Die Gabe und der Raub


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Die Gabe und der Raub
Gedanken über die Gnadengaben Gottes nach dem Neuen Testament

    Die vorliegenden Seiten befassen sich mit dem Thema der geistlichen Gaben, wie sie vom Neuen Testament her beschrieben werden und von dort her nicht nur verstanden, sondern auch angenommen und in der rechten Weise gelebt werden wollen. Wir gehen dabei nicht zuletzt auch auf die Entwicklungen der Charismatischen Bewegung innerhalb der ehemaligen DDR ein, da wir von diesem Hintergrund herkommen. Natürlich kann eine solche Betrachtungsweise nie eine andere sein als eine immer auch subjektiv gefärbte, wie dies ja grundsätzlich bei jeder eigenen Betrachtungsweise zu sagen ist. Ich glaube nicht, daß man jemanden aus seinem Umfeld herauslösen kann, in dem er lebt und auch von Gott her gestellt worden ist, und das gerade auch hinsichtlich unserer Fehler, die wir immer wieder machen. In die Subjektivität unserer Persönlichkeit und der eigenen Lebenswege hinein gilt es jedoch immer, die Objektivität des Wortes Gottes aufzurichten. Daher wollen wir nicht bei dem Erfahrenen stehen bleiben, sondern vor allem danach fragen, was dieses Wort darüber zu sagen hat. Verschiedene Anmerkungen dienen der Ergänzung und Konkretisierung der jeweiligen Aussagen.

    Zugleich aber werden wir uns auch den verschiedenen Irrlehren widmen, die in dem Versuch, unter Mißbrauch der hier beschriebenen Irrwege die Geistesgaben als generell obsolet darzustellen, leider immer wieder publiziert und unter den guten Samen des Wortes Gottes gemischt werden. Wer über die Gaben lehrt, der muß sich stets der Gegnerschaft zweier Seiten erwehren; es ist nicht der Weg, sondern es sind die Extreme rechts und links des Weges, die ihm das Leben schwer machen. Es handelt sich bei dieser Studie um eine Zusammenführung verschiedener Aufsätze, sowohl solcher, die im Verlaufe der Jahre entstanden sind, als auch von eigenen Beiträgen, die im Verlaufe einer Forenmitarbeit verfaßt und gelegentlich überarbeitet wurden. Es ist das erklärte Bestreben dieser Seite, im Rahmen ihrer gewiß kleinen Kraft dabei mitzuhelfen, daß nicht nur die verschiedenen Fehlentwicklungen, sondern vor allem auch die Fehldeutungen erkannt und berichtigt werden können. Möge Gott uns allen das Licht und die Umkehr schenken, die gerade auch auf diesem Gebiet mehr denn je notwendig sind!


Inhalt:

Prolog * „Eifert nach den Gaben” – in Freiheit * Brot, Fisch und Ei oder Stein, Schlange und Skorpion? *
Die Person des Heiligen Geistes * Geistesgaben – wozu? Wir sind doch bekehrt und haben die Bibel! *
Die Wirksamkeit des Heiligen Geistes als Beiseiterufer Gottes * Gnadengaben – vom Geist gewirkte Gnade *
Vom Weg der Liebe oder: Was ist das Vollkommene, das kommen soll? *
Die Liebe versagt nie: Das Fortbestehen von Glaube, Hoffnung und Liebe *
Das Vollkommene als die Vollendung des Leibes in Einheit und der Anbruch des Schauens von Angesicht zu Angesicht *
Das „Erkennen aus Teil” und die Basis der Liebe *
Die Gaben der Prophetie, der Erkenntnis und der Sprachengabe als Gerichtszeichen und der Versuch ihrer Abschaffung durch Umdeutung *
„Ihr alle!” – „Nicht alle!” * Vom Fleiß des Einübens: Verstand und Wille sind aktiv beteiligt *
Von der Koinonía oder: Werdet erwachsen * Von den Wechselbeziehungen der Gaben untereinander *
Die Ordnung des Herabstandes * „Die Gaben des Geistes sind die Gaben des Geistes” * Der Raub und die Versöhnung



Inhalt
Prolog
Thema
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< Menschen der Unmittelbarkeit Die Taufe... >


Prolog

    Es ist August des Jahres 1984, die Zeit der Kirchenwochen, die in vielen Orten stattfinden. Etwa 200 Gläubige sind versammelt in einer Kirche im thüringischen Mohlsdorf, DDR.. Von überall sind sie hergekommen. Und doch regiert die Liebe, und eine große Einheit ist vorhanden. Es ist nichts angeordnet, außer daß man gemeinsam auf Gott hören und das Gehörte einander mitteilen will. Es gibt zwar eine ganze Reihe leitender Mitarbeiter, die die verschiedensten Dienste tun und die Kirchenwoche tragen; aber eine Leiterschaft in dem Sinne, daß einer über dem andern herrscht, gibt es nicht. So etwas ist verpönt in jenen Tagen. Nach einer kurzen Einführung steigt gemeinsame Anbetung Gottes auf. Es werden einzelne Geistesgaben betätigt. Einer, zwei oder drei beten in Zungen, einem anderen wird die Auslegung geschenkt. Es folgen Erkenntnisworte und Prophetie, immer wieder gefolgt von Stille – man kann eine Stecknadel fallen hören – und Liedern der Anbetung. In alldem herrscht eine große Disziplin und Ruhe.

    Ein Freund aus jenen Tagen, ein lutherischer Pfarrer aus einem Ort in der Nähe von Chemnitz, bestätigte mir, daß diese Höhe bis heute – mehr als 20 Jahre danach – nicht wieder erreicht worden ist.

    Wenigstens in Anfängen empfinde ich das, was damals erlebt wurde, als ein ganzes Stück signifikanter Verwirklichung dessen, was im Neuen Testament über die Geistesgaben geschrieben steht. Ich erinnere mich noch heute daran, als wäre es gerade erst geschehen. Diese Tage haben mich über vieles andere hinaus geprägt. In der Zwischenzeit 
wir schreiben das Jahr 2008  hat die Charismatische Bewegung, wie ich sie kenne, einen verhängnisvollen Weg eingeschlagen. Wie ist es dazu gekommen? Schauen wir noch einmal auf jene Zeit:

    Viele bekehren sich, erleben die Vergebung ihrer Sünden, werden von neuem geboren, erfahren die Gnade Gottes. Auch so mancher Pfarrer ist dabei, erfährt seine eigene Lebenswende und damit auch eine Wende seines Dienens. Es gibt Brüder, die vor der ganzen Gemeinde Buße tun. Viele öffnen ihre Kirchen, beweisen fast übermenschlichen Mut, fechten so manchen Streit mit den Kirchenleitungen aus. So mancher riskiert seine Ordinationsurkunde dabei und damit seine Existenz. Keiner, der nicht in der DDR jener Zeit lebt, wird je ermessen können, was das in einem solchen Land für Konsequenzen mit sich führen kann. So bleiben den meisten
auch die vielen inneren Kämpfe dieser Väter und Mütter in Christus verborgen, werden von vielen kaum wahrgenommen oder wirklich respektiert. Und doch vermag die Kirche insgesamt das neue Leben, und sicherlich auch so manche notwendige Korrektur, die dieses neue Leben in Lehre und Praxis mit sich brächte, nicht so recht anzunehmen. Eine Zeit des gegenseitigen Ausgrenzens beginnt. Alt und Jung klaffen mehr und mehr auseinander, entfremden sich zunehmend. Die Väter wollen das Althergebrachte bewahren; die Jungen aber streben, stürmen voran, wollen in dem Neuerkannten weiterkommen, weiterkommen bald um jeden Preis. Dieses Weiterkommen-wollen um jeden Preis” ist der Anfang der Tragödie...

    So gibt es viele unter uns, die sich bald nichts mehr sagen lassen, die zunehmend dem Hochmut verfallen bis dahin, daß sie zuletzt auch ihre Väter verwerfen und angreifen. Stimmen aus den eigenen Reihen, die zur Nüchternheit mahnen, werden bald überhört, gelten vielen nur noch als Teilhabe Unaufgeklärter am vorgeblich alten religiösen System. So kommt es erst zu Brüchen, dann vermehrt zu Spaltungen. Man spricht von einer regelrechten Kirchenaustrittswelle. Die Landeskirchen sind darauf nicht vorbereitet. So trifft sie das Geschehen wie ein Schlag. Vor allem viele kleine Kirchengemeinden brechen zusammen. Noch immer gibt es warnende Stimmen; sie werden jedoch meistens überhört und in den Wind geschlagen. Bald ist es zu spät, und die Welle rollt mit voller Wucht. Die Ausgetretenen gründen neue, „freie” Gemeinden, es entsteht eine neue Denomination, und neue, bislang wenig bekannte Lehren greifen um sich. Es sind vor allem die Lehren der Glaubensbewegung Kenneth Hagins und anderer, made in USA und Deutschland (West), die da über die Grenzen wabern. Die sogenannten „Jüngerschaftsschulen” entstehen. Daß die Urheber der Jüngerschaftslehre ihre Lehren gerade erst widerrufen haben oder dabei sind, sie zu widerrufen, wissen die Betreiber offensichtlich nicht. [1] Wir schreiben die Jahre 1986/87. Es beginnt eine Zeit der Eliten, der sogenannten „großen Gesalbten, der angeblichen „Männer Gottes.

    Bald kommt das Jahr 1989, das Jahr der friedlichen politischen Umwälzungen, die Grenze ist offen. Alles ergeht sich in Euphorie, so daß wir schier trunken sind ob der neuen Freiheit. Diese Trunkenheit wird jedoch auch für viele Geschwister teuer werden. Denn sie ruft nun nicht etwa mehr der Herr, dessen stilles Reden im Strudel der Ereignisse vielfach übertönt wird, sondern die D-Mark. Die DDR wird verkauft und ihre Bevölkerung gleich mit. Die Bevölkerung eines ganzen Landes tappt in die Falle der Geldgier, und die Falle schnappt zu. Es gilt den Preis zu bezahlen, ihren Preis. Was Paulus schrieb, wird für viele zur bitteren Realität (1Tim 6. 9 - 10). Die folgenden Jahre werden uns ernüchtern lassen.

    Es gibt die ersten Arbeitslosen, nicht nur „frei” geworden aus unrentablen Betrieben, sondern zunehmend produziert durch eine verhältnismäßig marktradikale, in großen Zügen profit- und geldorientierte Politik derer, die sich „christlich” nennen. In großen Scharen kommen nun Menschen mit einer Mentalität in den Osten, wie man sie hier vorher nicht kannte; nicht wenige von ihnen gehören zu den Gewinnlern und Profiteuren der ersten Stunde. Sie profitieren vor allem von unserer schier grenzenlosen Naivität. So verkaufen sie uns anfangs nicht nur rostige Autos oder Ramschartikel, bevor sie darangehen, Supermärkte, Einkaufsparadiese und Autobahnen für den sich ihnen erschließenden neuen Markt aus dem Boden zu stampfen. Ihre Propheten verkünden uns den Weg in den Wohlstand gleich mit. Bald belehren sie uns auch darüber, wie man „Gemeinde zu bauen” habe, betonen die überaus große Wichtigkeit von „Leiterschaft, vom „Opfern” und vom „Zehntengeben”. [2] Große Visionen künden von großen, einander übertreffenden Gemeindezentren, die es für die vorgeblich kommende Erweckung zu errichten gelte. In den noch jungen Glaubensgemeinden wachsen Stolz und Exklusivität heran; sie verfallen zunehmend der Sektiererei.


    Nach weiteren Jahren finden wir die ganze Bewegung von gnostischen Irrlehren unterwandert vor, von einem ungeistlichen Leiterschaftsanspruch verbogen, von ungöttlichen Praktiken gebeutelt. An die Stelle des früheren Miteinander-Teilens sind vielfach Geldlehren getreten. Nur wer reichlich zehntet, könne auch am Wohlstand teilhaben, hört man 
Wohlstand sei schließlich der Wille Gottes. Saat und Ernte heißt die neue Religion. Und immer wieder geht es dabei um Geld, um viel Geld, um noch mehr Geld. Und doch strafen die Ergebnisse dieser Lehren sie Lügen. So mancher, der den Weg des Reichtums beschreiten wollte, ist arm geworden dabei. Viele, auch ganze Gemeinden, sind haushoch verschuldet. [3] Immer neue Spaltungen finden statt. Die Alten, die Väter, haben kaum mehr etwas zu sagen. Die Zwanzig-, die Dreißig- oder höchstens Vierzigjährigen führen das oft gnadenlose Regiment. Auch die Geistesgaben praktiziert man nicht mehr gemeinsam, wie es am Anfang noch gelehrt worden war. Die Gemeinde ist entweder verstummt oder tobt in haltlosem Tumult; the show must go on, und immer kommt das Wort von vorne, von der Bühne. Von dort wird dann auch die „Geisterfahrung” vermittelt. Doch wessen Geist das ist, und woher die Praktiken, die Kräfte kommen, die da vermittelt werden, das zeigt alsbald die Frucht. Bald war eine neue Spezies unter den Christen entstanden, die man in diesem Ausmaß vor allem im Osten vorher nicht kannte: Es ist die Spezies der Gestrandeten, der Verarmten, der Verletzten und Verzweifelten. Frei wollten wir sein, denn Freiheit hatte man uns versprochen; wir fanden uns jedoch in der Knechtschaft wieder. Wird es uns je möglich sein, den Weg in die wirkliche Freiheit wiederzufinden? Wird uns die Rückkehr zu dem geschenkt werden können, was Gott uns gegeben hat, zu dem, was am Anfang war?


Werden wir den Weg der Umkehr, zur Buße finden?



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Prolog
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< Menschen der Unmittelbarkeit Die Taufe... >


„Eifert nach den Gaben”  in Freiheit

   Wie die einleitenden Sätze zeigen, wollen wir uns im folgenden einem Thema zuwenden, das innerhalb des Leibes Christi vor allem in den letzten hundert Jahren heftige Kontroversen hervorgerufen hat. Dabei wollen wir nicht auf den vielfältigen Auseinandersetzungen zwischen Evangelikalen und Charismatikern, wie sie heute im allgemeinen an der Tagesordnung sind, stehenbleiben. Angesichts großer Fehlentwicklungen und Entgleisungen in der charismatischen Bewegung selbst ist hier eine Kurskorrektur dringend notwendig. Wie der Leser anhand des Prologes und in der dortigen Bezugnahme auf die Ereignisse in der ehemaligen DDR bemerkt haben mag, schreiben wir diese Seiten nicht vom grünen Tisch; wir schreiben aus eigenem Erleben und nicht zuletzt auch aus eigenen Wegen heraus, die wir gegangen sind und die sich fast durchweg als falsch erwiesen haben. Daß wir diese Dinge in diversen Bibelstudien selbst aufzuarbeiten versucht haben, ist verschiedentlich angedeutet worden. So ist auch diese Schrift ein Ergebnis davon. Dabei wollen und können wir uns nicht über andere erheben; wir haben uns diese Dinge immer wieder selbst wachzurufen und zuallererst selbst Buße zu tun. Es geht darum um nicht weniger als um die Rückkehr zu Gott; wenn wir zu Ihm  d. h. nicht nur formal zu einer biblisch korrekten Lehre, sondern in erster Linie in die Gemeinschaft mit Ihm  zurückgefunden haben, dann werden sich uns auch die Geistesgaben wieder erschließen, wie Gott sie Sich nach dem Neuen Testament gedacht hat, und damit werden ganz gewiß auch ihre Ordnungen wiederkehren und ihr schriftgemäßes Praktizieren – das Leben in und mit diesen Gaben – ermöglicht werden.

    Die Verirrungen diverser pseudo-charismatischer Kreise, wie vor allem derer der sich auf die Lehren Hagins, Copelands und anderer Neugeist-Lehrer berufenden Glaubensbewegung und seit neuerer Zeit auch der sogenannten, damit eng verwandten Wort-und-Geist-Bewegung, haben wiederum vor allem einige sich als evangelikal definierende Gruppen zum Anlaß genommen, ihre eigenen Irrlehren und Mißverständnisse über den Heiligen Geist und vor allem ihre Ablehnung Seiner Gaben, auf die diese Irrlehren ja hinzielen, von neuem „salonfähig” zu machen. Das ist gewissermaßen wie eine „Welle”, die da hin und her durchs Land schwappt und die mir auch persönlich große Not bereitet, da ich ja aus der Charismatischen Bewegung komme und durch sie auch viel Gutes, Wertvolles und Unverzichtbares habe erfahren dürfen, wofür ich Gott sehr, sehr dankbar bin. Nun aber hat diese Bewegung, wie ja auch im Prolog angedeutet, unterdessen eine Richtung eingeschlagen, die beim besten Willen nicht mehr gutgeheißen werden kann. Das Spektrum ihrer mittlerweile eingetretenen Verirrungen ist dabei ziemlich breit. Es reicht von handfesten Irrlehren, ungeistlichen Praktiken, weit verbreiteter falscher Prophetie [4] und unbiblischem Leiterschaftsgebaren bis hin  vor allem mit Letzterem zusammenhängend  zu schwersten Mißbräuchen anderer Geschwister. Und solche Geschwister sind es dann sehr oft auch, die nicht nur in die beschriebenen Irrlehren der anderen Seite tappen, sondern häufig auch selbst zu Kolporteuren solcher Irrlehren werden, die dann immer weitere Kreise ziehen. [5] Verbitterung spielt in diesen Dingen ja immer eine entscheidende Rolle (vgl. Hbr 12. 14 - 17).

    Ich bitte nun diese Sätze nicht dahingehend aufzufassen, daß der Schreiber dieser Zeilen sich damit über seine Mitgeschwister erheben wolle. Das ist nicht der Fall. Wer nicht als ich selbst hätte Grund genug zur Beugung vor Gott, der ich mich gerade selbst zu vielen der hier beschriebenen Irrtümer haben verleiten lassen und Menschen auch verleitet habe, es ebenso zu halten. Der Weg heraus war lang, und sicherlich versteht der Leser nun auch besser, weshalb ich mich im Prolog auf meine Erlebnisse am Anfang dieses Weges bezogen habe. Wenn ich mich also mit diesem Thema ausgiebig beschäftige und das Ergebnis hier vorlege, dann kann das nur unter der Prämisse geschehen, die Geschichte für mich selbst aufzuarbeiten und Menschen dazu zu veranlassen, anhand des Wortes Gottes kritisch und prüfend daran teilzuhaben, um für sich selbst die richtigen und vor allem die notwendigen und helfenden Schlüsse zu ziehen. Aus diesem Grunde stehen diese Seiten auch im Netz, und bis zur Stunde sehe ich nicht, daß diese Notwendigkeit etwa nicht mehr bestünde.


    Angesichts der Schwere dieser Verirrungen macht man es sich in dieser Bewegung vor allem auch mit begründeter und damit berechtigter Kritik, wie sie ja nicht nur von vielen evangelikalen Brüdern vorgetragen wird, sondern auch von solchen aus charismatischer Prägung,
insgesamt nämlich zu leicht. Auch wenn wir in der evangelikalen Welt einige durchaus verheerende Irrlehren um die Geistesgaben zu beklagen haben, auf die wir im Verlaufe dieser Schrift noch eingehen werden, sind dies doch keine Dinge, die sich mit einer für unsere Kreise leider ebenso bezeichnend gewordenen wie zugleich auch oberflächlichen Die-haben.ja-keine-Erkenntnis-Handbewegung so einfach vom Tisch fegen lassen. Diese Haltung ist regelmäßig im Stolz begründet. Stolz aber steht immer vor dem Fall, und dieser Fall ist weithin eingetreten. Wirklich zur Kenntnis genommen haben wir dies in unseren so genannten charismatischen oder pfingstlichen Gruppierungen jedoch kaum. Wir haben dies einfach nicht ernst genommen, so daß wir darüber zumeist zur Tagesordnung übergegangen sind und uns darauf noch etwas eingebildet haben. Daraus ergeben sich zwei Seiten, die wir beide sehen müssen, als zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wenn wir also mit Irrlehren aufräumen müssen, dann betrifft dies die Irrlehren beiderseits des Weges – sowohl derer, die unter charismatisch geprägten Geschwistern Einzug gehalten haben als auch derer, die diesbezüglich unter den eher Evangelikalen grassieren. [6]

    Dabei ist die Debatte um die Geistesgaben ja gar nicht so neu. Sie reicht wenigstens – wenn wir die lutherische geradezu schon panische Angst vor vermeintlicher oder auch tatsächlicher „Schwarmgeisterei” einmal außen vor lassen – von den Ereignissen in Kassel 1906 mit ihren schwärmerischen Entgleisungen über die sogenannte „Berliner Erklärung”, die auf diese Entgleisungen folgte, bis weit in unsere Tage hinein. (Wir lassen die Entwicklungen um die Geschehnisse in der Azusa-Street einmal außen vor und beschränken uns auf unserer eigenes Land.) [7] Unterdessen haben sich ganze Konglomerate von verfestigten Irrlehren und dogmatischen Verzerrungen beiderseits des Weges entwickelt, nachdem beide Seiten sich mehr oder weniger verhärtet haben und – nach erfolgten Spaltungen – jeweils eigene Wege gegangen sind. Wenn wir es genau betrachten, ist diese Debatte allerdings sehr viel älter. Ihr Alter beträgt fast zweitausend Jahre. Es ist nämlich exakt dieselbe Auseinandersetzung zwischen den beiden Extremen unwissenden, schwärmerischen Mißbrauchs auf der einen und der gänzlichen Ablehnung dieser Gaben auf der anderen Seite, die Paulus schon unter den Korinthern führte, woraus ersichtlich wird, daß beide Extreme etwas mit geistlicher Unreife und gravierender Unkenntnis zu tun haben. Die Protagonisten beider Seiten verharren demnach jeweils für sich gesehen im Kindheitsstadium (wörtlich: dem Alter von Spielenden, paidíon=Knabenalter, von paizo, spielen abgeleitet) obwohl sie doch längst zur Reife gelangt sein sollten (1Kor 14. 20ff, 39, 40).

    Hier scheinen sich die Dinge jedesmal zu wiederholen: Immer wieder, wenn Gott in diesem Land wirklich etwas tun will, kommt es zu eigenen, ungeistlichen Vorwegnahmen durch vermeintliche „Gabenträger” und damit zu Fälschungen, die ihrerseits wiederum zu verheerenden Entgleisungen führen – und ebenso kommt es anschließend auf der anderen Seite regelmäßig dazu, daß ganze Scharen angeblicher „Aufklärer” und sogenannter „Heresy-Hunters” sich aufmachen, diese Dinge in der Form zu „bekämpfen”, indem sie nun ihrerseits „das Kind mit dem Bade ausschütten” und ihre sehr einseitigen Erklärungen und Mißverständnisse mithilfe diverser pseudobiblischer Lehrgebäude, Halbwahrheiten, Unterstellungen und teilweise auch handfester Irrlehren anschließend zu dogmatisieren suchen, wobei jeder Seite die wirklichen oder auch vermeintlichen Fehler der jeweils anderen Seite zumeist hochwillkommen sind. Die Wahrheit bleibt dabei nicht nur auf der Strecke, sondern es wird damit zugleich immer auch dafür gesorgt, daß so viele (jeweils gegenseitige) Hindernisse wie nur möglich errichtet werden, damit sie nur ja nicht aufgedeckt würde, und so wird auch die Spaltung immer weiter vertieft. Viele solcher Dinge werden aber auch willkürlich konstruiert. Das fängt in einigen charismatischen Kreisen bereits damit an, daß man jedem, der nicht in Zungen betet, unterstellt, daß er den Geist nicht habe, eine Sache, die (als Verkehrung von Ursache und Wirkung) nicht nur vollkommen unbiblisch, sondern auch außerordentlich lieblos ist. Ich habe viele Gnadengaben auch bei Geschwistern vorgefunden, die nicht in Zungen beten, und das vermag normalerweise jeder zu erkennen, der sich mit der Materie beschäftigt und geistlich hinzusehen bereit ist, ohne irgendwelche denominationellen Vorurteile zu pflegen, die es ja auf beiden Seiten gibt.

    Das andersseitige Extrem besteht dann u. a. darin, all denen, die sich inhaltlich und vor allem vorurteilsfrei mit den Gaben des Sprachengebetes, der Auslegung und der Prophetie auseinanderzusetzen wagen, in Bausch und Bogen vorzuwerfen, daß sie all diese Gaben – insbesondere das Sprachengebet – „überbetonten” und ihnen einen Platz einräumten, den ihnen das Neue Testament angeblich nicht gewähre, natürlich immer mit der vor sich hin schwelenden Aussage im Hintergrund, daß es unter jenen, die sich damit beschäftigten, ja schließlich zu den diversen Exzessen gekommen sei. (Paulus hat allein diesen drei Gaben in Theorie und Praxis allerdings fast ein ganzes Kapitel gewidmet.) Dabei ist es einer der Kernpunkte radikal-evangelikaler Aussagen, daß man sich nicht nach diesen Geistesgaben ausstrecken dürfe, da man sich damit einen vorgeblich „anderen Geist” einhandele. Abgesehen davon, daß man sich damit nicht mehr nur der Gefahr, sondern schon dem Bereich der Lästerung aussetzt – schließlich werden hier Aussagen des Wortes ganz klar dämonisiert – befindet man sich zugleich auch nicht mehr in der Wahrheit und hat damit den Boden der Heiligen Schrift bereits verlassen. Denn das Wort Gottes hält uns sehr wohl dazu an, und zwar mit überaus deutlichen Worten, daß wir nach den Geistesgaben streben, ja regelrecht um sie eifern sollen. Und das betreffende Kapitel läßt uns auch nicht im Unklaren darüber, welche Gaben das im Besonderen sind.


   Eifert nach den Geistesgaben.
1Kor 14. 1 (Ausschnitt)

    So
lautet immerhin der Satz, den Paulus an die Korinther schreibt (1Kor 14. 1). Paulus gebraucht dabei im Griechischen sogar ein sehr heftiges Wort. Es ist das Wort zeloo, und es bedeutet dem Sinn nach für etwas heftig eifern, eigentlich – wörtlich –  in einer Sache siedend sein. In exakt diesem Sinne hält der Apostel uns ganz klar dazu an, nach den Geistesgaben zu streben, uns also nicht nur nach ihnen auszustrecken, sondern für sie tatsächlich Einsatz, Zeit, Fleiß und Eifer aufzuwenden. Wir werden später dazu noch etwas zu sagen haben. Es kostet uns tatsächlich etwas! Damit gehört also auch das Praktizieren und das Einüben in das richtige Praktizieren geradezu schon zwingend mit dazu. Ohne ein solches Mühen geht es nicht! Hier sind wir nun bei der zweiten evangelikalen heiligen Kuh, die es zu schlachten gilt. Wir sollten auch wissen, woher diese ach so gehätschelte heilige Kuh kommt: Sie kommt tatsächlich aus der Magie und demgemäß aus einer okkulten Denkweise, und damit genau aus dem Bereich, den man doch eigentlich bekämpfen zu wollen vorgibt. Dies ist ein Beweis dafür, daß die Aufklärer von denselben Denkmustern her argumentieren, von denen sie annehmen, daß viele aus den Kreisen derer gefangen sind, vor denen sie eigentlich zu warnen suchen, ganz gleich, ob dies nun berechtigt ist oder nicht. Denn die Ansicht, daß man Geistesgaben nicht praktizieren könne, weil sie ja Gaben des Geistes seien und der Geist sie in uns  gewissermaßen unter Umgehung unserer Person  hervorbringe ohne unser Mitwirken, muß deutlich in die Schranken gewiesen werden  und zwar als Überbleibsel heidnisch-magischen Denkens.

   Dieses heidnisch-magische Denken besagt nichts anderes, als daß ein Geist  einige verstehen dies auch als eine eher unpersönliche Einwirkung einer bloßen Kraft  über uns kommen und sich unseres Körpers oder unserer Seele bemächtigen müsse, um sich unserer mehr oder weniger willenlos gewordenen Glieder zu bedienen und durch diese auszuführen, was er will. Auf diese Weise (und unter Umgehung der eigenen Persönlichkeit) würden die Willensbekundungen dieses Geistes oder auch Gottes zu den Menschen gelangen. Unsere Glieder, unser Mund usw. würden dabei wie die eines spiritistischen Mediums bewegt werden; wir hätten sie nicht mehr unter der eigenen Kontrolle und wären – sozusagen ferngesteuert – nicht mehr wir selbst. In der Tat finden wir solche Dinge und Vorstellungen, wie sie ja von der Denkart her tatsächlich sowohl bei vielen Evangelikalen als auch bei nicht wenigen Charismatikern vorhanden sind, von Geschwistern katholischer Prägung ganz zu schweigen, immer wieder im Heidentum vor. Es ist müßig dabei besonders zu betonen, daß dies genau die Wirkungsweise Satans ist. So geht der Teufel mit seinen Helfershelfern – Okkultisten jeder Art – und damit immer zugleich auch Opfern um.


    Dasselbe magische Denkmuster wird nun jedoch auf die Wirkungsweise des Heiligen Geistes übertragen. Dies ist nicht nur in hohem Maße unzulässig, sondern auch außerordentlich fatal, weil hier tatsächlich okkulte Vorstellungen mit Heiligem verbunden werden. Nicht zuletzt aber zeugt es auch von mangelnder Erkenntnis Gottes und einer dementsprechend weitverbreiteten Unwissenheit – vielleicht wäre es zutreffender, von Unsicherheit zu sprechen – darüber, wie Gott mit Seinen Kindern umgeht. Was hier nämlich zutage tritt, ist die Denkart unfreier Sklaven, nicht die freier Kinder Gottes.
Wir kommen aus der Knechtschaft dieser Welt, sind der Sündensklaverei entronnen, und denken noch immer wie die Sklaven, sagte mir dazu tatsächlich einmal ein Bruder vor Jahren – und sollte damit nur zu recht behalten. In der Tat erinnern viele solcher Darstellungen eher an das Verhältnis von Knechten denn an ein solches von freien Kindern Gottes. Hier haben wir es weithin versäumt, unser Denken aufgrund des Wortes Gottes zu erneuern und uns strikt zu weigern, es dem derzeitigen Weltlauf anzupassen (Rö 12. 2). Der Geist Gottes ist schließlich ein Geist der Freiheit, wie Jesus uns ja auch zur Freiheit befreit und berufen hat (Ga 5. 1, 13, 2Kor 3. 17, vgl. auch Lk 4. 18).

   Ich spreche euch nun zu, Brüder (im Hinblick auf die Mitleidserweisungen Gottes), eure Leiber als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer bereitzustellen (als euren folgerichtigen Gottesdienst) und euch nicht auf diesen Äon einzustellen, sondern euch umgestalten zu lassen durch die Erneuerung eures Denksinns, damit ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes sei – der gute, wohlgefällige und vollkommene.
Rö 12. 1 - 2

    Wenn Paulus in seinem Brief an die Römer uns dazu auffordert, unseren Denksinn, den nous erneuern zu lassen, ist es uns auch vom Denken her untersagt, uns wieder unter das alte Sklavenjoch und damit auch unter das dazugehörige „Ketten-Denken” zu begeben. Und doch zeigen die vielen Mißverständnisse gerade auf diesem Gebiet, wie sehr viele unter uns diesem Äon noch verhaftet geblieben sind. Wohl mögen wir diese Sätze hin und wieder gelesen oder auch gehört haben; aber wirklich wahrgenommen, was Paulus mit ihnen sagen wollte und was diese Aussagen für uns eigentlich bedeuten, haben wir eher nicht. Der Geist Gottes führt immer und überall in die Freiheit. Diese Freiheit ist immer auch die Freiheit eigener Entscheidung. Und eine Entscheidung ist es ja auch, die Gott von uns verlangt. Aus diesem Grunde sind wir gehalten, unsere Leiber als ein lebendiges Opfer darzubringen, nicht als ein totes, nicht als ein solches also, an dem wir selbst nicht mehr beteiligt wären (Rö 12. 1). Diesen Satz schrieb der Apostel besonders im Hinblick auf die Mitleidserweisungen Gottes; das aber sind die Geistesgaben, die ja Seine Gnadenzuwendungen sind (V. 1 – 8). [8] Nur ein solches Opfer ist dann auch für Gott geheiligt und Ihm damit wohlgefällig. Wo Gottes Geist regiert, da endet jeder Zwang, jedes Gefängnis und jedes falsche Joch, da gibt es für geistliche Notzucht keinen Raum. Es geht um Hingabe; solche Hingabe aber kommt immer aus empfangener und freiwillig zurückgegebener Liebe, da Gott uns zuerst geliebt hat, und ist nie Zwang (vgl. 1Jo 4. 7 – 21).

    Wer tot ist, der bewegt sich nicht von selbst, der bedarf, wenn er denn bewegt werden soll, des Bewegtwerdens durch einen anderen. Gott aber will, daß wir uns – als lebendige Glieder Seines Leibes – selbst bewegen, aus freien Stücken, bewegen freilich so, wie Er will, geführt durch Seinen Geist. Denn es ist ja nicht mehr das Leben aus eigener Kraft und in Verwirklichung des Eigenwillens, das wir führten, solange wir noch in Sünden waren, sondern das neue, das Auferstehungsleben in stetem Gehorsam, das hier gelebt und ausgedrückt werden soll. Gottes Geist treibt uns jedoch nicht, wie dies in älteren Bibelübersetzungen noch zu lesen war, sondern führt. Gott hat den Stecken des Treibers (der Treiber ist der Teufel) in Christus zerbrochen, indem Er den Mächten und Gewalten die Macht genommen hat (vgl. Jes 9. 3, Kol 2. 15). Alle aber, die vom Geist Gottes geführt werden (agō), die sind Gottes Söhne (Rö 8. 14). Das Geführtwerden durch Seinen Geist setzt jedoch immer die eigene Willigkeit voraus, unseren Körper bzw. dessen Glieder für Gott nicht etwa nur passiv zur Verfügung zu stellen, sondern diese – im Gehorsam  auch selbst zu gebrauchen, je nachdem, welches Dienstes es bedarf, nach dem Maß des Glaubens freilich, das jedem einzelnen jeweils zugeteilt worden ist, wie ja ein jedes Glied seine eigenen Funktionen hat (Rö 12. 3 - 8). Paulus bezeichnet dieses lebendige Darbringen unserer Glieder als einen folgerichtigen (logikon), als logischen bzw. einen dem logos, d. h. dem Wort oder der Lehre entsprechenden Gottesdienst. Das griechische Wort für „Gottesdienst” ist latreia oder (an anderen Stellen) auch leiturgia. In allen seinen Vorkommen im Neuen Testament steht es immer im Zusammenhang mit einer durch uns vollzogenen Handreichung, sei es nun in Bezug auf die Öffentlichkeit, hin zu unserem Nächsten oder auch hin zu Gott Selbst. Das ist eine bewußt vollzogene Angelegenheit im Vollbesitz des Verstandes und aller unserer Kräfte (s. Mt 22. 37, Mk 12. 30). Wer Gott liebt, der reicht Ihm die Hände zum gemeinsamen Tun.

    Ein „Fortgerissenwerden” unseres Körpers oder auch nur einzelner Glieder unseres Körpers ohne oder vielleicht sogar gegen unser Zutun und unseren Willen, wie es in den oben skizzierten Vorstellungen ja immerhin vorausgesetzt wird, kann demnach niemals ein Kennzeichen der Einwirkung des Heiligen Geistes sein. Im Gegenteil; hier herrscht ein anderer; hier ist ganz eindeutig ein dämonischer Geist am Wirken. Wer Menschen
wegreißt, ist nicht Gott, sondern der Teufel, nachdem er von Menschen Besitz ergriffen hat (vgl. Mt 8. 28 - 33, Mk 5. 1 - 17, Lk 8. 26 - 33; s. a. Mk 9. 17 - 27; auch Apg 16. 16 - 18). Deshalb schreibt Paulus bereits am Beginn seiner Erörterungen im zwölften Kapitel des ersten Korintherbriefes die folgenden bemerkenswerten Sätze:


    Was aber die geistlichen Gaben betrifft, meine Brüder, so will ich euch nicht in Unkenntnis darüber lassen. Ihr wißt, daß ihr, als ihr noch unter den Nationen wart, zu den stummen Götzen weggeführt wurdet, wie ihr ja geführt wurdet. Darum mache ich euch bekannt, daß niemand, der in Gottes Geist spricht, sagen wird: In den Bann getan sei Jesus (wörtlich: Gebanntes ist Jesus). Auch kann niemand sagen: Herr ist Jesus, außer in heiligem Geist.
1Kor 12. 1 - 3

    Wie der Apostel seine Leser schon im Römerbrief auf dieses Thema vorbereitet, indem er ihnen bereits im Vorfeld sagt, daß es dazu notwendig ist, sich nicht mehr auf diesen Äon einzustellen, sondern sich umgestalten zu lassen (metamorphoo) durch die Erneuerung ihres Denksinns, so auch hier. Wir sehen demnach, daß das Ausgehen aus dem Bild und den Vorstellungen gemäß dieser Welt im Denken beginnt, und es liegt auf der Hand, wodurch dieser Denksinn erneuert werden soll. Nach Rö 12. 1 ist es das Wort Gottes, das diesen Dienst vollbringt und uns damit zu einem „logischen”, dem Wort (logos) entsprechenden Gottesdienst (wörtl. logiken latreian theou) führt. So ist es auch im ersten Korintherbrief äußerst signifikant, daß der Apostel die betreffenden Aussagen wiederum an den Beginn seiner Erörterungen über die Geistesgaben stellt, nachdem er erwähnt hat, daß er nicht wolle, daß die Brüder über diese Gaben in Unkenntnis blieben. So wirken diese Sätze wie ein Schlüssel, der wichtig ist zum Verständnis alles dessen, was er in den folgenden Kapiteln noch zu sagen hat. Es bleibt allerdings auch hier die Frage, ob wir ihre Bedeutung wirklich erkannt haben. Zunächst geht der Apostel zurück in jene Zeit, in der die Korinther noch unter den Nationen waren, also Ungläubige, die Gott nicht kannten. Diese Zeit war davon gekennzeichnet, daß sie zu den stummen Götzen weggeführt worden waren. Dieses Weggeführtwerden – Paulus sagt an der Stelle im Grunde nichts anderes, als daß es ein Wesensmerkmal aller gewesen sei, bevor sie Kinder Gottes wurden – ist immer ein Wegführen gegen den Willen des Geführten, als eine Gesetzmäßigkeit der über ihm bestehenden Macht.

    Diese Macht wird als eine charakterisiert, die im Gegensatz zu einem Sich offenbarenden Gott immer zu stummen Götzen hinzieht, die selbst nicht reden können und damit immer auch im Verborgenen bleiben. Andere, wie z. B. die Schlachterbibel oder die Elberfelder Übersetzung, übersetzten das Wort mit weggerissen werden. Die Lutherübersetzung, Revision 1984, schreibt, daß jene mit Macht zu den stummen Götzen fortgezogen wurden (Vers 2). Da nur Ein Gott ist, wissen wir aus der Schrift, daß es sich bei diesen Götzen nicht um andere Götter handelt, sondern um Dämonen; denn diese sind es, denen die Nationen opfern (1Kor 10. 19ff). Hier wird demnach die ständige Einwirkung realer und widergöttlicher Mächte erkennbar, denen zu entrinnen den Korinthern vor ihrer Bekehrung nicht möglich war. Und so mochte der, der sich unter der Herrschaft dieser Mächte befand, dagegen tun, was er wollte – wie auch immer er sich dagegen stemmte, was auch immer er unternahm, immer und überall fand zuletzt dieses Wegführen, dieses Wegreißen oder Wegziehen statt (1Kor 12. 1). Paulus sagt hier ausdrücklich, daß dies nicht die Wirksamkeit des Heiligen Geistes ist, sondern zu den Götzen führt, und damit zu den Dämonen, zurück unter die Herrschaft dieser Welt und ihres Fürsten (Vers 2). 

    Aber auch eine andere Angelegenheit, die in Vers 3 desselben Kapitels erörtert wird, ist dabei besonders zu beachten. Hier geht es eben nicht darum, daß das bloße Bekenntnis, daß Jesus Herr ist, schon eine Aussage darüber treffen kann, daß der, der diese Worte ausspricht, sie im Heiligen Geist ausspräche. 
[9] Diesen Satz vermag normalerweise jeder zu artikulieren, ohne ihn auch glauben zu müssen, wie ganze Scharen von Namenschristen beweisen, die wohl Mitglied einer Kirche sein mögen, vielleicht auch ein Glaubensbekenntnis aufzusagen wissen, mit einer lebendigen Gottesbeziehung aber nichts anfangen können. Es geht auch nicht darum, daß man über Jesus keinen Bannfluch aussprechen dürfe. Wie uns, so dürften diese Dinge auch den Korinthern völlig logisch erschienen sein; sie sind eigentlich ganz selbstverständlich, so daß sie an sich keiner besonderen Erörterung bedürften. Es geht hier vielmehr um das Vermeiden einer Vermischung geistlicher Dinge mit heidnischen Vorstellungen. Wir müssen diese Worte daher immer im Zusammenhang des zuvor Genannten sehen. Es geht dabei um das Wegführen zu den stummen Götzen, die sich (mehr oder weniger gewaltsam) anderer bedienen müssen, um das Erzeugen einer eigenen Machtlosigkeit über den eigenen Körper, um etwas also, was wir als „geistliche Notzucht” bezeichnet haben. Diese Kraftwirkungen, die in Unfreiheit wegführen, sind Relikte des Heidentums; sie sind Dinge des anáthema von Gebanntem, das von der Herrschaft Gottes ausschließt und daher von dieser auch auszuschließen ist. Und dieses Gebannte kann darum auch nicht als etwas bezeichnet werden, was unter die Herrschaft Jesu gehört; wer immer solche Dinge behauptet, der redet nicht im Heiligen Geist und kann das Gesagte daher auch nicht als Gaben dieses Geistes deklarieren (Vers 3).

    Ein Bruder war von einigen Publikationen eines namhaften Autoren sehr angetan und erklärte mir, dieser habe einige dieser Dinge durch eine „Gabe des Schreibens” empfangen. Der Geist Gottes, sagte er, wäre demnach über diesen Mann gekommen und habe seine Hände bewegt, die dann das Besprochene von selbst – ohne dessen eigenes willentliches Zutun – niedergeschrieben hätten. Als ich erkannte, daß es sich dabei um das sogenannte „automatische Schreiben” aus dem Okkultbereich handelte und diese Vorstellung zurückwies, war er sehr erstaunt. Es schienen doch so gute, geistliche Dinge in den Aussagen des Mannes zu stecken, dessen Vorträge er auf Kassetten gehört und die er mir darum auch empfohlen hatte. Aber ich blieb dabei, daß ein solches Wirken niemals dem Handeln des Heiligen Geistes entsprechen würde. Hier lagen spiritistische Phänomene vor, mit denen der Mann sich ganz offensichtlich eingelassen hatte. Was hat der Bruder getan? Er hat geistliche Angelegenheiten mit Vorstellungen heidnischer Wirkungsweisen zu vermischen gesucht, und wäre dabei ungeistlichen, irreführenden Dingen fast auf den Leim gegangen. Es ist eben ein gewaltiger Trugschluß zu denken, daß solche Kraftwirkungen, die ja immer etwas mit dem eigenen Weggeführtwerden zu tun haben, mit dem Bekenntnis in Einklang zu bringen seien, daß Jesus Herr ist. Herr solcher Dinge (als in Seinen Herrschaftsbereich gehörend) ist Jesus ganz sicher nicht, wie es ja auch nicht möglich wäre, daß Er die Dämonen durch Beelzebul, ihren Obersten, austriebe. Genau das aber war der Vorwurf, den die Pharisäer Seiner Zeit Ihm ständig machten (Mt 9. 34, 12. 24 - 27). Wie viele heutige Zeitgenossen irrten auch sie sich sehr. Es war der Heilige Geist, durch welchen Jesus die Dämonen austrieb. Die Gaben des Heiligen Geistes sind mit den Wirkungen von Dämonen nicht vereinbar (Apg 16. 16 - 18). Das Licht treibt die Finsternis hinaus!


    Hier liegt, wie wir dies bereits weiter oben anzudeuten versucht haben, auch eine gründliche Verkennung des Charakters Gottes und damit auch des Heiligen Geistes als Seines innersten Wesens vor. Der Heilige Geist ist ein demütiger und sanftmütiger Geist, wie es keinen anderen gibt; stets tritt Er hinter Sich Selbst zurück, um uns die Dinge des Sohnes Gottes, ja Ihn Selbst in den Mittelpunkt zu stellen und Ihn zu verherrlichen. Gottes Geist verkündet nie Sich Selbst. Darum wird Er uns auch niemals zu überrumpeln, zu korrumpieren oder anderweitig zu manipulieren suchen; vielmehr fragt
Er, lockt Er uns immer wieder, und Er zieht uns ganz sanft, ganz liebevoll bestimmt, aber doch zurückhaltend bittend und fragend, ob wir nicht zu Jesus kommen möchten, und durch Ihn, den Sohn, schließlich auch zum Vater. [10] Der Geist Gottes überfällt niemanden, sondern steht gewissermaßen vor der Tür und klopft an (vgl. Off 3. 20). Seine Stimme ist leise, so daß sie leicht überhört werden kann; in dem Getöse dieser Welt ist sie nicht zu finden (s. 1Kö 19. 11 - 13). Ja, der Heilige Geist ist so demütig, daß wir auf den Seiten des von Ihm eingegebenen Wortes (2Tim 3. 16) nicht eine Silbe davon vorfinden werden, daß Er gesondert anzurufen oder anzubeten sei  Ihn, der Er mit dem Vater und dem Sohn doch eines Wesens und von daher auch gleichermaßen anbetungswürdig ist!

    Darum sagte Jesus in Seinem bekannten Heilandsruf:

    Kommt alle her zu Mir, die ihr euch müht und beladen seid; Ich werde euch Ruhe geben. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von Mir; denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn Mein Joch ist mild, und Meine Last ist leicht.
Mt 11. 28 - 30

    Wie wir aus diesem Jesuswort ganz unzweifelhaft erkennen können, spielt auch die Frage des Joches, dessen also, was uns in der Verkündigung auferlegt oder auch nicht auferlegt wird, eine entscheidende Rolle in der Beurteilung dessen, was echt, und dessen, was unecht, d. h. eine Fälschung ist. Das milde Joch, die leichte Last kommen beide von dem Herrn; das schwere Joch aber kommt von den Menschen und entstammt letztlich der Finsternis. Wir müssen uns also auch fragen, welcher Art das Joch ist, das wir zu tragen angehalten werden. Irgendein Joch werden wir immer zu tragen haben; aber welches ist es und vom wem kommt es? Wer auch immer sich müht und beladen ist von einem Joch, das er nicht zu tragen vermag, dem gilt der obige Ruf, doch das Joch Jesu aufzunehmen und so zur Ruhe zu finden. [11]

    So stehen hier zahlreiche geistliche Dinge und Manifestationen auf dem Prüfstand; man mag sie wohl unter der Bezeichnung „charismatisch”, „Gnadengaben”, „Geistesgaben”, „Salbung” usw. führen; aber nicht alles, was man als Geistesgaben ausgibt, sind auch welche; und längst nicht alles, was man als Licht deklariert, kommt auch aus dem Licht. Eine jede Manifestation, die auch nur irgendwie unter Zwang oder Druck geschieht, kommt letztlich von dem, der die Menschen unterjocht und ihrer Freiheit beraubt, kommt nicht von Gott, sondern ist aus der Finsternis, aus dem Teufel geboren. All das, was Gottes Geist durch uns tun möchte – die Worte, die Er reden, die Taten, die Er vollbringen möchte – wird niemals unter Zwang oder Manipulieren von Kräften geschehen. Den Impuls zum Ausüben einer bestimmten Gabe gibt zwar Gott. Dieser Impuls, dieser Eindruck, der in unseren Herzen entsteht, mag auch unterschiedlich stark und auf verschiedene Weise empfunden werden. Aber immer entscheiden wir, ob wir die entsprechende Gabe ausführen, und wir entscheiden auch, ob wir mit der Ausführung dieser Gabe innehalten oder auf sie ganz verzichten wollen, und zwar genauso, wie wir entscheiden, ob wir unserem Nachbarn einen guten Tag wünschen oder nicht. Wir sind jederzeit in der Lage zu entscheiden, ob wir tun wollen, oder ob wir nicht tun wollen, was der Herr sagt. Gewiß riskiert Gott dabei unseren Ungehorsam; aber niemals würde Er uns zwingen, Dinge gegen unseren Willen zu tun, würde Er uns gleichsam überfallen, unseren Körper, unsere Hände, unseren Mund bewegen, als wären wir ein willenloses Medium, das sich selbst nicht unter Kontrolle hätte. Nein, wir sind es, die wir unseren Körper bewegen; Er hat keine Marionetten geschaffen. Immer will der Herr unsere freie Entscheidung haben; darum braucht Er geradezu auch unser Mitwirken, da ohne dieses freiwillige Mitwirken Seine Gaben niemals geschehen werden!

    ...die Geister (wörtlich: pneumatika, Geister, Geistliche, Geistesgaben) der Propheten sind den Propheten untertan.
1Kor 14. 32, Schlachter

   Dieser Satz hat im Grunde zwei Bedeutungen. Zum ersten ist er sicherlich dahingehend zu verstehen, daß alles, was heutige Propheten sprechen, anhand der Propheten der Bibel, d. h. also anhand des Wortes Gottes an sich, nachprüfbar ist; es ist also diesem Wort untergeordnet. Immer ist das geschriebene Wort Gottes die Norm dessen, was wir sagen sollen – alles hat sich an der Heiligen Schrift auszurichten. Aber auch die andere und eigentliche Bedeutung des Wortes dürfen wir nicht übersehen, zumal sie sich direkt aus dem Nahzusammenhang des Textes ergibt. Diesen Nahzusammenhang können wir darin zusammenfassen, daß es notwendig ist, zur rechten Zeit zurückzutreten und zu schweigen, wenn ein anderer reden will (V. 26 - 33). Reden oder Schweigen stehen beide in menschlicher Macht und unterliegen damit der Freiheit eigener Entscheidung; und das ist nicht einfach nur Zulassung, sondern feststehende Ordnung Gottes. Unser Satz sagt demnach, daß alles, was Propheten sagen, durch diese auch „steuerbar” ist; es ist ihnen also untertan, als in ihrer eigenen Vollmacht stehend, die sie demnach über ihren Körper haben. Gott ist kein Räuber und vergewaltigt nicht; Er fragt uns, ob wir Ihm aus freien Stücken, mit vollem Bewußtsein, mit allem, was wir sind und haben zu dienen bereit sind. Nie würde Ihm einfallen, Sich etwas zu nehmen, was wir Ihm nicht freiwillig geben wollten.

    Überall dort, wo der Heilige Geist wirkt, gilt also: 


    Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.
2Kor 3.17

    Schon am ersten Pfingsttag läßt sich diese Freiheit erkennen, als der Geist Gottes kam, sich in der Gestalt von Feuerzungen auf jeden Einzelnen der Versammelten setzte und sie daraufhin alle anfingen, in anderen Zungen zu sprechen. Wir müssen genau lesen, was da geschrieben steht. Sie fingen an, in anderen Zungen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab, heißt es dort; nicht „es” redete aus ihnen heraus (Apg 2. 1 - 4). Wer nicht reden will, der wird es auch nicht! Es ist auch nicht möglich, einem Zwang zu erliegen, daß man mit solchem Reden nicht aufhören könne. Schon an dieser Stelle sind etliche, sowohl diesseits als auch jenseits der charismatischen Bewegung, dem vorstehend erwähnten Trugschluß über das Praktizieren der Gaben, insbesondere dem des Zungenredens erlegen. Sie alle machen denselben Fehler wie der oben erwähnte Bruder, und versuchen Heidnisches mit Geistlichem zu vermischen. Wenn es da ein „Es” gibt, das aus jemandem herausredet, ohne daß dieser es will oder es selbst auch steuern kann, dann haben wir dieses „Es” eindeutig zurückzuweisen so wirkt der Heilige Geist nie. 

    Und doch scheint man (sowohl innerhalb der charismatischen Bewegung, als auch in den Reihen ihrer Kritiker) immer wieder zu erwarten, daß der Herr so handeln würde, und verweigert Ihm den Gehorsam, wenn Er es erstaunlicherweise nicht tut! Der Geist Gottes vollbringt in unserem persönlichen Leben jedoch nie etwas jenseits unseres Willens. Weder entleert Er uns unseres Sinnes, noch hebt Er unsere Vollmacht über den eigenen Körper auf, noch erwartet Er, daß wir unseren Körper Ihm auf diese Weise überließen. Solche Praktiken haben darum auch nichts mit dem Reden und Beten in Zungen zu tun, wie der Geist es gibt! Hier gilt es demnach Buße zu tun! Alle diese Dinge kommen durchweg aus dem Okkultbereich und sind, wie wir oben gesehen haben, die Ausflüsse es gibt wohl kaum ein treffenderes Wort spiritistischer Medien. Wer immer solche Manifestationen bei sich selbst erlebt hat, der muß sich davon lossagen, und zwar im Beisein eines bevollmächtigten Bruders oder einer Schwester als Zeugen; denn ein solcher braucht Befreiung und Reinigung durch Jesu Blut.

    Dasselbe betrifft die in heutigen, sich fälschlicherweise „charismatisch” nennenden Kreisen weitverbreiteten diversen Praktiken des Rücklings-Hinfallens, des sog. „Ruhens” oder auch des „Lachens im Geist” in allen seinen verschiedenartigen Ausprägungen, alles Dinge, die wir in dieser Art  als besonderen Segen Gottes  in der Heiligen Schrift vergeblich suchen werden. Gerade das Schwanken und Hinfallen, das in solchen Veranstaltungen ja meistens rücklings geschieht, ist nicht etwa ein Erweis eines Segens, wie man dort nur allzu oft verkündigen hört, sondern wird in der Schrift immer im Zusammenhang mit Abfall erwähnt (s. 1Mo 9. 23, 1Sam 4. 18, Jes 28. 1 - 13, ähnlich auch v. a. Stellen, man nehme eine gute Konkordanz unter den entsprechenden Stichworten zur Hand). So sind es auch im Garten Gethsemane nicht etwa die Jünger, sondern die Sünder und Abgefallenen, die vor dem Herrn Jesus zurückweichen und zu Boden fallen, nachdem dieser Sich ihnen zu erkennen gegeben hat (Jo 18. 3 - 6). Was ein solches Umfallen bewirken kann, wenn jemand im Zustand unreinen Herzens in der Gegenwart eines heiligen Gottes stehen will, das haben wir anhand des Geschehens um Ananias und Saphira gesehen (Apg 5. 1 - 11). Alles das sind Dinge, die von Gericht künden. 

