem derzeitigen Weltlauf anzupassen (Rö 12. 2). Der Geist Gottes ist schließlich ein Geist der Freiheit, wie Jesus uns ja auch zur Freiheit befreit und berufen hat (Ga 5. 1, 13, 2Kor 3. 17, vgl. auch Lk 4. 18).

   Ich spreche euch nun zu, Brüder (im Hinblick auf die Mitleidserweisungen Gottes), eure Leiber als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer bereitzustellen (als euren folgerichtigen Gottesdienst) und euch nicht auf diesen Äon einzustellen, sondern euch umgestalten zu lassen durch die Erneuerung eures Denksinns, damit ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes sei – der gute, wohlgefällige und vollkommene.
Rö 12. 1 - 2

    Wenn Paulus in seinem Brief an die Römer uns dazu auffordert, unseren Denksinn, den nous erneuern zu lassen, ist es uns auch vom Denken her untersagt, uns wieder unter das alte Sklavenjoch und damit auch unter das dazugehörige „Ketten-Denken” zu begeben. Und doch zeigen die vielen Mißverständnisse gerade auf diesem Gebiet, wie sehr viele unter uns diesem Äon noch verhaftet geblieben sind. Wohl mögen wir diese Sätze hin und wieder gelesen oder auch gehört haben; aber wirklich wahrgenommen, was Paulus mit ihnen sagen wollte und was diese Aussagen für uns eigentlich bedeuten, haben wir eher nicht. Der Geist Gottes führt immer und überall in die Freiheit. Diese Freiheit ist immer auch die Freiheit eigener Entscheidung. Und eine Entscheidung ist es ja auch, die Gott von uns verlangt. Aus diesem Grunde sind wir gehalten, unsere Leiber als ein lebendiges Opfer darzubringen, nicht als ein totes, nicht als ein solches also, an dem wir selbst nicht mehr beteiligt wären (Rö 12. 1). Diesen Satz schrieb der Apostel besonders im Hinblick auf die Mitleidserweisungen Gottes; das aber sind die Geistesgaben, die ja Seine Gnadenzuwendungen sind (V. 1 – 8). [8] Nur ein solches Opfer ist dann auch für Gott geheiligt und Ihm damit wohlgefällig. Wo Gottes Geist regiert, da endet jeder Zwang, jedes Gefängnis und jedes falsche Joch, da gibt es für geistliche Notzucht keinen Raum. Es geht um Hingabe; solche Hingabe aber kommt immer aus empfangener und freiwillig zurückgegebener Liebe, da Gott uns zuerst geliebt hat, und ist nie Zwang (vgl. 1Jo 4. 7 – 21).

    Wer tot ist, der bewegt sich nicht von selbst, der bedarf, wenn er denn bewegt werden soll, des Bewegtwerdens durch einen anderen. Gott aber will, daß wir uns – als lebendige Glieder Seines Leibes – selbst bewegen, aus freien Stücken, bewegen freilich so, wie Er will, geführt durch Seinen Geist. Denn es ist ja nicht mehr das Leben aus eigener Kraft und in Verwirklichung des Eigenwillens, das wir führten, solange wir noch in Sünden waren, sondern das neue, das Auferstehungsleben in stetem Gehorsam, das hier gelebt und ausgedrückt werden soll. Gottes Geist treibt uns jedoch nicht, wie dies in älteren Bibelübersetzungen noch zu lesen war, sondern führt. Gott hat den Stecken des Treibers (der Treiber ist der Teufel) in Christus zerbrochen, indem Er den Mächten und Gewalten die Macht genommen hat (vgl. Jes 9. 3, Kol 2. 15). Alle aber, die vom Geist Gottes geführt werden (agō), die sind Gottes Söhne (Rö 8. 14). Das Geführtwerden durch Seinen Geist setzt jedoch immer die eigene Willigkeit voraus, unseren Körper bzw. dessen Glieder für Gott nicht etwa nur passiv zur Verfügung zu stellen, sondern diese – im Gehorsam  auch selbst zu gebrauchen, je nachdem, welches Dienstes es bedarf, nach dem Maß des Glaubens freilich, das jedem einzelnen jeweils zugeteilt worden ist, wie ja ein jedes Glied seine eigenen Funktionen hat (Rö 12. 3 - 8). Paulus bezeichnet dieses lebendige Darbringen unserer Glieder als einen folgerichtigen (logikon), als logischen bzw. einen dem logos, d. h. dem Wort oder der Lehre entsprechenden Gottesdienst. Das griechische Wort für „Gottesdienst” ist latreia oder (an anderen Stellen) auch leiturgia. In allen seinen Vorkommen im Neuen Testament steht es immer im Zusammenhang mit einer durch uns vollzogenen Handreichung, sei es nun in Bezug auf die Öffentlichkeit, hin zu unserem Nächsten oder auch hin zu Gott Selbst. Das ist eine bewußt vollzogene Angelegenheit im Vollbesitz des Verstandes und aller unserer Kräfte (s. Mt 22. 37, Mk 12. 30). Wer Gott liebt, der reicht Ihm die Hände zum gemeinsamen Tun.

    Ein „Fortgerissenwerden” unseres Körpers oder auch nur einzelner Glieder unseres Körpers ohne oder vielleicht sogar gegen unser Zutun und unseren Willen, wie es in den oben skizzierten Vorstellungen ja immerhin vorausgesetzt wird, kann demnach niemals ein Kennzeichen der Einwirkung des Heiligen Geistes sein. Im Gegenteil; hier herrscht ein anderer; hier ist ganz eindeutig ein dämonischer Geist am Wirken. Wer Menschen
wegreißt, ist nicht Gott, sondern der Teufel, nachdem er von Menschen Besitz ergriffen hat (vgl. Mt 8. 28 - 33, Mk 5. 1 - 17, Lk 8. 26 - 33; s. a. Mk 9. 17 - 27; auch Apg 16. 16 - 18). Deshalb schreibt Paulus bereits am Beginn seiner Erörterungen im zwölften Kapitel des ersten Korintherbriefes die folgenden bemerkenswerten Sätze:


    Was aber die geistlichen Gaben betrifft, meine Brüder, so will ich euch nicht in Unkenntnis darüber lassen. Ihr wißt, daß ihr, als ihr noch unter den Nationen wart, zu den stummen Götzen weggeführt wurdet, wie ihr ja geführt wurdet. Darum mache ich euch bekannt, daß niemand, der in Gottes Geist spricht, sagen wird: In den Bann getan sei Jesus (wörtlich: Gebanntes ist Jesus). Auch kann niemand sagen: Herr ist Jesus, außer in heiligem Geist.
1Kor 12. 1 - 3

    Wie der Apostel seine Leser schon im Römerbrief auf dieses Thema vorbereitet, indem er ihnen bereits im Vorfeld sagt, daß es dazu notwendig ist, sich nicht mehr auf diesen Äon einzustellen, sondern sich umgestalten zu lassen (metamorphoo) durch die Erneuerung ihres Denksinns, so auch hier. Wir sehen demnach, daß das Ausgehen aus dem Bild und den Vorstellungen gemäß dieser Welt im Denken beginnt, und es liegt auf der Hand, wodurch dieser Denksinn erneuert werden soll. Nach Rö 12. 1 ist es das Wort Gottes, das diesen Dienst vollbringt und uns damit zu einem „logischen”, dem Wort (logos) entsprechenden Gottesdienst (wörtl. logiken latreian theou) führt. So ist es auch im ersten Korintherbrief äußerst signifikant, daß der Apostel die betreffenden Aussagen wiederum an den Beginn seiner Erörterungen über die Geistesgaben stellt, nachdem er erwähnt hat, daß er nicht wolle, daß die Brüder über diese Gaben in Unkenntnis blieben. So wirken diese Sätze wie ein Schlüssel, der wichtig ist zum Verständnis alles dessen, was er in den folgenden Kapiteln noch zu sagen hat. Es bleibt allerdings auch hier die Frage, ob wir ihre Bedeutung wirklich erkannt haben. Zunächst geht der Apostel zurück in jene Zeit, in der die Korinther noch unter den Nationen waren, also Ungläubige, die Gott nicht kannten. Diese Zeit war davon gekennzeichnet, daß sie zu den stummen Götzen weggeführt worden waren. Dieses Weggeführtwerden – Paulus sagt an der Stelle im Grunde nichts anderes, als daß es ein Wesensmerkmal aller gewesen sei, bevor sie Kinder Gottes wurden – ist immer ein Wegführen gegen den Willen des Geführten, als eine Gesetzmäßigkeit der über ihm bestehenden Macht.

    Diese Macht wird als eine charakterisiert, die im Gegensatz zu einem Sich offenbarenden Gott immer zu stummen Götzen hinzieht, die selbst nicht reden können und damit immer auch im Verborgenen bleiben. Andere, wie z. B. die Schlachterbibel oder die Elberfelder Übersetzung, übersetzten das Wort mit weggerissen werden. Die Lutherübersetzung, Revision 1984, schreibt, daß jene mit Macht zu den stummen Götzen fortgezogen wurden (Vers 2). Da nur Ein Gott ist, wissen wir aus der Schrift, daß es sich bei diesen Götzen nicht um andere Götter handelt, sondern um Dämonen; denn diese sind es, denen die Nationen opfern (1Kor 10. 19ff). Hier wird demnach die ständige Einwirkung realer und widergöttlicher Mächte erkennbar, denen zu entrinnen den Korinthern vor ihrer Bekehrung nicht möglich war. Und so mochte der, der sich unter der Herrschaft dieser Mächte befand, dagegen tun, was er wollte – wie auch immer er sich dagegen stemmte, was auch immer er unternahm, immer und überall fand zuletzt dieses Wegführen, dieses Wegreißen oder Wegziehen statt (1Kor 12. 1). Paulus sagt hier ausdrücklich, daß dies nicht die Wirksamkeit des Heiligen Geistes ist, sondern zu den Götzen führt, und damit zu den Dämonen, zurück unter die Herrschaft dieser Welt und ihres Fürsten (Vers 2). 

    Aber auch eine andere Angelegenheit, die in Vers 3 desselben Kapitels erörtert wird, ist dabei besonders zu beachten. Hier geht es eben nicht darum, daß das bloße Bekenntnis, daß Jesus Herr ist, schon eine Aussage darüber treffen kann, daß der, der diese Worte ausspricht, sie im Heiligen Geist ausspräche. 
[9] Diesen Satz vermag normalerweise jeder zu artikulieren, ohne ihn auch glauben zu müssen, wie ganze Scharen von Namenschristen beweisen, die wohl Mitglied einer Kirche sein mögen, vielleicht auch ein Glaubensbekenntnis aufzusagen wissen, mit einer lebendigen Gottesbeziehung aber nichts anfangen können. Es geht auch nicht darum, daß man über Jesus keinen Bannfluch aussprechen dürfe. Wie uns, so dürften diese Dinge auch den Korinthern völlig logisch erschienen sein; sie sind eigentlich ganz selbstverständlich, so daß sie an sich keiner besonderen Erörterung bedürften. Es geht hier vielmehr um das Vermeiden einer Vermischung geistlicher Dinge mit heidnischen Vorstellungen. Wir müssen diese Worte daher immer im Zusammenhang des zuvor Genannten sehen. Es geht dabei um das Wegführen zu den stummen Götzen, die sich (mehr oder weniger gewaltsam) anderer bedienen müssen, um das Erzeugen einer eigenen Machtlosigkeit über den eigenen Körper, um etwas also, was wir als „geistliche Notzucht” bezeichnet haben. Diese Kraftwirkungen, die in Unfreiheit wegführen, sind Relikte des Heidentums; sie sind Dinge des anáthema von Gebanntem, das von der Herrschaft Gottes ausschließt und daher von dieser auch auszuschließen ist. Und dieses Gebannte kann darum auch nicht als etwas bezeichnet werden, was unter die Herrschaft Jesu gehört; wer immer solche Dinge behauptet, der redet nicht im Heiligen Geist und kann das Gesagte daher auch nicht als Gaben dieses Geistes deklarieren (Vers 3).

    Ein Bruder war von einigen Publikationen eines namhaften Autoren sehr angetan und erklärte mir, dieser habe einige dieser Dinge durch eine „Gabe des Schreibens” empfangen. Der Geist Gottes, sagte er, wäre demnach über diesen Mann gekommen und habe seine Hände bewegt, die dann das Besprochene von selbst – ohne dessen eigenes willentliches Zutun – niedergeschrieben hätten. Als ich erkannte, daß es sich dabei um das sogenannte „automatische Schreiben” aus dem Okkultbereich handelte und diese Vorstellung zurückwies, war er sehr erstaunt. Es schienen doch so gute, geistliche Dinge in den Aussagen des Mannes zu stecken, dessen Vorträge er auf Kassetten gehört und die er mir darum auch empfohlen hatte. Aber ich blieb dabei, daß ein solches Wirken niemals dem Handeln des Heiligen Geistes entsprechen würde. Hier lagen spiritistische Phänomene vor, mit denen der Mann sich ganz offensichtlich eingelassen hatte. Was hat der Bruder getan? Er hat geistliche Angelegenheiten mit Vorstellungen heidnischer Wirkungsweisen zu vermischen gesucht, und wäre dabei ungeistlichen, irreführenden Dingen fast auf den Leim gegangen. Es ist eben ein gewaltiger Trugschluß zu denken, daß solche Kraftwirkungen, die ja immer etwas mit dem eigenen Weggeführtwerden zu tun haben, mit dem Bekenntnis in Einklang zu bringen seien, daß Jesus Herr ist. Herr solcher Dinge (als in Seinen Herrschaftsbereich gehörend) ist Jesus ganz sicher nicht, wie es ja auch nicht möglich wäre, daß Er die Dämonen durch Beelzebul, ihren Obersten, austriebe. Genau das aber war der Vorwurf, den die Pharisäer Seiner Zeit Ihm ständig machten (Mt 9. 34, 12. 24 - 27). Wie viele heutige Zeitgenossen irrten auch sie sich sehr. Es war der Heilige Geist, durch welchen Jesus die Dämonen austrieb. Die Gaben des Heiligen Geistes sind mit den Wirkungen von Dämonen nicht vereinbar (Apg 16. 16 - 18). Das Licht treibt die Finsternis hinaus!


    Hier liegt, wie wir dies bereits weiter oben anzudeuten versucht haben, auch eine gründliche Verkennung des Charakters Gottes und damit auch des Heiligen Geistes als Seines innersten Wesens vor. Der Heilige Geist ist ein demütiger und sanftmütiger Geist, wie es keinen anderen gibt; stets tritt Er hinter Sich Selbst zurück, um uns die Dinge des Sohnes Gottes, ja Ihn Selbst in den Mittelpunkt zu stellen und Ihn zu verherrlichen. Gottes Geist verkündet nie Sich Selbst. Darum wird Er uns auch niemals zu überrumpeln, zu korrumpieren oder anderweitig zu manipulieren suchen; vielmehr fragt
Er, lockt Er uns immer wieder, und Er zieht uns ganz sanft, ganz liebevoll bestimmt, aber doch zurückhaltend bittend und fragend, ob wir nicht zu Jesus kommen möchten, und durch Ihn, den Sohn, schließlich auch zum Vater. [10] Der Geist Gottes überfällt niemanden, sondern steht gewissermaßen vor der Tür und klopft an (vgl. Off 3. 20). Seine Stimme ist leise, so daß sie leicht überhört werden kann; in dem Getöse dieser Welt ist sie nicht zu finden (s. 1Kö 19. 11 - 13). Ja, der Heilige Geist ist so demütig, daß wir auf den Seiten des von Ihm eingegebenen Wortes (2Tim 3. 16) nicht eine Silbe davon vorfinden werden, daß Er gesondert anzurufen oder anzubeten sei  Ihn, der Er mit dem Vater und dem Sohn doch eines Wesens und von daher auch gleichermaßen anbetungswürdig ist!

    Darum sagte Jesus in Seinem bekannten Heilandsruf:

    Kommt alle her zu Mir, die ihr euch müht und beladen seid; Ich werde euch Ruhe geben. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von Mir; denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn Mein Joch ist mild, und Meine Last ist leicht.
Mt 11. 28 - 30

    Wie wir aus diesem Jesuswort ganz unzweifelhaft erkennen können, spielt auch die Frage des Joches, dessen also, was uns in der Verkündigung auferlegt oder auch nicht auferlegt wird, eine entscheidende Rolle in der Beurteilung dessen, was echt, und dessen, was unecht, d. h. eine Fälschung ist. Das milde Joch, die leichte Last kommen beide von dem Herrn; das schwere Joch aber kommt von den Menschen und entstammt letztlich der Finsternis. Wir müssen uns also auch fragen, welcher Art das Joch ist, das wir zu tragen angehalten werden. Irgendein Joch werden wir immer zu tragen haben; aber welches ist es und vom wem kommt es? Wer auch immer sich müht und beladen ist von einem Joch, das er nicht zu tragen vermag, dem gilt der obige Ruf, doch das Joch Jesu aufzunehmen und so zur Ruhe zu finden. [11]

    So stehen hier zahlreiche geistliche Dinge und Manifestationen auf dem Prüfstand; man mag sie wohl unter der Bezeichnung „charismatisch”, „Gnadengaben”, „Geistesgaben”, „Salbung” usw. führen; aber nicht alles, was man als Geistesgaben ausgibt, sind auch welche; und längst nicht alles, was man als Licht deklariert, kommt auch aus dem Licht. Eine jede Manifestation, die auch nur irgendwie unter Zwang oder Druck geschieht, kommt letztlich von dem, der die Menschen unterjocht und ihrer Freiheit beraubt, kommt nicht von Gott, sondern ist aus der Finsternis, aus dem Teufel geboren. All das, was Gottes Geist durch uns tun möchte – die Worte, die Er reden, die Taten, die Er vollbringen möchte – wird niemals unter Zwang oder Manipulieren von Kräften geschehen. Den Impuls zum Ausüben einer bestimmten Gabe gibt zwar Gott. Dieser Impuls, dieser Eindruck, der in unseren Herzen entsteht, mag auch unterschiedlich stark und auf verschiedene Weise empfunden werden. Aber immer entscheiden wir, ob wir die entsprechende Gabe ausführen, und wir entscheiden auch, ob wir mit der Ausführung dieser Gabe innehalten oder auf sie ganz verzichten wollen, und zwar genauso, wie wir entscheiden, ob wir unserem Nachbarn einen guten Tag wünschen oder nicht. Wir sind jederzeit in der Lage zu entscheiden, ob wir tun wollen, oder ob wir nicht tun wollen, was der Herr sagt. Gewiß riskiert Gott dabei unseren Ungehorsam; aber niemals würde Er uns zwingen, Dinge gegen unseren Willen zu tun, würde Er uns gleichsam überfallen, unseren Körper, unsere Hände, unseren Mund bewegen, als wären wir ein willenloses Medium, das sich selbst nicht unter Kontrolle hätte. Nein, wir sind es, die wir unseren Körper bewegen; Er hat keine Marionetten geschaffen. Immer will der Herr unsere freie Entscheidung haben; darum braucht Er geradezu auch unser Mitwirken, da ohne dieses freiwillige Mitwirken Seine Gaben niemals geschehen werden!

    ...die Geister (wörtlich: pneumatika, Geister, Geistliche, Geistesgaben) der Propheten sind den Propheten untertan.
1Kor 14. 32, Schlachter

   Dieser Satz hat im Grunde zwei Bedeutungen. Zum ersten ist er sicherlich dahingehend zu verstehen, daß alles, was heutige Propheten sprechen, anhand der Propheten der Bibel, d. h. also anhand des Wortes Gottes an sich, nachprüfbar ist; es ist also diesem Wort untergeordnet. Immer ist das geschriebene Wort Gottes die Norm dessen, was wir sagen sollen – alles hat sich an der Heiligen Schrift auszurichten. Aber auch die andere und eigentliche Bedeutung des Wortes dürfen wir nicht übersehen, zumal sie sich direkt aus dem Nahzusammenhang des Textes ergibt. Diesen Nahzusammenhang können wir darin zusammenfassen, daß es notwendig ist, zur rechten Zeit zurückzutreten und zu schweigen, wenn ein anderer reden will (V. 26 - 33). Reden oder Schweigen stehen beide in menschlicher Macht und unterliegen damit der Freiheit eigener Entscheidung; und das ist nicht einfach nur Zulassung, sondern feststehende Ordnung Gottes. Unser Satz sagt demnach, daß alles, was Propheten sagen, durch diese auch „steuerbar” ist; es ist ihnen also untertan, als in ihrer eigenen Vollmacht stehend, die sie demnach über ihren Körper haben. Gott ist kein Räuber und vergewaltigt nicht; Er fragt uns, ob wir Ihm aus freien Stücken, mit vollem Bewußtsein, mit allem, was wir sind und haben zu dienen bereit sind. Nie würde Ihm einfallen, Sich etwas zu nehmen, was wir Ihm nicht freiwillig geben wollten.

    Überall dort, wo der Heilige Geist wirkt, gilt also: 


    Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.
2Kor 3.17

    Schon am ersten Pfingsttag läßt sich diese Freiheit erkennen, als der Geist Gottes kam, sich in der Gestalt von Feuerzungen auf jeden Einzelnen der Versammelten setzte und sie daraufhin alle anfingen, in anderen Zungen zu sprechen. Wir müssen genau lesen, was da geschrieben steht. Sie fingen an, in anderen Zungen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab, heißt es dort; nicht „es” redete aus ihnen heraus (Apg 2. 1 - 4). Wer nicht reden will, der wird es auch nicht! Es ist auch nicht möglich, einem Zwang zu erliegen, daß man mit solchem Reden nicht aufhören könne. Schon an dieser Stelle sind etliche, sowohl diesseits als auch jenseits der charismatischen Bewegung, dem vorstehend erwähnten Trugschluß über das Praktizieren der Gaben, insbesondere dem des Zungenredens erlegen. Sie alle machen denselben Fehler wie der oben erwähnte Bruder, und versuchen Heidnisches mit Geistlichem zu vermischen. Wenn es da ein „Es” gibt, das aus jemandem herausredet, ohne daß dieser es will oder es selbst auch steuern kann, dann haben wir dieses „Es” eindeutig zurückzuweisen so wirkt der Heilige Geist nie. 

    Und doch scheint man (sowohl innerhalb der charismatischen Bewegung, als auch in den Reihen ihrer Kritiker) immer wieder zu erwarten, daß der Herr so handeln würde, und verweigert Ihm den Gehorsam, wenn Er es erstaunlicherweise nicht tut! Der Geist Gottes vollbringt in unserem persönlichen Leben jedoch nie etwas jenseits unseres Willens. Weder entleert Er uns unseres Sinnes, noch hebt Er unsere Vollmacht über den eigenen Körper auf, noch erwartet Er, daß wir unseren Körper Ihm auf diese Weise überließen. Solche Praktiken haben darum auch nichts mit dem Reden und Beten in Zungen zu tun, wie der Geist es gibt! Hier gilt es demnach Buße zu tun! Alle diese Dinge kommen durchweg aus dem Okkultbereich und sind, wie wir oben gesehen haben, die Ausflüsse es gibt wohl kaum ein treffenderes Wort spiritistischer Medien. Wer immer solche Manifestationen bei sich selbst erlebt hat, der muß sich davon lossagen, und zwar im Beisein eines bevollmächtigten Bruders oder einer Schwester als Zeugen; denn ein solcher braucht Befreiung und Reinigung durch Jesu Blut.

    Dasselbe betrifft die in heutigen, sich fälschlicherweise „charismatisch” nennenden Kreisen weitverbreiteten diversen Praktiken des Rücklings-Hinfallens, des sog. „Ruhens” oder auch des „Lachens im Geist” in allen seinen verschiedenartigen Ausprägungen, alles Dinge, die wir in dieser Art  als besonderen Segen Gottes  in der Heiligen Schrift vergeblich suchen werden. Gerade das Schwanken und Hinfallen, das in solchen Veranstaltungen ja meistens rücklings geschieht, ist nicht etwa ein Erweis eines Segens, wie man dort nur allzu oft verkündigen hört, sondern wird in der Schrift immer im Zusammenhang mit Abfall erwähnt (s. 1Mo 9. 23, 1Sam 4. 18, Jes 28. 1 - 13, ähnlich auch v. a. Stellen, man nehme eine gute Konkordanz unter den entsprechenden Stichworten zur Hand). So sind es auch im Garten Gethsemane nicht etwa die Jünger, sondern die Sünder und Abgefallenen, die vor dem Herrn Jesus zurückweichen und zu Boden fallen, nachdem dieser Sich ihnen zu erkennen gegeben hat (Jo 18. 3 - 6). Was ein solches Umfallen bewirken kann, wenn jemand im Zustand unreinen Herzens in der Gegenwart eines heiligen Gottes stehen will, das haben wir anhand des Geschehens um Ananias und Saphira gesehen (Apg 5. 1 - 11). Alles das sind Dinge, die von Gericht künden. 

    Natürlich gibt es in der Heiligen Schrift auch ein Niederfallen vor Gott, wie es auch die Väter aller Jahrhunderte immer wieder überliefert haben. Wer als Sein Eigentum vor Ihm niederfällt, der fällt jedoch immer auf sein Angesicht; und das geschieht nicht, weil er etwa von einer Kraft umgeworfen wird, sondern ist als inneres Zusammenbrechen angesichts der alles durchdringenden Heiligkeit Gottes, das sich auch im Äußeren niederschlägt (4Mo 16. 22, Jos 5. 14 und 7. 6, vgl. auch Apg 9. 4 und 22. 7; s. a. Off 1. 17) zugleich auch Ausdruck tiefsten und innersten Erschauerns, ja Erschüttertwerdens wegen unserer eigenen Unheiligkeit und auch wegen unseres Unvermögens vor Ihm, in Seiner unmittelbaren Gegenwart (vgl. Jes 6. 1 - 7, Jer 4. 1 - 9). 

    Das Wehe mir, ich vergehe Jesajas im Angesicht des dreimalheiligen Gottes, wie er es erlebte, schwingt dabei immer mit! Mit dem o. a. Rücklings-Hinstürzen (das ja nicht nur an das Weggezogenwerden zu den stummen Götzen nach 1Kor 12. 1 erinnert, sondern überdies auch ein Gerichtszeichen ist, wie wir gesehen haben) hat das allerdings nichts zu tun. Im irdischen Dienst Jesu oder in dem der Apostel finden sich solche Wirkungen an den Gläubigen nie, und so waren natürlich auch Menschen, welche die unter der Kraft Hinfallenden etwa auffangen sollten, damit diese sich bei einer solchen vermeintlichen Geisteswirkung nicht etwa wehtaten, [12] in jenen Tagen gänzlich unbekannt. Es ist eben nicht egal, ob wir nun nach vorne oder nach hinten fallen, wie einige Vertreter des Fallens unter der Kraft von sich gegeben haben. Wer solche Dinge als etwas Erstrebenswertes lehrt, der kennt seine Bibel in dieser Frage nicht und führt seine Zuhörer gründlich in die Irre. Auch das oben erwähnte „automatische Schreiben” sowie alle anderen Dinge, die immer irgendwie unter Zwang und damit unter Umgehung unserer Persönlichkeit und unseres Willens geschehen, gehören ohne jede Ausnahme mit dazu. [13] 

    Mit den Geistesgaben des Neuen Testamentes haben diese Phänomene und pseudo-charismatischen „Modeerscheinungen” nichts gemein. Gottes Geist führt immer in Freiheit; auch führt Er uns, seit Er in unseren Herzen wohnt, immer von innen heraus, niemals von außen her, wie ja auch das Wort Gottes in uns, in unseren Herzen Wohnung gemacht hat (Hbr 10. 15 - 17). [14] Darum wird Er uns auch niemals etwas von außen überstülpen, was wir nicht zuvor selbst auch in unserem Herzen erkannt und an dem wir nicht auch selbst willentlich und aktiv beteiligt wären. Aus demselben Grunde kommen dann auch all jene Kräfte, die von außen auf uns einwirken und uns anführen wollen, nachdem wir Gottes Geist empfangen haben, nicht von Ihm. Und so liegt dementsprechend auch die Entscheidung, ob wir in Zungen reden oder prophezeien oder auch andere Dinge tun wollen oder nicht, immer ausschließlich bei uns, in unseren Herzen; wer da behauptet – vielleicht noch unter der immer wieder angeführten Begründung, daß der Geist die Gaben gäbe, wie Er will , da müsse „etwas über ihn” kommen, das er dann nicht mehr unter Kontrolle habe und das ohne sein Zutun „aus ihm herausrede”, der setzt etwas voraus, was der Geist Gottes niemals tun würde; der unterstellt Ihm dämonisches Wirken!

    Daß der Vater uns dämonische Kräfte geben würde, wenn wir um Seinen Geist bitten, hat der Herr Selbst ausgeschlossen. Was Er uns gibt und was nicht, damit wollen wir uns im Nachfolgenden auseinandersetzen.


Inhalt
Prolog
Thema
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< Menschen der Unmittelbarkeit Die Taufe... >


Brot, Fisch und Ei oder Stein, Schlange und Skorpion?

    In dem folgenden Gleichnis spricht der Herr von der Bitte um den Heiligen Geist. Um ein solches Bitten hat es in der Vergangenheit immer wieder einmal erhebliche Mißverständnisse, ja Streit gegeben. Vor allem ist nicht verstanden worden, was diese Bitte im Kontext des Neuen Bundes 
d. h. der Heilige Geist ist ausgegossen, und die Gemeinde, als der Leib des Herrn, ist durch diesen Geist bereits da – zu bedeuten hat. Jesus sagt diese Sätze ausschließlich Seinen Jüngern; es ist eine Gleichnisrede; und wir wissen, daß die Gleichnisse in den Augen des Meisters dazu da sind, göttliche Wahrheiten und Geheimnisse den Seinen zu eröffnen, vor den anderen aber gerade zu verbergen (Mt 13. 10 - 17). Es ist demnach ausdrücklich ein Reden an jene, die mit Jesus gehen, und nicht eine Belehrung solcher, die noch außerhalb der Gemeinschaft mit Ihm stehen. Und gerade die Jünger sind es ja, vor denen ihr eigenes Pfingsterleben hier noch steht.