    Natürlich gibt es in der Heiligen Schrift auch ein Niederfallen vor Gott, wie es auch die Väter aller Jahrhunderte immer wieder überliefert haben. Wer als Sein Eigentum vor Ihm niederfällt, der fällt jedoch immer auf sein Angesicht; und das geschieht nicht, weil er etwa von einer Kraft umgeworfen wird, sondern ist als inneres Zusammenbrechen angesichts der alles durchdringenden Heiligkeit Gottes, das sich auch im Äußeren niederschlägt (4Mo 16. 22, Jos 5. 14 und 7. 6, vgl. auch Apg 9. 4 und 22. 7; s. a. Off 1. 17) zugleich auch Ausdruck tiefsten und innersten Erschauerns, ja Erschüttertwerdens wegen unserer eigenen Unheiligkeit und auch wegen unseres Unvermögens vor Ihm, in Seiner unmittelbaren Gegenwart (vgl. Jes 6. 1 - 7, Jer 4. 1 - 9). 

    Das Wehe mir, ich vergehe Jesajas im Angesicht des dreimalheiligen Gottes, wie er es erlebte, schwingt dabei immer mit! Mit dem o. a. Rücklings-Hinstürzen (das ja nicht nur an das Weggezogenwerden zu den stummen Götzen nach 1Kor 12. 1 erinnert, sondern überdies auch ein Gerichtszeichen ist, wie wir gesehen haben) hat das allerdings nichts zu tun. Im irdischen Dienst Jesu oder in dem der Apostel finden sich solche Wirkungen an den Gläubigen nie, und so waren natürlich auch Menschen, welche die unter der Kraft Hinfallenden etwa auffangen sollten, damit diese sich bei einer solchen vermeintlichen Geisteswirkung nicht etwa wehtaten, [12] in jenen Tagen gänzlich unbekannt. Es ist eben nicht egal, ob wir nun nach vorne oder nach hinten fallen, wie einige Vertreter des Fallens unter der Kraft von sich gegeben haben. Wer solche Dinge als etwas Erstrebenswertes lehrt, der kennt seine Bibel in dieser Frage nicht und führt seine Zuhörer gründlich in die Irre. Auch das oben erwähnte „automatische Schreiben” sowie alle anderen Dinge, die immer irgendwie unter Zwang und damit unter Umgehung unserer Persönlichkeit und unseres Willens geschehen, gehören ohne jede Ausnahme mit dazu. [13] 

    Mit den Geistesgaben des Neuen Testamentes haben diese Phänomene und pseudo-charismatischen „Modeerscheinungen” nichts gemein. Gottes Geist führt immer in Freiheit; auch führt Er uns, seit Er in unseren Herzen wohnt, immer von innen heraus, niemals von außen her, wie ja auch das Wort Gottes in uns, in unseren Herzen Wohnung gemacht hat (Hbr 10. 15 - 17). [14] Darum wird Er uns auch niemals etwas von außen überstülpen, was wir nicht zuvor selbst auch in unserem Herzen erkannt und an dem wir nicht auch selbst willentlich und aktiv beteiligt wären. Aus demselben Grunde kommen dann auch all jene Kräfte, die von außen auf uns einwirken und uns anführen wollen, nachdem wir Gottes Geist empfangen haben, nicht von Ihm. Und so liegt dementsprechend auch die Entscheidung, ob wir in Zungen reden oder prophezeien oder auch andere Dinge tun wollen oder nicht, immer ausschließlich bei uns, in unseren Herzen; wer da behauptet – vielleicht noch unter der immer wieder angeführten Begründung, daß der Geist die Gaben gäbe, wie Er will , da müsse „etwas über ihn” kommen, das er dann nicht mehr unter Kontrolle habe und das ohne sein Zutun „aus ihm herausrede”, der setzt etwas voraus, was der Geist Gottes niemals tun würde; der unterstellt Ihm dämonisches Wirken!

    Daß der Vater uns dämonische Kräfte geben würde, wenn wir um Seinen Geist bitten, hat der Herr Selbst ausgeschlossen. Was Er uns gibt und was nicht, damit wollen wir uns im Nachfolgenden auseinandersetzen.


Inhalt
Prolog
Thema
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< Menschen der Unmittelbarkeit Die Taufe... >


Brot, Fisch und Ei oder Stein, Schlange und Skorpion?

    In dem folgenden Gleichnis spricht der Herr von der Bitte um den Heiligen Geist. Um ein solches Bitten hat es in der Vergangenheit immer wieder einmal erhebliche Mißverständnisse, ja Streit gegeben. Vor allem ist nicht verstanden worden, was diese Bitte im Kontext des Neuen Bundes 
d. h. der Heilige Geist ist ausgegossen, und die Gemeinde, als der Leib des Herrn, ist durch diesen Geist bereits da – zu bedeuten hat. Jesus sagt diese Sätze ausschließlich Seinen Jüngern; es ist eine Gleichnisrede; und wir wissen, daß die Gleichnisse in den Augen des Meisters dazu da sind, göttliche Wahrheiten und Geheimnisse den Seinen zu eröffnen, vor den anderen aber gerade zu verbergen (Mt 13. 10 - 17). Es ist demnach ausdrücklich ein Reden an jene, die mit Jesus gehen, und nicht eine Belehrung solcher, die noch außerhalb der Gemeinschaft mit Ihm stehen. Und gerade die Jünger sind es ja, vor denen ihr eigenes Pfingsterleben hier noch steht.

    Es geht also nicht darum, daß wir den Heiligen Geist herbeizubeten hätten, wie viele der Ansicht zu sein scheinen; wohl aber geht darum, diesen Geist, der bereits da ist, nun auch für unser Leben zu erbitten, daß Er also in unser Lebenshaus einziehen und alle Kammern dieses Hauses ausfüllen möge, wie Jesus dies ja ausgerechnet im Zusammenhang dieses Gleichnisses erörtert. Dabei geht es um nicht weniger als um den andauernden Sieg über den Teufel, darum, daß unser Lebenshaus nicht leer bleibt, nachdem es gereinigt wurde, sondern Leben aus Gott einzieht, so daß Satan in unserem Leben keinen Zutritt und damit keine Macht mehr erhält (s. Lk 11. 14 - 28). Deshalb legt der Herr so viel Wert darauf, die Jünger über die Bitte um den Heiligen Geist zu belehren. Er vergleicht dabei einen irdischen Vater, der seinen Kindern auf ihr Bitten hin gute Gaben geben wird, mit dem himmlischen Vater, der den Heiligen Geist denen gibt, die Ihn darum bitten. Hier werden zwei Dinge deutlich: erstens, daß der Heilige Geist eine gute Gabe ist wir erhalten also bei der Bitte um den Heiligen Geist tatsächlich den erbetenen Heiligen Geist! – und zweitens, daß eine solche Bitte ein Kindschaftsverhältnis bereits voraussetzt. Denn der Herr sagt ja:

    Welcher Vater ist unter euch, den sein Sohn um Brot bitten sollte  er wird ihm doch keinen Stein reichen! Oder auch um einen Fisch, er wird ihm anstatt des Fisches keine Schlange reichen! Und sollte er um ein Ei bitten, so wird er ihm doch keinen Skorpion reichen! Wenn ihr nun, die ihr doch böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wißt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen heiligen Geist geben, die Ihn bitten!
Lk 11. 11 - 13

    Brot, Fisch und Ei
– das alles sind Dinge, die nähren, stärken, vom Leben künden. Sie haben alle etwas gemeinsam: Man kann sie essen. Einen solchen Geist gibt der Vater uns, einen Geist, den man genießen kann, einen Geist, der uns ernährt und der uns am Leben erhält, nicht den eines toten Steins, einer gefährlichen Schlange oder eines giftigen Skorpions. Und wie sehr brauchen wir diesen Geist – ohne Ihn, der uns ja zum Sachwalter gesetzt ist, der uns die Dinge Gottes bringt und sie uns erschließt (wie wir oben erklärt haben), werden wir tatsächlich Hungers sterben, werden wir geistlich ganz elend zugrunde gehen! Wer diesen Geist also ablehnt, der lehnt mit Ihm alles andere auch ab. Und was hat dieser Geist uns alles zu bringen! Das Brot spricht von Jesus Selbst, der das Brot des Lebens ist. Er ist die eigentliche, die wahre himmlische Speise, das Manna, das aus dem Himmel herabgestiegen ist (Jo 6. 30 - 36, 41ff). Damit verweist dieses Brot uns auch auf das Passahmahl, auf die Tischgemeinschaft Seines Leibes, auf die Versöhnung (1Kor 3. 10. 16 - 17, 11. 23ff). Wie kaum etwas anderes ist das eine Brot die Verkörperung der Gemeinschaft mit Ihm und untereinander (1Kor 10. 16 - 17). Und schließlich stellt es auch das Wort dar, das aus dem Munde Gottes kommt (Mt 4. 4).

    Das Zeichen des Fisches weist uns wiederum auf Jesus hin. Es ist aber auch das älteste, ich behaupte einmal das eigentliche und ursprüngliche Erkennungszeichen der Christen, das zugleich auch für die christliche Gemeinschaft untereinander steht. Es ist in dem Zusammenhang überaus interessant, daß das Kreuz als quasi-christliches Symbol erst sehr viel später aufgenommen worden ist. Am Anfang aber stand ganz offensichtlich der Fisch, den der Meister hier erwähnte. In den Katakomben Roms, jenen unterirdischen Zufluchtsstätten der frühen Christen, hat man ihn vielfach aufgefunden. Und nicht nur dort. So fand man im Sommer 2005 in Megiddo, Israel, eine der frühesten christlichen Kapellen überhaupt, welche ein noch immer gut erhaltenes Fußbodenmosaik zierte, in dem ebenfalls zwei Fische zu sehen sind. Diese Kapelle – manche vermuten in ihr den frühesten Fund dieser Art überhaupt – datiert in etwa aus der Zeit des ausgehenden zweiten Jahrhunderts bis in das dritte hinein. [15] Der Fisch wird normalerweise vom Wasser bedeckt. (Ist er es nicht, wird er unweigerlich sterben.) Damit ist es auch ein Symbol der Verborgenheit des Lebens aus Gott – mitten unter Menschen. Ein biblisches Bild für die vielen Menschen auf der Erde ist ja das ruhelose Völkermeer, wie es durch die ganze Heilige Schrift hindurch gebraucht wird. Das griechische Wort für Fisch, ichthys, ist zum ersten uns bekannten christlichen Bekenntnis überhaupt geworden:

Abb. 1 ICHTHYS - Fisch

IHSOUS

CRISTOS

QEOU

UIOS

SWTHR

Iesous Christos Theou Yios Soter
(Jesus Christus Gottes Sohn Retter)

    Damit verweist der Fisch uns auf die Rettung, die Jesus vollbracht, und auf das Lösegeld, das Er für uns alle gezahlt hat (Jon 2.1, 11, Mt 17. 27, 20. 28, 2Tim 2. 6 u. v. a.). Er gab für uns Sein Leben, vergoß Sein Blut, um unsere Sünde zu sühnen und uns von der Sündenknechtschaft freizukaufen. Damit spricht er auch von der Botschaft der Erlösung, die nun allen Menschen gebracht werden soll. Die Apostel waren ja meistens Fischer; Petrus aber soll Menschen fischen (Lk 5. 10). Hier wird unser Augenmerk immer auch auf die Menschen gerichtet.

    Das Ei ist mehr als nur eine Keimzelle neuen Lebens. Es ist ein Zeichen für die Auferstehung aus den Toten und damit ein Zeichen für das Auferstehungsleben selber. In gleicher Weise steht es auch für das inwendige Leben in Christus, für das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus, durch das wir befreit sind vom Gesetz der Sünde und des Todes (Rö 8. 2). Dieses Leben ist unvergänglich; Paulus wird es deshalb in seinen Briefen als athanasion, als unertötlich bezeichnen (1Kor 15. 53, 54, 1Tim 6. 16). Man kann wohl die Träger dieses Lebens, nicht aber dieses Leben selbst töten, weil es das Leben Gottes ist! Dieses Leben ist es – stärker als die Schale, stärker als die Umstände und die uns umgebende Bedrängnis – das der Herr uns schenken und das sich nach außen auswirken will (Rö 8. 1 - 4). Die Zeit des Bebrütens ist ein Gleichnis für die drei Tage, die sich der Herr im Grab befand. Dann aber braucht das Küken viel Kraft, um die Wand des Eies zu sprengen! Wie das Leben des Kükens im Ei die Schale durchbricht, so hat die Kraft des Lebens den Tod überwunden. Es war dem Tode nicht möglich, Ihn im Grabe zu halten; so wurde der Herr durch die Kraft Gottes auferweckt (Apg 2. 24). Die feste Umhüllung wird durchbrochen, damit das neue Leben ans Licht kommen kann, und die Schalen der Öffnung werden beiseite geworfen. So hat Jesus das Gestein der Grabeshöhle überwunden und damit den Tod selber: das Grab ist leer, und – was Menschen unmöglich ist – der Stein ist weggerollt worden (Lk 24. 2 - 8). Der junge Vogel mag sich eine Zeitlang im Nest befinden, unter den anderen Vögeln, seinen Brüdern und Schwestern; so weilte auch unser Herr für die Zeit von vierzig Tagen unter den Jüngern, nachdem Er auferstanden war, und sprach mit ihnen vom Reich Gottes (Apg 1. 1 - 3). Dem Adler gleich, der seine Schwingen ausbreitet und der Sonne entgegenfliegt, wurde schließlich auch Jesus in den Himmel aufgenommen und hat Sich zur Rechten Gottes gesetzt (Lk 24. 44 - 53).

     Bis in alle Einzelheiten weisen uns diese drei Bilder, mit denen der Herr die Gabe des Heiligen Geistes vergleicht, auf Jesus hin. Hier erzeigt sich, daß der Geist uns stets den Sohn verklärt; niemals wird Er etwas anderes in den Mittelpunkt rücken als Ihn und das, was Er gesagt, getan und gelehrt hat (Jo 3. 35, 14. 26, 15. 26, 16. 14). Was für Gegensätze bestehen doch zwischen diesen Dingen und denen, die der Herr den erstgenannten gegenüberstellt und damit sagt, daß uns der Vater diese Dinge nicht geben wird, wenn wir Ihn um den Heiligen Geist bitten! Nicht umsonst hat Er ja – in genau demselben Zusammenhang! – erklärt, wie dieses Bitten aussieht und damit, wie es nicht aussieht: Der Bittende klopft an; er muß also warten, bis die Tür für ihn geöffnet wird; dann erst wird ihm gegeben, und erst indem ihm gegeben wird, empfängt er (Lk 11. 5 - 10). Wer also anklopft, dem wird aufgetan, und nur wer bittet – auf diese Weise bittet – der empfängt. Er kann es sich also nicht selber nehmen, indem er es sich etwa (sozusagen) „gewaltsam herbeibekennt”.

    Damit aber erklärt der Herr auch, was wir bekommen und welchen Gefahren wir uns aussetzen, wenn wir nicht bitten und warten, sondern uns die Dinge selbst anzueignen suchen.


    Da ist der Stein an der Stelle eines Brotes. Er mag vielleicht eine ähnliche Form haben wie ein Brot; doch er macht nicht satt. Die Erwartung, die er weckt, ist also eine trügerische. Es ist gewiß nicht schön, einen Stein im Magen zu haben! Der Stein ist aber nicht nur ein toter, sondern auch ein tötender Gegenstand, ein Zeichen geradezu der Sünde und des Todes. Die Sünder des Alten Bundes wurden gesteinigt. Der Buchstabe – äußerlich als in Stein gemeißelt – tötet, aber der Geist macht lebendig (2Kor 3. 6f). Damit steht der Stein auch für das Gesetz des Todes und der Sünde; somit aber zugleich auch für das steinerne, das lieblose, das nicht empfindende Herz (Hes 11. 19 - 20, 36. 25 - 27; 2Kor 3. 3). Aus Steinen Brot zu machen – das war von jeher das Angebot des Teufels, des Widersachers, des Lügners von Anfang (Mt 4. 3 - 4). Jesus hielt hier stand. Aber wir? Sind wir nicht (gerade auch in dieser Hinsicht) oft schon bei dieser, bei der ersten aller Verführungen durchgefallen? Glitten wir nicht gerade darin ab von der Beziehung der Liebe zum trügerischen Glanz vorgeblich erfolgversprechender Dinge, und gerieten so vom Glauben in die Zauberei hinein?

    Der sich in unseren christlichen Gemeinschaften oft so zerstörerisch auswirkende Richtgeist ist ebenfalls ein Ausdruck dessen, daß man sich nicht dem Brot des Heiligen Geistes, sondern der Fälschung desselben, dem Stein und damit der unnachgiebigen Härte, der Empfindungslosigkeit und der Lieblosigkeit geöffnet hat, die ein solcher Stein mit sich bringt. Wer mit solchen Steinen umgeht und hofft, daß sie zu Broten würden, der kann, ja der will nicht nähren, der will beiseitesetzen, der will töten. Alles aber, was tötet, verurteilt, zugrunde richtet, ist nicht vom Heiligen Geist, den der Vater gibt, wenn wir Ihn darum bitten.
Von den bloßen Dogmen derer, die es besser wissen wollen als alle anderen, können wir nicht leben. Was ist es da noch ein Wunder, daß gerade in den kleinen Sekten und Gruppierungen die Lieblosigkeit so oft zu Hause ist. Der Vater aber gibt uns das wahre Brot, gibt uns Jesus Selbst; Er gibt uns die himmlische Speise, gibt uns die Liebe, schenkt die Versöhnung, alles Dinge, die uns nähren und von denen wir leben können. Die Liebe Gottes ist ja ausgegossen in unseren Herzen durch den uns gegebenen Heiligen Geist (Rö 5. 5).

    Die Schlange ist das bekannte Symbol für den Teufel, den Satan, der die ganze Welt irreführt. Sie ist ja das listigste Tier auf Erden (1Mo 3. 1f). Damit weist sie uns immer wieder auf diese Welt hin und zieht uns auch immer wieder in diese Welt hinein, in jenen „gegenwärtigen bösen Äon”, der „in dem Bösen”, d. h. unter seiner Herrschaft liegt (Ga 1. 4, 1Jo 5. 19). Jesus aber möchte, daß wir im Himmel zuhause sind; Er muß nicht nur selbst allezeit sein in dem, was des Vaters ist, sondern will, daß auch wir dort sind, wo Er schon ist (Lk 2. 41 - 50, Jo 17. 24). Hier setzt Jesus der Schlange den Fisch, d. h. Sich Selbst entgegen. Damit sagt Er, daß Er es ist, der die Auseinandersetzung mit dem Teufel zu führen hat. Diese Auseinandersetzung erkennen wir auch an dem besprochenen Zusammenhang unseres Gleichnisses: Gleich nach dieser Rede spricht Lukas davon, daß Jesus einen Dämon austreibt (Lk 11. 4f). Er sagt ja in demselben Zusammenhang, daß ein Vorgeschmack des Reiches Gottes gekommen sei, wenn Er mit dem Finger Gottes – ein weiteres Bildnis für den Heiligen Geist – die Dämonen austreibe (11. 20). Hier stehen sich das Reich Gottes und das des Teufels, das Licht der Finsternis, das Wort Gottes der Verdrehung und Verneinung dieses Wortes, der Mittler Gottes dem falschen Mittler direkt gegenüber. Hier hinein gehören all die vielen menschlichen Leiterschafts- und Vermittlungsansprüche, die vorgeben, uns die Aussagen Gottes vermitteln zu wollen und sich dabei an die Stelle des Sohnes setzen – damit aber zugleich auch an die Stelle des Heiligen Geistes, der uns die Dinge des Sohnes überbringt (s. o.). Darum ja auch die Auseinandersetzung mit den Pharisäern, die unmittelbar folgt (11. 15 - 26). Hier werden wir auch an die zwei Bäume des Paradieses erinnert, sowohl an den Baum des Lebens als auch an den der Erkenntnis von Gut und Böse.

    Beim Bild des Skorpions (wörtlich: skorpios, Gift-Sprenger) wollen wir etwas länger verweilen. Es steht im Gegensatz zu dem des Eies. Das Ei versinnbildlicht das Leben, der Skorpion den Tod. Das in dem Ei verborgene Leben braucht die Wärme der Sonne oder des Muttervogels, damit es eines Tages hervorbrechen kann. Der Skorpion hingegen ist ein Tier der Nacht, das die Kühle des Steines braucht, um sich vor der heißen Sonne zu verbergen. Das weist uns auf seine Herkunft als Wesen der Finsternis und des Todes hin. Die Kräfte des Lebens brauchen ihre Zeit, damit sie hervorkommen können; die Kräfte des Skorpions aber stehen sogleich zur Verfügung; man kann sie sofort haben – sie sind eine Sache des schnellen Augenblicks. Während die Kräfte des Eies (Leben) von innen nach außen wirken, wirken die Kräfte des Skorpions (Tod) von außen nach innen. Der Skorpion ist ja mit einem todbringenden Stachel versehen, der nach innen, durch die Haut zu dringen vermag. Damit verkörpert er eine Macht, die in das Innere eines Menschen eindringt, um ihr Gift hineinzubringen. Dies ist auch ein Hinweis auf all jene Praktiken, die nicht durch die Tür kommen, sondern durch Wände einbrechen (Jo 10. 1ff).

    Unser Gleichnis steht ja im Zusammenhang mit dem Gebet, das der Herr als Bitten, Suchen und Anklopfen bezeichnet. Oben haben wir uns bereits dazu geäußert (Lk 11. 9 - 10). Der Anklopfende wartet, bis die Tür von innen geöffnet wird; der Dieb und Räuber aber kann und will nicht warten; er will es jetzt haben, im Hier und im Heute; darum „fackelt er nicht lange” – er tritt die Tür ein, bricht ein oder gräbt sich durch die Wand (vgl. Mt 6. 19f). Es sind immer die „schnellen Lösungen”, die er zu bringen vorgibt; er gaukelt uns vor, daß wir nicht mehr auf Wachstum angewiesen wären. Wer sich darauf einläßt, merkt jedoch bald, daß dies keine Lösungen sind; am Ende steht er als Belogener und Beraubter da. Somit entlarven sich all jene vermeintlichen „Glaubens”lehren, die uns dazu auffordern, Dinge des Vaterhauses vor der Zeit zu nehmen und an uns zu reißen, ohne daß Gott uns für diese Dinge die Tür geöffnet und sie uns wirklich auch gegeben habe, als Dinge des Diebes und Räubers, und damit des Mörders und Lügners von Anfang an (Jo 8. 44, 10. 8 - 10). All diese Dinge sprechen auch von Ungehorsam und – damit immer verbunden – von großem, schier unüberwindlichem Stolz. Der Fall eines solchen Menschen wird nicht allzu lange auf sich warten lassen. (Ich weiß es und warne daher; ich habe da selbst durchgehen müssen. Auch aus diesem Grunde diese Schrift.) Wer solchen Lehren folgt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn er eines Tages, bildlich gesehen, Bekanntschaft mit „giftigen Skorpionen” macht. Das ist ja die Handlungsweise des Skorpions, daß sein Stachel sich durch die Haut gräbt, um das Leben zu rauben, das von dieser Haut umgeben wird – den schützenden Wänden eines Hauses vergleichbar. Und daß der Herr unser Leben mit einem Haus vergleicht, das haben wir oben gesehen!

    Der Stachel versinnbildlicht den Stachel des Todes 
er beinhaltet das Gift der Sünde, die nur in Jesus überwunden werden kann (1Kor 15. 55f). Hier wird uns gezeigt, daß alle diese Dinge in die Sünde, d. h. in die Trennung von Gott hineinführen. Es mag uns interessant erscheinen, daß der Stachel selbst nicht tötet. Viele bemerken einen solchen Stich noch nicht einmal. Und so sind sie sich auch nicht bewußt, daß da ein tödliches Gift in sie eingedrungen ist. Doch auch das Gift wird nicht immer gleich bemerkt. Es hat nämlich oft die Eigenschaft, erst nach einiger Zeit zu wirken. Hat es sich aber einmal im Körper ausgebreitet, geht es schnell. Zuerst lähmt es das Opfer und macht es bewegungsunfähig; zur wehrlosen Beute geworden, wird der Skorpion es unweigerlich wegziehen und abschließend verzehren. Das Ende ist jedesmal der Tod. Hier haben wir unser Weggezogenwerden zu den stummen Götzen wieder, von dem weiter oben gesprochen worden ist! Mit Seinem Vergleich hat uns der Herr ein sehr zutreffendes Bild für die Vorgehensweise dämonischer Geister gezeichnet. So handelt der Heilige Geist nie. Es ist auch nichts Gefährliches an Ihm wie bei einem Skorpion, der in der Wüste eine Gefahr darstellt, die geradezu allgegenwärtig ist.

    Allerdings so völlig gefahrlos ist diese Angelegenheit dann auch wieder nicht. Man sollte ja ganz unbedingt beachten, daß der Heilige Geist ein heiliger Geist ist, der uns in die Gegenwart des lebendigen und dreimalheiligen Gottes führt; wer in Sünde lebt und nicht reines Herzens ist, der wird sich über kurz oder lang an Seinem Feuer unweigerlich verbrennen, d. h. er wird Schaden erleiden (Ps 24. 4 - 5, Jes 6. 1 - 7 und 33. 14 - 17, Apg 5. 1 - 13; Hbr 10. 26 - 31 und 12. 28 - 29; vgl. 1Kor 3. 12 - 15). [16] Es ist eben nicht möglich, mit heiligen Dingen umgehen zu wollen und zugleich unheilig zu leben. Wer sich hier verbrannt hat, der hat es nicht wegen eines Dämons; er hat sich verbrannt wegen seiner mangelnden Gottesfurcht und seines daraus folgenden unheiligen Lebenswandels  und das im Angesicht Gottes. So irren auch hier all jene, die unterstellen, daß der einen Irrgeist empfinge, der um den Heiligen Geist bittet. Gottes Geist würde uns nie einen Skorpion bringen; Er bringt uns das Ei, das Leben, indem Er uns den Sohn verkündigt und somit zum Vater zieht!



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Die Person des Heiligen Geistes

    Genauso aber, wie der Geist Gottes unsere Person niemals übergehen würde, ist es wichtig zu wissen, daß wir die Person des Heiligen Geistes nicht übergehen dürfen. Wir werden uns insofern mit den Eigenschaften des Geistes, die ihn als Person auszeichnen, näher zu beschäftigen haben, als dies in vielen Kreisen bislang der Fall war. Gott macht es uns vor; wir sollen Ihn genauso behandeln, wie Er uns behandelt. Wohl sollen wir jederzeit frei entscheiden; und doch muß unsere Entscheidung – es bleibt unsere Entscheidung – immer eine solche des Gehorsams sein. Wenn wir also von Geistesgaben sprechen, dann gilt es immer auch, sich in gleicher Weise mit der Frage der Abhängigkeit von Gott und des Gehorsams gegen Sein Führen zu beschäftigen. Das ist eine ganz zentrale Frage, und
die Klärung dieser Frage entscheidet in der Tat über Echtheit und Fälschung, Wahrheit und Irreführung, Licht und Finsternis.

    Darum ist es notwendig, daß wir uns der Vielzahl von Eigenschaften des Heiligen Geistes erinnern, und uns dessen vergewissern, daß all diese Eigenschaften Ihn als Person ausweisen. Es sollen dabei sowohl die Aussagen des Neuen wie des Alten Testamentes Erwähnung finden.

    So spricht Paulus vom Sinnen (wörtlich: noéo, Denken) des Geistes (Rö 8. 27), und führt an, daß der Heilige Geist Verstand besitzt (1Kor 2. 11). In demselben Zusammenhang weiß er zu sagen, daß Gottes Geist, wie auch der menschliche Geist, alles erforscht, was ja mit der Fähigkeit des Denkens ganz eng zusammenhängt; wie der menschliche Geist weiß, was im Menschen ist, so weiß der Heilige Geist, was in Gott ist, da Er alles erforscht, auch die Tiefen der Gottheit (1Kor 2. 10, 11). Insofern vermag Er auch Selbst zu hören (Jo 16. 13). Das spricht dann auch vom Wissen des Geistes.

    Aus diesem Zusammenhang ergibt sich auch, daß Gottes Geist zu reden vermag. Denn dazu  ist Er (unter
anderem) ja auch da: Er erforscht die Tiefen der Gottheit nämlich, um sie uns mitzuteilen, so daß wir sie selbst erkennen können (1Kor 2. 9 - 16). Das unterscheidet Ihn von den stummen Götzen: Er kann demnach sprechen (Mt 10. 10, 20, Mk 13. 11, Apg 8. 29, 10. 19, 13. 2, 21. 11, 28. 25; 1Tim 4. 1, Hbr 3. 7, Off 2. 7 - 3. 22 – 7mal; Off 14. 13, 22. 17) oder rufen (Ga 4. 6). Da er zu reden vermag, kann Er auch etwas zusagen, verheißen oder voraussagen, was damit ja eng zusammenhängt (Lk 2. 26, Apg 1. 16). Er kann uns demnach Dinge offenbaren bzw. enthüllen, die sonst verborgen wären, das ist sogar Seine vornehmliche Aufgabe (1Kor 2. 10). Darum wird Er auch der Geist der Enthüllung und Erkenntnis genannt (Eph 1. 17). Zu dieser Fähigkeit gehört dann auch die Aussage, daß der Heilige Geist zu lehren vermag (Lk 12. 12, Jo 14. 26, 1Kor 2. 13, 19  - 14). Darum kann Er auch etwas anordnen (Apg 11. 12), eingeben (2Tim 3. 16) und etwas zeigen (Hbr 9. 8). Da Er etwas anordnen kann, vermag Er auch jemanden zu berufen und zu senden (Apg 13. 2, 4). All das hat natürlich einen Zweck: So gibt Er Menschen etwas auszusprechen (Apg 2. 4), schenkt Träume, Visionen und Prophetien (Apg 2. 17 par. Joel 2. 11ff).

    Damit hängt auch die Tatsache zusammen, daß Er diesen Menschen Gaben zuteilen kann (1Kor 12. 11; mehrere Vorkommen). Schon das Alte Testament weiß darüber zu berichten, daß der Geist Gottes Menschen mit Weisheit, Verstand und Geschicklichkeit zu erfüllen vermag (1Mo 35. 31); Er kann jemanden ausrüsten (Ri 6. 34). Und nicht nur das: Gottes Geist besitzt sogar die Fähigkeit, Selbst Leben zu zeugen (Lk 1. 35, Jo 3. 5 - 8) und lebendig zu machen (Jo 6. 63, Rö 8. 11, 2Kor 3. 6). Zu dieser Gruppe gehört dann sicher auch die Fähigkeit, etwas zu bezeugen (Apg 5. 32, 20. 23, Rö 8. 16, Hbr 10. 15, 1Jo 5. 7 - 8). Und so kann der Geist Gottes natürlich auch etwas verkündigen (Jo 16. 13), was Er von dem, was Jesu ist, genommen hat; Er ist also auch in der Lage, etwas zu nehmen (Jo 16. 14). Insofern erinnert Er uns an das, was Jesus gesagt hat; an etwas erinnern kann der Geist Gottes uns also auch (Jo 14. 26). Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, daß Gottes Geist von Sünde
überführt, von Gerechtigkeit und vom Gericht (Jo 16. 8).

    All diese Dinge sprechen nicht zuletzt davon, daß der Heilige Geist einen Willen hat; Ihm gefällt oder mißfällt etwas (Apg 15. 28, 1Kor 12. 11). Dazu gehört schon im Alten Bund, daß Er Selbst dahin zu gehen
vermag, wohin er will (Hes 1. 20, 21). Und in diesem Sinne vermag Er dann auch jemanden zu leiten (Mt 4. 1, Mk 1. 12, Lk 4. 1, Jo 16. 13, Rö 8. 14, Ga 5. 18, 2Ptr 1. 21). Indem Er uns leitet, kann Er uns aber auch etwas verwehren, eigene Wege etwa (Apg 16. 6). Wenn Er uns etwas verwehrt, dann hat das immer einen Sinn: den nämlich, daß wir uns im Willen Gottes und damit in seinem Frieden befinden. So kann der Geist Gottes jemanden zur Ruhe bringen (Jes 63. 14). Der Geist kann sogar jemanden auf seine Füße stellen und zu ihm reden (Hes 3. 24, 11. 5), vermag ihn aufzuheben und zu führen (Hes 11. 24, 43. 5), und jemanden an einen anderen Ort zu entrücken vermag er ggf. auch (Apg 8. 39).

    Ferner wird ausgesagt, daß der Heilige Geist Gefühl besitzt (Rö 15. 30). Und da er Gefühl besitzt, kann Er auch betrübt werden (Eph 4. 30); dies wird bereits im Alten Bund bezeugt (Ps 106. 33, Jes 63. 10). Daraus ergibt sich immer auch die Frage, wodurch dies geschehen kann. Und auch darauf gibt die Schrift ausreichend Antwort, indem sie uns zugleich auf eine andere Eigenschaft des Heiligen Geistes verweist: Er kann nämlich Selbst belogen oder versucht werden (Apg 5. 3, 9). Wie der aufmerksame Bibelleser weiß, kann dies nicht ohne Folgen bleiben: Gottes Geist vermag darum auch zu strafen (1Mo 6. 3), wie wir dies etwa an dem Beispiel des Ananias und seiner Frau gesehen haben (vgl. wiederum Apg 5. 1ff). Weil der Heilige Geist Gefühl besitzt, hat Er jedoch auch Mitgefühl mit unserer Schwachheit, denn Er kommt uns zu Hilfe und tritt für uns ein (Rö 8. 26). Ja mehr noch: Er verlangt nach uns und ist eifersüchtig (Ja 4. 5). Alles das ist tiefster Ausdruck dessen, daß Er Sich nach ungebrochener Gemeinschaft mit uns sehnt; wir können also Gemeinschaft mit Ihm haben (2Kor 13. 13). Darum ist es durchaus möglich, zu diesem Geist zu reden, wenn Gott es will (Hes 37. 9). Und nicht zuletzt darum vermag der Geist Gottes sowohl in jemandem Wohnung zu machen (Jo 14. 23) bzw. bei ihm zu bleiben (Mk 1. 10, Jo 1. 32f, Jo 14. 17) als auch auf jemandem zu ruhen (Jes 11. 2, 1Ptr 4. 14
u. a).

    Derselbe Heilige Geist ist Gott und Herr in der Gemeinde.



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Geistesgaben – wozu? Wir sind doch bekehrt und haben die Bibel!

    Wir müssen uns aber auch mit einer anderen Einstellung auseinandersetzen, die besonders eifrig dafür sorgt, daß wir uns mit den Geistesgaben nur ja nicht beschäftigen. Oft wird ja gesagt, daß die Gaben im Neuen Testament nur ein
Randthema seien, und es wird der Begriff einer vorgeblich nicht vorhandenen „Heilsnotwendigkeit” geprägt, was immer man auch darunter verstehen mag, und so hofft man, das ganze Thema – meist jedoch nur „um des lieben Friedens willen” – möglichst kunstreich umgehen zu können. Abgesehen davon, daß die Geistesgaben im Neuen Testament eben kein Randthema sind – Paulus verwendet mehrere Kapitel in verschiedenen Briefen dafür – müssen wir uns auch die Frage gefallen lassen, was der in dem Zusammenhang recht oft strapazierte Begriff „Heilsnotwendigkeit” tatsächlich bedeutet. Zunächst ist es zwar völlig richtig, daß die Gnadengaben zu unserer Errettung und Versöhnung mit dem Vater im Grunde nicht notwendig sind; sie sind es jedoch für unseren Wandel und für die Auferbauung der Gemeinde, solange wir uns noch hier auf der Erde befinden (1Kor 12. 7, 14. 4, 26). Die immer wieder vorzufindende Reduzierung des uns in Christus geschenkten Heils auf unser Bekehrungserlebnis, d. h. auf unsere eigene Bekehrung und den Tag unserer Wiedergeburt ist nicht bibelgemäß und entspringt einer einseitigen Missionstheologie, die sich im wesentlichen auf das eigene Seelenheil beschränkt und kaum etwas anderes mehr im Blick hat.

    In solchen Strukturen gibt es nur wenig geistliches Wachstum, und manchmal sehen wir, daß gewisse Wahrheiten in ihnen sogar aufs heftigste bekämpft werden. Nicht umsonst aber spricht etwa der Hebräerbrief davon, wie überaus notwendig es ist, über die Anfangsgründe hinauszugehen, um endlich einmal zur festen Speise zu gelangen, die den Gereiften und Geübten gilt, die Gottes Stimme tatsächlich zu hören vermögen (vgl. Hbr 6. 1ff usw). Abgesehen davon, daß wir nicht ständig um uns selber kreisen sollen, ist das Kreuz nämlich nicht Ziel, sondern Tür und Weg. Und so ist auch das Wort 
erretten (sozo) wesentlich umfassender als das Vorgenannte und meint ganz sein, heil oder unversehrt sein, wobei dies sich auf unser ganzes Leben mit Gott bezieht, indem es jeden einzelnen unserer Lebensbereiche hier auf der Erde wie „im Himmel droben” umschließt. Auch Petrus hat ja den Terminus der Errettung nicht allein auf die Wiedergeburt unseres Geistes, sondern auf den Heiligungsweg der Seele bezogen und gesagt, daß diese Errettung  die Errettung der Seelen  das eigentliche Ziel und die Vollendung unseres Glaubens ist (1Ptr 1. 3 - 12). Hinzu kommt, daß es bei dieser Vollendung eben nicht nur um unsere persönliche, sondern die des ganzen Christusleibes geht. Es ist ein gefährlicher Trugschluß zu glauben, daß wir als Einzelwesen bestehen könnten, nachdem der Herr uns in einen Leib eingesetzt und als Glieder desselben zusammengefügt hat, ein jedes an seiner von Ihm zugewiesenen Stelle und seiner Berufung gemäß. Wenn nun zu unserem Glaubensweg alles gehört, was unser Leben (sowohl auf uns als einzelne, als auch als Glieder des einen Leibes bezogen) hier auf der Erde betrifft, dann muß auch alles das mit einbezogen werden, was uns in der Heiligen Schrift bezüglich dieses Lebens überliefert worden ist.

    Dementsprechend darf keiner der Inhalte derselben Heiligen Schrift ausgeblendet werden. Wohl kaum ein Zusammenhang ist in den Paulusbriefen enger dargestellt als der zwischen den Geistesgaben und dem Gedanken der Einheit, dem Zusammenhalt und Zusammenwirken des Leibes des Herrn. Gerade der erste Korintherbrief beschäftigt sich damit in besonderer Weise, so daß wir deutlich das Bemühen des Apostels erkennen können, diese Dinge den Korinthern immer wieder nahezulegen und sie ihnen zu erklären (1. 10 - 13, 3. 1ff, 12. 1 - 31 usw). Aber auch in anderen Briefen sehen wir diesen Zusammenhang angeführt (vgl. Rö 12. 3 - 21). Das bedeutet dann also auch, daß wir 
nicht nur als Einzelne, sondern vor allem als Leib des Herrn gesehen  ohne Geistesgaben nicht auferbaut und daher nicht nur unsere Aufgabe, sondern auch unser Ziel verfehlen werden, wenn wir der Meinung sind, daß wir ohne sie auskommen sollten, obwohl Gottes Wort diesbezüglich ganz offensichtlich anderer Meinung ist. Sicher werden wir ohne Geistesgaben, wie man so sagt, „in den Himmel” kommen. Diese Frage wird ja nicht durch die Gaben, sondern durch das Kreuz geklärt. Es besteht aber immer auch die Frage, wie und in welchem Zustand das geschehen wird. So ist alles, was Gott in der Heiligen Schrift hat niederlegen lassen, auch für unser ganzes Heil notwendig, und darum darf auch nichts von dem ausgeschlossen werden, was sie uns zu sagen hat. Denn es steht geschrieben:

     Alle (d. h. die ganze) Schrift ist gottgehaucht und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes zubereitet sei, ausgerüstet zu jedem guten Werk.
2Tim 3. 16

    So sind also auch die Geistesgaben, da die Schrift sie lehrt, durchaus heilsnotwendig, d. h. in diesem Sinne also notwendig dem, was zu unserem Heile dient. Das ist nämlich der Zweck, den Gott mit der ganzen von Ihm eingegebenen Heiligen Schrift verfolgt: Wir sollen ausgerüstet werden, befähigt werden zu jedem guten Werk. Wir sollen ja nicht eigene Werke hervorbringen, in eigener Kraft; wir sollen vielmehr in den Werken Gottes wandeln, die Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben:

    Denn in der Gnade seid ihr Errettete, und das nicht aus euch, sondern es ist Gottes Nahegabe, nicht aus Werken, damit sich niemand rühme. Denn wir sind Sein Tatwerk, erschaffen in Christus Jesus für gute Werke, die Gott vorherbereitet, damit wir in ihnen wandeln.
Eph 2. 8 - 10

    Hier ist es an der Zeit, daß wir einen langgehegten Trugschluß aufheben, der vor allem in der so genannten Glaubensbewegung und ihren Ablegern sein Unwesen treibt. Wir sollen die Werke Gottes nämlich nicht selber wirken. Die Fügung vorherbereiten (V. 10) steht im Aorist, einer unbestimmten Zeitform, die so nur im Griechischen gebräuchlich ist. Diese Zeitform birgt in sich zwei Möglichkeiten: Hier geht es um die Werke, die der Vater sowohl schon vorherbereitet hat als auch jedes Mal aufs Neue vorherbereiten wird, sagt Paulus; wir sollen lediglich in ihnen wandeln und sie schließlich auch ausüben; aber wir sollen sie nicht hervorbringen, vermögen es auch nicht. Das ist ein gravierender Unterschied! Wie müssen wir da lernen, auf den Herrn zu warten und gehorsam zu werden gemäß dem, was Er uns jedes Mal sagt! Wie müssen wir stille werden und empfindsam für Gottes Stimme, damit wir Seine Weisungen vernehmen, damit wir dann tatsächlich auch in den Werken wandeln, die der Vater vorbereitet hat! Denn der Apostel läßt uns auch an anderer Stelle nicht im Zweifel darüber, wer allein es ist, der uns diese Werke und Wahrheiten nicht nur erschließt, sondern sie uns auch anderen in der richtigen Weise weitergeben läßt. Es ist niemand sonst als der Heilige Geist Selbst  mit allen Seinen Gaben:

    (9) Es ist doch so, wie es geschrieben steht: Was kein Auge gewahrt und kein Ohr gehört und wozu kein Menschenherz aufgestiegen ist, all das hat Gott denen bereitet, die Ihn lieben. (10) Uns aber enthüllt es Gott durch Seinen Geist: denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes.

    (11) Denn wer unter den Menschen weiß, was im Menschen ist, außer dem Geist des Menschen, der in ihm ist? Also (d. h. genauso) hat auch niemand die Tiefen Gottes erkannt außer dem Geist Gottes. (12) Wir aber erhielten nicht den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott in Gnaden gewährt ist, (13) was wir auch aussprechen, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern mit solchen, wie der Geist sie uns lehrt, indem wir geistliche Dinge mit angemessenen geistlichen Worten erklären.
1Kor 2. 9 - 13

    Darum geht es hier: a) geistliche Dinge überhaupt zu erkennen, und b) geistliche Dinge auszudrücken oder, um es in den obigen Worten nachzuformulieren, geistliche Dinge mit angemessenen geistlichen Worten zu erklären. Beides geschieht nur durch den Geist Gottes, aber nie nach eigener, angelernter Weisheit und nach eigenem Vermögen (vgl. Jo 7. 15, Apg 4. 13 - 14, 2Kor 11. 6). Und so steht auch hier eigentlich beide Male pneumata, Geistesgaben! Damit finden wir also auch hier die Gnadengaben vor.

    Das ist freilich etwas anderes als jene von Menschen angelernte, schulmäßig einstudierte Schriftgelehrsamkeit, in der die Schriftgelehrten und Pharisäer auftraten und lehrten. Wir sollten hier freilich nicht richten, denn wie schnell können auch wir in eine solche Schriftgelehrsamkeit hineingeraten, wenn wir nicht achtsam sind. Aber noch nicht einmal Jesus, der Sohn Gottes, diente anders als in der Abhängigkeit von Gott, dem Vater, und damit in Seinen Gaben; wie alle Evangelien übereinstimmend bezeugen, tat Er nichts, bevor Er nicht angetan worden war mit der Kraft und Ausrüstung aus der Höhe, und bevor Gott Ihn nicht den entsprechenden Auftrag gegeben hatte (Mt 3. 13 - 17, Mk 1. 9 - 11, Lk 3. 21 - 27, Jo 1. 32 - 34). Gerade darin erzeigt sich, wie abhängig Er von dem Vater war  und blieb (Mt 4. 1 - 4ff). Und so redete Er, allezeit geführt vom Geist Gottes, mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten (wörtlich: grammatoi, Schreiber, Schriftkenner, eig. Grammatiker, s. Mt 7. 29, Mk 1. 22), so daß sich alle regelmäßig über ihn verwunderten:

    Als die Mitte der Festwoche (des jüdischen Laubhüttenfestes, Anm.) schon vorüber war, ging Jesus zur Weihestätte hinauf und lehrte. Da erstaunten nun die Juden und sagten: Wieso weiß dieser in der Schrift Bescheid, obwohl er ungelehrt ist?” Da antwortete Jesus ihnen nun: Meine Lehre ist nicht von Mir, sondern von dem, der Mich gesandt hat...”
Jo 7. 14 - 16

    Könnten wir das auch von uns sagen – „Diese Lehre ist nicht von mir, sondern von dem, der mich ausgesandt hat?” Diese Frage darf nicht überheblich gestellt werden, zeigt sie doch, daß wir von uns aus nichts können; und doch, ja gerade darum ihre Beantwortung unumgänglich; denn Jesus hat ja beschlossen, uns, Seine Jünger, genauso auszusenden, wie Er von dem Vater ausgesandt worden war (Jo 20. 21).


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Die Wirksamkeit des Heiligen Geistes als Beiseiterufer Gottes

    Von dem Vater ausgesandt –
was bedeutet dies? Bedeutet es tatsächlich, daß wir zwar den Geist Gottes erhalten, so wie Jesus diesen Geist erhalten hatte, und wir nun „kraft dieser Ausrüstung” und in Kenntnis diverser Schriftstellen einfach „loslegen” sollen, wie viele uns lange Zeit nahegelegt haben? Hier liegt ein anderer, gefährlicher Trugschluß vor, dem viele erlegen sind. Dieser Trugschluß fußt auf einem Mißverständnis des Wesens, der Wirksamkeit und der Aufgabe des Heiligen Geistes.

    Wie wir im vorigen Kapitel bereits gesehen und dies auch kurz angerissen haben, ist der Heilige Geist keine Kraft, in der wir wirken sollen. Wer so denkt oder lehrt, der hat Ihn Selbst nicht verstanden  weder von Seinem Wesen, noch von Seiner Person, noch von Seinem Dienst und Wirken her. Er weiß auch nichts von den Beziehungen, die zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist  als den drei Personen der einen Gottheit bestehen. So ist die Hauptaufgabe des Geistes eine völlig andere. Sie rührt vor allem daher, daß die Gegenwart Gottes heute – in der Regel – eine andere ist, als sie es damals war, als der Herr noch physisch unter den Jüngern weilte. Heute können wir Ihn nicht ja mehr ohne weiteres sehen oder körperlich berühren, wie dies die Jünger noch konnten (Jo 21. 24 - 29, 1Jo 1. 1 - 2). Die Gotteserfahrung war, wie das ganze Alte Testament hindurch, noch an Raum und Zeit, an einen irdischen Tempel und damit auch an einen irdischen Leib gebunden (Jo 2. 14 - 22). Offenbarte sich die Gegenwart Gottes zu jener Zeit noch leibhaftig im fleischgewordenen Sohn, so offenbart sie sich heute im Geist (1Jo 2. 26 - 27 und 4. 1 - 3). [17] Damals war der Leib des Herrn der einer einzelnen Person; heute stellt die ganze Gemeinde Seinen Leib dar, in dem der Geist wohnt und in dem Er Sich  in dessen Gesamtheit  so offenbaren will, wie Er sich damals in dem des Sohnes geoffenbart hat. Wohnte damals der Heilige Geist nur in einer Person, so wohnt Er heute in Vielen, in all denen nämlich, die geistlich wiedergeboren und damit – durch den einen Geist – zu einem Leib getauft worden sind (1Kor 12. 13). Wirkte er damals nur durch die Glieder einer einzigen Person, kann Er heute durch die vielen Millionen Glieder dieses einen Leibes wirken, den man Gemeinde nennt. Jesus hat ja die Erde verlassen; seither ist Er nicht mehr körperlich unter uns; Er werde aber den Geist senden, sagte Er, der all die Dinge, die der Vater hat, den Jüngern in Seinem Namen übermitteln würde, bis Er Selber wiederkommt (Jo 14. 16 - 18, 16. 5ff). Wir brauchen also den Geist Gottes, wenn wir verstehen wollen, was der Vater uns im Sohn zu sagen hat.


    Der Geist Gottes, und niemand anders sonst, ist also nichts anderes als der wahre Stellvertreter Jesu Christi auf der Erde. Damit ist Er auch der eigentliche, allgegenwärtige (omnipräsente) Sachwalter Gottes. Die Heilige Schrift nennt Ihn den Parakleten, worin wir gemeinhin den Tröster, den Ermahner, den Zusprecher verstehen. Diese Deutungen treffen allesamt zu, sind aber für sich gesehen jeweils viel zu flach, um Dienst und Wesen des Heiligen Geistes zu charakterisieren. Das griechische Wort parakletos bedeutet eigentlich Neben- oder Beiseiterufer; das dazugehörige Verb lautet dementsprechend parakaléo, neben- oder beiseiterufen (von para, neben und kaléo, rufen). Der Heilige Geist ist also Der, der uns nach diesem Wort zur Seite ruft, hinein in die Stille, ganz in die Abgeschiedenheit 
hinein in die Gegenwart des Vaters, in die Verborgenheit, in der der Vater wohnt (Mt 6. 6). Er ruft uns heraus aus dem Trubel und dem Getöse der Welt, auch aus der frommen Welt und öffnet uns das Ohr dafür, was der Vater uns zu sagen und zu geben hat, damit wir tatsächlich „hören, wie Jünger hören” (Jes 50. 4 - 5). Darum heißt die Gemeinde auch ekklesía, Herausgerufene; alles das, was nicht von Ihm herausgerufen ist, darf sich demnach nicht als eine solche bezeichnen. Erst in der Stille offenbart Er uns die Werke Gottes und erschließt sie uns, damit wir das Empfangene weitergeben können (Mt 10. 24 - 27, Lk 12. 2 - 3). Und erst dann, wenn wir vom Vater gehört, wenn wir die Werke, die wir ausüben sollen, bei Ihm tatsächlich auch gesehen haben, sendet Er uns aus, wie der Sohn gesandt worden war, und sagt uns, daß auch wir gehen sollen, um die Werke des Vaters den Menschen zu bringen (Jo 5. 17, 19, 20). Das ist auch der tiefere Grund dafür, weshalb der Herr Jesus die großen Menschenansammlungen mied, wo immer es Ihm möglich war; immer wieder zog Er Sich in die Einsamkeit zurück, um den Vater zu suchen und mit Ihm zu reden.

    Dies ist nicht ein immer wieder geschehender Vorgang in dem Sinne, daß wir etwas von Gott empfangen, dieses Empfangene dann nehmen und dann doch wieder in Eigenregie „damit umgehen”. Nein, dieser Vorgang, diese Leitung durch den Geist will sich ständig, ohne Unterlaß in unserem Leben ereignen. Wenn wir dies eine Zeitlang eingeübt haben, wenn wir also treuer geworden sind darin, Gott zu suchen, dann werden wir noch geübter darin sein, Seine Stimme zu hören, und dann werden wir auch im Vollzug unseres ganz alltäglichen Lebens von Ihm hören und können fortgesetzt erkennen, was Er uns sagt (vgl. Hbr 5. 14). Das werden nicht unbedingt die spektakulären Dinge sein, darum geht es nicht  manchmal ist es ein Bibelvers, der uns plötzlich aufgeschlossen wird, nachdem wir solange danach gefragt haben, manchmal ist es auch einfach nur gut zu wissen, daß Gott bei uns ist, daß Er es ist, der uns tröstet, stärkt und auferbaut.

    Jesus hatte den Jüngern im Hinblick auf Sein Leiden, Sterben und Auferstehen gesagt, daß Er diese Erde verlassen müsse; und auch sie würden gehaßt, verfolgt, aus den Synagogen ausgestoßen, ja sogar getötet werden um Seines Namens willen, so daß jeder, der sie töten würde, meinte, er vollführe einen Gottesdienst. Er aber würde den Parakleten senden, den Beistand, den Beiseiterufer, den, der ihnen die rechten Worte sagen würde. Sie aber gerieten in Betrübnis deswegen (Jo 15. 19 - 16. 6).

    Darum sagte der Herr:

    (4b) „...Zu Anfang hatte Ich euch das noch nicht gesagt, weil Ich bei euch war. (5) Nun aber gehe ich zu dem, der Mich gesandt hat, und niemand von euch fragt Mich: Wohin gehst Du? (6) Sondern weil Ich euch dies gesagt habe, hat Betrübnis euer Herz erfüllt.

    (7) Doch Ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch förderlich, daß Ich fortgehe. Denn wenn Ich nicht fortgehe, wird der Zusprecher (parakletos) nicht zu euch kommen; wenn Ich aber gegangen bin, werde Ich ihn zu euch senden...

    (12) Noch vieles hätte Ich euch zu sagen; doch ihr könnt es jetzt noch nicht ertragen. (13) Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit leiten; denn er wird nicht von sich selbst aus sprechen, sondern alles, was er hört, wird er sprechen; auch das Kommende wird er euch verkündigen. (14) Derselbe wird Mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er nehmen und es euch verkündigen. (15) Alles, was der Vater hat, ist Mein; deshalb habe ich euch gesagt, daß er es von dem Meinen nimmt und es euch verkündigen wird.”
Jo 16. 4b - 7, 12 - 15

    Merken wir jetzt, warum es so wichtig war, daß der Heilige Geist kommen sollte? Erkennen wir jetzt, warum die Apostel nichts, aber auch gar nichts unternehmen, sondern warten sollten, bis dieser Geist, dieser Zusprecher und Beiseiterufer zu ihnen gekommen war (Lk 24. 46 - 53, Apg 1. 4 - 8) und sie angetan wurden mit der Kraft aus der Höhe? Denken wir immer daran, wenn wir diese wohlbekannte Fügung gebrauchen: Hier ging es nicht ausschließlich um diese Kraft, die der Geist Gottes mit Sich bringen würde; hier ging es vor allem um den Geist Selbst als Den, Der sie in alle Wahrheit leiten und ihnen damit allezeit auch den Weg zeigen würde, den sie fortan zu gehen hätten. Gleichwie Jesus, ihr Herr, einst angetan und erfüllt worden war mit dem Geist des Vaters, so sollten auch sie nun mit demselben Geist angetan und erfüllt werden, um fortan aus Ihm zu leben und zu wirken. „Wie Mich der Vater gesandt hat, so sende ich auch euch, hatte der Meister ja betont.

    „...Dann will Ich den Vater ersuchen, und Er wird euch einen anderen Zusprecher (parakletos) geben, damit er für den Äon bei euch sei; den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht erhalten kann, weil sie ihn nicht schaut noch kennt; ihr aber erkennt ihn, weil er bei euch bleiben und in euch sein wird. Ich will euch nicht als Verwaiste zurücklassen; Ich komme zu Euch.”
Jo 14. 16 - 18

    Und so ist es dann auch nur folgerichtig, daß dieselbe Wirklichkeit auch in den ersten Aposteln zustande kam, die in der Kraft und Abhängigkeit Gottes das Evangelium verkündigten, Menschen heilten und ihnen – in dem Namen, der über alle Namen ist – Befreiung vom Joch des Feindes brachten. Lesen wir, was geschah, als Petrus sprach, mit dem Heiligen Geist erfüllt:

    (11) ...Dieser Jesus ist der Stein, der von euch, den Bauleuten verschmäht wird; der ist zum Hauptstein der Ecke geworden! (12) Und in keinem anderen ist die Rettung, denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der unter Menschen gegeben worden ist, in welchem wir gerettet werden müssen.”

    (13) Als sie den Freimut des Petrus und Johannes schauten und es erfaßten, daß sie ungeschulte und ungelehrte Menschen seien, waren sie erstaunt. Sie erkannten sie auch als solche, die mit Jesus zusammen gewesen waren. (14) Da sie den Mann, der geheilt worden war, bei ihnen stehen sahen, hatten sie nichts zu widersprechen.
Apg 4. 11 - 14

    Hier wird die geistgeleitete Verkündigung des Evangeliums – nicht von den Aposteln, sondern von Gott her! – mit der Ausübung der Gabe der Heilung (vgl. 1Kor 12. 9, 28) verbunden.



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Gnadengaben – vom Geist gewirkte Gnade

    Auch Paulus, der von Natur aus alles andere als redegewandt war, mußte sich allerorts auf die vom Geist gewirkte Gnade verlassen:

   Wenn ich auch wohl ungelehrt im Ausdruck bin, so doch nicht in der Erkenntnis; sondern in jeder Hinsicht sind wir für euch in allem offenbar geworden.
2Kor 11. 6

    Der Apostel, der doch bei dem berühmten Schriftgelehrten Gamaliel studiert hatte (Apg 22. 3), achtete all das für Auskehricht, um Christus zu gewinnen (Phil 3. 7ff). Der Leser möge beachten, daß diese Aussage sich nicht gegen eine gute, biblische und geistgewirkte Theologie wendet, die wir nicht hoch genug schätzen können und auch sollten. Daß überdies selbst Gamaliel eine große Weisheit besaß, die durchaus ihre Frucht hervorbrachte, das vermag der Bericht der Apostelgeschichte recht eindrucksvoll aufzuzeigen (Apg 5. 34 - 39). Aber wie eine bloße Schriftgelehrsamkeit an sich kein Indiz dafür ist, daß eine Lehre grundsätzlich falsch ist, so ist auch eine grundsätzlich richtige Lehre kein schlüssiger Beweis dafür, daß sie geistgewirkt, d. h. von Gott gekommen ist. Paulus tadelt jenes Schriftwissen ausdrücklich nicht; ja, er sagt sogar, daß er auf diesem Wege untadelig geworden sei – nach dem Gesetz (Phil 3. 6). Aber eine solche Untadeligkeit genügt eben nicht, wenn es darum geht, Christus nachzufolgen und die Werke zu wirken, die Er gewirkt haben will – wir benötigen eine daseinsmäßig ganz andere, bessere Gerechtigkeit als die der Schriftgelehrten und Pharisäer (Mt 5. 20). Darum geht es bei der Schriftgelehrsamkeit auch weniger um den Inhalt, als vielmehr um das Wesen des Angestammten als dem des Vermittelten; darum, ob eine solche Schriftgelehrsamkeit nicht doch lediglich Wissen vermittelt, das letztlich doch nicht von dem Baum des Lebens, sondern von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen stammt (s. 1Mo 2. 16 - 17).

    Zwischen diesen beiden Wesenheiten liegen Welten. Uns mag ein solches Unterscheiden zwar als geringfügig vorkommen. Das ist es aber nicht bei Gott. Es sind genau diese Dinge, die darüber entscheiden, auf welcher Seite wir uns befinden, ob wir unsere Kräfte aus dem Licht der Gegenwart Gottes beziehen – oder aus der Finsternis, als dem Angestammten der Elemente dieser Welt (Ga 4. 3, 8 - 11). Gott geht es dabei nicht so sehr darum, daß wir uns Wissen aneignen, sondern es geht Ihm um die Beziehung, um die Vereinigung und das Leben mit und aus Ihm. Es ist nicht das Vertrauen auf die eigene Kraft, die sich in der Anwendung von angelerntem Wissen oder auch einmal gemachter Erfahrung erschöpft, die Gott haben will, sondern das beständige Vertrauen auf Ihn als einen lebendigen und im persönlichen Leben gegenwärtigen Gott. Und so war es nicht jene Schriftgelehrsamkeit, in der Paulus auftrat und auf die er baute, sondern er setzte alles auf die Gnade dieses in seinem Leben gegenwärtigen Gottes, und damit auch auf die Erweisung Seiner Kraft, so daß er schließlich sagen konnte:

    In meinem Dienst für die Sache Gottes habe ich folglich das Rühmen nur in Christus Jesus. Denn ich möchte nicht wagen, von etwas zu reden, was nicht Christus durch mich ausgeführt hat, um die Nationen zum Glaubensgehorsam zu führen durch Wort und Werk, in Kraft der Zeichen und Wunder, in Kraft des Geistes Gottes, so daß ich von Jerusalem bis ringsumher bis nach Ilyrien das Evangelium des Christus völlig ausgerichtet habe.
Rö 15. 17 - 19

    Paulus hielt all diese von Gott geschenkten Gaben jedenfalls für so wichtig, daß er immerhin vier größere Abschnitte seiner Briefe und mehr allein für die Erörterung dieser Thematik verwendet hat (Rö 12. 3 - 8, 1Kor 12. 1 - 31, 1Kor 14. 1 - 40, Eph 4. 1 - 16). Dabei beschränken sich bei ihm die Gnadengaben nicht nur auf die klassischen Redegaben oder auf die Geistesgaben (d. h. die sog. Offenbarungsgaben) an sich. Die Fähigkeit zur Ehe wie die zur Ehelosigkeit z. B. werden ebenso beide von Gott geschenkt und sind darum nach Paulus ebenfalls Gnadengaben (1Kor 7. 7). Auch in den späteren, persönlichen Briefen finden wir bei ihm die Erwähnung der Gaben vor; so soll etwa Timotheus die Gnadengabe nicht vernachlässigen, die ihm durch Auflegung der Hände seitens der Ältestenschaft gegeben wurde (1Tim 4. 14); er soll sie wieder anfachen (2Tim 1. 6). Hier geht es offenbar um die Gabe des Lehrens (vgl. u. a. 1Tim 4. 4. 10, 13, 16). Auch Petrus sieht diese Frage keineswegs anders und spricht ganz unmißverständlich von den Gaben, mit denen wir einander dienen sollen, wobei er sich hier nicht nur auf die Gnadengabe bezieht, gastfrei zu sein, sondern auch auf das Reden der Aussagen Gottes und auf das Vermögen, das Gott zum Dienst (diakonia) darbietet (1Ptr 4. 10 - 11). [18] Jede einzelne Gabe soll in den Leib einfließen, soll zur gemeinsamen Erbauung dienen (1Kor 14. 26). Denn wenn die Gemeinde nicht nach dem Willen und Muster Gottes auferbaut werden kann, dann kann und wird sie auch nicht vollendet werden. So ist auch das ein erheblicher Trugschluß, auch nur anzunehmen, daß wir ohne die Geistesgaben auskommen könnten! Sie sind der Gemeinde von Gott nicht nur gegeben, sondern verordnet worden, weil sie für ihre gesunde Entwicklung hin zur Reife, zum Mannesalter und zum Maß des Vollwuchses der Vervollständigung des Christus notwendig sind (s. Eph 4. 7 - 16). 

    So schreibt Paulus an die Korinther:

   Eifert zwar nach euren geistlichen Gaben, doch dabei mehr danach, daß ihr prophetisch reden möget.
1Kor 14. 1

    Auch hier haben wir eine klare Weisung vorliegen! Nichts weniger als Gottes Wort selbst, schriftlich niedergelegt durch den Apostel, sagt uns hier, daß wir nach unseren – d. h. den uns gegebenen – geistlichen Gaben eifern sollen. Luther hatte noch den Begriff „fleißigen” geprägt; „fleißiget euch der geistlichen Gaben, übersetzte er sehr folgerichtig, [19] d. h. wir sollen fleißig darin sein, die Gaben zu betätigen; wir dürfen sie nicht nur nicht vernachlässigen, sondern sollen darin besonders eifrig sein, indem wir Kraft, Zeit und Ausdauer in sie investieren. Das Griechische aber geht sogar noch einen Schritt weiter; es schreibt hier zeloo, sieden. So sehr sollen wir um die Gaben eifern, daß wir darin nicht kalt, nicht lau, sondern heiß, siedend sind.

    Und – noch darüber hinaus – sollen wir vor allem danach trachten, daß wir prophetisch reden könnten. Warum ist dieses prophetische Reden so sehr wichtig? Wir haben es ja mit Anweisungen für eine Gemeindeversammlung zu tun; da geht es darum, daß unsere Aussagen auch verstanden werden; es geht in der Versammlung nicht so sehr darum, daß wir uns auferbauen, sondern daß der Bruder und die Schwester neben uns erbaut werden. Wir aber sollen sie das Amen sagen, wenn unser Reden sich etwa nur in unverständlichen Zungen erschöpft? Da werden wir wohl fein auferbaut; aber unser Nächster geht leer aus. Es geht also immer zuerst um den Bruder und die Schwester neben uns; es geht um die Zuwendung, die ihnen zugute kommt; kurzum – es geht um die Liebe.



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Vom Weg der Liebe oder: Was ist das Vollkommene, das kommen soll?

    So hat der Apostel eben nicht nur geschrieben, daß wir um die Gaben eifern sollen. Er sieht das Ganze vielmehr in einem großen Kontext der Liebe Gottes, die sich in und durch uns ausdrücken, in und mit den von uns betätigten Gaben zu jedem Einzelnen fließen soll. Ja, wir können sogar sagen, daß es nach seinem Verständnis Geistesgaben ohne diese Liebe nicht geben kann. Aber auch der Umkehrschluß ist richtig: Die Liebe braucht diese Gaben, um sich dem Christuskörper gemäß – nach dem, was jedes einzelne Glied dieses Körpers benötigt – in der rechten Weise ausdrücken zu können. Wer also die Liebe ausklammert, der klammert mit ihr auch die Gnadengaben aus; und wer die Gnadengaben verwirft, der verwirft mit ihnen – in letzter Konsequenz – zugleich auch die Liebe.

    Darum schreibt der Apostel beides, und nur die später hinzugekommene Verszählung vermag uns ein wenig darüber hinwegzutäuschen, daß er dies in einem Atemzuge schreibt, weil beides tatsächlich untrennbar zusammengehört:


Jaget... der Liebe nach. – Eifert... nach euren geistlichen Gaben...
1Kor 13. 13, 14. 1

    In diesem Spannungsbogen befinden sich die Aussagen, mit denen wir uns beschäftigen wollen. Ja, es ist gut, wenn wir uns verinnerlichen, daß Paulus, bevor er zu den Erörterungen des vierzehnten Kapitels kommt, die einander hingebende Liebe, die agape, so sehr in die Mitte rückt. Dabei wird deutlich, daß es die Gaben ohne diese Liebe nicht gibt, wenn es wirklich Gaben des Geistes sein sollen, und jene haben unrecht, die zwar die Gaben betonen, jedoch die Liebe dabei vernachlässigen. Beide gehören eng zusammen und bedingen einander. Man hat in der Vergangenheit beides, die Liebe und die Geistesgaben, oft gegeneinander auszuspielen versucht und gesagt, daß die Liebe ein den Geistesgaben vorzuziehender Weg sei. Nein; dieser Meinung ist Paulus nicht; er beschreibt die Liebe, die er als Grundthema, sozusagen als „Grundtenor mitten hinein in seine Abhandlungen über die Geistesgaben setzt, genau zwischen das zwölfte und vierzehnte Kapitel, als den einzig gangbaren Weg, auf dem die Gaben des Geistes ihre Wirkung entfalten und ausrichten können, wozu Gott sie gegeben hat:


(12. 31b) ... eifert nun nach den größeren Gnadengaben! Und dazu zeige ich euch einen noch überragenden Weg:

(13. 1) Wenn ich in den Zungen der Menschen und der himmlischen Boten spräche, aber keine Liebe hätte, so wäre ich wie ein klingender Kupfergong oder wie eine schmetternde (o. kreischende) Cymbel. (2) Und wenn ich Prophetenwort hätte und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnis, wenn ich all den Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen könnte, aber keine Liebe hätte, so wäre ich nichts. (3) Und wenn ich all meinen Besitz austeilen und wenn ich meinen Körper dahingeben würde, um mich dessen zu rühmen, aber keine Liebe hätte, so würde es mir nichts nützen.

(4) Die Liebe ist geduldig (o. langmütig), sie ist gütig; die Liebe ist nicht eifersüchtig (o. eifernd, eig. zeloo, siedend), die Liebe ist nicht ruhmredig und macht nicht aufgeblasen. (5) Sie ist nicht unschicklich und sucht nicht das Ihre; sie läßt sich nicht aufstacheln und rechnet das Üble nicht an. (6) Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der Wahrheit. (7) Alles (andere: immer) gibt sie auf, alles (immer) glaubt sie, alles (immer) erwartet sie, alles (immer) erduldet sie. (8) Die Liebe wird niemals hinfällig. Seien es Prophetenworte, sie werden abgetan, oder Zungenreden, sie werden aufhören, oder Erkenntnisworte, sie werden abgetan. (9) Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem Bruchteil und prophezeien aus einem Bruchteil. (10) Wenn aber die Reife kommt, wird das aus dem Bruchteil abgetan werden.


(11) Als ich noch unmündig war, sprach ich wie ein Unmündiger, und ich schätzte alles so ein wie ein Unmündiger. Als ich aber ein Mann wurde, habe ich die Dinge der Unmündigkeit abgetan. (12) Denn bis jetzt erblicken wir sie wie durch einen (Kupfer-)Spiegel, in Dunkeldeutung, dann aber wie von Angesicht zu Angesicht. Bis jetzt erkenne ich nur aus Bruchteilen, dann aber werde ich so erkennen, wie auch ich erkannt worden bin. (13) Von nun an bleiben Glaube, Erwartung, Liebe, diese drei. Doch die größte von diesen ist die Liebe; jaget daher der Liebe nach!
1Kor 12, 31b - 13. 13

    Ohne die Liebe mögen wir wohl Geräusche von uns geben; doch sind wir nichts anderes als bloße, von außen angerührte Musikinstrumente, die einen Ton, ein Echo geben (wörtlich echéo) sagt Paulus im ersten Vers. Aber in uns selber bleiben wir tot – wie das Schmettern jener Cymbel, die der Apostel anschließend anführt und deren Geräusch – grie. alalazo – tatsächlich an das Gekreisch, an das schrille, selbst forcierte alala der orientalischen Totenklage erinnert. Hier haben wir wieder das Gegenteil jenes lebendigen Opfers vorliegen, das Gott von uns haben will und von dem wir oben gesprochen haben; und das erklärt dann auch den Weg, auf dem die vielen Verirrungen auf diesem Gebiet stattgefunden haben (Rö 12. 1 - 2). Wir wollten das Leben, und auf das Leben beriefen wir uns sogar – aber gelandet sind wir im Tode. Statt unser Leben Gott zum Opfer zu geben und diesem Opfer gemäß zu leben, nicht in Eigenregie, sondern aus Ihm heraus, haben wir uns an Menschen gehängt und sind falschen Prophetien nachgelaufen, deren zwanghafte Vorstellungen uns in ihren Bann zogen. Wir verließen den Weg der Liebe, der ja immer ein Weg der Beziehung ist, und suchten den des Erfolges. Dazu haben wir versucht, Seinen Geist uns verfügbar zu machen und Seine Gaben an uns zu reißen. Das konnte nicht ohne Folgen bleiben. Das willkürliche Anzapfen und Forcieren geistlicher Kräfte, das Anwenden von Prinzipien und Gesetzen, wie es in diversen Kreisen heute so „in” ist, hat Gott uns strikt untersagt; es hat mit der Liebe nichts zu tun; es kommt Ihm zuvor und führt darum zuletzt in okkulte Phänomene, d. h. in die Zauberei hinein, die heute so viele unserer Geschwister in teils schwerster Gebundenheit gefangenhält. So offenbart sich dies als ein völlig falscher Weg. Es geht Gott nicht um das möglichst korrekte Ausführen geistlicher Gesetze, sondern immer um die Beziehung!

    Der Grund für all diese Dinge läßt sich dementsprechend zurückführen auf unsere Weigerung, in der Liebe zu wandeln, und damit in der Verbindung mit Gott zu bleiben, aber auch mit unserem Nächsten. Die Liebe Gottes ist ja ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist; sie wirkt also von innen heraus, nie von außen (Rö 5. 5). Und darum sind wir ohne diese Liebe nichts, was auch immer wir ohne sie tun wollen; wir bleiben im Äußerlichen, was weder uns, noch anderen etwas nützt. Ganz im Gegenteil – wir werden zu Schadenstiftern, weil wir ja einerseits von Gott getrennt sind, der ja die Liebe ist (1Jo 4. 16), und andererseits auch nicht mehr den Bruder und die Schwester im Blick haben, für die die Gaben bestimmt sind (1Kor 12. 7). Statt dessen versuchen wir immer wieder, von uns selbst aus in die geistliche Welt einzugreifen, und dann werden wir auch noch stolz und aufgeblasen über dem, was wir da gerade angerichtet haben. So sind wir wie kleine Kinder geworden, die auf irgendwelchen Gegenständen herumhämmern und sich an den Tönen ergötzen, die dabei herauskommen, ohne zu wissen, was wir eigentlich tun. Das ist das eigentliche Dilemma der heutigen charismatischen Bewegung, als deren Teil ich mich verstehe, und ich sage dies nicht ohne Schmerz.

    Paulus sagt nun jedoch nicht, daß die Liebe ein Ersatz für die Gnadengaben sei, wie auf der anderen Seite immer wieder behauptet wird. Er versteht die Liebe also nicht als einen bloßen Weg, der über die Gnadengaben hinaus führen, d. h. bereits heute an ihre Stelle treten und sie damit überflüssig machen würde. Das meint der Apostel eben gerade nicht. Und doch sind die meisten Ausleger immer wieder in die Falle getappt, die sie dazu verleitete, die Liebe von den Geistesgaben zu trennen und beides gegeneinander auszuspielen. Wie schon die Früchte des Geistes, so bestehen jedoch auch Seine Gaben nicht jenseits, sondern in der Liebe. Sie sind geradezu ein Ausdruck der Liebe Gottes und des Verbundenseins mit Ihm (vgl. Jo 15. 1 - 11). Darum mahnt Paulus die Korinther in gerade diesem Zusammenhang, nach den größeren Gaben zu eifern (1Kor 12. 31, 14. 1, 2). Wir werden uns noch damit auseinanderzusetzen haben, welche Gaben das sind und in welcher Beziehung sie zu den anderen stehen.

    Dazu aber, damit sie in diese größeren Gaben tatsächlich auch hineinkommen, hält Paulus den Weg der Liebe – und zwar
ausschließlich diesen Weg – für unabwendbar. Die Liebe ist jedoch nicht nur Weg, sie ist auch Ziel. Die Vollendung aber der Anweisung ist Liebe aus reinem Herzen”, wird er sehr viel später an Timotheus schreiben (1Tim 1. 5). Dem Apostel geht es ja gerade darum, daß wir insgesamt aus all dem Kindischen, Unfertigen und dem Beharren auf diesem Unfertigen herauswachsen, bis wir aus der Unmündigkeit herausgekommen und – als Körper des Christus gesehen – zum gereiften Mann geworden sind. Diese Reife, diese Vollkommenheit aber entsteht nicht nur durch die Liebe, sondern sie ist wiederum die Liebe selbst. Jesus sagt: Dies ist Mein Gebot, daß ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. Größere Liebe kann niemand haben als die, daß jemand seine Seele für seine Freunde hingibt”, d. h. seine Seele, sein Leben also mit ihnen tatsächlich auch zu teilen vermag (Jo 15. 12 - 13). Dieser Zusammenhang ist in weiten Bereichen bis heute nicht verstanden worden. Darum spricht Paulus am Ende davon, daß die Liebe nicht nur die Größte ist, sondern (mit dem Glauben und der Hoffnung zusammen) auch bleiben wird (1Kor 13. 13). Andernorts mahnt er wiederum eindringlich dazu, die Liebe über allem anderen anzuziehen – auch hier haben wir unseren alles überragenden Weg wieder! –, und nennt sie zugleich das Band der Vollkommenheit (Kol 3. 12 - 14). Und als ob dies noch immer nicht ausreichte, uns davon zu überzeugen, daß die Liebe nicht nur die größte, sondern auch das Vollkommene und damit der Inbegriff der Vollkommenheit an sich ist, wird Johannes davon schreiben, daß Gott Selbst die Liebe ist (1Jo 4. 8, 12).


     Und so hat man gerade die letzten Sätze unseres Kapitels, nachdem man das ganze Kapitel schon nicht verstanden hat, immer wieder dazu mißbraucht, um aus ihm herleiten zu können, daß die Zeit der Geistesgaben aufgehört habe, da ja nun das Vollkommene gekommen sei, wobei die Gnadengaben als das Unvollkommene, der zur Zeit des Apostels noch nicht vollständige Schriftkanon aber als das Vollkommene umgedeutet worden sind (überzogener Dispensationalismus, Cessationismus). 
[45] Damit aber rechtfertigt man zuletzt nichts anderes als seine eigene bloße Schriftgelehrsamkeit, die so in den Rang eines Vollkommenen erhoben wird. Wie gefährlich diese Irrlehre ist, zeigt sich nicht nur an ihrer Verführungsmacht, der viele anheimfallen, nachdem sie dem anderen, dem pseudo-charismatischen Extrem gerade erst entronnen sind. Sie entlarvt sich auch als eine – und das gerade unter dem Deckmatel einer vorgeblich besonderen Bibeltreue! – geschickt eingefädelte Form rationalistischer Bibelkritik, die vielen verborgen bleiben muß, weil sie immer gut begründet und mit den jeweils „richtigen” Bibelstellen versehen worden ist. Zugleich aber zeigt sich hier auch scheingeistlich verbrämter Hochmut in seiner übelsten, weil sich rechtgläubig gebärdenden Form, der sich seines Unverständnisses auch noch rühmen will, indem er sich zu seiner eigenen Rechtfertigung nicht zuletzt auch der Fehler anderer bedient. Und diese Fehler braucht er auch, er muß regelrecht nach ihnen suchen, weil er von ihnen lebt, da er gar nicht bestehen könnte ohne sie. Diese Fehlersuche bedient mittlerweile eine ganze Medienindustrie.

    Solche Zeitgenossen, die in dem Wahn leben, daß Gott sie dazu berufen habe, bei anderen die Fehler herauszufinden und herumzukritisieren, gibt es gar nicht so wenige. Sie sind nicht etwa nur in einer ganz bestimmten Richtung auszumachen. Wir finden sie überall; in jeder Konfession sind sie präsent. Einige von ihnen haben es bis auf den christlichen Büchermarkt geschafft und finden dort reißenden Absatz. Ein solcher behauptete einmal allen Ernstes, Gott habe ihm gesagt, er solle andere Kirchen auf ihre Fehler hin untersuchen, was er nun seit Jahren fast ausschließlich tue. Ein anderer verbreitete sogar, daß Gott ihn zum Richteramt berufen habe! Nun, eine Gabe, andere zu kritisieren oder gar eine Berufung Gottes zum Richteramt finde ich im Neuen Testament nicht. Hier offenbart sich nicht nur eine nicht unerhebliche Schwärmerei, hier zeigt sich auch ein ganz massiver Richtgeist, gepaart mit Anmaßung, Hochmut und falscher Prophetie. Aber auch das ist eine Verführung, die in den Tod führt. Gott hat das Gericht nicht uns, sondern Jesus, dem Sohn übergeben (Jo 5. 22, 27). Und noch nicht einmal der Herr richtet aus Sich Selbst – sondern nur so, wie Er von dem Vater hört, so richtet Er (Jo 5. 30). Das Gericht, das immer auch ein Sichten, Ordnen und Reinigen beinhaltet, findet ja nicht heute, sondern erst am Ende dieses Zeitalters statt. Aber auch hier sind es nicht Menschen, die dieses Sichten, Ordnen und Reinigen ausführen, sondern es sind die Engel, die auf den Befehl des Herrn hin ausgesandt werden (Mt 13. 24 - 30). So hat auch an dieser Stelle der Mensch das an sich gerissen, was ihm nicht gehört  in die Hände der falschen Person, zur falschen Zeit und am falschen Ort. Damit aber zeigt der, der den Splitter aus dem Auge seines Bruders herausziehen wollte, daß er den Balken in dem eigenen übersehen hat; er befindet sich mit dem, den er doch zu kritisieren sucht, in ein und derselben Sünde (Mt 7. 3 - 5). Indem er mit dem einen Finger zeigte, weisen alle anderen Finger zurück auf ihn.

    Hier erzeigt sich, daß der Weg, den man doch gehen zu wollen vorgab, gerade verlassen worden ist, denn die Liebe freut sich zwar mit der Wahrheit, doch sie deckt auch eine Menge Sünden (1Kor 13. 5, 1Ptr 4. 8). Die Liebe wird nie auf Fehlersuche bei anderen gehen – das ist ihrem ganzen Wesen vollkommen zuwider (1Kor 13. 4 - 7). Wenn der Bruder fehlt, dann nimmt sie ihn beiseite, redet persönlich mit ihm – und tritt fürbittend für ihn ein (s. Lk 17. 3f, Ja 5. 13 - 20). Hier finden wir auch jenes demütige, liebevolle, aber auch bestimmte parakaléo, jenes Beiseiterufen in die Verborgenheit wieder, die Eigenschaft, die den Geist Gottes so sehr auszeichnet und von der wir im fünften Kapitel gesprochen haben. Statt den Bruder in die Öffentlichkeit zu zerren und ihn bloßzustellen, baut die Liebe ihm eine Brücke, damit er die Trennung überwinden kann, die seine Sünde verursacht hat. Die Liebe kehrt die Sünde nicht unter den Tisch; nie aber würde es ihr einfallen, sich an ihr zu ergötzen und sie zu mißbrauchen, um am Ende besser und größer dazustehen als jener, den sie gerade kritisiert hat. Das schon sprichwörtliche, öffentliche „Waschen schmutziger Wäsche”, wie es heute leider so oft geschieht, ist ihre Sache nicht. Viel eher wird sie eine Person, die gefehlt hat, vor der Öffentlichkeit zu verbergen suchen, damit ihre Fehler einerseits niemand anderem zum Fallstrick werden können, und andererseits, damit ihr genügend Zeit gelassen wird, sie abzustellen und die Angelegenheit ausheilen zu lassen. All das ist mit dem Bedecken der Sünde gemeint! So ist auch hier die Liebe auf den Nächsten gerichtet; und immer hat sie für ihn das Gute, das Lindernde, das Wohllautende im Blick (2Kor 10. 1, Eph 4. 29 - 32, Phil 4. 5, 8).


    Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen – immer und überall haben wir es mit der Liebe zu tun, und damit immer wieder auch mit ihren Gaben! Aber all das zeigt auch, in welche Falle wir hineingeraten können, solange wir nicht wirklich gewillt sind, uns mit der Frage der Geistesgaben auch einmal konstruktiv auseinanderzusetzen. Wir meinen, daß wir es uns leisten könnten, in unserer Oberflächlichkeit zu verbleiben; denn wenn es keine Geistesgaben mehr gibt, wie behauptet wird, dann braucht man sich auch nicht mehr die Mühe zu machen, auf den Inhalt, d. h. auf die Einzelheiten und Zusammenhänge dessen einzugehen, was Paulus hier beschrieben hat. Wir können auf die ganze theologische Arbeit verzichten, wir brauchen noch nicht einmal viele Bibelstellen dazu – und mit ihr können wir uns das uns oft so unbequeme Ändern unseres Denkens und unseres ganzen Wesens ersparen, die ein solches ernsthaftes Arbeiten gerade auch in diesen Fragen mit sich brächte. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum. 

    Obwohl Paulus von der Vollmacht wußte, die ihm gegeben war, um das Wort Gottes zu vervollständigen (Kol 1. 25), wäre er doch nie auf die Idee gekommen, den Korinthern zu erkären, daß Gott vorhabe, die Geistesgaben eines fernen Tages mit einem noch zu erschaffenden Schriftkanon ersetzen zu lassen. Zwar war der Apostel ein Verfasser vieler maßgeblicher Schriften des Neuen Testamentes, aber er war bei weitem nicht der einzige unter denen, denen wir heute große Bestandteile des Wortes Gottes zu verdanken haben. Hier sehen wir, wie irrig diese Auffassung schon von ihrer ganzen theologischen Substanz her eigentlich ist. Ja, Gottes Wort ist vollkommen, wie nur irgend etwas vollkommen sein kann. Das sagt es von sich selber, und das ist auch meine zutiefst innerste Überzeugung, auch wenn ich nicht alles verstehe. Aber das ist ein ganz anderer Zusammenhang, und das meint der Apostel hier nicht. Dann müßte ja auch das Stückwerk in der Form, daß nicht jeder alle Erkenntnis hat, aufgehört haben, und die vielen Streitereien um die richtige Bibelauslegung hätten endlich ein Ende. Ich sage nun nicht, daß wir streiten sollen; ein Diener Gottes soll zur Wahrheit stehen, aber nicht zanken (2Tim 2. 24, 4. 2). Diese Auseinandersetzungen aber sind nun jedoch auch der letzte Beweis dafür, daß wir noch nicht im Vollkommenen angelangt sind; wir alle vermögen noch nicht klar genug zu sehen und sind in unserer Erkenntnis begrenzt. Deshalb haben wir ja auch die Andeutung des Apostels, daß wir zwar sehen können, doch schauen wir dabei nur wie in einen jener Metallspiegel (esoptron) seiner Zeit, die zwar ein Spiegelbild erzeugen, es jedoch nur dunkel und nicht ohne Verzerrungen, wie im Rätsel wiederzugeben vermochten (1Kor 13. 12).

    Denn bis jetzt erblicken wir sie wie durch einen Spiegel, in Dunkeldeutung, dann aber wie von Angesicht zu Angesicht. Bis jetzt erkenne ich nur aus Bruchteilen, dann aber werde ich so erkennen, wie auch ich erkannt worden bin. Von nun an bleiben Glaube, Erwartung, Liebe, diese drei. Doch die größte von diesen ist die Liebe; jaget daher der Liebe nach!
1Kor 13. 12 - 13

    Welchen Zeitpunkt beschreibt das hier vorliegende „von nun an”? Ganz klar – es beschreibt den Zeitpunkt des Endes der Erkenntnis „aus Bruchteilen” und – „dann aber” – des Beginns der Erkenntnis nach der Maßgabe, „wie auch ich erkannt worden bin”: nicht mehr in Dunkeldeutung, im Gleichnis und Rätsel, sondern vollkommen klar, unverhüllt, von Angesicht zu Angesicht. Wie wir sehen, ist die Zeit, so erkennen zu dürfen, ganz eindeutig „bis jetzt” noch nicht gekommen. 

    Dennoch läßt man nichts unversucht, irgendwie doch noch seine alte schwärmerische Ersatzlehre, nach der der Bibelkanon die Gaben abgelöst habe, geltend zu machen und unters staunende Volk zu streuen, das kaum der einen Irrlehre entronnen, schon wieder der anderen zum Opfer fällt. Und man ist durchaus erfinderisch in der Darlegung dessen, daß nach solchem Diktus nicht sein könne, was nicht sein dürfe. Daß der Herr den Seinen gemäß Mk 16. 17ff verheißen hat, daß all diese Dinge u. a. den Glaubenden als ihrem Wort nachfolgende Zeichen folgen würden, interessiert solche dabei freilich nicht. Dabei sind wir beileibe nicht in dem Irrtum befangen, daß man ein so komplexes Thema nur an dieser einzigen Schriftstelle aufhängen darf. Während einige jedoch diese Worte als nicht zur gültigen Überlieferung zugehörig betrachten und damit gleich ganz aus der Bibel streichen wollen, behaupten andere, daß sie nur den Elfen gegolten hätten, weil ja nur diese anwesend gewesen seien, als Jesus sie sagte. Nach solchem Diktus wäre dann allerdings auch das Herrmahl obsolet, da es ja zunächst auch nur dem Kreis der Zwölf überliefert worden war. Warum nur hat Paulus es dann in seinen Briefen aufgenommen? Und auch den Missionsbefehl nach Mt 28. 18 - 20 und Mk 16. 15 - 18 dürften diese dann (konsequenterweise) nicht mehr als gegenwärtigen Auftrag betrachten und viels andere mehr. Nun hat der Apostel Paulus danach sowohl die Aussagen über das Herrnmahl, als auch über die Gnadengaben bestätigt, indem er beide aufgenommen und als Lehrgegenstand jeweils erörtert hat. Daß Paulus Menschen über den rechten Gebrauch der Gnadengaben zu unterweisen sucht, denen sie nach solcher Lehre angeblich gar nicht mehr gelten sollen, vermag sich mir nicht zu erschließen. Auch wäre es blanker Unsinn, wollten wir den Missionsbefehl als einen heute nicht mehr aktuellen begreifen. Und so sagt der Herr ebenso ausdrücklich, daß diese Verheißung denen gilt, die glauben  nicht nur den Jüngern also, die gerade versammelt sind, sondern auch jenen, die durch deren Wort an Ihn glauben würden. Daß der Passus „die, die glauben” tatsächlich auch alle die umfaßt, die glauben, ist dann nur folgerichtig, es sei denn, wir hätten Schwierigkeiten mit dem logischen Denken.

    Der Leugnung dieser Zusammenhänge entspricht jedoch die cessationistische Irrlehre, [45] daß Zeichen und Wunder allein den zwölf „Aposteln des Lammes” (s. Off 21. 14) vorbehalten gewesen seien, und es nach Paulus keine weiteren Apostel mehr geben dürfe, da Jesus in Seiner Erdenzeit nur diese berufen habe (s. Mt 10. 2 - 4). Nun ist es zwar richtig, daß die zwölf Apostel der letzte von ihnen war Paulus als unzeitliche Geburt – so nicht wiederkehren werden, da sie den Herrn gesehen haben mußten (1Kor 15. 5 - 8) und es ihnen oblag, das Wort Gottes zu vervollständigen (Kol 1.25f), und damit den Grund der Gemeinde zu legen. Dennoch benennt die Schrift noch weitere Apostel, so „Andronikus und Junias, die bedeutend sind unter den Aposteln... die schon vor mir in Christus waren” (!) (Rö 16. 7), wie Paulus sagt, und „Epaphroditus, den Apostel” im Philipperbief (2. 25). Hier werden die Apostel des Lammes mit anderen Aposteln schlicht verwechselt, um letztere dann zu unterschlagen, und gleichzeitig zu erklären, daß es keine Apostel mehr gäbe. „Apostel” heißt jedoch nichts anderes als „Gesandter, Beauftragter”, ganz gleich, zu welchem Zweck. Daß es bis zur Vollendung des Leibes Christi auch weiterhin Apostel geben wird (der Satz steht im Aorist) weil diese, neben den im selben Atemzug genannten Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern zu derselben Vollendung unumgänglich sind, bezeugt Epheser 4. Verse 11 - 14. Daß einige selbst diese Aussagen noch ablehnen, zeigt das Ausmaß ihrer Verblendung, da sie uns – in schier maßlosem Stolz – glauben machen wollen, wir seien schon in der Einheit des Glaubens und der Vollerkenntnis des Sohnes Gottes, [20] der vollen Mannesreife, dem Vollmaß des Wuchses in der Fülle (Vervollständigung) Christi angekommen, zu dem uns der Dienst dieser Gaben ja führen soll. Zudem wird behauptet, daß Zeichen und Wunder zum Grundlegen dazugehört hätten, wobei man das Grundlegen wiederum allein auf die Lehrgrundlagen der Gemeinde bezieht, als seien diese für jeden Menschen automatisch schon vollzogen.

    Hier tritt uns wiederum der Kunstgriff diabolischer Verwirrung in der Vermischung von Gutem mit Bösem entgegen. Ja, zum Grundlegen, wie es nur im missionarischen Dienst geschehen kann, gehören Zeichen und Wunder. Das ist soweit richtig. Hier bezieht man diesen Grund jedoch ausschließlich auf die Zeit der Entstehung des Bibelkanons, und will damit  gewissermaßen übersehen machen, daß jeder Mensch, der den Herrn noch nicht kennt, dieser Grundlegung in seinem Herzen auch heute noch bedarf. Wir wissen ja, was dieser Grund ist: er besteht in der Offenbarung, daß Jesus, der Retter (von Jeschua = Jahwe rettet) der Christus ist. Paulus läßt in Rö 15 keinen Zweifel daran, daß dieses Grundlegen immer dann geschieht, wenn das Evangelium Menschen verkündigt wird, die es zuvor noch nicht gehört haben (15. 20 - 21). Dasselbe Kapitel, aber auch andere Stellen, belehren uns nun sehr klar darüber, daß zu diesem Grundlegen Kraft gehört. Evangelium ist Kraft (dynamis) zur Rettung, keine Wortweisheit in dem Versuch, Menschen zu überzeugen (1Kor 1. 18, 2. 1 - 5). Daran hat sich bis heute nichts geändert. Es bedarf des Wortes in Erweisung des Geistes und der Kraft, soll dieser Grund der Errettung wirklich gelegt werden können. Daß dazu Wunder und Zeichen gehören, sagt der Apostel aufs Bestimmteste. Dienen wir nicht in dieser Kraft, mögen wir vielleicht seelische Erhebungen erzeugen; wirkliche Rettungen und demzufolge Wiedergeburten aber bleiben aus. Paulus wagt nun nicht, von irgend etwas anderem zu reden als nur von dem, was Gott durch ihn „in der Kraft der Zeichen und Wunder, in der Kraft des Geistes Gottes” erwirkt hat (15. 18 - 19). Warum wagen wir es dann?

    Eine neuere und um einiges kompliziertere Form, die obenstehende Erkenntnis auszuhebeln, besteht nun aber darin, die Vollendung des Leibes, die in die Parusie des Herrn mündet, schriftwidrig mit einem Auslaufen der beiden Eigenschaften Glaube (o. Treue) und Hoffnung (o. Erwartung) zu verbinden. Die Aussage dabei ist die, daß wir ja dann, in der Vollendung, vom Glauben zum Schauen gekommen wären und die Erwartung – wobei es sich dabei allerdings um die Erwartung Seiner Wiederkehr handelt – in der Vollendung ihre Erfüllung gefunden habe und daher als Eigenschaft insgesamt obsolet geworden sei. Nach dieser Konstruktion wäre, da die Wiederkunft des Herrn zugleich auch das Ende (eig. das Auslaufen, Unwirksam machen, wörtl. katargeo, herab-un-wirken) dieser Gaben beinhaltet, die Aussage Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe falsch, da mit dem Kommen des Vollkommenen – die Vereinigung in Christus durch die Liebe – auch die Hoffnung und der Glaube ersetzt sein würden. Da dies sich zu dem obenstehenden Wort in Widerspruch befände, könne es auch nicht sein, daß erst mit der Wiederkunft des Herrn die Gaben aufhören würden und so weiter und so fort. Nach solchen Widerlegungsversuchen bemüht man dann wiederum die alte Ersatzlehre, nach der nicht mit der Vollendung des Leibes, sondern bereits mit dem Entstehen des Bibelkanons die Gaben auslaufen würden oder ausgelaufen wären, so daß danach auch eine Zeit ohne diese Gaben möglich sei, bis dann letztlich nur noch die Liebe übrig bliebe.

    Verwirrender und in sich widersprüchlicher geht es eigentlich kaum noch. Hier hat man den Bibelkanon an die Stelle der Liebe gesetzt und damit gezeigt, daß man das Wesen der Liebe nicht verstanden hat. Das aber sollten wir, denn es zeigt sich mehr und mehr, daß wir die Gaben der Liebe nicht verstehen, wenn wir schon das Wesen der Liebe nicht verstanden haben. Zwar ist die Heilige Schrift sowohl vollständig als auch vollkommen. Doch das Vollkommene Gottes ist nicht der Schriftkanon, wie jene lehren, sondern die Liebe denn Gott Selbst ist Liebe (Kol 3. 14, 1Jo 4. 8). So erzeigt sich wieder einmal, daß die Kritiker der charismatischen Bewegung sehr häufig von denselben Denkmustern her argumentieren wie nicht wenige der von ihnen Kritisierten selbst. Der Splitter im Auge des Bruders erweist sich damit als Balken im eigenen. Aber anstatt den Balken im eigenen Auge zu entfernen, um danach auch dem Bruder behilflich sein zu können bei der Behebung seiner Schwäche (dies ist die Reihenfolge, wie der Herr sie in Mt 7. 1 - 5, Lk  6. 41 - 42 gewiesen hat) fällt man in hochmütigen Stolz über ihn her und bleibt bei liebloser Kritik stehen, ohne jemals zeigen zu können, wie es richtiger ginge. Das sind deutliche Anzeichen von Überhebung des einen über den anderen, den Jesus doch mit demselben Blut erkauft hat. Die Folge sind immer weitere Spaltungen und last but not least immer neue Irrlehren. Auch das ist Gericht, das anfangen muß im Hause Gottes (1Ptr 4. 17). Die Folge des Richtens anderer ist immer die eigene Verfinsterung und damit das eigene Gericht (Rö 2. 1ff). Wir werden uns im Folgenden mit diesen Dingen auseinandersetzen.


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< Menschen der Unmittelbarkeit Die Taufe... >


Die Liebe versagt nie: Das Fortbestehen von Glaube, Hoffnung und Liebe 

    Daß die Zeit der Gaben – auch die einzelner Gaben – eines Tages ausgelaufen sein wird, weil ja auch die Gemeindezeit auf dieser Erde auslaufen wird, da die Gemeinde dann in die Reife gekommen ist und von daher auch der besonderen Geistesgaben in der heutigen Form nicht mehr bedarf, ist völlig korrekt. Nur hat sich dieses „Auslaufen” nicht in der Zeit der Entstehung des Schriftkanons ereignet, sondern – wir bleiben dabei – kann und wird erst dann stattfinden, wenn der Leib vollendet sein wird. Die Vollendung des Christusleibes ohne diese Gaben ist Illusion, da Gott ihm diese zu seiner Ausreifung an die Seite gestellt hat. Es gibt anhand des Schriftzeugnisses gar keine andere vernünftige Möglichkeit. Wenn auch der Glaube in der Vollendung zum Schauen gekommen ist, so bedeutet das ja nicht, daß der Glaube dann aufhören würde; er ist lediglich von der Form eines Glaubens, ohne zu sehen, in ein Schauen hinübergetreten. Glaube beinhaltet die Treuebeziehung zu Gott; es wäre größte Narretei zu denken, daß diese Beziehung mit der Vollendung aufhören würde! Das wäre völlig undenkbar, zeigt aber, wie schwärmerisch jene mit dem Wort umgehen, die die Schwärmerei doch vorgeblich bekämpfen wollen! 

    Der Glaube steht also mit dem Schauen nicht im Widerspruch, solange man nicht versucht, ihn heute aus einem Schauen (dem Sichtbaren also) herzuleiten und ihn aus diesem zu begründen. Das geschieht beispielsweise immer dann, wenn wir geistliche Erfahrungen zur Lehre machen, indem wir sie erst im Nachhinein durch das Wort nachzuweisen oder zu bekräftigen suchen. Dasselbe tritt zutage, wenn wir etwa Zeichen und Wunder begehren, ohne eine Grundlage dafür im Wort zu haben, indem wir meistens übersehen, daß Zeichen dem Wort gegebenenfalls begleitend nachfolgen, aber niemals umgekehrt (Mk 16. 17, Hbr 2. 4). Solange wir uns noch in dem gegenwärtigen Zeitalter befinden, sollen wir ja nicht auf das Sichtbare schauen, sondern auf das Unsichtbare (2Kor 4. 18). Wir bedürfen des Schauens nicht, um glauben zu können. Das ist die Aussage. Schauen ist demnach keine Voraussetzung für den Glauben; wer so denkt, der geht irre. Denn nicht das Schauen, sondern der Glaube ist es, auf den wir uns in diesem Leben zu gründen haben. 

    Wir erkennen also, daß diese Weisung für den jetzigen Äon gilt und allein für diesen auch geschrieben worden ist, und das gilt umso mehr, wenn wir durch die Gnade Gottes und vermittelst des Heiligen Geistes die eine oder andere Gnadenwirkung schon hier erfahren dürfen, die uns sozusagen angeldmäßig schon hier erreicht (vgl. 2Kor 1. 22, 5. 5; Eph 1. 14). Dasselbe gilt dann auch von der Aussage des Paulus, daß wir heute im Glauben wandeln und nicht im Schauen (2Kor 5. 7). Damit ist nicht gesagt, daß es heute keinerlei Schauen geben dürfe (wie der Apostel in seinem eigenen irdischen Leben selbst viele Dinge geschaut hat) sondern vielmehr, daß ein Schauen und Erleben göttlicher Gnade nicht zur Grundlage unseres irdischen Lebens werden darf. Nun kann man daraus jedoch nicht in vermeintlichem Umkehrschluß”  die Aussage machen, daß wir dann, nachdem dieses Leben abgeschlossen ist, nur noch im Schauen wandeln und nicht mehr im Glauben, als ob das Schauen den Glauben grundsätzlich ausschlösse. Das mögen einige zwar denken, weil es in ihr eingefleischtes theologisches Denkmuster hinein zu passen scheint; es steht aber nicht da. [21] So erweisen sich beide, sowohl die These, daß jedes heutige Schauen zu unterbinden sei, als auch die Ansicht, daß es keinen Glauben mehr gäbe, nachdem der Herr gekommen sei, jeweils als Erweis einer gravierenden theologischen Unnüchternheit. Wir werden auch in der Vollendung Jesus vertrauen, und da ganz besonders und viel tiefer, als uns das heute überhaupt möglich wäre, da heute noch alles der Vergänglichkeit unterworfen ist, von Vorläufigem und auch der Sündhaftigkeit geprägt, solange der Leib der Sünde noch Bestand hat. Dann aber werden wir Ihn von Angesicht sehen dürfen, wie Er tatsächlich ist. Dieselbe Aussage ist auch über die Hoffnung (besser: Erwartung) zu treffen. Es gibt auch und gerade nach der Wiederkunft des Herrn und unserer Vereinigung mit Ihm vieles zu erwarten, da gelangen wir nämlich mit Ihm immer weiter in die Gnade des Vaters hinein, dürfen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit gehen.

    Erwartung, die man sieht (deren Gegenstand also erfüllt ist) ist keine Erwartung mehr (Rö 8. 22). Diesen an sich richtigen Satz führt man indessen an, um den kühnen „Beweis” zu erbringen, daß mit dem Erreichen des Schauens nicht nur der Glaube, sondern auch jegliche Erwartung aufhörte, um die biblische Aussage trickreich aushebeln zu können, daß das Bleiben von Glaube, Erwartung und Liebe gemäß 1Kor 13. 13 sich auf die Vollendung beziehen, die der Apostel in jenem Kapitel (das Kommen des Vollkommenen) anführt. Aber das steht hier nicht, und so erkennen wir auch hier alsbald, daß man wieder einmal einen Vers seinem Kontext entrissen und ihn willkürlich in andere Zusammenhänge gestellt hat als die, die sich aus der Bibel ergeben. Zwar gilt dieses Wort als absolute, immer gültige Größe. Wir müssen jedoch lesen, was das Wort aussagt, und was es nicht aussagt. Die Größe, die immer gilt, ist diejenige, daß jede Erwartung, die man sieht, keine mehr ist. Von welcher Erwartung aber spricht Paulus hier? Er spricht nicht von der Fähigkeit des Erwartens (oder Hoffens) an sich, einer Fähigkeit, die uns Menschen in die Wiege gelegt worden ist wie die natürliche Fähigkeit – und Notwendigkeit! – des Atmens. Ihm würde wohl kaum einfallen, davon zu sprechen, daß der Mensch nicht mehr hoffen könne, nachdem der Herr gekommen sei. [22]

    Hier geht es demnach um eine ganz spezifische Hoffnung. Die Hoffnung, die Paulus hier meint und die mit ihrer Erfüllung aufhört, ist die Erwartung Seiner Wiederkunft, die gleichbedeutend ist mit dem Erreichen des Sohnesstandes und der damit zusammengehörenden Erlösung des Leibes, die am Ende unseres Heiligungsweges steht, wenn wir in der Vollendung angekommen sind (Rö 8. 22 – 24). Natürlich ist diese Hoffnung dann erfüllt und damit abgetan, wie jede Hoffnung, die sich erfüllt hat, abgetan und damit obsolet geworden ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger sagt dieses Wort, und das ist auch völlig klar und bedarf an sich keiner weiteren Erörterung. Es entspricht also nicht der Wahrheit, sondern ist wiederum ein Konstrukt der o. g. Ersatzlehrer, wenn behauptet wird, daß unsere Fähigkeit, etwas zu hoffen (zu erwarten) generell aufhören würde. Die Vorstellung, daß mit der Vollendung jegliche Erwartung oder jeglicher Glaube (Vertrauen) ausgelöscht sein soll, ist im besten Fall eine schwärmerische „Fata Morgana”; daß dem nicht so ist, erhellen einige Schriftzusammenhänge durchaus. Es gibt auch dann, nachdem diese Dinge gekommen sind, noch vieles zu erwarten und zu entdecken, zumal wir sie dann sehen werden können. Ich würde sogar sagen, daß es für uns dann erst richtig spannend werden wird. 

    Hoffen ist ein sehr verwaschener und unklarer Begriff, weswegen ich zumeist den Begriff Erwartung oder erwarten (in Klammern) angefügt habe, der dem griechischen Wort viel eher entspricht. Es geht bei dem Wort elpizo nämlich nicht darum, etwas zu hoffen”, das eventuell eintreffen könnte (etwa im Sinne von: Ich hoffe, daß morgen die Sonne scheint) sondern um eine klar definierte und darum feststehende Erwartung einer Sache, die eindeutig verheißen (zugesagt) ist und darum noch aussteht. Damit wird zugleich deutlich, daß es bei solcher Erwartung immer auch um Glauben geht, der ja nicht ein totes Fürwahrhalten, sondern eine lebendige Annahme dessen ist, was aus den Händen Gottes erwartet wird, als Ausdruck völligen Vertrauens auf Ihn (Hbr 11. 1). Und so bin ich allerdings fest davon überzeugt, daß wir auch dann etwas zu erwarten haben, wenn wir beim Herrn sind, wie wir nicht aufhören werden, etwas zu ertragen, zu vertrauen, etwas zu erdulden und so weiter und so fort.

    Ich will versuchen, das Bleiben von Glaube und Erwartung an einem ganz profanen (und fiktiven) Beispiel zu erklären, immer unter dem biblischen Aspekt, daß Erwartung, die man sieht, keine Erwartung mehr ist. Ich hoffe, daß es gelingt, mich verständlich zu machen:

    Ich habe beispielsweise die Erwartung einer Geldsumme und möchte dafür etwas besonderes kaufen, das es nicht überall gibt, ich aber zu erstehen hoffe. Ich habe das Geld noch nicht, aber ich weiß, es wird kommen, weil eine zuverlässige Person es mir nicht nur schriftlich zugesagt, sondern auch schon eine Anzahlung dafür hinterlassen hat. Die Erwartung dieses Geldes hat also auch etwas mit Glauben (Vertrauen) zu tun. Ich vertraue demnach darauf, daß das, was mir zugesagt ist, auch kommt, und warte darauf. (Die Affinität zum Epheserbrief, s. 1. 3, 13, 14 usw. ist durchaus gewollt.)

    Dann kommt das Geld. Die Erwartung des Geldes ist also gegenstandslos geworden, wie das Wort ja sagt. Habe ich darum aufgehört oder die Fähigkeit verloren, etwas zu erwarten? Ist alle Erwartung jetzt zu Ende? Ohne daß die Gesetzmäßigkeit, daß erfüllte Hoffnung aufhört, Hoffnung zu sein, dabei auch nur irgendwie negiert würde, ist die Antwort: Nein. Ich bin ja noch immer in einem Zustand der Erwartung, ich möchte ja von dem Geld etwas Besonderes und Seltenes kaufen. Erst dann, wenn ich die Dinge gemäß dieser Erwartung habe, tritt auch hier das ein, was das Wort sagt, daß Erwartung, die die Dinge sieht, keine mehr ist. Ist jetzt meine Fähigkeit zu glauben und etwas zu erwarten, zu Ende? Nein... Man könnte das jetzt endlos weiterstricken. So ist es im Grunde auch mit der biblischen Erwartung und mit dem Glauben. Es ist eben nicht zwingend, daß alle Erwartung aufhört, wenn Jesus gekommen ist. Was dann aufhört, ist die Erwartung Seines Kommens. Was aber geschieht, nachdem Er gekommen ist? 
 

    Dasselbe ist zum Thema Glauben zu sagen. Daß Glaube nicht zwingend im Widerspruch zu einem Sehen steht, wird bereits aus dem Johannesevangelium ersichtlich, an dessen Ende Jesus dem Jünger Thomas sagt, daß er glaubt, weil er etwas sieht; Er sagt an keiner Stelle, daß Thomas etwa nicht glauben würde, nur weil er sieht (Jo 20. 29). Es ist also festzuhalten, daß Jesus die Reaktion des Thomas auf das Sehen und Ertasten Seiner Nägelmale  er anerkennt den auferstandenen Jesus als seinen Herrn und seinen Gott  ganz unzweideutig als Glauben wertet. Erst dann sagt er ihm, daß die selig sind, die nicht sehen und doch (trotzdem) glauben. Auch die Aussage, daß wir heute im Glauben leben und nicht im Schauen, taugt wie oben erwähnt nicht dazu, einen Widerspruch zwischen Glauben und Schauen herzuleiten, da sie sich auf uns als die noch auf der Erde Lebenden bezieht, wo wir unser (geistliches) Leben tatsächlich allein aus dem Glauben und noch nicht aus dem Schauen erhalten. Menschen, die Dinge aus der himmlischen Welt schon heute schauen dürfen, sind sehr selten; aber doch gibt es sie, und es wäre überaus töricht anzunehmen, daß sie von der Notwendigkeit des Glaubens ausgenommen wären. Es gibt überdies auch Leute, die Dinge schauen und erleben, und doch nicht glauben, vgl. Lk 17. 12 - 19. Auch in der Himmelswelt sind Glauben und Schauen nicht so rigoros voneinander getrennt, wie uns einige das glauben machen möchten. So sind die Märtyrer zu nennen, die ihren Lauf auf Erden vollendet haben und nun unter dem Altar zu Gott flehen, daß Er doch in den Weltlauf eingreifen und ihr Blut rächen solle (Off. 6. 9 - 11). Auch diese haben, obwohl sie ganz offenkundig nicht mehr auf der Erde sind, zu glauben und zu erwarten, daß das, was Gott ihnen sagt, zur gegebenen Zeit auch tun wird.