    Es geht also nicht darum, daß wir den Heiligen Geist herbeizubeten hätten, wie viele der Ansicht zu sein scheinen; wohl aber geht darum, diesen Geist, der bereits da ist, nun auch für unser Leben zu erbitten, daß Er also in unser Lebenshaus einziehen und alle Kammern dieses Hauses ausfüllen möge, wie Jesus dies ja ausgerechnet im Zusammenhang dieses Gleichnisses erörtert. Dabei geht es um nicht weniger als um den andauernden Sieg über den Teufel, darum, daß unser Lebenshaus nicht leer bleibt, nachdem es gereinigt wurde, sondern Leben aus Gott einzieht, so daß Satan in unserem Leben keinen Zutritt und damit keine Macht mehr erhält (s. Lk 11. 14 - 28). Deshalb legt der Herr so viel Wert darauf, die Jünger über die Bitte um den Heiligen Geist zu belehren. Er vergleicht dabei einen irdischen Vater, der seinen Kindern auf ihr Bitten hin gute Gaben geben wird, mit dem himmlischen Vater, der den Heiligen Geist denen gibt, die Ihn darum bitten. Hier werden zwei Dinge deutlich: erstens, daß der Heilige Geist eine gute Gabe ist wir erhalten also bei der Bitte um den Heiligen Geist tatsächlich den erbetenen Heiligen Geist! – und zweitens, daß eine solche Bitte ein Kindschaftsverhältnis bereits voraussetzt. Denn der Herr sagt ja:

    Welcher Vater ist unter euch, den sein Sohn um Brot bitten sollte  er wird ihm doch keinen Stein reichen! Oder auch um einen Fisch, er wird ihm anstatt des Fisches keine Schlange reichen! Und sollte er um ein Ei bitten, so wird er ihm doch keinen Skorpion reichen! Wenn ihr nun, die ihr doch böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wißt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen heiligen Geist geben, die Ihn bitten!
Lk 11. 11 - 13

    Brot, Fisch und Ei
– das alles sind Dinge, die nähren, stärken, vom Leben künden. Sie haben alle etwas gemeinsam: Man kann sie essen. Einen solchen Geist gibt der Vater uns, einen Geist, den man genießen kann, einen Geist, der uns ernährt und der uns am Leben erhält, nicht den eines toten Steins, einer gefährlichen Schlange oder eines giftigen Skorpions. Und wie sehr brauchen wir diesen Geist – ohne Ihn, der uns ja zum Sachwalter gesetzt ist, der uns die Dinge Gottes bringt und sie uns erschließt (wie wir oben erklärt haben), werden wir tatsächlich Hungers sterben, werden wir geistlich ganz elend zugrunde gehen! Wer diesen Geist also ablehnt, der lehnt mit Ihm alles andere auch ab. Und was hat dieser Geist uns alles zu bringen! Das Brot spricht von Jesus Selbst, der das Brot des Lebens ist. Er ist die eigentliche, die wahre himmlische Speise, das Manna, das aus dem Himmel herabgestiegen ist (Jo 6. 30 - 36, 41ff). Damit verweist dieses Brot uns auch auf das Passahmahl, auf die Tischgemeinschaft Seines Leibes, auf die Versöhnung (1Kor 3. 10. 16 - 17, 11. 23ff). Wie kaum etwas anderes ist das eine Brot die Verkörperung der Gemeinschaft mit Ihm und untereinander (1Kor 10. 16 - 17). Und schließlich stellt es auch das Wort dar, das aus dem Munde Gottes kommt (Mt 4. 4).

    Das Zeichen des Fisches weist uns wiederum auf Jesus hin. Es ist aber auch das älteste, ich behaupte einmal das eigentliche und ursprüngliche Erkennungszeichen der Christen, das zugleich auch für die christliche Gemeinschaft untereinander steht. Es ist in dem Zusammenhang überaus interessant, daß das Kreuz als quasi-christliches Symbol erst sehr viel später aufgenommen worden ist. Am Anfang aber stand ganz offensichtlich der Fisch, den der Meister hier erwähnte. In den Katakomben Roms, jenen unterirdischen Zufluchtsstätten der frühen Christen, hat man ihn vielfach aufgefunden. Und nicht nur dort. So fand man im Sommer 2005 in Megiddo, Israel, eine der frühesten christlichen Kapellen überhaupt, welche ein noch immer gut erhaltenes Fußbodenmosaik zierte, in dem ebenfalls zwei Fische zu sehen sind. Diese Kapelle – manche vermuten in ihr den frühesten Fund dieser Art überhaupt – datiert in etwa aus der Zeit des ausgehenden zweiten Jahrhunderts bis in das dritte hinein. [15] Der Fisch wird normalerweise vom Wasser bedeckt. (Ist er es nicht, wird er unweigerlich sterben.) Damit ist es auch ein Symbol der Verborgenheit des Lebens aus Gott – mitten unter Menschen. Ein biblisches Bild für die vielen Menschen auf der Erde ist ja das ruhelose Völkermeer, wie es durch die ganze Heilige Schrift hindurch gebraucht wird. Das griechische Wort für Fisch, ichthys, ist zum ersten uns bekannten christlichen Bekenntnis überhaupt geworden:

Abb. 1 ICHTHYS - Fisch

IHSOUS

CRISTOS

QEOU

UIOS

SWTHR

Iesous Christos Theou Yios Soter
(Jesus Christus Gottes Sohn Retter)

    Damit verweist der Fisch uns auf die Rettung, die Jesus vollbracht, und auf das Lösegeld, das Er für uns alle gezahlt hat (Jon 2.1, 11, Mt 17. 27, 20. 28, 2Tim 2. 6 u. v. a.). Er gab für uns Sein Leben, vergoß Sein Blut, um unsere Sünde zu sühnen und uns von der Sündenknechtschaft freizukaufen. Damit spricht er auch von der Botschaft der Erlösung, die nun allen Menschen gebracht werden soll. Die Apostel waren ja meistens Fischer; Petrus aber soll Menschen fischen (Lk 5. 10). Hier wird unser Augenmerk immer auch auf die Menschen gerichtet.

    Das Ei ist mehr als nur eine Keimzelle neuen Lebens. Es ist ein Zeichen für die Auferstehung aus den Toten und damit ein Zeichen für das Auferstehungsleben selber. In gleicher Weise steht es auch für das inwendige Leben in Christus, für das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus, durch das wir befreit sind vom Gesetz der Sünde und des Todes (Rö 8. 2). Dieses Leben ist unvergänglich; Paulus wird es deshalb in seinen Briefen als athanasion, als unertötlich bezeichnen (1Kor 15. 53, 54, 1Tim 6. 16). Man kann wohl die Träger dieses Lebens, nicht aber dieses Leben selbst töten, weil es das Leben Gottes ist! Dieses Leben ist es – stärker als die Schale, stärker als die Umstände und die uns umgebende Bedrängnis – das der Herr uns schenken und das sich nach außen auswirken will (Rö 8. 1 - 4). Die Zeit des Bebrütens ist ein Gleichnis für die drei Tage, die sich der Herr im Grab befand. Dann aber braucht das Küken viel Kraft, um die Wand des Eies zu sprengen! Wie das Leben des Kükens im Ei die Schale durchbricht, so hat die Kraft des Lebens den Tod überwunden. Es war dem Tode nicht möglich, Ihn im Grabe zu halten; so wurde der Herr durch die Kraft Gottes auferweckt (Apg 2. 24). Die feste Umhüllung wird durchbrochen, damit das neue Leben ans Licht kommen kann, und die Schalen der Öffnung werden beiseite geworfen. So hat Jesus das Gestein der Grabeshöhle überwunden und damit den Tod selber: das Grab ist leer, und – was Menschen unmöglich ist – der Stein ist weggerollt worden (Lk 24. 2 - 8). Der junge Vogel mag sich eine Zeitlang im Nest befinden, unter den anderen Vögeln, seinen Brüdern und Schwestern; so weilte auch unser Herr für die Zeit von vierzig Tagen unter den Jüngern, nachdem Er auferstanden war, und sprach mit ihnen vom Reich Gottes (Apg 1. 1 - 3). Dem Adler gleich, der seine Schwingen ausbreitet und der Sonne entgegenfliegt, wurde schließlich auch Jesus in den Himmel aufgenommen und hat Sich zur Rechten Gottes gesetzt (Lk 24. 44 - 53).

     Bis in alle Einzelheiten weisen uns diese drei Bilder, mit denen der Herr die Gabe des Heiligen Geistes vergleicht, auf Jesus hin. Hier erzeigt sich, daß der Geist uns stets den Sohn verklärt; niemals wird Er etwas anderes in den Mittelpunkt rücken als Ihn und das, was Er gesagt, getan und gelehrt hat (Jo 3. 35, 14. 26, 15. 26, 16. 14). Was für Gegensätze bestehen doch zwischen diesen Dingen und denen, die der Herr den erstgenannten gegenüberstellt und damit sagt, daß uns der Vater diese Dinge nicht geben wird, wenn wir Ihn um den Heiligen Geist bitten! Nicht umsonst hat Er ja – in genau demselben Zusammenhang! – erklärt, wie dieses Bitten aussieht und damit, wie es nicht aussieht: Der Bittende klopft an; er muß also warten, bis die Tür für ihn geöffnet wird; dann erst wird ihm gegeben, und erst indem ihm gegeben wird, empfängt er (Lk 11. 5 - 10). Wer also anklopft, dem wird aufgetan, und nur wer bittet – auf diese Weise bittet – der empfängt. Er kann es sich also nicht selber nehmen, indem er es sich etwa (sozusagen) „gewaltsam herbeibekennt”.

    Damit aber erklärt der Herr auch, was wir bekommen und welchen Gefahren wir uns aussetzen, wenn wir nicht bitten und warten, sondern uns die Dinge selbst anzueignen suchen.


    Da ist der Stein an der Stelle eines Brotes. Er mag vielleicht eine ähnliche Form haben wie ein Brot; doch er macht nicht satt. Die Erwartung, die er weckt, ist also eine trügerische. Es ist gewiß nicht schön, einen Stein im Magen zu haben! Der Stein ist aber nicht nur ein toter, sondern auch ein tötender Gegenstand, ein Zeichen geradezu der Sünde und des Todes. Die Sünder des Alten Bundes wurden gesteinigt. Der Buchstabe – äußerlich als in Stein gemeißelt – tötet, aber der Geist macht lebendig (2Kor 3. 6f). Damit steht der Stein auch für das Gesetz des Todes und der Sünde; somit aber zugleich auch für das steinerne, das lieblose, das nicht empfindende Herz (Hes 11. 19 - 20, 36. 25 - 27; 2Kor 3. 3). Aus Steinen Brot zu machen – das war von jeher das Angebot des Teufels, des Widersachers, des Lügners von Anfang (Mt 4. 3 - 4). Jesus hielt hier stand. Aber wir? Sind wir nicht (gerade auch in dieser Hinsicht) oft schon bei dieser, bei der ersten aller Verführungen durchgefallen? Glitten wir nicht gerade darin ab von der Beziehung der Liebe zum trügerischen Glanz vorgeblich erfolgversprechender Dinge, und gerieten so vom Glauben in die Zauberei hinein?

    Der sich in unseren christlichen Gemeinschaften oft so zerstörerisch auswirkende Richtgeist ist ebenfalls ein Ausdruck dessen, daß man sich nicht dem Brot des Heiligen Geistes, sondern der Fälschung desselben, dem Stein und damit der unnachgiebigen Härte, der Empfindungslosigkeit und der Lieblosigkeit geöffnet hat, die ein solcher Stein mit sich bringt. Wer mit solchen Steinen umgeht und hofft, daß sie zu Broten würden, der kann, ja der will nicht nähren, der will beiseitesetzen, der will töten. Alles aber, was tötet, verurteilt, zugrunde richtet, ist nicht vom Heiligen Geist, den der Vater gibt, wenn wir Ihn darum bitten.
Von den bloßen Dogmen derer, die es besser wissen wollen als alle anderen, können wir nicht leben. Was ist es da noch ein Wunder, daß gerade in den kleinen Sekten und Gruppierungen die Lieblosigkeit so oft zu Hause ist. Der Vater aber gibt uns das wahre Brot, gibt uns Jesus Selbst; Er gibt uns die himmlische Speise, gibt uns die Liebe, schenkt die Versöhnung, alles Dinge, die uns nähren und von denen wir leben können. Die Liebe Gottes ist ja ausgegossen in unseren Herzen durch den uns gegebenen Heiligen Geist (Rö 5. 5).

    Die Schlange ist das bekannte Symbol für den Teufel, den Satan, der die ganze Welt irreführt. Sie ist ja das listigste Tier auf Erden (1Mo 3. 1f). Damit weist sie uns immer wieder auf diese Welt hin und zieht uns auch immer wieder in diese Welt hinein, in jenen „gegenwärtigen bösen Äon”, der „in dem Bösen”, d. h. unter seiner Herrschaft liegt (Ga 1. 4, 1Jo 5. 19). Jesus aber möchte, daß wir im Himmel zuhause sind; Er muß nicht nur selbst allezeit sein in dem, was des Vaters ist, sondern will, daß auch wir dort sind, wo Er schon ist (Lk 2. 41 - 50, Jo 17. 24). Hier setzt Jesus der Schlange den Fisch, d. h. Sich Selbst entgegen. Damit sagt Er, daß Er es ist, der die Auseinandersetzung mit dem Teufel zu führen hat. Diese Auseinandersetzung erkennen wir auch an dem besprochenen Zusammenhang unseres Gleichnisses: Gleich nach dieser Rede spricht Lukas davon, daß Jesus einen Dämon austreibt (Lk 11. 4f). Er sagt ja in demselben Zusammenhang, daß ein Vorgeschmack des Reiches Gottes gekommen sei, wenn Er mit dem Finger Gottes – ein weiteres Bildnis für den Heiligen Geist – die Dämonen austreibe (11. 20). Hier stehen sich das Reich Gottes und das des Teufels, das Licht der Finsternis, das Wort Gottes der Verdrehung und Verneinung dieses Wortes, der Mittler Gottes dem falschen Mittler direkt gegenüber. Hier hinein gehören all die vielen menschlichen Leiterschafts- und Vermittlungsansprüche, die vorgeben, uns die Aussagen Gottes vermitteln zu wollen und sich dabei an die Stelle des Sohnes setzen – damit aber zugleich auch an die Stelle des Heiligen Geistes, der uns die Dinge des Sohnes überbringt (s. o.). Darum ja auch die Auseinandersetzung mit den Pharisäern, die unmittelbar folgt (11. 15 - 26). Hier werden wir auch an die zwei Bäume des Paradieses erinnert, sowohl an den Baum des Lebens als auch an den der Erkenntnis von Gut und Böse.

    Beim Bild des Skorpions (wörtlich: skorpios, Gift-Sprenger) wollen wir etwas länger verweilen. Es steht im Gegensatz zu dem des Eies. Das Ei versinnbildlicht das Leben, der Skorpion den Tod. Das in dem Ei verborgene Leben braucht die Wärme der Sonne oder des Muttervogels, damit es eines Tages hervorbrechen kann. Der Skorpion hingegen ist ein Tier der Nacht, das die Kühle des Steines braucht, um sich vor der heißen Sonne zu verbergen. Das weist uns auf seine Herkunft als Wesen der Finsternis und des Todes hin. Die Kräfte des Lebens brauchen ihre Zeit, damit sie hervorkommen können; die Kräfte des Skorpions aber stehen sogleich zur Verfügung; man kann sie sofort haben – sie sind eine Sache des schnellen Augenblicks. Während die Kräfte des Eies (Leben) von innen nach außen wirken, wirken die Kräfte des Skorpions (Tod) von außen nach innen. Der Skorpion ist ja mit einem todbringenden Stachel versehen, der nach innen, durch die Haut zu dringen vermag. Damit verkörpert er eine Macht, die in das Innere eines Menschen eindringt, um ihr Gift hineinzubringen. Dies ist auch ein Hinweis auf all jene Praktiken, die nicht durch die Tür kommen, sondern durch Wände einbrechen (Jo 10. 1ff).

    Unser Gleichnis steht ja im Zusammenhang mit dem Gebet, das der Herr als Bitten, Suchen und Anklopfen bezeichnet. Oben haben wir uns bereits dazu geäußert (Lk 11. 9 - 10). Der Anklopfende wartet, bis die Tür von innen geöffnet wird; der Dieb und Räuber aber kann und will nicht warten; er will es jetzt haben, im Hier und im Heute; darum „fackelt er nicht lange” – er tritt die Tür ein, bricht ein oder gräbt sich durch die Wand (vgl. Mt 6. 19f). Es sind immer die „schnellen Lösungen”, die er zu bringen vorgibt; er gaukelt uns vor, daß wir nicht mehr auf Wachstum angewiesen wären. Wer sich darauf einläßt, merkt jedoch bald, daß dies keine Lösungen sind; am Ende steht er als Belogener und Beraubter da. Somit entlarven sich all jene vermeintlichen „Glaubens”lehren, die uns dazu auffordern, Dinge des Vaterhauses vor der Zeit zu nehmen und an uns zu reißen, ohne daß Gott uns für diese Dinge die Tür geöffnet und sie uns wirklich auch gegeben habe, als Dinge des Diebes und Räubers, und damit des Mörders und Lügners von Anfang an (Jo 8. 44, 10. 8 - 10). All diese Dinge sprechen auch von Ungehorsam und – damit immer verbunden – von großem, schier unüberwindlichem Stolz. Der Fall eines solchen Menschen wird nicht allzu lange auf sich warten lassen. (Ich weiß es und warne daher; ich habe da selbst durchgehen müssen. Auch aus diesem Grunde diese Schrift.) Wer solchen Lehren folgt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er eines Tages, bildlich gesehen, Bekanntschaft mit „giftigen Skorpionen” macht. Das ist ja die Handlungsweise des Skorpions, daß sein Stachel sich durch die Haut gräbt, um das Leben zu rauben, das von dieser Haut umgeben wird – den schützenden Wänden eines Hauses vergleichbar. Und daß der Herr unser Leben mit einem Haus vergleicht, das haben wir oben gesehen!

    Der Stachel versinnbildlicht den Stachel des Todes 
er beinhaltet das Gift der Sünde, die nur in Jesus überwunden werden kann (1Kor 15. 55f). Hier wird uns gezeigt, daß alle diese Dinge in die Sünde, d. h. in die Trennung von Gott hineinführen. Es mag uns interessant erscheinen, daß der Stachel selbst nicht tötet. Viele bemerken einen solchen Stich noch nicht einmal. Und so sind sie sich auch nicht bewußt, daß da ein tödliches Gift in sie eingedrungen ist. Doch auch das Gift wird nicht immer gleich bemerkt. Es hat nämlich oft die Eigenschaft, erst nach einiger Zeit zu wirken. Hat es sich aber einmal im Körper ausgebreitet, geht es schnell. Zuerst lähmt es das Opfer und macht es bewegungsunfähig; zur wehrlosen Beute geworden, wird der Skorpion es unweigerlich wegziehen und abschließend verzehren. Das Ende ist jedesmal der Tod. Hier haben wir unser Weggezogenwerden zu den stummen Götzen wieder, von dem weiter oben gesprochen worden ist! Mit Seinem Vergleich hat uns der Herr ein sehr zutreffendes Bild für die Vorgehensweise dämonischer Geister gezeichnet. So handelt der Heilige Geist nie. Es ist auch nichts Gefährliches an Ihm wie bei einem Skorpion, der in der Wüste eine Gefahr darstellt, die geradezu allgegenwärtig ist.

    Allerdings so völlig gefahrlos ist diese Angelegenheit dann auch wieder nicht. Man sollte ja ganz unbedingt beachten, daß der Heilige Geist ein heiliger Geist ist, der uns in die Gegenwart des lebendigen und dreimalheiligen Gottes führt; wer in Sünde lebt und nicht reines Herzens ist, der wird sich über kurz oder lang an Seinem Feuer unweigerlich verbrennen, d. h. er wird Schaden erleiden (Ps 24. 4 - 5, Jes 6. 1 - 7 und 33. 14 - 17, Apg 5. 1 - 13; Hbr 10. 26 - 31 und 12. 28 - 29; vgl. 1Kor 3. 12 - 15). [16] Es ist eben nicht möglich, mit heiligen Dingen umgehen zu wollen und zugleich unheilig zu leben. Wer sich hier verbrannt hat, der hat es nicht wegen eines Dämons; er hat sich verbrannt wegen seiner mangelnden Gottesfurcht und seines daraus folgenden unheiligen Lebenswandels  und das im Angesicht Gottes. So irren auch hier all jene, die unterstellen, daß der einen Irrgeist empfinge, der um den Heiligen Geist bittet. Gottes Geist würde uns nie einen Skorpion bringen; Er bringt uns das Ei, das Leben, indem Er uns den Sohn verkündigt und somit zum Vater zieht!



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Die Person des Heiligen Geistes

    Genauso aber, wie der Geist Gottes unsere Person niemals übergehen würde, ist es wichtig zu wissen, daß wir die Person des Heiligen Geistes nicht übergehen dürfen. Wir werden uns insofern mit den Eigenschaften des Geistes, die ihn als Person auszeichnen, näher zu beschäftigen haben, als dies in vielen Kreisen bislang der Fall war. Gott macht es uns vor; wir sollen Ihn genauso behandeln, wie Er uns behandelt. Wohl sollen wir jederzeit frei entscheiden; und doch muß unsere Entscheidung – es bleibt unsere Entscheidung – immer eine solche des Gehorsams sein. Wenn wir also von Geistesgaben sprechen, dann gilt es immer auch, sich in gleicher Weise mit der Frage der Abhängigkeit von Gott und des Gehorsams gegen Sein Führen zu beschäftigen. Das ist eine ganz zentrale Frage, und
die Klärung dieser Frage entscheidet in der Tat über Echtheit und Fälschung, Wahrheit und Irreführung, Licht und Finsternis.

    Darum ist es notwendig, daß wir uns der Vielzahl von Eigenschaften des Heiligen Geistes erinnern, und uns dessen vergewissern, daß all diese Eigenschaften Ihn als Person ausweisen. Es sollen dabei sowohl die Aussagen des Neuen wie des Alten Testamentes Erwähnung finden.

    So spricht Paulus vom Sinnen (wörtlich: noéo, Denken) des Geistes (Rö 8. 27), und führt an, daß der Heilige Geist Verstand besitzt (1Kor 2. 11). In demselben Zusammenhang weiß er zu sagen, daß Gottes Geist, wie auch der menschliche Geist, alles erforscht, was ja mit der Fähigkeit des Denkens ganz eng zusammenhängt; wie der menschliche Geist weiß, was im Menschen ist, so weiß der Heilige Geist, was in Gott ist, da Er alles erforscht, auch die Tiefen der Gottheit (1Kor 2. 10, 11). Insofern vermag Er auch Selbst zu hören (Jo 16. 13). Das spricht dann auch vom Wissen des Geistes.

    Aus diesem Zusammenhang ergibt sich auch, daß Gottes Geist zu reden vermag. Denn dazu  ist Er (unter
anderem) ja auch da: Er erforscht die Tiefen der Gottheit nämlich, um sie uns mitzuteilen, so daß wir sie selbst erkennen können (1Kor 2. 9 - 16). Das unterscheidet Ihn von den stummen Götzen: Er kann demnach sprechen (Mt 10. 10, 20, Mk 13. 11, Apg 8. 29, 10. 19, 13. 2, 21. 11, 28. 25; 1Tim 4. 1, Hbr 3. 7, Off 2. 7 - 3. 22 – 7mal; Off 14. 13, 22. 17) oder rufen (Ga 4. 6). Da er zu reden vermag, kann Er auch etwas zusagen, verheißen oder voraussagen, was damit ja eng zusammenhängt (Lk 2. 26, Apg 1. 16). Er kann uns demnach Dinge offenbaren bzw. enthüllen, die sonst verborgen wären, das ist sogar Seine vornehmliche Aufgabe (1Kor 2. 10). Darum wird Er auch der Geist der Enthüllung und Erkenntnis genannt (Eph 1. 17). Zu dieser Fähigkeit gehört dann auch die Aussage, daß der Heilige Geist zu lehren vermag (Lk 12. 12, Jo 14. 26, 1Kor 2. 13, 19  - 14). Darum kann Er auch etwas anordnen (Apg 11. 12), eingeben (2Tim 3. 16) und etwas zeigen (Hbr 9. 8). Da Er etwas anordnen kann, vermag Er auch jemanden zu berufen und zu senden (Apg 13. 2, 4). All das hat natürlich einen Zweck: So gibt Er Menschen etwas auszusprechen (Apg 2. 4), schenkt Träume, Visionen und Prophetien (Apg 2. 17 par. Joel 2. 11ff).

    Damit hängt auch die Tatsache zusammen, daß Er diesen Menschen Gaben zuteilen kann (1Kor 12. 11; mehrere Vorkommen). Schon das Alte Testament weiß darüber zu berichten, daß der Geist Gottes Menschen mit Weisheit, Verstand und Geschicklichkeit zu erfüllen vermag (1Mo 35. 31); Er kann jemanden ausrüsten (Ri 6. 34). Und nicht nur das: Gottes Geist besitzt sogar die Fähigkeit, Selbst Leben zu zeugen (Lk 1. 35, Jo 3. 5 - 8) und lebendig zu machen (Jo 6. 63, Rö 8. 11, 2Kor 3. 6). Zu dieser Gruppe gehört dann sicher auch die Fähigkeit, etwas zu bezeugen (Apg 5. 32, 20. 23, Rö 8. 16, Hbr 10. 15, 1Jo 5. 7 - 8). Und so kann der Geist Gottes natürlich auch etwas verkündigen (Jo 16. 13), was Er von dem, was Jesu ist, genommen hat; Er ist also auch in der Lage, etwas zu nehmen (Jo 16. 14). Insofern erinnert Er uns an das, was Jesus gesagt hat; an etwas erinnern kann der Geist Gottes uns also auch (Jo 14. 26). Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, daß Gottes Geist von Sünde
überführt, von Gerechtigkeit und vom Gericht (Jo 16. 8).

    All diese Dinge sprechen nicht zuletzt davon, daß der Heilige Geist einen Willen hat; Ihm gefällt oder mißfällt etwas (Apg 15. 28, 1Kor 12. 11). Dazu gehört schon im Alten Bund, daß Er Selbst dahin zu gehen
vermag, wohin er will (Hes 1. 20, 21). Und in diesem Sinne vermag Er dann auch jemanden zu leiten (Mt 4. 1, Mk 1. 12, Lk 4. 1, Jo 16. 13, Rö 8. 14, Ga 5. 18, 2Ptr 1. 21). Indem Er uns leitet, kann Er uns aber auch etwas verwehren, eigene Wege etwa (Apg 16. 6). Wenn Er uns etwas verwehrt, dann hat das immer einen Sinn: den nämlich, daß wir uns im Willen Gottes und damit in seinem Frieden befinden. So kann der Geist Gottes jemanden zur Ruhe bringen (Jes 63. 14). Der Geist kann sogar jemanden auf seine Füße stellen und zu ihm reden (Hes 3. 24, 11. 5), vermag ihn aufzuheben und zu führen (Hes 11. 24, 43. 5), und jemanden an einen anderen Ort zu entrücken vermag er ggf. auch (Apg 8. 39).

    Ferner wird ausgesagt, daß der Heilige Geist Gefühl besitzt (Rö 15. 30). Und da er Gefühl besitzt, kann Er auch betrübt werden (Eph 4. 30); dies wird bereits im Alten Bund bezeugt (Ps 106. 33, Jes 63. 10). Daraus ergibt sich immer auch die Frage, wodurch dies geschehen kann. Und auch darauf gibt die Schrift ausreichend Antwort, indem sie uns zugleich auf eine andere Eigenschaft des Heiligen Geistes verweist: Er kann nämlich Selbst belogen oder versucht werden (Apg 5. 3, 9). Wie der aufmerksame Bibelleser weiß, kann dies nicht ohne Folgen bleiben: Gottes Geist vermag darum auch zu strafen (1Mo 6. 3), wie wir dies etwa an dem Beispiel des Ananias und seiner Frau gesehen haben (vgl. wiederum Apg 5. 1ff). Weil der Heilige Geist Gefühl besitzt, hat Er jedoch auch Mitgefühl mit unserer Schwachheit, denn Er kommt uns zu Hilfe und tritt für uns ein (Rö 8. 26). Ja mehr noch: Er verlangt nach uns und ist eifersüchtig (Ja 4. 5). Alles das ist tiefster Ausdruck dessen, daß Er Sich nach ungebrochener Gemeinschaft mit uns sehnt; wir können also Gemeinschaft mit Ihm haben (2Kor 13. 13). Darum ist es durchaus möglich, zu diesem Geist zu reden, wenn Gott es will (Hes 37. 9). Und nicht zuletzt darum vermag der Geist Gottes sowohl in jemandem Wohnung zu machen (Jo 14. 23) bzw. bei ihm zu bleiben (Mk 1. 10, Jo 1. 32f, Jo 14. 17) als auch auf jemandem zu ruhen (Jes 11. 2, 1Ptr 4. 14
u. a).

    Derselbe Heilige Geist ist Gott und Herr in der Gemeinde.



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Geistesgaben – wozu? Wir sind doch bekehrt und haben die Bibel!

    Wir müssen uns aber auch mit einer anderen Einstellung auseinandersetzen, die besonders eifrig dafür sorgt, daß wir uns mit den Geistesgaben nur ja nicht beschäftigen. Oft wird ja gesagt, daß die Gaben im Neuen Testament nur ein
Randthema seien, und es wird der Begriff einer vorgeblich nicht vorhandenen „Heilsnotwendigkeit” geprägt, was immer man auch darunter verstehen mag, und so hofft man, das ganze Thema – meist jedoch nur „um des lieben Friedens willen” – möglichst kunstreich umgehen zu können. Abgesehen davon, daß die Geistesgaben im Neuen Testament eben kein Randthema sind – Paulus verwendet mehrere Kapitel in verschiedenen Briefen dafür – müssen wir uns auch die Frage gefallen lassen, was der in dem Zusammenhang recht oft strapazierte Begriff „Heilsnotwendigkeit” tatsächlich bedeutet. Zunächst ist es zwar völlig richtig, daß die Gnadengaben zu unserer Errettung und Versöhnung mit dem Vater im Grunde nicht notwendig sind; sie sind es jedoch für unseren Wandel und für die Auferbauung der Gemeinde, solange wir uns noch hier auf der Erde befinden (1Kor 12. 7, 14. 4, 26). Die immer wieder vorzufindende Reduzierung des uns in Christus geschenkten Heils auf unser Bekehrungserlebnis, d. h. auf unsere eigene Bekehrung und den Tag unserer Wiedergeburt ist nicht bibelgemäß und entspringt einer einseitigen Missionstheologie, die sich im wesentlichen auf das eigene Seelenheil beschränkt und kaum etwas anderes mehr im Blick hat.