    Und auch die Wolke der Zeugen in der Himmelswelt (Hbr 11. 40f) wartet noch auf uns, weil die, welche diese Wolke bilden, nicht ohne uns vollendet werden können. Sie sind zwar alle schon bei Gott (Mose und Elia traten sogar aus der himmlischen Verborgenheit heraus und erschienen mit Jesus auf dem Berge der Verklärung!) glauben aber immer noch, daß sie das Verheißene davontragen werden. Auch das ist ebenso Hoffnung wie Glaube, auch dann, wenn diese sich nicht mehr sichtbar auf der Erde befinden. Die Stelle aus Hbr 11. 1, die Glauben als „Annahme dessen, was man erwartet, und ein Überführtsein von Tatsachen, die man nicht erblickt” definiert, ist zwar zutreffend, bedeutet aber nicht, daß es in der Vollendung keinen Glauben mehr geben wird. Wir können Glauben nicht aus seiner Beziehung zu Gott lösen und damit von dem Anker trennen, den Glaube nun einmal haben muß, wenn es wirklicher Glaube sein soll. Glaube bzw. Vertrauen (pistis) ist an die Person Gottes gebunden und wird von der Wortbedeutung her definiert als „Treuebindung an Gott und Sein Wort”. Glaube und Treue (pistis) ist im Griechischen ein und dasselbe Wort, was sogar im Deutschen noch sichtbar wird, wenn wir die enge Verwandtschaft des Wortes Vertrauen mit den Ausdrücken Treue, treu sein bedenken. Nun wissen sowohl wir als auch jene, daß weder Gott noch Sein Wort vergehen. Ist es denn möglich, daß unsere Beziehung (Treuebindung) zum Herrn endet, wenn wir Ihn sehen dürfen?

    Ich denke, daß der Leser hier wohl übereinstimmen kann, daß dies völlig unsinnig wäre.

    Was ist über die Liebe gesagt? Was sind die Eigenschaften der Liebe? 


    (4) Die Liebe ist geduldig (o. langmütig), sie ist gütig; die Liebe ist nicht eifersüchtig, die Liebe ist nicht ruhmredig und macht nicht aufgeblasen. (5) Sie ist nicht unschicklich und sucht nicht das Ihre; sie läßt sich nicht aufstacheln und rechnet das Üble nicht an. (6) Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der Wahrheit. (7) Alles gibt sie auf, alles glaubt sie, alles erwartet sie, alles erduldet sie. (8) Die Liebe wird niemals hinfällig. Seien es Prophetenworte, sie werden abgetan, oder Zungenreden, sie werden aufhören, oder Erkenntnisworte, sie werden abgetan. (9) Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem Bruchteil und prophezeien aus einem Bruchteil. (10) Wenn aber die Reife kommt, wird das aus dem Bruchteil abgetan werden.
1Kor 13.  4 - 10

    Alles glaubt sie, steht hier; alles erwartet (hofft) sie – Glaube und Erwartung sind also ganz klare Bestandteile der Liebe. Es ist daher ein Ding der Unmöglichkeit, daß Glaube und Hoffnung aufhörten, während die Liebe bliebe, wie die diversen Dispensationalisten uns einzureden versucht haben.

    Fassen wir zusammen: Die Liebe, die niemals fällt (so daß sie sogar die Gnadengaben überdauern wird) hat alle diese Eigenschaften. Diese Eigenschaften werden also auch dann noch da sein, wenn all die anderen Dinge, die Gaben usw., ihren Zweck längst erfüllt haben werden. Zu diesen Eigenschaften gehört auch, daß die Liebe alles glaubt und alles hofft. Glaube und Hoffnung sind nach dem o. a. Pauluswort eindeutige Bestandteile der Liebe. Wenn die Liebe, die doch bleibt, alles glaubt und alles hofft, ist es also nicht möglich, daß Glaube und Hoffnung aufhören und nur die Liebe bleibt. Denn es ist doch dieselbe Liebe, deren Bleiben vorausgesagt wird. Und diese Liebe (agape) glaubt und hofft immer. Ohne diese Dinge könnte sie weder existieren, geschweige denn sich ausdrücken. Liebe ohne Glaube (Vertrauen) und Hoffnung (Erwartung) wäre keine Liebe mehr. Es ist dieselbe Liebe, die alles aufgibt, alles glaubt, alles erwartet, alles erduldet. Und diese selbe Liebe, die alles aufgibt, alles glaubt, alles erwartet, alles erduldet und vieles andere mehr, sagt der Apostel, wird niemals hinfällig werden (1Kor 13. 7 - 8). Damit hätten wir an dieser Stelle noch nicht einmal eine Aussage treffen müssen über den Zeitpunkt, von dem der Apostel spricht. Es genügt an der Stelle einfach zu wissen, daß es nicht möglich ist, daß Glaube und Hoffnung aufhören, während die Liebe bleibt  wann auch immer das sein wird.

    Man kann diese Liste natürlich fortsetzen. Jemand sagte, diesem Argument könne er nicht folgen, weil auch dort stünde, das die Liebe alles erträgt und erduldet. Haben wir also im Himmel noch etwas zu ertragen oder zu erdulden, fragte er dann, auf ein Nein hoffend. Aber da mußte ich ihn enttäuschen. Oh ja, lieber Bruder, o ja – wir haben.

    Man mag „Tragen und Dulden” in unserem Sprachgebrauch oft mit „Leiden” assoziieren, aber diese Dinge haben nicht notwendigerweise immer etwas mit Leiden zu tun. Was dem natürlichen Menschen noch Leid ist, wird dem geistlichen zur Freude. Das ist der Unterschied zwischen Selbstsucht und Liebe. Daß die Liebe alles erträgt, ist eine ihrer hervorragenden Eigenschaften. Wir werden eine ganze Ewigkeit etwas zu ertragen haben – nämlich einander. Das Gesetz des Christus besteht ja darin, daß wir einander die Lasten tragen sollen (Ga 6. 2). Und wie dieses Gesetz keines ist, das irgendwann aufhört (weil ja auch der Christus nicht irgendwann aufhört) ist es auch ganz offensichtlich, daß sogar die Eigenschaft des „Ertragens” in der Vollendung noch Verwendung findet, wie wir etwa in dem Wort erkennen, das der Herr der Gemeinde in Philadelphia sagt – und dabei kommt es nicht von ungefähr, daß die Gemeinde, an die diese Verheißung ergeht, die etwas mit dem Tragen zu tun hat, ausgerechnet Bruderliebe heißt:


    Wer überwindet, den will Ich zu einer Säule im Tempel Meines Gottes machen, und möge er niemals mehr hinausgehen, und Ich werde den Namen Meines Gottes auf ihn schreiben und den Namen der Stadt Meines Gottes, des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel von Gott herabkommt, und Meinen neuen Namen.
Off 3. 12

    Wem gilt dieser Satz, für welche Zeit, und was ist die Eigenschaft einer Säule? Der Satz gilt den Überwindern, die Zeit dieser Verheißung beginnt, nachdem sie überwunden haben, und das ist naturgemäß die Vollendung – und eine Säule trägt

    Und auch Gott Selbst, der Liebe ist, trägt alle Dinge durch Sein machtvolles Wort (1Jo 4. 8, Hbr 1. 3). – Wie ich in meinen vorigen Absätzen erwähnt habe, gibt es durchaus einige sehr signifikante Stellen (wie die aus dem Hebräerbrief und aus der Offenbarung) die belegen, daß Menschen, die ihren Lauf auf der Erde vollendet haben, noch immer etwas zu glauben oder zu erwarten haben. Wer dabei nur ein wenig nachdenkt, der realisiert auch, daß Glaube und Erwartung immer etwas mit Geduld und Ausharren zu tun haben. Glaube hat ohne Geduld keinen Bestand; er harrt solange aus, bis das Verheißene von Gott her eintrifft, sonst wäre es kein Glaube. Und auch in der Himmelswelt gibt es demnach etwas zu glauben und zu erwarten. Der Unterschied ist nur der, daß alles Leid (und all das, was damit zusammenhängt) vergangen ist, nachdem das Schauen begonnen hat.

    Was sagte Paulus über die Liebe, die nicht hinfällig wird und nicht vergeht?

    Alles erduldet sie...

    Und selbst die Eigenschaft, daß die Liebe auch das Üble nicht anrechnet, das wir ja Gott und unseren Nächsten gegenüber angetan haben, besteht in der Vollendung fort; denn es sind ja gerade diese Dinge, die dann nicht einmal mehr Erwähnung finden werden, derer noch nicht einmal gedacht werden wird, sofern wir sie in diesem Leben bekannt, ans Kreuz gebracht und die durch Jesus erwirkte Vergebung und Versöhnung angenommen haben. Wohin wir auch sehen – die Behauptung, daß diese Dinge nicht fortbestehen würden, ist nicht haltbar und wird auch nirgends gerechtfertigt. Die Brüder, die solche Ansichten vertreten, irren sich sehr. 

    Auch wenn all diese Eigenschaften sich wohl vor allem auf der Erde auswirken sollen, sind es doch die Eigenschaften der Liebe, welche nicht vergeht. Eine Liebe, die ohne diese Merkmale bestünde, wäre keine Liebe; verlöre sie sie aber, wäre sie selbst veränderlich  und damit aber vergänglich, und Paulus hätte seine Sätze umsonst geschrieben. So ist der Einwand, daß alle diese Dinge obsolet werden würden, während die Liebe bliebe, weder schlüssig noch logisch, und er widerspricht auch den Aussagen der Schrift. Wenn die Liebe bleibt, die doch alle diese Eigenschaften hat (wie Paulus ja sagt) dann bleiben diese ihre Eigenschaften auch. Es ist nicht möglich, zu lieben, ohne zu glauben (zu vertrauen) und zu erwarten, nicht zuletzt auch darum, weil die Liebe etwas mit Beziehung zu tun hat. Eine Liebe ohne diese Dinge ist nicht nur Utopie; eine solche Vorstellung negiert auch die Art und Weise, in der wir geschaffen sind. Wir sind keine Automaten, und wir werden auch in der Himmelswelt keine Automaten sein. Automatismen, die in einer Form geistlicher Notzucht über uns hereinbrechen und uns wie seelenlose Marionetten bewegen, die so erstarrt sind, daß sie keinen eigenen Zugang zu ihrem Körper mehr haben, sind Kennzeichen der Finsternis. Das hat nichts mit Gott zu tun, geschweige denn mit einer Gemeinschaft mit Ihm oder untereinander. Ein solches Denken ist das von Knechten, aber nicht von freien Kindern Gottes. Diese Vorstellung auf die Himmelswelt zu übertragen wäre so unvorstellbar, wie auch nur irgend etwas unvorstellbar sein kann. Das wäre ein trauriger Himmel, und in einem solchen Himmel möchte ich nicht sein.

    Wie sollen wir dort auf die Liebe Gottes reagieren, wie sie beantworten, wie auch mit unseren Geschwistern kommunizieren, wenn wir nicht mehr glauben, nichts mehr erwarten, nichts tragen, nichts dulden? Denken wir denn wirklich, daß wir dieser Dinge im Himmel nicht mehr bedürften? Wer denkt, daß wir dieser Dinge im Himmel nicht mehr bedürften, bewegt sich gewissermaßen in ‚seelenloser’ Schwärmerei und sucht damit – man vergebe mir – eine wahrlich absurde Paradoxie in sich zu leben. Die Vorstellung, daß wir in der Ewigkeit nur noch als Geister ohne Gefühl und Fähigkeit, zu kommunizieren umherschwirren, hat mit der Bibel nichts zu tun, und mit dem himmlischen Wesen noch viel weniger. Es wäre derselbe Irrsinn, wenn man leugnete, das der Mensch ein dreieines Wesen sei, erschaffen im Bilde Gottes (1Mo 1. 26 - 27). „O eure Verkehrtheit! Soll denn der Töpfer dem Ton gleichgeachtet werden oder das Werk von seinem Meister sagen: ‚Er hat mich nicht gemacht’? Oder soll das Geschöpf von seinem Schöpfer sagen: ‚Er versteht es nicht’?... Wehe dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht wohl der Ton zu seinem Töpfer: ‚Was machst du?’ – oder dein Werk: ‚Er hat keine Hände’?” (Jes 29. 16, 45. 9). 

    Auch in der Himmelswelt sind wir ja nicht nur aus Geist bestehend, sondern nach wie vor aus Geist, Seele und Leib. Und alle drei brauchen und bedingen einander und machen unser ganzes Menschsein aus, wie auch die Liebe sich durch Seele und Leib ausdrücken muß, um Liebe wirklich sein zu können. Warum wohl sonst spricht die Schrift von der Errettung der Seele und der Erlösung des Leibes, und weshalb wohl sonst wünscht Paulus den Thessalonichern, daß ihr Geist samt Seele und Leib untadelig bzw. unversehrt sein mögen auf den Tag Christi, 1Ptr 1. 9, Rö 8. 23, 1Thes 5. 23. Was sind denn die Eigenschaften einer Seele, welche sind die unseres Geistes, welche hat unser Körper, auch dann, wenn es ein neuer sein wird? Natürlich ist Glaube weniger eine Sache der Seele als vielmehr des (menschlichen) Geistes. Und doch sind das gerade in diesem Zusammenhang Gedanken, denen durchaus einmal nachgegangen werden sollte. Wenn Paulus in 1Kor 13. 13 ohne weitere Zeitangabe sagt, daß alle drei, d. h. Liebe und Glaube und Hoffnung bleiben, dann bleiben alle drei, und zwar für immer. Auch dann, wenn wir diese Dinge heute nicht sehen mögen, denke ich doch, daß wir dann eines Besseren belehrt werden. Dann aber werden wir bereits Schaden gelitten haben, weil wir es nicht zuließen, so auferbaut zu werden, wie Gottes Geist uns auferbauen will.

    Lesen wir unseren Abschnitt doch noch einmal:


    (4) Die Liebe ist geduldig (o. langmütig), sie ist gütig; die Liebe ist nicht eifersüchtig, die Liebe ist nicht ruhmredig und macht nicht aufgeblasen. (5) Sie ist nicht unschicklich und sucht nicht das Ihre; sie läßt sich nicht aufstacheln und rechnet das Üble nicht an. (6) Sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der Wahrheit. (7) Alles gibt sie auf, alles glaubt sie, alles erwartet sie, alles erduldet sie. (8) Die Liebe wird niemals hinfällig. Seien es Prophetenworte, sie werden abgetan, oder Zungenreden, sie werden aufhören, oder Erkenntnisworte, sie werden abgetan. (9) Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem Bruchteil und prophezeien aus einem Bruchteil. (10) Wenn aber die Reife kommt, wird das aus dem Bruchteil abgetan werden.
1Kor 13.  4 - 10

    Die Grundbedeutung des Wortes „hinfällig” ist eigentlich nicht primär, daß die Liebe nicht aufhört (zeitlich gesehen), sondern, daß die Liebe nie versagt. Das Wort „hinfällig werden” (piptoo) ist gleichbedeutend mit „ausfallen”. Die Liebe fällt nie und ist sogar so stark und vital, daß sie noch steht, wenn die Gaben, die doch von Gott sind, hinfällig geworden sind. Die Gaben sind Stückwerk, die Liebe nicht; die Liebe ist vollkommen und überragt alles. Das ist der eigentliche Zusammenhang, Hintergrund und Sinn der Stelle. Das „nicht aufhören”, das die gängigen Übersetzungen bringen, ist also in erster Linie qualitativ zu verstehen und nicht zeitlich. Das Theologische Wörterbuch zum NT (gegr. Kittel, Michaelis, Bd. XI, S. 166) definiert piptoo als ein „zum Erliegen kommen, sich zu Boden drücken lassen”. Demnach es ist falsch, hier (V. 8) von einem zeitlichen Aspekt auszugehen, der sich höchstens in zweiter Linie ergibt, und das eben gerade nicht aufgrund der Zeit, sondern aufgrund der alles überragenden Eigenschaft, die die Liebe hat (vgl. auch 1Kor 12. 31).

    Glaube, Hoffnung und Liebe bedingen und brauchen einander. Wir können nicht glauben ohne Liebe, aber wir können eben auch nicht lieben ohne zu glauben. Wir vermögen auch nicht zu hoffen ohne zu lieben oder zu lieben ohne zu hoffen. Das ist der eigentliche Zusammenhang dieses ganzen Absatzes. Liebe braucht Glauben und Hoffnung, weil sie sich nur so ausdrücken kann, wie Glaube und Hoffnung die Liebe brauchen, weil sie ohne Liebe in sich tot wären. Liebe ohne Erwartung und Vertrauen ist nicht möglich, wie Erwartung und Vertrauen ohne Liebe nicht möglich sind und höchstens zur Farce werden – ohne Liebe sind Glaube und Hoffnung nichts (1Kor 13. 1 - 7).

    Liebe hat immer etwas mit Beziehung zu tun. Beziehung ohne Glaube (Vertrauen) und Hoffnung (Erwartung) aber ist nicht möglich. Ein Mensch ohne Beziehung ist abgestumpft; das äußert sich darin, daß Vertrauen und Erwartung wenigstens beeinträchtigt sind. Das Umgestaltetsein in Sein Bild bedeutet nicht das Aufhören der Beziehung, die ja immer eine lebendige ist und auch bleibt. Wirkliche Beziehung – Liebe – ist ohne Vertrauen und Erwartung nicht möglich, weder in dieser, noch in jener Welt. Wer solche Dinge bar jeder Vernunft glaubt, der gleicht einer wahrlich törichten Frau, die ihrem Mann zwar unaufhörlich beteuert, daß sie ihn wohl liebe, ihm aber zugleich zu verstehen gibt, daß sie ihm nicht mehr vertraue und von ihm auch nichts mehr erwarte, nachdem sie
doch nun einmal geheiratet hätten und ihre lange und freudig gehegte Hoffnung, in die Ehe mit diesem Mann einzugehen, demnach aufgehört habe. Das wäre eine Sache der Unmöglichkeit, und das würde der Mann dieser Frau wohl überaus deutlich zu verstehen geben. Und doch bedeutet das Fortbestehen von Vertrauen und Hoffnung nicht, daß die beiden nicht geheiratet hätten. Natürlich wird man diese Dinge ohne alle Umstände bejahen. Nicht anders aber ist es bei der Vereinigung des himmlischen Bräutigams mit Seiner Braut, deren irdisches Abbild die Ehe ist (vgl. Eph 5. 25 - 32). 

    Daß man Dinge im weltlichen Bereich wohl annimmt, dieselben Dinge im geistlichen Bereich aber leugnet, ist nicht zuletzt ein Ausdruck gravierender Unnüchternheit, und nicht ohne Grund habe ich weiter oben von Schwärmerei gesprochen – und das unter solchen, die doch so vehement angetreten sind, dieselbe Schwärmerei (oder das, was sie dafür halten) bekämpfen zu wollen! Es ist eben ein Irrglaube anzunehmen, daß eine äußerlich zur Schau getragene Enthaltsamkeit von jeglichem seelischen Überschwang zugleich auch Erweis einer besonderen Nüchternheit sei. Nun rede ich einem solchen Überschwang nicht das Wort, als ob dies etwas Geistliches sei. Gottes Wort ist in sich selbst aber nicht unlogisch. Und es ist vollkommen unlogisch, daß Liebe ohne Glaube und Hoffnung jemals möglich wäre; auch im Wort Gottes gibt es eine solche Vorstellung nicht. In dem Zusammenhang empfand ich eine Frage als besonders hilfreich, die jemand in Bezug auf die Engel stellte, die von Gott abfielen: „Haben sie ihre Liebe verloren, weil sie Hoffnung und Vertrauen (Glaube) auf die verkehrten Dinge richteten?” Ich würde diese Frage in der Form beantworten, daß die Engel ihr Vertrauen auf Dinge richteten statt auf Gott; sie haben die Beziehung verloren. Beziehung aber hat immer etwas mit Glauben und Erwartung zu tun, die Eigenschaften der Liebe sind. Gesagt ist also ganz klar, daß Glaube, Liebe und Hoffnung bleiben; und Paulus bekräftigt das auch noch mit einem diese drei”, bevor er zu dem Schluß kommt: die Liebe aber ist die größte unter ihnen (1Kor 13. 13).

    Wenn der Apostel also sagt, daß Glaube, Liebe, Erwartung bleiben, dann bleiben sie, und sie bleiben gemeinsam. Er sagt eben nicht, daß Glaube und Hoffnung aufhören würden und nur die Liebe bliebe, wann auch immer. Er sagt, daß alle drei bleiben. – Wann also werden die Gaben gehen, wird Erkenntnis in der heutigen Form nicht mehr benötigt sein? Es bleibt dabei: wenn das Vollkommene gekommen ist. Das Vollkommene aber ist ja gerade damit gekennzeichnet, daß die „Dunkeldeutung” und das Stückwerk aufgehört haben. Dies ist jedoch trotz des vorliegenden (noch nicht einmal für alle einheitlichen!) Schriftkanons nicht der Fall. Wir suchen, zumindest in Bereichen, noch immer herum, und bewegen uns noch immer in dem „aus Teil”. Keiner kann sagen, daß er es schon ergriffen habe. Niemand hat schon die ganze Wahrheit. (Und noch immer ist es sogar möglich, die Wahrheit zu unterdrücken und unter Lügen und Ungerechtigkeit gefangenzuhalten.) Auch wenn wir Mündige sind und es auch sein sollen, befinden wir uns, insgesamt gesehen, noch nicht in der vollen Reife und sind nach wie vor im Wachstum begriffen, weil ja auch der ganze Leib noch immer nicht seinen vollen Wuchs erlangt hat. Insofern erzeigt sich auch die hier vorliegende Ersatzlehre – auch aufgrund anderer fehlender Bindeglieder – als vollständiger Irrweg und erweist damit ihre Unkenntnis (oder gar Ignoranz) der entsprechenden biblischen Zusammenhänge.


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Das Vollkommene als die Vollendung des Leibes in Einheit und der Anbruch des Schauens von Angesicht zu Angesicht

    Wenn das Vollkommene wirklich gekommen wäre, wie in all diesen Lehren unterstellt wird, dann hätten nicht nur die Rätsel aufgehört; dann würden wir wohl kaum noch hier sitzen. Nun sehen wir jedoch nicht, daß wir am Ziel wären. Wir befinden uns weder alle in der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, noch haben wir das Vollmaß des Wuchses erreicht, noch können wir sagen, daß alle aus der Unmündigkeit herausgekommen wären. Das ist aber das Ziel, die Reife des ganzen Leibes nämlich, in die wir nach den Aussagen des Apostels hineingelangen sollen (Eph 4. 13). Natürlich, so argumentieren die Widersacher, ist das Mündigwerden von Kindern Gottes an sich noch kein Vorgang, der erst in der Vollendung erreichbar wäre. Das ist an sich zwar richtig. Wir sollen Mündige sein im Hier und Jetzt, solche, die nicht mehr von jedem Wind der Lehre getrieben werden. Das ist im Neuen Testament erklärtes Ziel, und zunächst ist es ein Ziel für unser Leben im Hier und Heute. Es geht dabei aber eben nicht nur um unsere Reife, noch um das Reifsein einiger, die vor uns gelebt haben oder heute leben, noch um die Reife von Einzelgemeinden, wie solche Lehren suggerieren, sondern es gilt, die Reife aller als der Vollreife des Gesamtleibes aller Zeiten und Kontinente zu erlangen, sowohl derer, die gelebt haben, als auch derer, die noch leben, als auch derer, die dem Leib noch hinzugefügt werden sollen. Genau das meint der Apostel, und es liegt auf der Hand, daß dieser Punkt noch immer nicht erreicht ist und naturgemäß auch nicht erreicht sein kann. Und doch wird er von den dispensationalistischen Ersatzlehrern [45] so gut wie durchweg unterschlagen. Es zeigt überdies, daß man wohl sich selbst und auch seine eigene kleine Gruppe, nicht aber den ganzen Leib – und das Zusammenwachsen dieses Leibes – im Blick behält. Dieser Selbstbetrug offenbart damit nicht zuletzt auch sektiererisches Denken.

    Das Wort Vollkommenes, das hier verwendet wird, heißt teleion, reif, am Ziel, vollständig, komplett sein. Daher kann es sich auch nur auf den Gesamtleib beziehen, der als Ganzes zu seiner Vollendung hin gereift ist. Wenn dieses Vollkommene da ist, erst dann brauchen wir das Stückwerk, das Teilweise, Unreife, Unvollkommene, das sich noch auf dem Weg befindende, wie wir es heute haben, nicht mehr. [23] Das Vollkommene bildet damit zugleich auch seinen krönenden Abschluß, wenn der Leib vollendet ist und ihm das Haupt auch im Sichtbaren hinzugefügt wird, so daß am Ende der ganze Christus, bestehend aus Haupt und Gliedern, zum Haupt über alles werden kann (Eph 1. 9 - 10, 22 - 23). [24] Es geht also darum, daß wir das Ganze, Vollständige erreichen, das in der Zusammenfügung der Teile aller besteht, weshalb dem Apostel die Liebe so wichtig ist, die uns einander ertragen und gewähren läßt (1Kor 13. 4 - 7). Darum ist es auch so wichtig, daß alle Gaben in den Leib eingefügt, ihm „einverleibt” werden, und zwar so, daß am Ende keine einzelne mehr fehlt. Der Leib bedarf erst dann keiner Ergänzung mehr, wenn er vollständig ist, erst dann kann (wird und muß) also auch das Stückwerk aufhören. Wenn der Leib diese Dinge vernachlässigt, dann kann er nicht in seine Vollendung gelangen; er wird in dem Falle seine hohe Berufung, in die er nach Gottes Willen gesetzt worden ist, verfehlen. Dies zeigt uns, wie wichtig das Ganze ist und weshalb wir auf diesem Gebiet gerade unter den Bibelgläubigen so massive Kämpfe vorliegen haben.

    Dieselbe Vervollständigung und Vollendung, dieselbe Zusammenfügung aller Teile zur Einheit des Ganzen hin meinte Jesus in Seinem Hohepriesterlichen Gebet, das Er betete, bevor Er diese Erde verließ. Wir sollten es sorgsam lesen und jedes einzelne Wort beachten:


    Ich habe die Herrlichkeit, die Du Mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, so wie wir eins sind: Ich in ihnen und Du in Mir, damit sie zur Einheit hin vollendet werden und damit die Welt erkenne, daß Du Mich ausgesandt hast und sie liebst, so wie du Mich liebst.
Jo 17. 22 - 23

    Die Fügung „zur Einheit hin vollendet werden” die hier im Griechischen steht, heißt teteleiooménoi und meint tatsächlich ein zur Einheit eines Ganzen Zusammengeschlossenes, das aus vielen Teilen, namentlich den hier genannten Jüngern besteht, einschließlich all derer, die durch ihr Wort an Jesus glauben werden (Jo 17. 19 - 21). Hier finden wir unser teleion, unser Vollkommenes, Vollständiges, Reifes wieder. Auch der Begriff des Zieles und damit des Endes (telos) ist darin enthalten. Und so ist es auch hier kein Wunder, daß der Herr in den mit diesem Gebet in Verbindung stehenden Reden die Liebe nicht nur als den Weg erwähnt, auf dem diese Vervollkommnung erreicht werden kann, sondern auch als den Inbegriff jener Vollkommenheit selber, und zwar ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Kommen und Wirken des Heiligen Geistes (Jo 15. 9 - 27).

    Ein Puzzle ist dann vollständig, wenn keines seiner Teile mehr fehlen. Erst dann sieht man das ganze Bild. Es wäre nun töricht, wenn ich nun, nachdem ich das Bild schon fertig habe, noch immer unter den Tisch kriechen und nach einem Teil suchen würde, das eventuell doch noch fehlen könnte. Einem Weg, dessen Ziel ich erreicht habe, dem muß ich keine Schritte mehr hinzufügen. Ich bin ja am Ziel, und kann mich ausruhen. Darum – dies ist nur einmal ein Nebengedanke – war es auch den Juden verboten, am Sabbat, dem Tag der Ruhe Gottes und der Vollendung Seiner Schöpfungsordnung (hbr. shabat, aufhören), mehr als eine nur ganz eng bemessene Wegstrecke zurückzulegen; man sprach auch vom Sabbatweg (s. Apg 1. 12). Nun hatten jene noch das Schattenbild des Zukünftigen und Himmlischen; uns aber möchte Gott in das Wesen des Himmlischen selber einführen (Kol 2. 17, Hbr 8. 5, 10. 1). Zwar leben wir in einem weitaus besseren Bund wie jene (Hbr 8. 6 - 13), aber, wie jene, sind auch wir noch nicht am Ziel. Es ist dem Volk Gottes ja noch eine Ruhe vorhanden, sagt der Hebräerbrief, weshalb wir uns befleißigen sollen, in diese Ruhe tatsächlich auch einzugehen (Hbr 4. 9 - 10). Dazu ist die Liebe der alles überragende Weg, der uns in die Vollkomenheit, in die Reife und damit in diese Ruhe ja gerade erst hineinführen soll, wie wir gesehen haben (1Kor 12. 31). All diese Zusammenhänge ziehen sich durch die ganze Bibel.

    Erkennen wir jetzt, daß wir noch längst nicht am Ziel sind, weil uns ja noch das Stückwerk so sehr anhaftet, und uns jene Vervollständigung durch die Teile aller noch fehlt, die man die Liebe nennt? Bemerken wir auch, daß eine ganz zentrale Eigenschaft dieser Liebe die Demut ist? Sie ist es nämlich, die uns unseren Teil hineingeben läßt, zugunsten anderer, wie sie auch den Teil anderer anzunehmen vermag, was immer dieser Teil auch sei. Wie leise, wie demütig ist auch die Stimme des Heiligen Geistes, und wie schnell sind wir dabei, sie wegzuwischen und in unserem hochmütigen Getöse zu übertönen. Darum bedarf es der Demut, es bedarf unseres Stillewerdens vor Ihm, unseres Schweigens und Hörens – sowohl auf Gott, als auch aufeinander. So vermag der Geist Gottes durch uns zu fließen, um so Stück um Stück an der Vervollständigung aller, damit also an der Vervollkommnung des ganzen Leibes zu arbeiten. Und nur so vermögen wir auch unser Ziel zu erreichen, indem wir gemeinsam in die Reife, in den Vollwuchs des Mannesalters hineinwachsen, wie Paulus es nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen beschreibt (Eph 1. 15 - 23, 4. 13ff). Und dieses Ziel, diese Vervollständigung der Liebe ist uns heute näher denn je, weil ja auch die Zeit weit vorangeschritten ist; aber noch ist es „Zukunftsmusik” .

    An solchem Vervollständigtwerden erkennen wir, daß dies ein wachstümlicher Prozeß, aber keine abrupte Verwandlung ist. Der Leib des Christus wird ein Leib sein, den Gott in Jahrtausenden zubereitet hat. (Die „Verwandlung im Nu” [atomos], von der Paulus in 1Kor 15. 51f. spricht, ist etwas anderes, obwohl sie damit im Zusammenhang steht; sie bezieht sich auf die Verwandlung unseres eigenen menschlichen Körpers im Augenblick des Erscheinens unseres Herrn und darf daher mit dem Vorgenannten nicht verwechselt werden.) Heute sehen wir ja noch nicht, daß der ganze Leib, der ganze Glaube und die ganze Erkenntnis schon gekommen wären, die Dunkeldeutung – die Übersetzung in Rätseln (aenigma) also aufgehört hätte (1Kor 13. 12). Das griechische Wort aenigma bringt mich auf etwas. Kennen wir noch die Enigma, die Dechiffriermaschine aus der Zeit des zweiten Weltkrieges, über die vor allem in U-Boot-Einsätzen die Funksprüche entschlüsselt wurden? Niemand konnte die Mitteilungen verstehen, die über diese Maschine kamen, bevor er diese Maschine nicht auch hatte, weshalb alles Mögliche und Unmögliche unternommen wurde, um in ihren Besitz zu kommen. Wer die Maschine hatte, der wußte bald über alles Bescheid, was der andere tat; und das war ein wichtiger, oft der entscheidende Schritt zum Sieg. Genau das ist auch hier gemeint! Wir brauchen sozusagen – um im Bilde zu bleiben – die aenigma, die „Dechiffriermaschine” des Heiligen Geistes, die uns die Rätsel Gottes aufschließt und offenbart. Denn alles, was Gott uns zu sagen hat, bleibt dem natürlichen Menschen von Haus aus verborgen und damit ein Geheimnis, und zwar solange, bis der Heilige Geist in sein Herz kommt und es ihm offenbart bzw. erklärt (1Kor 1. 18 - 31, 2. 6 - 16).

    Aus eben diesem Grunde verwendete Jesus ja auch die Gleichnisse – nicht etwa, um etwas zu erklären, damit alle es auch verstünden, sondern, um es vor der Allgemeinheit zu verschließen, weshalb er nach seinen Gleichnisreden immer wieder die Jünger auf die Seite nahm, weg von den übrigen, und sie ihnen gesondert erklärte (Mt 13. 10 – 17, Mk 4. 10 – 12, Lk 8. 8b - 10). Genau diesen Dienst vollbringt, da Jesus nicht mehr sichtbar unter uns auf der Erde weilt, heute der Heilige Geist, und verwendet dazu Seine Gaben (Jo 16. 13 – 15, Eph 4. 7 - 8). Ja, wird gesagt, wir haben ja die Bibel, und wir haben unsere Lieder, darum bräuchten wir die Gaben nicht mehr. Unsere Schriftauslegung sei die Prophetie, die wir haben sollen. Das Wort des Herrn aber zeigt ein anderes Bild. „Ich bin reich, ja ich bin reich geworden und bedarf nichts”, sagt Laodizäa. Ja, das sagst du von dir, sagt der Herr, aber nur, „weil du nicht weißt, daß du der Elende und Erbärmliche, der Arme, Blinde und Nackte bist, so rate ich dir, von Mir Gold zu kaufen, das im Feuer feingebrannt ist, damit du reich werdest, dazu weiße Kleider, auf daß du dich damit umhüllen mögest und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, um deine Augen einzusalben, damit du sehen mögest” (Off 3. 17 - 18).

    Glauben wir denn wirklich, daß wir in der Bibel auch nur einen Satz richtig verstehen würden, wenn ihn der Heilige Geist uns nicht erklärte, wenn Seine Gabe in uns also nicht zum Zuge käme? Darum bedürfen wir ja gerade auch der verschiedenen Gaben, weil sie uns die Dinge Gottes übersetzen; wir bedürfen auch der anderen Glieder des Leibes, weil ja auch wir Glieder sind und in der Versammlung eben gerade nicht jeder alles, das Ganze haben kann, wie dies der Apostel im gesamten zwölften Kapitel unermüdlich zu erklären bemüht ist. Wann also werden Prophetien, Erkenntniswort, Zungenreden aufhören? Wann wird also auch die Leitung durch den Geist abgeschlossen sein, zu der ja auch all diese Dinge gehören? Wenn die Bibel gekommen ist? Nein – wenn wir am Ziel angekommen sind! Wenn das Vollkommene gekommen ist, werden wir das Stückwerk und damit auch die einzelnen Gaben nicht mehr brauchen! Bis zum heutigen Tage aber sind wir noch auf der Erde; und solange wir auf dieser Erde sind, benötigen wir auch noch den Heiligen Geist, den Parakleten, den großen „Beiseiterufer Gottes”, von dem wir an anderer Stelle gesprochen haben, der die Dinge des Vaters nimmt und sie uns bringt und – mittelst der Gaben – sozusagen „in unsere Sprache” übersetzt. Gott hat nicht eine dieser Gaben zurückgenommen; wir brauchen sie alle; wir brauchen den Heiligen Geist wie unser tägliches Brot. Erst dann, wenn wir im Himmel sind, werden wir in einer ganz anderen Verwaltung sein; dann brauchen wir den Parakleten in dieser Weise nicht mehr, weil wir ja die Übersetzung nicht mehr brauchen, denn dann kommt Jesus, das Haupt selber, auch im Sichtbaren; dann sehen wir Ihn von Angesicht, und erst dann erkennen wir Ihn so, wie Er uns erkannt hat 

von Angesicht zu Angesicht! (1Kor 13. 12).


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Das „Erkennen aus Teil” und die Basis der Liebe

   
Die Gaben der Prophetie, der Erkenntnis und der Sprachengabe und die Versuche, sie durch Umdeutung zurückzudrängen oder gleich ganz abzuschaffen, werden uns noch einige Zeit zu beschäftigen haben und uns zu Schlüssen führen, die in den Augen vieler ungewöhlich, ja ketzerisch anmuten mögen. Und doch sind dies Dinge, derer wir uns nur erinnern müßten, weil wir sie wenigstens in Ansätzen bereits hatten. Heute aber scheinen sie über weite Landstriche hinweg unbekannt zu sein, mit teilweise verheerenden Folgen. ... von denen, die in der Bibel genannt seien, gäbe es nach der Bibel 1Kor 13. 8ff Prophetie, Erkenntniswunder und Sprachenwunder heute nicht mehr, weil das Vollkommene, die Bibel schon seit etwa 1900 Jahren vollständig vorläge, und das Gerichtszeichen Sprachenwunder für die Juden auch seit so vielen Jahren nicht mehr nötig sei, schrieb ein Zeitgenosse in einem Diskussionsforum dann auch über die Geistesgaben.

    Wie wir bereits oben gesehen haben, ist dies eine zwar in sich vielen logisch erscheinende, bei näherem Hinsehen aber völlig unhaltbare Irrlehre, die vor allem in diversen dispensationalistischen bzw. cessationistischen Kreisen ihr Unwesen treibt. [45] Solche Irrlehren entstehen immer dann, wenn man willkürlich Zusammenhänge aus Schriftstellen schafft und eigene Dinge zusätzlich hineininterpretiert, dabei aber außer acht läßt, daß die Schrift sich selbst erklärt und keiner menschlichen Auslegung bedarf. Aus 1Kor 13. 11 - 13 ergibt sich klar, daß mit dem „Vollkommenen”, das kommen wird, nicht wie unterstellt der Schriftkanon, wie ein solcher hier überhaupt nicht erwähnt wird, sondern die Vollendung gemäß der Liebe ist, die im selben Zusammenhang nicht umsonst auch als „die Größte” bezeichnet wird, die sich in der Annahme und damit in der Zusammenfassung aller Bruchteile (wie die Gaben in 13. 8f ja genannt werden) zu einem Ganzen, auf den Leib bezogen, erzeigt und die zu dessen Vervollständigung und damit zu dessen voller Reife führt. Das ergibt sich, neben den Erörterungen des Apostels auch in anderen Briefen, hier vor allem aus den damit korrespondierenden Zusammenhängen aus dem vorhergehenden zwölften Kapitel, das wie das nachfolgende vierzehnte nicht vom dreizehnten separiert (d. h. davon unabhängig) betrachtet werden darf. Nicht umsonst steht ja dieses Kapitel als ein ganz zentrales gerade inmitten der beiden großen Erörterungen des Apostels über die verschiedenen Gnadengaben in Kapitel 12 und 14. Die Erwähnung des zukünftigen Erkennens des Herrn (also erst, nachdem das Stückwerk aufgehört hat), gleichwie ich erkannt bin nämlich „von Angesicht zu Angesicht”, tut ein übriges hinzu. Wenn dieses Erkennen da ist, das (wie im vorigen Kapitel erörtert) ja eindeutig vom Schauen spricht, werden wir wohl schwerlich noch hier sitzen. Oder gibt es da einen Leser, der den Herrn bereits hier, auf dieser Erde, von Angesicht schaut und ihn genauso erkennt, wie Er uns schon erkannt hat? Ich glaube wohl kaum!

    Nachdem man bemerkt hat, daß die vorliegende dispensationalistische Ersatzlehre
[45] an diesem Punkt mehr als nur brüchig geworden ist, geht man mit einem letzten Kunstgriff daran, das „Erkennen von Angesicht zu Angesicht” gleich ganz umzudeuten. Besonders unter „Gemeinschaftsleuten” wie in „Brüderkreisen” (unter denen viele Geschwister sind, die ich sehr schätze) ist diese Ansicht leider sehr weit verbreitet. Es gehe im Vollkommenen, das Paulus in 1Kor 13. 13 nennt, gar nicht um das persönliche Schauen und Hören des Herrn, sondern um die Offenbarung des Geistes im Bibelwort, hört man da. Als „Beweis” dieser Irrlehre greift man ausgerechnet auf Mose zurück, der auf dem Berge Horeb das Gesetz empfing – von Gott, der zu ihm „von Angesicht zu Angesicht” redete „wie ein Mann mit seinem Freunde redet” und „nicht rätselhaft” (2Mo 33. 11, 4Mo 12. 8, 5Mo 34. 10). Dieses „Reden von Angesicht” bezieht man auf das Empfangen des Wortes Gottes an sich, deutet es dann aber als Erkennen beim Lesen des geschriebenen Wortes um. Dabei wird jedoch wieder etwas Entscheidendes übergangen: Mose las nicht in Schriftrollen, um Gottes Wort zu vernehmen, sondern hörte mit seinen Ohren, was Gott sprach, er sah Gott von Gestalt, und er sah bereits die himmlische Welt. Gott sprach zu Mose, auch wenn dieser Sein Angesicht nicht sehen durfte, unvermittelt und nicht in Rätseln oder bruchteilhaft. Obwohl wir nach Eph 2. 6 in Christus bereits „versetzt worden sind in himmlische Örter”, sehen wir dennoch „wie in einem Spiegel”, erkennen wir noch immer vermittelt, als in Bildern und Gleichnissen, wie die Schrift sie lehrt, bedürfen daher der Übersetzung oder Deutung (aenigma) des Heiligen Geistes in unser Denken hinein wie der Liederdichter sagt: 


Unser Wissen und Verstand
Ist mit Finsternis umhüllet,
Wo nicht Deines Geistes Hand
Uns mit hellem Licht erfüllet.
Gutes denken, Gutes dichten
Mußt Du selbst in uns verrichten.

(Aus: Liebster Jesu, wir sind hier, Tobias Clausnitzer, 1663)

    Bis auf ganz wenige Ausnahmen von Menschen Gottes, denen es für kurze Zeit vergönnt war, himmlische Dinge zu sehen – unbeschreibbare Dinge, von denen Paulus in 2Kor 12. 4 sagt, daß sie dem Menschen nicht gestattet sind, auszusprechen – sehen wir die Himmelswelt noch nicht. Mose hingegen sah sie, und viele andere Zeugen der Heiligen Schrift sahen sie auch und durften einen Blick in sie wagen. Sie alle taugen nicht dazu, die Lehre zu untermauern, daß das Schauen von Angesicht zu Angesicht mit dem Erkennen beim Lesen von Schriftstellen gleichzusetzen sei – sie erhärten vielmehr das völlige Gegenteil, indem sie bestätigen, daß das Sehen von Angesicht zu Angesicht etwas mit dem Schauen zu tun hat, und eben nicht mit dem Erkennen aus Teil”, wie es beim Lesen schriftlicher Überlieferung ja der Fall ist, auch wenn diese vom Geist eingegeben wurde und von daher als eine vollkommene Überlieferung zu bezeichnen ist. [25] Wenn man in diesen Kreisen wirklich gelesen hätte, was in dieser vollkommenen Überlieferung steht, und den vielzitierten Grundsatz beherzigte, nach dem die Heilige Schrift sich immer selbst auslegt, wüßte man auch, daß dieses vergleichsweise „Sehen in einem Spiegel” als „Hören und Erkennen anhand des Wortes” auch an anderer Stelle äußerst klar dokumentiert ist, und zwar in Ja 1. 23 - 24. [26] Aus all diesen Tatsachen ergibt sich exakt der Unterschied zwischen Wissenserkenntnis (gnosis) und epignosis, der höheren Erkenntnis Gottes, die nicht intellektuell, sondern seinsmäßig ist und personenhafte Vereinigung, eigentlich Eins-Werden bedeutet (vgl. 1Mo 4. 1, 17 u. a.). Nur ein solches Erkennen vermag auch geistliches Leben hervorzubringen; alles andere bleibt im Tode.

    Diese wahre Erkenntnis, die
als epignosis Hinauf-Erkenntnis Gottes ist, bedeutet zugleich auch ein Einswerden mit dem Haupt, dem Christus, und allen Seinen Gliedern. Das hat nichts damit zu tun, daß wir das Lesen der Heiligen Schrift für gering achten oder die Offenbarung für etwas Unvollkommenes. Nur zu gerne hat man das uns unterstellt, um dies zur Rechtfertigung der eigenen Irrtümer nutzen zu können. Doch entpuppt sich das sehr schnell als eine Lüge, indem es einen weiteren Kunstgriff offenbart. Ja, die Offenbarung des Geistes ist vollkommen, wie das Wort Gottes, niedergelegt in der heiligen Schrift, vollkommen ist. Darüber gibt es gar keinen Zweifel. Der Schrifttext 1Kor 13 spricht jedoch nicht vom Wort Gottes an sich, noch von der Offenbarung des Geistes in diesem Wort, wie die einschlägigen Irrlehrer behaupten, sondern von der Art und Weise unseres Erkennens und stellt dieses Erkennen der Jetztzeit (gnosis) dem Erkennen in und gemäß der Vollendung (epignosis) gegenüber. Offenbarung des Geistes und Erkenntnis sind zweierlei. Offenbarung ist das, was auf Gottes Seite geschieht; Erkenntnis aber ist das, was auf unserer Seite geschieht. Man kann und darf diese Dinge daher nicht durcheinandermengen, wie man gnosis auch nicht mit epignosis verwechseln darf. Es bleibt also dabei: Unser heutiges Erkennen ist nicht vollkommen; es ist nach wie vor Stückwerk. Das Vollkommene, von dem Paulus hier spricht, ist demnach noch immer nicht gekommen – und wir haben oben ja beschrieben, was dieses Vollkommene ist.

    Die Grundproblematik dabei ist demnach die,
daß man „Offenbarung” sagt und Erkenntnis (eigentlich Kenntnis oder Wissen) meint. Mit diesem Irrtum, der immer zugleich auch Anmaßung ist, tritt unmerklich die eigene Erkenntnis an die Stelle der Offenbarung durch den Heiligen Geist und damit letztlich Gottes, ersetzt Menschenwerk Gottes Werk, tritt wieder der Mensch an Gottes Stelle, und das alles unter dem Anspruch vermeintlich „biblischer” Theologie. Im Grunde geschieht hier nichts anders als pseudo-christlicher Götzendienst in seiner allergefährlichsten und zugleich auch raffiniertesten Ausprägung, weil er sich als „rechtgläubig” undbiblischtarnt und darum meist unerkannt bleibt – als besonders perfide ausgeklügelter Schachzug der Schlange, die die Gemeinde irreführt und zugleich auch immer tiefer spaltet. Und das alles geschieht unter dem ständig vor sich her getragenen Anspruch, die Leute aufklären und gar noch vor Verführung bewahren” zu wollen! So wird auch hier offenbar, was der Herr meinte, als Er davor warnte, daß das Licht in uns Finsternis sein könnte (Mt 6. 23). Und was sagte Er, was dann geschehen würde? „Wie groß ist dann die Finsternis!”

    Da man die
eigene Erkenntnis mit der Offenbarung des Geistes im Wort verwechselt (wobei der Begriff einer solchen Offenbarung immer auch seines Sinns entleert wird!) wird diese Erkenntnis, die als „Stückwerk” ja immer nur Teil eines Ganzen sein kann, als „vollkommene” und damit absolute Größe ausgegeben. In der Folge erhebt man sich in maßloser Selbstüberschätzung über den Bruder, der normalerweise eine andere Erkenntnis hat als man selbst und auch eine andere haben muß, weil ihm ja ein anderer Anteil zugelost worden ist, und verachtet damit das, was der Geist ihm, dem anderen Glied des Leibes gegeben hat, um diesen Leib zu vervollständigen. So aber wird das Erkennen „aus Teil” (ek meros) untergraben, das für die Jetztzeit unumgänglich ist; die Zusammenfügung dieser Bruchteile zu einem Ganzen, die nur durch die Liebe möglich ist, gerät zur Farce und die Auferbauung großer Teile des Leibes findet damit nicht mehr statt, wie Gott es will (1Kor 13. 9). Damit wird jedoch immer auch die Vollendung des ganzen Leibes beeinträchtigt, die ja nur durch die Liebe möglich ist, die sich in der Annahme und Einverleibung dieser Bruchteile erweist und nur so wachsen kann zu seiner gottgewollten, vollen Größe (Eph 4. 15, 16). Es ist für solche Kreise dann auch nur folgerichtig, daß ihnen die Gesamtschau fehlt, und dieses Fehlen ist umso ausgeprägter, je kleiner und exklusiver sich die Gruppierung darstellt. [27]

    Daraus ergibt sich dann der nächste Trugschluß, dem man hier auf den Leim gegangen ist. Im Grunde hat man nicht einmal begriffen, was denn die Basis des Erkennens ist, solange wir noch auf Erden sind. Natürlich werden wir sagen, daß die Grundlage alles dessen, worauf wir uns bewegen, die Heilige Schrift ist. Das ist an sich zunächst auch völlig richtig. Die Schrift spricht an dieser Stelle aber nicht vom Bibelkanon, sondern von den Gaben und damit den Teilen, die durch die einzelnen Glieder des Leibes – zum Nutzen aller – dargebracht und damit zusammengetragen werden sollen (1Kor 12. 4 - 31, s. a. 14. 26ff). Das bedeutet doch, daß wir nur aus diesen Teilen heraus und damit nur gemeinsam erkennen können; ein solches Erkennen aber ist nur durch die Liebe möglich, die sich in der Annahme und Förderung jedes einzelnen Teils erweist. Damit ist diese Liebe die Basis auch der Schrifterkenntnis. Darum ist sie ja auch so wichtig, daß sie der alles überragende Weg genannt wird (V. 31). [28] Der Leser wird wohl darin übereinstimmen können, daß es neben einem Überragenden nichts anderes mehr geben kann, was daneben auch noch überragend wäre und damit wiederum größer wäre als dieses alles. Die Liebe ist daher die einzige Möglichkeit, die dem Leib gegeben ist, um recht zu erkennen und vollendet zu werden. In Epheser 3. 18-19 legt Paulus dann auch seinen Lesern ans Herz, daß sie doch imstande sein mögen –

    mit allen Heiligen völlig zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, auf daß ihr erfüllt (w. vervollständigt) werdet zur ganzen Fülle (w. Vervollständigung) Gottes.

    Es bleibt also dabei, daß es keinen anderen Weg gibt, der in die Vervollständigung des Leibes (und damit in seine Vollendung) führt, als nur diesen einen Liebesweg. Nur so kann es geschehen, daß am Ende Gott alles in allen ist (1Kor 15. 28, Eph 1. 23). Ist Er aber alles in allen, dann ist die Vollendung gekommen, und das Erkennen aus Teil hat aufgehört, weil es dann nicht mehr notwendig ist. Wenn diese Brüder schon den ersten Korintherbrief nur ein wenig gründlicher gelesen hätten, dann wäre ihnen sicher aufgefallen, daß dieser Zusammenhang – die Einheit (Vereinigung) des Leibes in der Liebe – sich wie ein roter Faden von Anfang an durch den gesamten Brief zieht und von daher auch als zentrales Anliegen des Apostels gewertet werden muß, in dessen Kontext alle diese Erörterungen stehen (Kap. 1. 10 - 12, 3. 1 - 4, 6. 1 - 6, 8. 2, 9 - 13, 10. 16, 11. 17 - 34, 13. 1 - 13). Man kann eigentlich sagen, daß die Liebe das ganz große Thema ist, das der Apostel in diesem Brief behandelt, um sich dann, nachdem er dieses Thema abgeschlossen hat, im fünfzehnten Kapitel der Vollendung zuzuwenden, nämlich der Auferstehung des Leibes und der Wiederkunft des Herrn. Das sollte den Verfechtern der Irrlehre, daß die in 1Kor 13. 10 genannte Reife der Bibelkanon sei, wohl zu denken geben.

    An Stelle der Liebe, die sich in der Annahme aller Teile erweist, steht nun jedoch der tötende Buchstabe, mit dem aufeinander eingeschlagen und einander ausgegrenzt wird, als Erweis einer falschen Sicherheit und Festung nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen Gott. Hier ist exakt das geschehen, wovor der Apostel so deutlich warnte, indem er sagte, wir bei aller Erkenntnis (und auch all den anderen Gaben!) nichts sind, solange wir die Liebe nicht haben. Ja, wir sind eigentlich weniger als nichts; wir sind zu Schadenstiftern geworden. Solche Geschwister haben, wiewohl sie „ihre” Bibelverse ständig im Munde führen mögen, ihre eigene geistliche Hörfähigkeit – sowohl auf Gott, als auch aufeinander bezogen – oft schon weithin verloren und landen alsbald in der Falle des Pharisäismus. Wie die Zeitgenossen Jesu sind auch sie unbelehrbar geworden. Es klingt ja auch alles so überaus „richtig, so biblisch (soll ich sagen: so gesetzestreu?) in ihren Ohren. Viele merken es nicht einmal, ja sind sogar zutiefst empört, wenn man sie darauf hinzuweisen versucht, weil ihre Herzen verhärtet sind. Das ist Gericht! Damit aber ist zugleich auch die Axt an die Wurzel der meisten Streitigkeiten und Lehrgezänke in der evangelikalen Welt gelegt: je „bibeltreuer” sich die Leute darstellen, desto enger wird ihre eigene Sichtweise, desto unduldsamer der Streit und desto ausgeprägter der Richtgeist, da jedermann ja selber die „vollkommene” Erkenntnis zu haben meint als etwas, was „schon gekommen” sei. Jeder hält demnach sein eigenes Zipfelchen an Erkenntnis (d. h. Bibelwissen) fest und glaubt, „das ist es, was ich habe”, was in der Konsequenz zu Vereinseitigungen und zuletzt zur Sekten- und Lagerbildung führt, in deren Folge all die, die die eigene enge Sichtweise nicht teilen, ausgeschlossen werden – bis dahin, daß man sie verteufelt und ihnen damit auch noch das Christsein gleich ganz abspricht.

    Gleichzeitig wird dies immer auch zur Quelle verheerender Irrtümer und geistlicher „Tötungsaktionen” vermittelst des „Buchstabens”, zu dem das Wort Gottes, das ja eigentlich „Geist und Leben” sein will, immer dann wird, wenn man es in die
eigene Hand nimmt (s. Jo 6. 63). Damit aber hat dieses Wort aufgehört, Schwert des Geistes zu sein, aus dessen Händen wir es ja empfangen sollen (Eph 6. 17). Nur dann vermag es auch Seelisches und Geistliches voneinander zu trennen und die Herzen zu überführen (vgl. Hbr 4. 12). Statt dessen nimmt man es selbst und drischt damit auf die Geschwister ein, sucht regelrecht nach deren Fehlern, verletzt, verzerrt und stellt bloß. Wie bei den Irrtümern und Zaubereien der sogenannten Wort-des-Glaubens-Lehre, so bleibt auch hier am Ende nur noch die Wirksamkeit des Todes übrig. Es ist also völlig gleich, ob wir das Wort Gottes in die eigene Hand nehmen wie die Irrlehrer der Glaubensbewegung, die die Heilige Schrift zu einer Ansammlung von „Zaubersprüchen” verkommen lassen, um aus einer solchen eigenen „Verwendung” einzelner Bibelstellen „Ergebnisse” bzw. „Erfolge” für die Erzeugung der von ihnen propagierten, vermeintlichen „Erweckung” in „Zeichen und Wundern” hervorzubringen, oder wie jene, die auf der anderen Seite Schriftstellen aus dem Kontext reißen und daraus künstliche Zusammenhänge schaffen, um möglichst trickreich die Geistesgaben leugnen zu können, und schlußendlich – natürlich immer im Hinblick auf die Fehler der anderen – all die zu verteufeln, die sich um diese Gaben mühen. Beide Extreme sind, so gegensätzlich sie auf den ersten Blick sein mögen, Ausdruck ein und desselben Wesens und bringen ein und dasselbe Ergebnis hervor. Beides ist massive Finsternis und führt in Finsternis hinein. Wir sehen also, wie folgenschwer diese gesamte Lehrverirrung in Wahrheit ist, um die es hier geht, und erkennen somit wiederum Satan als den Urheber aller dieser Lehren. [29]


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Die Gaben der Prophetie, der Erkenntnis und der Sprachengabe als Gerichtszeichen und der Versuch ihrer Abschaffung durch Umdeutung

    Wenn die Liebe umgedeutet worden ist, dann müssen es auch die anderen Dinge. Fortan kreist die ganze Auslegung nur noch um den Bibelkanon, den man für das Vollkommene hält, das die Teile abgelöst habe. Es ist jedoch nicht möglich, daß das „Erkennen aus Teil” schon aufgehört habe, wie wir oben nachgewiesen haben. Es wäre die wohl allergrößte Anmaßung zu behaupten, daß wir Christus schon heute so erkennen würden, wie wir von Ihm bereits erkannt worden sind (1Kor 13. 12). Auch die immer wieder gehörte Unterstellung, daß die Geistesgaben etwa dazu gegeben worden seien, als eine Art vorübergehenden „Ersatz” oder „Grundstein” für den in der Frühzeit der Gemeinde noch nicht bestehenden Schriftkanon zu fungieren, ist lehrmäßig, d. h. von den entsprechenden Schriftaussagen her, in keiner Weise stichhaltig. Das Sprachengebet ist noch nie ein „Lehrersatz” gewesen, zumal es sich wie weiter unten erörtert nicht an Menschen richtet und auch eine völlig andere Aufgabe als die Lehrgabe ausfüllt. (Das gilt auch von den Sprachen, die in der Apostelgeschichte geschahen und deren Inhalt von den Umstehenden – als Erweis einer spezifischen Führung Gottes – verstanden wurde; auch sie waren ausnahmslos Lobpreisungen Gottes, aber niemals Lehre oder Prophetie, s. Apg 2. 11.) Und auch mit Evangelisation (die ja auch wieder an Menschen gerichtet wäre) hat dies vom Inhalt her nichts zu tun! Wer hier etwas anderes lehrt, zeigt damit, daß er von der Materie eigentlich nichts verstanden hat und wie ein Blinder von der Farbe redet, sich aber trotzdem zum „Eingeweihten” und damit zum Lehrer anderer aufschwingen will. Damit aber wird er aufgrund seiner Blindheit in dieser Frage anderen immer auch zum Irreführer, denn entsprechend dem, was Jesus sagte, ist es nicht möglich, daß ein Blindenleiter Blinde führe, ohne daß diese dann zusammen in eine Grube fielen (Mt 15. 14).

    Daran offenbart sich religiöser Stolz, und so erzeigt sich nicht zuletzt auch hier schon gerichtsmäßige Verblendung, unter die dann auch all jene geraten, die auf solche Lehren hören. Man täte wahrlich besser daran, solche Stellen liegenzulassen, solange sie uns dunkel sind, und auf den Zeitpunkt zu warten, an dem der Geist Gottes sie uns erschließt. Das schlösse dann auch das Eingeständnis unseres eigenen geistlichen Mangels ein – was nun wirklich kein Beinbruch wäre – und wäre dann einmal nicht selbsterwählte, sondern
wirkliche Demut (s. Kol 2. 23). Der Arzt kommt nun einmal nicht zu den Gesunden und Starken, sondern den Kranken und Schwachen als denen, die der Hilfe tatsächlich auch bedürfen (Mt 9. 12, Mk 2. 17 usw). Wie schade, wenn wir uns auch im geistlichen Bereich selbst für gerecht – für selbstgerecht – halten und damit solcher Hilfe verlustig werden. Uns mangelt so vieles, nicht nur von unserem Verständnis her, sondern auch von der Umsetzung. Wir vermögen es nicht! Wir bleiben blind ohne die Hilfe des Heiligen Geistes! Wir sind und bleiben jederzeit abhängig von Gott! Warten ist nicht unsere Stärke. Aber ich selbst habe zwei Jahre gewartet, bis ich die Zusammenhänge erkannte und Gott mir die Sprachengabe offenbaren konnte. Geschadet haben mir diese Jahre nicht  im Gegenteil.

    Dasselbe gilt über die biblischen Aussagen betreffs der prophetischen Rede. Auch diese neutestamentliche Gabe ist nicht etwa dazu gegeben worden, dem geschriebenen Wort Aussagen hinzuzufügen, solche zu bilden oder Schriftaussagen mit ihnen gar ersetzen zu wollen. Sie hat einen völlig anderen Zweck. Prophetie ist auch nicht Lehre über Prophetie, weder über die biblische, noch über die Gabe an sich, obwohl sie durchaus in Verbindung mit einer solchen Lehre stehen kann. Als
ein in eine ganz bestimmte Situation hinein ergehendes Wort spricht Prophetie in die Herzen der Herzukommenden hinein, die jeweilige Lage dieser Menschen viel tiefer und viel genauer treffend als wir das jemals könnten (da Gott Selbst es ja ist, der nach Apg 1. 24, 15. 8 die Herzen kennt) um auf diesem Wege – ohne jedes Wenn und Aber – gemäß 1Kor 14. 24 - 25 Überführung zu wirken. Da wird erkannt, daß Gott Selber gegenwärtig ist, da fällt man vor IHM nieder und nicht mehr vor Menschen. Wo ER der eigentliche Redende ist, da endet jede Diskussion. Das ist immer ein Erweis göttlicher Vollmacht! 

    Ein anderer Zweck der Prophetie ist das Voraussagen zukünftiger Ereignisse, damit die Gemeinde Gottes darauf vorbereitet sei (vgl. Apg 11. 27 - 30, 21. 10 - 14). Aber auch hier geschieht, wie wir uns denken können, ein solches Wort jedes Mal in eine sehr spezifische Situation hinein. Dabei kann es zwar Schriftworte enthalten, die der Geist in einer solchen Situation lebendig macht, kann aber durchaus auch eine freie Rede sein. Ein solches prophetisches Wort ist nach 1Thes 5. 19 - 22 jedoch immer anhand der Heiligen Schrift überprüfbar und muß demnach auch an ihr geprüft werden. Nicht umsonst steht aber gerade auch in demselben Zusammenhang, daß Prophetie nicht verachtet (wörtlich: benichtigt, für nichts gehalten) werden darf. Weiter unten werden wir uns dem noch einmal widmen. Allerdings ist vom Zusammenhang her auch zu sagen, daß diese Gaben in der Versammlung nicht zu häufig auftreten werden – Paulus spricht in 1Kor 14. 27 und 29 von zweien oder allerhöchstens dreien, die in diesen Gaben, ihrer jeweiligen Ordnung entsprechend, dienen sollen.

    So ist es in diesem Sinne und nach vorliegender Erkenntnis völlig falsch und von vornherein irreführend, von den drei neutestamentlichen Geistesgaben Sprachengebet, Auslegung und Prophetie als von
Offenbarungsgaben zu sprechen, da durch diese keine biblisch-lehrmäßigen Inhalte zu offenbaren sind zu keiner Zeit. Jegliche Neuoffenbarung ist vom Teufel; die Offenbarung Gottes ist vollständig; seit Bestehen der Bibel Alten und Neuen Testamentes gilt, daß es nichts Neues unter der Sonne mehr gibt (siehe Pred 1. 9, Off 22. 18, 19). Die vorgenannten Gaben haben einen ganz anderen Zweck, wie wir oben gesehen haben; und so wird einmal mehr erkennbar, daß sowohl die Protagonisten eines falschen, weil mißverstandenen Zungenredens als auch deren Kritiker meist fehl gegangen sind, weil sie beide diese Gaben an sich nicht verstanden haben, da sie dazu das Wort nicht ausreichend erforscht haben. Hätten sie es nämlich getan, dann wüßten sie zum Beispiel, daß man das Sprachenwunder, wie es aus Apg 2. 1 - 11 (für die Juden) und 10. 44ff (für die Nationen) überliefert wird, nicht ohne weiteres auf die Verhältnisse in 1Kor 14 übertragen kann:

    In der Apostelgeschichte handelt es sich um ein jeweils einmaliges Geschehen, das sich in einer von Gott gewirkten besonderen Situation (als Anfangsereignis, da der Geist gerade ausgossen wurde) eher zeugnishaft vor Menschen stattfand, damit diese merkten, daß die sich auf diese Weise Äußernden Gottes Geist empfangen hatten (Apg 2. 1 - 4 und 12 - 21 zu Joel 2. 28 - 32; Apg 10. 44 - 48 usw). In der Situation in Korinth (1Kor 14. 2) aber geht es um eine spezifische Gebetsgabe, die sich nicht an Menschen, sondern allein an Gott richtet. Im Gegensatz zu dem Erstgenannten versteht nach 1Kor 14. 9 - 11 und 14 weder der, der diese Gabe selbst ausübt, noch der, der sie hört, dieselbe in seinem Verstand und bedarf daher der Gabe der Auslegung (wörtlich: Durch-Übersetzung), falls sie denn überhaupt öffentlich gehört werden soll. Auch der Hinweis des Apostels auf diese Gabe, der allerdings nur dann gilt, wenn sie nicht übersetzt und demnach nicht verstanden wird, als Gerichtszeichen – wobei dies nicht lediglich auf Israel, sondern generell auf einen herzukommenden Unkundigen oder Ungläubigen bezogen wird, der dies hört, und nicht etwa auf diejenigen, die da reden – ist in exakt demselben Zusammenhang zu sehen (1Kor 14. 18 - 25 zu Jes 28. 10, 11 ).

    In den entsprechenden Irrlehren, die nur darum Bestand haben, weil man die verschiedenen Zusammenhänge (s. o.) miteinander vermengt, wird die Auslegung des Apostels allerdings in ihr Gegenteil verkehrt. Darum wollen wir uns diesem Sachverhalt noch etwas ausführlicher widmen. Paulus bezieht Jesaja 28 eindeutig auf herzukommende Unkundige oder Ungläubige; jene beziehen die Aussagen des Paulus in einem Umkehrschluß auf Jesaja und behaupten, daß Paulus dies „allein auf die Juden bezogen” habe. Damit drehen sie die gesamte Aussage schlicht um. Paulus spricht hier eindeutig nicht nur von Juden, sondern von Unkundigen oder Ungläubigen, und auf diese bezieht er den Jesajatext. Man muß den Text so, wie er sich hier darbietet, schon noch stehen lassen, will man ihn nicht nach eigenem Gusto umdeuten und damit verbiegen.

    Dies sind freilich Lehren, die durch die künstliche Überhöhung diverser „dispensationalistischer” Vorstellungen zustande gekommen sind. Nun gibt es verschiedene Dinge, die in diesen Richtungen biblisch zutreffend formuliert worden sind. Ein biblischer Glaube an Heilszeiten bzw. „Haushaltungen” an sich wird darum auch nicht in Zweifel zu ziehen sein, wie verschiedene Irrlehrer uns zu tun unterstellt haben; wogegen wir uns allerdings zu wenden haben, ist die Irrlehre eines überzogenen Dispensationalismus bzw. des Cessationismus, in die man die Aussagen der Schrift zu pressen versucht hat und die besonders die biblische Lehre und Unterweisung über die entsprechenden Gaben auflösen will. [45] Damit hat der Teufel sein Ziel erreicht, denn es ist unmöglich, das Werk in eigener Kraft zu tun, und darum tut kaum etwas so not wie schriftgemäße Unterweisung in diesen Fragen. So ist die Schlußfolgerung, daß Paulus mit den von ihm genannten „Ungläubigen” Juden gemeint habe, schlicht falsch, denn sie übergeht den Textzusammenhang, in den Paulus sein Jesaja-Zitat gestellt hat. Der Textzusammenhang besagt aber:

    (21) Im Gesetz steht geschrieben: In anderen Zungen und mit anderen Lippen werde Ich zu diesem Volk sprechen, und nicht einmal so werden sie Mich anhören, sagt der Herr. (22) Daher sind die Zungen nicht denen zum Zeichen, die glauben, sondern den Ungläubigen. Das Prophetenwort dagegen ist nicht für die Ungläubigen, sondern für die, welche glauben. (23) Wenn nun die ganze herausgerufene Gemeinde am selben Ort zusammenkäme und alle in Zungen sprächen und darin Unkundige oder Ungläubige hereinkämen, werden diese nicht behaupten, dass ihr von Sinnen seid? (24) Wenn dagegen alle prophetisch reden würden und dann ein Ungläubiger oder Unkundiger hereinkäme, so wird er von allen überführt, er wird von ihnen allen erforscht, (25) das Verborgene seines Herzens wird offenbar, und so wird er, auf sein Angesicht fallend, Gott anbeten und verkündigen, dass Gott wirklich unter euch ist.
1Kor 14. 21 - 25

    Wir müssen einfach sehen und anerkennen, auf wen Paulus „das Volk”, zu dem gesprochen wird, in seinem Brief bezieht. Von „Juden” steht hier nämlich im gesamten Text kein Wort! Wohl aber von denen, die hören, nicht verstehen und nicht glauben, oder aber von solchen, die hören, verstehen und glauben. „Ungläubige” bezieht sich demnach auf solche, die hören und nicht glauben  nämlich die Zungen, die sie nicht verstehen, darum nicht zum Glauben kommen und die nach Jesaja 28 ihnen ein Zeichen sowohl für sie als Ungläubige als (damit) auch des Gerichtes sind, des Gerichtes der Verstockung nämlich, von dem Jesaja spricht. Im anderen Fall ist es die verständliche Rede der Prophetie, die der Herzukommende versteht, durch sie überführt wird und damit zum Glauben kommt – so ist diesem dies zum Zeichen geworden, daß er glaubt, demnach also ein Gläubiger geworden ist. Das ist der Text, das andere ist eine völlig „verwurstete” und falsche „Textklitterung”, die durch das Hineindeuten von nichtzutreffenden Dingen zustande gekommen ist.

    Auch war die Gemeinde in Korinth keine judenchristliche, wie aus diversen Kreisen immer wieder behauptet worden ist, sondern eine aus heidnischem Umfeld entstandene, zu der freilich auch Juden gehört haben, da es am Ort auch eine Synagoge gab (1Kor 12. 1f, siehe dazu auch 1Kor 1. 15 und Apg 18. 8). Es ist also schon aus dieser Sicht mehr als offenkundig, daß Paulus die Weissagung Jes 28. 10f eben gerade nicht mehr nur auf die Juden beziehen kann, sondern auf alle, die als „Unkundige und „Ungläubige gelten, seien es nun solche aus den Juden oder aus den Nationen, wie sich dies aus der o. a. Stelle auch eindeutig ergibt. Wer immer die Sprachengabe anhand dieser Aussage als ein Zeichen für die Juden wertet, das man angeblich nicht mehr bräuchte, der mißinterpretiert und verfälscht die Aussage des Textes (die er überdies nicht verstanden hat) und verstellt damit wichtige Gedankengänge der Heiligen Schrift. Zugleich macht er sich damit auch der Sünde des Wegnehmens von Teilen des Wortes Gottes schuldig, ein Vergehen, das in Off 22. 19 unter Gericht gestellt wird, indem Gott ihm seinen Anteil am Holz des Lebens und an der heiligen Stadt wegnehmen” wird. Zudem sind solche Aussagen immer auch ein Indiz für eine weitere ungeistliche und unbiblische Ersatztheologie, eine solche nämlich, die die Gemeinde aus den Nationen an die Stelle Israels gesetzt sehen will, was den Aussagen der Schrift völlig zuwiderläuft (vgl. Rö 11. 1ff).  

    Dieses sich geschickt im Hintergrund haltende und immer wieder übernommene Relikt eines frühkirchlichen Antijudaismus, das als solches freilich auch im Hintergrund bleiben will, ist schon darum falsch und irreführend, weil es im Neuen Testament eben gerade nicht darum geht, zwischen vorgeblich ungläubigen Juden und gläubigen Heiden zu unterscheiden. Wer solches unterstellt, der hat wichtige Grundzüge des Neuen Bundes nicht verstanden, den Gott eben nicht mit der Kirche oder der Gemeinde, sondern mit dem Haus Israel und dem Haus Juda geschlossen hat (Hbr 8. 8 - 12). Die Nationen sind insofern zu Nutznießern dieses Bundes geworden, indem Gott aus beiden eins gemacht und die trennende Mauer der Umfriedung (d. i. die Feindschaft durch das unerfüllt gebliebene Gesetz) in Christus, aufgrund Seines Todes am Kreuz, in Seinem Fleisch eingerissen hat, so daß fortan beide, seien es nun Juden oder solche aus den Nationen, durch den einen Geist Zutritt zum Vater haben (siehe Eph 2. 13 - 18, Kap. 3. 6ff, vgl. auch Hbr 10. 19 - 22). Im Leib Christi gilt nämlich weder Grieche noch Jude noch etwas, sondern nur eine neue Schöpfung (2Kor 5. 16 - 17, Ga 3. 25 - 29 und 6. 15 - 17). Es gibt hier nur einen einzigen Unterschied, der Relevanz besitzt und das ist der, der zwischen einem Gläubigen oder einem Ungläubigen besteht, zwischen einem Wiedergeborenen aus dem Geist und einem Nichtwiedergeborenen, der den Geist nicht hat, ganz gleich, ob er nun Grieche oder Jude sei. 

    Ein Gläubiger ist ein Mensch, der Gottes Geist empfangen hat (Apg 2. 38, Kap. 5. 32), der ihn fortan über die himmlischen Dinge belehrt (Jo 3. 3 - 13, 31 - 34, Jo. 14. 26, 1Kor 2. 13, 1Jo 2. 26 - 27). Dieser Dinge kundig (und damit in sie eingeweiht) sein können wir nämlich nicht durch menschliche Belehrung, sondern immer nur durch den Geist (s. 1Kor 2. 6 - 16). Ein Unkundiger, wie Paulus ihn nennt, ist demnach einer, der den Geist nicht hat. Und damit sind wir wieder bei der Aussage des Paulus, der in 1Kor 14. 21 - 22 allein zwischen Gläubigen und Ungläubigen bzw. zwischen Kundigen und Unkundigen unterschieden wissen will, aber nicht zwischen Heiden und Juden, und darum auch die Prophetie aus Jesaja 28 in genau diesem Zusammenhang anwendet bzw. wertet. Hier sind wieder einmal Dinge einseitig konstruiert und hineingedeutet worden, die der betreffende Text schlicht und ergreifend nicht aussagt. So erweist sich bereits in dem eingangs des vorigen Kapitels erwähnten Zitat und den darauf aufbauenden Irrlehren nicht nur eine gravierende Unkenntnis der entsprechenden Schriftzusammenhänge, sondern auch der Bedeutung und Wirkungsweise der einzelnen Gaben, auf die wir in nachfolgenden Kapiteln noch eingehen werden.

   Falsch ist demnach auch die in anticharismatischen Kreisen vielfach geäußerte Unterstellung, daß Prophetie und Sprachengabe sich nie anhand der Bibel prüfen ließe. Besonders zur Prophetie äußert sich Paulus völlig gegensätzlich, wenn er in ein und demselben Zusammenhang – und dies in einem Atemzuge! – schreibt:

    Den Geist löschet nicht! Prophetie verschmähet nicht (wörtlich: exoutheneō, für nichts halten). Prüfet alles und behaltet des Vortreffliche. Haltet euch fern von allem, was böse aussieht.
1Thes 5. 19 - 22

    Damit wäre es wohl kaum möglich, daß Paulus den Thessalonichern bedeutet habe, sie sollten etwa das in der Bibel stehende Wort, etwa das der alttestamentlichen Propheten, auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen. Das Wort der Bibel ist wahr; es ist eine feststehende Größe, über die wir nicht zu befinden haben. Hier geht es eindeutig um Äußerungen geistlicher Gaben, besonders um solche der Prophetie, im weiteren Sinne aber auch um jede von Menschen erbrachte geistliche Mitteilung. Alle diese Äußerungen sind zu prüfen; Menschliches und damit Seelisches (vgl. Ja 3. 15) ist auszusondern, das Gute, Richtige, demnach Geistgewirkte ist zu behalten; finden wir etwas, was „böse” aussieht, dann ist es zu meiden. Woran ist zu prüfen? Natürlich an der Schrift. Wer hat zu prüfen? Alle, die ganze Gemeinde oder doch wenigstens alle die, die geistlich mündig sind. Es sei denn, wir halten uns als vermeintliche „Gabenträger” für bereits vollkommen und bedürften einer solchen Prüfung nicht; dann wäre uns allerdings nicht mehr zu helfen. Der Geist Gottes vergewaltigt uns nicht; Gott, der uns nicht nur im Mutterleib bildete, sondern in Christus Selbst Fleisch wurde, kennt und berücksichtigt unser Menschsein (Phil 2. 5ff, Hbr 2. 11 - 18). Es bleibt dabei, daß es Menschen sind und keine seelenlosen Roboter, denen Gott Seine Gaben anvertraut. Wir alle fehlen mannigfaltig (Ja  3. 2). Bei all diesen Gaben gilt also, daß wir in ihrer Ausübung fehlbar bleiben und auch Fehler machen, bis die Vollendung da ist. Diese schlichte Wahrheit scheint von vielen Charismatikern, umso mehr noch aber von ihren zahlreichen Kritikern kaum aufgenommen oder wenigstens verstanden worden zu sein. Die Ursache ist Stolz auf beiden Seiten – Stolz, der immer dann entsteht, wenn man sich schon im Vollkommenen zu leben wähnt in einer Zeit, in der das Vollkommene noch nicht gekommen ist.


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Ihr alle!” „Nicht alle!”

    Paulus schreibt weiter:

   Ich möchte aber (eig. ich will aber), daß ihr alle in Sprachen (o. Zungen) redet, mehr aber noch, daß ihr weissagt.
1Kor 14. 5, rev. Elberfelder [30]

    Und auch um diesen Satz hat es in der Auseinandersetzung sowohl innerhalb der „Charismatischen Bewegung” selbst, als auch zwischen „Charismatikern” und „Evangelikalen” allezeit erhebliche Kontroversen gegeben. Was ist nun die Aussage dieses Verses wirklich? Nun, sie erschließt sich einfach darin, indem wir lesen, was Paulus hier schrieb und wie er es schrieb, und auch hier uns weigern, Dinge hineinzulesen, die er so nicht gesagt hat, oder Dinge zu überlesen, die er klar gesagt hat. Wenn wir uns ganz einfach und unangestrengt nur an den Wortlaut dieses Verses halten, dann werden wir ganz unzweifelhaft erkennen, daß das Erstgenannte – „ich will, daß ihr alle in Zungen redet” – das Letztere – „aber mehr noch, daß ihr weissagt” nicht aufhebt. So, wie jeder, der den Heiligen Geist empfangen hat (ihr alle!), weissagen kann und soll, so kann und soll also auch jeder, der Ihn empfangen hat, in Zungen beten. Es ist nur wichtig zu verstehen, in welchem Zusammenhang diese Aussage gilt, in welcher Ordnung sie dementsprechend anzuwenden ist und in welcher nicht.

    Die hier zutreffende Ordnung finden wir im 26. Vers angesprochen. Wir zitieren ihn nach der Unrevidierten Elberfelder Übersetzung, die (ähnlich wie auch die Revidierte Elberfelder und die Schlachter-Übersetzung) in der Übersetzung dieses Verses dem Grundtext sehr nahe kommt:


   Was ist es nun, Brüder? Wenn ihr zusammenkommet, so hat ein jeder [von euch] einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Sprache, hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung; alles geschehe zur Auferbauung.
1Kor 14. 26

    Vor jeder einzelnen der hier genannten Gaben – sei es nun ein Psalm (Lobpreisung), eine Lehre, ein Sprachengebet, eine Offenbarung oder eine Auslegung – steht zusammenfassend das „Ein jeder hat” dieses Textes. Das bedeutet nicht nur, daß jeder irgend etwas oder irgend eine dieser Gaben haben solle, wie man verflachend immer wieder gesagt hat. Nein, ein jeder soll auch in jeder dieser einzelnen Gaben dienen können, die hier aufgeführt sind. So, wie ein jeder einen Psalm haben soll, so soll ein jeder auch das Vermögen haben, zu lehren, in Sprachen zu beten, Offenbarungen kundzutun, auszulegen (zu übersetzen) – zur Auferbauung der ganzen Versammlung, aller derer also, die Gott in der jeweiligen Situation zusammengeführt hat, und zwar, so oft ein solches Zusammenkommen an einem Ort zustande kommt. Die Unterscheidungen, daß dies jeweils ein anderer sein solle, in deren Konsequenz ein jeder statisch nur an eine ganz bestimmte Gabe gebunden sei, wie man sie in einigen Auslegungen und leider auch in die von mir sonst bevorzugte Konkordante Übersetzung hineininterpretiert hat, [31] finden sich hier im Grundtext nämlich gerade nicht.

    Wie also sollen wir das verstehen? Hatte nicht Paulus andernorts (vgl. 1Kor 12. 8ff) gesagt, daß der Heilige Geist die Gaben gebe, wie Er will, und darauf hingewiesen, daß nicht jeder in Zungen rede? Ja, das ist richtig; aber auch hier müssen wir den genauen Zusammenhang kennen; und dann werden wir auch herausfinden, weshalb dies zu der anderen Aussage des Paulus, daß er wolle, daß alle in Zungen redeten oder vielmehr noch weissagten und dementsprechend auch in anderen Gaben dienten, nicht im Widerspruch steht, das eine das andere vielmehr ergänzt und vervollständigt. Das eine – „ein jeder hat” – darf also nicht ohne das andere – „nicht jeder hat” – gesehen werden und umgekehrt; aus demselben Grunde darf es auch nicht dazu kommen, daß man andere Geschwister verurteilt und herabsetzt, weil in ihnen die eine oder andere Gabe noch nicht zur Reife gekommen sei, wie man dies – ich denke da besonders an das Sprachengebet – immer wieder einmal getan hat. So wird niemand ermutigt, auch nur in irgendeiner dieser Gaben zu dienen oder sich überhaupt für sie zu öffnen. [32] Hier hat es in der Vergangenheit immer wieder erhebliche Verirrungen, Schwärmereien und entsprechende Lehrverschiebungen beiderseits des Weges gegeben.

    Der Grund für solche Lehrverschiebungen war fast immer ein Mißverstehen oder sogar Mißachten der verschiedenen Zusammenhänge, ein mangelhaftes, inkonsequentes Durchdenken der betreffenden Aussagen und eine demnach unsaubere, ungenaue und ungesunde Auslegung, in deren Folge den fehlenden gedanklichen Bindegliedern jeweils eigene Ansichten untergeschoben oder Zusammenhänge im Nachhinein künstlich konstruiert werden. Aber auch hier gilt die Regel, nach der das Wort der Schrift keine Sache eigener Auslegung ist und die Schrift sich aus ihren Zusammenhängen heraus immer selbst erklärt (vgl. 1Ptr 1. 20). Das Wort Gottes ist in diesen Fragen sehr exakt und überaus schlüssig. Wenn es also an einer Stelle etwas sagt, was sich mit einer anderen auf den ersten Blick zu widersprechen scheint, dann ist es an uns zu erkennen, daß hier kein Widerspruch, sondern verschiedene Schriftzusammenhänge vorliegen, die man nicht ohne weiteres vermengen darf, und die beide jeweils berücksichtigt werden müssen, wenn das Ganze sich zueinander fügen soll. 

    Und so liegen auch hier verschiedene Schriftzusammenhänge vor, die allerdings recht nahe beieinander liegen und sich von daher ganz wunderbar ergänzen. Die Aussage des Apostels, daß er wolle, daß alle in Zungen redeten, bezieht sich demnach sowohl auf das vom Geist gewirkte Vermögen, als auch auf die eigene Bereitschaft, diese Gaben zu betätigen; die Aussage desselben Apostels, daß nicht jeder in Zungen reden könne, auf die Ordnungen des Leibes und der örtlichen Versammlung, in der nicht jeder – oder gar nur einer – alles hat, sondern der Geist Gottes die Gaben in jedem einzelnen so hervorbringt, wie Er in der jeweiligen Situation will, und zwar zum Nutzen aller (1Kor 12. 4 - 11f). Diese Ordnung, die naturgemäß nicht nur auf das Gebet in Zungen, sondern auch auf alle anderen Geistesgaben anzuwenden ist, wird dann auch in den nachfolgenden Versen des vierzehnten Kapitels konkretisiert, worauf wir an anderer Stelle noch zu reden haben werden (1Kor 14. 27 - 33).

    So gilt es auch hier, mit einem lang gehüteten Mißverständnis aufzuräumen. Wenn es nämlich so wäre, daß ein jeder nur ganz bestimmte Geistesgaben haben dürfe, dann liefe Paulus´ Anweisung, nach den Gaben zu eifern (Plural!) ins Leere. Es wäre dann also von vornherein gar nicht möglich, irgendwelche Gnadengaben zu betätigen, und jene hätten recht, die erwarteten, daß ein Geist sich erst der Versammelten bemächtigen und sich ihrer bedienen müsse, als seien sie willenlose Medien. So wäre etwa auch die Mahnung des Jakobus vollkommen unnütz, daß wir darauf achten sollen, nicht so viele Lehrer zu werden, wenn wir dies nicht tatsächlich auch selbst anstreben könnten (Ja 3. 1). Jeder, der die Bibel kennt, wird die Frage, ob es eine Gabe des Lehrens gäbe, bejahen. Womit streben wir die Lehrgabe also an? Indem wir uns nicht nur entscheiden, daß wir uns mit dem Wort auseinandersetzen und andere darin unterweisen wollen, sondern das auch tun. Damit liegt also die Entscheidung, ob wir diese Gabe betätigen wollen oder nicht, in unserer Vollmacht. Dasselbe gilt also auch für alle anderen Gaben, wie die des Zungengebetes und der Prophetie. 

    Wer sich nicht entscheiden möchte, in diesen Gaben auch zu wandeln, der wird nie dahin kommen, daß sie durch ihn wirklich auch betätigt werden, im Vertrauen darauf, daß die Silben, die wir mit unserem Mund formulieren, tatsächlich Worte einer vom Geist gewirkten anderen Sprache oder – bei verständlicher Rede – einer von demselben Geist gewirkten Prophetie sind. Es ist nur zu beachten, daß Gott das Praktizieren dieser Gaben in bestimmte Ordnungen gesetzt hat (1Kor 14. 26ff). In der Versammlung kann nicht jeder reden, wie er will; auch hat in ihr nicht jeder alles; vor allem aber ist das Betätigen einer Gabe stets an den Gehorsam gebunden: Will Gott jetzt, in gerade diesem Augenblick, daß ich öffentlich in Zungen bete, das Zungengebet eines anderen auslege, einen Psalm oder eine Offenbarung habe, lehre oder prophezeie? Habe ich in meinem Herzen einen diesbezüglichen Impuls des Heiligen Geistes oder ein entsprechendes Wort von Gott empfangen, oder will Er, daß ich gerade jetzt schweige und erst einmal auf das höre, was ein anderer (V. 30, 31) zu sagen hat?


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Vom Fleiß des Einübens: Verstand und Wille sind aktiv beteiligt

   
Und noch einen weiteren Irrtum gilt es aufzudecken und auszuräumen. Immer wieder behaupten durchaus auch namhafte evangelikale Autoren, daß es nicht möglich oder sogar falsch sei, den Gebrauch von Geistesgaben auch einzuüben, und zwar als ganz bewußten und nüchternen Lernprozeß. Wir hatten eingangs ja bereits davon gesprochen und auch davon, woher
ein solches Denken  es handelt sich dabei in der Tat um ein magisches Denken  eigentlich kommt. Wenn es auch zweifellos richtig ist, daß die Geistesgaben selbst nicht eingeübt werden können, weil es eben Gaben Gottes sind, so ist aber doch die Behauptung, daß man Geistesgaben nicht praktizieren könne, schlicht falsch und steht im direkten Gegensatz zu den Aussagen des Wortes Gottes. Wie oft lesen wir darin, daß wir etwas zu tun angehalten werden: Wenn jemand in einer anderen Sprache reden will, so sollen es zwei oder drei tun, steht da; ein anderer soll es auslegen (1Kor 14. 27). Da wird unser Wille angesprochen, da geschieht nichts von selbst, da sind unser Verstand und unser Entscheiden ganz nah und ganz direkt beteiligt.

    Auch die Propheten sollen in derselben Weise, also zwei oder drei reden, und zwar alle nacheinander, und alle sollen es beurteilen (V. 29). Wenn einem andern etwas geoffenbart wird, soll der erste schweigen usw. (V. 30). Es ist eben nicht richtig, daß man den Verstand (und damit auch den Willen) „zu entleeren” oder „an der Garderobe abzugeben” habe, wie einige unterstellen. Wer seine Zuhörer lehrt, daß sie den Verstand aufzugeben hätten, führt sie in die Dämonie. Weder ist er aufzugeben, noch darf er uns beherrschen (Rationalismus!), sondern er ist dem Wort Gottes unterzuordnen (2Kor 10. 5). Und so steht überall ein willentliches Entscheiden, ein bewußtes Tätigwerden sowohl am Anfang als auch am Ende des Praktizierens der Gabe. Die Geistesgaben finden nicht von alleine, ohne unser Tun, gewissermaßen „automatisch” statt.
Weiter oben haben wir ja gelesen, was von solchen „automatischen Gaben” zu halten ist, die ohne unser Mitwirken, d. h. „wie von selbst” ablaufen; solche Dinge sind Kundgebungen dämonischer Geister. Wenn Paulus also davon schreibt, daß die Gnadengaben sich nur innerhalb einer ganz bestimmten Ordnung entfalten können – der Ordnung nämlich, die wir eben betrachtet haben –, bedeutet das gleichzeitig, daß auch der Geist Gottes eine Versammlung auch immer nur innerhalb derselben Ordnung führen kann  und wird. [33] 

    Darum ist es geradezu Pflicht – hier kommt nämlich jenes Eifern oder, wie Luther übersetzte, jenes Befleißigen zum Tragen, das der Apostel eingangs einfordert! – sich im rechten Gebrauch dieser Gaben auch einzuüben. Und für ein solches Einüben, für ein solches Lernen hat der Apostel jenes vierzehnte Kapitel geschrieben! Hier hatten die Korinther, die zwar um die Gaben eiferten, doch ohne Verstand, echten Nachholebedarf (1Kor 14. 12). Wegen der weitverbreiteten Unkenntnis und des daraus resultierenden Durcheinanders in diesen Fragen stehen ganz offensichtlich auch wir heute vor demselben Problem. Wir brauchen also keine Angst davor zu haben, daß wir dem Geist Gottes etwa willkürlich vorgreifen würden; denn wenn Er die Versammlung ausschließlich in derselben Ordnung führt, die das Wort Gottes beschreibt und in die wir uns ja einüben wollen, dann ist es auch nicht möglich, daß wir dabei Seine Führung verlassen. Ganz im Gegenteil – ein solches Einüben bringt uns Ihm näher; es ist auch die einzige Möglichkeit, gemeinsam unsere Sinne zu schärfen, indem wir nicht nur mit-, sondern auch von- und aneinander lernen, auf den Geist zu hören und die Stimmen voneinander zu unterscheiden, nach dem, was unsere eigene Seele war, und dem, was des Geistes ist. Da dürfen auch Fehler gemacht werden; etwaige Fehlentwicklungen können jederzeit in Liebe und Achtung voreinander zurechtgerückt werden, etwa dann, wenn jemand zwar in Zungen gebetet hat, aber die Auslegung vergessen wurde (V. 27, 28) oder wenn es etwa darum geht, eine Lehre noch genauer darzulegen [34] (vgl. Apg 18. 24 - 26). So lernen wir daran auch noch besser aufeinander einzugehen und Liebe und Barmherzigkeit zu üben. Und so erkennen wir auch, daß die Gaben vor allem dem einen Zweck gegeben sind, daß wir uns als Leib, alle gemeinsam und miteinander, in der Liebe einüben.

    Die Liebe ist also auch aus dieser Sicht heraus der Weg, auf dem wir von den verschiedenen Winden der Lehre geschützt, das Wachstum vollziehen können, das Gott für uns alle vorgesehen hat, damit wir in die Reife kommen, hinein in die Mündigkeit aller, hin zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes (Eph 4. 13 - 14). Denn alles, was wir als Einzelne je darbieten, ist Stückwerk und kann immer auch nur Stückwerk sein. Das Verharren im Stückwerk Einzelner wird darum immer auch zu solchen Einseitigkeiten und Überbetonungen führen, wie sie durch die ganze Kirchengeschichte hindurch immer wieder geschehen sind und noch geschehen. Man hat ja diesen Abschnitt aus dem Epheserbrief immer wieder nur auf jene Gaben reduziert, die der Apostel hier einzeln nennt (4. 11 – 12),
[35] dabei aber übersehen, daß er, noch bevor er auf diese einzelnen Gaben zu sprechen kommt, erklärt hat, daß Gott alles in allen wirken wolle (4. 6). Und darum sollen nicht nur die wenigen Gaben einzelner hineinkommen und akzeptiert werden dürfen, sondern es müssen die Gaben aller – nach dem Maß, das jeder hat – in den Christuskörper einverleibt werden, alles soll ja zum Wachstum gebracht werden, hinein in Ihn, in Christus, der das Haupt ist (4. 15 - 16). 

    Daher bedarf es so sehr der Einheit dieses einen Körpers, der in den verschiedenartigen Gaben erbaut wird: alle sind gleichermaßen auf Christus, das Haupt ausgerichtet, alle hören gleichermaßen auf Ihn, und das Band des Friedens untereinander, als das der gegenseitigen Annahme und Liebe hält uns, die Glieder, in diesem Körper zusammen. So gelangen wir dann endlich auch zur Einheit des Geistes, d. h. der gemeinsamen Führung aller seiner Glieder durch diesen einen Geist (4. 1 - 6). Hier sehen wir, wie notwendig ein solches Zusammenkommen ist; wollen wir in diese Einheit, in dieses Wachstum und damit in die Reife hineingelangen, dann sind die Dinge, von denen wir hier sprechen, geradezu unumgänglich. Denn je mehr diese Einheit, dieser Frieden zustandekommt, umso mehr Gaben kommen auch zusammen, umso mehr Teile fügen sich, ja vervollständigen sich zu einem Ganzen (4. 13, s. a. Kap. 1. 23). So kann auch etwaigen Irrtümern schon im Zeitpunkt ihres Entstehens wirksam begegnet werden, da ein jedes Glied, solange es gehorsam ist und sich vom Geist auch demütig führen läßt, nach dem ihm gegebenen Maß das jeweils andere nicht nur ergänzen, sondern im gegenseitigen Gespräch ggf. auch korrigieren kann. [36]

 

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Von der Koinonía oder: Werdet erwachsen

    Dieser notwendige Austausch setzt freilich ein ganz anderes Verständnis des Leibes voraus, als jenes, das heute weitgehend an der Tagesordnung ist. Insofern gilt es, den zentralen Gemeinschaftsbegriff des Neuen Testamentes, die koinonía, richtig zu verstehen. Koinonía – als Inbegriff der innersten Liebesbeziehung in einer Ehe – heißt so viel wie Gemeinschaft oder Beisteuer zu gleichen Teilen (vgl. Hbr 13. 16). Dieses Gleichgeteiltsein meint nicht Gleichartigkeit, sondern Gleichberechtigung in der Form, daß niemand über dem anderen steht, gleichzeitig aber niemand für sich selber Vollmacht hat, sondern immer nur für den anderen. Damit gelten hier dieselben Regeln, wie sie auch für Mann und Frau niedergelegt sind. Wie der Mann nicht die Vollmacht über seinen eigenen Körper hat, sondern nur die Frau, so hat auch die Frau keine Vollmacht über den eigenen Körper, sondern nur der Mann (1Kor 7. 3 - 4, s. a. Ga 3. 28). In derselben Weise sollen nun die Glieder des Christusleibes einander dienen, indem sie nicht so sehr suchen, was das Ihre, sondern immer zuerst das, was des Anderen ist (Phil 2. 2 - 4). 

    So ist also in dem Begriff der koinonía auch schon der Gedanke des jeweils Einander-Dienens und Höherachtens ganz klar enthalten. Und darum besteht der Leib auch nicht in der Hierarchie jenes problematischen Amtsverständnisses, das von den meisten gelehrt und praktiziert wird, sondern in der Gleichberechtigung aller seiner Glieder, ein jedes an seinem ihm von Gott zugewiesenen Ort. Wir können uns diese Gleichberechtigung am besten ausmalen, wenn wir uns einen Kreis denken, in dessen Mitte Christus ist. Wir sind Seine Jünger und bilden den Kreis, indem wir um Ihn herum versammelt sind; wir schauen alle gleichermaßen auf Ihn, wir empfangen von Ihm und sind gleichzeitig über Ihn auch miteinander verbunden. Da erhebt sich keiner über dem anderen, kein anderer ist in der Mitte als nur Jesus, unser Herr. Das ist koinonía, und das ist der einzige Boden, auf dem die Geistesgaben überhaupt erst gedeihen können. Nur so kann auch der Austausch der Glieder untereinander geschehen, wie er oben beschrieben worden ist. Sobald sich aber auch nur einer der Versammelten aus dem Kreis erhebt, um mehr oder größer zu sein als der andere neben ihm, ist der Kreis durchbrochen, die Gemeinschaft untereinander ist an der Stelle aufgelöst, und die allen gemeinsame Mitte, der Christus, ist aufgegeben, weil da ein anderer in die Mitte getreten ist neben Ihm.

    Die hartnäckige Weigerung, sich der Geistesgaben nicht nur in der rechten Art, sondern überhaupt zu befleißigen, hat etwas mit diesen Zusammenhängen zu tun – sie ist Ausdruck der Furcht des Menschen, seine eigene Herrschaft aufzugeben und die Dinge aus den Händen zu legen, um sie dort zu lassen, wo sie hingehören, nämlich in den Händen Gottes. Letzten Endes ist ein solches Weigern nur mehr ein Beweis dafür, daß man nicht gewillt ist, sein Kindheitsstadium aufzugeben, um zu reifen und in das Mannesalter des erwachsenen Sohnes hineinzukommen (Eph 1. 15 - 23, 4. 13). Hier geht es also nicht mehr nur um die Anfangsgründe; hier geht es um die schon festere Speise, wie auch der Hebräerbrief sagt; hier geht es darum, daß wir hören, was der Herr uns sagen will, weshalb sich der Schreiber dieses Briefes beklagt, daß seine Briefempfänger, die der Zeit nach eigentlich Lehrer sein sollten, wieder der Milch bedürfen, da sie die feste Speise nicht vertragen können, weil sie im Hören schwerfällig geworden sind (Hbr 5. 11). Hier erkennen wir, daß sie schon einmal dort gewesen sind, wo der Schreiber sie wieder hinführen will; sie sind aus dem zurückgefallen! So wichtig ist ihm diese Reife, diese Hörfähigkeit, dieses Verbundensein mit dem himmlischen Haupt, daß er dies immer wieder anmahnt, indem er seine Leser fast schon bekniet, daß sie doch ihre Herzen nicht verhärten mögen, wie einst während der Wüstenwanderung der Israeliten geschah, die aufgrund ihres Ungehorsams und Unglaubens den Eingang in das ihnen Verheißene versäumt hatten (3. 7 - 19, 4. 1 - 7).

    Daran, daß der Hebräerbrief seine Leser bis in das Innerste hinter dem Vorhang, bis ganz hinein in das Heilige, wo ja der siebenarmige Leuchter steht, der die sieben Geister Gottes repräsentiert, und darüber hinaus bis in das Allerheiligste Gottes führen will, erkennen wir, daß das Gesagte durchaus sehr viel mit den Geistesgaben zu tun hat, mit Dingen also, die wir nur in der Gemeinschaft mit dem dreimalheiligen Gott empfangen können, weil sie dem natürlichen Menschen verborgen bleiben müssen (vgl. Jes 11. 2, Hbr 9. 2, Off 2. 1, 5; s. a. Jo 3. 3 - 13, Rö 8. 5 - 9, 1Kor 2. 9 - 16, 15. 50 u. v. a. m.). Das sind ja auch genau die Dinge, die dem Schreiber des Hebräerbriefes wegen der Schwerhörigkeit seiner Leser zu erörtern verwehrt waren, so daß er sie ihnen nicht erklären konnte (Hbr 5. 11, s. a. Kap. 9. 2 - 5). Wie Jesus, der erstgeborene Sohn, so sollen auch wir lernen, ständig auf Gott zu hören, stets von Ihm abhängig zu sein. Dieses Ziel zu erreichen, ist Hauptgegenstand der Erziehung Gottes zum mündigen Sohn. Darum lernte auch Jesus den Gehorsam durch das, was er litt; und so sollen auch wir uns mit demselben Gedanken wappnen, denn wenn uns der Vater auf diese Weise nicht erzöge, dann wären wir ja Bastarde und nicht Söhne (Hbr 5. 7 - 10, 12. 4 - 11, s. a. 1Ptr 4. 1 - 2). Und wie jene werden auch wir dazu angehalten, durch steten Gebrauch – ständiges Hören – geübte Sinne zu erwerben, um in einer solchen Weise hören zu können, daß wir Treffliches wie auch Übles voneinander zu unterscheiden vermögen (Hbr 5. 14 - 6. 3). Und davon, daß unsere Sinne geschärft werden sollen, haben wir ja gerade gesprochen. Denn daß wir dieses Ziel tatsächlich auch erreichen, das ist der Vorsatz des Apostels auch bei den Korinthern:

   Brüder, werdet nicht wie kleine Kinder in euren Sinnen und Denken. Im Üblen sollt ihr wohl unmündig sein, aber im Sinnen und Denken gereift werden!
1Kor 14. 20

    Wie viele unter denen, die sich heute Christen nennen, sind wohl Mündige im Üblen, gleichzeitig aber Unmündige, Ungereifte im Sinnen und Denken? Hier aber geht es darum, daß unsere Sinne geschult, empfindsam gemacht werden sollen durch das Einüben im rechten Gebrauch der Gaben. Wir sollen ja dem Kleinkindalter entwachsen in einer Zeit, in der wir eigentlich längst mündig geworden sein sollten. Das Wort, das Paulus hier verwendet, ist in diesem Zusammenhang geradezu bemerkenswert. Hier steht tatsächlich, daß wir nicht wie kleine Kinder, wörtlich wie Spielende werden sollen (paidía, von paizo, spielen abgeleitet, landläufig auch mit dem Wort „Knaben” übersetzt). Hier entsprachen die Korinther nicht zuletzt auch der Ichbezogenheit kleiner Kinder, wenn sie zwar offensichtlich alle durcheinander in Zungen beteten, die Gaben aber, die der Auferbauung des Bruders und der Schwester dienen sollten, vernachlässigten. Spielende werden, nicht Spielende sein, steht da; wie die Hebräer, so waren also auch die Korinther bereits dabei, sich nicht voran- sondern sich zurückzuentwickeln!
[37] Hier besteht also genau das gleiche Problem. Es ist daher an der Zeit, daß auch wir aufhören, mit den Gaben (oder was wir manchmal auch nur dafür halten) einfach nur herumzuspielen, wie jene es offenbar taten, und damit anfangen, unsere Hausaufgaben zu machen, die der Apostel uns hier aufgibt, damit wir endlich erwachsen werden!

    Sowohl die vielen Querelen, als auch die nicht wenigen Übertreibungen in Bezug auf das Zungengebet stellen deutliche Kennzeichen einer solchen Unreife, eines solchen Kleinkindstadiums dar. Was hat man nicht in den verschiedenen christlichen Lagern alles schon über diese Gabe gesagt oder geschrieben, meist mit dem Ergebnis, daß diese Gabe entweder ganz verworfen oder auf der anderen Seite immer wieder maßlos übertrieben worden ist! Diese Art des Gebets darf keineswegs vernachlässigt werden, wie viele behaupten; seine Ausübung braucht jedoch eine gewisse Sorgfalt, nicht zuletzt bedarf sie auch unseres Hingegebenseins in der Furcht Gottes. Es ist auch nicht der Fall, daß die Prophetie oder irgendeine andere Form der verständlichen Rede das Zungengebet abgelöst habe, wie man in verschiedenen Lagern hört. Daher ist es also auch nicht richtig, es ganz abzustellen oder etwa in ein verstandesmäßiges, erlerntes Reden in einer Fremdsprache umzudeuten u. v. a. m. Wer immer auch solche oder ähnliche Lehren verkünden mag, der zeigt, daß er weder die Art des Praktizierens, noch die Wirkungsweise der Geistesgaben insgesamt, noch ihre Wechselbeziehungen untereinander jemals richtig verstanden hat. Er hat einfach nicht begriffen, was der Apostel hier schreibt, und wie ein Blinder in der Farbe, rührt er in den Paulustexten herum und versucht Dinge zusammenzumischen, die er nicht gesehen hat. Wenn Paulus betont, daß die Korinther in der Prophetie zunehmen sollen, sagt er damit ja nicht, daß sie aufhören sollen, in Zungen zu beten (1Kor 14. 1). Im Gegenteil; er wünscht ja, sie würden alle in Zungen beten (V. 5). Es soll jedoch in der rechten Ordnung geschehen, damit auch all die anderen Geistesgaben zum Zuge kommen können, die für die Auferbauung der ganzen Gemeinde notwendig sind. Und darum müssen auch wir uns mit dieser Ordnung einmal wirklich auseinandersetzen.


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Von den Wechselbeziehungen der Gaben untereinander

    Wir sprachen ja davon, daß die Geistesgaben zueinander in verschiedenen Wechselbeziehungen stehen. Um nun die Wechselwirkung des Zungengebetes mit den anderen Gaben zu verstehen, müssen wir erst einmal darauf eingehen, wozu es uns überhaupt gegeben wurde und was es eigentlich bewirken soll. Wer in Zungen betet, der betet für sich selbst Geheimnisse zu Gott; somit ist dies nicht nur eine, sondern sogar die einzige Gabe zur eigenen Auferbauung – es ist daher in erster Linie eine persönliche Gabe (V. 2, 4a). Wenn wir die Zungengabe in dem Kontext betrachten, in dem Paulus sie hier beschreibt, dann müssen wir unbedingt beachten, daß das Zungengebet als solches sich keineswegs an Menschen richtet, wie offenbar immer wieder unterstellt wird - es beinhaltet Geheimnisse, die an Gott gerichtet sind, und zwar an Gott allein.
[38] Es gibt keine andere Gabe, die uns so sehr in die Gegenwart Gottes führt wie das Gebet in neuen Zungen und der Austausch jener Geheimnisse der Liebe Gottes, die sie beinhaltet. Das ist auch der eigentliche Grund dafür, weshalb der Teufel gerade diese Art des Gebetes so massiv bekämpft. [39]

    In der Versammlung
aber geht es nicht so sehr darum, daß ich auferbaut werde; hier soll ich vor allem weitergeben, soll überfließen zur Erbauung meiner Geschwister (V. 4b - 19). Hier stehe ja nicht mehr ich, sondern hier stehen andere im Vordergrund, weshalb der Apostel an anderer Stelle dazu aufruft, den Bruder und die Schwester höher zu achten als sich selbst (Phil 2. 3).
Wenn wir dieses Überfließen nicht nur mental verstehen, sondern tatsächlich – durch die Bereitschaft, weiterzugeben – auch überzufließen beginnen, werden wir auch erleben, wie die Gabe der Zungenrede uns, gewissermaßen wie ein „Schlüssel”, hin zu allen anderen Gaben führt, vom nur Persönlichen hin in die Gemeinschaft und Auferbauung aller. Die Verbindung zu Gott, wozu das Gebet im Allgemeinen und das Zungengebet im Besonderen ja gegeben wurde, ist immer der Ausgangspunkt für die Verbindung mit allen anderen Gliedern. Gott kann mich überfließend segnen, und mein Überfließen führt immer dazu, daß die anderen gesegnet werden, indem die Ströme Gottes durch mich hindurch und aus mir heraus auch zu ihnen fließen (Jo 4. 13, 14; 7. 38 - 39). Wer außer Gott weiß, was der andere braucht? Ich weiß es nicht, kann es auch nicht wissen, aber der Geist Gottes weiß es – und betet es für mich (Rö 8. 26 - 28, 1Kor 2. 10 - 17).