    In solchen Strukturen gibt es nur wenig geistliches Wachstum, und manchmal sehen wir, daß gewisse Wahrheiten in ihnen sogar aufs heftigste bekämpft werden. Nicht umsonst aber spricht etwa der Hebräerbrief davon, wie überaus notwendig es ist, über die Anfangsgründe hinauszugehen, um endlich einmal zur festen Speise zu gelangen, die den Gereiften und Geübten gilt, die Gottes Stimme tatsächlich zu hören vermögen (vgl. Hbr 6. 1ff usw). Abgesehen davon, daß wir nicht ständig um uns selber kreisen sollen, ist das Kreuz nämlich nicht Ziel, sondern Tür und Weg. Und so ist auch das Wort 
erretten (sozo) wesentlich umfassender als das Vorgenannte und meint ganz sein, heil oder unversehrt sein, wobei dies sich auf unser ganzes Leben mit Gott bezieht, indem es jeden einzelnen unserer Lebensbereiche hier auf der Erde wie „im Himmel droben” umschließt. Auch Petrus hat ja den Terminus der Errettung nicht allein auf die Wiedergeburt unseres Geistes, sondern auf den Heiligungsweg der Seele bezogen und gesagt, daß diese Errettung  die Errettung der Seelen  das eigentliche Ziel und die Vollendung unseres Glaubens ist (1Ptr 1. 3 - 12). Hinzu kommt, daß es bei dieser Vollendung eben nicht nur um unsere persönliche, sondern die des ganzen Christusleibes geht. Es ist ein gefährlicher Trugschluß zu glauben, daß wir als Einzelwesen bestehen könnten, nachdem der Herr uns in einen Leib eingesetzt und als Glieder desselben zusammengefügt hat, ein jedes an seiner von Ihm zugewiesenen Stelle und seiner Berufung gemäß. Wenn nun zu unserem Glaubensweg alles gehört, was unser Leben (sowohl auf uns als einzelne, als auch als Glieder des einen Leibes bezogen) hier auf der Erde betrifft, dann muß auch alles das mit einbezogen werden, was uns in der Heiligen Schrift bezüglich dieses Lebens überliefert worden ist.

    Dementsprechend darf keiner der Inhalte derselben Heiligen Schrift ausgeblendet werden. Wohl kaum ein Zusammenhang ist in den Paulusbriefen enger dargestellt als der zwischen den Geistesgaben und dem Gedanken der Einheit, dem Zusammenhalt und Zusammenwirken des Leibes des Herrn. Gerade der erste Korintherbrief beschäftigt sich damit in besonderer Weise, so daß wir deutlich das Bemühen des Apostels erkennen können, diese Dinge den Korinthern immer wieder nahezulegen und sie ihnen zu erklären (1. 10 - 13, 3. 1ff, 12. 1 - 31 usw). Aber auch in anderen Briefen sehen wir diesen Zusammenhang angeführt (vgl. Rö 12. 3 - 21). Das bedeutet dann also auch, daß wir 
nicht nur als Einzelne, sondern vor allem als Leib des Herrn gesehen  ohne Geistesgaben nicht auferbaut und daher nicht nur unsere Aufgabe, sondern auch unser Ziel verfehlen werden, wenn wir der Meinung sind, daß wir ohne sie auskommen sollten, obwohl Gottes Wort diesbezüglich ganz offensichtlich anderer Meinung ist. Sicher werden wir ohne Geistesgaben, wie man so sagt, „in den Himmel” kommen. Diese Frage wird ja nicht durch die Gaben, sondern durch das Kreuz geklärt. Es besteht aber immer auch die Frage, wie und in welchem Zustand das geschehen wird. So ist alles, was Gott in der Heiligen Schrift hat niederlegen lassen, auch für unser ganzes Heil notwendig, und darum darf auch nichts von dem ausgeschlossen werden, was sie uns zu sagen hat. Denn es steht geschrieben:

     Alle (d. h. die ganze) Schrift ist gottgehaucht und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes zubereitet sei, ausgerüstet zu jedem guten Werk.
2Tim 3. 16

    So sind also auch die Geistesgaben, da die Schrift sie lehrt, durchaus heilsnotwendig, d. h. in diesem Sinne also notwendig dem, was zu unserem Heile dient. Das ist nämlich der Zweck, den Gott mit der ganzen von Ihm eingegebenen Heiligen Schrift verfolgt: Wir sollen ausgerüstet werden, befähigt werden zu jedem guten Werk. Wir sollen ja nicht eigene Werke hervorbringen, in eigener Kraft; wir sollen vielmehr in den Werken Gottes wandeln, die Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben:

    Denn in der Gnade seid ihr Errettete, und das nicht aus euch, sondern es ist Gottes Nahegabe, nicht aus Werken, damit sich niemand rühme. Denn wir sind Sein Tatwerk, erschaffen in Christus Jesus für gute Werke, die Gott vorherbereitet, damit wir in ihnen wandeln.
Eph 2. 8 - 10

    Hier ist es an der Zeit, daß wir einen langgehegten Trugschluß aufheben, der vor allem in der so genannten Glaubensbewegung und ihren Ablegern sein Unwesen treibt. Wir sollen die Werke Gottes nämlich nicht selber wirken. Die Fügung vorherbereiten (V. 10) steht im Aorist, einer unbestimmten Zeitform, die so nur im Griechischen gebräuchlich ist. Diese Zeitform birgt in sich zwei Möglichkeiten: Hier geht es um die Werke, die der Vater sowohl schon vorherbereitet hat als auch jedes Mal aufs Neue vorherbereiten wird, sagt Paulus; wir sollen lediglich in ihnen wandeln und sie schließlich auch ausüben; aber wir sollen sie nicht hervorbringen, vermögen es auch nicht. Das ist ein gravierender Unterschied! Wie müssen wir da lernen, auf den Herrn zu warten und gehorsam zu werden gemäß dem, was Er uns jedes Mal sagt! Wie müssen wir stille werden und empfindsam für Gottes Stimme, damit wir Seine Weisungen vernehmen, damit wir dann tatsächlich auch in den Werken wandeln, die der Vater vorbereitet hat! Denn der Apostel läßt uns auch an anderer Stelle nicht im Zweifel darüber, wer allein es ist, der uns diese Werke und Wahrheiten nicht nur erschließt, sondern sie uns auch anderen in der richtigen Weise weitergeben läßt. Es ist niemand sonst als der Heilige Geist Selbst  mit allen Seinen Gaben:

    (9) Es ist doch so, wie es geschrieben steht: Was kein Auge gewahrt und kein Ohr gehört und wozu kein Menschenherz aufgestiegen ist, all das hat Gott denen bereitet, die Ihn lieben. (10) Uns aber enthüllt es Gott durch Seinen Geist: denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes.

    (11) Denn wer unter den Menschen weiß, was im Menschen ist, außer dem Geist des Menschen, der in ihm ist? Also (d. h. genauso) hat auch niemand die Tiefen Gottes erkannt außer dem Geist Gottes. (12) Wir aber erhielten nicht den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott in Gnaden gewährt ist, (13) was wir auch aussprechen, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern mit solchen, wie der Geist sie uns lehrt, indem wir geistliche Dinge mit angemessenen geistlichen Worten erklären.
1Kor 2. 9 - 13

    Darum geht es hier: a) geistliche Dinge überhaupt zu erkennen, und b) geistliche Dinge auszudrücken oder, um es in den obigen Worten nachzuformulieren, geistliche Dinge mit angemessenen geistlichen Worten zu erklären. Beides geschieht nur durch den Geist Gottes, aber nie nach eigener, angelernter Weisheit und nach eigenem Vermögen (vgl. Jo 7. 15, Apg 4. 13 - 14, 2Kor 11. 6). Und so steht auch hier eigentlich beide Male pneumata, Geistesgaben! Damit finden wir also auch hier die Gnadengaben vor.

    Das ist freilich etwas anderes als jene von Menschen angelernte, schulmäßig einstudierte Schriftgelehrsamkeit, in der die Schriftgelehrten und Pharisäer auftraten und lehrten. Wir sollten hier freilich nicht richten, denn wie schnell können auch wir in eine solche Schriftgelehrsamkeit hineingeraten, wenn wir nicht achtsam sind. Aber noch nicht einmal Jesus, der Sohn Gottes, diente anders als in der Abhängigkeit von Gott, dem Vater, und damit in Seinen Gaben; wie alle Evangelien übereinstimmend bezeugen, tat Er nichts, bevor Er nicht angetan worden war mit der Kraft und Ausrüstung aus der Höhe, und bevor Gott Ihn nicht den entsprechenden Auftrag gegeben hatte (Mt 3. 13 - 17, Mk 1. 9 - 11, Lk 3. 21 - 27, Jo 1. 32 - 34). Gerade darin erzeigt sich, wie abhängig Er von dem Vater war  und blieb (Mt 4. 1 - 4ff). Und so redete Er, allezeit geführt vom Geist Gottes, mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten (wörtlich: grammatoi, Schreiber, Schriftkenner, eig. Grammatiker, s. Mt 7. 29, Mk 1. 22), so daß sich alle regelmäßig über ihn verwunderten:

    Als die Mitte der Festwoche (des jüdischen Laubhüttenfestes, Anm.) schon vorüber war, ging Jesus zur Weihestätte hinauf und lehrte. Da erstaunten nun die Juden und sagten: Wieso weiß dieser in der Schrift Bescheid, obwohl er ungelehrt ist?” Da antwortete Jesus ihnen nun: Meine Lehre ist nicht von Mir, sondern von dem, der Mich gesandt hat...”
Jo 7. 14 - 16

    Könnten wir das auch von uns sagen – „Diese Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich ausgesandt hat?” Diese Frage darf nicht überheblich gestellt werden, zeigt sie doch, daß wir von uns aus nichts können; und doch, ja gerade darum ihre Beantwortung unumgänglich; denn Jesus hat ja beschlossen, uns, Seine Jünger, genauso auszusenden, wie Er von dem Vater ausgesandt worden war (Jo 20. 21).


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Die Wirksamkeit des Heiligen Geistes als Beiseiterufer Gottes

    Von dem Vater ausgesandt –
was bedeutet dies? Bedeutet es tatsächlich, daß wir zwar den Geist Gottes erhalten, so wie Jesus diesen Geist erhalten hatte, und wir nun „kraft dieser Ausrüstung” und in Kenntnis diverser Schriftstellen einfach „loslegen” sollen, wie viele uns lange Zeit nahegelegt haben? Hier liegt ein anderer, gefährlicher Trugschluß vor, dem viele erlegen sind. Dieser Trugschluß fußt auf einem Mißverständnis des Wesens, der Wirksamkeit und der Aufgabe des Heiligen Geistes.

    Wie wir im vorigen Kapitel bereits gesehen und dies auch kurz angerissen haben, ist der Heilige Geist keine Kraft, in der wir wirken sollen. Wer so denkt oder lehrt, der hat Ihn Selbst nicht verstanden  weder von Seinem Wesen, noch von Seiner Person, noch von Seinem Dienst und Wirken her. Er weiß auch nichts von den Beziehungen, die zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist  als den drei Personen der einen Gottheit bestehen. So ist die Hauptaufgabe des Geistes eine völlig andere. Sie rührt vor allem daher, daß die Gegenwart Gottes heute – in der Regel – eine andere ist, als sie es damals war, als der Herr noch physisch unter den Jüngern weilte. Heute können wir Ihn nicht ja mehr ohne weiteres sehen oder körperlich berühren, wie dies die Jünger noch konnten (Jo 21. 24 - 29, 1Jo 1. 1 - 2). Die Gotteserfahrung war, wie das ganze Alte Testament hindurch, noch an Raum und Zeit, an einen irdischen Tempel und damit auch an einen irdischen Leib gebunden (Jo 2. 14 - 22). Offenbarte sich die Gegenwart Gottes zu jener Zeit noch leibhaftig im fleischgewordenen Sohn, so offenbart sie sich heute im Geist (1Jo 2. 26 - 27 und 4. 1 - 3). [17] Damals war der Leib des Herrn der einer einzelnen Person; heute stellt die ganze Gemeinde Seinen Leib dar, in dem der Geist wohnt und in dem Er Sich  in dessen Gesamtheit  so offenbaren will, wie Er sich damals in dem des Sohnes geoffenbart hat. Wohnte damals der Heilige Geist nur in einer Person, so wohnt Er heute in Vielen, in all denen nämlich, die geistlich wiedergeboren und damit – durch den einen Geist – zu einem Leib getauft worden sind (1Kor 12. 13). Wirkte er damals nur durch die Glieder einer einzigen Person, kann Er heute durch die vielen Millionen Glieder dieses einen Leibes wirken, den man Gemeinde nennt. Jesus hat ja die Erde verlassen; seither ist Er nicht mehr körperlich unter uns; Er werde aber den Geist senden, sagte Er, der all die Dinge, die der Vater hat, den Jüngern in Seinem Namen übermitteln würde, bis Er Selber wiederkommt (Jo 14. 16 - 18, 16. 5ff). Wir brauchen also den Geist Gottes, wenn wir verstehen wollen, was der Vater uns im Sohn zu sagen hat.


    Der Geist Gottes, und niemand anders sonst, ist also nichts anderes als der wahre Stellvertreter Jesu Christi auf der Erde. Damit ist Er auch der eigentliche, allgegenwärtige (omnipräsente) Sachwalter Gottes. Die Heilige Schrift nennt Ihn den Parakleten, worin wir gemeinhin den Tröster, den Ermahner, den Zusprecher verstehen. Diese Deutungen treffen allesamt zu, sind aber für sich gesehen jeweils viel zu flach, um Dienst und Wesen des Heiligen Geistes zu charakterisieren. Das griechische Wort parakletos bedeutet eigentlich Neben- oder Beiseiterufer; das dazugehörige Verb lautet dementsprechend parakaléo, neben- oder beiseiterufen (von para, neben und kaléo, rufen). Der Heilige Geist ist also Der, der uns nach diesem Wort zur Seite ruft, hinein in die Stille, ganz in die Abgeschiedenheit 
hinein in die Gegenwart des Vaters, in die Verborgenheit, in der der Vater wohnt (Mt 6. 6). Er ruft uns heraus aus dem Trubel und dem Getöse der Welt, auch aus der frommen Welt und öffnet uns das Ohr dafür, was der Vater uns zu sagen und zu geben hat, damit wir tatsächlich „hören, wie Jünger hören” (Jes 50. 4 - 5). Darum heißt die Gemeinde auch ekklesía, Herausgerufene; alles das, was nicht von Ihm herausgerufen ist, darf sich demnach nicht als eine solche bezeichnen. Erst in der Stille offenbart Er uns die Werke Gottes und erschließt sie uns, damit wir das Empfangene weitergeben können (Mt 10. 24 - 27, Lk 12. 2 - 3). Und erst dann, wenn wir vom Vater gehört, wenn wir die Werke, die wir ausüben sollen, bei Ihm tatsächlich auch gesehen haben, sendet Er uns aus, wie der Sohn gesandt worden war, und sagt uns, daß auch wir gehen sollen, um die Werke des Vaters den Menschen zu bringen (Jo 5. 17, 19, 20). Das ist auch der tiefere Grund dafür, weshalb der Herr Jesus die großen Menschenansammlungen mied, wo immer es Ihm möglich war; immer wieder zog Er Sich in die Einsamkeit zurück, um den Vater zu suchen und mit Ihm zu reden.

    Dies ist nicht ein immer wieder geschehender Vorgang in dem Sinne, daß wir etwas von Gott empfangen, dieses Empfangene dann nehmen und dann doch wieder in Eigenregie „damit umgehen”. Nein, dieser Vorgang, diese Leitung durch den Geist will sich ständig, ohne Unterlaß in unserem Leben ereignen. Wenn wir dies eine Zeitlang eingeübt haben, wenn wir also treuer geworden sind darin, Gott zu suchen, dann werden wir noch geübter darin sein, Seine Stimme zu hören, und dann werden wir auch im Vollzug unseres ganz alltäglichen Lebens von Ihm hören und können fortgesetzt erkennen, was Er uns sagt (vgl. Hbr 5. 14). Das werden nicht unbedingt die spektakulären Dinge sein, darum geht es nicht  manchmal ist es ein Bibelvers, der uns plötzlich aufgeschlossen wird, nachdem wir solange danach gefragt haben, manchmal ist es auch einfach nur gut zu wissen, daß Gott bei uns ist, daß Er es ist, der uns tröstet, stärkt und auferbaut.

    Jesus hatte den Jüngern im Hinblick auf Sein Leiden, Sterben und Auferstehen gesagt, daß Er diese Erde verlassen müsse; und auch sie würden gehaßt, verfolgt, aus den Synagogen ausgestoßen, ja sogar getötet werden um Seines Namens willen, so daß jeder, der sie töten würde, meinte, er vollführe einen Gottesdienst. Er aber würde den Parakleten senden, den Beistand, den Beiseiterufer, den, der ihnen die rechten Worte sagen würde. Sie aber gerieten in Betrübnis deswegen (Jo 15. 19 - 16. 6).

    Darum sagte der Herr:

    (4b) „...Zu Anfang hatte Ich euch das noch nicht gesagt, weil Ich bei euch war. (5) Nun aber gehe ich zu dem, der Mich gesandt hat, und niemand von euch fragt Mich: Wohin gehst Du? (6) Sondern weil Ich euch dies gesagt habe, hat Betrübnis euer Herz erfüllt.

    (7) Doch Ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch förderlich, daß Ich fortgehe. Denn wenn Ich nicht fortgehe, wird der Zusprecher (parakletos) nicht zu euch kommen; wenn Ich aber gegangen bin, werde Ich ihn zu euch senden...

    (12) Noch vieles hätte Ich euch zu sagen; doch ihr könnt es jetzt noch nicht ertragen. (13) Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit leiten; denn er wird nicht von sich selbst aus sprechen, sondern alles, was er hört, wird er sprechen; auch das Kommende wird er euch verkündigen. (14) Derselbe wird Mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er nehmen und es euch verkündigen. (15) Alles, was der Vater hat, ist Mein; deshalb habe ich euch gesagt, daß er es von dem Meinen nimmt und es euch verkündigen wird.”
Jo 16. 4b - 7, 12 - 15

    Merken wir jetzt, warum es so wichtig war, daß der Heilige Geist kommen sollte? Erkennen wir jetzt, warum die Apostel nichts, aber auch gar nichts unternehmen, sondern warten sollten, bis dieser Geist, dieser Zusprecher und Beiseiterufer zu ihnen gekommen war (Lk 24. 46 - 53, Apg 1. 4 - 8) und sie angetan wurden mit der Kraft aus der Höhe? Denken wir immer daran, wenn wir diese wohlbekannte Fügung gebrauchen: Hier ging es nicht ausschließlich um diese Kraft, die der Geist Gottes mit Sich bringen würde; hier ging es vor allem um den Geist Selbst als Den, Der sie in alle Wahrheit leiten und ihnen damit allezeit auch den Weg zeigen würde, den sie fortan zu gehen hätten. Gleichwie Jesus, ihr Herr, einst angetan und erfüllt worden war mit dem Geist des Vaters, so sollten auch sie nun mit demselben Geist angetan und erfüllt werden, um fortan aus Ihm zu leben und zu wirken. „Wie Mich der Vater gesandt hat, so sende ich auch euch, hatte der Meister ja betont.

    „...Dann will Ich den Vater ersuchen, und Er wird euch einen anderen Zusprecher (parakletos) geben, damit er für den Äon bei euch sei; den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht erhalten kann, weil sie ihn nicht schaut noch kennt; ihr aber erkennt ihn, weil er bei euch bleiben und in euch sein wird. Ich will euch nicht als Verwaiste zurücklassen; Ich komme zu Euch.”
Jo 14. 16 - 18

    Und so ist es dann auch nur folgerichtig, daß dieselbe Wirklichkeit auch in den ersten Aposteln zustande kam, die in der Kraft und Abhängigkeit Gottes das Evangelium verkündigten, Menschen heilten und ihnen – in dem Namen, der über alle Namen ist – Befreiung vom Joch des Feindes brachten. Lesen wir, was geschah, als Petrus sprach, mit dem Heiligen Geist erfüllt:

    (11) ...Dieser Jesus ist der Stein, der von euch, den Bauleuten verschmäht wird; der ist zum Hauptstein der Ecke geworden! (12) Und in keinem anderen ist die Rettung, denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der unter Menschen gegeben worden ist, in welchem wir gerettet werden müssen.”

    (13) Als sie den Freimut des Petrus und Johannes schauten und es erfaßten, daß sie ungeschulte und ungelehrte Menschen seien, waren sie erstaunt. Sie erkannten sie auch als solche, die mit Jesus zusammen gewesen waren. (14) Da sie den Mann, der geheilt worden war, bei ihnen stehen sahen, hatten sie nichts zu widersprechen.
Apg 4. 11 - 14

    Hier wird die geistgeleitete Verkündigung des Evangeliums – nicht von den Aposteln, sondern von Gott her! – mit der Ausübung der Gabe der Heilung (vgl. 1Kor 12. 9, 28) verbunden.



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Gnadengaben – vom Geist gewirkte Gnade

    Auch Paulus, der von Natur aus alles andere als redegewandt war, mußte sich allerorts auf die vom Geist gewirkte Gnade verlassen:

   Wenn ich auch wohl ungelehrt im Ausdruck bin, so doch nicht in der Erkenntnis; sondern in jeder Hinsicht sind wir für euch in allem offenbar geworden.
2Kor 11. 6

    Der Apostel, der doch bei dem berühmten Schriftgelehrten Gamaliel studiert hatte (Apg 22. 3), achtete all das für Auskehricht, um Christus zu gewinnen (Phil 3. 7ff). Der Leser möge beachten, daß diese Aussage sich nicht gegen eine gute, biblische und geistgewirkte Theologie wendet, die wir nicht hoch genug schätzen können und auch sollten. Daß überdies selbst Gamaliel eine große Weisheit besaß, die durchaus ihre Frucht hervorbrachte, das vermag der Bericht der Apostelgeschichte recht eindrucksvoll aufzuzeigen (Apg 5. 34 - 39). Aber wie eine bloße Schriftgelehrsamkeit an sich kein Indiz dafür ist, daß eine Lehre grundsätzlich falsch ist, so ist auch eine grundsätzlich richtige Lehre kein schlüssiger Beweis dafür, daß sie geistgewirkt, d. h. von Gott gekommen ist. Paulus tadelt jenes Schriftwissen ausdrücklich nicht; ja, er sagt sogar, daß er auf diesem Wege untadelig geworden sei – nach dem Gesetz (Phil 3. 6). Aber eine solche Untadeligkeit genügt eben nicht, wenn es darum geht, Christus nachzufolgen und die Werke zu wirken, die Er gewirkt haben will – wir benötigen eine daseinsmäßig ganz andere, bessere Gerechtigkeit als die der Schriftgelehrten und Pharisäer (Mt 5. 20). Darum geht es bei der Schriftgelehrsamkeit auch weniger um den Inhalt, als vielmehr um das Wesen des Angestammten als dem des Vermittelten; darum, ob eine solche Schriftgelehrsamkeit nicht doch lediglich Wissen vermittelt, das letztlich doch nicht von dem Baum des Lebens, sondern von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen stammt (s. 1Mo 2. 16 - 17).

    Zwischen diesen beiden Wesenheiten liegen Welten. Uns mag ein solches Unterscheiden zwar als geringfügig vorkommen. Das ist es aber nicht bei Gott. Es sind genau diese Dinge, die darüber entscheiden, auf welcher Seite wir uns befinden, ob wir unsere Kräfte aus dem Licht der Gegenwart Gottes beziehen – oder aus der Finsternis, als dem Angestammten der Elemente dieser Welt (Ga 4. 3, 8 - 11). Gott geht es dabei nicht so sehr darum, daß wir uns Wissen aneignen, sondern es geht Ihm um die Beziehung, um die Vereinigung und das Leben mit und aus Ihm. Es ist nicht das Vertrauen auf die eigene Kraft, die sich in der Anwendung von angelerntem Wissen oder auch einmal gemachter Erfahrung erschöpft, die Gott haben will, sondern das beständige Vertrauen auf Ihn als einen lebendigen und im persönlichen Leben gegenwärtigen Gott. Und so war es nicht jene Schriftgelehrsamkeit, in der Paulus auftrat und auf die er baute, sondern er setzte alles auf die Gnade dieses in seinem Leben gegenwärtigen Gottes, und damit auch auf die Erweisung Seiner Kraft, so daß er schließlich sagen konnte:

    In meinem Dienst für die Sache Gottes habe ich folglich das Rühmen nur in Christus Jesus. Denn ich möchte nicht wagen, von etwas zu reden, was nicht Christus durch mich ausgeführt hat, um die Nationen zum Glaubensgehorsam zu führen durch Wort und Werk, in Kraft der Zeichen und Wunder, in Kraft des Geistes Gottes, so daß ich von Jerusalem bis ringsumher bis nach Ilyrien das Evangelium des Christus völlig ausgerichtet habe.
Rö 15. 17 - 19

    Paulus hielt all diese von Gott geschenkten Gaben jedenfalls für so wichtig, daß er immerhin vier größere Abschnitte seiner Briefe und mehr allein für die Erörterung dieser Thematik verwendet hat (Rö 12. 3 - 8, 1Kor 12. 1 - 31, 1Kor 14. 1 - 40, Eph 4. 1 - 16). Dabei beschränken sich bei ihm die Gnadengaben nicht nur auf die klassischen Redegaben oder auf die Geistesgaben (d. h. die sog. Offenbarungsgaben) an sich. Die Fähigkeit zur Ehe wie die zur Ehelosigkeit z. B. werden ebenso beide von Gott geschenkt und sind darum nach Paulus ebenfalls Gnadengaben (1Kor 7. 7). Auch in den späteren, persönlichen Briefen finden wir bei ihm die Erwähnung der Gaben vor; so soll etwa Timotheus die Gnadengabe nicht vernachlässigen, die ihm durch Auflegung der Hände seitens der Ältestenschaft gegeben wurde (1Tim 4. 14); er soll sie wieder anfachen (2Tim 1. 6). Hier geht es offenbar um die Gabe des Lehrens (vgl. u. a. 1Tim 4. 4. 10, 13, 16). Auch Petrus sieht diese Frage keineswegs anders und spricht ganz unmißverständlich von den Gaben, mit denen wir einander dienen sollen, wobei er sich hier nicht nur auf die Gnadengabe bezieht, gastfrei zu sein, sondern auch auf das Reden der Aussagen Gottes und auf das Vermögen, das Gott zum Dienst (diakonia) darbietet (1Ptr 4. 10 - 11). [18] Jede einzelne Gabe soll in den Leib einfließen, soll zur gemeinsamen Erbauung dienen (1Kor 14. 26). Denn wenn die Gemeinde nicht nach dem Willen und Muster Gottes auferbaut werden kann, dann kann und wird sie auch nicht vollendet werden. So ist auch das ein erheblicher Trugschluß, auch nur anzunehmen, daß wir ohne die Geistesgaben auskommen könnten! Sie sind der Gemeinde von Gott nicht nur gegeben, sondern verordnet worden, weil sie für ihre gesunde Entwicklung hin zur Reife, zum Mannesalter und zum Maß des Vollwuchses der Vervollständigung des Christus notwendig sind (s. Eph 4. 7 - 16). 

    So schreibt Paulus an die Korinther:

   Eifert zwar nach euren geistlichen Gaben, doch dabei mehr danach, daß ihr prophetisch reden möget.
1Kor 14. 1

    Auch hier haben wir eine klare Weisung vorliegen! Nichts weniger als Gottes Wort selbst, schriftlich niedergelegt durch den Apostel, sagt uns hier, daß wir nach unseren – d. h. den uns gegebenen – geistlichen Gaben eifern sollen. Luther hatte noch den Begriff „fleißigen” geprägt; „fleißiget euch der geistlichen Gaben, übersetzte er sehr folgerichtig, [19] d. h. wir sollen fleißig darin sein, die Gaben zu betätigen; wir dürfen sie nicht nur nicht vernachlässigen, sondern sollen darin besonders eifrig sein, indem wir Kraft, Zeit und Ausdauer in sie investieren. Das Griechische aber geht sogar noch einen Schritt weiter; es schreibt hier zeloo, sieden. So sehr sollen wir um die Gaben eifern, daß wir darin nicht kalt, nicht lau, sondern heiß, siedend sind.

    Und – noch darüber hinaus – sollen wir vor allem danach trachten, daß wir prophetisch reden könnten. Warum ist dieses prophetische Reden so sehr wichtig? Wir haben es ja mit Anweisungen für eine Gemeindeversammlung zu tun; da geht es darum, daß unsere Aussagen auch verstanden werden; es geht in der Versammlung nicht so sehr darum, daß wir uns auferbauen, sondern daß der Bruder und die Schwester neben uns erbaut werden. Wir aber sollen sie das Amen sagen, wenn unser Reden sich etwa nur in unverständlichen Zungen erschöpft? Da werden wir wohl fein auferbaut; aber unser Nächster geht leer aus. Es geht also immer zuerst um den Bruder und die Schwester neben uns; es geht um die Zuwendung, die ihnen zugute kommt; kurzum – es geht um die Liebe.



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Vom Weg der Liebe oder: Was ist das Vollkommene, das kommen soll?

    So hat der Apostel eben nicht nur geschrieben, daß wir um die Gaben eifern sollen. Er sieht das Ganze vielmehr in einem großen Kontext der Liebe Gottes, die sich in und durch uns ausdrücken, in und mit den von uns betätigten Gaben zu jedem Einzelnen fließen soll. Ja, wir können sogar sagen, daß es nach seinem Verständnis Geistesgaben ohne diese Liebe nicht geben kann. Aber auch der Umkehrschluß ist richtig: Die Liebe braucht diese Gaben, um sich dem Christuskörper gemäß – nach dem, was jedes einzelne Glied dieses Körpers benötigt – in der rechten Weise ausdrücken zu können. Wer also die Liebe ausklammert, der klammert mit ihr auch die Gnadengaben aus; und wer die Gnadengaben verwirft, der verwirft mit ihnen – in letzter Konsequenz – zugleich auch die Liebe.