    Ein solches Gebet wird immer erhört werden; es ist ja das Gebet des Heiligen Geistes, das da gesprochen wird, d. h. die dritte Person Gottes Selber betet in uns, steigt zum Thron des Vaters auf, empfängt und kommt von dort her auch mit den Antworten zurück. Gebet ist ja keine Einbahnstraße, als ob wir allein redeten, sondern vor allem Gott ist es, der da redet, indem Er unser Beten erhört und nach Seinem Willen und zu Seiner Zeit antwortet. Wieviel mehr noch gilt dies, wenn der Heilige Geist Selber in uns und durch uns betet! Hier geschieht genau das, was der Herr über das Wirken des Geistes sagte, nämlich, daß Er es von dem Seinen nehmen und den Jüngern verkündigen werde (Jo 16. 14). Da der Geist in uns wohnt, steigen diese Dinge dann wiederum in Form einer Auslegung, eines Erkenntniswortes, einer Prophetie u. a. in meinem oder in dem Herzen anderer auf und können, sobald der Herr einen entsprechenden Impuls gibt, auch öffentlich kundgetan werden – durch wen und auf welche Weise immer Er es will. Wer also die Zungengabe ablehnt, der lehnt mit ihr letztlich auch all die Gaben ab, mit denen auch die anderen erbaut werden sollen, und wird wohl kaum dahin kommen, eine solche jemals wirklich auch zu praktizieren. Damit findet dann aber auch die gemeinsame Auferbauung des Leibes nicht mehr statt  ein klarer Schachzug des Teufels. Die Gabe der Auslegung wäre z. B. ohne die Zungengabe, die in der Öffentlichkeit dieser Gabe bedarf, vollkommen sinnlos und ihrer Grundlage beraubt (V. 5b). Die Auslegung wiederum führt wie ein Bindeglied hin zu allen anderen Redegaben, wie der ihr durchaus ähnlichen, aber noch tiefer gehenden Gabe der Prophetie, auf die Paulus einen Schwerpunkt setzt, weil sie auch die Ungläubigen und Unkundigen zu erreichen vermag (V. 23 - 25), aber auch zu denen des Lehrens, [40] des Kundtuns von Offenbarungen oder des Psalmodierens, einer Gabe, die wiederum der des Zungengebetes sehr nahekommt; beides sind ja Gaben zur Anbetung und Verherrlichung Gottes und gehen oft auch ineinander über [41] (V. 26, s. a. Eph 5. 18 - 21).

    Wir fassen zusammen: Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst. [42] Diese Erbauung  die übrigens nach 1Kor 14. 14 eben gerade nicht nicht über den eigenen Verstand geht, sondern sich direkt in unserem Geist auswirkt  soll den, der betet, zum Überfließen führen; dieses Überfließen führt wiederum zu den anderen Gaben, und zwar nicht mehr nur zur eigenen, sondern zur Erbauung aller (vgl. 1Kor 12. 7). Diese Erbauung anderer setzt jedoch voraus, daß diese das Gesagte dann auch verstehen können. Wer daher, vom Geist Gottes eingegeben, prophetisch redet, auslegt u. ä., d. h. also verständlich redet, baut die Versammlung auf. Darum gehört das öffentliche (laute) Reden oder Beten in neuen Zungen nur dann in diese Versammlung – hier ist die öffentliche Versammlung gemeint, zu der auch Ungläubige oder Unkundige herzukommen können (14. 23 - 25) – wenn ein anderer da ist, der sie auslegen, wörtlich: durch-übersetzen kann, was der Geist sagen will.


    Wenn aber kein Ausleger (eig. Durch-Übersetzer, diêrmenêutes) da ist, so schweige er in der Gemeinde, rede aber für sich und für Gott.

1Kor 14. 28, rev. Elberfelder

    Paulus weist hier an, daß der, der in Zungen sprechen will, während kein Übersetzer da ist, in der Gemeinde schweigen soll; dieses Schweigen konkretisiert er dann allerdings in der Weise, daß derjenige für sich selber und für Gott reden soll, d. h. in der Stille, sich also einer lauten, hörbaren Äußerung in Zungen enthalten soll. Damit muß eine jede öffentlich laut vernehmbare Kundgebung in Zungen, wenn diese nicht nachfolgend auch ausgelegt werden kann, unterbleiben. Der Apostel sagt nun jedoch nicht, daß das Zungengebet in einem solchen Fall abzubrechen sei. Hier ist er oft mißverstanden worden. Nein, sagt er – es ist weiterzubeten, allerdings in der Stille, so leise also, daß es die anderen Versammelten nicht stört oder anderswie beeinträchtigt. Dies ist keine Zulassung, sondern ein Gebot; anders, als viele Übersetzungen hier vermuten lassen, verwendet der Apostel hier die Befehlsform; hier steht also gewissermaßen kein „er darf” oder „er mag, sondern ein „er soll. Es geht beim Zungengebet ja darum, daß die eigene Verbindung mit dem Geist Gottes in dieser Versammlung bestehen bleibt, so daß der Geist jederzeit die Antworten Gottes zu diesem Gebet hervorbringen und aussprechen lassen kann, durch wen und auf welche Weise immer Er will. Sowohl bei einer willkürlichen Unterbrechung des Sprachengebetes als auch bei einer ungeistlichen und falschen Art des Praktizierens wäre dieser Fluß in den anderen Gaben nicht mehr möglich.

    Das immer wieder anzutreffende laute Durcheinanderbeten oder -reden in öffentlichen Versammlungen ist daher, wie jede andere tumultartige Erscheinung auch, als nicht schriftgemäß zu verwerfen. Ein solches Verhalten ist zuchtlos und widerspricht der Heiligkeit und der Ordnung Gottes; wiederum ein Zeichen dafür, daß wir nicht gereift, sondern im Kindheitsstadium steckengeblieben sind (V. 20). Ebenso unbiblisch ist die weitverbreitete Praxis, das Sprachengebet zur sog. „geistlichen Kampfführung” zu mißbrauchen in der Form, daß man meint, irgendwelche Finsternismächte damit „anschreien” zu müssen in der Hoffnung, daß sie davon schneller weichen. Das ist eine unnüchterne Schwärmerei; die angesprochenen Dämonen verstehen das Gesagte nicht, weil sie die Weisheit Gottes insgesamt nicht verstehen; denn wer in Zungen betet, der redet ja Geheimnisse zu und mit Gott, spricht die Weisheit Gottes (V. 2; vgl. 1Kor 2. 6 - 10). Diese Praxis ist auch keineswegs ungefährlich; denn Gott hat uns nirgendwo geboten, Dämonen in der hier beschriebenen Weise herauszufordern oder überhaupt auf dämonische Manifestationen besonders einzugehen, wie ja auch Jesus oder auch die Apostel die Dämonen nicht reden ließen und ihre eigene Zurschaustellung in keiner Weise duldeten. [43] Der Kampf ist die Sache des Herrn, sagt die Schrift; wer diesen Kampf selber führen will, der sollte wissen, daß er sich damit auf gefährliche Abwege begeben hat (2Chr 20. 15ff). Auch ist Gott nicht taub, daß er solchen Gebrülles bedürfte. Im Gegenteil  die Stille im Verborgenen ist der Ort, wo Er wohnt.

    Aber auch mit einer anderen Lehrverirrung, die aus demselben Lager kommt und eigentlich mit dem vorgenannten im Zusammenhang steht, muß endlich einmal gründlich aufgeräumt werden. In verschiedenen Kreisen existiert die Auffassung, daß es neben einem auszulegenden Sprachengebet noch eine davon zu unterscheidende Zungenrede gäbe, die sich vorgeblich an Menschen richte und die man darum nicht auszulegen brauche. Diese Auffassung hat im Wesentlichen auch zu den oben genannten Exzessen geführt. Zunächst ist jedoch zu sagen, daß es die Substantive „Zungenrede oder „Zungengebet”, Sprachengebet usw. im Griechischen nicht gibt; es ist immer und ausschließlich lediglich von glossai, Zungen oder Sprachen die Rede, die nicht sonderlich unterschieden werden. Und genau das sind sie auch: es sind reale Sprachen, seien es solche der Engel oder Menschen, aber kein an sich undeutliches Gelalle oder Gebabbel, wie einige Gabenleugner von der anderen Seite hetzerisch von sich gegeben haben, indem sie immer das verurteilen, was ihrem Verstande sich zunächst zu entziehen scheint. Sie übersehen jedoch, daß göttliche Weisheit zwar unser Denken nicht übergeht, dabei aber weit über die menschliche Vernunft hinausgeht (s. 1Kor 1. 18ff).

    Das zeigt einmal mehr, daß sie diese Gabe nicht kennen, denn sonst wüßten sie aus eigener Erfahrung, daß dem nicht so ist. Und so hat auch das für den Vorgang des eigentlichen Zungenredens verwendete griechische Verb laleo, sprechen oder reden, mit einem Lallen oder einer undeutlichen Aussprache desselben nichts zu tun. Sie ist (phonetisch) genauso klar, wie die eines Deutschen klar wäre, der z. B. mit dem Russischen vertraut ist und darum russisch zu sprechen vermag, auch wenn der, der des Russischen unkundig ist, sie natürlich nicht versteht, obwohl es sich um eine klar artikulierte Sprache handelt. Wem diese Gabe offenbart ist, der weiß darum und vermag es zutiefst zu schätzen. [44] Ebenso verkehrt ist die vor allem bei Kritikern weit verbreitete Ansicht, daß das im Neuen Testament beschriebene Reden in Sprachen etwas mit einem aktiv-verstandesmäßigen Beherrschen einer oder einiger der etwa 6800 Sprachen zu tun habe, die es auf der Welt gibt. Alle diese Leute, die von einem solchen Beherrschen von Fremdsprachen als einer so genannten echten Gabe des Sprachenredens fabulieren, haben ihre Bibel nicht wirklich gelesen, sondern ihre eigenen Weisheiten (bzw. die anderer) in sie hineininterpretiert; anderenfalls wüßten sie, daß dies bei Paulus, der von einem fruchtleeren Verstande des jeweils Betenden spricht (weswegen diese Gabe nicht ohne Auslegung in der Gemeinde stattfinden soll) gerade nicht der Fall ist (1Kor 14. 12). In solchen ohnehin sehr verstandesmäßigen Lehren wird für gewöhnlich „menschlicher Geist (pneuma) mit Verstand (Denksinn, nous) gleichgesetzt. Das ist nach biblischer Lehre jedoch falsch, und es wird auch nicht davon richtiger, wenn man sich diese Verse mit Gewalt zurechtbiegt (s. d. Verse 14 und 15). Der menschliche Geist ist seit der Wiedergeburt der Ort der Verbindung mit Gott, während der Verstand in den Bereich der Seele gehört, weswegen er dem Gotteswort stets unterzuordnen ist. Der eigene Geist ist, während er betet, nicht davon abhängig, ob das Ausgesprochene von dem Betenden selbst auch mental verstanden wird. Nicht ohne Grund spricht Paulus in dem Zusammenhang von einem eigenen Auferbauen ohne Mitwirkung des Verstandes (V. 2 und 4a), was freilich nur auf den Betenden selbst, aber nicht auf die Versammlung bezogen werden darf, die das Gesagte nicht verstehen und daher außen vor bleiben würde.

    Wenn wir nun vom Sprachengebet gesprochen haben, dann immer vom Hintergrund her, daß diese Gabe wie oben erwähnt eine Gebetsgabe ist, niemals aber eine Verkündigungs- oder Lehrgabe. Natürlich kann man auch von einer Zungenrede sprechen; es geht ja tatsächlich auch um einen Redefluß dabei, so sie öffentlich vorgetragen wird, und auch der Apostel spricht ja vom Reden in Zungen. Es ist jedoch grundsätzlich falsch, eine solche Unterscheidung zwischen Rede und Gebet vorzunehmen, wie sie hier angeführt worden ist. Und so ist auch die Berufung der entsprechenden Lehre auf die Zungen am Anfang der Apostelgeschichte gänzlich irreführend, da die dort nicht vorhandene Notwendigkeit einer Auslegung sich darauf gründet, daß der Heilige Geist exakt die Sprachen eingab, in denen die Hörenden sprachen, ihnen  und vor allem den Juden  zum Zeugnis, daß den Jüngern (und später sogar denen aus den Nationen!) der Heilige Geist gegeben worden war (Apg 2. 1ff, 10. 34 - 48). Und schon in der Apostelgeschichte (2. 10 und 10. 46) ist dies immer eine Lobpreisung Gottes, in der Seine Taten gerühmt werden, aber keine Verkündigung als an Menschen gerichtet! Daß Menschen diese hören und zugleich verstehen  und dies hier auch sollen! ist lediglich Führung Gottes. Diese Sachlage ist im vierzehnten Kapitel des ersten Korintherbriefes allerdings eine völlig andere. Dort dienen die Zungen, die unausgelegt gesprochen und darum weder verstanden werden, noch zum Glauben zu führen vermögen, grundsätzlich zum Zeichen des Gerichts, während die verständliche Rede (und besonders die Prophetie) grundsätzlich zum Zeichen des Segens wird, das den Glaubenden (d. h. denen, die sie hören, verstehen und darum glauben) gegeben ist. (14. 21ff). Darum kann das Sprachenwunder am Anfang auch nicht mit der hier besprochenen Geistesgabe gleichgesetzt werden, wie dies die diversen Protagonisten der radikal-gabenkritischen Szene unsinnigerweise immer wieder getan haben.

    Es liegt also (mit Ausnahme einiger, die auch am Anfang die Sprachen nicht verstanden haben, s. Apg 2. 13) gewissermaßen eine Umkehrung dessen vor, was noch am Anfang gültig war. Wer dies nicht beachtet, der gleicht jemandem, der Äpfel mit Birnen vergleicht und sich dann wundert, daß er beides nicht zusammenbekommt. Und so ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, wenn es dabei zu Bibelauslegungen kommt, die eher an ein Holzhacken erinnern denn an korrekte biblische Exegese. Während wir in der Apostelgeschichte jeweils vom Beginn der Gemeinde und damit deren Kindheitsstadium auszugehen haben, geht es in Korinth bereits um die Ordnung und die Auferbauung dieser Gemeinde, damit diese sich aus den Kindheitstagen fortentwickeln kann. Darum steht das Gebot des Apostels in 1Kor 14. 5, die Zungen auszulegen, andernfalls aber zu schweigen, im Zusammenhang mit der Mahnung, erwachsen zu werden (V. 20ff). Diese Dinge sind weithin übersehen worden. Damit gehen diese Kreise exakt von denselben Trugschlüssen aus, wie auch viele evangelikale Freunde ihnen erlegen sind, kommen kurioserweise aber zu ganz anderen Ergebnissen, die im völligen Gegensatz zu dem hier genannten Extrem stehen und damit das andersseitige Extrem bilden. Das eine ist jedoch so ungesund wie das andere. 

    Fassen wir das Gesagte noch einmal kurz zusammen: Wir haben oben erörtert, wozu diese Gebetsgabe dient und wozu nicht, und darüber gesprochen, in welchen Beziehungen sie zu den anderen geistlichen Gaben steht. Diverse unbiblische Praktiken und Entgleisungen (auch auf anderen Gebieten) haben jedoch besonders evangelikale Gruppierungen – vor allem solche mit dem Anspruch einer besonderen Bibeltreue – immer wieder zum Anlaß genommen, das Sprachenreden oder -beten ganz zu unterbinden, unter Verwendung verschiedenster und oft auch uneinheitlicher Konstruktionen, durchaus auch von diversen Irrlehren, mit denen wir uns weiter oben ausführlicher beschäftigt haben (s. d. sog. überzogene Dispensationslehre). [45] Hier wurde mithilfe scheinbiblischer Argumente immer wieder versucht, „den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben”. Was aber sagt Paulus? Er sagt klipp und klar und bleibt dabei völlig nüchtern:

    ...eifert danach, prophetisch zu reden, und verwehrt nicht, in Zungen zu sprechen. Alles aber geschehe wohlanständig und ordnungsgemäß.

1Kor 14. 39 - 40

    Damit schiebt er beiden Extremen einen Riegel vor und entzieht ihnen somit jegliche Grundlage und Möglichkeit der Rechtfertigung.
Wer also immer auch nur in einem dieser beiden Extreme lehrt, der bewegt sich 
in dieser Frage – nicht auf dem Boden der Heiligen Schrift und kann sich in der Folge auch nicht auf sie berufen, soweit seine Äußerungen diese Fragen betreffen. Darum, liebe Freunde, laßt Euch keineswegs entmutigen oder berauben; laßt euch nicht verführen, weder nach der einen noch nach der anderen Seite! Wehret nicht, in Zungen zu reden; trachtet darüber hinaus aber vor allem nach der prophetischen Rede; alles geschehe jedoch anständig [46] und der Ordnung gemäß!

    Mit dieser Grundordnung des Heiligen Geistes wollen wir uns nun noch näher beschäftigen. Ausgehend von dem Griechischen des Neuen Testaments nenne ich sie


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< Menschen der Unmittelbarkeit Die Taufe... >


Die Ordnung des Herabstandes.

    Wir rekapitulieren:

    (26) ...Wenn ihr zusammenkommt, hält ein jeder von euch etwas bereit; einen Psalm, ein anderer hat Belehrung, hat Enthüllung, hat Zungenrede, hat die Übersetzung derselben. All das soll zur Auferbauung dienen!

    (27) Sei es nun, daß man in Zungenrede sprechen will (jeweils zwei oder allermeist drei) dann geschehe dies in Bruchteilen, denn einer soll es ja übersetzen! (28) Wenn aber kein Übersetzer da ist, schweige der Zungenredner in der herausgerufenen Gemeinde, er soll dann für sich selbst und für Gott sprechen!

    (29) Ebenso sollen nur zwei oder drei Propheten sprechen, und die anderen sollen es beurteilen. (30) Wenn jedoch einem anderen, der noch sitzt, etwas enthüllt wird, soll der erste schweigen. (31) Denn ihr könnt alle nacheinander prophetisch reden, damit alle etwas lernen und allen zugesprochen werde; (32) zudem ordnen sich die prophetischen Geistesgaben den Propheten unter. (33) Denn Er ist nicht der Gott des Aufruhrs (wörtlich: akatastasía, Unherabstand, nicht herabstehen können), sondern des Friedens.

1Kor 14. 26 - 33


    Unser Text ist einer der am wenigsten verstandenen Abschnitte des Neuen Testaments. Man liest landläufig aus ihm heraus, daß Gott nicht ein Gott der Unordnung sei, sondern ein Gott der Ordnung, weshalb Er Ordnungen in die Gemeinde gesetzt habe. Mit diesem Satz wird zumeist auch die Betonung einer hierarchiemäßigen Leiterschaft verstanden und begründet. Das ist einer der Trugschlüsse, die den Leib am meisten aufhalten, und das ist hier keineswegs gemeint. Eine so verstandene menschliche Leiterschaft ist nicht zuletzt Ausdruck des Erhebens eines Gliedes über das andere  etwa nach der Maxime: „ich habe dir zu sagen, weil Gott mich über dich gesetzt hat” – und steht dem Gesagten daher gerade entgegen, wie ja auch der Herr die Herrschaft eines Jüngers über dem andern kategorisch ausgeschlossen hat (Mt 20. 25 - 28, Mk 10. 42 - 45). Es geht hier nicht um eine menschliche und weltliche, sondern um eine geistliche und damit himmlische Ordnung. Darum gilt es unbedingt festzuhalten, daß eine jede Ordnung nicht zwangsläufig auch für Richtigkeit steht. Der oben angesprochene Frieden bringt zwar immer eine Ordnung hervor, eine Ordnung hat aber nicht allein darum schon Frieden zur Folge, nur weil man sie als Ordnung versteht.

    Damit wir dies recht begreifen: Hier wird nicht der Anarchie das Wort geredet, die dem Wesen nach die Aufhebung einer jeglichen Ordnung und damit Gesetzlosigkeit ist, indem sie auf jede Unterordnung verzichtet. 
[47] Aber wir sprechen eben auch nicht von einer Hierarchie von Kirchen- oder Gemeindeämtern, in der Menschen per vermeintlich göttlichem Dekret sich über andere Menschen gesetzt wähnen. Eine jegliche Ordnung, die nicht aus Frieden erwächst und nicht in Frieden hineinmündet, ist Zwang. Ein solcher Zwang aber steht der Liebe völlig entgegen, die sich freiwillig hingeben will, ohne das Ihre zu suchen. Die Liebe fordert nicht. Vor allem das Heischen nach Unterordnung anderer unter die eigene Person wäre ihrem Wesen vollständig zuwider (vgl. 1Kor 13. 5). Das Wesen der Liebe ist immer die eigene Selbstentäußerung, die Weigerung, an Dingen für sich selbst festzuhalten, die Gott ihr gegeben hat: statt nach Unterordnung zu rufen, ordnet sie sich selbst unter, wird den Menschen ein Mensch, gibt sich auf um des andern willen  bis hin zum eigenen Tod (s. Phil 2. 5ff).

   
Darum läßt sie sich auch gerne sagen, zumal dann, wenn ein anderes Glied in einer Angelegenheit reifer ist als das andere und diesem daher dann auch etwas mitzuteilen hat (1Ptr 5. 5ff). In vielen Diskussionen sind mir diese ganz offensichtlichen Verwechslungen und theologischen Kurzschlußreaktionen immer wieder begegnet. Meistens habe ich meine Gesprächspartner dann gefragt, welchen Zustand denn genau die Bibel als Gegensatz zur Unordnung darstelle. – „Ordnung”, bekam ich dann fast immer zu hören, und fast ebenso regelmäßig erfolgte die Aufforderung zur Unterwerfung unter eine leiterschaftsmäßige (Macht-) Hierarchie, die man unter dieser Ordnung zumeist verstand. Ich suchte aber nicht nach der Antwort, die man „logischerweise”, d. h. dem menschlichen, noch unerleuchteten Verstand nach finden würde oder die die gemeindliche bzw. kirchliche Tradition zumeist lehrte, sondern die, welche die Bibel als Gottes Wort dazu entgegnen würde, und diese Antwort lautet nicht „Ordnung”, sondern „Frieden”. Und so sind viele heutige sogenannte Ordnungen, die man in der Gemeinde Jesu aufzurichten sucht, dem Frieden so entgegengesetzt, wie eine Sache einer anderen nur entgegengesetzt sein kann. Wir wollen nun den einen Vers noch einmal lesen, den man augenscheinlich nicht nur aus dem Zusammenhang herausgerissen, sondern obendrein auch falsch zitiert hat:

   Denn Er ist nicht der Gott des Aufruhrs, sondern des Friedens.
1Kor 14. 33

    Das Wort Aufruhr wird in den meisten Bibeln mit Unordnung wiedergegeben. Nicht in irgendeiner Ordnung um ihrer selbst willen, sondern im Frieden also finden wir das biblische Gegenteil für Unordnung vor. Damit erkennen wir auch, daß eine jede Ordnung, in der der Friede Gottes nicht zu finden ist, in den Augen Gottes eigentlich Unordnung darstellt und damit in den Aufruhr mündet.


    Bevor wir uns mit der griechischen Grundbedeutung dieses Wortes auseinandersetzen, wollen wir noch ein wenig beim Kontext des betreffenden Satzes bleiben. Paulus schrieb dies im Zusammenhang seiner Belehrung über den rechten Gebrauch der Geistesgaben in der Gemeindeversammlung. Das ist für uns besonders bedeutsam, denn darum geht es uns ja. Er erklärt allen die Bedeutung des Zungenredens und mahnt dazu, diese Gabe dann, wenn sie öffentlich und für alle vernehmbar stattfinden soll, auch auszulegen. Dem heutigen Pastorenkirchentum aber steht das schon entgegen: Denn in der Versammlung soll nicht nur einer reden: ein jeder soll etwas zu sagen haben, ein jeder etwas zum Geschehen beisteuern:

    Wenn (d. h. also: wann auch immer, so oft) ihr zusammenkommt, hält ein jeder von euch etwas bereit: einen Psalm, ein anderer hat Belehrung, hat Enthüllung, hat Zungenrede, hat die Übersetzung derselben. All das soll zur Auferbauung dienen.
1Kor 14. 26

    Das ist eine Aussage, die man auch zur Überschrift über das ganze vierzehnte Kapitel machen könnte. Hierbei ist es bedeutungsvoll, daß dieses Kapitel von dem dreizehnten garadezu eingeleitet, ja vorausbedingt wird, in dem uns der Weg der Liebe beschrieben wird, der alles andere noch überragt. Wir haben uns ja bereits ausführlich damit auseinandergesetzt und besprochen, wie die Liebe – als die Annahme und Zusammenfügung der Teile aller – und die Geistesgaben zusammenwirken und einander bedingen, so daß das eine ohne das andere nicht sein kann. Sowohl das zwölfte, als auch das dreizehnte und das vierzehnte Kapitel sollten daher auch immer im Zusammenhang gesehen werden; man darf sie nicht in einer solchen Weise voneinander trennen, wie dies in Auslegung und Praxis leider immer wieder geschieht. Hierbei geht es also im Wesentlichen um diesen Weg: alles soll dem Nächsten dienen, ihm zur Auferbauung; da ist also nichts, was ich vor dem Anderen zurückbehalten darf, nichts, was ihm unverständlich bleiben soll. Denn die Liebe trachtet immer nach dem, was des Anderen ist. Und dies betrifft sowohl seinen Bedarf, als auch seine Gabe.


    Denn genau so, wie die Liebe nach der Auferbauung aller trachtet, ist sie auch bestrebt, daß all diese auch zum Zuge kommen, und damit das, was der Geist Gottes ihnen, d. h. jedem Einzelnen gegeben hat. Damit bleiben wir bei dem Thema, das sich wie ein roter Faden auch durch diese ganze Schrift hindurch ziehen muß: der sich dem Nächsten sowohl hingebenden als auch sich unterordnenden Liebe. Diese gegenseitige Unterordnung stellt eigentlich ein Voreinander-Herab-Ordnen dar und offenbart damit das Wesen der Liebe selbst. Das Einer achte den anderen höher als sich selbst des Philipperbriefes und die dazu notwendige Selbstverleugnung – hier sind sie enthalten (s. Mt 16. 24, Lk 9. 23 u. a., Phil 2. 2ff). Diese Grundhaltungen – das Neue Testament bezeichnet sie auch als Tugenden – entscheiden darüber, ob wir bloßes Wissen haben und bei allem Wissen ohne Frucht bleiben oder ob eine tatsächliche Auferbauung aller geschieht. Nicht zuletzt aus diesem Grunde schreibt der Apostel:

    Erkenntnis (eigentlich Kenntnis oder Wissen, gnosis) macht aufgeblasen, die Liebe aber erbaut.
1Kor 8. 1

    Hier geht es eigentlich um ein Wohn-Bauen, was im Griechischen durch das Wort oikodomeo ausgedrückt wird; ein geistliches Haus wird gewissermaßen errichtet, Stein auf Stein gesetzt, und einer trägt dabei den anderen. Das bedeutet nicht weniger, als daß dieser Aufbau ohne die hier beschriebenen Dinge nicht stattfinden wird. Die Liebe führt immer in den Aufbau aller hinein; sie fragt danach, was der andere davon hat, ob das, was ich sage oder tue, tragfähig ist für den anderen. Werden Bruder und Schwester auferbaut, d. h. also getragen von dem, was ich sage, oder bin ich aufgeblasen aufgrund dessen, was ich zu wissen, was ich zu haben meine? Und: lasse ich andere zum Zuge kommen, nehme ich die Gabe des Anderen an, lasse ich mir sagen? Bin ich bereit zu hören, bevor ich selbst etwas sagen will? „Wisset aber, meine geliebten Brüder: Jeder Mensch sei schnell zum Hören bereit, säumig zum Sprechen...”, so schrieb etwa Jakobus in seinem Brief an die zwölf Stämme in der Zerstreuung (Ja 1. 19). Die Liebe läßt immer dem Anderen den Vortritt!


    In diesem Zusammenhang, in dem es sowohl um die Auferbauung aller geht, als auch um die Auferbauung durch alle, mahnt Paulus zum rechten Gebrauch der Zungenrede, während alle versammelt sind. Zwei oder drei sollen dabei reden, und dies in Bruchteilen, was implementiert, daß jeder lediglich einen Teil hat, und nur die Zusammenfügung ein Ganzes ergeben kann. Nun soll aber nicht in Zungen gesprochen werden, ohne daß es auch einen Übersetzer aller dieser Teile gäbe. Hier wird das Wort Durch-Übersetzer (diêrmenêutes) verwendet, d. h. es soll eine Übersetzung durch alle Teile hindurch erfolgen. Wenn jedoch kein anderer da ist, der übersetzen kann, so soll für sich, also leise gebetet werden; öffentlich gilt es dann zu schweigen, da anderenfalls die anwesende Versammlung nicht erbaut werden kann, versteht sie doch nicht, was geredet wurde. [48] Denn wer in einer Zunge spricht, der spricht zu Gott und redet Geheimnisse; er erbaut sich selbst (1Kor 14. 3 - 4). Dies macht den persönlichen Gebrauch dieser Gabe für den Sprechenden zunächst überaus wertvoll.

    Wir haben dabei jedoch zu beachten, wozu das Zungengebet dient. Es dient, da es ein Gebet ist und sich an Gott richtet, der Erschließung aller anderen Gaben – als der Antwort Gottes auf ein solches Gebet, wie auch immer eine solche Antwort dann ausfallen mag. Besteht sie in Schweigen, habe auch ich zu schweigen. Besteht sie in einer Rede, habe auch ich zu reden und das wiederzugeben, was der Geist der Versammlung zu sagen hat. Besteht sie in einer Handreichung – wer bin ich, daß ich meinem Bruder oder meiner Schwester diese Handreichung vorenthalten will, zu der mich Gott gerade beauftragt hat? Da gilt es dann wirklich zu hören, wie nur ein Jünger hören kann, der sein Ohr ganz nah am Munde des Meisters hält (Jes 50. 4 - 5, Mt. 10. 27). Damit ist das Zungengebet in besonderer Weise auch Ausdruck der Abhängigkeit von Gott.
[49] Die eigentliche Bedeutung dieser Gabe ist daher weder in der charismatischen Bewegung noch unter ihren evangelikalen Kritikern wirklich durchgehend verstanden worden. Doch dazu ist sie vor allem da. Auch dazu haben wir uns bereits ausführlich geäußert. Denn hier, in der Versammlung, geht es ja um die Liebe, die die Auferbauung der anderen Teile im Blick hat. Wie aber kann ich andere auferbauen, wenn ich selbst nicht bete – ich meine hier ganz einfach das persönliche Gebet zu Gott und nicht unbedingt nur das Sprachengebet – und von daher auch nichts empfange? Die uns auf diesem Weg gegebenen Gnadengaben sind aber weniger für uns selbst, als vielmehr für das geistliche Wohl aller anderen gedacht.

    Denn alle sollen ja verstehen, sollen aus dem Dargebrachten heraus gesegnet, sollen auferbaut werden. Deshalb ist eine Übersetzung der Zungenrede in der Versammlung so wichtig, und deshalb werden alle angewiesen, solange zu schweigen, wie diese Gabe nicht auch übersetzt, d. h. also für alle verständlich gemacht werden kann. Ist die Zungenrede deshalb unwichtig? Nein und nochmals nein! Paulus sagt:

    Ich danke Gott, denn mehr als ihr alle spreche ich in Zungenrede, doch in der herausgerufenen Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Denksinn sprechen, als zehntausend Worte in Zungenrede.
1Kor 14. 18 - 19

    Wir sehen daran, wie wichtig Paulus die Zungen an sich sind. Er unterbindet sie also nicht, sondern ordnet sie lediglich richtig ein, indem er auf die Notwendigkeit der Verständlichkeit
innerhalb der Gemeindeversammlung hinweist. Man kann sagen, daß Paulus für die Versammlung alles das untersagt, was sich dieser Verständlichkeit entzieht. Genau dies, da es um Verständnis geht, ist ja der Grund, weshalb Paulus in der versammelten Gemeinschaft auf die verständliche Rede drängt, und nun nicht nur dazu anhält, das öffentliche Zungenreden nicht ohne deren Auslegung auszuüben, sondern vor allem, die Prophetie anzustreben. Denn Prophetie erbaut alle, und um diese Erbauung geht es ja. So soll um alle Gaben geeifert werden, am meisten aber um diese (14. 1, 39). Wenn wir um Prophetie eifern sollen, dann bedeutet dies, in ihr besonders fleißig sein zu wollen, freilich ohne die Zungenrede nun abzuwerten oder gänzlich abzulehnen, wie dies in manchen Kreisen leider geschehen ist und noch immer geschieht. Es soll ja gerade nicht gewehrt werden, in Zungen zu sprechen, nur soll dies ordnungsgemäß geschehen – nach der Ordnung eben, die wir gerade erarbeitet haben (14. 39 - 40).

    Nun aber weist Paulus auch auf die Wichtigkeit des gemeinsamen Prophezeiens hin und lehrt über dessen Abfolge. Hier sollen demnach ebenfalls zwei oder drei Propheten sprechen, nicht mehr; alle anderen aber sollen das Gesagte beurteilen, wörtlich diakrino, durch-urteilen (1Kor 14. 29). Das bedeutet einerseits, daß das Gesagte in allem durchgegangen und besprochen werden, und andererseits, daß dieses gemeinsame Besprechen durch alle hindurch gehen soll: alle sollen es ja beurteilen. Es geht hierbei also gewissermaßen um ein gemeinsames Erarbeiten, ein gemeinsames Ringen um die Wahrheit durch die Mitwirkung aller, je nachdem, was ein jeder durch den Geist Gottes gerade empfängt. Hier soll sowohl alles durch alle als auch alles in allen gewirkt werden (Eph 4. 6). In welchem Gegensatz dazu das heute anzutreffende Pastorenkirchentum steht, liegt dabei nur allzu deutlich vor aller Augen. Da redet, schaltet und waltet nur einer, oder bestenfalls ein Konsortium weniger, herausragender und besonders auserwählter „Brüder”, während allen anderen das Wort von vornherein entzogen worden ist. Nun, auch Paulus redet davon, daß wir einmal innehalten und schweigen sollen; bei ihm aber findet ein Schweigen statt, damit alle Versammelten, einzeln nacheinander zum Zuge kommen können (1Kor 14. 31). Hier gibt und empfängt allerdings jeder: alle sollen etwas lernen aus dem, was Gott durch alle darreicht. Denn ein einzelner, auch wenn er sich „Pastor” nennt, hat ja immer nur einen, nämlich seinen eigenen kleinen Teil. Er mag sich zwar mehr Wissen angelesen haben als andere; bloßes Wissen aber erbaut nicht, sondern bläst auf, wie wir sahen (1Kor 8. 1 - 2).

    Nein – angelerntes Wissen führt nicht in die Offenbarung hinein, die wir benötigen, sondern geht an der Erkenntnis Gottes gerade vorbei (vgl. Ga 1. 12). Da werden wir sehr schnell einseitig und geraten in geistlichen Mangel hinein, wenn wir nur dem Reden eines Einzelnen oder einiger Weniger folgten. Wie sagte noch der Apostel?

    Denn bis jetzt erkennen wir nur aus einem Bruchteil und prophezeien aus einem Bruchteil.
1Kor 13. 9

    Wie wir bereits gesehen haben, gilt die Ordnung, aus Teil zu erkennen, genau so lange, wie das Vollkommene nicht gekommen ist. Das Vollkommene, das in der Vollendung des Christus, der Vereinigung des Hauptes mit allen seinen Gliedern besteht, ist aber noch nicht gekommen; wäre es gekommen, wären wir nicht mehr hier (vgl. Eph 1 - 2). Das Teilweise der Erkenntnis durch den Einzelnen bedarf also auch weiterhin stets der Vervollständigung durch die Teile aller Anderen, wenn es nicht fehlgehen soll. Anderenfalls würde der Christuskörper als Ganzes nicht in die Reife, die Mündigkeit und die Vollkommenheit hineingelangen können, in die Gott ihn durch die Einverleibung der Gaben ja gerade hineinführen will (vgl. Eph 4. 15 - 16). Deshalb sind die Teile aller so wichtig, wollen wir in jene Vervollständigung hineingelangen, die auch dem Apostel so sehr am Herzen liegt (1Kor 13. 10). Beim Prophezeien gilt es daher, ebenso zu schweigen, wenn wir in unserem Geist bemerken, daß Gott nun durch einen anderen etwas gesagt haben will (Kap. 14. 30). In dem Zusammenhang spricht Paulus über das Vermögen aller, einzeln nacheinander zu prophezeien, und sagt, daß die Geister der Propheten den Propheten untergeordnet sind (14. 32).

    Wir richten uns hierbei keineswegs gegen Lehrvorträge von Einzelpersonen. Auch dies wird, wie wir an den verschiedenen Unterredungen des Paulus sehen, die dieser geführt hat, zuweilen notwendig sein. Wenn wir noch nicht in eine zumindest grundlegende Mündigkeit gekommen sind und uns von daher nicht in der Lage befinden, daß wir die Stimme Gottes hören und das Echte von dem Falschen unterscheiden können, dann bedürfen wir in der Tat einer eingehenden Belehrung über diese und andere Dinge, wobei dann besonders die Gabe des Lehrens zum Tragen kommen wird (s. Eph 4. 11 - 14, vgl. Hbr 5. 12 - 6. 3). Daß ein solcher Dienst eine durchaus längere Zeit, manchmal auch Monate in Anspruch nehmen kann, ergibt sich aus neutestamentlicher Lektüre (vgl. Apg 19. 8ff, 20. 7ff). Wir richten uns aber dagegen, daß solche Personen sich dann als Leiterschaft über den Leib setzen, der doch die Gemeinde Gottes ist. Ich persönlich habe auch nichts gegen die Form einer Liturgie einzuwenden, solange diese Liturgie sich an die Bibel hält, nicht zum bloßen Ritual erstarrt und von daher eine wirkliche Anbetung Gottes darstellt. Wir sind ja keineswegs immer in der Lage, daß wir ständig wunderbare, hochgeistliche Dinge von uns geben könnten. Daß eine Liturgie dann sehr hilfreich sein kann und in erheblichem Maße in die Gegenwart Gottes zu führen vermag, das habe auch ich erfahren dürfen. Wie schön aber wäre es, wenn diese Dinge nicht nur von einem oder von dem Gremium einiger weniger, sondern von immer einem anderen angestimmt würden! Wäre das nicht ein Anfang? Eine solche Form müßte dann freilich auch Raum geben für die Geistesgaben, die Gott doch allen gegeben hat und daher auch nur von und in allen zum Zuge kommen können (1Kor 12. 6ff., Eph 4. 6 - 7). [50] Gerade in den sog. charismatischen oder vorgeblich freien Gemeinden kommen diese Dinge fast durchweg zu kurz; sie sind zumeist wenig bis gar nicht mehr vorhanden, ganz zu schweigen von jenen unbiblischen Verirrungen, die da manchmal willkürlich (zumeist auf Geheiß einer Leiterschaft) vom Zaun gebrochen werden.

    Nein, hier geht es nicht darum, daß alles schweigt, während nur einer spricht; hier geht es um die gegenseitige Auferbauung; und so sagt der Apostel, daß alle reden sollen, und zwar einzeln nacheinander. Hierbei gibt es weder eine Bevorrechtigung für einen Einzelnen, noch wird Raum für jenes Durcheinander gewährt, das heute in so manchen Versammlungen leider anzutreffen ist. Nein, in dieser Ordnung ist ein jeder in die Lage versetzt worden, zu reden; gleichzeitig wurde ein jeder aber auch befähigt, ja wurde ihm geboten, zur rechten Zeit zu schweigen und damit in der richtigen Weise hinter der Gabe des Anderen zurückzustehen. Wer prophezeit, so Paulus, der kann also auch aufhören
und damit dem Nächsten Raum geben, durch den Gott anschließend reden will. Damit entsteht nun ein Fluß, eine fortgesetzte Rede Gottes durch die Münder aller, durch die ganze Versammlung hindurch. In diesem gemeinsamen Reden wird der ganze Christuskörper offenbar. Jeder hat dabei seinen ihm von Gott gegebenen Anteil, der so – durch die Zusammenfügung mit den Teilen der anderen – zu einem Ganzen zusammenkommt und damit allen gemeinsam dient (1Kor 12. 7). Dieses Zusammenkommen der Bruchteile setzt daher auch die unmittelbare Zusammenführung aller durch Gott voraus, ohne die Er den Anwesenden nichts geben kann, da sie im anderen Fall in Eigenregie zusammengekommen sind und sich daher nicht in Seinem Willen befinden. Allein so, durch die Zusammenfügung aller dargebotenen Bruchteile, findet dann auch die Erbauung der ganzen Gemeinde statt (14. 26). Und in diesem Kontext steht das Wort, daß Gott nicht der Gott des Aufruhrs ist, sondern des Friedens.

    Wir kommen nun zur Grundbedeutung des griechischen Begriffes, der hier mit Aufruhr (landläufig mit Unordnung) wiedergegeben worden ist. Das Wort Aufruhr lautet im Griechischen akatastasía, das wörtlich mit Unherabstand zu übersetzen ist. Dieses Wort ist im Deutschen nicht gebräuchlich, weshalb die Übersetzer es zumeist mit Aufruhr oder mit Unordnung umschrieben haben, was durchaus zulässig ist. Aber diese Übersetzungen vermögen eben doch nur einen Teil dieses Wortes abzudecken, der in ihm enthalten ist. Und so verdunkelt eine solche Einschränkung des Verständnisses seine Erkenntnis mehr, als daß es ihr nützt. Wir haben darum an der zwar nicht gebräuchlichen, dafür aber wörtlichen Übersetzung festgehalten und haben daher den Begriff auch bei der Formulierung der Überschrift zu diesem Kapitel verwendet. Die Ordnung, in der die Gemeinde, die Herausgerufene Gottes überhaupt nur bestehen kann, ist tatsächlich eine Ordnung der katastasis, des demütigen Herabstehens aller, in der jeder bereit ist, jedem anderen den Vortritt zu lassen, wann immer er dessen bedarf. Die akatastasía ist ihr ganzes Gegenteil. Sie ist Aufruhr von ihrem ganzen Wesen her, in dem sich jeder über jeden erhebt, was zur völligen Unordnung und damit zum Unfrieden führt, weshalb die Übersetzer diesen Begriff an anderen Stellen auch als Beschreibung von Unruhen und Volkstumulten verwandt haben (vgl. Lk 21. 9). Gerade im deutschsprachigen Raum hat man eine mitunter panische Angst davor entwickelt, daß eine Gemeinde nicht geordnet sein könnte. Im Streben nach Ordnung liegt an sich nichts Falsches. Man hat dabei nur meist übersehen, daß eine Ordung, die zwar mustergültig erscheinen mag, sich dabei aber nicht an Gott hält, ein Aufruhr sein muß in Seinen Augen.

    Dort, wo nach der göttlichen Definition Aufruhr ist, herrscht ein Zustand vor, in dem nicht voreinander herabgestanden, d. h. also nicht in der gegenseitigen Demut gestanden wird, wie Paulus dies im Zusammenhang der Gnadengaben beschrieben hat. Denn dieser gemeinsame Gebrauch setzt Rücksichtnahme voraus; ich muß also den höher achten, der außer mir noch etwas zu sagen hat, und das sind naturgemäß alle anderen Anwesenden. Und deshalb habe ich genau dann von meinem Eigenen abzulassen, davon zurückzutreten, herabzustehen also, und zu schweigen und zu warten, wenn ich merke, daß der Andere neben mir etwas sagen will, und habe es zu hören als Gottes Weisung, durch ein Glied des einen Körpers ausgegeben an diesen ganzen Körper, dessen Glied auch ich sein darf. Nicht von ungefähr hat Paulus vor die Erläuterungen über die Geistesgaben den alles überragenden Weg der Liebe gesetzt; wie wir gesehen haben, leitet er seinen Abschnitt über den rechten Gebrauch der Gaben doch mit einer umfassenden Darlegung dieses Weges geradezu ein (1Kor 13). Aufruhr, Unherabstand, ist also gerade dort zu Hause, wo der so angemahnte Weg der Liebe nicht beschritten wird, wo nicht ein jeder sagen darf, was Gott ihm gegeben hat, wann, wo und wie Gott dies gerade durch ihn gesagt haben will – in der Ordnung, in die Gott die vielerlei Gaben hineingesetzt hat.


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„Die Gaben des Geistes sind die Gaben des Geistes”

    Diesen Satz prägte der im Anfang genannte lutherische Pfarrer, den ich als Bruder und geistlichen Vater sehr schätze, im Jahr 1984 auf einer jener Kirchenwochen im ostdeutschen Mohlsdorf in Thüringen, die ich eingangs im Prolog erwähnt habe. Über lutherische Theologie läßt sich trefflich streiten; doch dieser Satz meines Freundes ist immer noch wahr! Es ist einer der Sätze, die sich mir tief ins Bewußtsein eingegraben haben. Wir haben uns ja die Geistesgaben immer irgendwie vom Geist Gottes losgelöst gedacht, indem wir stillschweigend und meist unbewußt annahmen, daß Er uns lediglich bestimmte Gaben gäbe, als ob Er sonst mit uns nichts zu tun haben wolle. Wir haben Ihn, ähnlich wie die Esoteriker, wie eine unpersönliche Kraft, wie eine Substanz verstanden und, auch wenn wir das auch nicht so gesehen haben mögen, Ihn wenigstens als eine solche behandelt. Gottes Geist ist aber weder eine Kraft noch eine Substanz, wie wir weiter oben gesehen haben, sondern eindeutig eine Person 
eine Person, die betrübt werden kann, die sich freuen kann, die einen Willen hat, die Gemeinschaft haben kann (mit der wir also auch Gemeinschaft haben können), die sprechen und sich artikulieren kann und vieles andere mehr.

    Es wäre wohl kaum möglich, daß eine Kraft diese Dinge ausführen könnte oder wir mit einer solchen Kraft Gemeinschaft haben könnten. All diese Dinge bestätigen uns das Wesen des Heiligen Geistes als das einer Person.
Es ist demnach keine Kraft, obwohl Er Kraft besitzt und diese Kraft eine Seiner besonderen Eigenschaften ist. Schon Jesaja nennt Ihn den Geist des HERRN, den Geist der Weisheit und des Verstandes, den Geist des Rates und der Kraft, den Geist der Erkenntnis und Furcht des HERRN (w. Jahwes, Jes  11. 2).

    Wie wir schon aus der Physik wissen, vermag eine Kraft (wie zum Beispiel die Elektrizität) sehr wohl zu fließen, eine Arbeit zu verrichten und verschiedene Wirkungen hervorzubringen. In der Tat ist der Heilige Geist im Verständnis verschiedener christlicher Bewegungen und Glaubensrichtungen immer wieder auf ein solches Fließen und Wirken reduziert worden. Wenn er aber eine bloße Kraft wäre, dann wäre Er jedoch ebensowenig in der Lage, jemandem etwas zuzuteilen, wie eine Kraft jemals etwas beschließen könnte, noch irgend etwas anderes von dem zu tun, was wir oben angeführt haben. Eine Kraft hat ja keinen Willen, weil sie eben keine Person ist, sondern ist lediglich eine physikalische oder bestenfalls mentale Größe.

    So hat eine bloße Kraft all diese Merkmale nicht aufzuweisen, wohl aber eine Person, und damit der Geist Gottes. Aber Er ist eben nicht nur irgendeine Person, sondern wird die dritte Person der Gottheit genannt. Er ist Gott Selbst. Wenn Er aber eine uns verliehene, uns quasi „zur Verfügung stehende” bloße Kraft wäre, die wir je nach Sachlage erwerben und dann „benutzen” könnten, wie wir fälschlicherweise annahmen, dann ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß wir daraus immer wieder geschlossen haben, daß Seine Gaben von „irgendwo da draußen”, aus dem unpersönlichen Nichts, „irgendwie” aber doch von Gott „zu uns herabgesandt” würden, eine jede einzeln für sich, die dann auch einzeln empfangen werden müßte. Das ist nicht das Verständnis Gottes. Eine solche Auffassung über den Heiligen Geist als von einer gewissermaßen im Nachhinein personifizierten, verfügbaren Kraft kommt aus der Welt, geradewegs aus dem Heidentum, [51] und wird als Relikt heidnisch-magischen Denkens von all jenen hineingebracht, die sich dem Herrn Jesus nicht völlig ausgeliefert haben:

    (5) So kam Philippus in die Hauptstadt Samaria hinab und heroldete ihnen den Christus. (6) Die Volksmenge achtete einmütig auf die von Philippus gesprochenen Worte, als sie ihm zuhörte und die Zeichen erblickte, die er tat; (7) denn aus vielen von denen, die unreine Geister hatten, fuhren diese mit lauter Stimme schreiend aus. Auch wurden viele Lahme und Hinkende geheilt. (8) Hierüber herrschte viel Freude in jener Stadt.

    (9) Ein Mann namens Simon aber war schon vorher da und hatte in der Stadt schwarze Magie betrieben und die samaritische Nation außer Fassung gebracht, indem er von sich behauptete, ein Großer zu sein. (10) Auf den achteten alle, vom Kleinen bis zum Großen, und sagte: „Dieser ist die Kraft Gottes, die man die ‚große’ nennt.” (11) Sie achteten deshalb auf ihn, weil er sie geraume Zeit mit Zaubereien außer Fassung gebracht hatte. (12) Als sie aber dem von Philippus verkündigten Evangelium vom Königreich Gottes und vom Namen Jesu Christi glaubten, ließen sie sich taufen, Männer wie auch Frauen. (13) Und auch Simon selbst glaubte; und nachdem er getauft war, hielt er sich zu Philippus und war außer sich vor Verwunderung, als er die großen Machttaten schaute, die geschahen.

    (14) Als die Apostel in Jerusalem hörten, daß Samaria das Wort Gottes angenommen hatte, sandten sie Petrus und Johannes zu ihnen aus. (15) Die zogen hinab und beteten für sie, damit sie heiligen Geist erhalten möchten, (16) denn bisher war er auf noch keinen von ihnen gefallen, sondern sie waren nur in dem Namen des Herrn Jesus getauft. (17) Dann legten sie ihnen die Hände auf, und sie erhielten heiligen Geist. (18) Als Simon gewahrte, daß der Geist durch Handauflegung der Apostel gegeben wurde, brachte er ihnen Geld und sagte: (19) „Gebt auch mir diese Vollmacht, damit jeder, dem ich die Hände auflege, heiligen Geist bekommt.”

(20) Petrus aber sagte zu ihm: „Dein Silber sei mit dir zum Untergang, da du meinst, das Geschenk Gottes durch Geld zu erwerben. (21) Dir ist kein Anteil und kein Los an diesem Wort beschieden, denn dein Herz ist nicht aufrichtig gegenüber Gott...”
Apg 8. 9 - 21

    Nein – Gottes Geist ist keine Kraft, wie wir sahen, obwohl Er Kraft hat und Kräfte verleiht, und Er gibt uns auch nicht einfach nur einzelne, ganz bestimmte Gaben oder Fähigkeiten. Er gibt Sich uns Selbst – und bringt alle Seine Gaben mit sich, die Er dann in uns zur Entfaltung bringen möchte, in einem jeden seiner Führung, seinen Aufgaben, seiner Treue und damit nicht zuletzt auch seiner Reife gemäß. Wenn also der Heilige Geist in uns wohnt, in persona, wie die Schrift sagt, dann wohnen mit Ihm auch alle seine Gaben in uns; er will ja ebenso „alles in allen” wirken, wie die Gaben von Ihm nicht zu trennen sind (1Kor 12. 6 - 7, Eph 4. 5 - 6). Und darum können auch wir die Geistesgaben eben gerade nicht von dieser in uns wohnenden Person des Heiligen Geistes – die ja die dritte Person der Gottheit ist – abtrennen! Wir können sie in diesem Sinn noch nicht einmal benutzen! So stimmt der Satz, daß die Gaben des Geistes die Gaben des Geistes sind; sie gehören uns nicht, sondern dem Geist; sie sind jene uns im Augenblick verliehenen, anvertrauten Talente, mit denen wir, der jeweils gestellten Aufgabe entsprechend, im Gehorsam und unter der Führung Gottes „wuchern” sollen; und das geschieht solange, bis der Herr wiederkommt, dem wir über den rechten und früchtetragenden (!) Gebrauch Seiner Gaben dann Rechenschaft zu geben haben.


    Wenn wir erkennen, daß wir den Geist empfangen haben, dann erkennen wir also auch, daß wir mit diesem Geist auch Seine Gaben bereits empfangen haben. Der Geist hat alle Gaben in Sich Selbst. Und in diesem Sinne sagten wir, daß der Geist es ist, der die Gaben mit sich bringt, wie er ja auch die Liebe mit sich brachte und sie in unser Herz ausgegossen hat (Rö 5. 5). Und so, wie Er diese Liebe sichtbar und für andere erfahrbar werden lassen will, so will Er auch Seine Gaben durch uns sichtbar und für andere erfahrbar werden lassen, und zwar so, wie Er es will, nicht nach menschlicher Einteilung und nach menschlichem Gutdünken. Es sind nicht
unsere Gaben. Sie gehören uns nicht. Sie gehören dem Heiligen Geist, welcher aber, seit wir gläubig geworden sind, in uns wohnt. Darum unser Satz, der besagt, daß die Gaben des Geistes die Gaben des Geistes sind. Und wenn Er in uns wohnt, und wenn das Seine Gaben sind, die er mit Sich brachte, dann ist Er es auch, der die Gaben in uns hervorbringt – freilich nicht ohne unseren Willen, aber niemals ausgehend von unserem Willen. Immer steht Sein Wille am Anfang!

    Es geht also nicht nur darum, daß wir uns gewisser Geistesgaben befleißigen, sondern vielmehr noch, daß wir vor allem Gemeinschaft mit ihrem Geber haben. Nur aus solcher Gemeinschaft heraus können die Gnadengaben – es sind ja charismata, Gaben oder Wirkungen Seiner Gnade – wirklich fließen und zu den Menschen gelangen. Und nur so kann auch Seelisches und Geistliches nicht nur getrennt, sondern kann Seelisches mehr und mehr vermieden werden.

    Paulus schreibt:

    Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.
2Kor 13. 13

    Wir sprachen bereits von den Eigenschaften des Heiligen Geistes als von denen einer Person; hier haben wir die Gemeinschaft des Heiligen Geistes noch einmal gesondert herausgestellt, von der Paulus wünscht, daß sie mit uns sei. Gott möchte ja allezeit Gemeinschaft mit uns haben; er will nicht, daß wir etwas vom Ihm „empfangen” oder „nehmen”, um dann mit dieser empfangenen Gabe aus seiner Gegenwart herauszutreten, damit wir dann – sozusagen ohne Ihn und in Eigenregie – irgend etwas mit ihr anfangen oder bewirken können. „Wenn mich der Herr in einem speziellen Dienst gebrauchen will, gibt er mir die Gabe auf jeden Fall mit”, schrieb ein Bruder in einem Internetforum. Genau hierin liegt der eigentliche Irrtum. Gott gibt uns keine Gaben mit, in der Form, daß wir sie jenseits Seiner unmittelbaren Gegenwart „auspacken” und je nach Bedarf anwenden könnten. Wir haben nicht einzelne Gaben, sondern den Heiligen Geist empfangen, [52] der in unseren Herzen Seine Liebe ausgegossen hat und in dessen Händen die Gaben liegen, die Er durch diese Liebe nun – von dort her – nach dem Willen des Vaters austeilt, wie Er will! Das ist ein fundamentaler Unterschied!