    Darum schreibt der Apostel beides, und nur die später hinzugekommene Verszählung vermag uns ein wenig darüber hinwegzutäuschen, daß er dies in einem Atemzuge schreibt, weil beides tatsächlich untrennbar zusammengehört:


Jaget... der Liebe nach. – Eifert... nach euren geistlichen Gaben...
1Kor 13. 13, 14. 1

    In diesem Spannungsbogen befinden sich die Aussagen, mit denen wir uns beschäftigen wollen. Ja, es ist gut, wenn wir uns verinnerlichen, daß Paulus, bevor er zu den Erörterungen des vierzehnten Kapitels kommt, die einander hingebende Liebe, die agape, so sehr in die Mitte rückt. Dabei wird deutlich, daß es die Gaben ohne diese Liebe nicht gibt, wenn es wirklich Gaben des Geistes sein sollen, und jene haben unrecht, die zwar die Gaben betonen, jedoch die Liebe dabei vernachlässigen. Beide gehören eng zusammen und bedingen einander. Man hat in der Vergangenheit beides, die Liebe und die Geistesgaben, oft gegeneinander auszuspielen versucht und gesagt, daß die Liebe ein den Geistesgaben vorzuziehender Weg sei. Nein; dieser Meinung ist Paulus nicht; er beschreibt die Liebe, die er als Grundthema, sozusagen als „Grundtenor mitten hinein in seine Abhandlungen über die Geistesgaben setzt, genau zwischen das zwölfte und vierzehnte Kapitel, als den einzig gangbaren Weg, auf dem die Gaben des Geistes ihre Wirkung entfalten und ausrichten können, wozu Gott sie gegeben hat:


(12. 31b) ... eifert nun nach den größeren Gnadengaben! Und dazu zeige ich euch einen noch überragenden Weg:

(13. 1) Wenn ich in den Zungen der Menschen und der himmlischen Boten spräche, aber keine Liebe hätte, so wäre ich wie ein klingender Kupfergong oder wie eine schmetternde (o. kreischende) Cymbel. (2) Und wenn ich Prophetenwort hätte und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnis, wenn ich all den Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen könnte, aber keine Liebe hätte, so wäre ich nichts. (3) Und wenn ich all meinen Besitz austeilen und wenn ich meinen Körper dahingeben würde, um mich dessen zu rühmen, aber keine Liebe hätte, so würde es mir nichts nützen.

(4) Die Liebe ist geduldig (o. langmütig), sie ist gütig; die Liebe ist nicht eifersüchtig (o. eifernd, eig. zeloo, siedend), die Liebe ist nicht ruhmredig und macht nicht aufgeblasen. (5) Sie ist nicht unschicklich und sucht nicht das Ihre; sie läßt sich nicht aufstacheln und rechnet das Üble nicht an. (6) Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der Wahrheit. (7) Alles (andere: immer) gibt sie auf, alles (immer) glaubt sie, alles (immer) erwartet sie, alles (immer) erduldet sie. (8) Die Liebe wird niemals hinfällig. Seien es Prophetenworte, sie werden abgetan, oder Zungenreden, sie werden aufhören, oder Erkenntnisworte, sie werden abgetan. (9) Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem Bruchteil und prophezeien aus einem Bruchteil. (10) Wenn aber die Reife kommt, wird das aus dem Bruchteil abgetan werden.


(11) Als ich noch unmündig war, sprach ich wie ein Unmündiger, und ich schätzte alles so ein wie ein Unmündiger. Als ich aber ein Mann wurde, habe ich die Dinge der Unmündigkeit abgetan. (12) Denn bis jetzt erblicken wir sie wie durch einen (Kupfer-)Spiegel, in Dunkeldeutung, dann aber wie von Angesicht zu Angesicht. Bis jetzt erkenne ich nur aus Bruchteilen, dann aber werde ich so erkennen, wie auch ich erkannt worden bin. (13) Von nun an bleiben Glaube, Erwartung, Liebe, diese drei. Doch die größte von diesen ist die Liebe; jaget daher der Liebe nach!
1Kor 12, 31b - 13. 13

    Ohne die Liebe mögen wir wohl Geräusche von uns geben; doch sind wir nichts anderes als bloße, von außen angerührte Musikinstrumente, die einen Ton, ein Echo geben (wörtlich echéo) sagt Paulus im ersten Vers. Aber in uns selber bleiben wir tot – wie das Schmettern jener Cymbel, die der Apostel anschließend anführt und deren Geräusch – grie. alalazo – tatsächlich an das Gekreisch, an das schrille, selbst forcierte alala der orientalischen Totenklage erinnert. Hier haben wir wieder das Gegenteil jenes lebendigen Opfers vorliegen, das Gott von uns haben will und von dem wir oben gesprochen haben; und das erklärt dann auch den Weg, auf dem die vielen Verirrungen auf diesem Gebiet stattgefunden haben (Rö 12. 1 - 2). Wir wollten das Leben, und auf das Leben beriefen wir uns sogar – aber gelandet sind wir im Tode. Statt unser Leben Gott zum Opfer zu geben und diesem Opfer gemäß zu leben, nicht in Eigenregie, sondern aus Ihm heraus, haben wir uns an Menschen gehängt und sind falschen Prophetien nachgelaufen, deren zwanghafte Vorstellungen uns in ihren Bann zogen. Wir verließen den Weg der Liebe, der ja immer ein Weg der Beziehung ist, und suchten den des Erfolges. Dazu haben wir versucht, Seinen Geist uns verfügbar zu machen und Seine Gaben an uns zu reißen. Das konnte nicht ohne Folgen bleiben. Das willkürliche Anzapfen und Forcieren geistlicher Kräfte, das Anwenden von Prinzipien und Gesetzen, wie es in diversen Kreisen heute so „in” ist, hat Gott uns strikt untersagt; es hat mit der Liebe nichts zu tun; es kommt Ihm zuvor und führt darum zuletzt in okkulte Phänomene, d. h. in die Zauberei hinein, die heute so viele unserer Geschwister in teils schwerster Gebundenheit gefangenhält. So offenbart sich dies als ein völlig falscher Weg. Es geht Gott nicht um das möglichst korrekte Ausführen geistlicher Gesetze, sondern immer um die Beziehung!

    Der Grund für all diese Dinge läßt sich dementsprechend zurückführen auf unsere Weigerung, in der Liebe zu wandeln, und damit in der Verbindung mit Gott zu bleiben, aber auch mit unserem Nächsten. Die Liebe Gottes ist ja ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist; sie wirkt also von innen heraus, nie von außen (Rö 5. 5). Und darum sind wir ohne diese Liebe nichts, was auch immer wir ohne sie tun wollen; wir bleiben im Äußerlichen, was weder uns, noch anderen etwas nützt. Ganz im Gegenteil – wir werden zu Schadenstiftern, weil wir ja einerseits von Gott getrennt sind, der ja die Liebe ist (1Jo 4. 16), und andererseits auch nicht mehr den Bruder und die Schwester im Blick haben, für die die Gaben bestimmt sind (1Kor 12. 7). Statt dessen versuchen wir immer wieder, von uns selbst aus in die geistliche Welt einzugreifen, und dann werden wir auch noch stolz und aufgeblasen über dem, was wir da gerade angerichtet haben. So sind wir wie kleine Kinder geworden, die auf irgendwelchen Gegenständen herumhämmern und sich an den Tönen ergötzen, die dabei herauskommen, ohne zu wissen, was wir eigentlich tun. Das ist das eigentliche Dilemma der heutigen charismatischen Bewegung, als deren Teil ich mich verstehe, und ich sage dies nicht ohne Schmerz.

    Paulus sagt nun jedoch nicht, daß die Liebe ein Ersatz für die Gnadengaben sei, wie auf der anderen Seite immer wieder behauptet wird. Er versteht die Liebe also nicht als einen bloßen Weg, der über die Gnadengaben hinaus führen, d. h. bereits heute an ihre Stelle treten und sie damit überflüssig machen würde. Das meint der Apostel eben gerade nicht. Und doch sind die meisten Ausleger immer wieder in die Falle getappt, die sie dazu verleitete, die Liebe von den Geistesgaben zu trennen und beides gegeneinander auszuspielen. Wie schon die Früchte des Geistes, so bestehen jedoch auch Seine Gaben nicht jenseits, sondern in der Liebe. Sie sind geradezu ein Ausdruck der Liebe Gottes und des Verbundenseins mit Ihm (vgl. Jo 15. 1 - 11). Darum mahnt Paulus die Korinther in gerade diesem Zusammenhang, nach den größeren Gaben zu eifern (1Kor 12. 31, 14. 1, 2). Wir werden uns noch damit auseinanderzusetzen haben, welche Gaben das sind und in welcher Beziehung sie zu den anderen stehen.

    Dazu aber, damit sie in diese größeren Gaben tatsächlich auch hineinkommen, hält Paulus den Weg der Liebe – und zwar
ausschließlich diesen Weg – für unabwendbar. Die Liebe ist jedoch nicht nur Weg, sie ist auch Ziel. Die Vollendung aber der Anweisung ist Liebe aus reinem Herzen”, wird er sehr viel später an Timotheus schreiben (1Tim 1. 5). Dem Apostel geht es ja gerade darum, daß wir insgesamt aus all dem Kindischen, Unfertigen und dem Beharren auf diesem Unfertigen herauswachsen, bis wir aus der Unmündigkeit herausgekommen und – als Körper des Christus gesehen – zum gereiften Mann geworden sind. Diese Reife, diese Vollkommenheit aber entsteht nicht nur durch die Liebe, sondern sie ist wiederum die Liebe selbst. Jesus sagt: Dies ist Mein Gebot, daß ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. Größere Liebe kann niemand haben als die, daß jemand seine Seele für seine Freunde hingibt”, d. h. seine Seele, sein Leben also mit ihnen tatsächlich auch zu teilen vermag (Jo 15. 12 - 13). Dieser Zusammenhang ist in weiten Bereichen bis heute nicht verstanden worden. Darum spricht Paulus am Ende davon, daß die Liebe nicht nur die Größte ist, sondern (mit dem Glauben und der Hoffnung zusammen) auch bleiben wird (1Kor 13. 13). Andernorts mahnt er wiederum eindringlich dazu, die Liebe über allem anderen anzuziehen – auch hier haben wir unseren alles überragenden Weg wieder! –, und nennt sie zugleich das Band der Vollkommenheit (Kol 3. 12 - 14). Und als ob dies noch immer nicht ausreichte, uns davon zu überzeugen, daß die Liebe nicht nur die größte, sondern auch das Vollkommene und damit der Inbegriff der Vollkommenheit an sich ist, wird Johannes davon schreiben, daß Gott Selbst die Liebe ist (1Jo 4. 8, 12).


     Und so hat man gerade die letzten Sätze unseres Kapitels, nachdem man das ganze Kapitel schon nicht verstanden hat, immer wieder dazu mißbraucht, um aus ihm herleiten zu können, daß die Zeit der Geistesgaben aufgehört habe, da ja nun das Vollkommene gekommen sei, wobei die Gnadengaben als das Unvollkommene, der zur Zeit des Apostels noch nicht vollständige Schriftkanon aber als das Vollkommene umgedeutet worden sind (überzogener Dispensationalismus, Cessationismus). 
[45] Damit aber rechtfertigt man zuletzt nichts anderes als seine eigene bloße Schriftgelehrsamkeit, die so in den Rang eines Vollkommenen erhoben wird. Wie gefährlich diese Irrlehre ist, zeigt sich nicht nur an ihrer Verführungsmacht, der viele anheimfallen, nachdem sie dem anderen, dem pseudo-charismatischen Extrem gerade erst entronnen sind. Sie entlarvt sich auch als eine – und das gerade unter dem Deckmatel einer vorgeblich besonderen Bibeltreue! – geschickt eingefädelte Form rationalistischer Bibelkritik, die vielen verborgen bleiben muß, weil sie immer gut begründet und mit den jeweils „richtigen” Bibelstellen versehen worden ist. Zugleich aber zeigt sich hier auch scheingeistlich verbrämter Hochmut in seiner übelsten, weil sich rechtgläubig gebärdenden Form, der sich seines Unverständnisses auch noch rühmen will, indem er sich zu seiner eigenen Rechtfertigung nicht zuletzt auch der Fehler anderer bedient. Und diese Fehler braucht er auch, er muß regelrecht nach ihnen suchen, weil er von ihnen lebt, da er gar nicht bestehen könnte ohne sie. Diese Fehlersuche bedient mittlerweile eine ganze Medienindustrie.

    Solche Zeitgenossen, die in dem Wahn leben, daß Gott sie dazu berufen habe, bei anderen die Fehler herauszufinden und herumzukritisieren, gibt es gar nicht so wenige. Sie sind nicht etwa nur in einer ganz bestimmten Richtung auszumachen. Wir finden sie überall; in jeder Konfession sind sie präsent. Einige von ihnen haben es bis auf den christlichen Büchermarkt geschafft und finden dort reißenden Absatz. Ein solcher behauptete einmal allen Ernstes, Gott habe ihm gesagt, er solle andere Kirchen auf ihre Fehler hin untersuchen, was er nun seit Jahren fast ausschließlich tue. Ein anderer verbreitete sogar, daß Gott ihn zum Richteramt berufen habe! Nun, eine Gabe, andere zu kritisieren oder gar eine Berufung Gottes zum Richteramt finde ich im Neuen Testament nicht. Hier offenbart sich nicht nur eine nicht unerhebliche Schwärmerei, hier zeigt sich auch ein ganz massiver Richtgeist, gepaart mit Anmaßung, Hochmut und falscher Prophetie. Aber auch das ist eine Verführung, die in den Tod führt. Gott hat das Gericht nicht uns, sondern Jesus, dem Sohn übergeben (Jo 5. 22, 27). Und noch nicht einmal der Herr richtet aus Sich Selbst – sondern nur so, wie Er von dem Vater hört, so richtet Er (Jo 5. 30). Das Gericht, das immer auch ein Sichten, Ordnen und Reinigen beinhaltet, findet ja nicht heute, sondern erst am Ende dieses Zeitalters statt. Aber auch hier sind es nicht Menschen, die dieses Sichten, Ordnen und Reinigen ausführen, sondern es sind die Engel, die auf den Befehl des Herrn hin ausgesandt werden (Mt 13. 24 - 30). So hat auch an dieser Stelle der Mensch das an sich gerissen, was ihm nicht gehört  in die Hände der falschen Person, zur falschen Zeit und am falschen Ort. Damit aber zeigt der, der den Splitter aus dem Auge seines Bruders herausziehen wollte, daß er den Balken in dem eigenen übersehen hat; er befindet sich mit dem, den er doch zu kritisieren sucht, in ein und derselben Sünde (Mt 7. 3 - 5). Indem er mit dem einen Finger zeigte, weisen alle anderen Finger zurück auf ihn.

    Hier erzeigt sich, daß der Weg, den man doch gehen zu wollen vorgab, gerade verlassen worden ist, denn die Liebe freut sich zwar mit der Wahrheit, doch sie deckt auch eine Menge Sünden (1Kor 13. 5, 1Ptr 4. 8). Die Liebe wird nie auf Fehlersuche bei anderen gehen – das ist ihrem ganzen Wesen vollkommen zuwider (1Kor 13. 4 - 7). Wenn der Bruder fehlt, dann nimmt sie ihn beiseite, redet persönlich mit ihm – und tritt fürbittend für ihn ein (s. Lk 17. 3f, Ja 5. 13 - 20). Hier finden wir auch jenes demütige, liebevolle, aber auch bestimmte parakaléo, jenes Beiseiterufen in die Verborgenheit wieder, die Eigenschaft, die den Geist Gottes so sehr auszeichnet und von der wir im fünften Kapitel gesprochen haben. Statt den Bruder in die Öffentlichkeit zu zerren und ihn bloßzustellen, baut die Liebe ihm eine Brücke, damit er die Trennung überwinden kann, die seine Sünde verursacht hat. Die Liebe kehrt die Sünde nicht unter den Tisch; nie aber würde es ihr einfallen, sich an ihr zu ergötzen und sie zu mißbrauchen, um am Ende besser und größer dazustehen als jener, den sie gerade kritisiert hat. Das schon sprichwörtliche, öffentliche „Waschen schmutziger Wäsche”, wie es heute leider so oft geschieht, ist ihre Sache nicht. Viel eher wird sie eine Person, die gefehlt hat, vor der Öffentlichkeit zu verbergen suchen, damit ihre Fehler einerseits niemand anderem zum Fallstrick werden können, und andererseits, damit ihr genügend Zeit gelassen wird, sie abzustellen und die Angelegenheit ausheilen zu lassen. All das ist mit dem Bedecken der Sünde gemeint! So ist auch hier die Liebe auf den Nächsten gerichtet; und immer hat sie für ihn das Gute, das Lindernde, das Wohllautende im Blick (2Kor 10. 1, Eph 4. 29 - 32, Phil 4. 5, 8).


    Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen – immer und überall haben wir es mit der Liebe zu tun, und damit immer wieder auch mit ihren Gaben! Aber all das zeigt auch, in welche Falle wir hineingeraten können, solange wir nicht wirklich gewillt sind, uns mit der Frage der Geistesgaben auch einmal konstruktiv auseinanderzusetzen. Wir meinen, daß wir es uns leisten könnten, in unserer Oberflächlichkeit zu verbleiben; denn wenn es keine Geistesgaben mehr gibt, wie behauptet wird, dann braucht man sich auch nicht mehr die Mühe zu machen, auf den Inhalt, d. h. auf die Einzelheiten und Zusammenhänge dessen einzugehen, was Paulus hier beschrieben hat. Wir können auf die ganze theologische Arbeit verzichten, wir brauchen noch nicht einmal viele Bibelstellen dazu – und mit ihr können wir uns das uns oft so unbequeme Ändern unseres Denkens und unseres ganzen Wesens ersparen, die ein solches ernsthaftes Arbeiten gerade auch in diesen Fragen mit sich brächte. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum. 

    Obwohl Paulus von der Vollmacht wußte, die ihm gegeben war, um das Wort Gottes zu vervollständigen (Kol 1. 25), wäre er doch nie auf die Idee gekommen, den Korinthern zu erkären, daß Gott vorhabe, die Geistesgaben eines fernen Tages mit einem noch zu erschaffenden Schriftkanon ersetzen zu lassen. Zwar war der Apostel ein Verfasser vieler maßgeblicher Schriften des Neuen Testamentes, aber er war bei weitem nicht der einzige unter denen, denen wir heute große Bestandteile des Wortes Gottes zu verdanken haben. Hier sehen wir, wie irrig diese Auffassung schon von ihrer ganzen theologischen Substanz her eigentlich ist. Ja, Gottes Wort ist vollkommen, wie nur irgend etwas vollkommen sein kann. Das sagt es von sich selber, und das ist auch meine zutiefst innerste Überzeugung, auch wenn ich nicht alles verstehe. Aber das ist ein ganz anderer Zusammenhang, und das meint der Apostel hier nicht. Dann müßte ja auch das Stückwerk in der Form, daß nicht jeder alle Erkenntnis hat, aufgehört haben, und die vielen Streitereien um die richtige Bibelauslegung hätten endlich ein Ende. Ich sage nun nicht, daß wir streiten sollen; ein Diener Gottes soll zur Wahrheit stehen, aber nicht zanken (2Tim 2. 24, 4. 2). Diese Auseinandersetzungen aber sind nun jedoch auch der letzte Beweis dafür, daß wir noch nicht im Vollkommenen angelangt sind; wir alle vermögen noch nicht klar genug zu sehen und sind in unserer Erkenntnis begrenzt. Deshalb haben wir ja auch die Andeutung des Apostels, daß wir zwar sehen können, doch schauen wir dabei nur wie in einen jener Metallspiegel (esoptron) seiner Zeit, die zwar ein Spiegelbild erzeugen, es jedoch nur dunkel und nicht ohne Verzerrungen, wie im Rätsel wiederzugeben vermochten (1Kor 13. 12).

    Denn bis jetzt erblicken wir sie wie durch einen Spiegel, in Dunkeldeutung, dann aber wie von Angesicht zu Angesicht. Bis jetzt erkenne ich nur aus Bruchteilen, dann aber werde ich so erkennen, wie auch ich erkannt worden bin. Von nun an bleiben Glaube, Erwartung, Liebe, diese drei. Doch die größte von diesen ist die Liebe; jaget daher der Liebe nach!
1Kor 13. 12 - 13

    Welchen Zeitpunkt beschreibt das hier vorliegende „von nun an”? Ganz klar – es beschreibt den Zeitpunkt des Endes der Erkenntnis „aus Bruchteilen” und – „dann aber” – des Beginns der Erkenntnis nach der Maßgabe, „wie auch ich erkannt worden bin”: nicht mehr in Dunkeldeutung, im Gleichnis und Rätsel, sondern vollkommen klar, unverhüllt, von Angesicht zu Angesicht. Wie wir sehen, ist die Zeit, so erkennen zu dürfen, ganz eindeutig „bis jetzt” noch nicht gekommen. 

    Dennoch läßt man nichts unversucht, irgendwie doch noch seine alte schwärmerische Ersatzlehre, nach der der Bibelkanon die Gaben abgelöst habe, geltend zu machen und unters staunende Volk zu streuen, das kaum der einen Irrlehre entronnen, schon wieder der anderen zum Opfer fällt. Und man ist durchaus erfinderisch in der Darlegung dessen, daß nach solchem Diktus nicht sein könne, was nicht sein dürfe. Daß der Herr den Seinen gemäß Mk 16. 17ff verheißen hat, daß all diese Dinge u. a. den Glaubenden als ihrem Wort nachfolgende Zeichen folgen würden, interessiert solche dabei freilich nicht. Dabei sind wir beileibe nicht in dem Irrtum befangen, daß man ein so komplexes Thema nur an dieser einzigen Schriftstelle aufhängen darf. Während einige jedoch diese Worte als nicht zur gültigen Überlieferung zugehörig betrachten und damit gleich ganz aus der Bibel streichen wollen, behaupten andere, daß sie nur den Elfen gegolten hätten, weil ja nur diese anwesend gewesen seien, als Jesus sie sagte. Nach solchem Diktus wäre dann allerdings auch das Herrmahl obsolet, da es ja zunächst auch nur dem Kreis der Zwölf überliefert worden war. Warum nur hat Paulus es dann in seinen Briefen aufgenommen? Und auch den Missionsbefehl nach Mt 28. 18 - 20 und Mk 16. 15 - 18 dürften diese dann (konsequenterweise) nicht mehr als gegenwärtigen Auftrag betrachten und viels andere mehr. Nun hat der Apostel Paulus danach sowohl die Aussagen über das Herrnmahl, als auch über die Gnadengaben bestätigt, indem er beide aufgenommen und als Lehrgegenstand jeweils erörtert hat. Daß Paulus Menschen über den rechten Gebrauch der Gnadengaben zu unterweisen sucht, denen sie nach solcher Lehre angeblich gar nicht mehr gelten sollen, vermag sich mir nicht zu erschließen. Auch wäre es blanker Unsinn, wollten wir den Missionsbefehl als einen heute nicht mehr aktuellen begreifen. Und so sagt der Herr ebenso ausdrücklich, daß diese Verheißung denen gilt, die glauben  nicht nur den Jüngern also, die gerade versammelt sind, sondern auch jenen, die durch deren Wort an Ihn glauben würden. Daß der Passus „die, die glauben” tatsächlich auch alle die umfaßt, die glauben, ist dann nur folgerichtig, es sei denn, wir hätten Schwierigkeiten mit dem logischen Denken.

    Der Leugnung dieser Zusammenhänge entspricht jedoch die cessationistische Irrlehre, [45] daß Zeichen und Wunder allein den zwölf „Aposteln des Lammes” (s. Off 21. 14) vorbehalten gewesen seien, und es nach Paulus keine weiteren Apostel mehr geben dürfe, da Jesus in Seiner Erdenzeit nur diese berufen habe (s. Mt 10. 2 - 4). Nun ist es zwar richtig, daß die zwölf Apostel der letzte von ihnen war Paulus als unzeitliche Geburt – so nicht wiederkehren werden, da sie den Herrn gesehen haben mußten (1Kor 15. 5 - 8) und es ihnen oblag, das Wort Gottes zu vervollständigen (Kol 1.25f), und damit den Grund der Gemeinde zu legen. Dennoch benennt die Schrift noch weitere Apostel, so „Andronikus und Junias, die bedeutend sind unter den Aposteln... die schon vor mir in Christus waren” (!) (Rö 16. 7), wie Paulus sagt, und „Epaphroditus, den Apostel” im Philipperbief (2. 25). Hier werden die Apostel des Lammes mit anderen Aposteln schlicht verwechselt, um letztere dann zu unterschlagen, und gleichzeitig zu erklären, daß es keine Apostel mehr gäbe. „Apostel” heißt jedoch nichts anderes als „Gesandter, Beauftragter”, ganz gleich, zu welchem Zweck. Daß es bis zur Vollendung des Leibes Christi auch weiterhin Apostel geben wird (der Satz steht im Aorist) weil diese, neben den im selben Atemzug genannten Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern zu derselben Vollendung unumgänglich sind, bezeugt Epheser 4. Verse 11 - 14. Daß einige selbst diese Aussagen noch ablehnen, zeigt das Ausmaß ihrer Verblendung, da sie uns – in schier maßlosem Stolz – glauben machen wollen, wir seien schon in der Einheit des Glaubens und der Vollerkenntnis des Sohnes Gottes, [20] der vollen Mannesreife, dem Vollmaß des Wuchses in der Fülle (Vervollständigung) Christi angekommen, zu dem uns der Dienst dieser Gaben ja führen soll. Zudem wird behauptet, daß Zeichen und Wunder zum Grundlegen dazugehört hätten, wobei man das Grundlegen wiederum allein auf die Lehrgrundlagen der Gemeinde bezieht, als seien diese für jeden Menschen automatisch schon vollzogen.

    Hier tritt uns wiederum der Kunstgriff diabolischer Verwirrung in der Vermischung von Gutem mit Bösem entgegen. Ja, zum Grundlegen, wie es nur im missionarischen Dienst geschehen kann, gehören Zeichen und Wunder. Das ist soweit richtig. Hier bezieht man diesen Grund jedoch ausschließlich auf die Zeit der Entstehung des Bibelkanons, und will damit  gewissermaßen übersehen machen, daß jeder Mensch, der den Herrn noch nicht kennt, dieser Grundlegung in seinem Herzen auch heute noch bedarf. Wir wissen ja, was dieser Grund ist: er besteht in der Offenbarung, daß Jesus, der Retter (von Jeschua = Jahwe rettet) der Christus ist. Paulus läßt in Rö 15 keinen Zweifel daran, daß dieses Grundlegen immer dann geschieht, wenn das Evangelium Menschen verkündigt wird, die es zuvor noch nicht gehört haben (15. 20 - 21). Dasselbe Kapitel, aber auch andere Stellen, belehren uns nun sehr klar darüber, daß zu diesem Grundlegen Kraft gehört. Evangelium ist Kraft (dynamis) zur Rettung, keine Wortweisheit in dem Versuch, Menschen zu überzeugen (1Kor 1. 18, 2. 1 - 5). Daran hat sich bis heute nichts geändert. Es bedarf des Wortes in Erweisung des Geistes und der Kraft, soll dieser Grund der Errettung wirklich gelegt werden können. Daß dazu Wunder und Zeichen gehören, sagt der Apostel aufs Bestimmteste. Dienen wir nicht in dieser Kraft, mögen wir vielleicht seelische Erhebungen erzeugen; wirkliche Rettungen und demzufolge Wiedergeburten aber bleiben aus. Paulus wagt nun nicht, von irgend etwas anderem zu reden als nur von dem, was Gott durch ihn „in der Kraft der Zeichen und Wunder, in der Kraft des Geistes Gottes” erwirkt hat (15. 18 - 19). Warum wagen wir es dann?

    Eine neuere und um einiges kompliziertere Form, die obenstehende Erkenntnis auszuhebeln, besteht nun aber darin, die Vollendung des Leibes, die in die Parusie des Herrn mündet, schriftwidrig mit einem Auslaufen der beiden Eigenschaften Glaube (o. Treue) und Hoffnung (o. Erwartung) zu verbinden. Die Aussage dabei ist die, daß wir ja dann, in der Vollendung, vom Glauben zum Schauen gekommen wären und die Erwartung – wobei es sich dabei allerdings um die Erwartung Seiner Wiederkehr handelt – in der Vollendung ihre Erfüllung gefunden habe und daher als Eigenschaft insgesamt obsolet geworden sei. Nach dieser Konstruktion wäre, da die Wiederkunft des Herrn zugleich auch das Ende (eig. das Auslaufen, Unwirksam machen, wörtl. katargeo, herab-un-wirken) dieser Gaben beinhaltet, die Aussage Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe falsch, da mit dem Kommen des Vollkommenen – die Vereinigung in Christus durch die Liebe – auch die Hoffnung und der Glaube ersetzt sein würden. Da dies sich zu dem obenstehenden Wort in Widerspruch befände, könne es auch nicht sein, daß erst mit der Wiederkunft des Herrn die Gaben aufhören würden und so weiter und so fort. Nach solchen Widerlegungsversuchen bemüht man dann wiederum die alte Ersatzlehre, nach der nicht mit der Vollendung des Leibes, sondern bereits mit dem Entstehen des Bibelkanons die Gaben auslaufen würden oder ausgelaufen wären, so daß danach auch eine Zeit ohne diese Gaben möglich sei, bis dann letztlich nur noch die Liebe übrig bliebe.

    Verwirrender und in sich widersprüchlicher geht es eigentlich kaum noch. Hier hat man den Bibelkanon an die Stelle der Liebe gesetzt und damit gezeigt, daß man das Wesen der Liebe nicht verstanden hat. Das aber sollten wir, denn es zeigt sich mehr und mehr, daß wir die Gaben der Liebe nicht verstehen, wenn wir schon das Wesen der Liebe nicht verstanden haben. Zwar ist die Heilige Schrift sowohl vollständig als auch vollkommen. Doch das Vollkommene Gottes ist nicht der Schriftkanon, wie jene lehren, sondern die Liebe denn Gott Selbst ist Liebe (Kol 3. 14, 1Jo 4. 8). So erzeigt sich wieder einmal, daß die Kritiker der charismatischen Bewegung sehr häufig von denselben Denkmustern her argumentieren wie nicht wenige der von ihnen Kritisierten selbst. Der Splitter im Auge des Bruders erweist sich damit als Balken im eigenen. Aber anstatt den Balken im eigenen Auge zu entfernen, um danach auch dem Bruder behilflich sein zu können bei der Behebung seiner Schwäche (dies ist die Reihenfolge, wie der Herr sie in Mt 7. 1 - 5, Lk  6. 41 - 42 gewiesen hat) fällt man in hochmütigen Stolz über ihn her und bleibt bei liebloser Kritik stehen, ohne jemals zeigen zu können, wie es richtiger ginge. Das sind deutliche Anzeichen von Überhebung des einen über den anderen, den Jesus doch mit demselben Blut erkauft hat. Die Folge sind immer weitere Spaltungen und last but not least immer neue Irrlehren. Auch das ist Gericht, das anfangen muß im Hause Gottes (1Ptr 4. 17). Die Folge des Richtens anderer ist immer die eigene Verfinsterung und damit das eigene Gericht (Rö 2. 1ff). Wir werden uns im Folgenden mit diesen Dingen auseinandersetzen.