    Wie der Sohn Gottes, so sollen also auch wir ständig geführt sein durch Seinen Heiligen Geist, abhängig vom Willen des Vaters in jeder Sekunde, als in Seiner Gegenwart Lebende – Lebende aber aus den Toten, als solche, die nichts mehr haben oder nehmen aus sich selbst. Das bedeutet nichts weniger als das, daß Gott mir die Dinge aktuell, „jetzt”, in dem betreffenden Augenblick, geben muß; wir haben nichts „auf Vorrat” empfangen, über das sich anschließend „nach Bedarf” verfügen und das sich entsprechend „verwenden” ließe. Jede andere Vorgehensweise macht die Gabe zum Raub und versetzt die Regie aus den Händen des Vaters in die eigenen, und darin wird auch der Grund sichtbar, weshalb die charismatische Bewegung gerade in dem ihr ureigensten Gebiet straucheln mußte und Opfer so vieler Irrlehren, namentlich den einschlägigen der Glaubensbewegung, geworden ist. Schauen wir Jesus an, und sehen wir auf Seinen Dienst. Obwohl Er in göttlicher Gestalt war, achtete Er es gerade nicht als einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte Sich Selbst und nahm Knechtsgestalt an  um als Mensch und an Gebärden als ein Mensch empfunden zu werden, und wurde gehorsam bis zum Tod, ja zum Tode am Kreuz (Phil 2. 5ff).

    So sollen auch wir genauso gesinnt sein, wie der Sohn Gottes es war. Diese Sätze mögen uns ärgern  aber „darunter” geht es nicht. Mit „weniger” ist Gott nicht zufrieden. Und darum will der Herr, daß auch wir eins mit Ihm werden und eins mit Ihm bleiben – schon auf dieser Erde so eins, so abhängig von Ihm, wie Er es uns vorgelebt hat. Da gilt es, beständig von Ihm zu hören, und dann ausschließlich das zu tun, was Er uns in die Situation hinein sagt, mit der Gabe, die Er in uns in derselben Situation hervorbringen will, ganz gleich, was diese Gabe auch sei. (Wir schließen hier ganz unbedingt auch „irdische” Gaben mit ein.) Und manchmal bedeutet ein solcher Gehorsam eben auch einfach nur zurückzutreten und zu schweigen. – Sind wir so von Ihm abhängig, daß wir ohne Ihn nichts tun können? Oder können wir immer noch selber etwas, gebrauchen wir also diverse Prinzipien”, „Gesetze”, einzelne „Bibelstellen” usw., verlassen wir uns auf den „Einsatz” verschiedener „Praktiken” oder „Mittel, erstellen wir uns eigene Leitbilder” oder sogar sogenannte „Visionen”, gründen wir uns auch auf Erfahrungen, um unser Leben zu meistern oder unser Gemeindeleben” zu organisieren, statt uns beständig nach Ihm Selbst auszustrecken  indem wir Ihn suchen und und auf Ihn hören?


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< Menschen der Unmittelbarkeit Die Taufe... >


Der Raub und die Versöhnung

    Das ist unsere eigentliche Sünde, und die Mißachtung dieser Wahrheit ist damit auch die eigentliche Wurzel aller jener Verirrungen und Pervertierungen im pseudo-charismatischen Gewand, die wir heute zu beklagen haben. Denn eine Gabe, die wir aus den Händen Gottes heraus an uns reißen, ist zum Raub geworden; sie hat aufgehört, eine Gabe Gottes zu sein (s. Phil 2. 5 - 8). Sie entspricht der Einforderung jenes einen verlorenen Sohnes, der vom Vater noch vor der Zeit das ihm zustehende Erbteil einforderte, den Vater dann verließ und mit diesem Erbteil, nachdem er es in Eigenregie durchgebracht hatte, letztlich bei den Schweinen, in der Unreinheit endete (Lk 15. 11 - 24). Aber auch der andere Sohn verfehlte seinen Weg: er blieb zwar bei dem Vater, aber nur oberflächlich, dem Anschein nach; er war mehr auf dem Felde als in der Gemeinschaft des Vaterhauses zu finden, und er diente in eigener Kraft und nach eigenem Vermögen, statt auf die Reichtümer zuzugreifen, die ihm der Vater zur Seite gestellt hatte (Lk 15. 25 - 32). Diese zwei falschen Wege finden wir heute wieder vor; einerseits haben wir den Weg, alles an sich zu reißen und einzufordern, vor der vom Vater zugewiesenen Zeit, andererseits den Weg, alles zu verwerfen, was der Vater gegeben hat, und darauf mehr oder weniger zu verzichten, wobei jeder sein eigenes Extrem – und jedes ungeistliche Extrem hat etwas mit Sünde zu tun – mit dem Extrem des jeweils anderen zu begründen sucht.

    Dieselben beiden falschen Wege erklären dann auch die Spannungen zwischen den beiden Brüdern, die dahin führen, daß sie sich gegenseitig ausschließen, bekämpfen und verteufeln. Und dieselben Spannungen finden wir heute wieder vor; aufs neue erzeigen sie sich in den zwischen „Evangelikalen” und „Charismatikern” immer wieder geführten Auseinandersetzungen in diesen Fragen! Damit führen sie auch hier zum Bruderzwist, zu fortgesetztem Haß und damit zu ständigem Morden unter Brüdern – und damit zum schleichenden Verlust des geistlichen Lebens beider (1Jo 3. 11 - 15). [53] Und so wird uns all dies insgesamt zum Fallstrick; es wird zu einer Quelle der Verachtung und Zurückweisung dieser Gaben innerhalb der gesamten Christenheit, und zugleich zu einer Wurzel von Vollmachts- und Kraftlosigkeit, so daß wir in dieser Welt nichts mehr ausrichten können, weil wir beide uns vom Vater entfernt haben, getrennt sind von Ihm. Nach der Trennung von Gott aber kommt immer die Trennung zwischen Brüdern, wie nach der Sünde Adams der Brudermord Kains folgte (1Mo Kap. 3, 4. 2 - 10). So ist es der Finsternis gelungen, zwei Brüder, die nach Gottes Willen doch zusammengehören, gegeneinander zu hetzen und dahingehend zu verführen, daß sie gegeneinander vorgehen, indem sie das Schwert des Geistes, welches nach Epheser 6. 17 das von Gott empfangene Wort ist, wiederum in die eigene Hand nehmen, um es statt gegen die Macht der Finsternis nun gegeneinander zu erheben und damit aufeinander einzuschlagen. Dies zeigt uns ziemlich genau die Taktiken auf, mit denen der Teufel arbeitet.

    Wir wollen abschließend den 133. Psalm lesen:


    Ein Lied der Aufstiege. Nach David.
    Siehe, wie fein und wie lieblich ist es, wenn Brüder in Eintracht auch miteinander wohnen. Es ist wie das gute Öl auf dem Haupt, herabfließend auf den Bart, Aarons Bart, der herabfällt über den Saum seiner Mäntel.
    Es ist wie der Nachttau des Hermon, der herabsinkt auf die Berge Zions;
denn dorthin hat Jewe (o. Jahwe) den Segen geboten, Leben für den Äon (andere: Leben in Ewigkeit).
Ps 133, konkordante Übersetzung

    Anhand dieses Psalms erkennen wir, auf welche Art und Weise Gott uns segnen will und uns überhaupt nur segnen kann. Wie die ganze Heilige Schrift, so spricht auch der 133. Psalm letzlich von Christus. Anhand der Beschreibung Aarons, des Hohenpriesters des Alten Bundes, entfaltet er ein prophetisches Bild des Christus, des Hohenpriesters des Neuen Bundes, bestehend aus Jesus, dem himmlischen Haupt, und der Gemeinde, Seinem Leib, der auf der Erde wandelt, sich aber bereits bis in die Himmel hinein erstreckt, dorthin, wo das Haupt bereits ist.
[54] Der Segen Jahwes ergießt sich immer vom Haupt her auf den ganzen Leib, um von diesem Leib aus wie frischer Tau zuerst Zion und von dort aus auch die ganze Erde zu befruchten. Und immer fließt der Segen herab – herab von dem Haupt, das Sich Selbst entäußerte und als Mensch zu uns kam, herab aber auch von den Gliedern des einen Körpers, von dem einen zu dem andern, innerhalb jenes Priestertums, das mit diesem Bilde ausgedrückt werden soll. So hat Gott es geboten – und eingerichtet. Dies zeigt, daß es jenseits dieser Ordnung keinen beständigen, alle erfassenden Segen geben kann. Darum hat auch in diesem Bilde niemand alles. Nur der ganze Leib wird den Segen erfahren, und nur durch den ganzen Leib wird der Segen – das Salböl des Heiligen Geistes – schließlich auch die Erde, den Erdboden erreichen können. Und all dies wird nur dann geschehen können, wenn die, die hier Brüder genannt werden, auch wie Brüder nicht nur temporär „beieinander sind, wie einige Übersetzer wiedergegeben haben, sondern regelrecht miteinander wohnen, wenn sie also in dieser brüderlichen Verbindung, im gemeinsamen Austausch und damit in der Liebe bleiben.

    Wir haben vorstehend von den beiden Söhnen gesprochen, die sich nicht nur beide von Gott, sondern auch voneinander entfernt haben, und dies auf die Kontroversen zwischen „Evangelikalen” und „Charismatikern” bezogen. [55] Versöhnung zwischen diesen beiden getrennten Brüdern und die in dieser Versöhnung liegende Abhilfe kann es nur geben in der erneuerten Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, durch den Sohn, wie der Heilige Geist Ihn uns verklärt, und damit mit Jesus, unserem Haupt, wie das auch oben in dem Bild des himmlischen Hohenpriesters angedeutet worden ist. Sie kann demnach nur empfangen und dauerhaft erhalten werden im Gehorsam gegen Sein Wort, wie es vom Haupt her empfangen wird, darum aber auch in der Akzeptanz dessen, wie dieses Wort uns durch die Erkenntnisse der verschiedenen Brüder und Schwestern dargebracht wird, die in all ihrer Verschiedenartigkeit doch die Glieder des einen Leibes Christi sind. Auf diesem Wege haben wir intensiv zu lernen, damit nicht nur ein jeder für sich unter Seiner ständigen Führung bleibt, was freilich die Grundvoraussetzung für das Gelingen der Einheit des ganzen Leibes ist, sondern gerade darum auch alle gemeinsam und im Miteinander, um die geistlichen Gaben dieser Führung gemäß und somit wieder nach den Ordnungen Gottes zu gebrauchen.


 
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Anmerkungen und Erläuterungen zum Thema.
[1] Die Jüngerschaftslehre ist eine Lehre, die vom Wesen her betont, daß jeder Jünger in hierarchischer Weise einen anderen Jünger über sich haben und diesem folgen müsse, dieser wieder einem anderen usw. usf. Die Nachfolge Jesu als die eigentliche Jüngerschaft – Er spricht, wir hören von Ihm und tun, was Er sagt – wird dabei in eine hierarchiemäßige Struktur menschlicher Herrschaft, Belehrung und vermeintlicher Autorität verkehrt. Diese Lehre, die auch unter den Bezeichnungen Jüngerschafts- und Unterordnungsbewegung (Shepherding bzw. Discipleship) bekannt wurde, ist durch ihre Begründer Bob Mumford, Derek Prince, Don Basham, Ern Baxter und Charles Simpson (Derek Price UK, alle anderen USA) 1974 ins Leben gerufen wurden. Derek Prince brach mit dieser Lehre bereits im Jahr 1983, die anderen folgten gegen Ende der 80er Jahre, nachdem die Bewegung um das Jahr 1986 zu zerfallen begann. 1990 widerrief Mumford auch öffentlich und tat Buße.

    Es ist bezeichnend, daß zu derselben Zeit, als Lehre und Bewegung in den USA gerade auseinanderzubrechen begannen, im Osten Deutschlands die ersten Jüngerschaftsschulen entstanden sind (die erste 1984 in Hirschluch, noch in der DDR). Es sollte den Initiatoren aber nicht angelastet werden, weil dies gewiß auf ihre Unkenntnis in dieser Frage zurückzuführen ist und diese nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben. Hier werden wohl vor allem diverse Persönlichkeiten aus den Westteilen Deutschlands, die diese Dinge gepuscht und diese Unkenntnis und vor allem die ostdeutsche Naivität für ihre Ziele ausgenutzt haben, von Gott zur Rechenschaft gezogen werden. Bis heute hat diese sog. Bewegung, die offiziell eigentlich gar nicht mehr als existent gilt, noch immer ihr Dasein. Sie hat eine nicht unerhebliche Eigendynamik entwickelt und treibt  oft in Verbindung mit anderen Irrlehren und fragwürdigen Praktiken vor allem aus der sog. Glaubensbewegung  ihr Unwesen nicht nur in unserem Land.


[2]
Wie weit diese Hybris gehen konnte, zeigt sich auch aus der Literatur jener Zeit. Sie offenbart vielfach ein falsches Kirchen- und Gemeindedenken jener, die meinten, es besser zu wissen und ihre Sicht der Dinge von daher nun im Osten besonders zu verbreiten suchten. Ihre Einschätzung der Lage der Kinder Gottes in der ehm. DDR ist frappierend - und sie ist falsch. So beklagt man in der Vorwendezeit einen angeblichen „Mangel an geistlichen Leitern” in der DDR und versteigt sich zu der Behauptung, es gäbe darum eine „große Verwirrung in zentralen Lehrfragen.” Man läßt seine Leserschaft dann selbstredend nicht im Unklaren darüber, was man für diese „zentralen Lehrfragen” hält. Sie betreffen nicht etwa die Versöhnung mit Gott, das Kreuz, die Umkehr, die Führung durch Gottes Geist oder andere neutestamentliche (heilswichtige) Haupt-Lehrgegenstände. Nein  statt dessen rückt man die Themen „Dienste und Ämter” in den Mittelpunkt (hier typischerweise entnommen aus dem mit Recht umstrittenen Buch von Fritzsch, Der Geist über Deutschland, S. 297, Verlag Johannes Fix 1985). Wie wir in verschiedenen Schriften nachzuweisen versucht haben, sind aus diesen Lehren große Probleme entstanden, so daß wir heute davon ausgehen müssen, daß eben genau diese Lehren die Ursachen jener Schäden darstellen, die wir heute  im Westen wie im Osten  weithin zu beklagen haben.

    Man mag uns, den Geschwistern aus dem Osten der Vorwendezeit, vieles unterstellen  vor allem aber müssen wir uns wohl attestieren lassen, daß wir den Dingen, die aus dem Westen kamen, gegenüber grenzenlos, ja sträflich naiv gewesen sind. Kaum eine dieser Lehren ist wirklich einer strengen biblischen Prüfung unterzogen worden, obwohl wir zu einer solchen Prüfung von dem verhältnismäßig hohen geistlichen Stand her, der in den bibeltreuen Kreisen in der ehm. DDR durchaus vorhanden war, jederzeit in der Lage gewesen wären. Eine gewisse zu positive und eher schwärmerische Sicht, die im Osten über dem Westen vorhanden war, kommt erschwerend hinzu und sollte bei der Beurteilung dieser Dinge ebenfalls nicht vernachlässigt werden. So haben wir in der Folgezeit viele Dinge über Bord gehen lassen, die gut und richtig, ja überlebenswichtig waren. Hier hätten durchaus auch die Geschwister im Westen etwas lernen können und nach dem Willen Gottes wohl auch sollen. Daß man sich beiderseits anders entschieden hat, ist nicht ohne Folgen geblieben. Es hat beide Seiten nach unten gezogen: uns aus dem Osten, die wir uns haben von den Entwicklungen im großen und ganzen einfach nur überrollen lassen, jene aber, die nur allzuoft nicht zuzuhören bereit gewesen sind und nicht akzeptieren konnten, daß der Osten etwas zu geben hatte, wessen der Westen durchaus bedurft hätte. Hier wäre eine schöne Möglichkeit gewesen, etwas zu empfangen  gewissermaßen als eine Erwiderung auf den materiellen Segen, der zur DDR-Zeit von West nach Ost in vielfacher und dankenswerter Weise geflossen war. Ob man darüber vergessen hat, daß auch wir etwas zu geben hatten, daß wir wohl der Hilfe, aber keines Vormundes bedurften? War man so stolz geworden? Das „Einer achte den anderen höher als sich selbst” aus dem Philipperbrief  hier hat man es schlicht übersehen, ja teilweise sogar völlig aufgegeben. Das Getöse der Wendezeit war einfach zu laut; wir haben darüber unsere eigene Nüchternheit verloren. Dem seelischen Hoch dieser Zeit folgte bald ein Tief, von dem wir uns bis heute nicht wieder erholt haben.

    Was ist seither geschehen? An die Stelle des Leibes, einem gewachsenen und lebendigen Organismus, wie er zu großen Teilen im Osten nämlich durchaus vorhanden war, hat man wiederum eine hierarchisch organisierte, scheinbiblische Struktur gesetzt, der man schließlich alles andere unterworfen hat. Viele, die ihre Kirchen verlassen hatten, um solchen Dingen zu entgehen 
dies ist eine Angelegenheit, die ich heute als sehr kritisch ansehe  fanden sich bald in ebensolchen Strukturen wieder, die sie doch aufgegeben zu haben meinten. Und nicht nur das. Der Zustand geistlicher Unfreiheit in den neuen, sich doch als „frei” bezeichnenden „Gemeinden” hat seitdem ein so hohes Maß erreicht, daß man sagen muß, daß eine solche Unfreiheit vor der Wende in den traditionellen Kirchen des Ostens nicht bekannt gewesen ist. Echtes geistliches Leben  d. h. vom Geist her inspiriertes und in den einzelnen Gliedern zum Nutzen aller (nach 1Kor 12. 7) hervorgebrachtes  findet seitdem kaum mehr statt, und an die Stelle jener Freiheit, die viele von uns besaßen, sind vielfach Pastorenwillkür, Irrlehren, seelisch-dämonische Praktiken, Beraubung und Menschenknechtschaft getreten. Dies sind die Hauptschäden, die im Osten der Wende- und vor allem der Nachwendezeit angerichtet worden sind, und das alles geschah durch Lehren, die nachweislich zu größten Teilen aus dem Westen, nicht zuletzt auch aus den USA gekommen sind und deren Inhalte  neben diversen Wohlstands- und Heilungslehren  vorrangig in der Errichtung und Aushaltung gemeindlicher Strukturen bestanden haben bzw. noch bestehen.

Wann wollen wir aufwachen und aus diesen Dingen ausgehen?

Erkennen wir in jenem Tief, von dem wir oben gesprochen haben, das Reden Gottes dieser Zeit 
als die einzig mögliche Krisis, die uns wieder oder auch ganz neu zur Genesung führen könnte?


Zwei Fragen, denen wir uns alle, ganz gleich, ob wir nun aus dem Osten oder aus dem Westen
kommen, einmal stellen sollten!

[3] Wir halten nichts davon, ohne Not Kredite bei den Banken aufzunehmen, um davon vorgebliche „Projekte für das Reich Gottes” zu finanzieren. Auch hier gilt es nämlich, keine Bündnisse mit der Welt einzugehen und sich damit nicht unter das Joch von Ungläubigen zu begeben (vgl. 2Kor 6. 14ff). In der Schrift Die Zehntenlüge haben wir uns schon früher ausführlich dazu geäußert. Warum Gott nur dann etwas tun könne, wenn weltliche Banken es durch Kredite ermöglichen, die nicht nur Geschwister und deren Familien, sondern auch ganze Gemeinden auf Jahre oder gar Jahrzehnte binden, vermag sich mir nicht zu erschließen. Gott wirkt mit solchen Dingen nicht zusammen. Wenn Er will, daß im Sichtbaren etwas errichtet werden soll zu Seiner Ehre, dann wird Er es auch hinauszuführen wissen – und das über Bitten und Verstehen hinaus, auf oftmals (meist sogar) ganz erstaunlichen und ungewöhnlichen Wegen. Es ist dabei meine Erfahrung, daß dies oft sehr spät zu geschehen scheint (in unseren Augen) nie aber zu spät. Ich habe es jedenfalls nie erlebt, daß Gott ein Werk haben wollte, und dann waren dafür am Ende keine Mittel da!

[4] Diese falschen Prophetien hängen nahezu alle mit der Thematik einer vorgeblichen Endzeiterweckung zusammen, die man begehrt und damit zum Maß der Dinge erhoben hat. Eine solche Erweckung ist in der Schrift an keiner Stelle verheißen. Statt dessen spricht sie von Abfall und Irreführung; sie redet von Finsternis in ihrer höchsten Kulmination, denn es ist Mitternacht, wenn Jesus kommt. Diese Vorstellungen sind Früchte der sog. Gemeindewachstumsbewegung, deren wohl bekanntester Fürsprecher und Mentor Peter C. Wagner ist, auf dessen Lehren auch die über die sog. geistliche Kampfführung gegen territoriale Geister zurückgehen. Das ist darum so gefährlich, weil Pragmatismus und Erfolgsdenken zunehmend an die Stelle schlichten Gehorsams getreten sind. Wir suchen nach Erweckung um jeden Preis (schließlich wähnen wir uns ja im Besitz einschlägiger Prophetien). Wir fragen also nicht mehr: Hat Gott es gesagt? sondern: Funktioniert es?” und: Führt es zum Erfolg? und nehmen dieses (oft nur scheinbare) Funktionieren zum Maßstab, daß es dann schließlich von Gott sein müsse”. Damit zusammen geht auch die Lehre, nach der wir göttliche Dinge vorgeblich an uns reißen sollten, um aus solcher Militanz heraus das Reich einzunehmen. In diesen Vorstellungen, die letztlich in Zauberei hineinführen, fanden die Kolporteure der Glaubensbewegung und ihrer Ableger fruchtbaren Boden vor, so daß sie ihre Lehren von Erfolg, Wohlstand, Gesundheit usw. darauf lediglich aufsetzen mußten.

    Die Lehre über die sog. geistliche Kampfführung, nach dem man ganze geographische Gebiete sozusagen systematisch aufzurollen und in ihnen herrschende Geister aufzustöbern und zu vertreiben sucht, stellt dabei eine nicht unwesentliche und wiederum auch ganz eigene Problematik dar. Sie ist (wie so vieles andere ja auch) vor allem aus der Unsitte heraus entstanden, einmal gemachte Erfahrungen zur Grundlage von Lehren zu machen. Das betrifft besonders auch verschiedene Erfahrungen um die Themen Fasten und Gebet, die man nun zu diversen Methoden umfunktioniert hat, um die entsprechenden Gebiete
freizusetzen und somit vorgeblich – den Boden für die selbst angestrebte Erweckung bereiten zu können. Einen solchen Zweck des Fastens finden wir in der Heiligen Schrift jedoch nirgendwo. Damit ist der Unsinn, aber eben auch die Gefährlichkeit solcher Praktiken, soweit es selbsterwählte Praktiken sind, umrissen.

    Erfahrungen sind an sich nichts Falsches, und wir werden notwendigerweise Erfahrungen machen, wenn unser Glaube ein wirklicher, lebendiger Glaube ist. Glaube nach der Schrift wirkt immer auch Erfahrungen, und die Schrift warnt uns ausdrücklich vor solchen, die zwar eine Form der Frömmigkeit haben mögen, die Kraft derselben aber leugnen, und ordnet uns klar an, solche zu meiden (
2Tim 3. 5). Darum wirken Erfahrungen jedoch noch lange keinen bibelgemäßen Glauben. So geschieht jede Erfahrung immer aufgrund des Wortes Gottes, wenn sie geistlich ist, erklärt sich jedoch immer auch anhand einer jeweils ganz spezifischen und nicht in einen anderen Zusammenhang hinein kopierbaren Situation. Es hängt eben immer alles von der Führung Gottes ab! So wird die ständige Mißachtung dieser Dinge, vermittelst der auch hier vorhandenen Unsitte, Schriftaussagen (s. Daniel 10 u. a.) aus ihren jeweiligen Zusammenhängen zu entreißen und zu verallgemeinern, ganz entscheidend zu den oben beschriebenen Irrtümern beigetragen haben. Vor Jahren schon hatte Wolfram Kopfermann dazu das Buch Macht ohne Auftrag geschrieben, in dem er besonders auf den Irrweg der o. g. geistlichen Kampfführung einging und fundiert nachwies, daß ein solcher Kampf uns nach der Schrift nicht verordnet ist. Es ist leider nur noch antiquarisch zu bekommen.

    Der Vollständigkeit halber ist sicher noch hinzuzufügen, daß die oben genannten falschen Prophetien zumeist auch mit einem falschen Verständnis über Visionen einhergehen. Oft werden eigene Vorstellungen (Visualisierungen) oder
Strategien für Visionen gehalten. Das Wort Vision ist zwar nicht falsch, hat aber oft eine entsprechende Umdeutung erfahren. Ich persönlich tendiere daher eher dazu, von Gesichten zu sprechen, wenn von Dingen die Rede ist, die Gott jemandem tatsächlich sichtbar gezeigt hat. Auch ist ein solches Gesicht nicht als Anleitung von Dingen zu verstehen, die wir in Aufbietung aller unserer Kräfte zustande bringen sollen, sondern als Anschauung dessen, was Gott tun will oder schon getan hat. In der Schrift Die Zügel Gottes oder Vom Irrtum des Visionsglaubens haben wir uns schon vor längerer Zeit ausführlicher dazu geäußert. Auch ist zu ergänzen, daß in gewissen Geschwisterkreisen ein Umdenken über die Unechtheit vieler Prophetien stattfindet, die nachweislich nicht eingetroffen sind, was ich mit großer Freude zur Kenntnis genommen habe.

[5] Ein Beispiel solcher Brüder ist Rudolf Ebertshäuser geworden, der sich als einstiger „Lobpreismusiker” von der charismatischen Bewegung seiner Zeit enttäuscht abwandte und seitdem Schriften und Bücher gegen diese verfaßt, die viele der hier beschriebenen Irrlehren vor allem um den Fortbestand der Geistesgaben enthalten und weite Kreise in ihren Bann ziehen. Zu diesem Spektrum gehören etwa auch Wolfgang Bühne, Fritz Wolf, Karl-Herrmann Kauffmann, Roger Liebi und weitere mehr, wobei man hier sicherlich von unterschiedlichen Schulen sprechen kann, da die lehrmäßigen Argumente nicht einheitlich sind und sich teilweise auch deutlich widersprechen oder sogar bekämpfen. Nicht alle von ihnen sind freilich Ex-Charismatiker. Allerdings äußern sich diese zumeist am extremsten und finden mit ihren Lehren auch nur allzuoft fruchtbaren Boden vor, der ihnen i. d. Regel durch das Verbreiten gefährlicher Irrlehren und entsprechender Praktiken auf der anderen Seite bereitet worden ist. Es ist immer gefährlich, wenn Geschwister in die Mühlen pseudo-charismatischer, ja sektenhafter Umtriebe geraten sind, die fälschlicherweise unter dem Etikett des Echten firmieren, während dieselben Geschwister aber das Echte selbst nie wirklich haben erfahren dürfen. Fallen diese Enttäuschungen und eigene Unkenntnis zusammen, und werden diese obendrein noch pseudo-biblisch gerechtfertigt, ergibt sich ein geradezu hetzerisches, tödliches Gift. Dies ist umso tragischer, wenn wir bedenken, daß dies seitens der entsprechenden Brüder sicherlich immer ungewollt ist und unwissentlich geschieht, wie diese der festen Überzeugung sind, nach bestem Wissen und Gewissen zu lehren und zu handeln.

    Dennoch muß man diese lehrmäßigen Exzesse als solche deutlich machen und als schwere Irrlehren brandmarken. Es liegt in ihrer Natur, daß sie Glieder, die ja die vielerlei Gaben repräsentieren, vom Leib abtrennen, quasi
amputieren. Damit erweisen sie sich als eine Form geistlichen Tötens, da sie sich spalterisch auswirken. Der von ihnen angerichtete Schaden ist immens, und bei näherem Hinsehen zeigt sich, daß sie mit den pseudo-charismatischen Verirrungen und entsprechenden seelischen oder sogar dämonischen Falschpraktiken, die sie zu kritisieren vorgeben, im Grunde Hand in Hand gehen und mit ihnen zusammenwirken. So stellt diese Entwicklung einer aus geistlicher Sicht nur vordergründigen, zum Schein geführten Auseinandersetzung von These und Antithese einen gigantischen Verschleierungs- und Vernichtungsfeldzuges Satans gegen Gottes gute Gaben dar, die die Gaben Seines Heiligen Geistes und damit als solche selbst heilig sind. Es bleibt die Frage, wie dieses alles zu einer so starken Verbreitung und Verhärtung führen konnte, und ich komme nicht umhin zu behaupten, daß auch darin Methode liegt: So arbeitet niemand anders als der Teufel, der die Brüder beider Seiten erst verführt, um sie dann gegeneinander aufzuhetzen, damit sie sein Werk des Tötens vollenden und damit zu Mördern aneinander werden. Diese gesamte sogenannte „Auseinandersetzung” ist nichts anderes als ein Werk des Lügners und Mörders von Anfang an.

    Das Ganze ist i. d. Regel eine Geschichte unaufgearbeiteter Verletzungen und vor allem von eigener, in langen Jahren aufgestauter und fortgesetzt gehegter Verbitterung, die man freilich selbst kaum erkennen kann und noch seltener wahrhaben will. (Damit kommen wir immer auch auf den Stolz zu sprechen, der so eng mit Bitterkeit einhergeht, daß er sozusagen wie ein Bruder der Verbitterung angesehen werden kann.) Schon der Hebräerbrief warnt ja in der angeführten Stelle ausdrücklich davor, daß eine solche Verbitterung schon zwangsläufig nicht etwa wenige, sondern die vielen entweihen und beschmutzen würde (Hbr 12. 15). Damit ist dann auch die Wirkungsweise und immense Gefahr beschrieben, die von solchen Vorgängen ausgeht. Früher wurden wir noch darauf hingewisen, daß man sich nicht öffentlich betätigen sollte, solange diese Bitterkeit nicht als Sünde erkannt, bekannt und ausgeheilt ist. Vieles davon scheint unter uns vergessen worden zu sein, und so ist auch dies zu einem Indiz geistlicher Zerrüttung weiter charismatischer wie eben auch evangelikaler Kreise geworden. Nicht alles, was solche Brüder schreiben, ist falsch; vieles von dem sollte durchaus ernst genommen werden; es ist jedoch  wie in den andersseitigen Extremen auch  die (ja immer unter dem Anspruch biblischer Rechtgläubigkeit erfolgende!) schier amalgam-artige Vermischung von Irrtum und Wahrheit, von theologischen Kurzschlüssen und biblischer Exegese, die das Ganze für viele so undurchschaubar und darum so gefährlich macht. Darum ist vor diesen Lehren ausdrücklich zu warnen – und zwar ebenso, wie auch vor den pseudo-charismatischen Extremen und Verirrungen zu warnen ist. Es handelt sich sowohl bei diesen als auch bei jenen wenigstens in Teilen um die Verkündigung eines anderen Evangeliums.


   
Es ist meine Erfahrung, daß viele derer, die heute die Geistesgaben ablehnen, aus Verletzungen heraus reagieren, die zu großen Teilen durchaus berechtigt sein mögen, und dann den entgegengesetzten Extremen auf den Leim gehen, weil dies zunächst einmal Angebote sind, die sie zu trösten und in die Situation zu passen scheinen. Es ist jedoch nie hilfreich, aus Verletzung heraus zu agieren. Das muß zu falschen Schlüssen führen, weil man sich Schutzräume sucht und Festungen errichtet, auch wenn diese nur aus Gedankengebäuden bestehen, in denen man sich endlich sicher fühlen kann.  Diesen letzten drei Sätzen, die ich in einem Forum schrieb, hätte ich auch im Rahmen dieser Anmerkung nichts weiter hinzuzufügen.

    Als ein gutes Beispiel einer geboten kritischen, zugleich aber nüchternen und ausgewogenen Auseinandersetzung mit diversen pseudo-charismatischen Entgleisungen und Irreführungen und vor allem ihrer religionsgeschichtlichen Hintergründe sind die Bücher von Dave Hunt wohl sehr viel eher zu empfehlen. Man sollte mit solchen Büchern jedoch immer auch entsprechend umgehen können.

[6] Es ist natürlich sehr traurig, daß wir uns überhaupt verschiedener Begriffe bedienen müssen, um Geschwister, die doch Glieder des einen Leibes sind, im Rahmen der hier vorliegenden und notwendigen Auseinandersetzung zu bezeichnen, um bestehende Unterschiede auch deutlich zu machen. Es geht jedoch nicht anders, als die unterschiedlichen Gruppen (die ja nun einmal da sind) entsprechend zu benennen. Wenn wir von den Evangelikalen einerseits und den Charismatikern andererseits sprechen, dann sind wir uns durchaus bewußt, daß die Gruppe der Charismatiker im Wesentlichen den Evangelikalen zuzurechnen sind; nur ein relativ kleiner Prozentsatz charismatisch geprägter Christen, den wir hier nicht weiter berücksichtigen können, gehört zum katholischen Zweig. Wir verwenden den Begriff evangelikal hier dennoch vereinfachend als Oberbegriff für jene, die den Gaben weithin ablehnend gegenüberstehen, als Gegensatz zu den Charismatikern, die sie nicht ablehnen und in ihnen leben wollen, wie sich das auch immer aktuell gestalten mag.

[7] Zudem wurzelt die charismatische Bewegung, obwohl sie in einigen Fragen mit ihr verwandt ist, nicht in der Pfingstbewegung, sondern kommt eigentlich von dem Strom der sog. katholisch-apostolischen Gemeinden her, der in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Schottland seinen Anfang nahm und  infolge der auch dort bald überhöhten Ämterlehre, wie wir meinen  versiegt zu sein scheint (Irving). Ein erneutes Aufbrechen der charism. Bewegung, das auch als ihr eigentlicher und neuzeitlicher Anfang gewertet wird, datiert auf das Jahr 1960. Es würde den Rahmen dieser Schrift jedoch weithin sprengen, wenn wir auf all die verschiedenen geschichtlichen Hintergründe eingingen. Wer sich mit der Materie weiter befassen will, dem kann aus unserer Sicht die Lektüre des Buches von Larry Christenson, Eine Botschaft an die Charismatische Bewegung, empfohlen werden, die im Edel-Verlag noch erhältlich ist. Wir können zwar nicht alle der Aussagen und Schlußfolgerungen teilen, die in diesem Buch gemacht worden sind. Soweit dies die Klärung der Frage nach den Wurzeln geht, ist es jedoch allemal hilfreich.

[8] Den Passus Mitleidserweisungen Gottes (wörtlich: oiktirmon to theou, Mitleid des Gottes) in Römer 12. 1, in deren Bezug Paulus diese Sätze ausdrücklich stellt, mögen wir als einen außergewöhnlich starken Begriff empfinden. Wir werden uns jedoch an den Gedanken zu gewöhnen haben, daß die Gaben des Heiligen Geistes etwas mit unserer menschlichen Schwachheit zu tun haben und wegen dieser Schwachheit – mit Rücksicht auf sie und als Ausdruck göttlichen Mitempfindens mit dieser – gegeben worden sind. Daß der Geist unserer Schwachheit aufhilft, ja daß Er Sich sogar Selbst für uns verwendet mit unaussprechlichem Seufzen, ist nach dem Neuen Testament alltäglicher Normalfall im Leben eines Kindes Gottes (Rö 8. 26). Gottes Kraft wird immer in den Schwachen zur Vollendung gebracht (2Kor 12. 9). Wer die Gaben zurückweist, der hat noch nicht erkannt, daß er selbst nichts vermag; dem steht solcher Zerbruch noch aus. Es ist daher grenzenloser Hochmut zu behaupten, des Beistandes geistlicher Gaben (und damit Gnadenzuwendungen Gottes) entbehren zu können, und sei dies auch nur teilweise, d. h. in der Form auch nur einer einzigen geistlichen Gabe, die Gott darbietet.

[9] Aus einer solchen Denkweise ergibt sich eine verflachte Evangelisationspraxis, aus der viele hervorgegangen sind, denen man zwar ans Herz gelegt hat, sich wiedergeboren nennen zu dürfen, es aber keineswegs sind. Gott gibt Seinen Geist nur denen, die Ihm gehorchen, indem sie Seinem Ruf tatsächlich auch Folge leisten (Apg 5. 32). Es gibt wohl kaum einen größeren Betrug an lebenden Menschenseelen als diesen; und dieser Betrug ist die Wurzel vieler weiterer Verirrungen gerade auch im charismatischen Bereich, da man dann versucht hat, ihnen aufgrund ihres gesprochen Bekenntnisses die Geistesgaben nahezubringen und oft genug auch überzustülpen. Ein Bekenntnis nachzusprechen, genügt eben nicht, um wiedergeboren zu werden aus Wasser und Geist (Jo 3. 3 - 8). Denn da gilt es, wegen der eigenen Sünde am Kreuz tatsächlich ans eigene Ende zu kommen, wobei unser altes Wesen völlig zuschanden wird und zusammenbricht angesichts eines Gottes, der heilig und schrecklich ist zugleich. So heilig ist Er, und so zuwider ist Ihm unser sündiges Wesen, daß Er nicht nur die Sünde, sondern auch den Sünder richten läßt am Kreuz, dem römischen Schandpfahl. Das Kreuz ist der Ort, zu dem wir tatsächlich kommen müssen; hier endet unser altes Leben, das Gott dem Gericht unterwarf  und an unserer Statt an Jesus vollzog; hier werden wir mit dem Tode vereinigt, der die Grundbedingung ist zur geistlichen Auferstehung. Um dieses Gericht kommen wir nicht herum.  Alles andere ist Selbstbetrug.

    Darum ist ja auch die Taufe geboten, in deren Fluten unser altes Leben begraben wird, um aus der Taufe herauszukommen als neuer Mensch. Und darum bleibt es uns auch verwehrt, ohne Erkenntnis und Bekenntnis unserer Sündenschuld herzuzutreten, um davon gereinigt zu werden im Blut des Lammes Gottes, allen anderslautenden Lehren zum Trotz.
Wie froh und dankbar bin ich, daß unsere Väter uns noch darauf hingewiesen haben, und es nicht zuließen, daß einer ein Gebet nachspräche, ohne die Dinge der Schuld in der Seelsorge auch zu benennen! Sie bewahrten uns eben nicht vor der Trauer, die zur Buße und damit ins Leben und dann auch wieder in die Freude führt (2Kor 7. 6 - 10, vgl. Mt 5. 4 usw). Das wirkte Frucht zur Ewigkeit! Denn es wird niemals möglich sein, sich nicht vor Gott zu demütigen, um auch nur irgend etwas aus dem alten Wesen ins neue Sein hinüberzuretten. Wer wiedergeboren werden will, der muß zuvor sterben; und nur, wer diesen Tod stirbt, der wird auch leben; wer nicht sterben will, der lebe auch nicht. Es wird eingegangen durch die enge Pforte!

[10] In derselben Demut, derselben zurückhaltenden Art und in demselben Sinn Christi schreibt auch Paulus, zwar intensiv bittend, niemals aber fordernd: Daher sind wir Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns zuspräche (parakaléo, in seelsorgerlichem Sinn neben- oder beiseiterufen). Wir flehen für Christus: Laßt euch mit Gott versöhnen!” (2Kor 5. 20).  Wenn wir von der Demut des Heiligen Geistes sprechen, dann reden wir in gleicher Weise auch von der Demut des Sohnes. Denn auch Dieser tritt in derselben Weise Selber zurück, entäußert Sich Seiner Selbst, um Den Vater in den Vordergrund zu rücken und Ihn zu verherrlichen (Jo 14. 3, 15. 8; Phil 2. 5ff). Demut ist eine Eigenschaft des Wesens Gottes an Sich.

[11] Das Joch Jesu ist für uns darum so leicht, weil Er Selbst es trägt und wir lediglich an Seiner Seite und in Seinem Joch den Weg mit Ihm mitzugehen haben. Näheres darüber haben wir schon vor längerer Zeit in der Schrift Die Zügel Gottes oder Vom Irrtum des Visionsglaubens niedergelegt.

[12] Daß diese Praktiken nicht nur für die geistliche, sondern auch für die leibliche Unversehrtheit durchaus nicht ungefährlich sein können, zeigen einige Berichte, die über diverse Heilungsevangelisten kursieren und auch in charismatischen Kreisen nicht unbekannt sind. So wird etwa von Benny Hinn berichtet, daß in einer seiner Veranstaltungen eine Frau unter der Kraft gefallen sei, wobei sie sich eine schwere Schädelverletzung zugezogen habe, an deren Folgen sie wenig später im Krankenhaus verstorben sei. Zu Hilfe Herbeieilende hätte man zuvor mit der Bemerkung zurückgewiesen, daß man die Frau ruhen lassen solle, damit der Geist wirken könne. Es sei ein Gerichtsverfahren erfolgt, in dem Hinn jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden sei. Ein anderes Mal wird berichtet  dieser eine Bericht ist mir selbst aus meiner eigenen Wort-des-Glaubens-Zeit noch geläufig  daß der in jenen Kreisen recht bekannte Prediger Ray MCauley (Johannesburg,  Südafrika) einer Frau die Hände aufgelegt habe; diese sei daraufhin nach hinten geschleudert worden, wonach sie auf einen Marmortisch aufgeschlagen und dabei verletzt worden sei, wonach sie am Kopf erheblich geblutet habe. Berichtet wird auch von diversen Knochenbrüchen und anderem mehr (Quelle: hauszellengemeinde.de u. a.). Auch das evangelische Magazin Idea Spektrum berichtete unter Berufung auf amerikanische Medien wie ABC-News und Courthousenews.com über solche Vorkommnisse, nach denen es unter anderem, wegen der dabei erlittenen und offensichtlich nicht unerheblichen Verletzungen, auch zu einer Zivilklage gekommen sei (Ausgabe 6 vom 8. Februar 2012).

[13] Zu den zwanghaften Manifestationen dieser Art gehören damit auch die diversen Phänomene des sogenannten „Toronto-Segens” und anderer artverwandter Manipulationen. Auch hier wird man ursprünglich im Geist begonnen haben, um im Fleisch zu vollenden, und so hat man die Dinge auch hier immer wieder in die eigene Hand zu nehmen gesucht, wonach mitunter recht seltsame Phänomene zustande gekommen sind, mit denen man sich vom Teufel hat irreführen und narren lassen. Und so ist es dann auch hier nur folgerichtig, daß genau das geschieht, wovor der Apostel warnte, indem er die Galater etwa darauf hinwies, daß dieses eigene Selbst-Vollenden-Wollen in gesetzliche Methoden und damit zuletzt in die Bezauberung eines anderen Evangeliums hineinführt (Ga 3. 1 - 5). Bei diesen Dingen wirken jedoch nicht nur seelische Kräfte, wie einige behaupten; hier haben auch eindeutige Einbrüche von Finsternismächten stattgefunden. Wer sich diesen oder ähnlichen Einflüssen geöffnet hat, braucht seelsorgerliche Hilfe und Gebet!

    Verschiedenen Brüdern, die im Leben bewährt und deren Wandel untadelig ist, so berichtete man mir, sind vor einigen Jahren von Gott einige Gesichte über diese Dinge gezeigt worden. Einer sah, wie ein rosaroter Nebel sich über das ganze Land senkte, und alle, auf die dieser Nebel fiel und die sich ihm öffneten, wurden für Gott unansprechbar und waren fortan nicht mehr in der Lage, das Wort Gottes aufzunehmen. So wurden sie anfällig für Irrlehren. Der Nebel symbolisierte in dieser Vision den die Glaubensbewegung beherrschenden Geist als einen Geist der Verführung, der alles vernebelte und die Sicht nahm. (Aus eigenen Erfahrungen heraus kann ich dies nur bestätigen.) Man sagte, daß dieser Geist aus diversen Gegenden Indiens gekommen sei, einer der größten Hochburgen okkulter Gebundenheiten schlechthin. Einem anderen Bruder wurde geoffenbart, was mit jenen geschah, die sich dem Rücklings-Umfallen geöffnet hatten (fälschlicherweise auch „Ruhen im Geist” genannt). Während sie umfielen, kroch  im Bilde  ein unreiner Geist in Form einer Kröte in sie hinein, den in der Offenbarung erwähnten Fröschen ähnlich (siehe Off 16. 13f). Auch jene wurden unansprechbar für die Gnade Gottes.

    Nun muß man solche Dinge natürlich immer unter Gebet und anhand der Bibel prüfen. Anhand verschiedener Schriftstudien wird jedoch offensichtlich, daß dies genau die Wirkungsweise von Verführung ist (vgl. Jes 28. 7 - 13 und 29. 9 - 14 u. a.). Eine liebe Schwester aus meinem jetzigen Wohnort, eine gestandene Mutter in Christus, die vieles in der Stille durchbetet, sprach – ich gebe dies nach ihren eigenen Worten wieder
von einem regelrechten „dämonischen Schutz, den jene besäßen, und fügte hinzu, sicherlich nicht ganz ohne Ironie: „Sie sind wie Gummi: Alles, was man ihnen zu sagen versucht, prallt von ihnen ab und kommt wieder zurück.” Sie wohnt einige hundert Kilometer von den Brüdern entfernt, von denen ich oben gesprochen habe, und kennt diese nicht, wohl  aber andere, die sich in derselben Gefangenschaft befinden. All diese Eindrücke kann ich aus Gesprächen, die ich mit einigen Nachfolgern dieser Lehren zu führen versucht habe, nachdem ich selbst von ihnen frei geworden bin, durchaus bestätigen. Menschen, die in diesen Lehren zuhause sind, sind bezaubert worden (vgl. Ga 3. 1ff). Diskussionen bringen nichts, solange nicht Gottes Geist Selbst das Wort schenkt, das die Mächte vertreibt und dann auch zur Buße hin zu überführen vermag. Hier hilft nur Gottes Macht. Darum betet, betet, betet!


[14] Die nach unserer Bekehrung erfahrene Wiedergeburt aus Wasser und Geist (Jo 3. 3ff, Apg 2. 37 - 38 u. a.) wird hierbei unbedingt vorausgesetzt. Das Hören von inneren Stimmen bei Menschen, die nicht klar wiedergeboren sind und wie es aus heidnischen Bereichen immer wieder einmal berichtet wird, kommt dagegen aus dem Okkultbereich, zumeist aus dem Spiritismus oder artverwandtem Götzendienst, kann aber auch andere Ursachen im seelischen Bereich haben.

Abb. 2 Das
                äußerere Gesetz und das Gesetz im Herzen    Die Einwirkung des Geistes und damit auch des Wortes Gottes von innen her, aus dem Herzen heraus ist zentraler Ausdruck des Neuen Bundes, während der Alte noch vom äußerlichen, in Stein gravierten Gesetz (s. d. beiden Gesetzestafeln bei Mose, 2Mo 31. 18, 34. 1ff) geprägt war. Im Neuen Bund ist Gottes Gesetz in unsere Herzen geschrieben. Wenngleich hier nicht unser biologisches Herz (das Organ) gemeint ist, sollte man dazu nicht unerwähnt lassen, daß dieses unser Herz aus zwei Kammern besteht, wie auch das Gesetz auf zwei Steintafeln geschrieben worden ist. Ganz offensichtlich soll hier etwas dargestellt werden, zumal der Mensch (in Leib, Seele und Geist) nach dem Bilde Gottes erschaffen ist. Dies mögen wir uns veranschaulichen, indem wir uns mithilfe der nebenstehenden schematischen Darstellung die beiden Gesetzestafeln Moses und das Piktogramm eines Herzens vor Augen halten, indem wir nun diese beiden Tafeln, oben zu sehen, solange ineinanderdrehen, bis sie zusammen die symbolische Form eines Herzens angenommen haben, wie dies im unteren Teil zeichnerisch dargestellt wird. Vergleichen wir nun diese beiden Darstellungen miteinander, so werden wir schnell bemerken, daß Beides wiederum aus jeweils zwei Seiten oder Teilen besteht, nämlich aus dem Teil, der die Beziehung zu Gott zum Inhalt hat, und dem Teil, der sich mit der Beziehung zu unseren Mitmenschen beschäftigt.

    In der unteren Darstellung nun fügen diese beiden Teile sich zu einem Ganzen, wie ja auch im Gesetz die Gott zugewandte Seite nicht von der dem Menschen zugewandten getrennt werden kann (vgl. Mt 22. 37 - 40 u. a.). Oben war das Wort noch jenseits des Herzens, unten befindet es sich darin, ja man kann sagen, daß das Herz, das nun zum fleischernen, empfindenden Herzen geworden ist, ganz neu davon gebildet wird, wie wir dies ja auch in dem Bild so getan haben, indem wir die beiden obenstehenden Gesetzestafeln solange erst zueinander, dann aber auch ineinander drehten, bis daß daraus die Form eines Herzens entstanden war. Wir erhalten also tatsächlich ein neues Herz, das sich mit dem früheren, dem steinernen allerdings im Widerstreit befindet. Das in Stein gemeißelte Gesetz, das den Tod brachte  siehe die Steinigung der Sünder!  und das damit zusammenhängende steinerne Herz einerseits und das lebendig gemachte, empfindende, das fleischerne Herz andererseits kennzeichnen die Gegensätze zwischen Tod und Leben, zwischen Altem und Neuem Bund, zwischen Gesetz und Gnade (Hes 11. 19, 36. 26; 2Kor 3. 3, Hbr  8. 10 - 12).

    Die wichtigste Konsequenz dieser Aussagen besteht demnach darin, daß Gott von nun an in unseren Herzen zu uns spricht; dort ist Seine Wohnstatt, seit wir wiedergeboren sind. Bei Dingen, die von außen an uns herangetragen werden, sollten wir darum vorsichtig sein. Dies bedeutet nicht, daß diese grundsätzlich falsch wären und wir uns nichts mehr sagen lassen sollen. Es sind jedoch die Fragen zu stellen, ob erstens Gott diese Dinge in meinem Herzen bestätigt und zweitens, ob es auch der Zeitpunkt Gottes ist, an dem sie uns herangetragen werden. Ist es nicht der Zeitpunkt Gottes, dann wird auch Gottes Geist uns dies nicht bestätigen können. Vorstellungen, mit denen wir von außen gewissermaßen überflutet werden, ohne auch nur die Spur einer inneren Vorbereitung, und vor allem ohne Frieden in unseren Herzen zu haben, kommen niemals von Ihm (s. Kol 3. 15). Wer Dinge vorwegnimmt, in welcher Form auch immer, der wird zu einem Räuber und Mörder an seinen Geschwistern, indem er sie im Wortsinn  vor der Zeit wegnimmt und damit verdirbt; sie werden damit unbrauchbar für den, dem sie eigentlich zugedacht waren (Jo 10. 7ff).


[15] Nach einem Bericht der Nachrichtendienstes Israelnetz.de vom 7. November 2005. Der entsprechende Artikel konnte an dieser Stelle noch längere Zeit abgerufen werden; ersatzweise siehe die nachfolgende Bildschirmkopie.

    Wir teilen 
schon aufgrund der angeführten Belegstellen vor allem der Reden Jesu den in diversen Foren u. a. Medien verbreiteten Irrtum nicht, daß die Symbole Fisch und Ei an sich einen okkulten Hintergrund hätten, wenngleich sie natürlich auch in der heidnischen Mythologie Verwendung finden. Jesus verwendet sie hier  neben dem Bild eines Brotes  immerhin als Gleichnisse Dessen, Den der Vater zu geben bereit ist, wenn wir Ihn darum bitten  und das ist kein anderer als Sein Geist. Man hüte sich daher vor einer solchen Lästerung und halte sich von solchen Lehren fern, die zudem völlig überzogen sind.

[16] Diese Schäden und vor allem die Gründe für das Entstehen dieser Schäden sind bis heute kaum beachtet worden. Hier ist es in der Vergangenheit zu massiven Fehldeutungen gekommen, weil man jedesmal den Aspekt der Heiligkeit Gottes ausgeklammert hat damit aber auch des verzehrenden Feuers, dem jene sich aussetzen, die sich Ihm nahen wollen, ohne daß ihre Vergangenheit je wirklich bereinigt worden wäre. Mit dem Heiligen spielt man nicht!

[17] Zu dem im Zusammenhang der Stelle 1Jo 2. 20, 26 - 27 verwendeten Begriff der uns lehrenden Salbung des Heiligen Geistes (chrísma) sie wird nur hier verwendet  schreibt Grundmann: „Wenn die Gemeinde durch den Antichristen angefochten wird, dann kann sie nur in der Kraft des Geistes, dem chrísma (2. 20, 27), widerstehen. Die Verwendung dieses Begriffes, der Salböl bedeutet, will sagen: Die Gemeinde ist mit dem Geist gesalbt, und darin hat ihre Zugehörigkeit zu Christus ihren Grund. Das chrísma vermittelt der Gemeinde jene umfassende Erkenntnis ..., die ihr Klarheit des Glaubens und des Urteils sowie Gewißheit des Lebens und Entscheidens verleiht, wie sie aus der Verbundenheit mit Gott kommen. Diese Aussage vom chrísma der Gemeinde steht unmittelbar neben dem, was der johannäische Christus vom parakletos ... sagt (J16. 8 - 10. 13f). Die Gemeinde hat das chrísma als eine in ihr bleibende und sie umfassend und zuverlässig belehrende Kraft empfangen (2. 27). Es ist in der kirchengeschichtlichen Situation, in die die Johannesbriefe gehören, ein beachtlicher Vorgang, daß der Schreiber des Briefes die Gemeinde nicht an einen Lehrstand verweist, der die Amtsbefugnis dazu besitzt, sondern sie auf ihren Empfang des chrísma anspricht, der selbst ihr Lehrer ist... und von einem Lehrstand unabhängig macht: to auton chrísma didaskei hemas peri pantoon (2. 27). Das zeigt, wie stark auch bei Johannes das Messiasverständnis durch die Geistsalbung bestimmt ist und wie der im Geistempfang begründete Zusammenhang zwischen dem Sohn und den Söhnen in der anklingenden Verbindung zwischen dem Gesalbten und den Gesalbten wiederkehrt” (Zitiert aus: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Gegr. Kittel, Grundmann, Bd IX, S. 568, Stichwort chrisma.)