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< Menschen der Unmittelbarkeit Die Taufe... >


Die Liebe versagt nie: Das Fortbestehen von Glaube, Hoffnung und Liebe 

    Daß die Zeit der Gaben – auch die einzelner Gaben – eines Tages ausgelaufen sein wird, weil ja auch die Gemeindezeit auf dieser Erde auslaufen wird, da die Gemeinde dann in die Reife gekommen ist und von daher auch der besonderen Geistesgaben in der heutigen Form nicht mehr bedarf, ist völlig korrekt. Nur hat sich dieses „Auslaufen” nicht in der Zeit der Entstehung des Schriftkanons ereignet, sondern – wir bleiben dabei – kann und wird erst dann stattfinden, wenn der Leib vollendet sein wird. Die Vollendung des Christusleibes ohne diese Gaben ist Illusion, da Gott ihm diese zu seiner Ausreifung an die Seite gestellt hat. Es gibt anhand des Schriftzeugnisses gar keine andere vernünftige Möglichkeit. Wenn auch der Glaube in der Vollendung zum Schauen gekommen ist, so bedeutet das ja nicht, daß der Glaube dann aufhören würde; er ist lediglich von der Form eines Glaubens, ohne zu sehen, in ein Schauen hinübergetreten. Glaube beinhaltet die Treuebeziehung zu Gott; es wäre größte Narretei zu denken, daß diese Beziehung mit der Vollendung aufhören würde! Das wäre völlig undenkbar, zeigt aber, wie schwärmerisch jene mit dem Wort umgehen, die die Schwärmerei doch vorgeblich bekämpfen wollen! 

    Der Glaube steht also mit dem Schauen nicht im Widerspruch, solange man nicht versucht, ihn heute aus einem Schauen (dem Sichtbaren also) herzuleiten und ihn aus diesem zu begründen. Das geschieht beispielsweise immer dann, wenn wir geistliche Erfahrungen zur Lehre machen, indem wir sie erst im Nachhinein durch das Wort nachzuweisen oder zu bekräftigen suchen. Dasselbe tritt zutage, wenn wir etwa Zeichen und Wunder begehren, ohne eine Grundlage dafür im Wort zu haben, indem wir meistens übersehen, daß Zeichen dem Wort gegebenenfalls begleitend nachfolgen, aber niemals umgekehrt (Mk 16. 17, Hbr 2. 4). Solange wir uns noch in dem gegenwärtigen Zeitalter befinden, sollen wir ja nicht auf das Sichtbare schauen, sondern auf das Unsichtbare (2Kor 4. 18). Wir bedürfen des Schauens nicht, um glauben zu können. Das ist die Aussage. Schauen ist demnach keine Voraussetzung für den Glauben; wer so denkt, der geht irre. Denn nicht das Schauen, sondern der Glaube ist es, auf den wir uns in diesem Leben zu gründen haben. 

    Wir erkennen also, daß diese Weisung für den jetzigen Äon gilt und allein für diesen auch geschrieben worden ist, und das gilt umso mehr, wenn wir durch die Gnade Gottes und vermittelst des Heiligen Geistes die eine oder andere Gnadenwirkung schon hier erfahren dürfen, die uns sozusagen angeldmäßig schon hier erreicht (vgl. 2Kor 1. 22, 5. 5; Eph 1. 14). Dasselbe gilt dann auch von der Aussage des Paulus, daß wir heute im Glauben wandeln und nicht im Schauen (2Kor 5. 7). Damit ist nicht gesagt, daß es heute keinerlei Schauen geben dürfe (wie der Apostel in seinem eigenen irdischen Leben selbst viele Dinge geschaut hat) sondern vielmehr, daß ein Schauen und Erleben göttlicher Gnade nicht zur Grundlage unseres irdischen Lebens werden darf. Nun kann man daraus jedoch nicht in vermeintlichem Umkehrschluß”  die Aussage machen, daß wir dann, nachdem dieses Leben abgeschlossen ist, nur noch im Schauen wandeln und nicht mehr im Glauben, als ob das Schauen den Glauben grundsätzlich ausschlösse. Das mögen einige zwar denken, weil es in ihr eingefleischtes theologisches Denkmuster hinein zu passen scheint; es steht aber nicht da. [21] So erweisen sich beide, sowohl die These, daß jedes heutige Schauen zu unterbinden sei, als auch die Ansicht, daß es keinen Glauben mehr gäbe, nachdem der Herr gekommen sei, jeweils als Erweis einer gravierenden theologischen Unnüchternheit. Wir werden auch in der Vollendung Jesus vertrauen, und da ganz besonders und viel tiefer, als uns das heute überhaupt möglich wäre, da heute noch alles der Vergänglichkeit unterworfen ist, von Vorläufigem und auch der Sündhaftigkeit geprägt, solange der Leib der Sünde noch Bestand hat. Dann aber werden wir Ihn von Angesicht sehen dürfen, wie Er tatsächlich ist. Dieselbe Aussage ist auch über die Hoffnung (besser: Erwartung) zu treffen. Es gibt auch und gerade nach der Wiederkunft des Herrn und unserer Vereinigung mit Ihm vieles zu erwarten, da gelangen wir nämlich mit Ihm immer weiter in die Gnade des Vaters hinein, dürfen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit gehen.

    Erwartung, die man sieht (deren Gegenstand also erfüllt ist) ist keine Erwartung mehr (Rö 8. 22). Diesen an sich richtigen Satz führt man indessen an, um den kühnen „Beweis” zu erbringen, daß mit dem Erreichen des Schauens nicht nur der Glaube, sondern auch jegliche Erwartung aufhörte, um die biblische Aussage trickreich aushebeln zu können, daß das Bleiben von Glaube, Erwartung und Liebe gemäß 1Kor 13. 13 sich auf die Vollendung beziehen, die der Apostel in jenem Kapitel (das Kommen des Vollkommenen) anführt. Aber das steht hier nicht, und so erkennen wir auch hier alsbald, daß man wieder einmal einen Vers seinem Kontext entrissen und ihn willkürlich in andere Zusammenhänge gestellt hat als die, die sich aus der Bibel ergeben. Zwar gilt dieses Wort als absolute, immer gültige Größe. Wir müssen jedoch lesen, was das Wort aussagt, und was es nicht aussagt. Die Größe, die immer gilt, ist diejenige, daß jede Erwartung, die man sieht, keine mehr ist. Von welcher Erwartung aber spricht Paulus hier? Er spricht nicht von der Fähigkeit des Erwartens (oder Hoffens) an sich, einer Fähigkeit, die uns Menschen in die Wiege gelegt worden ist wie die natürliche Fähigkeit – und Notwendigkeit! – des Atmens. Ihm würde wohl kaum einfallen, davon zu sprechen, daß der Mensch nicht mehr hoffen könne, nachdem der Herr gekommen sei. [22]

    Hier geht es demnach um eine ganz spezifische Hoffnung. Die Hoffnung, die Paulus hier meint und die mit ihrer Erfüllung aufhört, ist die Erwartung Seiner Wiederkunft, die gleichbedeutend ist mit dem Erreichen des Sohnesstandes und der damit zusammengehörenden Erlösung des Leibes, die am Ende unseres Heiligungsweges steht, wenn wir in der Vollendung angekommen sind (Rö 8. 22 – 24). Natürlich ist diese Hoffnung dann erfüllt und damit abgetan, wie jede Hoffnung, die sich erfüllt hat, abgetan und damit obsolet geworden ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger sagt dieses Wort, und das ist auch völlig klar und bedarf an sich keiner weiteren Erörterung. Es entspricht also nicht der Wahrheit, sondern ist wiederum ein Konstrukt der o. g. Ersatzlehrer, wenn behauptet wird, daß unsere Fähigkeit, etwas zu hoffen (zu erwarten) generell aufhören würde. Die Vorstellung, daß mit der Vollendung jegliche Erwartung oder jeglicher Glaube (Vertrauen) ausgelöscht sein soll, ist im besten Fall eine schwärmerische „Fata Morgana”; daß dem nicht so ist, erhellen einige Schriftzusammenhänge durchaus. Es gibt auch dann, nachdem diese Dinge gekommen sind, noch vieles zu erwarten und zu entdecken, zumal wir sie dann sehen werden können. Ich würde sogar sagen, daß es für uns dann erst richtig spannend werden wird. 

    Hoffen ist ein sehr verwaschener und unklarer Begriff, weswegen ich zumeist den Begriff Erwartung oder erwarten (in Klammern) angefügt habe, der dem griechischen Wort viel eher entspricht. Es geht bei dem Wort elpizo nämlich nicht darum, etwas zu hoffen”, das eventuell eintreffen könnte (etwa im Sinne von: Ich hoffe, daß morgen die Sonne scheint) sondern um eine klar definierte und darum feststehende Erwartung einer Sache, die eindeutig verheißen (zugesagt) ist und darum noch aussteht. Damit wird zugleich deutlich, daß es bei solcher Erwartung immer auch um Glauben geht, der ja nicht ein totes Fürwahrhalten, sondern eine lebendige Annahme dessen ist, was aus den Händen Gottes erwartet wird, als Ausdruck völligen Vertrauens auf Ihn (Hbr 11. 1). Und so bin ich allerdings fest davon überzeugt, daß wir auch dann etwas zu erwarten haben, wenn wir beim Herrn sind, wie wir nicht aufhören werden, etwas zu ertragen, zu vertrauen, etwas zu erdulden und so weiter und so fort.

    Ich will versuchen, das Bleiben von Glaube und Erwartung an einem ganz profanen (und fiktiven) Beispiel zu erklären, immer unter dem biblischen Aspekt, daß Erwartung, die man sieht, keine Erwartung mehr ist. Ich hoffe, daß es gelingt, mich verständlich zu machen:

    Ich habe beispielsweise die Erwartung einer Geldsumme und möchte dafür etwas besonderes kaufen, das es nicht überall gibt, ich aber zu erstehen hoffe. Ich habe das Geld noch nicht, aber ich weiß, es wird kommen, weil eine zuverlässige Person es mir nicht nur schriftlich zugesagt, sondern auch schon eine Anzahlung dafür hinterlassen hat. Die Erwartung dieses Geldes hat also auch etwas mit Glauben (Vertrauen) zu tun. Ich vertraue demnach darauf, daß das, was mir zugesagt ist, auch kommt, und warte darauf. (Die Affinität zum Epheserbrief, s. 1. 3, 13, 14 usw. ist durchaus gewollt.)

    Dann kommt das Geld. Die Erwartung des Geldes ist also gegenstandslos geworden, wie das Wort ja sagt. Habe ich darum aufgehört oder die Fähigkeit verloren, etwas zu erwarten? Ist alle Erwartung jetzt zu Ende? Ohne daß die Gesetzmäßigkeit, daß erfüllte Hoffnung aufhört, Hoffnung zu sein, dabei auch nur irgendwie negiert würde, ist die Antwort: Nein. Ich bin ja noch immer in einem Zustand der Erwartung, ich möchte ja von dem Geld etwas Besonderes und Seltenes kaufen. Erst dann, wenn ich die Dinge gemäß dieser Erwartung habe, tritt auch hier das ein, was das Wort sagt, daß Erwartung, die die Dinge sieht, keine mehr ist. Ist jetzt meine Fähigkeit zu glauben und etwas zu erwarten, zu Ende? Nein... Man könnte das jetzt endlos weiterstricken. So ist es im Grunde auch mit der biblischen Erwartung und mit dem Glauben. Es ist eben nicht zwingend, daß alle Erwartung aufhört, wenn Jesus gekommen ist. Was dann aufhört, ist die Erwartung Seines Kommens. Was aber geschieht, nachdem Er gekommen ist? 
 

    Dasselbe ist zum Thema Glauben zu sagen. Daß Glaube nicht zwingend im Widerspruch zu einem Sehen steht, wird bereits aus dem Johannesevangelium ersichtlich, an dessen Ende Jesus dem Jünger Thomas sagt, daß er glaubt, weil er etwas sieht; Er sagt an keiner Stelle, daß Thomas etwa nicht glauben würde, nur weil er sieht (Jo 20. 29). Es ist also festzuhalten, daß Jesus die Reaktion des Thomas auf das Sehen und Ertasten Seiner Nägelmale  er anerkennt den auferstandenen Jesus als seinen Herrn und seinen Gott  ganz unzweideutig als Glauben wertet. Erst dann sagt er ihm, daß die selig sind, die nicht sehen und doch (trotzdem) glauben. Auch die Aussage, daß wir heute im Glauben leben und nicht im Schauen, taugt wie oben erwähnt nicht dazu, einen Widerspruch zwischen Glauben und Schauen herzuleiten, da sie sich auf uns als die noch auf der Erde Lebenden bezieht, wo wir unser (geistliches) Leben tatsächlich allein aus dem Glauben und noch nicht aus dem Schauen erhalten. Menschen, die Dinge aus der himmlischen Welt schon heute schauen dürfen, sind sehr selten; aber doch gibt es sie, und es wäre überaus töricht anzunehmen, daß sie von der Notwendigkeit des Glaubens ausgenommen wären. Es gibt überdies auch Leute, die Dinge schauen und erleben, und doch nicht glauben, vgl. Lk 17. 12 - 19. Auch in der Himmelswelt sind Glauben und Schauen nicht so rigoros voneinander getrennt, wie uns einige das glauben machen möchten. So sind die Märtyrer zu nennen, die ihren Lauf auf Erden vollendet haben und nun unter dem Altar zu Gott flehen, daß Er doch in den Weltlauf eingreifen und ihr Blut rächen solle (Off. 6. 9 - 11). Auch diese haben, obwohl sie ganz offenkundig nicht mehr auf der Erde sind, zu glauben und zu erwarten, daß das, was Gott ihnen sagt, zur gegebenen Zeit auch tun wird.

    Und auch die Wolke der Zeugen in der Himmelswelt (Hbr 11. 40f) wartet noch auf uns, weil die, welche diese Wolke bilden, nicht ohne uns vollendet werden können. Sie sind zwar alle schon bei Gott (Mose und Elia traten sogar aus der himmlischen Verborgenheit heraus und erschienen mit Jesus auf dem Berge der Verklärung!) glauben aber immer noch, daß sie das Verheißene davontragen werden. Auch das ist ebenso Hoffnung wie Glaube, auch dann, wenn diese sich nicht mehr sichtbar auf der Erde befinden. Die Stelle aus Hbr 11. 1, die Glauben als „Annahme dessen, was man erwartet, und ein Überführtsein von Tatsachen, die man nicht erblickt” definiert, ist zwar zutreffend, bedeutet aber nicht, daß es in der Vollendung keinen Glauben mehr geben wird. Wir können Glauben nicht aus seiner Beziehung zu Gott lösen und damit von dem Anker trennen, den Glaube nun einmal haben muß, wenn es wirklicher Glaube sein soll. Glaube bzw. Vertrauen (pistis) ist an die Person Gottes gebunden und wird von der Wortbedeutung her definiert als „Treuebindung an Gott und Sein Wort”. Glaube und Treue (pistis) ist im Griechischen ein und dasselbe Wort, was sogar im Deutschen noch sichtbar wird, wenn wir die enge Verwandtschaft des Wortes Vertrauen mit den Ausdrücken Treue, treu sein bedenken. Nun wissen sowohl wir als auch jene, daß weder Gott noch Sein Wort vergehen. Ist es denn möglich, daß unsere Beziehung (Treuebindung) zum Herrn endet, wenn wir Ihn sehen dürfen?

    Ich denke, daß der Leser hier wohl übereinstimmen kann, daß dies völlig unsinnig wäre.

    Was ist über die Liebe gesagt? Was sind die Eigenschaften der Liebe? 


    (4) Die Liebe ist geduldig (o. langmütig), sie ist gütig; die Liebe ist nicht eifersüchtig, die Liebe ist nicht ruhmredig und macht nicht aufgeblasen. (5) Sie ist nicht unschicklich und sucht nicht das Ihre; sie läßt sich nicht aufstacheln und rechnet das Üble nicht an. (6) Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der Wahrheit. (7) Alles gibt sie auf, alles glaubt sie, alles erwartet sie, alles erduldet sie. (8) Die Liebe wird niemals hinfällig. Seien es Prophetenworte, sie werden abgetan, oder Zungenreden, sie werden aufhören, oder Erkenntnisworte, sie werden abgetan. (9) Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem Bruchteil und prophezeien aus einem Bruchteil. (10) Wenn aber die Reife kommt, wird das aus dem Bruchteil abgetan werden.
1Kor 13.  4 - 10

    Alles glaubt sie, steht hier; alles erwartet (hofft) sie – Glaube und Erwartung sind also ganz klare Bestandteile der Liebe. Es ist daher ein Ding der Unmöglichkeit, daß Glaube und Hoffnung aufhörten, während die Liebe bliebe, wie die diversen Dispensationalisten uns einzureden versucht haben.

    Fassen wir zusammen: Die Liebe, die niemals fällt (so daß sie sogar die Gnadengaben überdauern wird) hat alle diese Eigenschaften. Diese Eigenschaften werden also auch dann noch da sein, wenn all die anderen Dinge, die Gaben usw., ihren Zweck längst erfüllt haben werden. Zu diesen Eigenschaften gehört auch, daß die Liebe alles glaubt und alles hofft. Glaube und Hoffnung sind nach dem o. a. Pauluswort eindeutige Bestandteile der Liebe. Wenn die Liebe, die doch bleibt, alles glaubt und alles hofft, ist es also nicht möglich, daß Glaube und Hoffnung aufhören und nur die Liebe bleibt. Denn es ist doch dieselbe Liebe, deren Bleiben vorausgesagt wird. Und diese Liebe (agape) glaubt und hofft immer. Ohne diese Dinge könnte sie weder existieren, geschweige denn sich ausdrücken. Liebe ohne Glaube (Vertrauen) und Hoffnung (Erwartung) wäre keine Liebe mehr. Es ist dieselbe Liebe, die alles aufgibt, alles glaubt, alles erwartet, alles erduldet. Und diese selbe Liebe, die alles aufgibt, alles glaubt, alles erwartet, alles erduldet und vieles andere mehr, sagt der Apostel, wird niemals hinfällig werden (1Kor 13. 7 - 8). Damit hätten wir an dieser Stelle noch nicht einmal eine Aussage treffen müssen über den Zeitpunkt, von dem der Apostel spricht. Es genügt an der Stelle einfach zu wissen, daß es nicht möglich ist, daß Glaube und Hoffnung aufhören, während die Liebe bleibt  wann auch immer das sein wird.

    Man kann diese Liste natürlich fortsetzen. Jemand sagte, diesem Argument könne er nicht folgen, weil auch dort stünde, das die Liebe alles erträgt und erduldet. Haben wir also im Himmel noch etwas zu ertragen oder zu erdulden, fragte er dann, auf ein Nein hoffend. Aber da mußte ich ihn enttäuschen. Oh ja, lieber Bruder, o ja – wir haben.

    Man mag „Tragen und Dulden” in unserem Sprachgebrauch oft mit „Leiden” assoziieren, aber diese Dinge haben nicht notwendigerweise immer etwas mit Leiden zu tun. Was dem natürlichen Menschen noch Leid ist, wird dem geistlichen zur Freude. Das ist der Unterschied zwischen Selbstsucht und Liebe. Daß die Liebe alles erträgt, ist eine ihrer hervorragenden Eigenschaften. Wir werden eine ganze Ewigkeit etwas zu ertragen haben – nämlich einander. Das Gesetz des Christus besteht ja darin, daß wir einander die Lasten tragen sollen (Ga 6. 2). Und wie dieses Gesetz keines ist, das irgendwann aufhört (weil ja auch der Christus nicht irgendwann aufhört) ist es auch ganz offensichtlich, daß sogar die Eigenschaft des „Ertragens” in der Vollendung noch Verwendung findet, wie wir etwa in dem Wort erkennen, das der Herr der Gemeinde in Philadelphia sagt – und dabei kommt es nicht von ungefähr, daß die Gemeinde, an die diese Verheißung ergeht, die etwas mit dem Tragen zu tun hat, ausgerechnet Bruderliebe heißt:


    Wer überwindet, den will Ich zu einer Säule im Tempel Meines Gottes machen, und möge er niemals mehr hinausgehen, und Ich werde den Namen Meines Gottes auf ihn schreiben und den Namen der Stadt Meines Gottes, des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel von Gott herabkommt, und Meinen neuen Namen.
Off 3. 12

    Wem gilt dieser Satz, für welche Zeit, und was ist die Eigenschaft einer Säule? Der Satz gilt den Überwindern, die Zeit dieser Verheißung beginnt, nachdem sie überwunden haben, und das ist naturgemäß die Vollendung – und eine Säule trägt

    Und auch Gott Selbst, der Liebe ist, trägt alle Dinge durch Sein machtvolles Wort (1Jo 4. 8, Hbr 1. 3). – Wie ich in meinen vorigen Absätzen erwähnt habe, gibt es durchaus einige sehr signifikante Stellen (wie die aus dem Hebräerbrief und aus der Offenbarung) die belegen, daß Menschen, die ihren Lauf auf der Erde vollendet haben, noch immer etwas zu glauben oder zu erwarten haben. Wer dabei nur ein wenig nachdenkt, der realisiert auch, daß Glaube und Erwartung immer etwas mit Geduld und Ausharren zu tun haben. Glaube hat ohne Geduld keinen Bestand; er harrt solange aus, bis das Verheißene von Gott her eintrifft, sonst wäre es kein Glaube. Und auch in der Himmelswelt gibt es demnach etwas zu glauben und zu erwarten. Der Unterschied ist nur der, daß alles Leid (und all das, was damit zusammenhängt) vergangen ist, nachdem das Schauen begonnen hat.

    Was sagte Paulus über die Liebe, die nicht hinfällig wird und nicht vergeht?

    Alles erduldet sie...

    Und selbst die Eigenschaft, daß die Liebe auch das Üble nicht anrechnet, das wir ja Gott und unseren Nächsten gegenüber angetan haben, besteht in der Vollendung fort; denn es sind ja gerade diese Dinge, die dann nicht einmal mehr Erwähnung finden werden, derer noch nicht einmal gedacht werden wird, sofern wir sie in diesem Leben bekannt, ans Kreuz gebracht und die durch Jesus erwirkte Vergebung und Versöhnung angenommen haben. Wohin wir auch sehen – die Behauptung, daß diese Dinge nicht fortbestehen würden, ist nicht haltbar und wird auch nirgends gerechtfertigt. Die Brüder, die solche Ansichten vertreten, irren sich sehr. 

    Auch wenn all diese Eigenschaften sich wohl vor allem auf der Erde auswirken sollen, sind es doch die Eigenschaften der Liebe, welche nicht vergeht. Eine Liebe, die ohne diese Merkmale bestünde, wäre keine Liebe; verlöre sie sie aber, wäre sie selbst veränderlich  und damit aber vergänglich, und Paulus hätte seine Sätze umsonst geschrieben. So ist der Einwand, daß alle diese Dinge obsolet werden würden, während die Liebe bliebe, weder schlüssig noch logisch, und er widerspricht auch den Aussagen der Schrift. Wenn die Liebe bleibt, die doch alle diese Eigenschaften hat (wie Paulus ja sagt) dann bleiben diese ihre Eigenschaften auch. Es ist nicht möglich, zu lieben, ohne zu glauben (zu vertrauen) und zu erwarten, nicht zuletzt auch darum, weil die Liebe etwas mit Beziehung zu tun hat. Eine Liebe ohne diese Dinge ist nicht nur Utopie; eine solche Vorstellung negiert auch die Art und Weise, in der wir geschaffen sind. Wir sind keine Automaten, und wir werden auch in der Himmelswelt keine Automaten sein. Automatismen, die in einer Form geistlicher Notzucht über uns hereinbrechen und uns wie seelenlose Marionetten bewegen, die so erstarrt sind, daß sie keinen eigenen Zugang zu ihrem Körper mehr haben, sind Kennzeichen der Finsternis. Das hat nichts mit Gott zu tun, geschweige denn mit einer Gemeinschaft mit Ihm oder untereinander. Ein solches Denken ist das von Knechten, aber nicht von freien Kindern Gottes. Diese Vorstellung auf die Himmelswelt zu übertragen wäre so unvorstellbar, wie auch nur irgend etwas unvorstellbar sein kann. Das wäre ein trauriger Himmel, und in einem solchen Himmel möchte ich nicht sein.

    Wie sollen wir dort auf die Liebe Gottes reagieren, wie sie beantworten, wie auch mit unseren Geschwistern kommunizieren, wenn wir nicht mehr glauben, nichts mehr erwarten, nichts tragen, nichts dulden? Denken wir denn wirklich, daß wir dieser Dinge im Himmel nicht mehr bedürften? Wer denkt, daß wir dieser Dinge im Himmel nicht mehr bedürften, bewegt sich gewissermaßen in ‚seelenloser’ Schwärmerei und sucht damit – man vergebe mir – eine wahrlich absurde Paradoxie in sich zu leben. Die Vorstellung, daß wir in der Ewigkeit nur noch als Geister ohne Gefühl und Fähigkeit, zu kommunizieren umherschwirren, hat mit der Bibel nichts zu tun, und mit dem himmlischen Wesen noch viel weniger. Es wäre derselbe Irrsinn, wenn man leugnete, das der Mensch ein dreieines Wesen sei, erschaffen im Bilde Gottes (1Mo 1. 26 - 27). „O eure Verkehrtheit! Soll denn der Töpfer dem Ton gleichgeachtet werden oder das Werk von seinem Meister sagen: ‚Er hat mich nicht gemacht’? Oder soll das Geschöpf von seinem Schöpfer sagen: ‚Er versteht es nicht’?... Wehe dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht wohl der Ton zu seinem Töpfer: ‚Was machst du?’ – oder dein Werk: ‚Er hat keine Hände’?” (Jes 29. 16, 45. 9). 

    Auch in der Himmelswelt sind wir ja nicht nur aus Geist bestehend, sondern nach wie vor aus Geist, Seele und Leib. Und alle drei brauchen und bedingen einander und machen unser ganzes Menschsein aus, wie auch die Liebe sich durch Seele und Leib ausdrücken muß, um Liebe wirklich sein zu können. Warum wohl sonst spricht die Schrift von der Errettung der Seele und der Erlösung des Leibes, und weshalb wohl sonst wünscht Paulus den Thessalonichern, daß ihr Geist samt Seele und Leib untadelig bzw. unversehrt sein mögen auf den Tag Christi, 1Ptr 1. 9, Rö 8. 23, 1Thes 5. 23. Was sind denn die Eigenschaften einer Seele, welche sind die unseres Geistes, welche hat unser Körper, auch dann, wenn es ein neuer sein wird? Natürlich ist Glaube weniger eine Sache der Seele als vielmehr des (menschlichen) Geistes. Und doch sind das gerade in diesem Zusammenhang Gedanken, denen durchaus einmal nachgegangen werden sollte. Wenn Paulus in 1Kor 13. 13 ohne weitere Zeitangabe sagt, daß alle drei, d. h. Liebe und Glaube und Hoffnung bleiben, dann bleiben alle drei, und zwar für immer. Auch dann, wenn wir diese Dinge heute nicht sehen mögen, denke ich doch, daß wir dann eines Besseren belehrt werden. Dann aber werden wir bereits Schaden gelitten haben, weil wir es nicht zuließen, so auferbaut zu werden, wie Gottes Geist uns auferbauen will.

    Lesen wir unseren Abschnitt doch noch einmal:


    (4) Die Liebe ist geduldig (o. langmütig), sie ist gütig; die Liebe ist nicht eifersüchtig, die Liebe ist nicht ruhmredig und macht nicht aufgeblasen. (5) Sie ist nicht unschicklich und sucht nicht das Ihre; sie läßt sich nicht aufstacheln und rechnet das Üble nicht an. (6) Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der Wahrheit. (7) Alles gibt sie auf, alles glaubt sie, alles erwartet sie, alles erduldet sie. (8) Die Liebe wird niemals hinfällig. Seien es Prophetenworte, sie werden abgetan, oder Zungenreden, sie werden aufhören, oder Erkenntnisworte, sie werden abgetan. (9) Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem Bruchteil und prophezeien aus einem Bruchteil. (10) Wenn aber die Reife kommt, wird das aus dem Bruchteil abgetan werden.
1Kor 13.  4 - 10

    Die Grundbedeutung des Wortes „hinfällig” ist eigentlich nicht primär, daß die Liebe nicht aufhört (zeitlich gesehen), sondern, daß die Liebe nie versagt. Das Wort „hinfällig werden” (piptoo) ist gleichbedeutend mit „ausfallen”. Die Liebe fällt nie und ist sogar so stark und vital, daß sie noch steht, wenn die Gaben, die doch von Gott sind, hinfällig geworden sind. Die Gaben sind Stückwerk, die Liebe nicht; die Liebe ist vollkommen und überragt alles. Das ist der eigentliche Zusammenhang, Hintergrund und Sinn der Stelle. Das „nicht aufhören”, das die gängigen Übersetzungen bringen, ist also in erster Linie qualitativ zu verstehen und nicht zeitlich. Das Theologische Wörterbuch zum NT (gegr. Kittel, Michaelis, Bd. XI, S. 166) definiert piptoo als ein „zum Erliegen kommen, sich zu Boden drücken lassen”. Demnach es ist falsch, hier (V. 8) von einem zeitlichen Aspekt auszugehen, der sich höchstens in zweiter Linie ergibt, und das eben gerade nicht aufgrund der Zeit, sondern aufgrund der alles überragenden Eigenschaft, die die Liebe hat (vgl. auch 1Kor 12. 31).

    Glaube, Hoffnung und Liebe bedingen und brauchen einander. Wir können nicht glauben ohne Liebe, aber wir können eben auch nicht lieben ohne zu glauben. Wir vermögen auch nicht zu hoffen ohne zu lieben oder zu lieben ohne zu hoffen. Das ist der eigentliche Zusammenhang dieses ganzen Absatzes. Liebe braucht Glauben und Hoffnung, weil sie sich nur so ausdrücken kann, wie Glaube und Hoffnung die Liebe brauchen, weil sie ohne Liebe in sich tot wären. Liebe ohne Erwartung und Vertrauen ist nicht möglich, wie Erwartung und Vertrauen ohne Liebe nicht möglich sind und höchstens zur Farce werden – ohne Liebe sind Glaube und Hoffnung nichts (1Kor 13. 1 - 7).

    Liebe hat immer etwas mit Beziehung zu tun. Beziehung ohne Glaube (Vertrauen) und Hoffnung (Erwartung) aber ist nicht möglich. Ein Mensch ohne Beziehung ist abgestumpft; das äußert sich darin, daß Vertrauen und Erwartung wenigstens beeinträchtigt sind. Das Umgestaltetsein in Sein Bild bedeutet nicht das Aufhören der Beziehung, die ja immer eine lebendige ist und auch bleibt. Wirkliche Beziehung – Liebe – ist ohne Vertrauen und Erwartung nicht möglich, weder in dieser, noch in jener Welt. Wer solche Dinge bar jeder Vernunft glaubt, der gleicht einer wahrlich törichten Frau, die ihrem Mann zwar unaufhörlich beteuert, daß sie ihn wohl liebe, ihm aber zugleich zu verstehen gibt, daß sie ihm nicht mehr vertraue und von ihm auch nichts mehr erwarte, nachdem sie
doch nun einmal geheiratet hätten und ihre lange und freudig gehegte Hoffnung, in die Ehe mit diesem Mann einzugehen, demnach aufgehört habe. Das wäre eine Sache der Unmöglichkeit, und das würde der Mann dieser Frau wohl überaus deutlich zu verstehen geben. Und doch bedeutet das Fortbestehen von Vertrauen und Hoffnung nicht, daß die beiden nicht geheiratet hätten. Natürlich wird man diese Dinge ohne alle Umstände bejahen. Nicht anders aber ist es bei der Vereinigung des himmlischen Bräutigams mit Seiner Braut, deren irdisches Abbild die Ehe ist (vgl. Eph 5. 25 - 32). 

    Daß man Dinge im weltlichen Bereich wohl annimmt, dieselben Dinge im geistlichen Bereich aber leugnet, ist nicht zuletzt ein Ausdruck gravierender Unnüchternheit, und nicht ohne Grund habe ich weiter oben von Schwärmerei gesprochen – und das unter solchen, die doch so vehement angetreten sind, dieselbe Schwärmerei (oder das, was sie dafür halten) bekämpfen zu wollen! Es ist eben ein Irrglaube anzunehmen, daß eine äußerlich zur Schau getragene Enthaltsamkeit von jeglichem seelischen Überschwang zugleich auch Erweis einer besonderen Nüchternheit sei. Nun rede ich einem solchen Überschwang nicht das Wort, als ob dies etwas Geistliches sei. Gottes Wort ist in sich selbst aber nicht unlogisch. Und es ist vollkommen unlogisch, daß Liebe ohne Glaube und Hoffnung jemals möglich wäre; auch im Wort Gottes gibt es eine solche Vorstellung nicht. In dem Zusammenhang empfand ich eine Frage als besonders hilfreich, die jemand in Bezug auf die Engel stellte, die von Gott abfielen: „Haben sie ihre Liebe verloren, weil sie Hoffnung und Vertrauen (Glaube) auf die verkehrten Dinge richteten?” Ich würde diese Frage in der Form beantworten, daß die Engel ihr Vertrauen auf Dinge richteten statt auf Gott; sie haben die Beziehung verloren. Beziehung aber hat immer etwas mit Glauben und Erwartung zu tun, die Eigenschaften der Liebe sind. Gesagt ist also ganz klar, daß Glaube, Liebe und Hoffnung bleiben; und Paulus bekräftigt das auch noch mit einem diese drei”, bevor er zu dem Schluß kommt: die Liebe aber ist die größte unter ihnen (1Kor 13. 13).

    Wenn der Apostel also sagt, daß Glaube, Liebe, Erwartung bleiben, dann bleiben sie, und sie bleiben gemeinsam. Er sagt eben nicht, daß Glaube und Hoffnung aufhören würden und nur die Liebe bliebe, wann auch immer. Er sagt, daß alle drei bleiben. – Wann also werden die Gaben gehen, wird Erkenntnis in der heutigen Form nicht mehr benötigt sein? Es bleibt dabei: wenn das Vollkommene gekommen ist. Das Vollkommene aber ist ja gerade damit gekennzeichnet, daß die „Dunkeldeutung” und das Stückwerk aufgehört haben. Dies ist jedoch trotz des vorliegenden (noch nicht einmal für alle einheitlichen!) Schriftkanons nicht der Fall. Wir suchen, zumindest in Bereichen, noch immer herum, und bewegen uns noch immer in dem „aus Teil”. Keiner kann sagen, daß er es schon ergriffen habe. Niemand hat schon die ganze Wahrheit. (Und noch immer ist es sogar möglich, die Wahrheit zu unterdrücken und unter Lügen und Ungerechtigkeit gefangenzuhalten.) Auch wenn wir Mündige sind und es auch sein sollen, befinden wir uns, insgesamt gesehen, noch nicht in der vollen Reife und sind nach wie vor im Wachstum begriffen, weil ja auch der ganze Leib noch immer nicht seinen vollen Wuchs erlangt hat. Insofern erzeigt sich auch die hier vorliegende Ersatzlehre – auch aufgrund anderer fehlender Bindeglieder – als vollständiger Irrweg und erweist damit ihre Unkenntnis (oder gar Ignoranz) der entsprechenden biblischen Zusammenhänge.


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Das Vollkommene als die Vollendung des Leibes in Einheit und der Anbruch des Schauens von Angesicht zu Angesicht

    Wenn das Vollkommene wirklich gekommen wäre, wie in all diesen Lehren unterstellt wird, dann hätten nicht nur die Rätsel aufgehört; dann würden wir wohl kaum noch hier sitzen. Nun sehen wir jedoch nicht, daß wir am Ziel wären. Wir befinden uns weder alle in der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, noch haben wir das Vollmaß des Wuchses erreicht, noch können wir sagen, daß alle aus der Unmündigkeit herausgekommen wären. Das ist aber das Ziel, die Reife des ganzen Leibes nämlich, in die wir nach den Aussagen des Apostels hineingelangen sollen (Eph 4. 13). Natürlich, so argumentieren die Widersacher, ist das Mündigwerden von Kindern Gottes an sich noch kein Vorgang, der erst in der Vollendung erreichbar wäre. Das ist an sich zwar richtig. Wir sollen Mündige sein im Hier und Jetzt, solche, die nicht mehr von jedem Wind der Lehre getrieben werden. Das ist im Neuen Testament erklärtes Ziel, und zunächst ist es ein Ziel für unser Leben im Hier und Heute. Es geht dabei aber eben nicht nur um unsere Reife, noch um das Reifsein einiger, die vor uns gelebt haben oder heute leben, noch um die Reife von Einzelgemeinden, wie solche Lehren suggerieren, sondern es gilt, die Reife aller als der Vollreife des Gesamtleibes aller Zeiten und Kontinente zu erlangen, sowohl derer, die gelebt haben, als auch derer, die noch leben, als auch derer, die dem Leib noch hinzugefügt werden sollen. Genau das meint der Apostel, und es liegt auf der Hand, daß dieser Punkt noch immer nicht erreicht ist und naturgemäß auch nicht erreicht sein kann. Und doch wird er von den dispensationalistischen Ersatzlehrern [45] so gut wie durchweg unterschlagen. Es zeigt überdies, daß man wohl sich selbst und auch seine eigene kleine Gruppe, nicht aber den ganzen Leib – und das Zusammenwachsen dieses Leibes – im Blick behält. Dieser Selbstbetrug offenbart damit nicht zuletzt auch sektiererisches Denken.

    Das Wort Vollkommenes, das hier verwendet wird, heißt teleion, reif, am Ziel, vollständig, komplett sein. Daher kann es sich auch nur auf den Gesamtleib beziehen, der als Ganzes zu seiner Vollendung hin gereift ist. Wenn dieses Vollkommene da ist, erst dann brauchen wir das Stückwerk, das Teilweise, Unreife, Unvollkommene, das sich noch auf dem Weg befindende, wie wir es heute haben, nicht mehr. [23] Das Vollkommene bildet damit zugleich auch seinen krönenden Abschluß, wenn der Leib vollendet ist und ihm das Haupt auch im Sichtbaren hinzugefügt wird, so daß am Ende der ganze Christus, bestehend aus Haupt und Gliedern, zum Haupt über alles werden kann (Eph 1. 9 - 10, 22 - 23). [24] Es geht also darum, daß wir das Ganze, Vollständige erreichen, das in der Zusammenfügung der Teile aller besteht, weshalb dem Apostel die Liebe so wichtig ist, die uns einander ertragen und gewähren läßt (1Kor 13. 4 - 7). Darum ist es auch so wichtig, daß alle Gaben in den Leib eingefügt, ihm „einverleibt” werden, und zwar so, daß am Ende keine einzelne mehr fehlt. Der Leib bedarf erst dann keiner Ergänzung mehr, wenn er vollständig ist, erst dann kann (wird und muß) also auch das Stückwerk aufhören. Wenn der Leib diese Dinge vernachlässigt, dann kann er nicht in seine Vollendung gelangen; er wird in dem Falle seine hohe Berufung, in die er nach Gottes Willen gesetzt worden ist, verfehlen. Dies zeigt uns, wie wichtig das Ganze ist und weshalb wir auf diesem Gebiet gerade unter den Bibelgläubigen so massive Kämpfe vorliegen haben.

    Dieselbe Vervollständigung und Vollendung, dieselbe Zusammenfügung aller Teile zur Einheit des Ganzen hin meinte Jesus in Seinem Hohepriesterlichen Gebet, das Er betete, bevor Er diese Erde verließ. Wir sollten es sorgsam lesen und jedes einzelne Wort beachten:


    Ich habe die Herrlichkeit, die Du Mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, so wie wir eins sind: Ich in ihnen und Du in Mir, damit sie zur Einheit hin vollendet werden und damit die Welt erkenne, daß Du Mich ausgesandt hast und sie liebst, so wie du Mich liebst.
Jo 17. 22 - 23

    Die Fügung „zur Einheit hin vollendet werden” die hier im Griechischen steht, heißt teteleiooménoi und meint tatsächlich ein zur Einheit eines Ganzen Zusammengeschlossenes, das aus vielen Teilen, namentlich den hier genannten Jüngern besteht, einschließlich all derer, die durch ihr Wort an Jesus glauben werden (Jo 17. 19 - 21). Hier finden wir unser teleion, unser Vollkommenes, Vollständiges, Reifes wieder. Auch der Begriff des Zieles und damit des Endes (telos) ist darin enthalten. Und so ist es auch hier kein Wunder, daß der Herr in den mit diesem Gebet in Verbindung stehenden Reden die Liebe nicht nur als den Weg erwähnt, auf dem diese Vervollkommnung erreicht werden kann, sondern auch als den Inbegriff jener Vollkommenheit selber, und zwar ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Kommen und Wirken des Heiligen Geistes (Jo 15. 9 - 27).

    Ein Puzzle ist dann vollständig, wenn keines seiner Teile mehr fehlen. Erst dann sieht man das ganze Bild. Es wäre nun töricht, wenn ich nun, nachdem ich das Bild schon fertig habe, noch immer unter den Tisch kriechen und nach einem Teil suchen würde, das eventuell doch noch fehlen könnte. Einem Weg, dessen Ziel ich erreicht habe, dem muß ich keine Schritte mehr hinzufügen. Ich bin ja am Ziel, und kann mich ausruhen. Darum – dies ist nur einmal ein Nebengedanke – war es auch den Juden verboten, am Sabbat, dem Tag der Ruhe Gottes und der Vollendung Seiner Schöpfungsordnung (hbr. shabat, aufhören), mehr als eine nur ganz eng bemessene Wegstrecke zurückzulegen; man sprach auch vom Sabbatweg (s. Apg 1. 12). Nun hatten jene noch das Schattenbild des Zukünftigen und Himmlischen; uns aber möchte Gott in das Wesen des Himmlischen selber einführen (Kol 2. 17, Hbr 8. 5, 10. 1). Zwar leben wir in einem weitaus besseren Bund wie jene (Hbr 8. 6 - 13), aber, wie jene, sind auch wir noch nicht am Ziel. Es ist dem Volk Gottes ja noch eine Ruhe vorhanden, sagt der Hebräerbrief, weshalb wir uns befleißigen sollen, in diese Ruhe tatsächlich auch einzugehen (Hbr 4. 9 - 10). Dazu ist die Liebe der alles überragende Weg, der uns in die Vollkomenheit, in die Reife und damit in diese Ruhe ja gerade erst hineinführen soll, wie wir gesehen haben (1Kor 12. 31). All diese Zusammenhänge ziehen sich durch die ganze Bibel.

    Erkennen wir jetzt, daß wir noch längst nicht am Ziel sind, weil uns ja noch das Stückwerk so sehr anhaftet, und uns jene Vervollständigung durch die Teile aller noch fehlt, die man die Liebe nennt? Bemerken wir auch, daß eine ganz zentrale Eigenschaft dieser Liebe die Demut ist? Sie ist es nämlich, die uns unseren Teil hineingeben läßt, zugunsten anderer, wie sie auch den Teil anderer anzunehmen vermag, was immer dieser Teil auch sei. Wie leise, wie demütig ist auch die Stimme des Heiligen Geistes, und wie schnell sind wir dabei, sie wegzuwischen und in unserem hochmütigen Getöse zu übertönen. Darum bedarf es der Demut, es bedarf unseres Stillewerdens vor Ihm, unseres Schweigens und Hörens – sowohl auf Gott, als auch aufeinander. So vermag der Geist Gottes durch uns zu fließen, um so Stück um Stück an der Vervollständigung aller, damit also an der Vervollkommnung des ganzen Leibes zu arbeiten. Und nur so vermögen wir auch unser Ziel zu erreichen, indem wir gemeinsam in die Reife, in den Vollwuchs des Mannesalters hineinwachsen, wie Paulus es nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen beschreibt (Eph 1. 15 - 23, 4. 13ff). Und dieses Ziel, diese Vervollständigung der Liebe ist uns heute näher denn je, weil ja auch die Zeit weit vorangeschritten ist; aber noch ist es „Zukunftsmusik” .

    An solchem Vervollständigtwerden erkennen wir, daß dies ein wachstümlicher Prozeß, aber keine abrupte Verwandlung ist. Der Leib des Christus wird ein Leib sein, den Gott in Jahrtausenden zubereitet hat. (Die „Verwandlung im Nu” [atomos], von der Paulus in 1Kor 15. 51f. spricht, ist etwas anderes, obwohl sie damit im Zusammenhang steht; sie bezieht sich auf die Verwandlung unseres eigenen menschlichen Körpers im Augenblick des Erscheinens unseres Herrn und darf daher mit dem Vorgenannten nicht verwechselt werden.) Heute sehen wir ja noch nicht, daß der ganze Leib, der ganze Glaube und die ganze Erkenntnis schon gekommen wären, die Dunkeldeutung – die Übersetzung in Rätseln (aenigma) also aufgehört hätte (1Kor 13. 12). Das griechische Wort aenigma bringt mich auf etwas. Kennen wir noch die Enigma, die Dechiffriermaschine aus der Zeit des zweiten Weltkrieges, über die vor allem in U-Boot-Einsätzen die Funksprüche entschlüsselt wurden? Niemand konnte die Mitteilungen verstehen, die über diese Maschine kamen, bevor er diese Maschine nicht auch hatte, weshalb alles Mögliche und Unmögliche unternommen wurde, um in ihren Besitz zu kommen. Wer die Maschine hatte, der wußte bald über alles Bescheid, was der andere tat; und das war ein wichtiger, oft der entscheidende Schritt zum Sieg. Genau das ist auch hier gemeint! Wir brauchen sozusagen – um im Bilde zu bleiben – die aenigma, die „Dechiffriermaschine” des Heiligen Geistes, die uns die Rätsel Gottes aufschließt und offenbart. Denn alles, was Gott uns zu sagen hat, bleibt dem natürlichen Menschen von Haus aus verborgen und damit ein Geheimnis, und zwar solange, bis der Heilige Geist in sein Herz kommt und es ihm offenbart bzw. erklärt (1Kor 1. 18 - 31, 2. 6 - 16).

    Aus eben diesem Grunde verwendete Jesus ja auch die Gleichnisse – nicht etwa, um etwas zu erklären, damit alle es auch verstünden, sondern, um es vor der Allgemeinheit zu verschließen, weshalb er nach seinen Gleichnisreden immer wieder die Jünger auf die Seite nahm, weg von den übrigen, und sie ihnen gesondert erklärte (Mt 13. 10 – 17, Mk 4. 10 – 12, Lk 8. 8b - 10). Genau diesen Dienst vollbringt, da Jesus nicht mehr sichtbar unter uns auf der Erde weilt, heute der Heilige Geist, und verwendet dazu Seine Gaben (Jo 16. 13 – 15, Eph 4. 7 - 8). Ja, wird gesagt, wir haben ja die Bibel, und wir haben unsere Lieder, darum bräuchten wir die Gaben nicht mehr. Unsere Schriftauslegung sei die Prophetie, die wir haben sollen. Das Wort des Herrn aber zeigt ein anderes Bild. „Ich bin reich, ja ich bin reich geworden und bedarf nichts”, sagt Laodizäa. Ja, das sagst du von dir, sagt der Herr, aber nur, „weil du nicht weißt, daß du der Elende und Erbärmliche, der Arme, Blinde und Nackte bist, so rate ich dir, von Mir Gold zu kaufen, das im Feuer feingebrannt ist, damit du reich werdest, dazu weiße Kleider, auf daß du dich damit umhüllen mögest und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, um deine Augen einzusalben, damit du sehen mögest” (Off 3. 17 - 18).

    Glauben wir denn wirklich, daß wir in der Bibel auch nur einen Satz richtig verstehen würden, wenn ihn der Heilige Geist uns nicht erklärte, wenn Seine Gabe in uns also nicht zum Zuge käme? Darum bedürfen wir ja gerade auch der verschiedenen Gaben, weil sie uns die Dinge Gottes übersetzen; wir bedürfen auch der anderen Glieder des Leibes, weil ja auch wir Glieder sind und in der Versammlung eben gerade nicht jeder alles, das Ganze haben kann, wie dies der Apostel im gesamten zwölften Kapitel unermüdlich zu erklären bemüht ist. Wann also werden Prophetien, Erkenntniswort, Zungenreden aufhören? Wann wird also auch die Leitung durch den Geist abgeschlossen sein, zu der ja auch all diese Dinge gehören? Wenn die Bibel gekommen ist? Nein – wenn wir am Ziel angekommen sind! Wenn das Vollkommene gekommen ist, werden wir das Stückwerk und damit auch die einzelnen Gaben nicht mehr brauchen! Bis zum heutigen Tage aber sind wir noch auf der Erde; und solange wir auf dieser Erde sind, benötigen wir auch noch den Heiligen Geist, den Parakleten, den großen „Beiseiterufer Gottes”, von dem wir an anderer Stelle gesprochen haben, der die Dinge des Vaters nimmt und sie uns bringt und – mittelst der Gaben – sozusagen „in unsere Sprache” übersetzt. Gott hat nicht eine dieser Gaben zurückgenommen; wir brauchen sie alle; wir brauchen den Heiligen Geist wie unser tägliches Brot. Erst dann, wenn wir im Himmel sind, werden wir in einer ganz anderen Verwaltung sein; dann brauchen wir den Parakleten in dieser Weise nicht mehr, weil wir ja die Übersetzung nicht mehr brauchen, denn dann kommt Jesus, das Haupt selber, auch im Sichtbaren; dann sehen wir Ihn von Angesicht, und erst dann erkennen wir Ihn so, wie Er uns erkannt hat 

von Angesicht zu Angesicht! (1Kor 13. 12).


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Das „Erkennen aus Teil” und die Basis der Liebe

   
Die Gaben der Prophetie, der Erkenntnis und der Sprachengabe und die Versuche, sie durch Umdeutung zurückzudrängen oder gleich ganz abzuschaffen, werden uns noch einige Zeit zu beschäftigen haben und uns zu Schlüssen führen, die in den Augen vieler ungewöhlich, ja ketzerisch anmuten mögen. Und doch sind dies Dinge, derer wir uns nur erinnern müßten, weil wir sie wenigstens in Ansätzen bereits hatten. Heute aber scheinen sie über weite Landstriche hinweg unbekannt zu sein, mit teilweise verheerenden Folgen. ... von denen, die in der Bibel genannt seien, gäbe es nach der Bibel 1Kor 13. 8ff Prophetie, Erkenntniswunder und Sprachenwunder heute nicht mehr, weil das Vollkommene, die Bibel schon seit etwa 1900 Jahren vollständig vorläge, und das Gerichtszeichen Sprachenwunder für die Juden auch seit so vielen Jahren nicht mehr nötig sei, schrieb ein Zeitgenosse in einem Diskussionsforum dann auch über die Geistesgaben.

    Wie wir bereits oben gesehen haben, ist dies eine zwar in sich vielen logisch erscheinende, bei näherem Hinsehen aber völlig unhaltbare Irrlehre, die vor allem in diversen dispensationalistischen bzw. cessationistischen Kreisen ihr Unwesen treibt. [45] Solche Irrlehren entstehen immer dann, wenn man willkürlich Zusammenhänge aus Schriftstellen schafft und eigene Dinge zusätzlich hineininterpretiert, dabei aber außer acht läßt, daß die Schrift sich selbst erklärt und keiner menschlichen Auslegung bedarf. Aus 1Kor 13. 11 - 13 ergibt sich klar, daß mit dem „Vollkommenen”, das kommen wird, nicht wie unterstellt der Schriftkanon, wie ein solcher hier überhaupt nicht erwähnt wird, sondern die Vollendung gemäß der Liebe ist, die im selben Zusammenhang nicht umsonst auch als „die Größte” bezeichnet wird, die sich in der Annahme und damit in der Zusammenfassung aller Bruchteile (wie die Gaben in 13. 8f ja genannt werden) zu einem Ganzen, auf den Leib bezogen, erzeigt und die zu dessen Vervollständigung und damit zu dessen voller Reife führt. Das ergibt sich, neben den Erörterungen des Apostels auch in anderen Briefen, hier vor allem aus den damit korrespondierenden Zusammenhängen aus dem vorhergehenden zwölften Kapitel, das wie das nachfolgende vierzehnte nicht vom dreizehnten separiert (d. h. davon unabhängig) betrachtet werden darf. Nicht umsonst steht ja dieses Kapitel als ein ganz zentrales gerade inmitten der beiden großen Erörterungen des Apostels über die verschiedenen Gnadengaben in Kapitel 12 und 14. Die Erwähnung des zukünftigen Erkennens des Herrn (also erst, nachdem das Stückwerk aufgehört hat), gleichwie ich erkannt bin nämlich „von Angesicht zu Angesicht”, tut ein übriges hinzu. Wenn dieses Erkennen da ist, das (wie im vorigen Kapitel erörtert) ja eindeutig vom Schauen spricht, werden wir wohl schwerlich noch hier sitzen. Oder gibt es da einen Leser, der den Herrn bereits hier, auf dieser Erde, von Angesicht schaut und ihn genauso erkennt, wie Er uns schon erkannt hat? Ich glaube wohl kaum!

    Nachdem man bemerkt hat, daß die vorliegende dispensationalistische Ersatzlehre
[45] an diesem Punkt mehr als nur brüchig geworden ist, geht man mit einem letzten Kunstgriff daran, das „Erkennen von Angesicht zu Angesicht” gleich ganz umzudeuten. Besonders unter „Gemeinschaftsleuten” wie in „Brüderkreisen” (unter denen viele Geschwister sind, die ich sehr schätze) ist diese Ansicht leider sehr weit verbreitet. Es gehe im Vollkommenen, das Paulus in 1Kor 13. 13 nennt, gar nicht um das persönliche Schauen und Hören des Herrn, sondern um die Offenbarung des Geistes im Bibelwort, hört man da. Als „Beweis” dieser Irrlehre greift man ausgerechnet auf Mose zurück, der auf dem Berge Horeb das Gesetz empfing – von Gott, der zu ihm „von Angesicht zu Angesicht” redete „wie ein Mann mit seinem Freunde redet” und „nicht rätselhaft” (2Mo 33. 11, 4Mo 12. 8, 5Mo 34. 10). Dieses „Reden von Angesicht” bezieht man auf das Empfangen des Wortes Gottes an sich, deutet es dann aber als Erkennen beim Lesen des geschriebenen Wortes um. Dabei wird jedoch wieder etwas Entscheidendes übergangen: Mose las nicht in Schriftrollen, um Gottes Wort zu vernehmen, sondern hörte mit seinen Ohren, was Gott sprach, er sah Gott von Gestalt, und er sah bereits die himmlische Welt. Gott sprach zu Mose, auch wenn dieser Sein Angesicht nicht sehen durfte, unvermittelt und nicht in Rätseln oder bruchteilhaft. Obwohl wir nach Eph 2. 6 in Christus bereits „versetzt worden sind in himmlische Örter”, sehen wir dennoch „wie in einem Spiegel”, erkennen wir noch immer vermittelt, als in Bildern und Gleichnissen, wie die Schrift sie lehrt, bedürfen daher der Übersetzung oder Deutung (aenigma) des Heiligen Geistes in unser Denken hinein wie der Liederdichter sagt: 


Unser Wissen und Verstand
Ist mit Finsternis umhüllet,
Wo nicht Deines Geistes Hand
Uns mit hellem Licht erfüllet.
Gutes denken, Gutes dichten
Mußt Du selbst in uns verrichten.

(Aus: Liebster Jesu, wir sind hier, Tobias Clausnitzer, 1663)

    Bis auf ganz wenige Ausnahmen von Menschen Gottes, denen es für kurze Zeit vergönnt war, himmlische Dinge zu sehen – unbeschreibbare Dinge, von denen Paulus in 2Kor 12. 4 sagt, daß sie dem Menschen nicht gestattet sind, auszusprechen – sehen wir die Himmelswelt noch nicht. Mose hingegen sah sie, und viele andere Zeugen der Heiligen Schrift sahen sie auch und durften einen Blick in sie wagen. Sie alle taugen nicht dazu, die Lehre zu untermauern, daß das Schauen von Angesicht zu Angesicht mit dem Erkennen beim Lesen von Schriftstellen gleichzusetzen sei – sie erhärten vielmehr das völlige Gegenteil, indem sie bestätigen, daß das Sehen von Angesicht zu Angesicht etwas mit dem Schauen zu tun hat, und eben nicht mit dem Erkennen aus Teil”, wie es beim Lesen schriftlicher Überlieferung ja der Fall ist, auch wenn diese vom Geist eingegeben wurde und von daher als eine vollkommene Überlieferung zu bezeichnen ist. [25] Wenn man in diesen Kreisen wirklich gelesen hätte, was in dieser vollkommenen Überlieferung steht, und den vielzitierten Grundsatz beherzigte, nach dem die Heilige Schrift sich immer selbst auslegt, wüßte man auch, daß dieses vergleichsweise „Sehen in einem Spiegel” als „Hören und Erkennen anhand des Wortes” auch an anderer Stelle äußerst klar dokumentiert ist, und zwar in Ja 1. 23 - 24. [26] Aus all diesen Tatsachen ergibt sich exakt der Unterschied zwischen Wissenserkenntnis (gnosis) und epignosis, der höheren Erkenntnis Gottes, die nicht intellektuell, sondern seinsmäßig ist und personenhafte Vereinigung, eigentlich Eins-Werden bedeutet (vgl. 1Mo 4. 1, 17 u. a.). Nur ein solches Erkennen vermag auch geistliches Leben hervorzubringen; alles andere bleibt im Tode.

    Diese wahre Erkenntnis, die
als epignosis Hinauf-Erkenntnis Gottes ist, bedeutet zugleich auch ein Einswerden mit dem Haupt, dem Christus, und allen Seinen Gliedern. Das hat nichts damit zu tun, daß wir das Lesen der Heiligen Schrift für gering achten oder die Offenbarung für etwas Unvollkommenes. Nur zu gerne hat man das uns unterstellt, um dies zur Rechtfertigung der eigenen Irrtümer nutzen zu können. Doch entpuppt sich das sehr schnell als eine Lüge, indem es einen weiteren Kunstgriff offenbart. Ja, die Offenbarung des Geistes ist vollkommen, wie das Wort Gottes, niedergelegt in der heiligen Schrift, vollkommen ist. Darüber gibt es gar keinen Zweifel. Der Schrifttext 1Kor 13 spricht jedoch nicht vom Wort Gottes an sich, noch von der Offenbarung des Geistes in diesem Wort, wie die einschlägigen Irrlehrer behaupten, sondern von der Art und Weise unseres Erkennens und stellt dieses Erkennen der Jetztzeit (gnosis) dem Erkennen in und gemäß der Vollendung (epignosis) gegenüber. Offenbarung des Geistes und Erkenntnis sind zweierlei. Offenbarung ist das, was auf Gottes Seite geschieht; Erkenntnis aber ist das, was auf unserer Seite geschieht. Man kann und darf diese Dinge daher nicht durcheinandermengen, wie man gnosis auch nicht mit epignosis verwechseln darf. Es bleibt also dabei: Unser heutiges Erkennen ist nicht vollkommen; es ist nach wie vor Stückwerk. Das Vollkommene, von dem Paulus hier spricht, ist demnach noch immer nicht gekommen – und wir haben oben ja beschrieben, was dieses Vollkommene ist.

    Die Grundproblematik dabei ist demnach die,
daß man „Offenbarung” sagt und Erkenntnis (eigentlich Kenntnis oder Wissen) meint. Mit diesem Irrtum, der immer zugleich auch Anmaßung ist, tritt unmerklich die eigene Erkenntnis an die Stelle der Offenbarung durch den Heiligen Geist und damit letztlich Gottes, ersetzt Menschenwerk Gottes Werk, tritt wieder der Mensch an Gottes Stelle, und das alles unter dem Anspruch vermeintlich „biblischer” Theologie. Im Grunde geschieht hier nichts anders als pseudo-christlicher Götzendienst in seiner allergefährlichsten und zugleich auch raffiniertesten Ausprägung, weil er sich als „rechtgläubig” undbiblischtarnt und darum meist unerkannt bleibt – als besonders perfide ausgeklügelter Schachzug der Schlange, die die Gemeinde irreführt und zugleich auch immer tiefer spaltet. Und das alles geschieht unter dem ständig vor sich her getragenen Anspruch, die Leute aufklären und gar noch vor Verführung bewahren” zu wollen! So wird auch hier offenbar, was der Herr meinte, als Er davor warnte, daß das Licht in uns Finsternis sein könnte (Mt 6. 23). Und was sagte Er, was dann geschehen würde? „Wie groß ist dann die Finsternis!”