[18] Es wird dazu notwendig sein, sich mit der Begrifflichkeit der Gnadengaben näher auseinandersetzen. Das Neue Testament kennt eigentlich zwei Grundbegriffe, die wir als Gnadengabe und Geistesgabe kennen; wir haben sie bereits bei der einen oder anderen Gelegenheit erwähnt. Obwohl sie verhältnismäßig eng zusammengehören, sind sie doch nicht identisch, so daß es nicht möglich wäre, das eine als Synonym für das andere zu verwenden. Wohl ist jede Geistesgabe eine Gnadengabe, aber nicht jede Gnadengabe ist eine klassische Geistesgabe, wenn wir unter Geistesgaben die Auflistungen des Apostels etwa in 1Kor 12 verstehen. Allerdings weisen uns beide Worte, da es sich um Gaben handelt, immer auf ihren Geber hin. Das Wort Gnadengabe (charisma, Pl. charismata oder charismatika) als der umfassendere Oberbegriff bedeutet zunächst eine Gnadenwirkung des Heiligen Geistes als eine Wirkung, die dieser Geist mit sich führt und uns in Gnaden gewährt, d. h. uns frei heraus schenkt. In dem Wortstamm ist weiterhin das Wort chara, Freude, enthalten. Freude und Gnade gehören bei Gott zusammen. Wo der Geist Gottes wirkt, da entsteht immer auch Freude. Und auch der Friede ist dort zuhause, wo Gottes Geist wohnt. Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist (Rö 15. 17).

    Das Wort Gnadengabe ist also viel umfassender, als wir vielleicht meinen mögen; er beschreibt ganz schlicht eine jegliche Gabe, die Gott uns schenkt oder, noch konkreter, in Gnaden gewährt. So werden nicht nur die eigentlichen Geistesgaben (d. h. also die sogenannten Offenbarungsgaben) sondern auch die Vergebung der Sünden (Rö 5. 15 - 16), die daraus resultierende Gerechtigkeit (5. 17) und das ewige Leben insgesamt (Römer 6. 23) als Gnadengaben bezeichnet. Sie sind ja die ganz zentralen Auswirkungen der Zuwendung Gottes, die Gott uns aus Seiner Gnade in Christus frei heraus schenkt. Wir müssen uns aber noch dem anderen, der Gnadengabe untergeordneten Begriff zuwenden, dem der eigentlichen Geistesgabe oder Geisteswirkung; dieser Begriff lautet pneuma (Pl. pneumatika) und bedeutet im eigentlichen Wortsinn Geist, Wind, Windhauch. Dieses Wort wird sowohl für den Geist Gottes als auch für den Geist des Menschen verwendet (vgl. Jo 3. 5 - 8). Im Kontext des hier Gesagten ist pneuma ein Windhauch, eine direkter Einfluß und eine Mitteilung des Geistes Gottes. Beide Begriffe weisen uns also darauf hin, daß die Gaben und Wirkungen des Geistes Gottes immer von Ihm Selbst ausgehen; Er gibt sie nicht aus der Hand; sie sind untrennbar verbunden mit der ungetrübten Gemeinschaft mit Ihm, und, wie ein Wind alle erfrischt, haben alle etwas davon.


[19]Fleißiget euch der geistlichen Gaben”: so übersetzte Luther 1545 selbst; so auch noch die Lutherbibel 1912. Die neueren scheinen abgeschwächt; hier setzte man ein „bemüht euch um die... Gaben” an diese Stelle. Überhaupt war Luther selbst in den Gnadengaben sehr viel weiter vorangeschritten, als seine eifrigsten Nachfolger es je hatten wahrhaben wollen; daß er sich etwa in den Gaben der Krankenheilung betätigte, und zwar nicht wenig, ist gesicherte Erkenntnis. Dies hat sich auch bis in die spätere lutherische Theologie hinein erhalten, wie die lutherischen Bekenntnisschriften zeigen. Im Kleinen Katechismus Martin Luthers lesen wir die sehr klare Aussage:

    „Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche, die Gemeinde der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.

    Was ist das?

    Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben...”

    (Aus: Kleiner Katechismus der Lutherischen Kirche, 3. Hauptstück, Von der Heiligung).

[20] Wie in 1Kor 13. 12 das Verb eiginosko, so steht in Eph 4. 13 das Substantiv epignosis. Gemeint ist also die Hinauferkenntnis des Sohnes Gottes, nicht das stückweise Erkennen gemäß der Bibel, wie sie uns durch unser Lesen, Lehren und Lernen gegeben wird und wie sie auch in 1Kor 13 klar von der Hinauferkenntnis Jesu Christi unterschieden wird, die das Erkennen aus Teil ablöst. Wir haben dies zwar nicht wörtlich, dennoch sachlich richtig mit „Vollerkenntnis wiedergegeben. Um zu dieser Reife, der vollen Erkenntnis des Sohnes Gottes, hin zu gelangen, wurden und werden dem Leib die entsprechenden Gaben gegeben. Jene sollen uns eine Hilfe sein auf dem Wege, Christus eines Tages ganz erkennen zu können, wie Er uns erkannt hat, und das ist das Erkennen „von Angesicht zu Angesicht”. Daß dieses Erkennen nach wie vor noch nicht gekommen ist, liegt eigentlich auf der Hand; nichtsdestotrotz werden wir es in den nachfolgenden Kapiteln nachweisen.

[21] Nicht alles, was in dergleichen Konstrukte hineinpaßt, ist darum auch biblisch. Dieselbe unzulässige Buchstabenklitterung wird vorgenommen, wenn man aus der weiter oben angeführten Schriftstelle Hbr 2. 2 - 4 zu konstruieren sucht, daß der Apostel davon rede, daß die Zeit der Wunder nach Mk 16. 17ff (von Gott her gesehen) aufgehört habe, nur weil er von den begleitenden Zeichen spricht, die die Verkündigung beglaubigt hatten, die zu seinen Lesern (!) am Anfang geschehen war (Vergangenheit) und deren Ernst sie gerade darum nicht vernachlässigen sollten (V. 3). Hier geht jedoch nicht um einen heilsgeschichtlichen Ablauf, sondern um die Vergangenheit im Leben der Leser, da sie sich bekehrten. Wenn die Zuteilungen des Heiligen Geistes nämlich obsolet wären, die der Schreiber als für jene ausdrücklich neben Zeichen, Wundern und Machttaten in der Vergangenheit liegend erwähnt (V. 3), könnte heute niemand mehr von neuem geboren werden! Ganz ähnlich wird oft auch mit der Stelle Mk 16. 19 - 20 verfahren. Genausogut könnt man allerdings auch mit der Stelle Jo 3. 16 umgehen und behaupten, daß Gott die Welt heute nicht mehr liebe, weil dort steht, daß Er sie geliebt habe. Daran erzeigt sich schon der fürwahr hanebüchene Unsinn solcher eigenen Auslegungskünste alles traurige Stilblüten dispensationalistischer Irrlehren. Da werden nicht nur die Zusammenhänge mißachtet, in dem diese Sätze stehen, sondern es werden künstlich Dinge in die Texte hineininterpretiert, die dort nicht stehen frei nach Goethe etwa: Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr´s nicht aus, so legt was unter.

[22] Dieser Irrtum hängt m. E. auch mit einem eher diffusen Verständnis der Begriffe Zeit und Ewigkeit (o. Zeitalter, aion) zusammen, wie ja auch die Fähigkeit des Erwartens immer auch etwas mit der Zeit zu tun hat, die mit dieser Erwartung verstreicht, bis sie sich erfüllt hat. Wie wir nicht zuletzt auch aus den nachfolgenden Schriftbeispielen entnehmen können, ist es ein Trugschluß anzunehmen, daß es in der Vollendung keine Zeit (oder Materie) mehr gäbe. Die Schrift spricht auch von einer neuen Erde (als neuerschaffenem Bereich des Irdischen und damit Materiellen) und von einem neuen Himmel (als dem Bereich des Himmlischen oder Geistlichen). Sie führt u. a. früchtetragende Bäume an, deren Blätter zur Heilung der Nationen dienen werden (Off 22. 2). Bäume wachsen und stehen nicht einfach da; sie benötigen also nicht nur Zeit, sondern sind immer auch mit der Erde verbunden. Und so ist auch die Auferstehung eine leibliche, nicht (nur) eine geistliche (1Kor 15!). Zu allem Leiblich-Körperlichen gehört immer auch die Zeit, gehören Stunden, Tage und Jahre (Jes 65. 17 - 25!). Diese Dinge haben dann nur eine andere Bedeutung (und damit Wertigkeit) als heute: Es wird kein Tod mehr sein, weil die uns auferlegten Begrenzungen, nicht zuletzt als Folge der Sünde, hinfällig geworden sind; Trauer, Geschrei und Schmerz sind dann Vergangenheit (Off  21. 4). Das Nichtachten dieser Dinge hat etwas mit der Leugnung der Auferstehung als der Auferstehung alles Leiblichen sowie der Leugnung bzw. Geringachtung der Leiblichkeit an sich und damit wiederum mit antichristlich-gnostischem und durchaus esoterischem Denken zu tun (Leugnung des Sohnes Gottes als im Fleisch kommend, s. 1Jo 4. 2ff). Hier hat man wieder einmal die Bibel eher mithilfe griechischer Philosophie zu erklären versucht als mit dem Wort Gottes allein.

[23] Stückwerk: wörtlich ek meros, aus Teil, Bruchteil, meint eigentlich einen oder mehrere Teile eines Ganzen. So der Gebrauch im ganzen NT, s. Lk 15. 12, Jo 19. 23, Apg 5. 2 u. a..

[24] Ein anderes, mit der Vorstellung der Gemeinde aus Haupt und Gliedern korrespondierendes Bild ist das des geistlichen Tempels, wie wir dies bei vor allem bei den Aposteln Paulus und Petrus vorfinden. Der sichtbaren Hinzufügung des Hauptes in der Vollendung des Leibes entspricht die Hinzufügung des Schlußsteins, der die eigentliche Vollendung des geistlichen Tempels darstellt (Eph 2. 19 - 22, 1Ptr 2. 4 - 8).


[25] Und doch ist diese vollkommene Überlieferung durch Menschen erbracht! Darum ist das Wort der Heiligen Schrift, obwohl Gottes Wort, immer zugleich auch Menschenwort; Gottes Geist hat es zwar eingegeben, aber Menschen haben es gehört, aufgeschrieben, vielfach kopiert, in Kanons zusammengestellt, in Tausende Sprachen übersetzt und so in vielfältigster Form immer weiter verbreitet. Und so ist es – durch Jahrtausende hindurch durch ungezählte menschliche Persönlichkeiten mit sehr verschiedenen Charakteren und Ausdrucksformen, aber auch Führungswegen, eigenen Schwächen etc. hindurchgegangen, und so ist auch seine Überlieferung durch zahllose Kodizes, Handschriften, Lesarten, Bruchstücke etc. hindurch geschehen. Dennoch hat dasselbe eingegebene Wort die Zeiten überdauert, so daß der uns heute vorliegende Text immer noch derselbe ist wie der, den die Väter gehört und überliefert haben. Bis heute hat Gottes Geist dieses Wort auf geradezu anbetungswürdige Art und Weise bewahrt, und wir bekommen einen überaus tiefen Eindruck davon, was es eigentlich bedeutet, wenn der Psalmist davon spricht, daß die Worte des Herrn reine Worte sind, im irdenen (!) Tiegel geschmolzenes Silber, siebenmal geläutert (Ps 12. 7, nach Schlachter 2000). Wir reden hier nicht der Bibelkritk das Wort. Aber wie Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist, so ist auch das Wort der Schrift immer Beides: es ist vollumfänglich wahres Gotteswort, aber ebenso vollumfänglich ist es immer auch wahres Menschenwort. Wir sprechen darum immer auch von dem Gotteswort in Knechtsgestalt, wie auch Jesus  als das vom Vater ausgegangene und fleischgewordene Gotteswort wahrer Gott vom wahren Gott ist, aber in Knechtsgestalt erschienen und in all Seinen Gebärden zugleich als Mensch erfunden worden ist (s. Jo 1. 1 - 5, 14 und Phil 2. 5 - 11). Wer diese Dinge nicht berücksichtigt, der negiert in entscheidenden Punkten seines Schriftverständnisses die Fleischwerdung Gottes und offenbart damit letztlich Bestandteile gnostischen Denkens (vgl. 1Jo 2. 23, 4. 1 - 3).

[26] Das zieht sich durch die ganze Bibel, wie es bereits in der Gesetzgebung zur Stiftshütte vorgeschattet wurde, an deren Eingang das eherne Meer genannte und mit Wasser gefüllte Waschbecken stand, das aus den Kupferspiegeln der Frauen gefertigt worden war und aus welchem die Priester sich zu reinigen hatten (2Mo 30. 18 - 21 u. a., siehe auch 38. 8). So reinigt gegenbildlich auch der Christus Seine Frau, die Gemeinde, in dem Wasserbad Seines Wortesdamit Er für Sich Selbst die herausgerufene Gemeinde herrlich darstelle, so daß sie keinerlei Flecken, Runzeln oder irgend etwas solcher Art habe, sondern heilig und makellos sei (Eph 5. 26, 27). Wir sehen also, daß die Begriffe Wasser, Wort und Spiegel in der Schrift recht eng zusammengehören. Daß man sich in dem Wasser des Beckens spiegeln konnte, kommt sicher nicht von ungefähr, indem es das Gesagte voll und ganz bestätigt, zumal es auch mit der angeführten Jakobus-Stelle in völliger Übereinstimmung steht. Es ist das Wort, in dessen Spiegel wir nicht nur dasselbe Wort an sich, sondern immer zugleich auch uns selbst erkennen und das so unsere Reinigung und Umgestaltung bewirkt. Auch hier haben wir demnach unseren Spiegel wieder! In der Vollendung aber werden wir nicht mehr vermittelt wie in einem Spiegel, sondern direkt erkennen, von Angesicht zu Angesicht (1Kor 13. 12, 13).

    Auch die in dem Zusammenhang oft zitierte Stelle 2Kor 3. 18 besagt nicht, daß das Erkennen in einem Spiegel, wenn auch mit unverhülltem Angesicht, schon vollkommenes Erkennen sei. Ein solches Erkennen ist allerdings schon jetzt ein anderes und besseres, als das des Alten Bundes es noch war, da Mose sein Angesicht vor dem Volk noch verhüllt hatte. In solchem Erkennen, da die Hülle weggenommen ist, spiegelt sich schon der Anbruch des Himmlischen wieder.


[27] Was ist es da noch ein Wunder, wenn Schriften gegen die Einheit der Kinder Gottes gerade in solchen Kreisen Hochkonjunktur haben (Stichwort: Oekumene) und die Kunst, die eigene Gruppe mit einem möglichst hohen Zaun zu umgeben, in dessen vermeintlichem Schutz es sich trefflich ausgrenzen läßt, allezeit fröhlich Urständ feiert. Die Liebe freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, das ist wahr, und bis hierhin hat man Paulus durchaus richtig gelesen; aber ebenso freut sich sich eben auch mit der Wahrheit in all denen, die doch Glieder an ein und demselben Leibe sind (1Kor 13. 6). Das gilt für alle diese Glieder, wenn und weil sie doch Glieder sind, in allen christlichen Konfessionen. So wollen wir gerne bereit sein, die Wahrheit, die ein Bruder sagt, als solche zu hören und als durch Christus gesprochen anzunehmen, auch wenn er in unseren Augen in einigen anderen Punkten irren mag, und so die geistliche Einheit mit ihm suchen. Und hüten wir uns, wenn wir in allzu anmaßender Selbstgerechtigkeit uns als Konfessionslose gebärden wollen, denn auch das trägt wieder den Keim einer neuen Konfession in sich, die den Leib abermals teilt und ihm somit Schaden zufügt. Denn wir alle straucheln mannigfaltig, wie Jakobus zu sagen weiß (Ja 3. 2).

[28] Daraus ergibt sich, daß sowohl weite Kreise der charismatischen Bewegung an sich als auch deren Kritiker sich im Grunde auf demselben Irrweg befinden. Sie beide haben nicht verstanden, daß die Liebe der alles überragende Weg ist, und haben je nach Prägung entweder die Geistesgaben oder das Schriftwissen an die Stelle der Liebe, d. h. über sie gesetzt. Damit ist nicht ausgesagt, daß diese Geschwister keine Liebe hätten; sie nimmt oft nur nicht die Stelle ein, die sie eigentlich haben sollte. Daß bei uns nicht die Liebe, sondern entweder die Geistesgaben oder die Schrifterkenntnis das Überragende war, mit dem wir uns über die Liebe hinweg definiert haben, erklärt dann oft genug auch unser Scheitern in all diesen Fragen. Jesus aber sagte weder, daß die Gaben, noch lehrte Er, daß die Schriftkenntnis das Merkmal sei, an dem man Seine Jünger als solche erkennen würde, sondern die Liebe: Daran werden alle erkennen, daß ihr Meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt” (Jo 13. 35). Exakt dasselbe Problem betraf die Korinther, denen Paulus zwar schon im Eingang des Briefes klar bezeugte, daß sie keinen Mangel nicht nur an auch nur irgend einer geistlichen Gabe, sondern auch am Wort oder an Erkenntnis besäßen, in gleicher Weise aber auch das eine über das andere Mal und in verschiedener Weise sagen mußte, daß die Liebe bei ihnen zu kurz käme (1Kor 1. 4 - 9, dann aber 10ff usw. usf.). So kommen in dem besagten korinthischen Problem wiederum beide vor: sowohl die, die sich auf ihre besonderen Gaben, als auch die, die sich auf ihre besondere Schrifterkenntnis berufen, so daß keine der beiden Parteiungen (die ja daraus bei uns entstanden sind) sich auf Kosten der jeweils anderen hier herausmogeln könnte.

[29] Siehe dazu auch die Anmerkung 53. Daß das Versagen in der Liebe direkt in Irreführung, Verfinsterung und in ein geistliches Sterben hineinmündet, ist auch unter uns Bibelchristen keine Erkenntnis, die sich schon besonders herumgesprochen hätte. Und doch spricht Johannes von Verlusten an Anteilen geistlichen Lebens derer, die einander hassen (w. miséo=zurücksetzen, 1Jo 3. 13 -16), mahnt er dazu, daß nur der in Gott bleiben könne, der auch in der Liebe bliebe, denn Gott ist Liebe (4. 10 - 16f, siehe vor allem auch 2. 11). Und so stehen seine Warnungen vor dem Geist des Antichristen in direktem und nahtlosem Zusammenhang mit der Warnung vor Lieblosigkeit. So ist es dann auch nur folgerichtig, daß der umgeworfene Leuchter (das Symbol der Erleuchtung durch den Geist) schon im ersten (!) Sendschreiben (dem an die Gemeinde zu Ephesus) in direkter Folge auf das Verlassen der ersten Liebe zurückgeführt werden muß die aber ist nicht nur auf den Herrn, sondern immer zugleich auch auf den Bruder und die Schwester bezogen, weil das Doppelgebot der Liebe nicht auftrennbar ist (s. d. Stellen Mt 22. 37ff, 1Jo 4. 19 - 21, Off 2. 1ff). All das steht mit dem in diesem Kapitel Gesagten in direktem und untrennbarem Zusammenhang und ist in der gesamten Kirchengeschichte von den Anfängen in der Apostelgeschichte bis heute direkt nachvollziehbar!

[30] Dieses meist überlesene klare „Ich will” (Imperativ!) des Grundtextes sowohl, daß ihr in Zungen zu reden vermögt, als auch, ja viel mehr noch, daß ihr prophezeien könnt  macht diesen Satz zu einem ausdrücklichen Befehl. Luther hatte noch übersetzt mit dem viel unbestimmteren „Ich wollte”. Aber solche Unklarheiten, wie sie unserem fleischlichen Wesen und Verständnis oft so trügerisch entgegen zu kommen scheinen, leistet sich der Apostel in dieser Frage keineswegs. Er erwägt hier keine bloßen Möglichkeiten, erklärt nicht, daß die eine die andere ersetzen möge. Er will ganz unbedingt beide Gaben haben, und beide müssen auch sein, weil die eine  in verständlicher Rede  ohne die andere  die innere Auferbauung unseres Geistes durch das Sprachengebet  nach dieser Ordnung eben nicht sein kann (vgl. 1Kor 14. 14f).

[31] Hier heißt es nach der Konkordanten Übersetzung: „Was folgt daraus, meine Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, hält ein jeder von euch etwas bereit: einen Psalm, ein anderer hat Belehrung, hat Enthüllung, hat Zungenrede, hat die Enthüllung derselben. All das soll zur Auferbauung dienen!” Diese Übersetzung ist hier leider sehr mißverständlich. Die Unterscheidung eines jeweils anderen, der diese Dinge haben solle, findet sich im Griechischen nämlich gerade nicht wieder, wird in diesem Vers auch nicht thematisiert.  Selbst die von Bibellesern oft zurückgesetzte Luther-Übersetzung in der Revision von 1984 ist hier äußerst genau und gibt den Sinn exakt wieder. Nach ihr heißt es nämlich: „Wie ist es denn nun, liebe Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Laßt es alles geschehen zur Erbauung!”

[32] Mit der von Paulus geprägten Aussage, daß ein jeglicher in jeder dieser Gaben dienen kann und von Gott her auch soll, und zwar so, wie der Geist es in dem jeweiligen Zusammenhang der betreffenden Personen will, ist auch jenes unsägliche Amts- und Leiterschaftsdenken, das besondere Gabenträger bzw. sog. Dienstgaben als über andere gestellt sieht und unsere Gemeinschaften in Menschenknechtschaft und gesetzlichen Irrlehren gefangen hält, als Lüge entlarvt.

[33] Das ist freilich etwas anderes als jene durch Leiterschaft aufgedrückte Struktur pseudo-charismatischer Gemeinden, in der von vorne eine Show aufgeführt wird, während die zum Publikum degenerierte Gemeindeversammlung andächtig zu sitzen, zu lauschen und nachfolgend nur noch die Anordnungen eben dieser Leiterschaft auszuführen hat, die sie nebenher mit ihren Gaben, Opfern, Zehnten usw. auch noch aushalten soll. (Die in Ga 6. 6 u. a. dargelegte Wahrheit, daß derjenige, der von jemandem geistliche Güter empfängt, demjenigen, der sie gerade austeilt, auch die Teilhabe an seinen irdischen Gütern gewähren soll, wird damit grundsätzlich nicht in Frage gestellt). Das Ganze gestaltete sich eben gerade nicht zum Segen, wie man uns unaufhörlich einzureden suchte, sondern ist uns zum Fluch, zum Einfallstor des Bösen geworden, weil es selbst aus dem Bösen kommt und durch und durch böse ist. Hier haben wir nichts anderes als die vermeintliche Ordnung des Teufels vorliegen, der seinen Thron über alle anderen Sterne erheben wollte, um Gott gleich zu sein, d. h. sich als ein Gott   als Unterordner, Platzanweiser und Schiedsrichter  zu gebärden (Jes 14. 12 - 14, 17). Immer und überall schob er sich zwischen Jahwe, den wahren Gott, und Sein Geschöpf, den Menschen; immer und überall maßte er sich an zu interpretieren, was Gott gesagt haben sollte, begehrte er, ein Leiter zu sein (1Mo 3. 1ff). Es ist dieser Weg, auf dem Eva zur Sünde verführt wurde; auf demselben Weg hat Satan, die alte Schlange, Herrschaft über ganze Völker erlangt; und es ist wieder derselbe Weg, auf dem er heute ganze Gemeinden regelrecht übernommen hat, sie unter das Gesetz versklavt und in Menschenherrschaft gefangenhält – ein Weg und eine Verführung, vor der Paulus fast schon buchstäblich gewarnt hatte (2Kor 11. 2 - 4). 

    Der Apostel ist bis heute nicht wirklich gehört worden. Die nicht nur lehrmäßigen Verirrungen und teilweise dämonischen Praktiken, die wir in der heutigen sog. charismatischen bzw. Glaubensbewegung weithin zu beklagen haben, sind allesamt auf diesem Wege  über Vermittlung durch Leiterschaftsprinzip hereingebracht worden. Die Früchte, die dieses System hervorgebracht hat, die zahllosen, im Geist, in der Seele und auch am Leib verletzten Kinder Gottes, ja sogar die hin und wieder bezeugten Selbstmorde (Bildschirmkopie siehe hier) zeigen, wie abgrundtief böse dieses ganze System gnostischer Irrlehren und Strukturen von seiner Grundsubstanz her wirklich ist, woher es kommt und wohin es führt. All diese Dinge wären  in diesem Ausmaß  nicht möglich gewesen, wenn man sich an die Vorgaben des Apostels gehalten hatte, daß auch, soweit dies die Redegaben betrifft, nicht einer alles, sondern ein jeder etwas haben soll! Hier zeigt sich, daß diese Ordnung gegenseitiger Auferbauung und Korrektur uns gerade auch zum Schutz gegeben worden ist!


[34] Auf diese Weise entstehen beispielsweise auch die hier niedergelegten Seiten.

[35] Diese Gaben werden für gewöhnlich unter dem Begriff des sog. Fünffältigen Dienstes” (einige sprechen auch vom Vierfältigen Dienst”, indem sie den Hirten mit dem Lehrer verbinden) zusammengefaßt, um ihnen eine besondere Vollmacht zu unterstellen, die sie über die Glieder des Leibes  und damit über alle anderen Gaben  angeblich erhöhe. Auch hier werden Dinge ins Wort hineininterpretiert, die in diesem Wort nicht stehen. Den Begriff des Vier- oder Fünffältigen Dienstes (der ja immer auch eine sozusagen klerikale Oberschicht nach quasi-levitischem Muster impliziert) werden wir dann auch in den neutestamentlichen Briefen vergeblich suchen, und nicht umsonst legte Paulus ja auch seinem Schüler Timotheus ans Herz, stets ein Muster gesunder Worte zu haben, als von solchen, die dieser von ihm gehört hat (2Tim 1. 13). Das aber setzt voraus, daß wir dieses Muster aus der Schrift empfangen und nicht immer wieder eigene Begriffe prägen, wie ja auch Timotheus jenes Muster verwenden sollte, das er bei Paulus gehört hatte. All diese Auffassungen besonderer, über den Leib erhöhter Dienste widersprechen zahlreichen Lehren des Neuen Testamentes; sie fördern nicht, sondern sie untergraben die Einheit des Leibes und torpedieren damit das gemeinsame Ausüben der Gaben!

[36] Das sind freilich Dinge, denen unser heutiges System hierarchisch strukturierter Gemeinden und der damit verbundenen Pastorenherrschaft diametral entgegen steht. Wenn wir jene Mahnungen und Lehren des Apostels in der Form beherzigen würden, daß wir sie tatsächlich einmal auch umzusetzen begännen, dann wäre das das Ende einer jeden menschlichen Leiterschaft und damit auch jenes einseitigen Pastorenkirchentums, das uns heute so sehr lähmt und in Menschenfurcht gefangenhält. Vielleicht ist dies einer der Gründe, weshalb man dieses Thema bislang nicht oder kaum einmal wirklich angegangen ist. In solchen Versammlungen, berufen in Jesu Namen und zusammengeführt durch den Heiligen Geist, käme endlich auch die nicht nur gedankliche, sondern die wirkliche, die seinsmäßige Einheit der Gemeinde Jesu mit ihrem Haupt zustande.   Siehe dazu auch die Anmerkung 33.

[37] Diese Problematik zieht sich durch das ganze Neue Testament hindurch. Den Galatern etwa wird Paulus ähnliches zu sagen haben: „Nur das Eine will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist aus euren Gesetzeswerken erhalten oder beim Hören von Seinem Glauben? So unvernünftig seid ihr? Habt ihr im Geist den Anfang unternommen, um ihn nun im Fleisch zu vollenden?” Das ist die Frage aller Fragen. Wir sollten ihr darum nicht ausweichen. Wie viele von uns sind nicht in der Gnade geblieben, sondern haben die empfangene Gnade aufgegeben  zugunsten des Einhaltens von Gesetzen und Prinzipien? Genau das ist es, was der Apostel hier nämlich meint (Ga 3. 1 - 3, 5. 4 u. a.).

[38] Von daher sollte das normale Zungengebet auch nicht mit den besonderen Zeichen der Sprachen verwechselt werden, die Gott bezüglich der Geistausgießung am Anfang, dem Tag der Gründung der Gemeinde (Apg 2. 3 - 11ff) unter den Juden gewirkt und für die Nationen wiederholt hat (Apg 10. 44 - 47). Der Geist Gottes ist bereits ausgegossen und die Gemeinde ist gegründet; wir müssen nicht erst darum bitten, daß Er käme  aber nun ist es an uns, Ihn auch in unser Leben einzulassen und Ihm entsprechend Raum zu geben!

[39] Dieses Bekämpfen des Zungengebetes geschieht auf vielerlei Art und Weise, einerseits, in dem Irrlehren ausgestreut werden, die das Ausüben der Zungenrede möglichst ganz unterbinden sollen, andererseits, indem es entweiht, profaniert, gefälscht und damit immer zugleich auch in einer Art und Weise „praktiziert” wird, daß es auf andere abstoßend wirken muß. Beides sind Kehrseiten ein und derselben Medaille, weil beides gleichermaßen vom Teufel kommt!

[40] Die Gabe des Lehrens hat eben nichts zu tun damit, daß ein akademisch oder bibelschulmäßig Gebildeter die Bibel haarklein zerpflückt und die Ergebnisse seines Tuns vor allem Volk mit möglichst vielem Pathos und gewaltigem Stimmaufwand vorzutragen sucht. Dies ist die Art der Schriftgelehrten und Pharisäer, die Jesus kritisiert; sie vermag kein Leben zu wirken, im Gegenteil  gerade weil der bloße Buchstabe tötet, während nur der Geist lebendig macht, ist sie eine der Hauptursachen des in vielen, gerade auch sog. „bibeltreuen” Gemeinden immer weiter um sich greifenden geistlichen Todes geworden (2Kor 3. 6). Wer die Geistesgaben verwirft, dem bleibt jedoch nur noch diese Art eines rein verstandesmäßigen Arbeitens mit der Bibel übrig. Die Gabe des Lehrens wirkt völlig anders, als die menschliche Gelehrsamkeit es jemals könnte; kommt sie zum Zuge, dann werden durch den Geist Zusammenhänge empfangen, weitergegeben und noch während des Weitergebens immer neue Zusammenhänge erschlossen  sowohl beim Sprechenden als auch bei denen, die hören. So stellen sich dann auch bei allen die berühmten „Aha-Erlebnisse” wieder ein!

[41] Das erklärt dann auch das Phänomen und die Herkunft des sogenannten Sprachengesanges. Auch die in vielen Kirchen anzutreffenden Liturgieformen (vor allem lutherische, katholische und Ostkirchen) haben, wenn sie im Laufe der Zeit auch so manche Vermischung, Verbiegung und Verdunkelung erfahren haben mögen, ihre eigentlichen Wurzeln in diesen Gaben. Ich möchte dabei auch die Gregorianik nicht vergessen zu erwähnen. Wir haben u. a. auch eine ganze Fülle vom Geist eingegebener Lieder in unseren verschiedenen Gesangbüchern. Auch wenn sich dem einen oder anderen diese Dinge nicht auf Anhieb erschließen mögen, sollten wir doch für all diese Wurzeln danken!

    In betreff der Sonderform des Sprachengesanges – sie wird in 1Kor 14. 15 dokumentiert 
bleibt wohl anzufügen, daß dieser, wie das Sprachengebet auch, ebenfalls auszulegen wäre. Ist es ein gemeinsamer Sprachengesang, so könnte es nach der paulinischen Anordnung notwendig werden, daß es bis zu drei Auslegungen gibt (14. 27, 28). Anderenfalls wäre sich auch hier einer lauten Äußerung zu enthalten.

[42] Wer daher behauptet, daß es keine Gabe zur eigenen Auferbauung gäbe, der irrt sich ganz empfindlich und bewegt sich diesbezüglich nicht mehr auf dem Boden der Heiligen Schrift. Das Sprachengebet dient zunächst der eigenen Auferbauung, wie Paulus klar gesagt hat; das ist ja der Grund, weshalb es in der Öffentlichkeit ausgelegt (w. di-ermêneuō, durch-übersetzt) werden soll, damit auch die anderen Glieder auferbaut werden, indem sie es verstehen und ihr Amen darauf erwidern können; anderenfalls ist zu schweigen (1Kor 14. 4 - 5 usw.). Damit dient es erst in zweiter Hinsicht der Auferbauung aller, dann aber nur im Zusammenhang mit der Übersetzung, oder aber in der Zusammenwirkung mit anderen verständlichen Gaben, wie wir dies im Haupttext entsprechend erörtert haben. Ein anderer Unfug wird betrieben, wenn man verbreitet, daß es sich beim Zungengebet um verständliche Sprachen in dem Sinne gehandelt habe, daß der Redende sie selbst verstehen könne oder sie sogar selbst erlernt habe, wie man eben eine Fremdsprache erlernt  um damit vorgeblich zu beweisen, daß es sich bei dem Zungengebet anderer nicht um eine wirkliche (d. h. vom Geist gewirkte) Gabe handele, sondern eine durch äußerliches Lernen von Fremdsprachen erworbene Fähigkeit, die dazu diene, nicht nur sich selbst, sondern auch andere aufzuerbauen. Aber auch das ist nach dem Schriftzeugnis einwandfrei zurückzuweisen; denn Paulus sagt, daß der, der in einer Zunge spricht, nicht zu Menschen, sondern zu Gott spricht; und „wenn ich in Zungen bete, so schreibt er später, „so betet ja nur mein Geist, mein Verstand aber bleibt fruchtleer – er versteht das Gesagte selbst eben gerade nicht (V. 14). Überdies geht diese These von einer Auferbauung als von einer rein verstandesmäßigen aus und unterstellt, daß nur eine solche möglich sei; sie übersieht dabei aber, daß es sich nach dieser Aussage um eine Auferbauung des eigenen Geistes handelt, bei der der Verstand  als Bestandteil der Seele  fruchtleer bleibt, wie wir eben gesehen haben. Solche Vorstellungen, die eine geistliche Auferbauung erst dann für möglich halten, wenn sie nur noch über den Verstand geht, sind Ausdruck eines tiefsitzenden Rationalismus und als solche nicht zuletzt auch Relikte der sog. Aufklärung, in der Verstand fälschlicherweise mit Geist gleichgesetzt worden ist.

   
Es gibt in der Tat die abenteuerlichsten und unsinnigsten Irrlehren gerade um diese Gabe, und solche Irrtümer bestehen nicht nur im pfingstlerisch-charismatischen, sondern (entgegengesetzt) auch im evangelikalen Bereich, wobei oft genug die Fehler der jeweils anderen Parteiung dazu benutzt worden sind, die Fehler der eigenen zu übertünchen und sich aus ihnen eine Festung zu bauen, um sich in ihren Mauern sicher zu fühlen, nur um sein Leben nicht ändern zu müssen und vor allem auch die theologischen Gebäude beibehalten zu können, auf die man dieses Leben gegründet hat, ja die vielfach geradezu zum Lebensinhalt solcher Strategen geworden sind. So könnte man hier unendlich fortfahren, ohne daß man tatsächlich zu einem Ergebnis käme, das eine Besserung unseres erbärmlichen Zustandes auch in dieser Frage mit sich brächte. Ein mir bekannte Evangelikaler radikalerer Prägung behauptete einmal allen Ernstes, Paulus habe hier von „heidnischer Zungenrede” gesprochen, von Gaben also, die man aus dem Heidentum übernommen habe, da man ja noch keine Bibel besessen habe; erst mit der Bibel hätten diese Dinge aufgehört usw. usf. Das alles ist ein grober Unfug, der über lange Zeiträume hinweg aus einer ganzen Ansammlung gefährlicher Irrlehren und diversen verstandesmäßigen Entgleisungen gebildet worden ist. Mittlerweile haben sich diese Gedankengebäude bei vielen verfestigt, und so irren solche Behauptungen seit Jahrzehnten herum, füllen ganze Bände und verderben den Sinn vieler Geschwister. Ach, wie schwer ist es doch, die einfachen Dinge des Wortes Gottes anzunehmen, solange man noch reich ist in sich selber! Hier sollte man einmal lesen, was da wirklich geschrieben steht, und über den vorgenannten Verirrungen gründlich Buße tun!

[43] Vgl. dazu Mk 1. 34, Lk 4. 41, Apg 16. 16 - 18. Aus dieser Sicht heraus ist dann auch eine Seelsorgepraxis besonders verwerflich, in der beim Austreiben von Geistern solche examiniert und die dann entstandenen Antworten übernommen oder sogar noch zur Belehrung anderer (als vermeintlicher Wahrheitsbeweis für die Richtigkeit diverser Lehrmeinungen) verwendet worden sind. Auf solchem Wege sind  so etwa aufgrund der mit Recht sehr umstrittenen Literatur von Dr. Kurt E. Koch und anderer  u. a. auch Aussagen entstanden, welche die Geistesgaben, besonders das Zungenreden insgesamt als dämonisch abstempeln. Obgleich Koch freilich das Vorhandensein eines echten Zungenredens nie bestritten hat, tun es doch andere unter dem Hinweis auf einige seiner Bücher, in denen u. a. auch über solche Dämonenbefragungen und deren Ergebnisse berichtet worden ist. So erzeigt sich gerade anhand solcher Aussagen das Leugnen auch dieser Gabe als das, was es in Wahrheit ist  nämlich als Lehren von Dämonen. Daß wir dies in vielen Kreisen noch nicht bemerkt haben, zeugt von unserer geistlichen Blindheit. Nun leugnen wir nicht, daß es auch eine dämonische Nachäffung des echten Zungenredens gibt. Das hier aber solche Ergebnissen zustande gekommen sind, erscheint mir geradezu zwangsläufig, und es wundert mich in keiner Weise. Wer anders als der Teufel selbst hat denn so ein immenses Interesse daran, daß die Geistesgaben nicht mehr stattfinden! Hier sind die vermeintlichen Aufklärer selbst dämonischen Mächten auf den Leim gegangen. Wir haben mit solchen nicht zu reden. Dämonen sind durchweg Lügengeister; wie auch der Teufel, der der Vater der Lüge ist, so lügen auch sie und reden dabei von dem Eigenen (Jo 8. 44). Wir haben diesen Mächten nach Eph 4. 27 keinerlei Raum zu geben, haben sie weder zu hören, noch solche Aussagen weiterzuverbreiten; sie sind einzig und allein hinauszuwerfen!

[44] Wobei sicherlich zu berücksichtigen ist, daß es in dieser Gabe, wie etwa in der Lehrgabe (und jeder anderen Gabe) auch, ein Wachstum und demnach ein Fortschreiten gibt. Es ist schon ein Unterschied, ob wir mit dem Apostel sagen könnten, daß wir mehr in Zungen redeten als alle anderen (wofür der Apostel ausdrücklich Gott dankt!) oder ob wir noch verhältnismäßig wenig Übung in dieser Gabe besitzen (1Kor 14. 18). Natürlich ist zu beachten, daß in der Versammlung nicht alle in Zungen reden. Aber Paulus bezieht sich mit seiner Belehrung eben nicht nur auf diese. Auch wenn wir die Ermahnungen zur verständlichen Rede, zu Auslegung und Prophetie (in der Zusammenkunft) nicht außer acht lassen dürfen, darf auf der anderen Seite doch nicht übersehen werden, daß Paulus schon in 14. 5 möchte, daß (dem Vermögen nach) alle sich in dieser Gabe üben! Das Erwachsenenalter zeigt auch hier seine Reife, indem es einen ganz anderen Wortschatz als das Kindheitsstadium aufzuweisen hat. Es steht auch der Erfahrung nichts entgegen, daß es sich beim Reden in Zungen durch einen Menschen um das Reden in verschiedenen Sprachen handeln kann, je nachdem, wie dies der Heiligen Geist jeweils auszusprechen gibt.

[45] Der Dispensationalismus oder die Dispensationslehre ist ein vor allem in der Brüderbewegung (Darby u. a.) entwickeltes Lehrsystem (Dogma) von den unterschiedlichen Heilszeiten, in denen Gott unterschiedlich handele. Nun ist die Vorstellung unterschiedlicher Heilszeitalter an sich zunächst biblisch geboten und daher korrekt. Nicht korrekt ist aber, daß man daraus wieder ein menschliches Lehrsystem entwickelt hat, in das man alle anderen biblischen Aussagen jeweils künstlich hineinzupressen und diesem anzupassen versucht. Nur so ist es möglich gewesen, daß die hier vorliegenden Ersatzlehren vor allem des so genannten Cessationismus (die betreffenden Gaben seien vorgeblich ausgelaufen nach Absterben der Apostel des NT, ersetzt worden durch den Bibelkanon usw. usf.) überhaupt Fuß fassen konnten und unter vielen so breiten Raum eingenommen haben. Es ist dazu aber auch zu bemerken, daß sich nicht alle Gabenleugner auf den Cessationismus berufen und ihn z. T. auch ablehnen. Die Vehemenz, mit der die jeweiligen Vertreter solcher oder ähnlicher Lehrkonstrukte die Geistesgaben abweisen, ist vor allem dem Umstand geschuldet, daß sich für sie die immense Gefahr ergäbe, daß sich diese ihre Konstrukte, auf die sie nicht nur ihr Leben gegründet, sondern auch andere darin unterwiesen haben, einmal als allen offenbarer Irrtum herausstellen würde; am Ende könnten sie, die doch immer die anderen als Irreführer gebrandmarkt haben, selbst als Irreführer dastehen und sähen sich somit in Gefahr, die Früchte ihrer eigenen Ausgrenzung von Geschwistern einmal selbst zu ernten. Diese Aussage ist mir von einem Vertreter dieser Lehrauffassung, der damit große Ehrlichkeit bewies, in weiten Bereichen durchaus bestätigt worden.

[46] Das griechische Wort für anständig ist euschêmon; es bedeutet soviel wie wohlanständig, eigentlich im Sinne von dem vorgegebenen Schema gut” oder „wohl entsprechend.

[47] Und selbst die Anarchie kann auf ein „Daruntersein” nicht verzichten! Im Gegensatz zur gottgewollten Unterordnung aus Liebe tritt hier jedoch die Unterwerfung; nicht echte und dienende Unterordnung also, sondern das vermeintliche Recht des Stärkeren” als deren Perversion. Wer (etwa nach Jes 28. 13) das hölzerne Joch zerbricht, das von Gott kommt und das sanft und leicht ist, der begibt sich alsbald unter ein eisernes   voller Unbarmherzigkeit und Gewalt auf jeder Ebene, je nachdem, wie tief der Bruch vollzogen wurde. So tritt (besonders in der Endzeit) zutage, was der Herr sagte, als Er davon sprach, daß die Liebe bei den meisten (!) erkalten würde, da sich die Gesetzlosigkeit mehre (Mt 24. 12). Ein signifikantes Merkmal der französischen Revolution etwa, die sich die Thesen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte, war deren ausgemachte Brutalität in der Unterwerfung ihrer Gegner.

[48] Der immer wieder zu hörende Verweis darauf, daß die Zungenrede (o. besser das Sprachengebet) für den Fall, daß es nicht verständlich ausgelegt werden kann, allein „im Kämmerlein” d. h. jenseits der Gemeindeversammlung stattzufinden habe, entspricht nicht dem Zusammenhang des hier Gesagten, und zeugt davon, daß man den Absatz nicht korrekt gelesen bzw. erfaßt hat. Paulus redet ja nicht über das eigene Gebet in der Stille nach Mt 6. 6, etwa nach dem Muster der persönlichen stillen Zeit, sondern er redet vom rechten Gebrauch der Geistesgaben in der Versammlung von mehreren an einem Ort. Hier hat sich der, der in anderen Sprachen beten will, in dem Falle, daß kein Ausleger da ist, einer öffentlichen, laut vernehmbaren Kundgebung zu enthalten; er soll aber  dort, wo er ist  allein für sich und für Gott, d. h. in der Stille beten. „Wenn kein Übersetzer da ist, schweige er”   und wo soll er schweigen?  „in der herausgerufenen Gemeinde” (1Kor 14. 28). So und nicht anders steht es da. Denn der Fluß der Geistesgaben soll ja in der Versammlung weitergehen und gerade dort nicht durch menschliche Willkür unterbrochen werden dürfen; die Auferbauung aller soll fortgesetzt werden; sie darf keinen Schaden leiden. „... weil ihr doch Eiferer nach geistlichen Gnadengaben seid, so suchet, daß ihr dabei zur Erbauung der herausgerufenen Gemeinde überfließt” (1Kor 14. 12, s. a. 39, 40).


[49] Der Kritiker mag fragen: Wie kommt es dann, daß es so vieles an Irrtümern, so vieles an falscher Prophetie gibt bei jenen, die doch in Sprachen beten und oft meinen, den Heiligen Geist gepachtet zu haben? (Ich überziehe ganz bewußt etwas.) Nun, die Antwort ist eigentlich nicht schwer: Wenn wir am Tage leben wie die Welt, und dann am Abend oder einer anderen festgesetzten Zeit, in der wir uns versammeln, zu Gott beten – wie wollen wir bei einem solchen Wandel erwarten, daß Gott zu uns redet und uns hochgeistliche Dinge offenbart? Gilt es etwa auch bei uns, jenes traurige Sprichwort, das da lautet: Sie singen wie die Engel, aber sie leben wie die Teufel?! Da nützen uns unsere pseudo-charismatischen Praktiken gar nichts  wir müssen fehlgehen, solange wir uns in Sünde befinden und diese Dinge nicht auszuräumen bereit sind. Gott läßt sich von uns weder befehlen noch anderweitig manipulieren; Er redet auch nicht auf Bestellung; Er gibt die Gaben, wie Er will (s. 1Kor 12. 11). Alles andere ist seelische Scharlatanerie!

[50] Es ergeben sich wohl auch vom NT her eine Vielzahl von Möglichkeiten unterschiedlichster Formen gottesdienstlicher Versammlungen, und es ist geradezu bezeichnend, daß es eine Festlegung auf eine einzige ganz bestimmte Form nicht gibt. Wichtig ist dabei nur, daß die in 1Kor 14. 26 - 33 beschriebene Ordnung des Herabstandes gewahrt bleibt und damit die Liebe gelebt werden kann, die sich ja immer in der Annahme alles dessen erzeigt, was ein jeder für die Versammlung der Heiligen beizutragen hat, und damit Grundvoraussetzung für diese Ordnung ist. Wer dies zugunsten einer einzigen festgefügten Form übergeht, der landet allzuschnell in bloßem Formalismus und damit in Gesetzlichkeit und Erstarrung. Diese Dinge sind immer Ansatzpunkte geistlichen Todes gewesen, und die Hunderte von Sekten, die sich gerade im protestantischen Bereich erst von den etablierten Kirchen, dann aber auch immer wieder voneinander abgespalten haben, gehen letztlich darauf zurück.

[51] Damit ist auch die Herkunft aller diesbezüglichen Lehren, die den Heiligen Geist als eine uns gegebene bzw. verfügbar zu machende Kraft beschreiben, als aus dem Heidentum kommend entlarvt. Dies betrifft besonders die neuheidnischen Lehren des sog. Neuen Denkens, der Christlichen Wissenschaft und der damit eng verwandten sog. Wort - des - Glaubens - Lehre, mit der sich u. a. auch diese Seiten befassen.

[52] Dem scheint das Wort des Paulus: Er ist in die Höhe gestiegen und hat das Gefängnis gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben” (Eph 4. 8, nach Ps 68. 19) nur sehr vordergründig entgegenzustehen. Dem ist aber nicht so. Denn hier werden vom Zusammenhang her nicht die geistlichen Kundgebungen an sich, sondern die, durch die sich die entsprechenden Geistbefähigungen gerade kundtun (Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer) in ihrer gesamten menschlichen Existenz als Gaben bezeichnet!

[53] Siehe dazu auch die Anmerkung 29. Johannes setzt in dem genannten Schriftzusammenhang das Hassen von Geschwistern  miséo=zurücksetzen, an die zweite Stelle setzen, ins Hintertreffen bringen oder geraten lassen  ganz klar mit Mord (o. Totschlag) gleich, und führt aus, daß dies zu beiderseitigem Verlust geistlicher Lebenskraft führt. Hier laufen also tatsächliche geistliche Prozesse ab, die Kräfte des Todes freisetzen und zuletzt auch zum Tode führen. Diesem Umstand ist meiner Überzeugung nach bis heute weder in der Lehre noch in der Praxis ausreichend Rechnung getragen worden; für viele Ausleger scheint es ihn noch nicht einmal zu geben. Und doch sollten wir uns einmal die Quintessenz dessen vor Augen führen, was Johannes hier eigentlich schrieb. Erklärt dies nicht auch den Zustand, unter dem wir als Christen vor allem zu leiden haben  zu leiden allerdings, weil wir auf diesem Feld von Anfang an sträflich gesündigt haben? Und ist nicht auch darum das erste Sendschreiben, das der auferstandene Herr Jesus der Gemeinde zukommen läßt, der Ermahnung gewidmet, zur ersten Liebe zurückzukehren, da andernfalls ihr Leuchter umgeworfen würde und sie demzufolge in der Finsternis sitzen würde? (Off 2. 1 - 7) Bestätigen nicht 2000 Jahre Kirchengeschichte  trotz der vielen geistlichen Aufbrüche und Höhepunkte der Erleuchtung, die sie durchaus aufzuweisen hat  nicht immer wieder, daß hier entsprechende Entwicklungen stattgefunden haben? Und sprechen nicht die zahllosen Abspaltungen und nachfolgenden Irreführungen innerhalb der einen Christenheit nicht von Einbrüchen geistlichen Todes, die sich hier immer wieder ereigneten? Es ist jedenfalls überaus signifikant, daß der Auferstandene Herr in jener ersten aller Botschaften an die Gemeinde, da deren Leuchter noch steht, nicht etwa eine vermehrte Konzentration auf ihre geistlichen Gaben, sondern die Umkehr zur ersten Liebe einfordert!

[54] Auch die entschlafenen Heiligen, die Glieder also, die vor uns den Weg mit Jesus vorangegangen sind, gehören dazu, was auf der protestantischen Seite, meist aus Angst vor einem unbiblischen Heiligenkult, sträflich vernachlässigt worden ist. Man lese dazu die entsprechenden Passagen aus dem Hebräerbrief (siehe Hbr 12. 1, 22 - 24).

[55]
Wir sind uns dessen bewußt, daß dieses Bild aus der aktuellen Situation heraus so verwendet worden ist und von daher nicht absolut gesehen werden darf. Wir denken da auch an all die anderen Geschwister in den vielerlei christlichen Kirchen, Konfessionen usw., die Gott ebenso gerufen hat und für die wir zu danken haben.




Verwendete Bibelübersetzungen und Hilfsmittel


Wo nicht anders angegeben, wurden für das Neue Testament, das Erste und Zweite Buch Mose, die Psalmen, die Propheten Jesaja und Daniel die folgenden Ausgaben der Konkordanten Übersetzung verwendet:

Konkordantes Neues Testament mit Stichwortkonkordanz
6. Auflage 1995, Alle Rechte vorbehalten

Konkordantes Altes Testament, Das Erste und Zweite Buch Mose
2. erw. Auflage

Konkordantes Altes Testament, Die Psalmen
1. Auflage 1994

Konkordantes Altes Testament, Jesaja
Studienheft mit transliterierten göttlichen Titeln
3. Auflage

Konkordantes Altes Testament, Daniel
1. Auflage 1991

Konkordanter Verlag Pforzheim
Leipziger Str. 11
75217 Birkenfeld

An allen anderen Stellen wurden verwendet:

Elberfelder Übersetzung (Unrevidierte Version)
„Die Heilige Schrift Aus dem Grundtext übersetzt”
73. Auflage 1993

Revidierte Elberfelder Übersetzung
Verlag R. Brockhaus
, Wuppertal

Schlachter - Übersetzung
„Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments / Unter Berücksichtigung der besten Übersetzungen / Nach dem Urtext übersetzt von Franz Eugen Schlachter / Neu bearbeitet und herausgegeben durch die GENFER BIBELGESELLSCHAFT, Genf 1985” sowie

Die Bibel / Übersetzt von Franz Eugen Schlachter nach dem hebräischen und griechischen Grundtext mit Parallelstellen und Studienhilfen / Version 2000 / Neue revidierte Fassung / GENFER BIBELGESELLSCHAFT, Genf 2003

Die Geschriebene des Alten und des Neuen Bundes
Übersetzung von Fritz Henning Baader, 3. (überarbeitete) Gesamtausgabe 1998
Copyright 1998 by F. H. Baader, 75328 Schömberg

Novum Testamentum Graece
Nestle - Aland, 26., neu bearbeitete Auflage 1979-1988
Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten

Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament
Hrsg. Gerhard Kittel u. a.
Verlag Kohlhammer, Stuttgart u. a., 1933-1969




Lieber Bruder, liebe Schwester!

Wir hoffen, daß die vorliegenden Bibelstudien Euch zum Segen geworden sind und unser HERR Jesus Christus Euch damit in Seiner Liebe neu begegnet ist und berührt hat, so wie auch wir von Ihm berührt worden sind.

Gleichzeitig bitten wir Euch aber auch, selbst in der Schrift nachzuforschen, ob es sich so verhält (Apg 17. 11). Gottes Wort ist so voll unerschöpflichen Reichtums, daß wir ganz bestimmt nicht auf Vollständigkeit und Fehlerlosigkeit dieses Bibelstudiums bestehen. Denn allein in Christus sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen (Kol 2. 3).

Wir wünschen uns, daß sich dieser Reichtum in Eurem Leben entfaltet und Ihr so nicht nur zu Schatzsuchern, sondern zu Schatzhebern werdet.

Wenn Ihr aus diesen Bibelstudien etwas empfangen habt und sie an Geschwister weitergeben wollt, die ebenfalls „Hunger” danach haben, so bitten wir Euch, das sehr verantwortungsbewußt und mit göttlicher Liebe und Weisheit zu tun. Benutzt diese Bibelstudien nicht, um einen „Krieg” zu entfachen, Geschwister zu verwirren und zu trennen. Bitte bedenkt, daß unser HERR voller Gnade und Sanftmut mit Jedem von uns Seinen eigenen Weg geht und ER aussucht, wann wir welcher „Nahrung” bedürfen. Wir möchten auf Johannes 10. 8 hinweisen: Jesus sagte: „Alle, die Mir zuvorkommen wollten, sind Diebe und Wegelagerer; die Schafe jedoch hörten nicht auf sie.” Werden wir zu solchen, dann haben wir die Liebe verlassen, die wir unseren Brüdern und Schwestern schuldig sind. Hört also bitte auf das Reden unseres HERRN Jesus Christus und gebt diese Bibelstudien weiter, wenn ER Selbst dafür eine Tür aufgetan hat.

Bitte beachtet dabei die folgenden drei Dinge:

1. Gebt diese Studien kostenlos weiter, auf welchem Wege auch immer Ihr wollt, aber nehmt nichts als Gegenleistung dafür (Mt 10. 8 - 9).

2. Bitte gebt diese Studien unverändert und vor allem vollständig weiter. Einzelne Bruchteile könnten durchaus, da sie aus dem Zusammenhang herausgenommen worden sind, mißverstanden werden. Solche Mißverständnisse können Schaden anrichten.

3. Diese Studien dürfen nicht in irgendwelchem Zusammenhang mit kommerzieller oder sonstiger Werbung veröffentlicht werden.

Die vorliegende Schrift ist am 09. 07. 2011 zuletzt bearbeitet worden.


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