    Da man die
eigene Erkenntnis mit der Offenbarung des Geistes im Wort verwechselt (wobei der Begriff einer solchen Offenbarung immer auch seines Sinns entleert wird!) wird diese Erkenntnis, die als „Stückwerk” ja immer nur Teil eines Ganzen sein kann, als „vollkommene” und damit absolute Größe ausgegeben. In der Folge erhebt man sich in maßloser Selbstüberschätzung über den Bruder, der normalerweise eine andere Erkenntnis hat als man selbst und auch eine andere haben muß, weil ihm ja ein anderer Anteil zugelost worden ist, und verachtet damit das, was der Geist ihm, dem anderen Glied des Leibes gegeben hat, um diesen Leib zu vervollständigen. So aber wird das Erkennen „aus Teil” (ek meros) untergraben, das für die Jetztzeit unumgänglich ist; die Zusammenfügung dieser Bruchteile zu einem Ganzen, die nur durch die Liebe möglich ist, gerät zur Farce und die Auferbauung großer Teile des Leibes findet damit nicht mehr statt, wie Gott es will (1Kor 13. 9). Damit wird jedoch immer auch die Vollendung des ganzen Leibes beeinträchtigt, die ja nur durch die Liebe möglich ist, die sich in der Annahme und Einverleibung dieser Bruchteile erweist und nur so wachsen kann zu seiner gottgewollten, vollen Größe (Eph 4. 15, 16). Es ist für solche Kreise dann auch nur folgerichtig, daß ihnen die Gesamtschau fehlt, und dieses Fehlen ist umso ausgeprägter, je kleiner und exklusiver sich die Gruppierung darstellt. [27]

    Daraus ergibt sich dann der nächste Trugschluß, dem man hier auf den Leim gegangen ist. Im Grunde hat man nicht einmal begriffen, was denn die Basis des Erkennens ist, solange wir noch auf Erden sind. Natürlich werden wir sagen, daß die Grundlage alles dessen, worauf wir uns bewegen, die Heilige Schrift ist. Das ist an sich zunächst auch völlig richtig. Die Schrift spricht an dieser Stelle aber nicht vom Bibelkanon, sondern von den Gaben und damit den Teilen, die durch die einzelnen Glieder des Leibes – zum Nutzen aller – dargebracht und damit zusammengetragen werden sollen (1Kor 12. 4 - 31, s. a. 14. 26ff). Das bedeutet doch, daß wir nur aus diesen Teilen heraus und damit nur gemeinsam erkennen können; ein solches Erkennen aber ist nur durch die Liebe möglich, die sich in der Annahme und Förderung jedes einzelnen Teils erweist. Damit ist diese Liebe die Basis auch der Schrifterkenntnis. Darum ist sie ja auch so wichtig, daß sie der alles überragende Weg genannt wird (V. 31). [28] Der Leser wird wohl darin übereinstimmen können, daß es neben einem Überragenden nichts anderes mehr geben kann, was daneben auch noch überragend wäre und damit wiederum größer wäre als dieses alles. Die Liebe ist daher die einzige Möglichkeit, die dem Leib gegeben ist, um recht zu erkennen und vollendet zu werden. In Epheser 3. 18-19 legt Paulus dann auch seinen Lesern ans Herz, daß sie doch imstande sein mögen –

    mit allen Heiligen völlig zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, auf daß ihr erfüllt (w. vervollständigt) werdet zur ganzen Fülle (w. Vervollständigung) Gottes.

    Es bleibt also dabei, daß es keinen anderen Weg gibt, der in die Vervollständigung des Leibes (und damit in seine Vollendung) führt, als nur diesen einen Liebesweg. Nur so kann es geschehen, daß am Ende Gott alles in allen ist (1Kor 15. 28, Eph 1. 23). Ist Er aber alles in allen, dann ist die Vollendung gekommen, und das Erkennen aus Teil hat aufgehört, weil es dann nicht mehr notwendig ist. Wenn diese Brüder schon den ersten Korintherbrief nur ein wenig gründlicher gelesen hätten, dann wäre ihnen sicher aufgefallen, daß dieser Zusammenhang – die Einheit (Vereinigung) des Leibes in der Liebe – sich wie ein roter Faden von Anfang an durch den gesamten Brief zieht und von daher auch als zentrales Anliegen des Apostels gewertet werden muß, in dessen Kontext alle diese Erörterungen stehen (Kap. 1. 10 - 12, 3. 1 - 4, 6. 1 - 6, 8. 2, 9 - 13, 10. 16, 11. 17 - 34, 13. 1 - 13). Man kann eigentlich sagen, daß die Liebe das ganz große Thema ist, das der Apostel in diesem Brief behandelt, um sich dann, nachdem er dieses Thema abgeschlossen hat, im fünfzehnten Kapitel der Vollendung zuzuwenden, nämlich der Auferstehung des Leibes und der Wiederkunft des Herrn. Das sollte den Verfechtern der Irrlehre, daß die in 1Kor 13. 10 genannte Reife der Bibelkanon sei, wohl zu denken geben.

    An Stelle der Liebe, die sich in der Annahme aller Teile erweist, steht nun jedoch der tötende Buchstabe, mit dem aufeinander eingeschlagen und einander ausgegrenzt wird, als Erweis einer falschen Sicherheit und Festung nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen Gott. Hier ist exakt das geschehen, wovor der Apostel so deutlich warnte, indem er sagte, wir bei aller Erkenntnis (und auch all den anderen Gaben!) nichts sind, solange wir die Liebe nicht haben. Ja, wir sind eigentlich weniger als nichts; wir sind zu Schadenstiftern geworden. Solche Geschwister haben, wiewohl sie „ihre” Bibelverse ständig im Munde führen mögen, ihre eigene geistliche Hörfähigkeit – sowohl auf Gott, als auch aufeinander bezogen – oft schon weithin verloren und landen alsbald in der Falle des Pharisäismus. Wie die Zeitgenossen Jesu sind auch sie unbelehrbar geworden. Es klingt ja auch alles so überaus „richtig, so biblisch (soll ich sagen: so gesetzestreu?) in ihren Ohren. Viele merken es nicht einmal, ja sind sogar zutiefst empört, wenn man sie darauf hinzuweisen versucht, weil ihre Herzen verhärtet sind. Das ist Gericht! Damit aber ist zugleich auch die Axt an die Wurzel der meisten Streitigkeiten und Lehrgezänke in der evangelikalen Welt gelegt: je „bibeltreuer” sich die Leute darstellen, desto enger wird ihre eigene Sichtweise, desto unduldsamer der Streit und desto ausgeprägter der Richtgeist, da jedermann ja selber die „vollkommene” Erkenntnis zu haben meint als etwas, was „schon gekommen” sei. Jeder hält demnach sein eigenes Zipfelchen an Erkenntnis (d. h. Bibelwissen) fest und glaubt, „das ist es, was ich habe”, was in der Konsequenz zu Vereinseitigungen und zuletzt zur Sekten- und Lagerbildung führt, in deren Folge all die, die die eigene enge Sichtweise nicht teilen, ausgeschlossen werden – bis dahin, daß man sie verteufelt und ihnen damit auch noch das Christsein gleich ganz abspricht.

    Gleichzeitig wird dies immer auch zur Quelle verheerender Irrtümer und geistlicher „Tötungsaktionen” vermittelst des „Buchstabens”, zu dem das Wort Gottes, das ja eigentlich „Geist und Leben” sein will, immer dann wird, wenn man es in die
eigene Hand nimmt (s. Jo 6. 63). Damit aber hat dieses Wort aufgehört, Schwert des Geistes zu sein, aus dessen Händen wir es ja empfangen sollen (Eph 6. 17). Nur dann vermag es auch Seelisches und Geistliches voneinander zu trennen und die Herzen zu überführen (vgl. Hbr 4. 12). Statt dessen nimmt man es selbst und drischt damit auf die Geschwister ein, sucht regelrecht nach deren Fehlern, verletzt, verzerrt und stellt bloß. Wie bei den Irrtümern und Zaubereien der sogenannten Wort-des-Glaubens-Lehre, so bleibt auch hier am Ende nur noch die Wirksamkeit des Todes übrig. Es ist also völlig gleich, ob wir das Wort Gottes in die eigene Hand nehmen wie die Irrlehrer der Glaubensbewegung, die die Heilige Schrift zu einer Ansammlung von „Zaubersprüchen” verkommen lassen, um aus einer solchen eigenen „Verwendung” einzelner Bibelstellen „Ergebnisse” bzw. „Erfolge” für die Erzeugung der von ihnen propagierten, vermeintlichen „Erweckung” in „Zeichen und Wundern” hervorzubringen, oder wie jene, die auf der anderen Seite Schriftstellen aus dem Kontext reißen und daraus künstliche Zusammenhänge schaffen, um möglichst trickreich die Geistesgaben leugnen zu können, und schlußendlich – natürlich immer im Hinblick auf die Fehler der anderen – all die zu verteufeln, die sich um diese Gaben mühen. Beide Extreme sind, so gegensätzlich sie auf den ersten Blick sein mögen, Ausdruck ein und desselben Wesens und bringen ein und dasselbe Ergebnis hervor. Beides ist massive Finsternis und führt in Finsternis hinein. Wir sehen also, wie folgenschwer diese gesamte Lehrverirrung in Wahrheit ist, um die es hier geht, und erkennen somit wiederum Satan als den Urheber aller dieser Lehren. [29]


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Die Gaben der Prophetie, der Erkenntnis und der Sprachengabe als Gerichtszeichen und der Versuch ihrer Abschaffung durch Umdeutung

    Wenn die Liebe umgedeutet worden ist, dann müssen es auch die anderen Dinge. Fortan kreist die ganze Auslegung nur noch um den Bibelkanon, den man für das Vollkommene hält, das die Teile abgelöst habe. Es ist jedoch nicht möglich, daß das „Erkennen aus Teil” schon aufgehört habe, wie wir oben nachgewiesen haben. Es wäre die wohl allergrößte Anmaßung zu behaupten, daß wir Christus schon heute so erkennen würden, wie wir von Ihm bereits erkannt worden sind (1Kor 13. 12). Auch die immer wieder gehörte Unterstellung, daß die Geistesgaben etwa dazu gegeben worden seien, als eine Art vorübergehenden „Ersatz” oder „Grundstein” für den in der Frühzeit der Gemeinde noch nicht bestehenden Schriftkanon zu fungieren, ist lehrmäßig, d. h. von den entsprechenden Schriftaussagen her, in keiner Weise stichhaltig. Das Sprachengebet ist noch nie ein „Lehrersatz” gewesen, zumal es sich wie weiter unten erörtert nicht an Menschen richtet und auch eine völlig andere Aufgabe als die Lehrgabe ausfüllt. (Das gilt auch von den Sprachen, die in der Apostelgeschichte geschahen und deren Inhalt von den Umstehenden – als Erweis einer spezifischen Führung Gottes – verstanden wurde; auch sie waren ausnahmslos Lobpreisungen Gottes, aber niemals Lehre oder Prophetie, s. Apg 2. 11.) Und auch mit Evangelisation (die ja auch wieder an Menschen gerichtet wäre) hat dies vom Inhalt her nichts zu tun! Wer hier etwas anderes lehrt, zeigt damit, daß er von der Materie eigentlich nichts verstanden hat und wie ein Blinder von der Farbe redet, sich aber trotzdem zum „Eingeweihten” und damit zum Lehrer anderer aufschwingen will. Damit aber wird er aufgrund seiner Blindheit in dieser Frage anderen immer auch zum Irreführer, denn entsprechend dem, was Jesus sagte, ist es nicht möglich, daß ein Blindenleiter Blinde führe, ohne daß diese dann zusammen in eine Grube fielen (Mt 15. 14).

    Daran offenbart sich religiöser Stolz, und so erzeigt sich nicht zuletzt auch hier schon gerichtsmäßige Verblendung, unter die dann auch all jene geraten, die auf solche Lehren hören. Man täte wahrlich besser daran, solche Stellen liegenzulassen, solange sie uns dunkel sind, und auf den Zeitpunkt zu warten, an dem der Geist Gottes sie uns erschließt. Das schlösse dann auch das Eingeständnis unseres eigenen geistlichen Mangels ein – was nun wirklich kein Beinbruch wäre – und wäre dann einmal nicht selbsterwählte, sondern
wirkliche Demut (s. Kol 2. 23). Der Arzt kommt nun einmal nicht zu den Gesunden und Starken, sondern den Kranken und Schwachen als denen, die der Hilfe tatsächlich auch bedürfen (Mt 9. 12, Mk 2. 17 usw). Wie schade, wenn wir uns auch im geistlichen Bereich selbst für gerecht – für selbstgerecht – halten und damit solcher Hilfe verlustig werden. Uns mangelt so vieles, nicht nur von unserem Verständnis her, sondern auch von der Umsetzung. Wir vermögen es nicht! Wir bleiben blind ohne die Hilfe des Heiligen Geistes! Wir sind und bleiben jederzeit abhängig von Gott! Warten ist nicht unsere Stärke. Aber ich selbst habe zwei Jahre gewartet, bis ich die Zusammenhänge erkannte und Gott mir die Sprachengabe offenbaren konnte. Geschadet haben mir diese Jahre nicht  im Gegenteil.

    Dasselbe gilt über die biblischen Aussagen betreffs der prophetischen Rede. Auch diese neutestamentliche Gabe ist nicht etwa dazu gegeben worden, dem geschriebenen Wort Aussagen hinzuzufügen, solche zu bilden oder Schriftaussagen mit ihnen gar ersetzen zu wollen. Sie hat einen völlig anderen Zweck. Prophetie ist auch nicht Lehre über Prophetie, weder über die biblische, noch über die Gabe an sich, obwohl sie durchaus in Verbindung mit einer solchen Lehre stehen kann. Als
ein in eine ganz bestimmte Situation hinein ergehendes Wort spricht Prophetie in die Herzen der Herzukommenden hinein, die jeweilige Lage dieser Menschen viel tiefer und viel genauer treffend als wir das jemals könnten (da Gott Selbst es ja ist, der nach Apg 1. 24, 15. 8 die Herzen kennt) um auf diesem Wege – ohne jedes Wenn und Aber – gemäß 1Kor 14. 24 - 25 Überführung zu wirken. Da wird erkannt, daß Gott Selber gegenwärtig ist, da fällt man vor IHM nieder und nicht mehr vor Menschen. Wo ER der eigentliche Redende ist, da endet jede Diskussion. Das ist immer ein Erweis göttlicher Vollmacht! 

    Ein anderer Zweck der Prophetie ist das Voraussagen zukünftiger Ereignisse, damit die Gemeinde Gottes darauf vorbereitet sei (vgl. Apg 11. 27 - 30, 21. 10 - 14). Aber auch hier geschieht, wie wir uns denken können, ein solches Wort jedes Mal in eine sehr spezifische Situation hinein. Dabei kann es zwar Schriftworte enthalten, die der Geist in einer solchen Situation lebendig macht, kann aber durchaus auch eine freie Rede sein. Ein solches prophetisches Wort ist nach 1Thes 5. 19 - 22 jedoch immer anhand der Heiligen Schrift überprüfbar und muß demnach auch an ihr geprüft werden. Nicht umsonst steht aber gerade auch in demselben Zusammenhang, daß Prophetie nicht verachtet (wörtlich: benichtigt, für nichts gehalten) werden darf. Weiter unten werden wir uns dem noch einmal widmen. Allerdings ist vom Zusammenhang her auch zu sagen, daß diese Gaben in der Versammlung nicht zu häufig auftreten werden – Paulus spricht in 1Kor 14. 27 und 29 von zweien oder allerhöchstens dreien, die in diesen Gaben, ihrer jeweiligen Ordnung entsprechend, dienen sollen.

    So ist es in diesem Sinne und nach vorliegender Erkenntnis völlig falsch und von vornherein irreführend, von den drei neutestamentlichen Geistesgaben Sprachengebet, Auslegung und Prophetie als von
Offenbarungsgaben zu sprechen, da durch diese keine biblisch-lehrmäßigen Inhalte zu offenbaren sind zu keiner Zeit. Jegliche Neuoffenbarung ist vom Teufel; die Offenbarung Gottes ist vollständig; seit Bestehen der Bibel Alten und Neuen Testamentes gilt, daß es nichts Neues unter der Sonne mehr gibt (siehe Pred 1. 9, Off 22. 18, 19). Die vorgenannten Gaben haben einen ganz anderen Zweck, wie wir oben gesehen haben; und so wird einmal mehr erkennbar, daß sowohl die Protagonisten eines falschen, weil mißverstandenen Zungenredens als auch deren Kritiker meist fehl gegangen sind, weil sie beide diese Gaben an sich nicht verstanden haben, da sie dazu das Wort nicht ausreichend erforscht haben. Hätten sie es nämlich getan, dann wüßten sie zum Beispiel, daß man das Sprachenwunder, wie es aus Apg 2. 1 - 11 (für die Juden) und 10. 44ff (für die Nationen) überliefert wird, nicht ohne weiteres auf die Verhältnisse in 1Kor 14 übertragen kann:

    In der Apostelgeschichte handelt es sich um ein jeweils einmaliges Geschehen, das sich in einer von Gott gewirkten besonderen Situation (als Anfangsereignis, da der Geist gerade ausgossen wurde) eher zeugnishaft vor Menschen stattfand, damit diese merkten, daß die sich auf diese Weise Äußernden Gottes Geist empfangen hatten (Apg 2. 1 - 4 und 12 - 21 zu Joel 2. 28 - 32; Apg 10. 44 - 48 usw). In der Situation in Korinth (1Kor 14. 2) aber geht es um eine spezifische Gebetsgabe, die sich nicht an Menschen, sondern allein an Gott richtet. Im Gegensatz zu dem Erstgenannten versteht nach 1Kor 14. 9 - 11 und 14 weder der, der diese Gabe selbst ausübt, noch der, der sie hört, dieselbe in seinem Verstand und bedarf daher der Gabe der Auslegung (wörtlich: Durch-Übersetzung), falls sie denn überhaupt öffentlich gehört werden soll. Auch der Hinweis des Apostels auf diese Gabe, der allerdings nur dann gilt, wenn sie nicht übersetzt und demnach nicht verstanden wird, als Gerichtszeichen – wobei dies nicht lediglich auf Israel, sondern generell auf einen herzukommenden Unkundigen oder Ungläubigen bezogen wird, der dies hört, und nicht etwa auf diejenigen, die da reden – ist in exakt demselben Zusammenhang zu sehen (1Kor 14. 18 - 25 zu Jes 28. 10, 11 ).

    In den entsprechenden Irrlehren, die nur darum Bestand haben, weil man die verschiedenen Zusammenhänge (s. o.) miteinander vermengt, wird die Auslegung des Apostels allerdings in ihr Gegenteil verkehrt. Darum wollen wir uns diesem Sachverhalt noch etwas ausführlicher widmen. Paulus bezieht Jesaja 28 eindeutig auf herzukommende Unkundige oder Ungläubige; jene beziehen die Aussagen des Paulus in einem Umkehrschluß auf Jesaja und behaupten, daß Paulus dies „allein auf die Juden bezogen” habe. Damit drehen sie die gesamte Aussage schlicht um. Paulus spricht hier eindeutig nicht nur von Juden, sondern von Unkundigen oder Ungläubigen, und auf diese bezieht er den Jesajatext. Man muß den Text so, wie er sich hier darbietet, schon noch stehen lassen, will man ihn nicht nach eigenem Gusto umdeuten und damit verbiegen.

    Dies sind freilich Lehren, die durch die künstliche Überhöhung diverser „dispensationalistischer” Vorstellungen zustande gekommen sind. Nun gibt es verschiedene Dinge, die in diesen Richtungen biblisch zutreffend formuliert worden sind. Ein biblischer Glaube an Heilszeiten bzw. „Haushaltungen” an sich wird darum auch nicht in Zweifel zu ziehen sein, wie verschiedene Irrlehrer uns zu tun unterstellt haben; wogegen wir uns allerdings zu wenden haben, ist die Irrlehre eines überzogenen Dispensationalismus bzw. des Cessationismus, in die man die Aussagen der Schrift zu pressen versucht hat und die besonders die biblische Lehre und Unterweisung über die entsprechenden Gaben auflösen will. [45] Damit hat der Teufel sein Ziel erreicht, denn es ist unmöglich, das Werk in eigener Kraft zu tun, und darum tut kaum etwas so not wie schriftgemäße Unterweisung in diesen Fragen. So ist die Schlußfolgerung, daß Paulus mit den von ihm genannten „Ungläubigen” Juden gemeint habe, schlicht falsch, denn sie übergeht den Textzusammenhang, in den Paulus sein Jesaja-Zitat gestellt hat. Der Textzusammenhang besagt aber:

    (21) Im Gesetz steht geschrieben: In anderen Zungen und mit anderen Lippen werde Ich zu diesem Volk sprechen, und nicht einmal so werden sie Mich anhören, sagt der Herr. (22) Daher sind die Zungen nicht denen zum Zeichen, die glauben, sondern den Ungläubigen. Das Prophetenwort dagegen ist nicht für die Ungläubigen, sondern für die, welche glauben. (23) Wenn nun die ganze herausgerufene Gemeinde am selben Ort zusammenkäme und alle in Zungen sprächen und darin Unkundige oder Ungläubige hereinkämen, werden diese nicht behaupten, dass ihr von Sinnen seid? (24) Wenn dagegen alle prophetisch reden würden und dann ein Ungläubiger oder Unkundiger hereinkäme, so wird er von allen überführt, er wird von ihnen allen erforscht, (25) das Verborgene seines Herzens wird offenbar, und so wird er, auf sein Angesicht fallend, Gott anbeten und verkündigen, dass Gott wirklich unter euch ist.
1Kor 14. 21 - 25

    Wir müssen einfach sehen und anerkennen, auf wen Paulus „das Volk”, zu dem gesprochen wird, in seinem Brief bezieht. Von „Juden” steht hier nämlich im gesamten Text kein Wort! Wohl aber von denen, die hören, nicht verstehen und nicht glauben, oder aber von solchen, die hören, verstehen und glauben. „Ungläubige” bezieht sich demnach auf solche, die hören und nicht glauben  nämlich die Zungen, die sie nicht verstehen, darum nicht zum Glauben kommen und die nach Jesaja 28 ihnen ein Zeichen sowohl für sie als Ungläubige als (damit) auch des Gerichtes sind, des Gerichtes der Verstockung nämlich, von dem Jesaja spricht. Im anderen Fall ist es die verständliche Rede der Prophetie, die der Herzukommende versteht, durch sie überführt wird und damit zum Glauben kommt – so ist diesem dies zum Zeichen geworden, daß er glaubt, demnach also ein Gläubiger geworden ist. Das ist der Text, das andere ist eine völlig „verwurstete” und falsche „Textklitterung”, die durch das Hineindeuten von nichtzutreffenden Dingen zustande gekommen ist.

    Auch war die Gemeinde in Korinth keine judenchristliche, wie aus diversen Kreisen immer wieder behauptet worden ist, sondern eine aus heidnischem Umfeld entstandene, zu der freilich auch Juden gehört haben, da es am Ort auch eine Synagoge gab (1Kor 12. 1f, siehe dazu auch 1Kor 1. 15 und Apg 18. 8). Es ist also schon aus dieser Sicht mehr als offenkundig, daß Paulus die Weissagung Jes 28. 10f eben gerade nicht mehr nur auf die Juden beziehen kann, sondern auf alle, die als „Unkundige und „Ungläubige gelten, seien es nun solche aus den Juden oder aus den Nationen, wie sich dies aus der o. a. Stelle auch eindeutig ergibt. Wer immer die Sprachengabe anhand dieser Aussage als ein Zeichen für die Juden wertet, das man angeblich nicht mehr bräuchte, der mißinterpretiert und verfälscht die Aussage des Textes (die er überdies nicht verstanden hat) und verstellt damit wichtige Gedankengänge der Heiligen Schrift. Zugleich macht er sich damit auch der Sünde des Wegnehmens von Teilen des Wortes Gottes schuldig, ein Vergehen, das in Off 22. 19 unter Gericht gestellt wird, indem Gott ihm seinen Anteil am Holz des Lebens und an der heiligen Stadt wegnehmen” wird. Zudem sind solche Aussagen immer auch ein Indiz für eine weitere ungeistliche und unbiblische Ersatztheologie, eine solche nämlich, die die Gemeinde aus den Nationen an die Stelle Israels gesetzt sehen will, was den Aussagen der Schrift völlig zuwiderläuft (vgl. Rö 11. 1ff).  

    Dieses sich geschickt im Hintergrund haltende und immer wieder übernommene Relikt eines frühkirchlichen Antijudaismus, das als solches freilich auch im Hintergrund bleiben will, ist schon darum falsch und irreführend, weil es im Neuen Testament eben gerade nicht darum geht, zwischen vorgeblich ungläubigen Juden und gläubigen Heiden zu unterscheiden. Wer solches unterstellt, der hat wichtige Grundzüge des Neuen Bundes nicht verstanden, den Gott eben nicht mit der Kirche oder der Gemeinde, sondern mit dem Haus Israel und dem Haus Juda geschlossen hat (Hbr 8. 8 - 12). Die Nationen sind insofern zu Nutznießern dieses Bundes geworden, indem Gott aus beiden eins gemacht und die trennende Mauer der Umfriedung (d. i. die Feindschaft durch das unerfüllt gebliebene Gesetz) in Christus, aufgrund Seines Todes am Kreuz, in Seinem Fleisch eingerissen hat, so daß fortan beide, seien es nun Juden oder solche aus den Nationen, durch den einen Geist Zutritt zum Vater haben (siehe Eph 2. 13 - 18, Kap. 3. 6ff, vgl. auch Hbr 10. 19 - 22). Im Leib Christi gilt nämlich weder Grieche noch Jude noch etwas, sondern nur eine neue Schöpfung (2Kor 5. 16 - 17, Ga 3. 25 - 29 und 6. 15 - 17). Es gibt hier nur einen einzigen Unterschied, der Relevanz besitzt und das ist der, der zwischen einem Gläubigen oder einem Ungläubigen besteht, zwischen einem Wiedergeborenen aus dem Geist und einem Nichtwiedergeborenen, der den Geist nicht hat, ganz gleich, ob er nun Grieche oder Jude sei. 

    Ein Gläubiger ist ein Mensch, der Gottes Geist empfangen hat (Apg 2. 38, Kap. 5. 32), der ihn fortan über die himmlischen Dinge belehrt (Jo 3. 3 - 13, 31 - 34, Jo. 14. 26, 1Kor 2. 13, 1Jo 2. 26 - 27). Dieser Dinge kundig (und damit in sie eingeweiht) sein können wir nämlich nicht durch menschliche Belehrung, sondern immer nur durch den Geist (s. 1Kor 2. 6 - 16). Ein Unkundiger, wie Paulus ihn nennt, ist demnach einer, der den Geist nicht hat. Und damit sind wir wieder bei der Aussage des Paulus, der in 1Kor 14. 21 - 22 allein zwischen Gläubigen und Ungläubigen bzw. zwischen Kundigen und Unkundigen unterschieden wissen will, aber nicht zwischen Heiden und Juden, und darum auch die Prophetie aus Jesaja 28 in genau diesem Zusammenhang anwendet bzw. wertet. Hier sind wieder einmal Dinge einseitig konstruiert und hineingedeutet worden, die der betreffende Text schlicht und ergreifend nicht aussagt. So erweist sich bereits in dem eingangs des vorigen Kapitels erwähnten Zitat und den darauf aufbauenden Irrlehren nicht nur eine gravierende Unkenntnis der entsprechenden Schriftzusammenhänge, sondern auch der Bedeutung und Wirkungsweise der einzelnen Gaben, auf die wir in nachfolgenden Kapiteln noch eingehen werden.

   Falsch ist demnach auch die in anticharismatischen Kreisen vielfach geäußerte Unterstellung, daß Prophetie und Sprachengabe sich nie anhand der Bibel prüfen ließe. Besonders zur Prophetie äußert sich Paulus völlig gegensätzlich, wenn er in ein und demselben Zusammenhang – und dies in einem Atemzuge! – schreibt:

    Den Geist löschet nicht! Prophetie verschmähet nicht (wörtlich: exoutheneō, für nichts halten). Prüfet alles und behaltet des Vortreffliche. Haltet euch fern von allem, was böse aussieht.
1Thes 5. 19 - 22

    Damit wäre es wohl kaum möglich, daß Paulus den Thessalonichern bedeutet habe, sie sollten etwa das in der Bibel stehende Wort, etwa das der alttestamentlichen Propheten, auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen. Das Wort der Bibel ist wahr; es ist eine feststehende Größe, über die wir nicht zu befinden haben. Hier geht es eindeutig um Äußerungen geistlicher Gaben, besonders um solche der Prophetie, im weiteren Sinne aber auch um jede von Menschen erbrachte geistliche Mitteilung. Alle diese Äußerungen sind zu prüfen; Menschliches und damit Seelisches (vgl. Ja 3. 15) ist auszusondern, das Gute, Richtige, demnach Geistgewirkte ist zu behalten; finden wir etwas, was „böse” aussieht, dann ist es zu meiden. Woran ist zu prüfen? Natürlich an der Schrift. Wer hat zu prüfen? Alle, die ganze Gemeinde oder doch wenigstens alle die, die geistlich mündig sind. Es sei denn, wir halten uns als vermeintliche „Gabenträger” für bereits vollkommen und bedürften einer solchen Prüfung nicht; dann wäre uns allerdings nicht mehr zu helfen. Der Geist Gottes vergewaltigt uns nicht; Gott, der uns nicht nur im Mutterleib bildete, sondern in Christus Selbst Fleisch wurde, kennt und berücksichtigt unser Menschsein (Phil 2. 5ff, Hbr 2. 11 - 18). Es bleibt dabei, daß es Menschen sind und keine seelenlosen Roboter, denen Gott Seine Gaben anvertraut. Wir alle fehlen mannigfaltig (Ja  3. 2). Bei all diesen Gaben gilt also, daß wir in ihrer Ausübung fehlbar bleiben und auch Fehler machen, bis die Vollendung da ist. Diese schlichte Wahrheit scheint von vielen Charismatikern, umso mehr noch aber von ihren zahlreichen Kritikern kaum aufgenommen oder wenigstens verstanden worden zu sein. Die Ursache ist Stolz auf beiden Seiten – Stolz, der immer dann entsteht, wenn man sich schon im Vollkommenen zu leben wähnt in einer Zeit, in der das Vollkommene noch nicht gekommen ist.


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Ihr alle!” „Nicht alle!”

    Paulus schreibt weiter:

   Ich möchte aber (eig. ich will aber), daß ihr alle in Sprachen (o. Zungen) redet, mehr aber noch, daß ihr weissagt.
1Kor 14. 5, rev. Elberfelder [30]

    Und auch um diesen Satz hat es in der Auseinandersetzung sowohl innerhalb der „Charismatischen Bewegung” selbst, als auch zwischen „Charismatikern” und „Evangelikalen” allezeit erhebliche Kontroversen gegeben. Was ist nun die Aussage dieses Verses wirklich? Nun, sie erschließt sich einfach darin, indem wir lesen, was Paulus hier schrieb und wie er es schrieb, und auch hier uns weigern, Dinge hineinzulesen, die er so nicht gesagt hat, oder Dinge zu überlesen, die er klar gesagt hat. Wenn wir uns ganz einfach und unangestrengt nur an den Wortlaut dieses Verses halten, dann werden wir ganz unzweifelhaft erkennen, daß das Erstgenannte – „ich will, daß ihr alle in Zungen redet” – das Letztere – „aber mehr noch, daß ihr weissagt” nicht aufhebt. So, wie jeder, der den Heiligen Geist empfangen hat (ihr alle!), weissagen kann und soll, so kann und soll also auch jeder, der Ihn empfangen hat, in Zungen beten. Es ist nur wichtig zu verstehen, in welchem Zusammenhang diese Aussage gilt, in welcher Ordnung sie dementsprechend anzuwenden ist und in welcher nicht.

    Die hier zutreffende Ordnung finden wir im 26. Vers angesprochen. Wir zitieren ihn nach der Unrevidierten Elberfelder Übersetzung, die (ähnlich wie auch die Revidierte Elberfelder und die Schlachter-Übersetzung) in der Übersetzung dieses Verses dem Grundtext sehr nahe kommt:


   Was ist es nun, Brüder? Wenn ihr zusammenkommet, so hat ein jeder [von euch] einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Sprache, hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung; alles geschehe zur Auferbauung.
1Kor 14. 26

    Vor jeder einzelnen der hier genannten Gaben – sei es nun ein Psalm (Lobpreisung), eine Lehre, ein Sprachengebet, eine Offenbarung oder eine Auslegung – steht zusammenfassend das „Ein jeder hat” dieses Textes. Das bedeutet nicht nur, daß jeder irgend etwas oder irgend eine dieser Gaben haben solle, wie man verflachend immer wieder gesagt hat. Nein, ein jeder soll auch in jeder dieser einzelnen Gaben dienen können, die hier aufgeführt sind. So, wie ein jeder einen Psalm haben soll, so soll ein jeder auch das Vermögen haben, zu lehren, in Sprachen zu beten, Offenbarungen kundzutun, auszulegen (zu übersetzen) – zur Auferbauung der ganzen Versammlung, aller derer also, die Gott in der jeweiligen Situation zusammengeführt hat, und zwar, so oft ein solches Zusammenkommen an einem Ort zustande kommt. Die Unterscheidungen, daß dies jeweils ein anderer sein solle, in deren Konsequenz ein jeder statisch nur an eine ganz bestimmte Gabe gebunden sei, wie man sie in einigen Auslegungen und leider auch in die von mir sonst bevorzugte Konkordante Übersetzung hineininterpretiert hat, [31] finden sich hier im Grundtext nämlich gerade nicht.

    Wie also sollen wir das verstehen? Hatte nicht Paulus andernorts (vgl. 1Kor 12. 8ff) gesagt, daß der Heilige Geist die Gaben gebe, wie Er will, und darauf hingewiesen, daß nicht jeder in Zungen rede? Ja, das ist richtig; aber auch hier müssen wir den genauen Zusammenhang kennen; und dann werden wir auch herausfinden, weshalb dies zu der anderen Aussage des Paulus, daß er wolle, daß alle in Zungen redeten oder vielmehr noch weissagten und dementsprechend auch in anderen Gaben dienten, nicht im Widerspruch steht, das eine das andere vielmehr ergänzt und vervollständigt. Das eine – „ein jeder hat” – darf also nicht ohne das andere – „nicht jeder hat” – gesehen werden und umgekehrt; aus demselben Grunde darf es auch nicht dazu kommen, daß man andere Geschwister verurteilt und herabsetzt, weil in ihnen die eine oder andere Gabe noch nicht zur Reife gekommen sei, wie man dies – ich denke da besonders an das Sprachengebet – immer wieder einmal getan hat. So wird niemand ermutigt, auch nur in irgendeiner dieser Gaben zu dienen oder sich überhaupt für sie zu öffnen. [32] Hier hat es in der Vergangenheit immer wieder erhebliche Verirrungen, Schwärmereien und entsprechende Lehrverschiebungen beiderseits des Weges gegeben.

    Der Grund für solche Lehrverschiebungen war fast immer ein Mißverstehen oder sogar Mißachten der verschiedenen Zusammenhänge, ein mangelhaftes, inkonsequentes Durchdenken der betreffenden Aussagen und eine demnach unsaubere, ungenaue und ungesunde Auslegung, in deren Folge den fehlenden gedanklichen Bindegliedern jeweils eigene Ansichten untergeschoben oder Zusammenhänge im Nachhinein künstlich konstruiert werden. Aber auch hier gilt die Regel, nach der das Wort der Schrift keine Sache eigener Auslegung ist und die Schrift sich aus ihren Zusammenhängen heraus immer selbst erklärt (vgl. 1Ptr 1. 20). Das Wort Gottes ist in diesen Fragen sehr exakt und überaus schlüssig. Wenn es also an einer Stelle etwas sagt, was sich mit einer anderen auf den ersten Blick zu widersprechen scheint, dann ist es an uns zu erkennen, daß hier kein Widerspruch, sondern verschiedene Schriftzusammenhänge vorliegen, die man nicht ohne weiteres vermengen darf, und die beide jeweils berücksichtigt werden müssen, wenn das Ganze sich zueinander fügen soll. 

    Und so liegen auch hier verschiedene Schriftzusammenhänge vor, die allerdings recht nahe beieinander liegen und sich von daher ganz wunderbar ergänzen. Die Aussage des Apostels, daß er wolle, daß alle in Zungen redeten, bezieht sich demnach sowohl auf das vom Geist gewirkte Vermögen, als auch auf die eigene Bereitschaft, diese Gaben zu betätigen; die Aussage desselben Apostels, daß nicht jeder in Zungen reden könne, auf die Ordnungen des Leibes und der örtlichen Versammlung, in der nicht jeder – oder gar nur einer – alles hat, sondern der Geist Gottes die Gaben in jedem einzelnen so hervorbringt, wie Er in der jeweiligen Situation will, und zwar zum Nutzen aller (1Kor 12. 4 - 11f). Diese Ordnung, die naturgemäß nicht nur auf das Gebet in Zungen, sondern auch auf alle anderen Geistesgaben anzuwenden ist, wird dann auch in den nachfolgenden Versen des vierzehnten Kapitels konkretisiert, worauf wir an anderer Stelle noch zu reden haben werden (1Kor 14. 27 - 33).

    So gilt es auch hier, mit einem lang gehüteten Mißverständnis aufzuräumen. Wenn es nämlich so wäre, daß ein jeder nur ganz bestimmte Geistesgaben haben dürfe, dann liefe Paulus´ Anweisung, nach den Gaben zu eifern (Plural!) ins Leere. Es wäre dann also von vornherein gar nicht möglich, irgendwelche Gnadengaben zu betätigen, und jene hätten recht, die erwarteten, daß ein Geist sich erst der Versammelten bemächtigen und sich ihrer bedienen müsse, als seien sie willenlose Medien. So wäre etwa auch die Mahnung des Jakobus vollkommen unnütz, daß wir darauf achten sollen, nicht so viele Lehrer zu werden, wenn wir dies nicht tatsächlich auch selbst anstreben könnten (Ja 3. 1). Jeder, der die Bibel kennt, wird die Frage, ob es eine Gabe des Lehrens gäbe, bejahen. Womit streben wir die Lehrgabe also an? Indem wir uns nicht nur entscheiden, daß wir uns mit dem Wort auseinandersetzen und andere darin unterweisen wollen, sondern das auch tun. Damit liegt also die Entscheidung, ob wir diese Gabe betätigen wollen oder nicht, in unserer Vollmacht. Dasselbe gilt also auch für alle anderen Gaben, wie die des Zungengebetes und der Prophetie. 

    Wer sich nicht entscheiden möchte, in diesen Gaben auch zu wandeln, der wird nie dahin kommen, daß sie durch ihn wirklich auch betätigt werden, im Vertrauen darauf, daß die Silben, die wir mit unserem Mund formulieren, tatsächlich Worte einer vom Geist gewirkten anderen Sprache oder – bei verständlicher Rede – einer von demselben Geist gewirkten Prophetie sind. Es ist nur zu beachten, daß Gott das Praktizieren dieser Gaben in bestimmte Ordnungen gesetzt hat (1Kor 14. 26ff). In der Versammlung kann nicht jeder reden, wie er will; auch hat in ihr nicht jeder alles; vor allem aber ist das Betätigen einer Gabe stets an den Gehorsam gebunden: Will Gott jetzt, in gerade diesem Augenblick, daß ich öffentlich in Zungen bete, das Zungengebet eines anderen auslege, einen Psalm oder eine Offenbarung habe, lehre oder prophezeie? Habe ich in meinem Herzen einen diesbezüglichen Impuls des Heiligen Geistes oder ein entsprechendes Wort von Gott empfangen, oder will Er, daß ich gerade jetzt schweige und erst einmal auf das höre, was ein anderer (V. 30, 31) zu sagen hat?


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Vom Fleiß des Einübens: Verstand und Wille sind aktiv beteiligt

   
Und noch einen weiteren Irrtum gilt es aufzudecken und auszuräumen. Immer wieder behaupten durchaus auch namhafte evangelikale Autoren, daß es nicht möglich oder sogar falsch sei, den Gebrauch von Geistesgaben auch einzuüben, und zwar als ganz bewußten und nüchternen Lernprozeß. Wir hatten eingangs ja bereits davon gesprochen und auch davon, woher
ein solches Denken  es handelt sich dabei in der Tat um ein magisches Denken  eigentlich kommt. Wenn es auch zweifellos richtig ist, daß die Geistesgaben selbst nicht eingeübt werden können, weil es eben Gaben Gottes sind, so ist aber doch die Behauptung, daß man Geistesgaben nicht praktizieren könne, schlicht falsch und steht im direkten Gegensatz zu den Aussagen des Wortes Gottes. Wie oft lesen wir darin, daß wir etwas zu tun angehalten werden: Wenn jemand in einer anderen Sprache reden will, so sollen es zwei oder drei tun, steht da; ein anderer soll es auslegen (1Kor 14. 27). Da wird unser Wille angesprochen, da geschieht nichts von selbst, da sind unser Verstand und unser Entscheiden ganz nah und ganz direkt beteiligt.

    Auch die Propheten sollen in derselben Weise, also zwei oder drei reden, und zwar alle nacheinander, und alle sollen es beurteilen (V. 29). Wenn einem andern etwas geoffenbart wird, soll der erste schweigen usw. (V. 30). Es ist eben nicht richtig, daß man den Verstand (und damit auch den Willen) „zu entleeren” oder „an der Garderobe abzugeben” habe, wie einige unterstellen. Wer seine Zuhörer lehrt, daß sie den Verstand aufzugeben hätten, führt sie in die Dämonie. Weder ist er aufzugeben, noch darf er uns beherrschen (Rationalismus!), sondern er ist dem Wort Gottes unterzuordnen (2Kor 10. 5). Und so steht überall ein willentliches Entscheiden, ein bewußtes Tätigwerden sowohl am Anfang als auch am Ende des Praktizierens der Gabe. Die Geistesgaben finden nicht von alleine, ohne unser Tun, gewissermaßen „automatisch” statt.
Weiter oben haben wir ja gelesen, was von solchen „automatischen Gaben” zu halten ist, die ohne unser Mitwirken, d. h. „wie von selbst” ablaufen; solche Dinge sind Kundgebungen dämonischer Geister. Wenn Paulus also davon schreibt, daß die Gnadengaben sich nur innerhalb einer ganz bestimmten Ordnung entfalten können – der Ordnung nämlich, die wir eben betrachtet haben –, bedeutet das gleichzeitig, daß auch der Geist Gottes eine Versammlung auch immer nur innerhalb derselben Ordnung führen kann  und wird. [33] 

    Darum ist es geradezu Pflicht – hier kommt nämlich jenes Eifern oder, wie Luther übersetzte, jenes Befleißigen zum Tragen, das der Apostel eingangs einfordert! – sich im rechten Gebrauch dieser Gaben auch einzuüben. Und für ein solches Einüben, für ein solches Lernen hat der Apostel jenes vierzehnte Kapitel geschrieben! Hier hatten die Korinther, die zwar um die Gaben eiferten, doch ohne Verstand, echten Nachholebedarf (1Kor 14. 12). Wegen der weitverbreiteten Unkenntnis und des daraus resultierenden Durcheinanders in diesen Fragen stehen ganz offensichtlich auch wir heute vor demselben Problem. Wir brauchen also keine Angst davor zu haben, daß wir dem Geist Gottes etwa willkürlich vorgreifen würden; denn wenn Er die Versammlung ausschließlich in derselben Ordnung führt, die das Wort Gottes beschreibt und in die wir uns ja einüben wollen, dann ist es auch nicht möglich, daß wir dabei Seine Führung verlassen. Ganz im Gegenteil – ein solches Einüben bringt uns Ihm näher; es ist auch die einzige Möglichkeit, gemeinsam unsere Sinne zu schärfen, indem wir nicht nur mit-, sondern auch von- und aneinander lernen, auf den Geist zu hören und die Stimmen voneinander zu unterscheiden, nach dem, was unsere eigene Seele war, und dem, was des Geistes ist. Da dürfen auch Fehler gemacht werden; etwaige Fehlentwicklungen können jederzeit in Liebe und Achtung voreinander zurechtgerückt werden, etwa dann, wenn jemand zwar in Zungen gebetet hat, aber die Auslegung vergessen wurde (V. 27, 28) oder wenn es etwa darum geht, eine Lehre noch genauer darzulegen [34] (vgl. Apg 18. 24 - 26). So lernen wir daran auch noch besser aufeinander einzugehen und Liebe und Barmherzigkeit zu üben. Und so erkennen wir auch, daß die Gaben vor allem dem einen Zweck gegeben sind, daß wir uns als Leib, alle gemeinsam und miteinander, in der Liebe einüben.

    Die Liebe ist also auch aus dieser Sicht heraus der Weg, auf dem wir von den verschiedenen Winden der Lehre geschützt, das Wachstum vollziehen können, das Gott für uns alle vorgesehen hat, damit wir in die Reife kommen, hinein in die Mündigkeit aller, hin zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes (Eph 4. 13 - 14). Denn alles, was wir als Einzelne je darbieten, ist Stückwerk und kann immer auch nur Stückwerk sein. Das Verharren im Stückwerk Einzelner wird darum immer auch zu solchen Einseitigkeiten und Überbetonungen führen, wie sie durch die ganze Kirchengeschichte hindurch immer wieder geschehen sind und noch geschehen. Man hat ja diesen Abschnitt aus dem Epheserbrief immer wieder nur auf jene Gaben reduziert, die der Apostel hier einzeln nennt (4. 11 – 12),
[35] dabei aber übersehen, daß er, noch bevor er auf diese einzelnen Gaben zu sprechen kommt, erklärt hat, daß Gott alles in allen wirken wolle (4. 6). Und darum sollen nicht nur die wenigen Gaben einzelner hineinkommen und akzeptiert werden dürfen, sondern es müssen die Gaben aller – nach dem Maß, das jeder hat – in den Christuskörper einverleibt werden, alles soll ja zum Wachstum gebracht werden, hinein in Ihn, in Christus, der das Haupt ist (4. 15 - 16). 

    Daher bedarf es so sehr der Einheit dieses einen Körpers, der in den verschiedenartigen Gaben erbaut wird: alle sind gleichermaßen auf Christus, das Haupt ausgerichtet, alle hören gleichermaßen auf Ihn, und das Band des Friedens untereinander, als das der gegenseitigen Annahme und Liebe hält uns, die Glieder, in diesem Körper zusammen. So gelangen wir dann endlich auch zur Einheit des Geistes, d. h. der gemeinsamen Führung aller seiner Glieder durch diesen einen Geist (4. 1 - 6). Hier sehen wir, wie notwendig ein solches Zusammenkommen ist; wollen wir in diese Einheit, in dieses Wachstum und damit in die Reife hineingelangen, dann sind die Dinge, von denen wir hier sprechen, geradezu unumgänglich. Denn je mehr diese Einheit, dieser Frieden zustandekommt, umso mehr Gaben kommen auch zusammen, umso mehr Teile fügen sich, ja vervollständigen sich zu einem Ganzen (4. 13, s. a. Kap. 1. 23). So kann auch etwaigen Irrtümern schon im Zeitpunkt ihres Entstehens wirksam begegnet werden, da ein jedes Glied, solange es gehorsam ist und sich vom Geist auch demütig führen läßt, nach dem ihm gegebenen Maß das jeweils andere nicht nur ergänzen, sondern im gegenseitigen Gespräch ggf. auch korrigieren kann. [36]

 

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Von der Koinonía oder: Werdet erwachsen

    Dieser notwendige Austausch setzt freilich ein ganz anderes Verständnis des Leibes voraus, als jenes, das heute weitgehend an der Tagesordnung ist. Insofern gilt es, den zentralen Gemeinschaftsbegriff des Neuen Testamentes, die koinonía, richtig zu verstehen. Koinonía – als Inbegriff der innersten Liebesbeziehung in einer Ehe – heißt so viel wie Gemeinschaft oder Beisteuer zu gleichen Teilen (vgl. Hbr 13. 16). Dieses Gleichgeteiltsein meint nicht Gleichartigkeit, sondern Gleichberechtigung in der Form, daß niemand über dem anderen steht, gleichzeitig aber niemand für sich selber Vollmacht hat, sondern immer nur für den anderen. Damit gelten hier dieselben Regeln, wie sie auch für Mann und Frau niedergelegt sind. Wie der Mann nicht die Vollmacht über seinen eigenen Körper hat, sondern nur die Frau, so hat auch die Frau keine Vollmacht über den eigenen Körper, sondern nur der Mann (1Kor 7. 3 - 4, s. a. Ga 3. 28). In derselben Weise sollen nun die Glieder des Christusleibes einander dienen, indem sie nicht so sehr suchen, was das Ihre, sondern immer zuerst das, was des Anderen ist (Phil 2. 2 - 4). 

    So ist also in dem Begriff der koinonía auch schon der Gedanke des jeweils Einander-Dienens und Höherachtens ganz klar enthalten. Und darum besteht der Leib auch nicht in der Hierarchie jenes problematischen Amtsverständnisses, das von den meisten gelehrt und praktiziert wird, sondern in der Gleichberechtigung aller seiner Glieder, ein jedes an seinem ihm von Gott zugewiesenen Ort. Wir können uns diese Gleichberechtigung am besten ausmalen, wenn wir uns einen Kreis denken, in dessen Mitte Christus ist. Wir sind Seine Jünger und bilden den Kreis, indem wir um Ihn herum versammelt sind; wir schauen alle gleichermaßen auf Ihn, wir empfangen von Ihm und sind gleichzeitig über Ihn auch miteinander verbunden. Da erhebt sich keiner über dem anderen, kein anderer ist in der Mitte als nur Jesus, unser Herr. Das ist koinonía, und das ist der einzige Boden, auf dem die Geistesgaben überhaupt erst gedeihen können. Nur so kann auch der Austausch der Glieder untereinander geschehen, wie er oben beschrieben worden ist. Sobald sich aber auch nur einer der Versammelten aus dem Kreis erhebt, um mehr oder größer zu sein als der andere neben ihm, ist der Kreis durchbrochen, die Gemeinschaft untereinander ist an der Stelle aufgelöst, und die allen gemeinsame Mitte, der Christus, ist aufgegeben, weil da ein anderer in die Mitte getreten ist neben Ihm.

    Die hartnäckige Weigerung, sich der Geistesgaben nicht nur in der rechten Art, sondern überhaupt zu befleißigen, hat etwas mit diesen Zusammenhängen zu tun – sie ist Ausdruck der Furcht des Menschen, seine eigene Herrschaft aufzugeben und die Dinge aus den Händen zu legen, um sie dort zu lassen, wo sie hingehören, nämlich in den Händen Gottes. Letzten Endes ist ein solches Weigern nur mehr ein Beweis dafür, daß man nicht gewillt ist, sein Kindheitsstadium aufzugeben, um zu reifen und in das Mannesalter des erwachsenen Sohnes hineinzukommen (Eph 1. 15 - 23, 4. 13). Hier geht es also nicht mehr nur um die Anfangsgründe; hier geht es um die schon festere Speise, wie auch der Hebräerbrief sagt; hier geht es darum, daß wir hören, was der Herr uns sagen will, weshalb sich der Schreiber dieses Briefes beklagt, daß seine Briefempfänger, die der Zeit nach eigentlich Lehrer sein sollten, wieder der Milch bedürfen, da sie die feste Speise nicht vertragen können, weil sie im Hören schwerfällig geworden sind (Hbr 5. 11). Hier erkennen wir, daß sie schon einmal dort gewesen sind, wo der Schreiber sie wieder hinführen will; sie sind aus dem zurückgefallen! So wichtig ist ihm diese Reife, diese Hörfähigkeit, dieses Verbundensein mit dem himmlischen Haupt, daß er dies immer wieder anmahnt, indem er seine Leser fast schon bekniet, daß sie doch ihre Herzen nicht verhärten mögen, wie einst während der Wüstenwanderung der Israeliten geschah, die aufgrund ihres Ungehorsams und Unglaubens den Eingang in das ihnen Verheißene versäumt hatten (3. 7 - 19, 4. 1 - 7).

    Daran, daß der Hebräerbrief seine Leser bis in das Innerste hinter dem Vorhang, bis ganz hinein in das Heilige, wo ja der siebenarmige Leuchter steht, der die sieben Geister Gottes repräsentiert, und darüber hinaus bis in das Allerheiligste Gottes führen will, erkennen wir, daß das Gesagte durchaus sehr viel mit den Geistesgaben zu tun hat, mit Dingen also, die wir nur in der Gemeinschaft mit dem dreimalheiligen Gott empfangen können, weil sie dem natürlichen Menschen verborgen bleiben müssen (vgl. Jes 11. 2, Hbr 9. 2, Off 2. 1, 5; s. a. Jo 3. 3 - 13, Rö 8. 5 - 9, 1Kor 2. 9 - 16, 15. 50 u. v. a. m.). Das sind ja auch genau die Dinge, die dem Schreiber des Hebräerbriefes wegen der Schwerhörigkeit seiner Leser zu erörtern verwehrt waren, so daß er sie ihnen nicht erklären konnte (Hbr 5. 11, s. a. Kap. 9. 2 - 5). Wie Jesus, der erstgeborene Sohn, so sollen auch wir lernen, ständig auf Gott zu hören, stets von Ihm abhängig zu sein. Dieses Ziel zu erreichen, ist Hauptgegenstand der Erziehung Gottes zum mündigen Sohn. Darum lernte auch Jesus den Gehorsam durch das, was er litt; und so sollen auch wir uns mit demselben Gedanken wappnen, denn wenn uns der Vater auf diese Weise nicht erzöge, dann wären wir ja Bastarde und nicht Söhne (Hbr 5. 7 - 10, 12. 4 - 11, s. a. 1Ptr 4. 1 - 2). Und wie jene werden auch wir dazu angehalten, durch steten Gebrauch – ständiges Hören – geübte Sinne zu erwerben, um in einer solchen Weise hören zu können, daß wir Treffliches wie auch Übles voneinander zu unterscheiden vermögen (Hbr 5. 14 - 6. 3). Und davon, daß unsere Sinne geschärft werden sollen, haben wir ja gerade gesprochen. Denn daß wir dieses Ziel tatsächlich auch erreichen, das ist der Vorsatz des Apostels auch bei den Korinthern:

   Brüder, werdet nicht wie kleine Kinder in euren Sinnen und Denken. Im Üblen sollt ihr wohl unmündig sein, aber im Sinnen und Denken gereift werden!
1Kor 14. 20

    Wie viele unter denen, die sich heute Christen nennen, sind wohl Mündige im Üblen, gleichzeitig aber Unmündige, Ungereifte im Sinnen und Denken? Hier aber geht es darum, daß unsere Sinne geschult, empfindsam gemacht werden sollen durch das Einüben im rechten Gebrauch der Gaben. Wir sollen ja dem Kleinkindalter entwachsen in einer Zeit, in der wir eigentlich längst mündig geworden sein sollten. Das Wort, das Paulus hier verwendet, ist in diesem Zusammenhang geradezu bemerkenswert. Hier steht tatsächlich, daß wir nicht wie kleine Kinder, wörtlich wie Spielende werden sollen (paidía, von paizo, spielen abgeleitet, landläufig auch mit dem Wort „Knaben” übersetzt). Hier entsprachen die Korinther nicht zuletzt auch der Ichbezogenheit kleiner Kinder, wenn sie zwar offensichtlich alle durcheinander in Zungen beteten, die Gaben aber, die der Auferbauung des Bruders und der Schwester dienen sollten, vernachlässigten. Spielende werden, nicht Spielende sein, steht da; wie die Hebräer, so waren also auch die Korinther bereits dabei, sich nicht voran- sondern sich zurückzuentwickeln!
[37] Hier besteht also genau das gleiche Problem. Es ist daher an der Zeit, daß auch wir aufhören, mit den Gaben (oder was wir manchmal auch nur dafür halten) einfach nur herumzuspielen, wie jene es offenbar taten, und damit anfangen, unsere Hausaufgaben zu machen, die der Apostel uns hier aufgibt, damit wir endlich erwachsen werden!

    Sowohl die vielen Querelen, als auch die nicht wenigen Übertreibungen in Bezug auf das Zungengebet stellen deutliche Kennzeichen einer solchen Unreife, eines solchen Kleinkindstadiums dar. Was hat man nicht in den verschiedenen christlichen Lagern alles schon über diese Gabe gesagt oder geschrieben, meist mit dem Ergebnis, daß diese Gabe entweder ganz verworfen oder auf der anderen Seite immer wieder maßlos übertrieben worden ist! Diese Art des Gebets darf keineswegs vernachlässigt werden, wie viele behaupten; seine Ausübung braucht jedoch eine gewisse Sorgfalt, nicht zuletzt bedarf sie auch unseres Hingegebenseins in der Furcht Gottes. Es ist auch nicht der Fall, daß die Prophetie oder irgendeine andere Form der verständlichen Rede das Zungengebet abgelöst habe, wie man in verschiedenen Lagern hört. Daher ist es also auch nicht richtig, es ganz abzustellen oder etwa in ein verstandesmäßiges, erlerntes Reden in einer Fremdsprache umzudeuten u. v. a. m. Wer immer auch solche oder ähnliche Lehren verkünden mag, der zeigt, daß er weder die Art des Praktizierens, noch die Wirkungsweise der Geistesgaben insgesamt, noch ihre Wechselbeziehungen untereinander jemals richtig verstanden hat. Er hat einfach nicht begriffen, was der Apostel hier schreibt, und wie ein Blinder in der Farbe, rührt er in den Paulustexten herum und versucht Dinge zusammenzumischen, die er nicht gesehen hat. Wenn Paulus betont, daß die Korinther in der Prophetie zunehmen sollen, sagt er damit ja nicht, daß sie aufhören sollen, in Zungen zu beten (1Kor 14. 1). Im Gegenteil; er wünscht ja, sie würden alle in Zungen beten (V. 5). Es soll jedoch in der rechten Ordnung geschehen, damit auch all die anderen Geistesgaben zum Zuge kommen können, die für die Auferbauung der ganzen Gemeinde notwendig sind. Und darum müssen auch wir uns mit dieser Ordnung einmal wirklich auseinandersetzen.


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Von den Wechselbeziehungen der Gaben untereinander

    Wir sprachen ja davon, daß die Geistesgaben zueinander in verschiedenen Wechselbeziehungen stehen. Um nun die Wechselwirkung des Zungengebetes mit den anderen Gaben zu verstehen, müssen wir erst einmal darauf eingehen, wozu es uns überhaupt gegeben wurde und was es eigentlich bewirken soll. Wer in Zungen betet, der betet für sich selbst Geheimnisse zu Gott; somit ist dies nicht nur eine, sondern sogar die einzige Gabe zur eigenen Auferbauung – es ist daher in erster Linie eine persönliche Gabe (V. 2, 4a). Wenn wir die Zungengabe in dem Kontext betrachten, in dem Paulus sie hier beschreibt, dann müssen wir unbedingt beachten, daß das Zungengebet als solches sich keineswegs an Menschen richtet, wie offenbar immer wieder unterstellt wird - es beinhaltet Geheimnisse, die an Gott gerichtet sind, und zwar an Gott allein.
[38] Es gibt keine andere Gabe, die uns so sehr in die Gegenwart Gottes führt wie das Gebet in neuen Zungen und der Austausch jener Geheimnisse der Liebe Gottes, die sie beinhaltet. Das ist auch der eigentliche Grund dafür, weshalb der Teufel gerade diese Art des Gebetes so massiv bekämpft. [39]

    In der Versammlung
aber geht es nicht so sehr darum, daß ich auferbaut werde; hier soll ich vor allem weitergeben, soll überfließen zur Erbauung meiner Geschwister (V. 4b - 19). Hier stehe ja nicht mehr ich, sondern hier stehen andere im Vordergrund, weshalb der Apostel an anderer Stelle dazu aufruft, den Bruder und die Schwester höher zu achten als sich selbst (Phil 2. 3).
Wenn wir dieses Überfließen nicht nur mental verstehen, sondern tatsächlich – durch die Bereitschaft, weiterzugeben – auch überzufließen beginnen, werden wir auch erleben, wie die Gabe der Zungenrede uns, gewissermaßen wie ein „Schlüssel”, hin zu allen anderen Gaben führt, vom nur Persönlichen hin in die Gemeinschaft und Auferbauung aller.